GietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1951 Montag, den l6. Februar Nummer 1< Gigerlette. Von Otto Julius B i e r b « u m. Fräulein Gigerlette Lud mich ein zum Tee. Ihre Toilette War gestimmt auf Schnee; Ganz wie Pierrette War sie angetan. Selbst ein Mönch, ich wette, Sähe Gigerlette Wohlgefällig an. War ein rotes Zimmer, Drin sie mich empfing, Gelber Kerzenschimmer In dem Raume hing. Und sie war wie immer Leben und Esprit. Nie vergeß ich's, nimmer: Weinrot war das Zimmer, Blütenweiß war sie. Und im Trab mit vieren Fuhren wir zu zweit In das Land spazieren. Das heißt Heiterkeit. Daß wir nicht verlieren Zügel, Ziel und Lauf, Saß bei dem Kutschieren Mit den heißen vieren Amor hinten auf. Die blaue Gräfin. Eine Karnevalsgeschichte aus dem alten Berlin. Von Ossip D y m o w. (Nachdruck verboten.) Die Geschichte, die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Berlin passierte, ist, wie unzählige andere, heute ganz vergessen. Längst versank in das Reich der Schatten die kleine Baronin Pgnes v. K-, ihr finsterer, eifersüchtiger Gatte, ihre beiden glänzenden Kavaliere, die miteinander um ihre Gunst wetteiferten, und auch ihre Rivalin, die man die blaue Gräfin nannte. Seinerzeit aber wurde in der hüchsten Gesellschaft viel darüber getuschelt und gelacht. Denn die fünf Mitwirkendcn waren allzu bekannte Persönlichkeiten in den hohen und höchsten Kreisen. Baron v. K., Sproß eines alten und einflußreichen Geschlechts, hatte sich im Sommer als lediger und vollkommen unabhängiger Mann nach Ostende begeben und kehrte als Gatte einer reizenden Blondine, halb Schwedin, halb Deutschs, zurück. Bon den ersten Schritten an, die sie auf ihrem ehelichen Wege machte, spannte sie ihren Gatten fest ins Geschirr ihres Willens ein, und der düstere, selten lächelnde Riese ließ sich widerspruchslos von der anmutigen Lenkerin leiten. Die fröhliche, leichtsinnige, lebenslustige Agnes wußte nicht, was sie mit dem Ueberschuß ihrer Energie beginnen sollte. In jenen Zeiten gab es weder Autos noch Sport, noch die vielseitigen öffentlichen Spiele der heutigen Jugend. Den Frauen war nichts anderes erlaubt als Reiten uni) Tanzen. Diesen beiden Beschäftigungen gab sich die kleine Baronin mit aller Begeisterung und Leidenschaftlichkeit ihrer Natur hin. Da ihr Mann ein wenig hinkte, war sie gezwungen, sich nach anderen Partnern umzusehen. Diese fanden sich auch bald und wurden zu verschiedenen Diensten verwendet: Graf A. zum Tanzen, Baron S.-B. zum Reiten. Der kleine Graf A., der entzückend den damals so beliebten Walzer tanzte, ritt natürlich auch keinesfalls schlechter, als Baron S.-B. Andererseits konnte der kräftige, athletisch gebaute Baron einen ebenso vorzüglichen Tanzpartner abgeben. Aber die Baronin sand, daß jedem das seinige zukomme, und daß auch in diesen Dingen Ordnung sein müsse, lind so lange sie es in dieser Weise hielt, wagte sich keine böse Zunge an ihren guten Rus heran. Auch die beiden Nebenbuhler begriffen, daß bei dieser Lage der Dinge die Chancen für den einzelnen geringer seien, und jeder von chnen bemühte sich, den anderen aus dem Sattel zu heben, um dessen , Stelle selbst einzunehmen. Ihr Kampf trug jedoch einen durchaus freund- chaftlichen Charakter, denn der Baron S.-B. hatte unter seiner Obhut eine junge, entzückende, früh verwaiste Kousine, die er allzu gern dem Grafen A. vermählt hätte. Die Sache war bereits im besten Gange, als die unerwartete Leidenschaft des Grafen zur Baronin Agnes diese aussichtsreiche Heirat in Frage stellte. Der Karneval kam heran. Er wurde damals mit viel größerer Hingebung, noch lustiger und ausgelassener gefeiert, als heute. Die Auswahl der Maske, des Kostüms, all das war eine große Wichtigkeit. Die kleine Baronin hielt das Kostüm, in dem sie das große Maskenfest besuchen wollte, vor allen geheim. Keiner von ihren Verehrern, nicht einmal der eigene Mann, wußte, wie sie sich kleiden würde. Natürlich fiel es ihr am schwersten, dies vor ihrem Gatten zu verbergen, und es kann sein, daß sie selbst es war, oder auch ihre Zofe, die sich verplappert hatte, sie würde in V l a u erscheinen ... Ihrer Bitte gemäß fuhr Baron von K. an diesem Abend voraus und Agnes folgte ihm eine Viertelstunde später. Die reizende Türkin in blau zog sofort die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Sie ging gleichgültig an ihrem Mann vorbei, der sie von oben bis unten ansah und, sich an die ihm verratene Farbe erinnernd, sofort annahm, daß er seine Gattin vor sich habe. Im übrigen hatte er dasselbe bereits von einer Ungarin, von einem schlanken Husaren und vielen anderen geglaubt. Die Türkin verschwand sehr bald aus seinem Gesichtskreis. Ab und zu schien sie in der Ferne aufzutauchen, wurde aber immer wieder von der wogenden Menge verdeckt. Plötzlich sah er, wie sie mit dem kleinen Grafen tanzte. „Natürlich ist fie's!" dachte er verstimmt und wollte auf sie zugehen, als wieder tanzende Paare sich vor ihn schoben und sie in dem lustigbunten Tanzwirbel untertauchte. Eisersucht zehrte an seinem Herzen. Wo war nur seine Frau geblieben? Und wo war Gras A.? Sie steckten anscheinend irgendwo zusammen. Da geht der hohe, breitschultrige S.-B. vorbei. Auch in seinen Augen glaubt der Baron jenen Ausdruck neidvoller Eifersucht zu bemerken, die ihn selbst so quält. Von diesem Augenblick wird ihm noch trauriger zu Mute. Beklommen stieg er in die Galerie hinauf. Hier pflegten sich leichtsinnige, Einsamkeit suchende Pärchen in schattigen Ecken zu verbergen. Aber es kam selten vor, daß eine Dame der hohen Gesellschaft sich dahin verirrte. Im Halbdunkel, hinter einer Säule erblickte der Baron von weitem die anmutige blaue Türkin. Sie hatte ihre Maske halb hinaufgeschoben und ihr Mund preßte sich in einem langen Kuß auf die vollen Lippen des kleinen Grafen. Eine Sekunde später bemerkte die Türkin, daß sie beobachtet wurde, ließ die Maske hinab und schlüpfte wie eine Eidechse die Treppe hinunter. Hinter ihr verschwand auch der Graf. Abermals begann der Gatte zu suchen. Sein vor Eifersucht verzerrtes Gesicht war so ausfallend, daß die lustigen Frauenmasken erschreckt vor ihm zurückwichen und die Männer ihm betroffen Platz machten. Seine Bekannten aber guckten sich an und sagten: „Da muß etwas geschehen sein ..." Er schritt, wie ein Schlafwandler durch die Menge, den drohenden, dunklen Blick starr vor sich gerichtet. Zuweilen schien es ihm, als träumte er einen schweren Traum und seine Gedanken verwirrten sich ... Er sah furchterregend aus und man tuschelte bereits um ihn herum. Plötzlich hielt ihn jemand freundschaftlich an, und eine Stimme, die ihn zusammeirzuckenließ, sagte: „Guten Abend, lieber Baron? So allein?" Bor ihm stand der kleine Graf, die blaue Türkin am Arm, deren Augen ihn hinter der schwarzen Maske anzulächeln schienen. Der Baron wußte nicht, was er sagen sollte. Jetzt in unmittelbarer Nähe, war er gar nicht mehr so sicher, daß die Türkin seine Frau sei. Er grüßte steif und sie gab ihm ihre Hand. Gierig griff er nach ihr. Nein, diese Hand gehörte ihr nicht ... Aber das blaue ... das blaue Kostüm — und der Kuh ...? „Wo ist meine Frau?" fragte er den Grafen. „Ich habe sie soeben erst gesehen ... wenn ich mich nicht irre .. sagte dieser _imö flüsterte ihm vertraulich ins Ohr: „Sagen Sie mir die Wahrheit, sie ist doch in Rot? Eine Zigeunerin?" „In Rot?" murmelte der Baron. „Ich weiß nicht ... ich dachte ..." „Sie sind ein ganz Schlauer!" rief lachend der Graf. „Ich habe sie aber doch erkannt! Da ist sie ja! Ich wette ..." Baron S.-B., dieser erstklassige Reiter, schwebte mit einer roten Zigeunerin in kunstgerechtem Walzer an ihnen vorbei, und man muß gestehen, daß er seine Sache ausgezeichnet machte. Jedenfalls schien seine Partnerin mit ihm zufrieden zu sein. Sie lachte vergnügt und als sie dicht an dem Baron von K. vorbeiflog, zupfte sie ihn am 2(ermel und rief: „Ich amüsiere mich glänzend! Und du?" Beim Klang dieser Stimme taute das Herz des Barons mit einem Schlage auf, er lächelte und schrie erfreut: „Ich auch!" Noch lange stand er da, schüttelte den Kopf und begriff nicht, wie er sich so hatte irren können. Lochend erzählte er später, bei einer guten Flasche Wein, den alten Freunden und machte sich über sich selber lustig. Und damit hatte diese kleine Begebenheit ihr Ende gefunden, und niemand würde der anscheinend so harmlosen Verwechslung eine Be- beutung beigemessen haben, wenn die junge Gräfin nicht so gern die kargen BJ-W.BKftyjS LLL ftSS !L ÄS dein mißmutiger Tag. Fasching: Und jede des Kindcr- im Garten Fenster Bäume Fasching in München. Von Violet Starter. _____ jeder Weltabgewandte verkriecht sich in seinen vier Wänden mit watteverstopften Ohren. . n .. Fnschiim: Und alles, was jung ist, warmblütig, sehnsüchtig und von vager Hoffnung, springt in den Tanz! Kramt ein paar bunte Fetzen aus verstaubten Kossern, drapiert sich .legt Rot aüf die Lippen, und hat Phantasie genug, sich reich wie Semiramis und schon wie eine Filmdiva zu \lnb die kleinen Studenten und Akademieschüler winden sich em Stückchen weiße Seide um den Kopf: Und schon wahnen sie sich irjerr über alle begehrenswerten Frauen aller Feste! O du vielgestaltiger Münchner Fasching, der jedem das Seine gibt ftier in den vornehmen Tanzlokalen: Tadelloser Smoking und Lack, um betörend kostspielige Schönheit bemüht. (Und um die Perlen auch, die sie angenehm unterstreichen!) Spiegelndes Parkett und Sekt und te'* Ri'esensäle der Bräus, dampfender Schweiß, knatternde Blechmusik, Bierlachen auf rohem Bretterboden. Weißwurst als schmackhafte Verbindung zweier Lippenpaare, emes männlichen und eines Kumpaney. Von Richard D e h m e l. Ein Herr Laus, ein Floh und eine Wanze Setzten sich an meinen Tisch. Sprach der Floh: Brüderchen, tanze! Hoppla! frisch! Sprach ich bald: Ich kann nicht tanzen So wie Sie, Herr Floh! Sprach das Fräulein von den Wanzen: Klettern Sie mal Stroh! Sprach ich gleich: Wer kann strohklettern So wie Sie! Sprach der Lauserich: Entblättern Sie mal Schinn, hihi! Sprach ich: Ihre Kunst! Wer könnte Die wohl ebenso! „nh immer sie ihre stirnrunzelnd auf eine abenteuerliche Maschinerie m lEn Handen und pfiff dazu ein Lied eigener Komposition. - Die uner.ragUche Neug.er Carolinas brach sich Bahn: „Hallo, du Bub, was machst du da. Das Pfeifen riß ab und die blauen Augen des Angerufenen suchten in der' Luft,' bis sie an einem Fenster im ersten Stock des Rachbcu> Hauses die Störung gefunden hatten. „Emen Aeroplan natürlich, das -------- — „ fiebt ieber Mensch", wär die wenig weltmännische Antwort. Golddiadem um die Stirn. — I Im Zweifel, ob sie sich verletzt zurückziehen oder weiter fragen sollte, "Ä'üiÄe'-x «uw? 7* " *7'7 - Stille, die bebt! -, Geräusch von Küssen, und von ^gendwo Miml die Uever eugung mcrng » weniger heikles Thema übergehend: harmonikagetön! Aus einer Nebenstraße, leis oerklmgend, gesungener Fuß du?" .. Schwur: „Allways — Allways ... hämmert I " ^Karl" — Mit C?" — „Meinetwegen." — „Mit C ist es nämlich Ein Luckipfiff — Autohupen — die erste Tram. Und Jdjon dämmert | ^b/^hmer." —"„Quatsch. Sag einmal, wieviel verdienst du als Gräfin? Ä'Sog jÄn^Morgen Milch aus. Zehn Mark bekomme ich dafür im Monat." Das Prahlen mit einer gigantischen Summe brachte Carolinas cholerisches Temperament zum Ueberschaumen, so daß sie der Marschallin sorgsam gehütetes, aber allgemein bekanntes Geheimnis zum offenen Fenster hinausschrie: „Und wir, du dummer Bub, vernmt sechs Stuben, alle auf die Gaffe raus, und verdienen Hunderttaufe Mit?en'^im"Satz^brach zum Leidwesen der erheiteren Nachbarschaft । die interessante Unterhaltung ab, denn Tante Therese schloß etwas plotz i ijch das Fenster und enzog damit die weitere Amtshandlung der Oesfent Und^nun wird wieder alle Arbeit halb getan! ™ , Unö die Hörsäle sind verwaist. Die Angeftellten haben jeben SRontag, mipr? nndt mitten in der Woche Grippe. (Eine rätselhafte, erntagige Kreppapierstreifen bunt von verschmutzten Kronleuchtern selbst wenn du die Zähigkeit und Verneinung eines Asketen in dir 'hattest: aus die Dauer wirst du dieser betörenden, bunten Welle nicht widerstehen können! Von überallher (djreien rotrrfarbige Slatate hundert Feste aus. Fallen gute Vorsätze wie Straßenränder an! Fallen Sie! Hämmern ein kubistisches Motto immer wieder, .mmer wieder ms widerstrebende Gehirn! Kein Entkommen: Fafchmg! Die sonst u°rmMdi^Scha^fenster^ehm a^o^ET^°^^Ejnem | Wenn sich die kleine Komtesse Carolina aus dem sÄSLSSLMMl WMWWSS-SSSWNS in' £n u->-, »'»^7—" Ä hin und her, Verkehrskatastrophen veranlassend, wo i weißbestrumpfteii Beine schwingen? Ob es ist eine ehrliche, sanktionierte Lebensfreude! Unter schäbigen Ueberziehern hervor blitzen bei anbrechender Nacht alle Kleinodien Indiens (Viel Indien, fast zuviel Indien!) Etwas Unscheinbares geht an dir vorüber und trägt doch, wenn du dich umschanst, Sllberschuhe und em — Die Teufelin. Ein Maskenscherz von Liesbet Dill. Auf einer Maskenredoute im Orpheum hatte er sie kennengelernt. Er war nur aus Zufall zu diesem Ball gekommen; zwei Freunde hatten ihn mitgenommen. Sie waren ihm einfach auf die Bude gerückt, wo er zwischen Papieren vergraben sah, denn er war „mitten im Assessor ; sie hatten Larven und Dominos mitgebracht, und unten wartete das Auto... Sie hatten ihm einfach die Arbeitsjacke über den Kopf gezogen; einer holte seinen Frack aus dem Schranke, einer stülpte ihm einen Fez auf den Kopf und einer befestigte ihm an seine Brust den strahlenden Orden eines Großmoguls aus Papier — und dann ging es los. Durch Schneegestöber in einen großen erleuchteten Saal, in dem ein buntes Maskengewühl wogte. Musik, Gesang, phantastisch geschmückte Lauben, in denen Paare beim Sekt saßen. Konfetti, Papierschlangen durchzingelten die Luft und während sich der Kreis der Tanzenden um ihn drehte, stand er in der Mitte des Saales, traurig, daß er jo gar nicht in diese Fröhlich- feit einstimmen konnte und nicht begriff, weshalb diese Menschen alle so furchtbar lustig waren. Da fuhr eine feuerrote Schlange plötzlich durch die Lust auf ihn zu, umringelte fein Haupt, und sah eine niedliche, kleine Teufelin in feuerroter Seide stehen, die ihn durch die geschlitzten Augen ihrer rotseidenen Maske verführerisch anlächelte. „Weshalb so traurig, mein Lieber?" sagte sie und hing sich an seinen Arm. „Komm aus dem Gedränge! Wir wollen uns in eine Laube setzen; da ist es netter. Uno sie zog ihn mit sich fort. Ja der Laube bestellte er Sekt, und damit kam er endlich in Stimmung. Die kleine Dame war allerliebst. Sie tanzte wie eine Fee und sprühte vor Geist. Sie war nur nicht zu bewegen, sich zu demaskieren; auch nicht einmal nach Mitternacht, als alle Larven fielen, so sehr er sie auch darum bat. Die Stunden schwanden hin wie ein Traum. Sie soupierten zusammen; er tanzte den ganzen Abend nur mit ihr. Sie hatte feine Hände, kleine Füße und graziöse Bewegungen — nicht einmal ein Leberfleck hätte ihn abschrecken können. Er war wahrhaftig ent- schlossen, sie vom Fleck weg zu heiraten, auch ohne ihr Gesicht gesehen zu haben. Was sie miteinander gesprochen hatten, wußte er am anderen morgen nicht mehr, als er mit schmerzendem Kopfe erwachte. Er wußte nur daß sie ihm versprochen hatte, zu schreiben, allerdings nur post- lagernd; denn sie hatte sehr strenge Eltern, denen man nicht mit einem Referendar, der schon einmal durch den Assessor gesaust war, kommen konnte. Er schrieb ihr und bat sie, ihm einen Ort zu bestimmen, wo es auch (ei, wo er sie sehen könne, „aber ohne Maske, bitte . Ihre Antwort sie könne leider an dem Sonntag nicht ausgehen — die Eltern erlaubten es nicht, weil sie so spät vom Ball gekommen fei, gefiel ihm. Er liebte guterzogene Frauen. Die anderen kannte er nämlich, und sie hatten ihm nichts mehr zu sagen. Er hatte sich, zwar einmal für sie be- geistert und aus diesem Grunde war er auch durch den Assessor gefallen; aber das zweite Mal sollte ihm das nicht mehr passieren. Er schrieb ihr nun täglich, erzählte ihr aus seinem Leben, und sie ging in einer fehr verständnisvollen Weise darauf ein. Endlich eine Frau, die einen ver- stand! Ihr Briefstil, ihre Handschrift, ihr Geist erfüllte ihn nut Be- wunderunq und feuerte ihn an, ebenfalls feinen Geist anzustrengen: er wurde witzig, er suchte Beispiele aus der Geschichte hervor, um vor ihr zu prunken. Aber sie erwiderte ihm daraus mit ebensolchen Bei- pieken an denen sogar die Daten stimmten. War die beschlagen! Er führte sie aufs Glatteis, sprach auch von juristifch-knisslichen Fallen, die er zu entwirren hatte — und siehe da: auch in diesem Fache war sie beschlagen. Endlich einmal keine oberflächlich gebildete Frau, sondern eine Frau mit Verstand. _ • . n„, . Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Er ersann sich eine List und schrieb der kleinen Teufelin einen sentimentalen Bries: er liege schwer- krank danieder, Ueberanftrengung, zuviel Nachtarbeit, der Arzt, ein letzter Schritt, Kühnheit, Vergebung ... und darunter setzte er, weil Poetstches immer auf Frauen wirkt, selbst bei solchen mit Verstand: „Willst im mich noch einmal sehen, komm, o komme bald!" Dann räumte er seine Stube auf, hieß feine Wirtin Kaffee kochen und Kuchen holen, besorgte feine Zigaretten und Konfekt, stellte Likör und Gläser auf — und dann wartete er in fieberhafter Ungeduld, die Uhr im Auge behaltend, am Fenster. Gegen sünf Uhr klingelte cs. Er hatte seine ob dieser Vorbereitungen neugierige Wirtin unter einem Vorwand 3ur Stadt geschickt und öffnete die Tür selbst. Vor ihm stand em kleiner Herr in hellem Ueberzieher mit einem steifen Hut. „Sie wünschen?" _ „ , , „ „Sie wünschen mich zu sprechen", sagte der Zwerg. „Erlauben Sie — er lüftete die Melone —, „mein Raine ist Müller.' „Ja, und ...?" fragte der Referendar kurz. Der Kleine sah ihn treuherzig mit zwei Schlitzaugen an. „Wir korrespondieren doch zusammen, nicht wahr? Wir kennen uns von der Re. doute im Orpheum her. Ja, ich bin die kleine Teufelin, wissen «ie, von damals. Ich gehe nämlich immer als Dame auf Maskenbälle. Als Herr, wissen Sie, hat man, wenn man so klein ist, doch wenig Erfolg; aber als Dame amüsiere ich mich immer köstlich, und beim Karneval, amüsiert mich das auch. Aber nun haben wir Aschermittwoch, mein Herr, da legt man die Maskenkostüme wieder in den Kasten. Und deshalb bin ich zu Ihnen gekommen; denn schristlich, sehen Sie ... ich hab nämlich gefühlt, daß Sie es ernster nehmen, als man die Fastnacht nehmen mutz, und deshalb —" , Der Referendar ritz die Tür auf, fo weit er konnte. Er fand keine Worte. Der Kleine fetzte seine Melone schief auf den Kopf. „Sehen Sie, wie ernst Sie das nehmen. Sie sind kein Karnevalist, mein Herr. Einmal im Jahre Narr sein! Wer dazu kein Talent hat, soll lieber die Finger davon lassen. Sie sehen aus, als ob Sie mich Ordern wollten; aber ich sch'age mich nicht, denn ich war in meinem Recht. Wir beide haben einen sehr netten Abend erlebt; ich hab' Ihnen soviel schone Briese geschrieben — bas können Sie doch nicht leugnen. Und jetzt mollte ich mich Ihnen vorftellen, ohne Maske, wie Sie das gewünscht haben. 'Aber spondenz mit den unteren Schichten der Bevölkerung zugetraut hätte. — Besagte Korrespondenz soll (zum abschreckenden Beispiel) hier unter Weglassung gewißer orthographischer EigentümlichkcUen auszugsweise wieder- GfQeben tüerbeiu Lieber Earl! Die Tante Theres ist manchmal eklig. Ich kann die un- reaelmäßigen Verben nicht leiden. Samstag über acht Tage ist bei den Bandergolds ein großer Kinderball. Ich geh als Schmetterling. Schad, daß du nicht mittannft. Wegen deinem komischen Fuß. Mit ergebenen Empfehlungen an die Frau Gemahlin H Ihre Carolina Grosin Hohenwald. Liebe Carolina! Du spinnst. Ich habe doch keine Gemahlin. Wegen meinem gebrochenen Fuß könnt ich schon gehen, der ist doch in Gips und ich geh auch so mit einem Stock. Aber ich Mach mir "ir aus fo einer Tanzerei. Du wirst gut ausschaun als Schmetterling. Mein Aeroplan ist schon fertig, wenn du etwas davon verstehen möchtest, tat ich ihn dir zeigen. Hochachtungsvoll Carl Lehmann. Lieber Carl! Alle vornehmen Leute schreiben zum Schluß eine Empfehlung an die Frau Gemahlin. Das Auto von die Bandergolds wird mich abholen. Es ist sehr lang und ganz blau. Ich hab vorn und hinten lauter Flitter, es ist von der Tante Theres ihrem Ballkleid, wo sie beim Kaiser auf Besuch war. Au fein, ich hab eine Idee. Ich nehm dich mit. Du gehst als Kinderspital, mit deiner gestreiften Uniform und dem komischen Fuß. Wenn bloß die Tante Theres nicht mittönnt. Aber. wir müssen uns was ausdenken. Mit Gruß - Ihre Carolina Gräfin Hohenwald. Als die verwitwete Marschallin am Abend vor dem Ball noch einen Blick ins Kinderzimmer warf, sah sie ihre Nichte auf dem Betschemel inbrünstig in Andacht versunken. Leise und gerührt schloß sie die Tur, mit dem tröstlichen Gedanken, daß ihre strenge Erziehung doch noch Fruchte tragen werde. Hätte sie allerdings das geflüsterte Gebet Carolinas gehört, wäre sie weniger zuversichtlich gewesen. Das schreckliche Kind sagte ein ums andre Mal vor sich hin: „Ach lieber Gott, wenn nur die Tante Theres morgen ihre Migrän kriegen tat!" Der liebe Gott sah über den Wolken und horte auf die Millionen Kindergebete, die um dieselbe Zeit alltäglich zu ihm aussteigen. Plötzlich stutzte er. Da war eines darunter, daß sich wesentlich von den übrigen unterschied. Und weil er eben der liebe Gott ist, der oft tut, was selbst fromme Tanten nicht begreifen können, lächelte er. — Zuerst tarnen ein paar kleine Kreise mit einem dunklen Fleck in der Mitte. Sie mehrten sich und wurden zu hüpfenden Wellenlinien. In der linken Kopfhälfte gab es einen einzelnen scharfen Stich und endlich begann es laut und gleichmäßig im Kopf zu klopfen. Marie Therese Gräfin Hohenwald erwachte und hatte ihre gefürchtete Migräne. Auch zu Mittag wurde es nicht besser und um fünf Uhr, als Carolina als flitterglitzernder Schmetterling von einem Vein aufs andere hüpfte, erreichte der Anfall feinen Höhepunkt. Was blieb also anderes ubria als das Kind der Obhut der neuen Vandergoldfchen Gouvernante anzuvertrauen, der es auch nicht weiter auffiel, datz nutzer dem Schmetterling noch ein blauroeifsgeftreifter Knabe zu ihr ins Auto stieg. Sie hielt ihu für einen Verwandten der kleinen Komteffe und das Kostüm mit dem umwickelten Bein für sehr originell. Der gleichen Meinung war auch die Jury, die aus den prominentesten Vertretern der Kunstwelt und Gesellschaft bestand und auf einem Podium die Polonäse der Feen, Blumen, Elfen, Schmetterlinge, Ritter, Zwerge, Indianer und Könige an sich vorüberziehen ließ, um bann den ersten Preis für das originellste Kostüm dem Knaben in gestreiftem Dreß und Gipsverband zuzuerkennen, dessen Rocksaum die mit Wäschetinte gezeichnete Marke des Kinder-Hospitals trug. — Es sah sehr echt aus. — Zum besseren Verständnis des zuerkannten Preises möchte ich die im Morgenblatt in der Rubrik „Aus der Gesellschaft" erschienene Notiz hier wieder- geben. Sie lautete: „Der heute im Palais des Bankiers Vandergold stattfindende Maskenball ist geeignet, dem regen Interesse feiner jugendlichen Besucher zu begegnen. Eine Jury, bestehend aus ... wird über den von Mr. S.meon Vandergold dem Bruder des Hausherrn und bekannten Philanthropen, gestifteten ersten Preis von 10 000 Dollar in barem für das originellste Kostüm zu entscheiden haben. Wenn auch für die aus den Kreisen des Hochadels und der Hochfinanz stammenden Gäste der hohe Geldbetrag nicht den Hauptreiz bietet, ist man doch allseits sehr gespannt, wer als Sieger aus dieser aparten Konkurrenz hervorgehen wird." An diesem Abend vollzogen sich vier räumlich voneinander getrennte Ereignisse die aber doch untereinander in engem Zusammenhang standen: Frau Bankier Vandergold erlitt einen Ohnmachtsanfall, als sie erfuhr, wer in ihren Räumen geweilt und wem man den ersten Preis zugestanden hatte ... Im Wohn-, Schlaf- und Empfangszimmer der Steuereinnehmerswitwe Barbara Lehmann faß ein blauweißgeftreifter Held auf dem Tisch und baute vor der Mutter Luftschlösser, in denen überlebensgroße Sleroplane eine tragende Rolle spielten ... Die Oberin des Kinderhospitals stand händeringend vor dem Polizeikommissar und meldete den jugendlichen Patienten Carl Lehmann als abgängig .. .'In dem zu den Appartements der verwitweten Marschallin Marie Therese Gräfin Hohenwald gehörigen Kinderzimmer wurde die lange angedrohte Straf- expedition in das Institut der englischen Fräuleins gerüstet, wobei es im Laufe der kommenden Jahre niemals endgültig entschieden wurde, wer mehr bestraft schien: Carolina oder die Fräuleins ... Frau Bankier Vandergold erholte sich, die Steuereinnehmerswitwe Barbara Lehmann gewöhnte sich an das Glück, den einzigen Sohn studieren lassen zu können, die Oberin des Kinderhospitocks halte den vermißten Patienten längst vergessen und die verwitwete Marschallin Marie Therese Gräfin Hohenwald führte wieder ihr stolzes, zurückgezogenes Altfrauenleben. , . . , . _. . . Und Carolina? — Von ihr hören wir «ft wieder nach einem Dutzend Jahren, als ihretwegen zweiunddreißig stumme Bewohner der Hohen- waldfchen Ahnengruft in rotierende Bewegung gerieten. Es war an jenem Tage, als dem die Komteffe Carolina einem simplen Ingenieur Carl Lehmann die Hand für ein langes und glückliches Leben reichte. -da ich so keinen Gefallen vor Ihren Augen 31t finden scheine, empfehle .ich mich Ihnen. " ,. .. s „ Und damit war der Klsine schnell zur Tur hinaus, bie der Referendar sprachlos und wütend hinter ihm zudonnerte. Schelm von Bergen. Von Heinrich Heine. Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein Wird Mummenschanz gehalten: Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik, Da tanzen die bunten Gestalten. Da tanzt die schöne Herzogin, Sie lacht laut auf beständig; Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant, Gar höfisch und behendig. Er trägt eine Maske von schwarzem Samt, Daraus gar freudig blicket Ein Auge, wie ein blanker Dolch, Halb aus der Scheide gezücket. Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar, Wenn jene vorüberwalzen. Der Drickes und die Marizzebill Grüßen mit Schnarren und Schnalzen. Und die Trompeten schmettern drein. Der närrische Brummbaß brummet, Bis endlich der Tand ein Ende nimmt Und die Musik verstummet. „Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, Ich muß nach Hause gehen —" Die Herzogin lacht: „Ich laß dich nicht fort. Bevor ich dein Antlitz gesehen." „Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, Mein Antlitz bringt Schrecken und Grauen —" Die Herzogin lacht: „Ich fürchte mich nicht. Ich will dein Antlitz schauen." „Durchlauchtigste Frau .gebt Urlaub mir. Der Nacht und dem Tode gehör' ich —" Die Herzogin lacht: „Ich lasse dich nicht, Dein Antlitz zu schauen begehr' ich." Wohl sträubt sich der Mann mit sinsterm Wort, Das Weib nicht zähmen kunnt' er; Sie riß zuletzt ihm mit Gewalt Die Maske vom Antlitz herunter. „Das ist der Scharfrichter von Bergen!" So schreit Entsetzt die Menge im Saale Und weichst scheusam — die Herzogin Stürzt fort zu ihrem Gemahls. Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach Der Gattin auf der Stelle. Er zog sein blankes Schwert und sprach: „Knie vor mir nieder, Geselle! Mit diesem Schwertschlag mach' ich dich Jetzt ehrlich und ritterzllnftig, Und weil du ein Schelm, so nenne dich Herr Schelm von Bergen künftig." So ward der Henker ein Edelmann Und Ahnherr der Schelme von Bergen. Ein stolzes Geschlecht! Es blühte am Rhein. Jetzt schläft es in steinernen Särgen. Narrenspiegel. Von Kajetan R 0 0 t h. Es gab Zeiten, in denen zum eisernen Bestand der Höfe ein Narr gehörte. Diese unentbehrlichen Hofrequisiten standen in fester Besoldung, hießen „gebrüdelte" Narren, trugen eigene Kleidung und hatten das verbriefte Recht, immer und jedem gegenüber, selbst wenn es der eigene Fürst war, so reden zu dürfen, wie ihnen gerade der Schnabel stand. „Der Narr hat es gesagt", war Generalpardon. Das Narrenrecht wurde so allgemein geachtet, daß beispielsweise der weltkluge Prediger Schupp in seinen „lehrreichen Schriften" den Wunsch äußerte: „Ich begehre nicht die Beredsamkeit eines Cicero, Demosthenes usw., sondern allein das Narrenrecht. Wäre mir dies vergönnt, dann wollte ich aussprechen, was manches Fürsten Geheime Räthe nicht auszusprechen wagen, was der Hofprediger sich nicht zu sagen getraut, was der Untertan aber sehr wohl fühlt und nicht begreifen kann ..." Den württembergischen Kanzler Lamprechler, der später Rat des Kaisers Karl V., läßt Zinkgraf in „deutscher Nation klug ausgesprochene Weisheit" den tiefsinnigen Satz sagen: „Jeder Fürst muß zwei Narren haben, einen, den er vexiert, den anderen, der ihn vexiert." Bekannt ist vielleicht, was Kunz von der Rosen, der Hofnarr des Kaisers Maximilian, der den Degen so schnediz führte wie seine Zunge, für seinen Brotherrn ost unter Einsatz des eigenen Lebens unternahm, besonders, als der Kaiser in die Gefangenschaft der Stadt Brügge geraten war. Auch Franz I. von Frankreich verdankt seinem Narren Tribolet eine Menge guter Ratschläge. Theoenin, der Hofnarr Karls V. von Frankreich, wurde auf Staatskosten beigefetzt und erhielt ein Grabmal in der St. Moritzkirche zu Senlis. Nach feinem Tode schrieb der König an die Behörde von Troyes, die allein das Recht hatte die Narren zu liefern, ihm einen möglichst vollwertigen Ersatz für den Verstorbenen zu schicken, der ihm unentbehrlich geworden fei. Der Hofnarr Toubert hatte den offiziellen Titel: „Prinz des Sols“, d. h. Narrenprinz, erhalten, der ihm gelegentlich eines Prozesses vom Parlament mit allen damit verknüpften Vorrechten in aller Form bestätigt wurde. , ,, ,, , In Frankreich starben die Narren mit dem mutterwitzigen Hofnarren Angely unter Ludwig XIV. aus. In Deutschland hielten sie sich, besonders am Dresdener und Berliner Hofe, bis gegen die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Zwar trugen diese nicht mehr die Amtstracht ihrer Vorgänger, aber sie mußten doch ab und zu barm auftreten Am längsten gab es solche Witzkisten in Spanien, wo Dalrymple nach einer „Reise burch Spanien und Portugal" noch im Jahre 177v einen Hofnarren in Amt und Würden sah, der im Dienste des Herzogs von Alba geiftreichelte, mit eigens für ihn erfundenen Orden geschmückt. Sein Herr verlangte von ihm fo viel Witz, daß er mehr nachdenken mußte, als mancher weisheittriefende Gelehrte. Nebenbei gab es auch Hofnärrinnen. Unter Heinrich IV. von Frankreich war mit diesem Posten eine Frau Mathurine betraut, der man nachrühmte, daß sie mehr Esprit und Schlagfertigkeit besessen habe als viele ihrer männlichen Fachkellegen. Kathrin-Lise hieß eine Hofnarrm der Herzogin von Sachsen-Weißenfels. Auch am Altenburger Hofe lebte ein weiblicher Saphir. Katharina II. von Rußland hatte gar ein Doppelgespann von weiblichen Harlekinen. Aus den glattgeschorenen Köpfen saß die Narrenkappe, die an bas Kleid angenäht war, so daß man sie abwerfen konnte, ohne daß sie zu Boden fiel. Von beiden Seiten standen zwei lange, mit Schellen besetzte Eselsohren ab, während bie Kopsmitte ein blutroter Hahnen- tamm zierte. Die einzelnen Teile bes Narrenkostüms liefen in Zipfel aus bie wie bie Krause, Aermel, Gürtel Schellenbesatz hatten, der auch zum Zuknöpfen bes Wamses biente. Die Schellen konnten nicht groß genug fein. Daher das alte Sprichwort: „Je größer der Narr, ;e großer die Schelle." Auf den Aermeln trugen sie das Wappen ihrer Herren, in den Taschen das Spaßmacher- und Tafchenfpielerhandwerkszeug. — Der Stab, die „Narrenkolbe", war entweder aus dem Kolben von Sumpfrohr gemacht, ober ein geschnitzter Stock, mit einem befappten, beehrten unb beschellten Narrenkopf am Enbe. Ober es war ein kleiner Narr in Halbfigur, ohne Füße, der gewifsermahen auf dem Stab thronte. Französifch hieß ein solcher Kopf „Marotte", ein Wort, bas 'M Heu-. hqen Sprachgebrauch auch noch so viel wie Schrulle bedeutet Dieses Zeichen nannte man „Narrenzepter". Später wurde daraus die Pntfche, ein gespaltenes Stück Holz, oder aus Leder mit Wollfüllung. Bei der Tafel hatten die Hofnarren ihren Platz hinter den Herren unb erhielten für gelungene Späße einen Becher Wein oder einen saftigen Bissen über bie Schultern gereicht. Bei allen Hokfestlichkeiten tummelten sie sich unter den Gästen. Ein ergiebiges Feld für ihre Narreteien waren auch bie Turniere, bei denen man es mit Wort und Handlungen nicht so genau nahm. So hatte ein reicher Augsburger Patrizier Max Walther, der gern mit seinem Bankkonto protzte, bei einem Turnier 1480 fünfzehn Narren in die gleiche Ausstattung gesteckt. Einer war fein „Wappener" (Rüstmeister) unb faß wie ber Wappener feines Gegners hoch zu Roß. Beide spielten während des Turniers Sackpfeifen (Dudelsäcke). Zwei andere wieder ließen zwei Kinder angesehener Eltern, ebenfalls als Narren eingepuppt, auf ihren Schultern reiten und trieben Allotria mit ihnen unter der Menge Bei den Schisferstechen, später Fischerstechen genannt, den oft sehr pompösen Feuerwerken, Vogel- und Scheibenschießen durften ein paar Spaßvogel nie fehlen. Aus dieser Sorte entstanden im Lause der Zeit bie sog. , Pritschenmeister". Sie wurden von verwahrlosten Studenten, Halb- gelehrten ober Leuten gestellt, bie ihr Geld möglichst mühelos verdienen wollten, wobei es häufig ihre Hände mit Mein unb Dein nicht allzu genau nahmen. Mit diesem zweifelhaften 'Jlarrengefinbel ging aber schon die Periode der Hofnarren ihrem Ende zu unb bie Volksnarren losten sie mit ihren Eulenspiegeleien ab. Derb und plump waren die eigentlichen Hofnarren nie gewesen. Die Feinheit unb die Spitze ihrer Witze unterschieden sie von ihrer Vergröberung, ben chanswursten. Deshalb gingen sie nicht selten mit ihren Fürsten in die geheimsten Ratssitzungen, standen neben ihnen in ben Kirchenstühlen unb waren sowohl selbst- verstänbliche Reisebegleiter als auch Kampfgenossen. In einer Leichenpredigt, die ber Hofprediger Philipp Condelius dem Hofnarren des Herzogs von Stettin hielt („Predigt bei) ber Leich unb Begräbnis des weyland albern und unweifen Herrn Hans Miesko, Fürst!. Altftettinifchem Naturalis Philosoph! unb kurtzweiligem Tisch- rathes, 1678") sagt er sehr viel, was er vermutlich bei anberen Gelegenheiten nicht brauchte, und vergleicht ihn schließlich mit einem Naturphilosophen, wobei Natur in dem Sinne von natürlich gemeint ist. Der berühmte sächsische Hofnarr Claus wurde bei der Erbteilung von ben erbenben Fürsten regelrecht versteigert unb für das Höchstgebot von 80 000 Reichstalerii zugesch'agen. Es hieß allerdings von biefein spaßigen Manne: „Die Hochweisesten unb Verständigsten hätten bei ihm in die Schule geführt werden können." Die Narren waren bie besten und ausrichtigsten Freunde ihrer Brotherren. Das war wenigstens bie Regel. Sie zeigten ihnen sich selbst und andere, ohne den nicht immer vorteilhaften „Mantel ber christlichen Nächstenliebe", mit bem sehr viel Unchristliches zugebeckt zu werden pflegte. Sie beschönigten teilte schlimme unb vertuschten leine gute Sache. Sie versuchten von ihren Herren bie Regierungssorgen zu verscheuchen unb halfen ihnen, bie Bürde bes Daseins leichter zu tragen. Sie waren kurz gesagt: Philosophen mit umgekehrten Vorzeichen. Nicht Narren um der Narrheit willen, sondern verrückt, weil sich nur so die Wahrheit an den Mann bringen liefe. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch. unb Steinbruderei, R. Lange, Giefeen.