GieheimZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger J ihrgang Freitag, -en Januar Nummer 5 Durchs Dunkel... Bon Leo Sternberg. Von lampenhellen Blättern schaue ich sinnend auf. Da taucht an schwarzem First« der Vollmond groß heraus. Das Dunkel meines Herzens hat mir kein Buch erhellt. Ich schaue in des Mondes mir stumme blinde Welt. Die Lampe lischt. In Wolken der Mond. Mein Herz vergißt. Durchs Dunkel schwebt, was allem Blute gemeinsam ist. Hassan hält über sich Gericht. Erzählung von Anton Schnack. Hassan Kuperosoli, der unter dem Khediven Ismael Pascha Leiter der ägyptischen Marineschule in Kairo war, saß an seinem Schreibtisch, nichtstuend, böse, schwermütig und im Gesicht verzerrt. Es war schwül. Die Luft war sa stgelb. Er erinnerte sich an einen donnerartigen niedergehenden Regen in der Nacht. An sonst erinnerte er sich nicht. Er bewegte seine rechte Hand knetend, immer wieder, als müßte er etwas Gemeines, Widerwärtiges oder Dreckiges zerreiben. Sein Gesicht war schön durch die Steinschwärze seiner Augen. Es waren uralte Negeraugen, die vor tausend Jahren vielleicht ein speer- werfender Sudanese im Nil-Dschungel getragen hatte. Die Schwüle im Zimmer machte ihn noch bleierner als er war. Er kam nicht aus dem Schlaf. Er kam mitten aus dem Rauch und Rausch eines Klubs: 70 000 Goldpiaster hatte er im Spiel dort gelassen. Sie hatten ihm Wein über den Kopf geschüttet... Er sprang aus: ein paar Klingeln hatten durch das Haus geklirrt. Er war von Unruhe gepeinigt. Es kam ihm vor, als sei er von Spionen und Beobachtern umgeben. Mit der Begründung, daß es überall Schweinereien gäbe, hatte er unterschlagen. Es gab überall ein paar Knöpfe, die den Staat für sich auszunützen wußten — das sagte er sich oft. Er war in seinem Ressort allmäcktig und ein Goldstrom lief durch seine begehrlichen und zugreifenden Hände: Gold, um Kadetten und Soldaten auszurllsten, Gold für neue Kanonenboote, Kessel und Pulver, Gold für Docks, Geschütze, und Hafenmauern. Er ließ diesen Geldstrom zumeist in seine Taschen fließen. Seine Disziplin, sonst sehr scharf und bestimmt, war gegen sich ungenau. Er war ein Lastermensch. Es trieb ihn zum Genuß Es peitschte ihn eine dunkle, unwiderstehliche Stimme, der er bis zur Sklaverei untertan war. Er war ein Phantast. Und irgendwo, ohne Protektion, Erziehung imb Herkunft, wäre er ein Nihilist gewesen und mit eiserner Stirne und Revolvern in der Tasche gegen den Besitz angerannt. So verstreute er ihn. Er verstreute seinen eigenen Besitz, er verstreute den Besitz von Wucherern und zuletzt verstreute er auch das Geld seines Staates. „ Es war das Furchtbarste, was ein Beamter tun kann. Er hatte die feurigsten Pferde von Kairo. Manche überglänzten sogar den Marstall des Khediven. Er besaß eine Villa mit üppigen, pflaumenfarbenen und pfauenblauen Zimmern. Frauen aus allen Zonen gingen hindurch Er gab vielen Ketten aus alten Perlen. Er gab vielen Steine, die in Pans zugejchliffen waren und mit Eilschiffen kamen. Er hatte Garten am Nu, die wie Traum sich durchschreiten ließen. Er hatte die Ueppigkeit bis zu einem Punkte hinnufgetrieben, wo sie ihn mit ihrer teuslischen Last begraben mußte... ,, Hassan horchte, den Kopf etwas vorgeneigt halrend, und er horchte nicht umsonst. Eine Ordonnanz kam und befahl ihn zu einer sosortchcN Audienz beim Vizekönig. Hassan zitierte nicht. Es war ihm pldchlich alles gleichgültig Das war der Widerschlag auf die grauenhafte Spannung seit Monaten. Ich weiß, was der Vizekönig von mir will, dachte er bei dor Hinfahrt. Ich weiß, daß die 70 000 Goldpiaster dieser Teufelsnacht ihm schon in den Ohren singen. . Ja über ein Band von Spionen und Intriganten war die Meldung schon am frühesten Morgen auf den Schreibtisch des Vizekonigs gelangt. U-bera!lher kamen die Nachrichten: Achtung, Hasian Kuperosoli hat tm Klub 30 000 Goldpiaster verspielt, Obacht. Hassan Kuperosoli hat-sich eine Lurusjackt gekauftI Hallo, heute war Hassan beim Wucherer Mtl-koi. und hat sein Landhaus verpfändet, Hassan hat eine Dame mit einem Armband von 5000 Piaster empfangen! Hassan war schon lange abgeschatzt in seinen Einnahmen und seinen Ausgaben. Er war durch,paht worden bis in den letzten Winkel feiner Brieftasche. Alles bei ihm roch nach Veruntreuung. Ohne Umschweife erklärte ihm der Vizekönig: „Ihr Lebenswandel, Hassan Kuperosoli, ist sehr ausschweifend geworden. Glauben Sie aber nicht, daß ich Ihnen nachspionieren lasse. Ihre Laufbahn war bis jetzt tadellos und großartig. Noch ist nichts Bestimmtes gegen Sie gesagt. Aber Gerüchte, Briefe und Gespräche wollen Ihnen Unterschlagungen öffentlicher Gelder nachweisen. Ich warne Sie und setze Sie von den Dingen in Kenntnis. Ich schätze Ihre Eigenschaften. Sie haben immer Mut und Ausdauer bewiesen. Sie haben eine militärische Begabung, für die hohe Ziele bereit sind. Ich frage Sie nicht, ob Sie öffentliche Gelder entliehen haben, das wird vielleicht das Kriegsgericht untersuchen, das die öffentliche Meinung für Sie verlangt und das Staatswohl von mir fordert." Hassan war wie von Hämmern zerschlagen. Er trat hinaus und wußte, daß hinter ihm eine Spinne kroch. Unwiderstehlich würde sich ihm dieser Tag, diese bittere Viertelstunde in sein Gedächtnis einprägen, so lange er leben würde. „Leben!" — er erschrak vor diesem Wort. Hatte Leben noch Sinn für ihn, der bisher mitten in ihm war und den es mit allen Genüssen, Lastern, Eitelkeiten und Wohltaten überschwemmte? Hassan Kuperosoli winkte dem Soldaten ab, der am Regierungsgebäude mit dem Wagen wartete. Er hatte nach diesem harten Schlag Lust zu gehen. Im Gehen konnte er am besten überlegen und seine beklemmende Lage überschauen. Er konnte nichts verkaufen, weil alles schon verpfändet war. Er konnte nicht mehr leihen, weil die Wucherer ihm nichts mehr gaben. Er konnte nichts mehr nehmen, weil der Staat feine Goldquelle abgestoppt hatte. Er war ganz erbittert Über seine Lage. Trostlos vor sich hinstierend, ließ er sich durch das Gewühl tragen. Er trat in ein Cafe, das in der Calif-Gohar-Straße war. Da saß er, Zigaretten rauchend, über eine Stunde nachdenklich, verbohrt und abwesend. Noch immer hielt ihn der Schlag beschattet, den ihm die peinliche Unterredung mit dem Vizekönig auf sein Dasein gegeben batte. Er schloß manchmal, um sich zu verdunkeln und auszulöschen, dle Äugen. Aber es war unmöglich, das ewig strö- , wende, ununterbrochen fließende Leben spülte seinen Atem bis in seine träne Bewußtlosigkeit hinein. Der stille Nachmittagswind blieb, der, vom Meere heraufkommend, ! ihn anfächelte. Der Kaffeedust blieb, der würzig und schwer in sein Gefühl eindrang; immer wieder, morgen, in einem Jahr, und noch nach i hundert Jahren wird er Menschen in die Nase dringen; das Gelächter blieb, immer wieder von anderen Menschen gelacht, aber es blieb als - Ausdruck der Freude, der Heiterkeit und des Glückes. } Der Schritt der Vorbeigehenden schlürfte durch sein Bewußtsein, Hufschläge von Mauleseln, Bruchstücke von Sätzen, Zurufe und Geräusche > zeigten ihm das riesenhafte wilde Leben. Hassan dachte müde: morgen i bin ich vielleicht nicht mehr teilhaftig dieser Geräusche und Ersck-einunqen. Er wurde traurig und sackte kraftlos mit den Schultern ein; seine Füße rutschten dabei nach vorne. Jede Festigkeit und jede Substanz schienen mm seinen Knochen und Muskeln geflossen zu sein. Dabei stiegen in ihm Bilder auf, die in keinem Zusammenhang mit 1 seiner Katastrophe standen; Blumen kamen in sein oberstes Bewußtsein, die er acktlos in seinen Garten zertreten hatte; Vögel, Ibisse und Kraniche, ganze Geschwader, die, wenn seine Jacht in das Schilfufer des Nils einbrach, gleich Wolkenfahnen in den blauen Metallschild des Himmels aufflogen. Wie lächerlich: er dachte an einen grauen Hornfpiegel in feinem Baderaum, eine entzückende, von galanten Motiven geschmückte Vene- - zianerarbeit; und noch vieles andere kleine Zeug, Tand, unsagbar lächer- ; liche Gespräche, Nichtiakeiten bedrängten in dieser schwarzen und firmt- ■ fernen Stunde sein Herz. Er wollte mit großer Macht und großer i Gebärde ins Leben, aber nun mußte er heraus. Ein anderes gab es I nicht:, er hatte 30 000 Piaster unterschlagen, 80 000, 120 000, die Summe stieg immer höber, weil sein Wille immer mehr Leben begehrte. Spiel- tilche, Weiber, Gelage, Pferde, Ansehen, Gärten und Schiffe — vorbei. Man würde ihn Hinwegzerren, vielleicht ins Gefängnis, vielleicht zur Degradation, vielleicht zur Verabschiedung. Lächerlich: und dann immer Vergleiche ziehen zwischen einst und jetzt. Und vielleicht aus dem kleinen I Winkel in das blühende Panorama seiner ehemaligen Freuden spähen? ! N e > n. I Mit diesem Rein im Willen stand Hassan Kuperosoli am Abend auf । der Korvette „Sultan", die als Schulschiff ausgerüstet war. Er hatte 1 Eile, seine Lippen waren bleich, sein Benehmen war aufgeregt und fein Blick mißtrauisch. Er hatte niemanden mehr aufgesucht. Er war nur kreuz und quer gegangen. Er war in seiner Wohnung gewesen, aber er hatte darin nichts 'getan als durch die Zimmer gesehen, Dust gerochen und sich eingeschlossen. Auf dem Deck hin- und herschießend, befahl er alle Mann vor sich hin. Die Kadetten kamen. Er schrie sie an: „Sofort das Schiff verlästern Urlaub bis morgen früh!" Es war ein ungewöhnlicher Vorgang, noch । nie dagewefen. unerhört — wie ein aufgeregter Vogelschwarm stoben sie i auseinander. Manche von den 187 Mann hatten keine Lust, das Scbifs Zu verlassen. Dem Leutnant Schükri war das Benehmen des Chefs sonderbar. Der Ches stand an Deck, nun unbeweglich, den Kops nach vorne geduckt aber um sich blickend. Er hatte nur drei BI.de; der eine Blick qina aus den Landungsplatz am Kai, der andere galt den Booten und Barkassen, die die Kadetten ans Land brachten. Der dritte war oft von einem wütenden Stampfen begleitet, wenn er die Leute sich zu langsam auf dem Verdeck Herumdrücken sah. „Gehen Sie, Leutnant Schükri, gehen Sie, tote bewahren sich Ihr Leben!" Schükri erschrak sehr vor diesem seltsamen Befehl, er stammelte „Jawohl", entfernte sich und teilte dem Leutnant Achmed mit, daß er bleiben werde, um den Chef Hassan Knperosoli zu beobachten. Achmed blieb ebenfalls. Sie hatten sich hinter Geschützständen verborgen und spähten nach Hassan. Dieser ging aus der Steuerbordseite auf und ab wie gepeinigt und unsagbar gequält. Plötzlich holte er sich ein Fernglas aus der Steuermannskajüte und schaute lange das Ufer ab. Auch die Versteckten taten dies und sahen den Kai, Matrosen, Hafenlungerer, Neugierige, die abziehenden Kameraden und plötzlich eine Gendarmeriepatrouille, die von einem hohen Offizier begleitet war Die Patrouille schien die Kadetten anzuhalten. Es wurde gedeutet, und hundert Köpfe — das sah Hassan und das sah Schükri — drehten sich nach der verlassenen Korvette um. Die Patrouille eilte zum Landungssteg. Hassan, kalt wie Eis, lächelte bitter; denn das sah nach Verhaftung aus. Er blieb stehen und wartete nur auf den Augenblick, wo das Boot abstieß. Im runden Glas erkannte er die Köpfe: den bleichen Schädel des Polizeipräfekten Dfchemal Bei) und Hussein Risa Pascha vom Marineministerium. Die Schatten im Hafen wurden immer länger, denn die Sonne hatte schon eine schräge Strahlenneigung angenommen. Der Wind, der den ganzen Nachmittag das Meer geschaukelt hatte, war eingeschlafen. An der Mole standen Männer mit rotem Fez und angelten. Heber die Schiffe brach violetter Dunst. Hassan tief um diese Zeit noch auf der Treppe, die ins Schiffsinnere führte. An einer Treppensprosse war er mit dem linken Fuße hängen geblieben und war, abrutschend, fast nach vorne übergestürzt. Aus dem stinkigen Rauchgang prallte ihm ein Mann entgegen, der Heizer Fuad aus Haifa. „Hund, was tust du hier? Mach, daß du nach oben kommst oder du verreckst!" ... Aber von oben kam bereits Gepolter, und ein Brett schien knallend über die Schisfstreppe zu rutschen. Schükri, Achmed und die Handvoll Kadetten waren ihrem Chef nachgeschlichen, blieben aber wie angenagelt durch das Brettgepolter. Sie bissen sich aus Wut und Angst auf die Lippen. Der schwarze Heizer kam gespenstisch und erschrocken herauf. Der Posten, der die Wache vor der Pulver- und Munitionskammer hatte, war auch gegangen. Sein Gewehr hatte er achtlos, disziplinwidrig und eilfertig in das Halbdunkel einer Ecke geschmissen. — „Verkommener Kerl", dachte Hassan. * Vor der Barkasse, vor Dschemal Bey und Hussein Risa Pascha, erhob sich eine ungeheuere springende Feuer- und Rauchsäule, die blendend aufschoß und sich dann wie ein Fächer mit blauen, grauen und weißen Faserungen ausbreitete. Zusammen mit ihr, einen Sekundenbruchteil später, platzte ein unbeschreibliches und grausames Getöse in ihre Ohren. Es wurde Nacht im Hafen und Tausende von glühenden Eisenteilen, zischenden Holztrümmern und Funken gingen gleich einem Höllenregen über sie nieder. Die Patrouille im Boot fiel vom Luftdruck, der wie ein Gewitter kam, um. Einer der Gendarmen war ins Wasser gestürzt; ein glühender Span war ihm zwischen die Zähne hineingesprungen. Ein Glück, daß sie noch dreihundert Meter von der Korvette entfernt waren. Eine hohe Welle drang geballt heran und schlug das Boot empor. Sie kenterten nicht. Hussein Risa schrie: „Zurück!" Aber die Matrosen und der Steuermann im Boot waren wie gelähmt. Nach dem sürchterlichen Getöse kam wie ein ängstlicher Vogel, schweigsam, lautlos, unergründlich eine lähmende Stille. Es geschah nichts mehr. Im Rauch, der wie eine riesenhafte Wolke im violetten Abendhimmel hing, ging die Korvette unter. Als die Wolke sich verzogen hatte, war nichts mehr zu sehen. Hassan hatte sich in die Lust gesprengt. Aiherwellen-Musik. Von Dr. Herbert E. Trieb. Seit den vor ein paar Jahren erfolgten Vorführungen des russischen Professors Theremin hat sich die Oessentlichkeit nicht mehr um die „Aetherwellen-Musik gekümmert, obwohl auf diesem Gebiet wichtige neue Erfindungen gemacht wurden. Als im Sommer 1927 Theremin und Jörg Mager mit bem Aetherwelleninstrument und dem Sphärophon vor die Oessentlichkeit traten, erregten sie größtes Aufsehen. Es war in der Tat etwas ganz Außerordentliches, was sich da ereignete. Was die Menschheit in vergangenen Zeitaltern von magischen Musikinstrumenten und von der Harmonie der Sphären geträumt hotte, wurde nun Wirklichkeit. Töne erklangen, aus elektrischen Schwingungen gezaubert, frei vom Ballast der Materie! Damit war ein geschmeidiger ungeahnte Möglichkeiten bergender Rohstoss für kommende Musikgeneratiönen geschossen. Wissenschaft und Technik hatten zusammen den Erfolg errungen. Die Wissenschaft, die den grundlegenden Arbeiten von Helmholtz folgte, hatte erkannt: Hanggefärbte Töne setzen sich zusammen aus Schallwellen, deren tiefste Harmonie als Grundton gehört wird, und deren Oberfchwingungen die Klangfarbe bilden. Die Elektrotechnik lieferte dann die Mittel, diese Erkenntnisse zu benutzen und klanggefärbte Töne mit Hilfe elektrischer Wechselströme hervorzurufen, wobei der elektrische Musiker durch geeignete Mischung der Obertöne und der Grundtöne den Klangcharakter zu beherrschen vermag. Das Problem wurde in jahrelangen Versuchen gelöst. Viel Kleinarbeit mußte geleistet werden. Ms erster wagte es 1906 der Amerikaner Thaddens Cahill, das musikalisch-elektrische Problem mit feinem Apparat „Dynamophon" anzupacken. Er leitete Wechselströme auf Magnete welche auf hölzerne Resonanzböden montiert waren und eine Art Lautsprecher bildeten. Auf einem ähnlichen Prinzip beruht übrigens eine viel spätere Erfindung, das „Pianor" des Franzosen Henri M « r t i n, das vor einigen Jahren Aufsehen erregt hat, heute aber fast vergessen ist. Cahill konnte damals die Schwierlgleiten, die sich vor ihm auftürmten, nicht überwinden; erst die Erfindung der Elektronenröhre ermöglichte es, mit der dadurch vereinfachten Frequenzbestimmung elektrischer Schwingungen — dies ist für die Tonhöhenbildung wichtig — recht brauchbare Ergebnisse zu erzielen. , _ _ , In Deutschland sah man im Jahre 1927 auf der großen Frankfurter Veronstaltunq „Sommer der Musik" den Aetherwellenapparat des russischen Proseßors Theremin und des hessischen Volksschullehrers Jörg Mager, das „Sphärophon". Theremins Methode ist bekannt, sie besteht darin, durch einfache Handbewegungen die Schwingungen elektrischer Kiastfelder zu beeinflussen und damit Höhe und Stärke der dem Jnstru- menr entlockten Töne zu meistern. Auf den uneingeweihten Zuschauer wirlte dieser Vorgang damals außerordentlich geheimnisvoll. Theremins Apparat, der heute von einer amerikanischen Firma im großen hergestellt und vertrieben wird, hatte noch ziemlich viele Mängel: man konnte auf ihm nur langsame Melodien spielen, und eine genaue Regelung der Tonleiter war fast unmöglich; es war ein Instrument für den künstlerischen Improvisator, nicht für den strengen Künstler. Jörg Mager kam vom Vierteltonproblem — er hatte zuerst ein Vierteitonharmonium konstruiert — zur elektrischen Musik mit ihren unendlichen Jntervall- möglichkeiten. Man sagt, die Lektüre der Beschreibung von Cahills „Dynamophon" in Busonis „Entwurf einer neuen Aesthetik der Tonkost habe den Anstoß zu Magers folgenden Experimenten gegeben. Seit 1921 hatte er an (einem „Ele'.trophon" gearbeitet, das er später in „Sphärophon umtaufte und in drei Typen ausbildete: er schuf einen Melodietyp für einstimmiges Spiel, Soli und Kammermusik, einen Akkordtyp für mehrstimmiges Spiel und ein „Kaleidophon". Auf dem Kammermusikfest in Donaueschingen im Jahre 1928 wurden bereits Originalkompositionen moderner Musiker auf dem Magerschen Instrument vorgeführt. Inzwischen hat der Erfinder unablässig weitergearbeitet und ist seinem Ziel, einen vollwertigen Ersatz für die Orgel mit ihren Registern zu schaffen, bedeutend näher gekommen. Das letzte Ergebnis (einer Ver(uche ist die Radio-Orgel", die eine Weiterbildung des ehemaligen „Kaleido- p'hons" darstellt. Sie ist eine kleine dreistimmige Orgel, die polyphomsches und akkordliches Spiel gestattet. Ihre dreiteilige Tastatur — zwei uber- einanbergeorbnete Manuale und ein Pebalwerk — ist von der Orgel übernommen worden. Man kann sie gegeneinander verschieben und so vom Halbton zum Drittelton, Viertelton und allen anderen Systemen übergehen. Mit Hilfe zweier Hebel sind alle Register nach Höhe und Tiefe akkordlich zu verschieben. Durch das Pedal kann man Tone verstärken ober dämpfen und gleitende Uebergänge vom hauchzarten Pia- nijfimo bis zum strahlenden Fortissimo schaffen. Eine eigene Tafte laßt bie Töne vibrieren. Eine besondere Schaltung für die Ob ertöne ermöglicht Klangfarbenänderungen in etwa taufend Variationen. Der Ton wird durch einen in das Gestell der Orgel eingebauten niederfrequenten Röhrenfchwingungskreis erzeugt. Reben Theremin und Jorg Mager haben noch viele andere Erfinder elektrische Musikinstrumente gebaut, die grundsätzlich wenig voneinander abweichen. Unter allen Konstrukteuren ragt der in Baben geborene und in Berlin lebenbe Postrat Dr.-Jng. Fr. Trautwein mit feinem technisch und musikalisch vorzüglich burchdachten „Trautonium" hervor. Der Apparat wurde in der letzten Zeit mehrmals öffentlich vorgesührt; bas Patent, auf dem er beruht, stammt vom April 1924. Wissenschaftlich stützt sich Trautwein auf seine „j)aUformnntentl)eorie", eine Erweiterung der klassischen Helmholtzschen Lehre von der Entstehung der Töne. Die Hallformanten, bie mit großer Wahrscheinlichkeit auch bei der Sprachbildung eine Rolle spielen, bestimmen den musikalischen Klangcharakter. Die wtsien- schaftlichen und technischen Einzelheiten der Methoden Trautweins sollen hier nicht beschrieben werden. Was kann es dem gewöhnlichen Sterb- licben, der keine Technische Hochschule besucht hat, schon nützen, wenn er erfährt, daß „mit Hilfe stoßartiger Einwirkungen des interrupten Wechselstroms eines Glimmlampenunterbrechers auf einen elektrischen Schwingung-kreis von variabler Eigenfrequenz Hallformanten erzeugt" werden. Für den Musikfreund ist nur wichtig, daß das Trautonium mit der Hand gespielt wird, sich durch Reinheit der Töne auszeichnet und unbeschränkte Jntervallmöglichkeiten sowie eine ganz erstaunliche Fähigkeit der Klangfarbenvariation bietet. Neben wundervoll beseelten Tönen bisher üblicher Musik bringt es auch ganz neuartige, seltsame Töne und Tonsormen hervor, die zweifellos eine Bereicherung der Musik bedeuten werden. Trautweins Ziel ist die Schaffung einer Spielweife, die alle Meg'ichkeiten des künstlerischen Spieles bietet, aber dem reproduzierenden Künstler alle nicht unbedingt nötigen mechanischen Funktionen abnimmt. Mit diesem Programm rührt der Erfinder an den (ynn der technischen Entwicklung überhaupt: alle mechanische Tätigkeit durch die Maschine abtti- löseit und die produktiven Kräfte des Menschen freizumachen. Von diesem Standpunkt aus ist es ganz falsch, von der elektrischen Musik als einer „mechanischen Musik" zu sprechen, wie das oft geschieht. Unter mechanischer Musik versteht man Spielbllsen, Orchestrions, elektrisch« Klaviere und ähnliche Apparate. Bei den elektrischen Musikinstrumenten wird aber nicht bie Musik mechanisch erzeugt, sondern nur der Rohstoff, der Ton, genau wie beim Klavier, bei der (Beige und bei allen bisher üblichen Musikwerkzeugen. Und weil eben durch bie neuen Instrumente diejenigen Energien, bie der Künstler bisher zur mechnnischen (Erzeugung bes Tons aufwenden mußte, freiwerden, kann er dem Rohstoff der Töne (einen künstlerischen Formwlllen um so bester aufprägen. Daher kann man von der elektrischen Musik ohne Uebertreibung sagen: die Steigerung des Mechanischen wirkt nicht entfeelenb. sondern schasst im Gegenteil die Möoli-bkeit, sich mehr als früher auf das Seelische zu konzentrieren An den Musikern liegt es jetzt, das neue Material, das ihnen b:e Technik zur Verfügung stellt, mit neuem musikalischen Geist zu durchdringen. «Sott überall. Von Friedrich Rückert. Auf Erden gehest du und bist der Erde Geist; Die Erd' erkennt dich nicht, die dich mit Strahlen preist. Auf Sonnen stehest du und bist der Sonne Geist; Die Sonn' erkennt dich nicht, die dich mit Strahlen preist. Im Winde wehest du und bist der Lüfte Geist; Die Luft erkennt dich nicht, die dich mit Atem preist. Auf Wassern gehest du und bist des Wassers Geist; Das Wasser kennt dich nicht, das dich im Rauschen preist. Im Herzen stehest du und bist der Liebe Geist, Und dich erkennt das Herz, das dich mit Liebe preist. Emanuel Swedenborg. Geisterseher, Techniker und Religionsphilosoph. Von Dr. Erwin Stranik. Es war im Jahre 1759, den 19. Juli, als sich im Hause eines gewissen Herrn Castel zu Gothenburg eine Gesellschaft von 15 Personen versammelte, um eine wenige Tage früher aus England zurückgelehrte illustre Persönlichkeit zu ehren: den „Assessor" Emanuel Swedenborg, von dem es hieß, daß er Gesichte habe und mit Geistern Umgang pflege. Gegen 18 Uhr verließ Swedenborg für einen Augenblick die Gesellschaft, kam dann entfärbt und bestürzt ins Zimmer zurück und sagte, es sei eben jetzt in Stockholm (das 50 Meilen von Gothenburg entfernt liegt) ein gefährlicher Brand ausgebrochen, der fehr um sich greife. Nach einiger Zelt erklärte er, daß bereits das Haus eines feiner Freunde in Asche läge und sein eigenes Heim in Gefahr sei. Um 20 Uhr, nachdem er wieder hinausgegangen war, sagte er freudig: „Gottlob, der Brand ist gelöscht, die dritte Tür vor meinem Hause!" — Am nächsten Morgen wurde Swedenborg zum Gouverneur berufen und schilderte dort den Brand sowie die Zeit seiner Dauer. Am Montagabend erreichte eine Estafette Gothenburg, die Briefe aus Stockholm brachte und den Brand ganz genau so darstellte, wie ihn Swedenborg gesehen hatte. Diese Begebenheit, die von niemand geringerem als dem großen Philosophen Kant der Nachwelt überliefert wurde, charakterisiert am besten jenen Menschen, der zweifellos zu den umstrittensten Persönlichkeiten der letzten Jahrhunderte gehört, und den man bald als das größte Genie aller Zeiten zu feiern sich verpflichtet fühlt, bald als schwerbelasteten Paranoiker bezeichnet und seine visionären Erlebnisse als 'Ausgeburten einer allgemeinen Verrücktheit darstellt. Schon während seiner unmittelbaren Wirksamkeit gerieten die Meinungen über ihn hart aneinander. Während ihn Kant anfänglich als einen „Schwärmer" abtun wollte, doch von den Proben seiner schier überirdischen Gesichte ergriffen war, sprach Goethe von Swedenborg als dem „gewürdigten Seher unserer Zeiten, rings um den die Freude des Himmels mar, zu dem Geister durch alle Sinnen und Glieder sprachen, in dessen Busen die Engel wohnten..."; später nannte ihn der amerikanische Philosoph Ralph Walde Emerson einen „Riesengeist", der „wie ein Alp auf seiner Zeit" lag, „von ihr unverstanden",' so daß es „eines weiten Abstandes für den Beschauer" bedürfe, um ihn zu erkennen und zu würdigen. In diese Bewunderung teilten sich auch Thomas Carlyle, der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge, Balzac und Helen Keller. Strindberg befaßte sich intensiv mit Swedenborgs Mystizismus, und heute ist man bereits so weit, auch in der Philosophie die Smedenborgschen Theorien zu berücksichtigen Sucht man einen kurzen Abriß des äußeren Lebensweges Swedenborgs zu geben, so ist zu sagen, daß er am 29. Januar 1688 zu Stockholm als der Sohn Jesper Svedbergs, Bischofs von Westgotland, geboren wurde, zu Upsala Philologie und Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften, daneben überdies Theologie studierte, 1710—1714 England, Holland, Frankreich und Deutschland bereiste und 1716 zum Assessor des Bergwerkskollegiums zu Stockholm ernannt wurde, wo er sich durch viele mechanische Erfindungen nnb Anregungen hervortat, von denen die für Schweden wichtigste bei der Belagerung von Frederieshall (1718) zur Anwendung gelangte. Dies, sowie seine zahlreichen Schriften mathematischer und astronomischer Natur bewirkten, daß er 1719 von der Königin Ulrike als „Swedenborg" geadelt wurde. In den folgenden Jahren bereiste er dann die schwedischen, sächsischen, böhmischen und österreichi- scbeu Bergwerke, kehrte wieder nach Schweden zurück, verließ es neuerlich und durchzog 1736—1740 Deutschland, Holland, Frankreich, Italien und England. Da er, um seinen wissenschaftlichen und religiösen Bestrebungen ganz leben zu können, seine Stellung aufgegeben hatte und dafür eine königliche Pension bezog, konnte er ungehindert seine Reisesehnsucht befriedigen. Im Jahre 1771 ging er abermals nach England, erkrankte dort aber und starb zu London am 29. März 1772. Diesem äußerlich zwar nicht ruhigen, aber in streng gemäßigten Bahnen verlaufenden Dasein gesellte sich eine denkerisch« Tätigkeit von derartigen Dimensionen, wie sie in der Geschickte wohl kein zweites Mal mehr vorkommt. Nickt weniger als 148 Publikationen, von denen eine ganz« Anzahl viele Bände umfaßt, ließ Siyedenborg zu seinen Lebzeiten drucken und eine nicht ininber große Menge von Manuskripten sand sich in seinem Nachlaß. Alle diese Schriften lassen sich in drei große Kategorien einteilen: in eine naturwissenschaftlick)« Abteilung, die sich sowohl mit der Konstatierung des Tatsächlichen als auch mit Anregungen zu den verschiedensten Erfindungen besck;üftigt, in eine philosophische, in der ein völlig neues Weltsystem aufgestellt wird, und schließlich in eine religiöse, die nichts anderes unternimmt, als eine „neue Kirche zu begründen und die ein bis in die kleinsten Details ausgearbeitetes religiöses System an Stelle der bisherigen christlichen Religionen setzt. Die meisten der von ihm geschriebenen Werte behauptete Swedenborg nicht aus eigener Intuition verfaßt zu haben, sondern sie seien aus einem Zusammenwirken langen intensiven Nachdenkens mit direkten Offenbarungen durch Geister entstanden. Greift man aus der großen Zahl der technisch-naturwifsenschaftlichen Schriften feiner ersten Periode einige der wichtigsten Anregungen heraus, so verrät sich schon in diesen der ungeheuer weitblickende Geist jenes Mannes. Wenn man ihn in Schweden wegen der bereits erwähnten Enfindung, mit deren Hilfe man Schiffe durch Rollengewinde auf dem Landwege zu befördern imstande war, besonders schätzte, so imponiert in unserer Zeit noch mehr, daß er der erste war, der (damals allerdings als Phantasterei angesehen) Pläne eines Schiffes entwarf, „das auch unter Wasser fahren könne", sowie genaue Konstruktionen angab, „für einen fliegenden Wagen, der sich in der Luft schweb end erhält". Dazu tarnen Pläne für Wasserpumpen, Luftdruckmaschinen, ja sogar auch für eine Art Maschinengewehr, nämlich für „Luftflinten, deren Tausend mit einem einzigen Heber in einem Augenblick losgeschossen werden können". Aber auch Wasseruhren, Stahlstichverfahren und Hebekrane entwarf er theoretisch. Dann ging er weiter und verfaßte eine methodische Anleitung, „durch Analyse die Wünsche und Neigungen des Gemüts festzustellen", so daß man ihn mit Recht auch als den ersten Psychoanalytiker bezeichnen darf. Noch spannender muten jene Berichte an, die von den verschiedensten Personen über seinen Umgang mit Geistern und Verstorbenen überliefert wurden. So wissen wir aus einem Berichte von Goethes Freund Jung- Stilling, daß sich Swedenborg am 17. Juli 1762 in Amsterdam in einer Gesellschaft befand. „Mitten im Gespräch veränderte sich plötzlich seine Physiognomie, und man sah ihm an, daß seine Seele nicht Mehr gegenwärtig war und daß etwas Außerordentliches in ihm vorging. Sobald er wieder zu sich gekommen war, fragte man ihn, was jetzt vorgesallen fei. Er wollte nicht gleich mit der Sprache heraus, sagte aber doch auf wiederholtes Anhalten endlich: „Jetzt in dieser Stunde ist Kaiser Peter III. in seinem Gefängnis gestorben." — Tatsächlich wurde an diesem Tage Zar Peter auf Anstiften seiner Gemahlin Katharina von Orlow und dessen Mitverschworenen erdrosselt. — Nicht minder interessant ist eine weitere Episode, die Swedenborg im Verkehr mit den Geistern Verstorbener zeigt. An feinem Lebensabend besuchte ihn einmal ein Kaufmann in Amsterdam und bat ihn um einen Beweis dafür, dah er mit Geistern Umgang habe. Der Kaufmann erzählte, er hätte einstmals einen guten Freund gehabt, der nun schon lange tot sei und mit dem er knapp vor seinem Hinscheiden noch ein wichtiges Gespräch begonnen, aber nicht zu Ende geführt habe. Swedenborg ließ sich den Namen des Verstorbenen Mitteilen und bat den Kaufmann, nach einiger Zeit wiederzukommen Einige Tage später kam der Kaufmann wieder zu Swedenborg; dieser empfing ihn lächelnd und erzählte ihm ganz genau, was die beiden Menschen an jenem Abend gesprochen hatten. Da fragte der Kaufmann: „Ist mein Freund noch nicht selig?" Swedenborg antwortete ihm darauf: „Nein! Er ist noch nicht selig, er ist noch im Hader, denn die ßieblingsneigungen und Meinungen der Menschen gehen mit ihnen hinüber und es ist schwer, bis man von ihnen befreit wird." Vollkommen überzeugt von Swedenborgs übersinnlichen Kräften verlieh der Kaufmann den Geisterseher und kehrte nach Elberfeld zurück. ...... Aber auch eine derart freigeistige Persönlichkeit wie die Königin Louise Ulrike von Schweden, Schwester Friedrich des Großen, glaubte an Swedenborgs überirdische Kräfte. 3m Jahre 1774 kam Swedenborg an den Hof, die Königin fragte ihn mehr scherzweise als im Ernst, ob er, wenn er schon mit jo vielen Verstorbenen r.etzp, nicht auch mit ihrem Bruder, dem Prinzen von Preußen gesprochen hätte. Swedenborg antwortete: „Nein", aber er könne es ja versuchen. Und am nächsten Hostag ging er zur Königin und sagte der verblüfften hohen Frau, er hätte mit ihrem Bruder eine Unterredung gehabt, und dieser lasse sich entschuldigen, daß er ihren letzten Brief nicht mehr beantwortet habe. — Dies war um so bemerkenswerter, als die Korrespondenz der Königin mit ihrem Bruder nur durch Geheimkuriere vermittelt worden war und niemand im Lande von dieser etwas wußte. Es ist natürlich unmöglich, alle Swedenborgschen Geisterunterredungen, über die wir Mitteilungen besitzen, hier aufzuzählen. Einmal hörten ihn Bekannte in einem lebhaften lateinisch geführten Disput, als sie das Zimmer betraten, befand sich Swedenborg allein. „Virgil hat mich soeben verlassen", erwiderte er den verdutzten Freunden. — Ein andermal wurde eine Witwe gemahnt, eine schuld ihres Gatten zu bezahlen, von der sie alaubte, daß sie ihr Mann noch bei Lebzeiten beglichen habe. In ihrer Bedrängnis wandte sie sich an Swedenborg, der stellte die Verbindung mit dem Verstorbenen her und erfuhr so den Platz, wo der Mann die Quittung über die bezahlte schuld aufbewahrt hatte. Diese und öbuliche Geschichten, die eigentlich immer ohne Widerspruch blieben, erhielten das Interesse an Swedenborg stets wach. _ Ueberzeugt davon, daß die bisherigen christlichen Systeme schon durch ihre Zersplitterung zum Untergange bestimmt wären, arbeitete Sweben borg ein neues System aus, das sich besonders mit der Natur des Geisterreichs befaßte und dessen Zusammenhang mit den Menschen sich in selt fumen Visionen offenbarte. Wesenskern dieser Lehre fei eine fortwährende innige Wechselwirkung zwischen geistiger und körperlicher Welt Alles, auch das kleinste Ding, habe bereits den Keim der universalen Wirkungen in sich, so daß etwa in einem Eisenftäubchen schon jene Kraft vorhanden sein muß, die, unendlich potenziert, schließlich die Bewegung der Welt^örper bervorruft. Diese Lehre Swedenborgs wurde von seinen Anhängern ausgenommen und als „neue Kirche" ober „neues Jerusalem" in alle Welt getragen. Die erste öffentliche Bersammluno der Swedenboraianer wurde 1788 in London abgehalten: heute intereffi?ren fick für Sweduckorg vor ollem die Schweiz und Amerika, in (fhitano und London stehen feine Denkmäler. und 1908 wurde fein Leichnam aus England nach Stockbolm mit besonderer FeierlickexU zur>"ckm>holt und in einem kostbaren Sarkophag in feiner eigenen Kirche bestattet. - Druck unbDerlag: BrnhlHchHäi^rsitäts-Duch. und Stetndruckeret, K Lunge. Gießen. verantwortlich: l)r. HanS Thyrivt. Herr der Burg. — Und nun spielte das Stück sich weiter, wie es in deinem Lesebuche gedruckt steht — Ich war aus meiner Bant ganz wie verzaubert; diese seltsamen Bewegungen, diese feinen oder schnarrenden Puppensclmmchen, die denn doch wirklich aus ihrem Munde kamen — es war ein unheimliches Leben tu diesen kleinen Figuren, das gleichwohl meine Augen wie magnetisch aus sich zog. Im zweiten Aufzuge aber sollte es noch besser kommen. Da war unter den Dienern aut der Burg einer im gelben Nankmganzug, der hieß Kasperl. Wenn dieser Bursche nicht lebendig war, so warnoch niemals etwas lebendig gewesen; er machte die ungeheuersten Witze, so daß der ganze Saal vor Lachen bebte; in seiner Nase, die so groß wie eine Wurst war mußte er jedenfalls ein Gelenk haben; denn wenn er so sem dummpfiffiges Lachen herausschüttelte, so schlenkerte der Nasenz,psel hm und her, als wenn auch er sich vor Lustigkeit nicht zu lastenwuße. dab i r.ß der Kerl seinen großen Mund aus und knackte, wie eine alte Cule mit den Kinnbacksknochen. .Pardauz!' schrie es; so kam er immer auf die Bühne gesprungen; dann stellte er sich hin und sprach erst bloß mit seinem großen Daumen; den konnte er so ausdrucksvoll hm , und wieder drehen, daß es ordentlich ging wie .fiier nix und da nix; kriegst du nix, so hast du nix!" Und dann sein Schielen; - das war so ver uhrensch, daß tm Augenblick dem ganzen Publikum die Augen verquer im Kopse standen. Ich war ganz vernarrt in den lieben Kerl! Endlich war das Spiel zu Ende, und ich saß wieder zu Hause in unserer Wohnstube und verzehrte schweigend das Aufgebratene, das meine gute Mutter mir warm gestellt hatte. Mein Vater saß im Lehn- Kunb rauchte seine Abendpfeise. .Nun, Junge', rief er, .waren sie >dig?' .Ich weiß nicht, Mater', sagte ich und arbeitete weiter in meiner Schüssel; mir war noch ganz verwirrt zu Sinne. pole Poppenspäler. Erzählung von Theodor Storm. lFortietzung.) __Langsam war es Abend geworden; und — das Ende trug die Last, denn mein Vater wollte mich eist fünf Minuten vor dem angesetzten Glockenschiage laufen lassen; er meinte, eine Uebung in der Geould sei sehr vonnöten, damit ich im Theater stillesitze. Endlich war ich an Ort und Stelle. Die große Tür stand offen, und allerlei Leute wanderten hinein, denn derzeit gmg man noch gern zu solchen Vergnügungen; nach Hamburg war eine weite Reise, und nur wenige hatten sich die kleinen Dinge zu Hau e durch die dort zu fchauen- den Herrlichkeiten leid machen können. — Als ich die eichene Wendeltreppe hinausgestiegen war, fand ich Lisets Mutter am Eingänge des Saales an der Kasse sitzen. Ich näherte mich ihr ganz vertraulich und dachte sie würde mich so recht als einen alten Bekannten begrüßen; aber sie ic,ß slumm und starr und nahm mir meine Karte ab, als wenn ich nicht die geringste Beziehung zu ihrer Familie hatte. — Etwas ge- d»mllt.gt trat ich in den Saal; der kommenden Dmge harrend, plauderte olles mit halber Stimme durcheinander; dazu fiedelte unser Stadtmusikus mit drei seiner Gesellen. Das erste, woraus meine Augen fielen war in der Tiefe des Saales ein roter Vorhang oberhalb der Mustkantenplatze. Die Malerei in der Mitte desselben stellte zwei lange Trompeten vor, die kreuzweise über einer goldenen Leier lagen; und, was mir damals sehr sonderbar erschien, an dem Mundstück einer jeden hing/ wie mit den leeren Augen daraus geschoben, hier eine finster, dort eine lachend ausgeprägte Maske. — Die drei vordersten Platze waren schon besetzt; ich drängte mich in die vierte Bank, wo ich einen Schulkameraden bemerkt hatte, der dort neben seinen Eltern saß. Hinter uns bauten sich die Platze schräg ansteigend in die Höhe, so daß der letzte, die sog Galerie welche nur zum Stehen war, sich fast mannshoch über dem Fußboden befinden mochte. Auch dort schien es wohigefüllt zu fein; genau vermochte ich es nicht zu sehen, denn die wenigen Talglichter, welche m Blechlampetten an den beiden Seitenwänden brannten, verbreiteten nur eine .schwache Helligkeit; auch dunkelte die schwere Balkendecke des Saales. Mein Nachbar wollte mir eine Schulgeschichte erzählen; ich begriff Nicht, wie er an so etwas denken konnte, ich schaute nur auf den Vorhang der von den Lampen des Podiums und der Musikantenpulte feierlich beleuchtet war Und jetzt ging ein Wehen über feine Flache, dre geheimnisvolle Welt hinter ihm begann sich schon zu regen; noch einen Augenblick, da erscholl das Läuten eines Glöckchens, und wahrend unter den Zuschauern das summende Geplauder wie mit einem Schlage verstummte, flog der Vorhang in die Höhe. - Ein Blick auf die Bühne versetzte mich um taufend Jahre rückwärts. Ich sah in einen wittelalterlichen ^urghos mit Turm und Zugbrücke; zwei kleine, ellenlange Leute standen in der Mitte und redeten lebhaft miteinander. Der eine mit dem schwarzen Barte, dem silbernen Federhe'.m und dem goldgestickten Mantel über dem toten Untertleibe war der Pfalzgraf Siegfried; er wollte gegen die heldnifchen Mohren in den Krieg reiten und befahl seinem jungen tiausmeifter (Solo, der tu blauem, silbergesticktem Wamse neben ihm stand zum Schutze der Psalzgräfin Genoveva in der Burg zurückzubleiben. Der treulose Golo aber tat gewaltig wild, daß er seinen guten Herrn so allein in das grimme Schwerterspiel sollte reiten lassen. Sie drehten bei diesen Wechselreden die Köpfe hin und her und fochten heftig und ruckweise mit den Armen. — Da tönten kleine, langgezogene Trompetentone von draußen hinter der Zugbrücke, und zugleich kam auch die schone Genoveva n himmelblauem Schleppkleide hinter dem Turm hervorgesturzt und schlug beide Arme über des Gemahls Schultern: .0 mem herzallerliebster Siegfried, wenn dich die grausamen Heiden nur nicht massakrieren! Aber es hals ihr nichts; noch einmal ertönten die Trompeten, und der Graf schittt steif und würdevoll über die Zugbrücke aus dem Hof; man horte deut ich draußen den Abzug des gewappneten Trupps. Der böse Golo war jetzt Sr sah mir eine Weile mit seinem klugen Lächeln zu. .Höre Paul, sagte er bann, .du darfst nicht zu oft in diesen Puppenkasten; die Dmger könnten dir am Ende in die Schule nachlaufen. Mein Vater hatte nicht unrecht. Die Algebraaufgaben gerieten mir in den beiden nächsten Tagen so mäßig, daß oer Rechenmeister mich von meinem ersten Platz herabzusetzen drohte. — Wenn ich in meinem Kopse rechnen wollte: .a h b gleich x —c, so hörte ich statt dessen vor meinen Ohren die feine Vogelstimme der schönen Genoveva: .Ach, mein herz- allerliebster Siegfried, wenn dich die bösen Heiden nur nicht maffatrieren! Einmal - aber es hat niemand gesehen - schrieb ich sogar ,x + ®eno- nenn' auf die Tafel. — Des Nachts in meiner Schlafkammer rief es einmal ganz laut .Pardauz', und mit einem Satz tarn der liebe Kasperl m einem Nankinganzug zu mir ins Bett gesprungen, stemmte feine Arme zu beiden Seiten meines Kopfes in das Kiffen und ries grinsend auf mich herabniefenb: .Ach, du liebe Brüderl, och, du herztaufrg liebs Bruberl! Dabei hackte er mir mit feiner langen, roten Nase in die meine, daß ich davon erwachte. Da sah ich denn freilich, daß es nur ein Traum gewesen war. Ich verschloß das alles in meinem Herzen und wagte zu Haufe kaum den Mund aufzutun von der Puppenkomodie Als aber am nächsten Sonntag der Ausrufer wieder durch die Straßen ging, an fein Becken chluq und laut verkündigte: .Heute abend auf dem Schutzenhof: „Doktor Fausts Höllenfahrt", Puppenfpiei in vier Aufzügen! — da war es doch nicht länger auszuhalten. Wie die Katze um den heißen ^"1, so schlich ich um meinen Later herum, und endlich hatte er meinen stummen Blick verstanden. — .Pole', sagte er, .es könnte dir em Tropfen Blut vom Herzen gehen; vielleicht ist's die beste Kur dich einmal gründlich satt zu madjen.^Samit langte er tn die Westentasche und gab nur einen Doppelt- ’^Trannte sofort aus dem Haufe; erst auf der Straße wurde es mir tlar daß ja noch acht lange Stunden bis zum Anfang der Komödie abzuleben roaren° 60 lief ich denn hinter den Garten aus den Bürgersteig Als ich an den offenen Grasgarten des Schützenhofs gekommen R zag es mich unwillkürlich hinein; vielleicht, daß gar emtge Puppen hnrt oben aus den Fenstern guckten; denn die Buhne lag ja an der Rückseite des Hauses. Aber ich mußte bann erst durch Öen oberen leit de« Gartens, der mit Linden- und Kastanienbaumen nicht bestanden war. Mir würbe etwas zag zumute; ich wagte doch nicht weiter vorzubringen. Plötzlich erhielt ich von einem großen, hrer angepflockten Ziegenbock einen Stoß in ben Rücken, baß ,ch um zwanzig Schritte weiter flog. Das half: als ich mich umsah, staub ich schon unter den ein trüber Herbsttag; einzelne gelbe Blätter sanken schon zur Erbe- über mir in ber Luft schrien em paar Stranbvogeh die ans Haff hinausfiogen; kein Mensch war zu sehen noch zu Horen Langsam schritt ich durch das Unkraut, bas auf den Steigen wucherte, bis id) einen schmalen Steinhof erreicht hatte, der den Garten von dem $o>‘fe trennte. __ Richtig! dort oben hinter den kleinen, in Blei gefaßten Scheiben war es schwarz und leer, (eine Puppe war zu sehen. Ich> stank. eine Weile, mir wurde ganz unheiml.ch in der mich rings umgebenden Ctitte. ®a iah id) wie unten die schwere Hoftür von innen eine Hemd» breit geöffnet 'wurde, und zugleich lugte auch ein schwarzes Köpfchen daraus hervor. ■ Sie"fai/mi, -n.-n S.M-N iw W unter eüreT Puppen einer, der heißt-Kasperl; den macht ick) gar zu tta'ew - Wff.'i« 1". denken. .Nu, cs ging scho; aber g'fdjivinb mußt fein, eh denn der Vater ""‘gjiit Tiefen Worten waren wir schon ins Haus getreten und liefen eit'n die (teile Wendeltreppe hinauf. — Es war fast dunkel in dem archien Saale- denn die Fenster, welche sämtlich nach dem Hefe hinaus lagen, wären von der Bühne verdeckt; nut einzelne Lichtstreifen fielen durch bie Spalten bes Vorhangs. . der Kilia n Genoveva fo täuschend an mir vorübergegangen war Dock ick batte mich zu früh beklagt; dort, an einem Eisendrahte der cor einer Kulisse nach der Wand hinübergespannt war, sah ick) zwei der wunderbaren Puppen schweben; aber sie hingen mit dem Rucken gegen mich, so daß ich sie nicht erkennen konnte. 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