Jahrgang Mi Montag, den 15.3uni Nummer 46 SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Chinesische Straßenserenade. Bon Anton Schnack. Biermat Gong. Reiter traben. Pauken machen: pong, pong, pong. Aus der Palaststraße wälzt sich stolz Eine Musikantenbande: Bläser, Flöten, Holz. In der Seidensänfte sitzt mit blassen Mienen Herzog Mu und tut gelassen. Blaue Reiter starren wie aus Erz gegossen Auf den heißen, weißen Edelrossen. In die Nacht hat sich der Vernsteinmond gehängt. Unter die Hapierlaternen haben Tänzerinnen aus dem Teebaus sich ge- Nur die Tänzerin Goldammerfuß kommt auf den Balkon, sdrängt. Neigt sich leichthin und bewegt den grünen Pfauenfächer. Es bedeutet: dein ist mein Vogelherz, hoher Göttersohn! Und ein Sternstück blitzt als Himmelszeichen über die gezackten Drachendächer. Und der gelbe Herzog aus dem Stamme Jumen Ueberftreut des Hauses Treppe mit hochroten Feuerblumen, Dann erhebt er seinen schönen Jadestab: Und die Reiter traben trab, trab, trab. Die Musik verklingt, verrauscht, vertropft. Und die Sänfte hält am Palast Schu. Leise, wie im Traum, macht die Tänzerin Goldammerfuß ihr Balkon- An das ein Zweig von Pfirsichblüten leicht im Winde klopft. sfenster zu, Oie listige Kaiserin. Eine Geschichte aus dem alten China. Von Bruno Brehm. Kublai-Khan, ein Enkel des großen, gefürchteten Dschingis-Khan, hatte auf seinen Kriegszügen von der chinesischen Mauer bis nach Schlesien, wenig Muße gehabt, sich mit den Wissenschaften abzugeben. Als er daher nach der Vernichtung der Sung-Dynastie als Si-Tschu Chinas Thron bestieg, bekam das Reich der Mitte einen Kaiser, der weder lesen noch schreiben konnte. Marco Polo, dem Europäer, der den Hof dieses mongolischen Barbaren besuchte, war dies weiter nicht aufgefallen, aber die hochmütigen chinesischen Literaten — und nirgends auf der Welt sind die Literaten hochmütiger als in China — wollten darüber nicht hinwegkommen, von einem Kaiser beherrscht zu werden, der weder lesen noch schreiben konnte. Nur heimlich, da sie die Kraft des Schwertes ebenso fürchteten wie verachteten, nannten sie den neuen Kaiser den Herrn, der mit den fünfhundert Schlüsseln den Schrein der Weisheit nicht aufsperren kann und den Monarchen, dem die Klassenhäupter nicht gehorchen, was in unsere einfache Sprache übersetzt soviel besagen will, als daß der Kaiser von Chma nicht lesen konnte. Und in vielen Gedichten beklagten sie die arme Kaiserin, eine chinesische Prinzessin aus dem Kublai-Khan gestürzten Hause Sung, welche diesen rohen Barbaren aus Staatsrücksichten hatte ehelichen müssen. Da der neue Kaiser nicht lesen konnte, so verstand er zu hören, wiewohl er sich stellte, als verstünde er weder das Gespött der Literaten noch die Sticheleien seiner gebildeten, aber zänkischen Gemahlin. So sehr nun auch der Kaiser wünschte, die Furcht der Literaten in Achtung zu verwandeln, so schien es ihm doch hosfnungslos, jetzt, da er sich schon die halbe Erde^unterworfen hatte, sich auch noch die fünfundvierzigtausend chinesischen Schriftzeichen untertänig zu machen. Als er daher von einem mongolischen Mönch vernahm, daß dieser ein Alphabet von nur vierundvierzig Zeichen erfunden habe, ließ er ihn rufen und erteilte ihm den Auftrag, sogleich mit dem Unterricht in dieser leichten Wissenschaft zu beginnen. Der Mönch Baschbah — oder wie ihn die Chinesen in ihrer tröpfelnden Sprache nennen: Ba-se-pa, gehorchte. Und nun seht ihr, wie hoch auch die Mauern des kaiserlichen Palastes waren, wie weit auch die Gärten und wie verschwiegen die Wachen, Literaturgeschwätz ist wie Staub, es fliegt über die Stadt, es kennt keine Grenzen. Und obwohl die chinesischen Literaten die besterzogenen Literaten auf dieser Welt sind, sie vergaßen Erziehung und Vorsicht und lachten sogar laut auf, als sie vernahmen, daß der Kaiser samt seiner Leibwache, samt seinen stolzen Generälen, von einem schmutzigen Mönch lesen lerne. Seit aber der Kaiser buchstabieren lernte, war etwas wie Schüler- Hochmut und kleinliche Unversöhnlichkeit über ihn gekommen. Er befahl seiner Wache, diese spottlustigen Burschen auszuheben und in den Palast zu schaffen. r , „Hunde, was habt ihr zu lachen?" herrschte er die auf dem Bauche liegenden Literaten zornig an, „ich will euch das Spotten austreiben, ihr müßigen Affen!" „Allmächtiger Sohn des Himmels" stammelten im Staub die Litera- ten, wir haben vor Freude gelächelt, weil deine Erhabenheit das Schwert des Ruhmes beiseite gelegt hat, um den Duft des Geistes aus den herrlichen Blüten der alten Schriften zu saugen." Durch diese taktvolle, chinesischer Literaten würdige Antwort war der rauhe Krieger Kublai-Khan — oder wie ihn die Chinesen nannten, Kaiser Si-Tschu fast besänftigt. „Geht mir aus den Augen", schnaubte er mit verstelltem Grimm, „und merkt euch, daß es für einen Krieger, der sich die halbe Welt unterworfen hat, kein Vergnügen ist, vierundoierzig Zei- chen zu lernen, und aus diesen Zeichen die unmöglichsten Worte zusam- menzusetzen. 0 1 vermochte es der kühnste unter den Literaten doch nicht zu schweigen Vorsichtig hob er den Kopf und fragte: „Sohn des Himmels, wieviel Zeichen hast du gesagt, müssen deine Krieger, die den ganzen Erdkreis unterworfen haben, lernen?" Si-Tschu, der doch nicht so ganz sattelfest in der neuen Wissenschaft war, winkte den Mönch herbei. „Belehre du die Narren, Baschbah." „Habt ihr den Sohn des Himmels nicht verstanden, ihr Toren!", brüllte Baschbah die Literaten an, „vierundvierzig Zeichen!" Und nun konnten sich die wohlerzogenen Literaten eines lauten Auflachens nicht enthalten. „Vierundoierzig, sagst du — hahaha! Vierundvierzig! Es gibt doch allein fünfhundert L-chliisselzeichen und Klassenhäupter und fünfundvierzigtausend Zeichen. Willst du den erhabenen Sohn des Himmels täuschen und ihn mit deinen bettelhaften paar Zeichen betrügen?" „Baschbah", fragte der mißtrauisch gewordene Kaiser, „sprechen diese Hunde die Wahrheit?" „Sohn des Himmels, sie sprechen leider die Wahrheit, sie, die ihr halbes Leben damit vertrödeln, eine solche Unmenge Zeichen zu lernen, wo doch alle Völker der Erde mit kaum mehr als dreißig solcher Zeichen ihr Auslangen finden." Der Kaiser beschloß, diesen Unfug ein für allemal abzuschaffen. Es sei ein Befehl zu erlassen, daß von heute ab das chinesische Volk genau die gleiche Schrift anzunehmen habe wie alle andern Völker der Welt. Die fünf Literaten aber, deren Frechheit größer als ihre Weisheit f/i, wären sofort zu enthaupten. Das war des Kaisers Wille. „Vierundvierzig", gluckste noch einer lachend, als ihm schon der Kopf von den Schultern fiel, eine Aeußerung, die noch lange in den ßiterotenfreifen weitergegeben wurde. Die Kaiserin, der man alles hinterbrachte, schäumte vor Zorn und Scham. Diese Barbaren wollten sich nicht mit dxr Herrschaft über das unglückliche Reich der Mitte begnügen, sie wollten nun auch das Kostbarste, die alte chinesische Bildung mit ihren harten Fäusten zerstören. Sie gedachte weinend der großen Bücherverbrennung unter dem barbarischen Kaiser Tschin und der fünfhundert lebendig begrabenen Literaten, die ihre Bibliotheken hatten retten wollen. Noch in der selben Nacht ließ sie sich in die Jurte ihres Gemahles tragen, da dieser rauhe Krieger es vorzog, statt zwischen den Mauern seines Palastes im Zelte unter den Bäumen des Gartens zu schlafen. Durch die Teppiche schimmerte noch Licht. Da saß der Barbar bei seinem stinkenden Mönch und lernte lesen. „Sohn des Himmels", rief die Kaiserin, des Gemahls Knie umklammernd, „ich habe gehört, und kann nicht glauben." „Was hast du gehört?" Der Kaiser blickte kaum von seiner Schriftrolle auf. „Daß voreilige Beamten unsere alte heilige Schrift zerstören und eine armselige neue einführen wollen." „So ist es, ich, dein Herr, habe es befohlen. Krieger haben nicht Zeit, so viele Zeichen zu lernen." „Erhabener Gemahl, großer, allmächtiger Sohn des Himmels, die Sprache meines Volkes ist doch einfacher als die Sprachen aller anderen Völker dieser Erde." „Einfach!" Der Kaiser lachte. „Das nennst du einfach, so und so viele Tausend." „Erhabener Sohn des Himmels, höre, ehe du verdammst." Die Kaiserin riß diesem verdammten Mönch den Pinsel aus der Hand. „Sieh, oh mein Gebieter!" Sie malte einen kleinen Bogenstrich. „Ist das nicht einfach?" Kann nicht jedes Kind dieses Zeichen ausfiihren? Sieht es nicht aus wie ein Ohr? — Es sieht so aus, mein Gebieter und es heißt auch Ohr. Und das hier — sieh her, hier ein Strichlein, dort ein Strichlein, ist das nicht eine Tür? Siehst du, allmächtiger Herr, es bedeutet auch Türe. Und nun stelle ich das Ohrzeichen neben das Türzeichen — und was heißt es dann? Das heißt — und jedes Kind muß es verstehen — hören. Der Kaiser wiegte sein Haupt, das war weder schwer noch einfach; „Baschbah, nun schreib du!" Da Baschbah für jeden Laut ein eigenes Zeichen brauchte, wurde fein Wort „hören" viel länger. „Erhabener Sohn des Himmels, vergleiche selbst" krumpfte die Kaiserin auf. „Aber das ist noch nicht alles. Sieh dieses Zeichen! Ist es nicht den qelernt." m .. I , Erhabener Sohn des Himmels", flüsterte die Kaiserin ihrem Gemahl ins "Ohr — „darf man den göttergleichen Herrn belügen?" Oho, das durfte man wohl nicht —, Bafchbah , befahl Si-Tfchu, „melde dem Kommandanten, daß er mir in einer halben Stunde deinen . Lügenkopf sende." , „ , , s. Und so geschah es. Baschbah, der Tor, verlor seinen Kopf, aber die Chinesen behielten ihre fünfhundert Klassenhäupter, mit deren Hilfe sie fünfundvierzigtausend Schriftzeichen bilden können, von denen der gute Kublai-Khan nur ein paar lustige lernte und in den nächsten Kriegen bald wieder vergaß. Am ORanhe der Menschheit. Von E. v. Ungern-Ste.rnberg. Es gibt kaum etwas fo Stilles in der Welt wie eine Nacht am Rande der Taiga. Unter dem kalten nächtlichen Dach breitet sich die Dämmerung wie ein seidener Teppich über endlose Weiten. Noch im Spätfrühling | stemeii Schneenebel auf, wallen und rauchen und bilden in wunderlichen j Formen den Palast der Eiskönigin. Gigantische Blöcke, die starr und steif, I mit schneebärtigen Gesichtern in den wabernden Dunst hineinragen, sind die Fundamente zum Märchenbau. In den Löchern auf dem Strome gurgelt es leise: die reißenden Wasser kämpfen mit dem Frost, er will die Lücken in der Eisdecke nicht dulden und deckt sie immer wieder zu. Selten nur verirrt sich ein Mensch in jene kalten Oeden, und wenn man einen Pelzjäger oder einen Unbekannten trifft, so greift man am besten nach der Waffe und hält den Finger am Drücker, denn selten bringt er Gutes. Die Taiga hat ihre finsteren Geheimnisse. Mord und Raub sind alltägliche Dinge, um die man sich abseits der Bahnlinie unb der Städte wenig kümmert. Wenn irgendwo, in einem Lande der Sehnsucht, Men- chen Brüder sein sollen, so schauen sie sich hier mit Wolssaugen an. Und wenn in den Zentren der Zivilisation der Stärkere den Schwächeren nur mit behandschuhten Fingern an die Kehle saht, so schickt er ihm hier ohne alle Vorbereitungen eine Kugel ins Herz. Den Winter hindurch liegen die Tundren auf Taufende von Meilen als eisgebundene Wüste da, selten nur kreuzt sie der Hundeschlitten eines Tungusen oder ein verwegener Jäger. Es ist das Land des Todes. Und doch, wenn sich der Schneesturm gelegt hat, der Mond die Einsamkeit mit silbernem Schein durchflicht und das Nordlicht Garben von strahlenden Farben über den Himmel streut, dann geht der Eisfuchs in seinem weißen Fell auf die Jagd und erwürgt die Schneehühner; Schnee-Eulen gleiten langsam mit unhörbarem Flügelschlage in die Dämmerung, und der Wolf trabt durch sein Reich, lautlos, grausam und blutgierig. Das Frühjahr kommt in Sibirien sehr plötzlich. Noch im Mai können beladene Schlitten über das Eis der kilometerbreiten Ströme fahren, die in das Eismeer münden. Aber dann braust plötzlich «in Sturm über die Taiga dahin, preßt auf die locker gewordene Eisschicht bis sie birst und sich Scholle aus Scholle zu türmen beginnt. Aus dem Süden ertönt ein Tosen und Krachen, das langsam näher kommt. Das Eis stöhnt, und am Ufer bilden sich Strudel, es schmilzt nicht, denn die Schollen sind noch zweit und mehr Meter dick, es wird von dem furchtbaren Druck der anstürmenden Massen wie mit Hämmern zertrümmert. Gischtige Berge türmen sich auf wie weiße Ungeheuer, die alles mit sich fortreißen. In wenigen Stunden ist der Eisgang vorüber und klar und durchsichtig gurgelt nun der Strom in seinen Ufern dahin. Dichte Wolken bedecken den Himmel. Rot, violett und grün beginnt das Moos zu leuchten, an dünnen Stengeln schwankt das Wollgras. Zugvögel fliegen zu Millionen herbei und lassen sich auf dem Strom und auf den Tümpeln nieder, Myriaden von Mücken steigen aus dem glucksenden Sumpf, schweben über dem Boden, ballen sich zusammen, teilen sich wieder und zerfließen. Bernsteinschnecken hinterlassen auf dem Moose eine schleimige Spur. In den Tundren und in der nördlichen Taiga besteht die Herrschaft der Sowjets nur dem Namen nach. Die Tungusen, Jenisfeier und Samojeden wissen wenig von den Dingen, die in Moskau vorgehen. Durch Jäger und Fischer am Unterlauf des Ob und Jenissei ist zu ihnen die Kunde gedrungen, daß ein neuer Zar regiere, aber sie kümmern sich ihr Ende finden. Die „Anreger" der Lebensfunktionen. Was wissen wir heute von den Hormonen? Von Professor Dr. med. et phil. Carl Oppenheimer, Berlin. Wir können den Organismus eines höheren Lebewesens ansehen als analog zu dem Aufbau eines komplizierten Fabrikunternehmens. Die „Maschinen", die in diesem „Betrieb" arbeiten, sind die Muskelzellen. Die chemischen Laboratorien, die die Umformung der Rohstoffe für diese Maschinen besorgen, haben wir in der Leber und anderen Drüsen zu suchen. Die Beseitigung der Abfallstoffe erledigen zum Teil der Darm und besonders die Nieren und die Lunge, die anderseits auch wieder den wichtigsten Betriebsstoff, den Sauerstoff, zuführt. Die Blutgefäße versenden die umgewandelten Rohstoffe an die Stellen, wo sie gebraucht werden. Das Herz ist die zentrale Pumpe, die diesen Umlauf reguliert. Was nun aber hier nm meisten interessiert, ist das Problem der zentralen Leitung dieses ganzen verwickelten Betriebes. Wir finden hier eine Staffelung der Funktionen, einen regelrechten Instanzenweg. An der Spitze steht als geistige Oberleitung das Großhirn. Ihm unterstellt stno allerlei sekundäre Zwischenstationen, im Zwischenhirn, im Ruckenmari usw., sozusagen die Abteilungsvorsteher für die einzelnen Betriebe. Nervenleitungen leiten die Nachrichten von den einzelnen Bctriebsstatio- ncn zur Zentrale und Mnorbnungen von der eZntrale umgekehrt zu uen ganz einfach? Es heißt Pferd. Setzest du es aber dreimal nebeneinander, lo bedeutet es soviel wie Galopp oder galoppieren. „Sohn des Himmels", erlaubte sich Baschbah hier emzuwenben, „so che Klassenhäupter, wie sie dir eben hier gezeigt wurden, gibt es allem suns- hunderb Aus ihren verschiedenen Zusammensetzungen werden, dann die "'^Der^Kaiser wu^e"nachdenklich und trug Baschbah auf, nun in feiner Schrift das Wort galoppieren zu schreiben. Ach, welch langes Geschreibsel ro>K,roi?aenM05 lang", höhnte die Kaiserin. „Es nimmt ««r kein Ende. Das ist in meiner Schrist schon eine ganze Erzählung. Erlaube mir erhabener Sohn des Himmels, noch ein Beispiel. Em kleines Viereckchen mit drei Schwänzchen, nicht anders als es Kinder in den «and zeichnen. 2,0 j)er Kaster^dec immer wieder das Zeichen für Pferd vor sich hinmalte, „Wenn°du nun aber das Zeichen für Weib zweimal fetzest, jo bedeutet KublaüKhan bewies durch sein ungebildetes Lachen, daß es leichter ist, die Welt zu erobern, als gute Manieren zu lernen. Die Kaiserin tat, als freue sie solch unhösliche Heiterkeit, und fuhr fort: „Nimmst du aber dieses Viereckchen mit den drei Schwänzchen dreimal, so bedeutet das: Tratsch, Ränke, Umtriebe." .. Und darüber muhte der Kaiser mehr lachen, als der 2'terat über ine vierundvierzig Buchstaben. Baschbah sollte nun seine Kunst gehen lassen, sollte Weib, zanken und Ränke untereinanderschreiben. Es wurden endlos viele Zeichen, ein Gekritzel und Gekrotzel, das den Kaiser höchlichst verdroß. „Baschbah, du hast mich belogen", brüllte der Kaiser voll Zorn, die Schrift der Kaiserin hier ist einfacher und schneller zu lernen! Ich habe in der kurzen Zeit schon — laß mich nachrechnen —, neun Wörter schrei- wenig darum, und da auch die Missionare ausbleiben, verfallen sie wieder ganz ihren alten heidnischen Gebrauchen, bringen ifjren ©Ottern Opfer dar, beten die Winde an und treiben allerlei Zauberspuk. Wie nun bie Sowjetzeitungen berichten, haben sich außerhalb bet Reichweite der GPU inmitten der Unermeßlichkeik der Tundren Ansiedlungen von weihen russischen Flüchtlingen gebildet, die unter schweren Entbehrungen ihr Leben fristen, von Jagd und Fischfang leben und in der Umklammerung von Schnee und Eis darauf warten, dis sie wieder m ein befreites Rußland zurückkehren können. Die Sorojetreg.erung hat einige ihrer Agenten in die Tundren entsandt, aber keiner von ihnen ist wieder gesehen worden, man nimmt an, daß sie den Strapazen erlegen ober erschlagen worben sinb. . . Der Mensch hat sich bie Tunbren noch nicht bienftbar Zu wachen Der» ftanben, sie bieten ihm nur ein Versteck unb eine Zuflucht. Denn im Sommer für eine kurze Zeitspanne der Ob und der Jenissei von ihrer Eisdecke befreit sind und Dampfer aus dem Süden Sibiriens nach dem .Eismeer verkehren, bann finben bie in ber Taiga unb m ben Tunbren versteckten Flüchtlinge bie Möglichkeit, sich burch bie Tungusen und Jenisseier das Allernotwendigste für ihr Leben zu beschafsen. - Die Jagd im hohen Norden Sibiriens verspricht kostbare Beute. Die Eingeborenen am unteren Jenissei erlegen jeder in einer guten Fangzeit 300 und mehr graue Eichhörnchen, die die als Feh bekannten Pelze liefern. Das wilde Renntier, der Elch und auch das Eichhörnchen liefern ihnen das zur Nahrung notwendige Fleisch. Mit dem Beinfell bekleiden sie ihre Schneeschuhe, um schneller dem Wild folgen zu können. Im Sommer stechen sie den Stör. Auch Bär, Fuchs, Hermelin und Wiesel werden gejagt. Ihre kostbarste Beute aber ist der Zobel, der in Netzen gefangen unb bann erwürgt wirb, bamit bas teure Felle nicht schaben leibe. Mit der Jagd ist mancher Aberglaube oerbunben. Wenn bas Feuer knallt, jo gilt bas als ein gutes Vorzeichen, ber Jenisseier weiß, boh er bann viele i graue Eichhörnchen erlegen wirb. Wenn aus b«m Herbseuer em Holzscheit füllt, so zeigt es bie Richtung an, bie ber Jäger nehmen muß, wenn er Erfolg haben will. Flinten unb Patronen sinb ein seltener Besitz geworden unb so ziehen bie Eingeborenen des hohen sibirischen Nordens wieder wie' ihre Vorfahren mit Pfeil und Bogen auf die Jgd hinaus, für ,edes Tier gibt es eine besondere Pfeilart, mit der es erlegt wird. Die Treffsicherheit der Tangusen mit diesen primitiven Wafsen ist erstaunlich. 'Die weißen Russen, die vor den Bolschewiken in die Tundren und in bie nörbliche Taiga geflüchtet sinb, müssen sich ben Sitten unb Gebrauchen ber Eingeborenen anpassen, wenn sie ihr kümmerliches Leben fristen wollen, aber sie haben ben Vorteil, einst ber Kultur angehört zu haben, sie verfügen in ben Augen ber primitiven Urbewohner ber Tunbra über große Zauberkräfte, unb ihnen bienen bie Götter des Windes. Es wirb berichtet, baß es einem biefer Flüchtlinge gelungen ist, sich eine Rabio- nnlage zu beschaffen. Er und die Seinen haben sich aus Moos unb I Reisern Hütten gebaut unb Möbel gezimmert. Kostbare Fell« bebecten ben Baben, ein Herbfeuer brennt. Das größte Wunber aber ist bas Rabio. Geisterstimmen fingen und sprechen zu den staunenden Tungusen, die unsichtbaren Götter steigen aus den Wolken herab und berichten, was in Tokio oder vielleicht was in Berlin vorgeht. Die eingeborenen manen opfern vor ben großen russischen Zauderern, bie soviel mehr als sie können, Schnaps unb schütten ihn in alle vier Himmelsrichtungen, sie achten nicht auf bie Erklärungen, bie man ihnen gibt, sie wollen sie auch gar nicht verstehen, für sie bleibt alles Zauber unb Geisterstimme. Und schließlich ... ist nicht auch der Klügste, der bie Wunber ber Technik unb bes Aethers kennt, von taufenb Geheimnissen umgeben? Wunber geschehen! Im silbernen Glanz ber Morgensonne ist ber Zep- I pelin über bas nörbliche Sibirien geflogen, bie Eingeborenen, bie ihn erblickten, sinb niebergetniet unb haben ihn als Gotteserscheinung angebetet. Im hohen Narben geht bie Sage, baß sich bie Zeichen ber Apokalypse crfüUen unb baß bie Engel vom Himmel gestiegen sinb. Heute liegen bie Tunbren Sibiriens noch weltabgeschlossen, in jungfräulicher Einsamkeit ba, es gibt Hunbert« und Tausende von Kilometer» I strecken, die kein Menschenfuh betreten hat, aber wie lange noch? Werden | nicht in 10 oder 20 Jahren Flugzeuge jede Entfernung illusorisch machen? I Wird man nicht mit derselben Leichtigkeit einen Sommerausflug in bie nörblichen Tunbren wi« heute nach Lappland oder an das Nordkap machen können? Man behauptet, daß unter dem Eis und Moos, ebenso wie an ber nörblichen Lena unb am Alban, reiche Golbabern versteckt liegen unb bah Platin geschürft werben kann. Die Schlupfwinkel ber Eisfüchse, ber Schnee-Eulen unb bie Verstecke ber russischen Flüchtling« werben bann tnjelnen Stationen. Und hier, auf dem Wege zwischen der obersten iilellektuellen Leitung und der Aussührung durch die speziellen Organe, s»d nun zur Erfüllung bestimmter Orders die Drüsen mit innerer Sekre- I»n zwischengeschaltet. Es gibt deren eine ganze Reihe, überall im Körper zerstreut. In der ».nichhöhle finden wir die Milz, die Leber und die Bauchspeicheldrüse, stvohl wie die aus zwei nur anatomisch zusammenhängenden Organen lstehende Nebenniere. In der Halsgegend die Schilddrüse, die Nebcn- s iiddrüsen und den Thymus (nur bei jungen Tieren). In der Beckcn- W«end die männlichen bzw. weiblichen Keimdrüsen und schließlich, der tet)irnba{r unmittelbar angegliedert, den Hirnanhang oder die Hypo- styse, wahrscheinlich ebensalls aus mehreren, in der Wirkung ganz ver- stiedenen Organen aufgebaut. Die in diesen zahlreichen Organen hergesteUten, spezisisch wirksamen Losse sind eben die Hormone, die „Anreger" (von dem griechischen E orte hormaein). Jeder dieser Stoffe hat eine im Einzelversuch desinier- t re Wirkung auf irgendwelche, für den Ablauf der Lebensvorgänge iZenswichkigen Funktionen und wird zu diesem Zwecke von den ent- s,»echenden Organen aus unter Vermittlung von Nervenreizen in die Lutbahn abgegeben. Wenn aber auch jedes dieser „endokrinen" Organe j ne bestimmte Sonderfunktion hat, so stehen sie doch alle in untrenn= i, rem Zusammenhang miteinander. Es gibt keine einzige „innersekre- irische" Drüse, die isoliert zu bewerten wäre; jede erstreckt ihre Wir- ogen auf viele andere (wahrscheinlich alle) und wird von anderen in -en Funktionen beeinflußt. Es hat erstens — praktisch gesprochen — - Des Hormon sein „Antihormon", zu dem Zweck, eine allzu starke, der . ersten Leitung nicht mehr erwünschte Steigerung irgendeines Prozesses . id) Anweisung an das Gegenorgan zur Aussendung des Antihormons . tudämpfen. Anderseits aber finden wir auch ergänzende Wirkungen. . kann die Wirkung eines Hormons durch Beihilfe eines zweiten zu ..csentlich höherer Wirksamkeit gesteigert werden. Kurzum, wir sehen hier i überaus verwickeltes Spiel von chemischen Kräften, von gegenseitiger Unterstützung und Ausbalancierung. Das Endresultat ist, daß es im a lüg normalen Organismus geradezu dieses unendlich fein abgestimmte 8cichgewicht der innersekretorischen Wirkungen ist, das alle Funktionen tx- Organismus, vom einfachen Stoffwechsel und Wachstum angefangen bc zur Regelung der feinsten Organfunktionen, zur Regelung der Wärmeei gäbe, der Geschlechtstätigkeit und sogar der intellektuellen Leistungen, mifaht. Dieser außerordentlichen Feinheit der Regulationen entsprechend |itt> aber auch die schweren Störungen, die eintreten, wenn dieses feine Jrtj gegenseitiger Beziehungen an irgendeiner Stelle durch Erkrankung tiii dem verwickelten Getriebe der endokrinen Wirkungen ein übergeord- iwtes Organ ist, sozusagen der Regulator der Regulationen. Infolgedessen 'i6)ren krankhafte Veränderungen an der Schilddrüse zu den schwersten Erscheinungen, die sich bis zu einem völligen Zusammenbrechen der Stoss- «rchselregulationen und der psychischen Funktionen steigern können. Von Präparaten, die wir noch nicht als chemisch reine Stosse kennen, die wir ai er mit genügender Sicherheit eichen können, seien hier genannt: , das 3 m (ul in als Produkt der Bauchspeicheldrüse, dessen Fehlen den Nieder- buud) des Zuckerstofswechsels bewirkt, und mit dessen Zufuhr man somit m ch schwere Formen der Zuckerkrankheit mit Erfolg behandeln kann. Ifrrner das Hormon der Nebenschilddrüsen, das uns durch die wrschungen von C o l l i p zugänglich geworden ist und eine entscheidend Dchtige Rolle im Mineralstosfwechsel und über diesen in der Aufrecht- uEjaltung eines normalen Funktionierens des Nervensystems spielt. ' Sus größte Interesse hak sich in den letzten Jahren denjenigen Hor- nonen zugewendet, die direkt ober inbireft mit ben Geschlechts- . n 11 i o n e n zu tun haben. Hier haben sich sowohl chemisch wie bio- Icgifd) überaus interessante Zusammenhänge aufberfen lassen. Im innersten Sm dieses Getriebes stehen die Keimdrüsen selbst. Eie produzieren ik^zisische Hormone die gewaltige Einflüsse auf den Stoffwechsel ausuben. 3:. dem Augenblick, wo nach Abschluß der Kindheit die Keimdrüsen an- Icngen zu funktionieren, treten eben durch die Wirkung der nunmehr beugten Hormone alle jene Aenderungen der äußeren Körperform, des ^ivffwechsels und der seelischen Vorgänge auf, die mit dem Begriff der 8: schlechtsreife verbunden sind. Es ist gelungen, sowohl bas weibliche bas männliche Keimdrüsenhormon näher zu kennzeichnen und exakte kchungsmethoden für seine Wirksamkeit zu finden. Mit deren Hilfe hat nun bas weibliche Hormon sogar schon in wahrscheinlich völlig reinem 3: ftanbe isolieren können und seine chemische Struktur im großen auf- zcklärt. , , , Im Versuch läßt sich zeigen, baß die Einführung dieses Hormons m uch unreife oder kastrierte Tiere weitgehend die Erscheinungen künstlich sikworzurufen gestattet die normalerweise von der Keimdrüse ausgehen. P e Erscheinungen der Geschlechtsreife können wir nach diesen Befunden ' ujf die Keimdrüsenhormone zurücksllhren. Aber dabei ergibt sich sofort ii;.e neue Frage: Nur die reifen Keimdrüsen erzeugen M diese Hormone; ar müssen also weiterhin suchen, durch welche Einflüsse nunmehr die kÄmdrüsen selbst zur Reife gelangen. Siefe Funktion, mit der also sozusagen der ganze Ablauf der Geschlechtsreife angekurbelt werden muß, fällt dem Hirnanhang (Hypophyse) zu. In ihrem vorderen Lappen wird das Hormon gebildet, bas nun zunächst einmal bie Keimbrüse zur Reife bringt unb an biefer Wirkung experimentell gemessen unb geeicht werben kann. Wahrscheinlich hanbelt cs sich sogar um mehrere solche Hormone, bie gleichzeitig an ber Keimdrüse ansetzen und sie zur Reife bringen. Es ist nun sehr interessant, daß dieses übergeordnete Hormon der Geschlechtsreife für das männliche und weibliche Geschlecht dasselbe ist. Sie Hyper- physe erzeugt also ein unspezifisches Hormon für beide Geschlechter, das zunächst bie Reifung ber Keimdrüsen bewirkt. Unb erst von dieser hängen bann bie geschlechtsspezifischen Wirkungen ab. Nehmen wir weiter noch hinzu, baß die weiblichen Keimbrüsen noch ein ganz besonderes Hormon erzeugen, das ausschließlich (in den bei Eintritt einer Befruchtung sich ausbildenden „gelben Körpern" entsteht, und nunmehr) den Zweck hat, nach der Befruchtung alle Einflüsse abzustoppen, welche die eingetretene Schwangerschaft bedrohen könnten, also geradezu während der Schwangerschaft das Brusthormon und die Wirkung der Hypophyse lahmlegt, so gewinnen wir ein typisches Bild von den überaus verwickelten gegenseitigen Beziehungen der Hormone auf diesem einen engeren Gebiete der Geschlechtsfunktionen. Und ziehen wir weiter hinzu, daß nun wiederum der ganze endokrine Apparat um die Keimdrüsen herum mit allen übrigen Organen der inneren Sekretion untrennbar zusammenhängt, daß z. B. ganz besonders enge Beziehungen zur Schilddrüse und zur Rinde der Nebennieren bestehen, so mag dieses eine Beispiel für viele zeigen, wie verwickelt bie Beziehungen ber einzelnen innersekretorischen Stufen zu allen übrigen Anteilen biefes Apparates finb. Jeder Fortschritt in der Erkenntnis dieser Stoffe wird uns damit auch dem Ziele des Arztes näherbringen, durch willkürlich abmehbare Eingriffe chemischer Art in dieses Getriebe jene zahllosen unb vielgestaltigen Störungen ber Gesunbheit zu bekämpfen, bie ihre letzte Wurzel haben in einer Störung ber Harmonie ber inneren Sekreteion. Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortfegung.) Ippolito kratzte an der Tür unb brachte ein Paket, bas ber Feldherr öffnete. Es enthilt, neben einigen andern Briefschaften, einen Kaiserlichen Erlaß, welcher den Marsch auf Mailand guthieb und den Oberseldherrn bevollmächtigte, in der genommenen Stadt durchaus nach seinem Ermessen und gemäß ben Umständen zu verfahren. „Alles?" fragte Pescara. Sa bog der Knabe ehrfürchtig das Knie, überreichte ein Briefchen, welches er dem Kurier mit Not abgerungen hatte, unb entfernte sich. Es war übertrieben: „In bie eigenen Hände des Marchese." „Vom Kaiser", sagte Pescara, und öffnete. „Sa, Viktoria, lies vor. Er schreibt so kritzlig." Sie gehorchte. Es war nicht viel, wenige Zeilen, und lautet: „Mein Pescara! Ich bin es, ber biefe Vollmacht durchgesetzt hat gegen meine Minister. Ihr habet viele Feinde. Hütet Euch vor Moncada. Ich aber bin gläubig an Euch, denn ich habe für Euch gebetet und sah einen Engel, der Euch an der Hand hielt. Ich traue. Ich Euer König." Pescara lächelte mühsam. „Karl traut zu leicht", sagte er. „Sas könnte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin. Aber — seltsam — er hat meinen Genius erblickt." „Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Viktoria. „Ich beschwöre dich, Pescara, nenne sie mir!" „Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer begann er zu atmen, er stöhnte, er ächzte, er röchelte. Ein furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem. Sa kniet sich Viktoria neben ihn nieder, hielt unb stützte ihn mit ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen unb den Knaben nach seinem Großvater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit einer Gebärde. Endlich entschlummerte er, aufs tiefste erschöpft, nachdem Viktoria geglaubt hatte, er stürbe ihr. Sa sie sich der Tränen gesättigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel. Fünftes Kapitel. Als Viktoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pfühle, und durch das geöffnete Fenster strömte die Morgenluft. Sie (prang auf, den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte. Sie wurde ungläubig an ben nächtlichen grausamen Kampf in ihren Armen, er war ihr wie ein Traum. Sa begann Pescara: „Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den Namen meines Genius befragt und mir bangte, ihn vor Euch auszusprechen. Endlich hättet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen, denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Sa erschien er selbst und berührte mich. Ihr kennet ihn nun, und ber gefürchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Tränen! Ihr habet sie gestern vergossen. Sonbern saget mir jetzt, wohin wünschet Ihr Euch zu begeben, währenb ich bas Heer bes Kaisers gegen Mailanb führe?" „Wie konntest bu es mir so lange verbergen, Ferdinand?" „Zuerst — nicht lange — verheimlichte ich es mir selbst ... doch nein, ich wußte mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener blutigen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner gezählten Tage gewiß, wie hätte ich bie deinigen vorzeitig verfinstern dürfen? Su sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine süß Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht grausam." „Su bist es", erwiderte sie, „sonst hättest du mich nitf)t Jo bitter getäuscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen lassen." „Niemand durfte darum wissen", sagte er. „Und dein Arzt? Der mußte es wiffen, und ich zürne Ihm, daß er mich belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahrheit zu sagen!" „Der arme Numa!" sagte der Feldherr. „Er ist schon unglücklich genug, daß er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhs auf Ischia, ich aber sagte ihm: es ist umsonst. Loch wozu dies alles? ... Wohin gedenkst du zu gehen, Viktoria?" „Nein, Ferdinand, sprich! Verheimlich« mir nichts mehr!" „Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt, und das Herz leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den Herbst, bis zu den ersten Flocken! Soviel Zeit brauche ich, meinen Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund! Niemand erfahre unser Geheimnis! Es würde die Kräfte des Feindes verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal, schweige! Ich will es! gebot ich ihm ... Und ich habe das Leben geheuchelt, so gut, daß mir Italien den Brautring bot!" Er lächelte. „Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Viktoria, gelobst mir — doch kein Gelübde, du tust es mir zuliebe —, nicht ungerufen mir nachzueilen durch die Staubwolke meines Marsches und über blutgetränkte Felder. Auch würdest du dem Kriegsvolke zu spotten geben, nicht über dich, gut und schön wie du bist, sondern über den verhätschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?" Viktoria besann sich, trostloses Leid in den Zügen. Dann sagte sie: „Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an einem kleinen Frauenkloster vorüber. Es heißt, wie ich erfuhr, Heiligenwunden. Dort will ich deines Rufes harren, Buße tun und für deine Genesung beten." „Für meine Genesung?" lächelte er. „Tue das. Auch wirst du dich in Heiligenwunden nicht langweilen; das Kloster, höre ich, hat herrliche Stimmen und ist berühmt wegen seines Chorgesanges. Reiten wir hin, bald, jetzt da es frisch und der Staub der Heerstraße noch nicht aufgewühlt ist." Er ging leichten Schrittes durch den Park nach dem alten Schlosse hinüber, um satteln zu lassen. Viktoria folgte mit langsamen Schritten, und da sie Numa, den Arzt, erblickte, der sich nach der Nacht des Feldherrn zu erkundigen kam, ging sie auf ihn zu mit schmerzlich bewegter Miene: sie wollte ihm vorwerfen, daß er ihr die Wirklichkeit verhehlt, und zugleich ihn beschwören, mit den letzten Mitteln und Geheimnissen seiner Kunst das geliebte Leben zu fristen. Da aber der Arzt die Colonna kommen sah, streckte er in dem Gefühle seiner Ohnmacht die zitternden Händen abwehrend gegen sie aus, als flehe er: Schone meiner, ich vermag nichts! Sie verstand die Gebärde und ging ihres Weges, an Ippolito vorüber, der das Knie vor ihr bog, und den sie nicht gewahr wurde, zum großen Herzeleid des Knaben. Im Schloßhofe fand sie den schwer und kostbar geschirrten Rappen Pescaras und ihren ebenfalls gesattelten falben Berber. Der Feldherr hob sie zu Pferde, und sie ritten unter grüßendem Trommelwirbel über die sich senkende Zugbrücke hinaus in die unabsehbaren Reisfelder der lombardischen Ebene. Ihnen folgte in gemessener Entfernung ein Reitknecht des Pescara, ein von südlicher Sonne geschwärzter Kalabrese, und auf einem Maultier die römische 3ofe Viktorias. Hinter den Reisenden verhallten im Schloßhof die ungehörten Hilferufe des vergessenen Kanzlers. Er war aus schlimmen Träumen erwacht und schon in der Frühe durch die Gärten geirrt, immer wieder an Mauern und Wälle gelangend, hier von deutschen, dort von spanischen Wachtposten beobachtet. Di« Schwaben ergötzten sich weidlich an seinem ausschweifenden Gebärdenspiel, während die Spanier einverstandene schadenfrohe Blicke tauschten: sie zweifelten nicht, der Feldherr habe den Minister des Feindes in die Falle gelockt, und versprachen sich, ihn morgen, wenn er dem Heere nachgesck/eppt würde, nach Herzenslust zu quälen und gründlich auszuplündern. Endlich war er in das Rondell gekommen und erschöpft auf dieselbe Bank gesunken, wo er gestern den schlummernden Pescara gefunden und belauscht hatte. Da vernahm er den Salut der Torwache, rannte nach dem Schloßhof und wollte über die Brücke nachstürzen. Von dem Posten mit vorgestreckten Hellebarden empfangen, sah er jammernd den Feldherrn und Viktoria in den Dunst der Ferne entschwinden. Es war nach einem leuchtenden ein trüber Tag. Kein Windhauch und nicht der leiseste Versuch einer Wolkenbildung. Keine Lerche stieg, kein Vogel sang, es dämmerte ein stilles Zwielicht wie über den Wiesen der Unterwelt. Das Frauenkloster wurde sichtbar und vergrößerte langsam seine friedlichen Mauern. Freilich ritten die beiden fast nur im Schritte, die verwitwende Viktoria in tiefem Schweigen, während, durch einen wunderbaren Gegensatz, das Gedächtnis des jetzt ausruhenden Feldherrn auf leichten und liebenden und inbrünstigen Schwingen in die Jugend zurückkehrte und di« an seiner Seite Trauernde wieder in die reizenden und rührenden Gestalten des knospenden Mädchens und der zärtlichen Braut verwandelte. Er enthielt sich nicht, sie an kleine Dinge jener glücklichen Tage zu erinnern, aber er gewann ihrer Kümmernis kein Lächeln ab. Er war seines lastenden Geheimnisses ledig, dessen Biierkeit sie jetzt auf einmal und in vollen Zügen kostete. Nun waren sie schon so nahe, daß sie Chorgesang im Kloster vernahmen. „Was singen sie dort?" fragte er gleichgültig. „Ich meine, ein Requiem", sagte sie. Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der Pforte die Aebtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen. Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben, das nun auf schnellen nackten Füßen vorausgelaufen war. Die Aebtissin hatte die Ankunft Donna Viktorias in Novara schon gestern in Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesfürchtige und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn das Kloster besaß neben den geschulten Stimmen seines Chores noch eine größere Auszeichnung: die mystische und kagstch sterbende Schwester Beate, welche die blutigen A« an ihrem kranken und abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende,, beherzte Aebtissin hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der \ Macht über den Gatten zutraute, den Nachlaß einer schweren Kriegsst« zu erbitten, welche der gottlose und habgierige Feldherr — dieses Rch genoß Pescara bei der italienischen Klerisei — zuwider den kanonis^ Sätzen und gegen alle Billigkeit auf die Güter des Klosters gelegt hckj Daß aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche Stätte zu bettel« Madonna Viktoria begleiten würde, war der Aebtissin nicht im Tram eingefallen. Sie begrüßte, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen u« blaffen, gefälligen Zügen, das hohe Paar in wenigen gewähllen ü&ortu Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen Erscheinung ihr Eindruck machte. „Ehrwürdige", begann der Feldherr, „Donna Viktoria wünscht währ«, des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich aus ein Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem Sm vente zu genießen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach vollendet» Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?" Rasch erwiderte die Aebtissin, das ihrige stehe zu Gebote. „Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schweslc: mit dem gewöhnlichen Geräte", sagte Viktoria, deren Blässe die AeblW befremdete. Aber sie schrieb diese der begreiflichen Sorge um den zu FeIH ziehenden Gatten zu. „Wenn sich Donna Viktoria eingerichtet hat", schloß Pescara, „wech es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte, filauju und Zelle betreten zu dürfen. Ausnahmsweise, da ich dem Kloster wch will. Ihr sindet mich in der Kirche." Er verneigte sich und schritt an diese zu. Viktoria fragte, was die Nonnen gesungen hätten, und erhielt Antwort: „Ein Requiem. Für die junge Julia Dati, die Enkelin unter greifen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der Aebiiss« während die beiden Nonnen zugeflüsterte Befehle auszurichten gingen. Indessen durchmaß der Feldherr, ohne das Haupt zu entblößen ote irgendeine der Üblichen Devotionen zu verrichten, die Länge der Kirch mit festem Gange, die Arme über dem Panzer kreuzend. Er hatte sitz da er auf dem Heimritte seinen in Novara feldmähig einrückenden Trap pen begegnen muhte, leicht behelmt und beharnischt und schritt wie tu Held und Herrscher auf der Stätte des Gebetes und der Demut. „Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde, „es sei heut- tat letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich tte. es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich wiederfinden, wen: ich ruhe." Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauf*'. Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheiß der Aebüfsi" denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hören, ©elbftbie mystisch Beate war gekommen und vereinigte ihren schwärmerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder schwarzen Augen, meld)« üb Heldengestalt verschlangen. Alle versammelten Himmelsbräute priesen k Colonna selig und beneideten ihre irdische Lust, wahrend die glückW Geglaubte nicht ferne davon in einer Zelle mit gerungenen Händen w zweifelte. Auch Schwester Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Her» der Welt zu bewundern, überwand sich aber tapfer und flehte den Hm mel inbrünstig an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott M entreißen. Aber diese heftigen Gefühle wichen dem harmloseren der CEiteM feit. Nach dem Geflüster einer kleinen Beratung und einem leisen Räuspea» intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtstück, ein Tedeum, das sw auch für den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine andern Prosa oder Sequenz. Und er hätte wohl gelauscht, ober er stand regungslos, wie geben« vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines großen Mm bildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten. Dock) es n»i: nicht das göttliche Haupt, das er beschaute, sondern er betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leid stieß. Dieser offenbar ein Schweizer; der Maler mußte die Tracht und Haltung eins solchen mit besonderer Genauigkeit studiert ober frifch aus dem Leden gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten Beinen, von benot das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und stach mit den dehnte' schuhten Fausten von unten nach oben derb und gründlich zu. Kesftlhmch.' Harnifchkragen, Brustpanzer, Arm- und Schenkelschienen, rote StriimM' breite Schuhe, nichts fehlte. 2lber nicht diese Tracht, die er zur ®enüf!* kannte, fesselte den Feldherrn, sondern der auf einem Stiernacken sitzend Kops. Kleine, blaue, kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, gst"'" sender Mund, blonder, krauser Knebelbart, braune Farbe mit rofig^ Wangen, Ohrringe in Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichst^ und Verschmitztheit wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wußte jjlriffü mit dem Gesichtergedächtnis des Heerführers, daß er diesen kleinen, breit'" schultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den Urner bebeu“: tete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da schmerzte w" plötzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und jetzt wußte er num wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer, der ihm bei Pavia b" Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den Lanzenstoß des neben ihm un b|,! Erde Geduckten empfangend, hatte er einen Moment in dieses kristallen Auge geblickt und diesen Mund vergnüglich grinsen gesehen. Nack ‘'M Erkennung machte das unerwartete Wiederfinden auf den Felbhesi'" weiter keinen Eindruck, und mit freundlicher Miene fragte er die ÄebtW» die jetzt neben ihm stand, um ihn zu Donna Viktoria abzuholen, wer -n gemalt hätte. Sie antwortete, die Augen slüchttg niederschlagend: „-0® Mantovaner, begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die b°:' Kloster gerne wieder scheiden sah." (Fortsetzung folgt.) __ Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Aniverf itätS-Buch- und Steindruckecei, X Lange, ®ie6eI>‘