Siehener KmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Freitag, den 15. Mai Nummer 38 Oer Kopf im Fenster. Erzählung von Wilhelm von Scholz. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. Heute abend strahlt der Himmel... Von Theodor Kramer. Heute abend strahlt der Himmel über allen Gassen klar; heute abend ist der erste warme Tag in diesem Jahr. Ohne Hut und ohne Weste ist es heut ein leichtes Gehn; Tau netzt die Kastanienäste und die Blütenkerzen wehn. Würzig ist die Luft und flüssig, vor den Schenken ist es voll; gerne wird man heut nicht schlüssig lang, wohin man gehen soll. Wo man hinkommt, sind die Leute heut gefällig und zur Hand; jeder Schilling, den man heute ausgibt, ist gut angewandt. Leicht bekömmlich ist der Braten, und der Wein macht heut nur klar; heute abend ist der erste warme Tag in diesem Jahr. Ein junger deutscher Maler, der um die neunziger Jahre in der Nahe Roms allein in einem kleinen Weinberghaus lebte, kam in einer schönen, klaren Mondnacht, nachdem er mit ein paar Kunstgenossen lange beim Wein zusammengesessen hatte, gegen die zwölfte Stunde nach Haus. Er ging seinen nicht ganz kurzen und sehr einsamen Heimweg, der bei der letzten Haltestelle der Straßenbahn begann und dann meist zwischen hohen weißen Mauern hinführte, oft spät bei Nacht, auch wenn kein Mond schien, und stets ohne Furcht. Er war nicht reich, trug nichts Kostbares bei sich, sah mit seinem braunen Ilmhängemantel und dem breitkrämpigen Hut für Räuber wenig verlockend aus und hatte, was ebenfalls wichtig ist, auch kein Liebesverhältnis in Rom. Warum sollte er Furcht haben? — Er dachte an seine Braut in Deutschland, trug fast immer einen Brief von ihr in der linken inneren Westentasche dicht über dem Herzen, redete manchmal mit seinem kleinen Hunde, einem Spitz, der sich nie weit von seinem Herrn entfernte. Der Maler hatte auch einen, seit er ihn vor Jahren kaufte, nie abgeschossenen Revolver bei sich. Warum also Furcht? Nur wenn er an der Gartentür seines Hauses ankam, fürchtete er sich so lange bis er aufgeschlossen hatte, d. h. er redte sich mit fast behaglichem Gruseln selber Furcht ein, spielte mit dem Gedanken, daß um die Erke — die hohe Mauer bog etwa fünf Meter hinter der Tür nach hinten in einen schmalen Weinbergsweg um — plötzlich ein Kerl hervorstürzen und ihn am Aufschliehen verhindern könnte. Darum hatte er immer öte Schlüssel schon aus der Tasche, ehe er an das Psortchen kam, und schloß so schnell als möglich auf, wobei er oft genug mit dem Glimmlicht seiner. Zigarette das Schlüsselloch suchte. Dann schloß er ebenso schnell hinter sich zu und fühlte sich geborgen, hatte fast ein Bedauern darüber, daß nun fein Wegelagerer an die verschlossene Eisenpforte vergeblich anrannte. Er ging mit seinem Spitz ins Haus, nahm, wenn er die Haustür aufgeschlossen hatte, den Kerzenleuchter, den er links auf den abgetretenen Ziegel liefen bereitgestellt, machte Licht, prüfte den Turverschluß der ebenerdigen Räume, die mit Ausnahme der kleinen Küche kalt waren, und die er nur zum Abstellen von Gerät, Bildern, Spannrahmen, Kisten und Gerümpel benutzte, und stieg dann die knarrende Treppe in den ersten und einzigen Stock hinauf, wo sein Atelier und sein kleines Schlafzimmer sich befanden. Das Schlafzimmer war eigentlich mehr ein Alkoven, der immer zur Werkstatt offen stand, so daß man vom Bett aus das große eingebaute Fenster und darin die Sterne ober die erglühenden JKorgenwolken sehen konnte. , Sein heutiger Heimweg war nicht so ganz ohne Beunruhigung gewesen. Cs war zwar nichts Greifbares geschehen, und vielleicht war der Maler nur durch ein Gespräch über unheimliche Dinge, welches die Freunde gepflogen hatten, ein wenig aufgeregt, so daß ihm Dinge als besonders vorkamen, die immer gewesen sein mochten, und die ihm nie aufgefallen waren. Einmal allerdings bellte sein Spitz auch in einen dunklen Gang breitäftiger Linden hinein, an dem der Weg etwa 300 Meter vor seiner Wohnung vorbeiführte. Viel harmlosere Dinge hatten ihn aber schon vorher in eine ihm ganz ungewohnte ängstliche Aufregung versetzt. Zunächst hatte ihn noch in der Straßenbahn ein etwas verwegen aussehender Mann, der Erdarbeiter oder dergleichen sein mochte, nach dem Valle San Giorgio gefragt, einem gänzlich einsamen Tälchen mit einer Kapelle, zu dem der Weg nicht weit hinter seinem Hause vorbeiführte, und das so spät in der Nacht aufzusuchen kein vernünftiger Grund auszudenken war. Das beschleunigte etwas seinen Schritt gegen sonst, als er ausgestiegen war, und hielt ihn ausnahmsweise einmal in Vorstellungen von möglichen Gefahren auf seinem Wege, so daß er seinen Revolver in der Tasche entsicherte, sich auch mehrmals umsah, ob jemand ihm folge. Nun fing sich der harte Schall seines Schrittes auf dem Feldsteinpflaster bei der weiten Nachtstille oft deutlich vernehmbar im Echo der Wegbiegungen. Da hielt der Maler jedesmal an, der Echoschritt auch, der sich nachklappend wieder in Bewegung setzte, sobald der späte Wanderer erneut zu gehen begann. Das dauerte längere Zeit so fort, und der Maler fing schon an, sich einen Angsthasen zu schelten und seinen guten Humor wiederzufinden, als er plötzlich bei einer Biegung vor sich auf dem Wege einen Mann gehen sah, der sich einmal nach ihm umwandte und dann mit gleichmäßigen langsamen Schritten nach rechts obbog. Er hatte das bärtige Gesicht des Fremden bei dessen kurzer Kopfwendung nur sehr undeutlich sehen können. Aber die Gestalt, ein gedrungener mächtiger Mann, war ihm mit ihrem ganzen bewegten Umriß eindrücklich bewußt geworden, und auch das Schreiten des Schattens an der Mauer, von der er bann auf bas.Pflaster des Weges hinabglitt, um [einem Herrn langsam in den Seitenweg zu folgen, hatte er bemerkt. Von diesem Augenblick an hob sich die Stimmung des Wanderers, der Maler siegte über den Angsthasen, fand plötzlich, daß der Fremde ungefähr eine solche Gestalt sei, wie er sie schon lange — erst neulich wieder auf dem römischen Modellmarkt — für sein neues Figurenbild einer nächtlichen Rivalenszene suchte, und bedauerte, das Gesicht des Bärtigen nicht genauer gesehen zu haben. Zu Hause angekommen, holte der Maler aus einem Winke! seiner Werkstatt sofort die große Pappe mit der Skizze seines Rivalengemäldes hervor, stellte sie auf die Staffelei und umriß mit Kohle die Gestalt des bärtigen Mannes. Er hatte die ihm noch fehlende Figur ursprünglich als den Angreifer gedacht, der von einem Mauereck verborgen auf den am Tor sich eben zärtlich verabschiedenden Liebhaber der ungetreuen Frau mit gezogener Klinge wartet. Nun verschob sich ihm, ehe er sich's versah, die ganze Idee. Der Bärtige mußte der Angegriffene sein und zwei mußten ihm auflauern. Er nahm einen großen Zeichenblock und skizzierte den neuen Gedanken flüchtig, jetzt rasch ermüdend und mit dem sehnlichen Wunsche, ins Bett zu kommen. Der Spitz hatte sich längst auf fein Polster in der Nähe her Tür hingestreckt und schlief. Ehe er ins Bett ging, stand er vor dem hohen Fenster still und sah in die Mondnacht hinaus. Die Wipfel einiger Ulmen filberten in leichtem Wind, den man nicht hörte. Der Maler genoß wohlig die ganz einsame Lage seines Hauses; roeitum war keine andere Menschensieblung zu sehen. ' Unten in dem ungepflegten Garten lag der schwarze Mauerschatten und ein Stück scharfer Dachschatten des Hauses. Er öffnete eine Scheibe, atmete einmal tief, sah die glatte Hauswand hinab bis zum Boden, der im Mondschein'mit seinen kleinen Erhebungen und Senkungen merkwürdig plastisch aussah, schloß das Fenster und ging zu Bett; schlief auch gleich ein. Er wußte nicht, wie lange er geschlafen, und was er geträumt hatte, als er plötzlich aufwachte, sich aufrichtete und sich besann. Ihm war so, als ob er geträumt hätte: irgend etwas Wirres, Aengstliches. Er wollte sich beruhigt wieder umlegen, aber warf vorher nur schnell noch vom Bett einen Blick ins Atelier hinein, in das jetzt ein Lichtstreifen des vollen Mondes fiel. Da sah er seinen Spitz mitten im Raum stehen, ganz vor- geftretft, den Kopf nach dem Fenster gerichtet, ohne zu bellen. Das war sonst die Art des Hundes nicht. Der Maler rief ihn leise an. Der Spitz schien nicht im minbesteik zu hören und veränderte seine gespannte Haltung nicht. Da hob der Maler den Blick nach dem Fenster, auf bas ber Hund zu starren schien. Durch bie Scheibe sah mit einem angstvoll verzerrten Gesichtsausdruck ber Kopf bes Bärtigen herein, als hätte sich ber Mann bis zur Brusthöhe am Fenstersims emporgezogen. Das starkknochige, verwilderte Gesicht war mit seinem wilden Haar und Bart bis in alle Einzelheiten ganz deutlich zu erkennen. Die Augen waren angstvoll auf- gerissen, ber Mund wie hilfeflehend geöffnet, so daß man die Zahne sah. An der linken Schläfe schien das Haar etwas zu kleben und Blut herunter» zutropfen. Don den Händen, die sich noch hätten am Fensterstein halten müssen, war nichts zu sehen; die Oberarme lagen gerade am Körper an. Es sah dem Maler jetzt so aus, als würde der Mann von unten vor die Scheibe geschoben, wie er da reglos starr in bas Fensterbild hineinragte. Da zerging -er grausige Anblick, ohne daß eine Bewegung wahrzunehmen gewesen wäre; und der Maler sah jetzt ebenso deutlich wie vorher den Kopf die ferne Baumsilhouette, die fast den gleichen Umriß bildete. In diesem Augenblick veränderte der Hund seine Stellung, lief zu seinem Herrn, sprang an ihm wie schutzsuchend herauf, wandte den Kopf noch einmal zum Fenster und stellte sich dann erwartungsvoll vor seinen Herrn, wie er’s vor dem Ausgehen zu machen pflegte, wenn der Herr den Mantel anzog. Er schien seinen Herrn, der das über seinem nachwährenden Schreck nicht bemerkte, geradezu zum Weggehen zu drängen. Na, da soll doch —", fuhr es dem Maler heraus, in den jetzt Bewegung kam. „Was war das, Spitzchen?" Der Hund sah seinen Herrn an und wedelte und drängte, während er endlich entschlossen seinen Revolver vom Nachttisch nahm und zum Fenster ging. Die Scheiben standen groß und leer im Mondlicht. Er öffnete und sah in den Garten hinab. Wege und Beete lagen still und hell. Es war nichts von einem Menschen zu sehen, auch nichts von einer Vorrichtung, die so schnell nicht entfernt sein konnte, an der Hauswand bis zum Fenster hinauszukommen. Er sah noch einmal hinab, ob sich die Büsche irgendwo bewegten. Sie standen reglos und schon ein wenig herbstlich entlaubt im Mondlicht. Leise schloß der Maler das Fenster und ging mit dem Hund und Revolver aus den Treppenflur, um auch dort nachzusehen. Der Spitz, der sehr wachsam war und gut witterte, umwedelte und bedrängte ihn noch immer zum Weggehen, gab aber, als sie aus der Ateliertür traten, nicht das mindeste Zeichen von Aufmerksamkeit; im Hause selbst konnte also niemand sein. Das Hinaussehen aus dem Treppensenster, bis unter dessen Gesimse sich neben der Haustür Weinlaub emporrankte, brachte auch kein Ergebnis. Wie nach der Atelierseite lag Nähe und Weite ruhig schweigend da, wie mit offenen Augen schlafend. Nach einer Weile schrie irgendwo ein Steinkauz. Der Maler überlegte zumal der Spitz noch immer die größte Lust zum Weggehen zu haben schien, ob er sich anziehen und wenigstens den Garten absuchen solle, verwarf den Gedanken aber wieder aus begreiflicher Aengstlichkeit. Nur wachbleiben wollte er und aufpassen, ob sich noch etwas rühren würde in dieser Nacht. Dann aber wurde er über die ganze Störung ärgerlich, erklärte sie für abgetan, schob des Hundes Polster bis vor sein Bett und legte sich nieder schlief auch nach einem wiederholten Ausschauen und Horchen aus seinen'Kissen wieder ein. Bis zum Morgen kam keine Störung mehr. Als es Tag war und die Sonne hell vor seinem Werkstattfenster im Garten lag, war er schon bereit, über die ganze Sache zu lachen. Während er arbeitete, klopfte es unten am Tor. Er zeichnete erst noch ein paar Striche, ehe er sich die Stiefel anzog und hinunterging, um aufzumachen. Es mußte die Bäuerin sein, die ihm morgens von ihrem nicht allzuweiten Gehöft die Milch brachte. Als er herunterkam, war niemand mehr da. Es stand auch keine Milchkanne vor der Tür. Er schlenderte die Straße bis zum nächsten Ouerweg hinunter, in dem ein Brunnen war; da tränkte die Bäuerin manchmal ihren Esel. Schon von weitem hörte er Stimmen und sah, als er umbog, eine Gruppe von Leuten beisammen- stchen, die erregt sprachen und zwischen sich auf den Boden sahen. Zwei Gendarmen waren dabei. „Ist was passiert?" fragte er, als er näherkam. „Es ist einer ermordet worden heute nacht", antwortete einer der Leute, und der Gendarm fragte ihn, ob er etwas Auffälliges auf seinem Heimwege gesehen oder nachts in der Nähe seines Hauses Hilferufe gehört habe. Er wollte seine Gespenstergeschichte, an die er selber nicht mehr glaubte, hier vor den Leuten nicht erzählen, und sagte nur, daß ihm ein Mann begegnet sei, und daß ihn in der Straßenbahn einer nach dem Wege zum Valle di Giorgio gefragt habe. „Haben Sie den Mann, der Ihnen begegnet ist, so genau gesehen, daß Sie ihn wiedererkennen würden?" — Nein, aber immerhin habe er Anhaltspunkte. Er habe gesehen, daß er bärtig war. — „War es der?" fragte der Gendarm und deckte den mit einem Sack verhüllten Körper der am Boden liegenden Leiche auf. Dem Maler, den schon das Zusammentreffen seiner merkwürdigen Traumerscheinung mit dem Verbrechen, das hier entdeckt worden war, aufgeregt hatte, versagte die Stimme. Genau so wie am Fenster: mit offenen Augen, etwas Blut an der linken Schläfe und zusammengeklebten Haaren starrte ihn der bärtige Kopsen. Und jetzt begriff er auf einmal den Ausdruck dieses Gesichts, das noch immer eine Seele widerzuspiegeln schien: es war ein Hilferus, ein Herbeizwingenwollen des nächsten Menschen zur Rettung. Und wie er das erkannte, schien der Ausdruck des Kopfes in Vorwurf überzugehen, der den Maler erschütterte: sein Hund, dessen Benehmen er in der Nacht nicht beachtet hatte und das ihm jetzt klar wurde, hatte dem Bedrängten, der nach Schutz suchte, zu Hilfe eilen wollen, und er, der Herr, hatte es in seiner Angst um sich selber nicht verstanden. Der Maler schämte sich und sagte endlich tonlos zu dem Gendarmen: „Ich glaube, dieser Mann war es." Dann erfuhr der Maler aus weiteren Gesprächen, daß der Ermordete, ein ehemaliger Schäfer aus Albanien, ein Sonderling war, der behauptete, er besitze die Gabe des zweiten Auges, wisse die Zukunft voraus, und könne Krankheiten mit Sympathie heilen. Er habe manche Schicksale sehr gut vorausgesagt, auch einmal einen großen Brand, der in derselben Stunde geschah, so deutlich geschildert, als sähe er ihn, während die Brandstelle über zwanzig Meilen entfernt lag. Einer sagte: „Um so merkwürdiger ist es, daß er dann nicht diesen Weg vermieden hat, der ihn zum letzten wurde!" Da brachte der Gendarm, der den Tascheninhalt des Ermordeten durchsuchte, einen Zettel ans Licht, auf dem stand: „Ich gehe jetzt einen schweren Weg. Vielleicht kehre ich nicht heim, rette aber ein anderes Leben." — Die Mörder wurden bald darauf verhaftet. Es waren mehrfach vorbestrafte Kerle, die in der Gegend als Wegelagerer bekannt waren. Sie gestanden ein, daß sie den deutschen Maler hätten Überfallen und dann in aller Ruhe seine ganzen Habseligkeiten aus dem verlassenen Hause fort« schaffen wollen. Sie hätten sich aber in der Person geirrt, so daß ihnen der Richtige entkommen sei. Der Maler zog noch am selben Tage in einen Gasthof der Stadt und kehrte bald über die Alpen nach Deutschland zurück. Oer Maler Spihweg. Von Wilhelm B o e ck. Wenige deutsche Künstler haben es in ihrem Vaterlande zu solcher Popularität gebracht wie Spitzweg, und es kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß er diesen allgemeinen Ruhm sehr wesentlich dem volkstümlichen Inhalt seiner Bilder zu verdanken hat. Doch auch den- enigen, der sich im besonderen mit Kunst beschäftigt, gilt heute der be« cheidene Münchener als einer der geschätztesten Meister des 19. Iahr- ;underts. Wie dem Kunsthistoriker für diese Wertung nur die künstlerischen Eigenschaften von Spitzwegs Meisterarbeiten maßgebend sind, so pielt aber gewiß auch im Urteil des Publikums, ohne daß es zum Bewußtsein zu kommen braucht, das Künstlerische neben dem Inhaltlichen eine bedeutende Rolle. Käme es auf dieses allein an, so hätten manche einer Zeitgenossen, die es verstanden, durch den Gegenstand zu interessieren, weit berühmter werden müssen. Denn Spitzweg war keineswegs der einzige, der solche Motive behandelte, wie jeder sie ohne nähere Beschreibung aus seinen Werken kennt. In Wahrheit beruht die ansprechende und überzeugende Wirkung seiner Bilder weder auf dem einen noch auf dem andern, sondern auf_ber absoluten Uebereinftimmung, die zwischen Inhalt und Form herrscht. Sie ist auch bei Spitzweg insofern historisch gewährleistet, als er seine Form in keiner Weise zufällig in einem wohlrenommierten Atelier erlernte, sondern als Autodidakt allein auf eigenen Pfaden suchte und fand. Und wo er sich von fremder Art anregen ließ, da war sie seinem Wesen so absolut gemäß, daß man von „fremd" eigentlich gar nicht sprechen kann. Man darf sich nun keinesfalls vorstellen, als habe Spitzweg voll von Vildgedanken gesteckt, für deren Verwirklichung er nach einer geeigneten Form ausgeschaut habe. Beide Faktoren haben sich vielmehr zusammen und aneinander entwickelt. Eine „Einstellung von vornherein" lag Spitzweg zu jeder Sache vollkommen fern, ja er besaß von vornherein überhaupt nicht einmal eine Einstellung zur Kunst, deren eigner Genius sich ihm wie ein Frühlingsblümchen in der Erde solange verbarg, bis einmal die Sonne besonders warm auf den fruchtbaren Boden herab- schien. Das war, als Spitzweg nach seinem pharmazeutischen Examen und einer schweren Erkrankung stille Tage im Kurbad Sulz am Peißenberg erlebte. Von der beschaulichen Gesellschaft, die er dort antraf, wurde er auf künstlerisches Arbeiten aufmerksam und selbst zu praktischen Versuchen bewogen. Einer dieser Feriensreunde brachte ihn dann auch in München selbst mit der Künstterschast, darunter Schwind und Schleich, zusammen, und so kam er von seiner neuen Tätigkeit nicht mehr los. Er selbst hatte aber auch nicht mehr die geringste Lust, zu seinen Apothekertöpfen zurückzukehren, und lieh seine wissenschaftliche Vorbildung Vorbildung sein; er hatte, so schien es ihm, nun ein besseres Los erwählt. Kurz vorher war fein Vater gestorben, so daß auch von feiten seiner in München wohl angesehenen Familie kein Einwand gegen die plötzliche Umkehr erfolgte. Ueberbies setzte ihn bas Vermögen seines Vaters inftanbe, fein ganzes Leben über in Ruhe unb Sorglosigkeit zu schassen. Die späte Erleuchtung, bie Spitzweg in Sulz erfuhr, war bafür aber eine gründliche und wurde von ihm selbst vollauf ernst genommen. Wenn er sich auch — wohl zu seinem Glück — zu alt vorkam, um nun noch einmal die Malerakademie zu besuchen, so versäumte er doch keineswegs, sich gewissenhaft zu bilden: Er reifte. Nach London, Paris, Antwerpen, Venedig führten ihn seine Studienfahrten und bereiteten einen großen Reichtum verschiedensten alten und neuen Kunstgutes vor ihm aus, aus dem er sich Anleitungen herauswählen und seinen Wünschen gefügig machen konnte. Das tat er denn auch ausführlich, ohne dabei ja feine persönlichen Ziele aus dem Auge zu verlieren. Bei dieser Gründlichkeit und da er verhältnismäßig spät angefangen hatte zu arbeiten, gelang es ihm erst als Vierzigjähriger (er war 1808 geboren unb starb 1885), ben Stil ben er sich selbst erarbeitet hatte, vollkommen zu meistern. Mannigfaltige „frembe" Elemente waren in biesem Stil aufgegangen: In Paris fanb er bei bem Spanier Narcisse Diaz Aehnliches verwirklicht wie er selbst erstrebte, in ber Hauptsache aber hing sein Blick an ben belitaten Arbeiten verschobener alter Meister. Gefiel ihm in Venebig an Guardis Silbern die akzentuierende Verteilung der bunten Farbfleckchen und die anmutige Verbindung von Architektur und Staffage, so waren ihm als Landschafter die Holländer und unter ihnen die Vertreter der Schule von Haarlem besonders vorbildlich. Von Ruisdael nahm er den kräftigen Wechsel von Licht und Dunkelheit, von Brouwer die anspruchslosen sandigen Motive. Den tiefsten Eindruck unter allen muß indes Rembrandt auf ihn gemacht haben, so wenig er selbst sich mit ber Größe biefes Einzigen zu vergleichen vermessen hätte, unb so wenig auch wir ben Gehalt beiber in Beziehung setzen können. In Komposition und Technik verdankte er ihm aber Außerordentliches, wenn auch das meiste sich selbst. Denn uns scheint Spitzweg mit Recht als etwas ganz Unabhängiges, Eingeborenes, Selbständiges von unverkennbarer Eigenart und Einmaligkeit. Er scheint es uns so sehr, daß wir darüber leicht die Vielseitigkeit seiner Begabung und seiner Werke vergessen, die sich als eine notwendige Folge seiner vielseitigen Umschau zeigen mußte. Ebenso unerschöpflich wie die Reihe seiner Gegenstände, die er jeden Augenblick mit seinem geschulten Auge ergriff und aus seiner zarten Phantasie wie beweglichen Bildung ergänzte, ist auch die Fülle seiner Ausdrucksweisen. Diese liegen im großen und ganzen zwischen zwei Polen, bem Realistischen unb bem Märchenhaften. Dem entsprechen auch bie beiben Farbgruppen in seinem Silbe: Einmal verwenbet er die trüben dunklen Erdfarben, wie er sie bei den holländischen Landschaften gesehen hatte unb wie sie anroenbbar sind, um den trüben irdischen Lebensgang schlicht unb recht abzubilben. Auf ber anberen Seite aber besitzt ber Gesinnungsgenosse Moritz von Schwinds auch bie sonntägliche Fähigkeit, mit Farben, die so hell und licht sind, daß sie in dieser Reinheit im Gesicht ber Erbe kaum erscheinen, ein unwirkliches Dasein hervorzuzaubern. Wie bie Personen feiner Silber manchmal tief im Staub zu waten scheinen unb bann roieber phantastisch beschwingt einer besseren, ungetrübteren Welt angehören, so gibt es auch in feiner Malweise tausenb Zwischenstufen vom unwahrscheinlich blauen zum regnerisch düstern Himmel, vom Haus in >er eitrigen Sonne zur verfaulenden Hütte, von allzeit fröhlichen zum »art geplagten Menschenkind. In dieser Art geistreicher und zugleich «elenvoller Durchdringung von Jenseits und Diesseits liegt der nie uersiegende Reiz von Spitzwegs Schöpfungen, deren jede eine neue nicht uorauszuahnende Mischung darstellt. Darin liegt das Geheimnis, daß er nie enttäuscht, weil er eben in seiner Kunst das Gegenteil von eintönig fft, wie man etwa aus einer hochmütigen Entfernung vermuten könnte. Trotzdem hat er selbstverständlich das, was die Gegensätze im Innern ■nt und was das Wahrzeichen der großen Persönlichkeit ist. Er hat eine . nvergleichliche Kraft, die ihm allein in dieser Weise eigentümlich ist, innen Humor, der mit so aufrichtiger Gesinnung vorgetragen wird, daß hn jedermann ernst nehmen muh, eine innige Liebe zur Welt und'allen iiren kleinen Vorzügen und Mängeln, eine allen Versuchungen zum ürotz stets beherzte Hingabe an alles Lebende und Belebte und eine . nübertroffene Souveränität, das äußerlich Unscheinbare kraft dieser i!iebe zu adeln und zu erheben. Als echter Lyriker gibt er dem Wertlosen Bedeutung und gewinnt als armer Hirte ein unbekanntes Königreich. ;rin Königreich, in dem es keine Gerichte gibt, weil alle Leute sich ver- iragen und jeder die Schnurren des andern geduldig in Kauf nimmt. Ko alle anspruchslos sind, weil der Ehrgeiz und Neid aus der Mode «kommen sind und Bequemlichkeit und Beschaulichkeit allen anderen Tugenden vorgezogen werden. Wo die Sittlichkeit nicht gefährdet wird, veil alle ungestümen Triebe nusgerottet sind, wo es das größte Verzechen ist, den andern in seinem egoistischen Behagen zu stören. Mit einem Wort, im Wunderland von Spitzwegs Bildern herrscht eine laeifpiettofe Toleranz, wie sie auch für Humoristen nicht gewöhnlich ist, hne daß sich eine Dosis Satire ober Ironie beimengt. Bei Spitzweg hlen sie, sein Verhältnis zur Welt ist bei allem Streben über sie hinaus ii unbedingt bejahend, aufrichtig und gerade, daß sich kein schiefer Ge- -inte in die Register seines Tagebuchs einzuschleichen vermag. Seibern Kaftslos und doch voll tiefen Empfindens und echter Musikalität leben iine bescheidenen Egoisten zwischen Mauern, die Geschichte atmen, »agieren sie, ohne nach der Uhr zu sehen, durch schwüle, windstille, abend- !che Landschaften. Auch als Mensch war Spitzweg frei von jeder Zweideutigkeit, und der Veg, den er zwischen Wunsch und Wirklichkeit gesunden hatte, ganz israde. Person und Werk decken sich bei ihm restlos, an feinen Bildern töt nichts Falsches; er matte genau das, was er lebte. Ein ebenso gutmütiger und nachdenklicher Egoist wie seine Kaktusfreunde, Bibliothekare laib Dachstubenbewohner war er selbst. Wir sprachen schon bavon, baß er hin ganzes Leben äußerlich sorgenfrei war, und ba er aufjerbem unver- teiratet blieb, so hinberte ihn zeitlebens nichts zu tun und zu lassen, was er ballte. Neidlos, wie er darum fein durste, trug er den Menschen ein r jenes Herz entgegen, und wurde nur empfindlich, wenn sie ihn in Inner Arbeitsruhe stören wollten. Anmaßende Menschen waren ihm ein sllcher Greuel, daß er feine Bilder lieber feinen Freunden verschenkte, ns sie unsympathischen Käufern zu überlassen. In seiner Münchener Junggesellenwohnung mag es ähnlich idyllisch msgesehen haben wie in manchen seiner gemalten Stubierftuben, und henn er durch die nächtlichen Straßen ging, so kam er sich wohl selbst nur wie einer, der als treuer Hüter und Wahrer der Stunden über dem lichlaf der Bürger wacht. Und ebenso einsam, aber ohne menfchenseind- ithe Gedanken wird er als „Hagestolz" durch die Felder gegangen (ein, 1 in Los mit freudiger Gelassenheit tragend, weil sich im Herzen die Silber unb Einsälle brängten, baß ihm zumute würbe wie der Lerche, teenn sie fingen muß. Unb wie sie singt, so malte er bann, nicht weil t Kunstwerke schassen wollte, sondern weil es ihm zum Malen zumute nur. Das versichert er in feiner Bescheidenheit: Gedanken, weisheitsvoll, Wenn ich sie jemals hab': Sie brachen immer mir Beim Bleistiftspitzen ab! Das Pferd und der Mensch. Von Albrecht Schaeffer. Aus einem im Insel-Verlag erscheinenden Werk „Roß und Reiter" veröffentlicht das Frühlingsheft des „Insel- Schiffes" eine Betrachtung „Mensch und Tier" von Albrecht Schaeffer, aus der wir den folgenden, die menschlichen Beziehungen zum Pferd tief und schön deutenden Abschnitt mitteilen. Wer unter uns, der Knabe war und von großen Taten und Fahrten tiaumte, war nicht — längst bevor oder ohne daß er je die Bekanntschaft eines Rosses machte — mit einem Hengst beritten, der ihm so treu war nie er selbst feinem Stern, heldenhaft stark und kühn, ihn hintragend dirch Feuer und tausend Gefahren, — ganz zu schweigen von allen Icärchen und Rittersagen, die, tausendmal in der Phantasie wiederholt, c:>n Roß und Reiter wimmelten, unzählbar und unaushörlich. An mein eilftes Pferd erinnere ich mich aus einer Zeit vor dem Lesenkönnen; in einer oorgelesenen Geschichte mußte es am Ende seines aufopferungsvollen Lebens erschoßen werden, aber es sprang zu Tode getroffen auf, um dorthin J. taumeln, wo es feinen Herrn wußte, und zu verbluten, von seinen, ni in, meinen Armen umschlungen und bitter beweint; ein unersetzlicher Szrluft. Auf hölzernen Wiegenkufen stand, aber ein hellbraunes, echtes, toenbig — mir heute noch! — riechendes Fell hatte das nächste, unb unver- Giffen blieb mir die Zwielichtstunde, in der ich an feinem Halse hing, hrbmunb von einer nie verschmerzenden Kränkung und schmerzensselig ihm versichernd, daß ich an ihm den Freund habe, den einzigen auf der Ei'be, der mich verstand. Das dritte haben wohl manche meines Alters so biie ich gekannt und geliebt und beweint; jenen Rapphengst meine ich, b’lffcn arabischer Name „Rih" den Vogel Schwalbe bedeutete, dessen schnelle er hatte, und der so eben dahinrannte im ventre ä terre, bas der weiter ein gestrichen volles Glas Wasser hätte tragen können; Rih, der Einzige, der keinen auf seinem Rücken litt als seinen Herrn, und der sein „Geheimnis" hatte: die zwischen die Ohren gelegte Hand, die feine schon rasende Schnelle in das Unwahrscheinliche, Übernatürliche verwandelte — nicht mehr Lauf, sondern Atemraubendes, Flug, — ah, mein guter, unmöglicher Rih, dein Erfinder kannte den tiefsten Traum in der Knabenseele: das Ideal, das Roß mit dem „Geheimnis", Pegasus-ähnlich, hinein- rennenb ins Imaginäre. Lebenswirklich erschien bann erst ein halbes Menschenalter später die indische Stute von arabischem Blut namens Mimose, ich weih nicht durch welche Zufälle bis an den Rand der Nordsee verschlagen, um alle angeborene Liebe zum Pferd in mir leiblich lebendig und wissend werden zu lassen: Ein Schweißfuchs, dunkelbraun, mit einem Hauch von Rot, Wie wenn das edle Blut das Fell durchleuchte. Feinhaarig dünnen Schweifs, hochaufgesetzt, Auf kurzen Beinen schlanke Stämmigteit, Gedrungnen Halses, von der tiefen Schwanenbrust Aufsteigend, rasch verjüngt zum kleinen Haupte, Mit diesen großen, funkelnd starren Augen, Gläsernen (wie bei Käfern) und den breiten Großoffnen Nüstern, innen glühend von Rubin, Und immer anmutvoll (uralter Würde Erlaüchter Ahnen eingedenk): im Stand die Füße Leicht voreinander, und die Schenkel schwenkend, Tänzelnd im Gang, wie Jeftas Tochter: nie Wird mir dein Wuchs vergessen sein, du zarte Tochter der Wüsten, scheue, feurige, Wie Samums Wirbel heiß, — wo bist du nun? Wenn ich in ihren weichen Gängen —, nein, wenn ich anreitend an keinem Regen ihrer Gliedmaßen, sondern nur an der Veränderung und am Sichbewegen der Dinge umher mein Vorwärtskommen bemerkte; wenn ich in die See reitend über das unterirdische Murren und Donnern in ihrem Leibe erschrak — so lebendig wie in mir selbst —, den Anfang des Wieherns, mit dem sie überrascht auf die Weite antwortete; wenn beim unendlichen Hinjagen mein Körper mir in dem ihren schwand, das Hin- gleiten aber so eben war, daß an der Wahrheit jenes Vergleichs mit dem Glase Wasser nur wenig zu fehlen schien: so erfuhr ich das einige Vielerlei, das auf der Erde Lust und Ruhm aller Reiterei ist: die Erhöhung über den Boden in die Lüste, das Vogelhafte, die Verschmelzung von Leib mit Leib und zugleich die geistige Erhöhung durch die Beherrschung. Denn eben darum hat die leibliche Verschmelzung mit dem Tier nichts von Erniedrigung, weil der Menschenwille nur bewußt wird und steigt; nicht der Reiter verringert sich in das Tier, sondern sein Bestes aus ihm in sich einziehend steigert er sich und mehrt sich. Mögen etliche — wie einst Goethe — in dem ganz oder teils Tiergestaltigen der indischen und ägyptischen Gottheiten eine Verirrung sehn und verabscheuen; den Grund zu solchem Meinen bildet die Anmaßung, die Verwandtschaft zu leugnen, deren jene Völker noch demütig bewußt waren, nicht ohne Mitwirkung des Christentums, das den Menschen emporwürdete über das entseelte Tier. Bei Goethe selber sprach dies Letzte wohl weniger mit als seine Verwandtschaft mit dem Griechen, der das Maß des Menschen so weit erhob, daß er das Tier dem Gott nur zum Begleiter ließ oder ihm nur die zeitweilige Verwandlung — in Stier oder Schwan — erlaubte. Aber wenn nicht der lange Zeitenweg und unsere Beweglichkeit uns so weit von der Verwandtschaft der Pflanze trennte, daß {eins der ältesten Völker sie zu vergotten dachte: ein Gott in Palmengestalt, eine Göttin mit Brüsten aus Rosen hätten auch Goethe überzeugt und gefreut; und auch die Lilie der Legende könnte nicht so nah bei der Jungfrau stehn, wäre die Göttin nicht lilienhast. Aber von solchem Schimmer im Menschentraum ist zu dem wirklichen Pferd nichts gedrungen. Nichts auch davon, daß der Germane feinen höchsten Gott mit ihm beritten machte und es durch ihn heiligte; auch dem Gotte geopfert, starb es (einen kleinen, ihm kaum bekannten Tod. Unter dem Namen Santata ging es mit dem Buddha in feine Sage ein, und als Pegafos erhielt es Flügel an (eine Flanken, nicht als ob es ihrer bedurft hätte, um dadurch mehr zu werden, sondern als Zeichen, daß der Vieles wissende, der sinnlich immer geistige Grieche auch die Geistigkeit wußte, die der Schnelligkeit und Raumüberwindung innewohnt. Wir aber entdecken hier einen Vorzug des Rosses der es zu uns über jedwedes andere Tier erhebt. Denn auch die beste Gabe, die das uns nächste unter den Tieren, die der Hund uns bietet: Geselligkeit, die uns erheitern und trösten kann, bleibt eine Angelegenheit des Gemüts und bleibt daher zurück hinter der fruchtbaren wirksamen Verbundenheit, hinter dem Anteil des Pferdes an der Entwicklungsgeschichte des Menschen. Zu Roß sind die großen Wanderungen der Völker, der germanischen und skandinavischen Stämme wie nachmals der Burgunden und Langobarden, der Hunnen und Goten, der Normannen und Sachsen geschehn und nur durch das Roß möglich geworden. Zu Roß zogen die Kaiser und ihre Heere ihrer Sehnsucht zum goldenen Süden nach; auch das Roß trug das Kreuz, und das Roß eroberte unendliche Länder für den Koran. Im Wagen und auf Rosses Rücken lernte der Mensch zu reifen, überwand er die Fremde, fand er sich Freunde und fand wieder zurück zu den Getrennten; es wurde zu Land fein Schiff, es überwand für ihn Grenzen, Ströme, Ebenen und Gebirge. Ihn auf seinem Rücken leiblich erhöhend, erhöhte es ihn auch geistig, auch seelisch, machte ihn freier und kühner, machte den Reiter ritterlich, ja, cs schuf diese Tugenden, die — heute vielleicht vergessen ober barbarisch scheinend — doch einmal Tugenden waren, die wir unter den ritterlichen verstehn, und die auch den Griechen vor Troja wahrscheinlich deshalb fehlten, weil sie nicht ritten, sondern fuhren (siehe Achills und der übrigen Helden Verhalten an Hektors Leichnam), obgleich auch auf Achills wagenziehenden Rossen das Auge des höchsten Gottes mit Anerkennung und Mitleid ruhte. Der Hund, soviel Güte wir ihm zu danken haben, wir haben ihn aus feiner allgemeinen Tierniedrigkeit doch nicht losmachen können, und fein Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerfitä ts»Buch-undSteindruckerei.R. Lange, Sieben. und liege zu deinen Füßen: erhebe mich und nimm mich an deine Brust!" _ , Viktoria war gerührt, und auch der Kanzler verzog Dränen. „Erlauchte Frau", sagte er, „wer bin ich, der so zu Euch reden darf!" Ich bin nicht wert, daß ich den Saum Eures Gewandes küsse. Ludwig der Mohr, mein allergütigster Herr, hat mich in Mailand von der Gasse aufgelesen und wie einen drolligen kleinen Pudel zu seinen Füßen spielen lassen. Da habe ich meine Erziehung genossen, und an seinem Hofe und später in seinem Dienste das Gesicht und die Gebärde meiner Zeit, den ganzen ausgelassenen Triumphzug des Jahrhunderts betrachtet. Der arme Mohr! Sein Unstern und die Franzosen entführten ihn nach Loches, wo er zehn lange Jahre im Kerker schmachtete. In seinem letzten habe ich ihn dort wiedergesehen: denn damals, durch die Macht der Umstände, befand ich mich in französischem Dienste, und mich verlangte nach dem Antlitz meines Wohltäters. Da ich ihn erblickte, erschrak ich und hatte Mühe, ihn zu kennen. Er sah wie ein Geist: Kerker und Elend hatten seine Miene seltsam veredelt. Erst da er den Mund öffnete, sand ich mich wieder in ihm zurecht. Er lächelte und sagte in seiner unvergleichlich feinen Weise: .Bist du es, Girolamo? Es ist hübsch von dir, daß du mich besuchtest. Ich verarge dir nicht, wenn du in den Dienst meines Feindes getreten bist. Die Umstände zwingen, und wie ich dich kenne, wirst du meinen Söhnen noch ein treuer Freund und Berater sein, wenn das Rad der Fortuna sich wiederum gedreht haben wird. Du bist nun ein gereister Diplomat geworden und verrätst keine schlechte Schule. Weißt du noch, wie ich dir untersagte, dein komisches Gesicht wegzulegen und dein Gebärdenspiel zu mäßigen, mit welchen du dir jetzt deine neuen Freunde gewonnen hast?' So scherzte er eine Weile großmütig, dann aber redete er ernst und sagte: Weißt du, Girolamo, was mich hier in meiner Muße beschäftigt? Nicht mein Los, sondern Italien und -immer wieder Italien. Ich betraute als die Qual meiner Seele, daß ich, vom Weibe verlockt, den Fremden gerufen habe, mit dem ihr jetzt rechnen müßt, und der ein zerstörender Teil eures Körpers zu werden droht. Ich aber sinne, wie ihr wieder euer werdet. Da war der 83atentino, jener Cäsar, Girolamo, mein Söhn» chen das Böse darf nur in kleinen Portionen und mit Vorsicht gebraucht werden, sonst bringt es um. Da ist jetzt der Rovere, dieser Papst Julius, der auf einer Donnerwolke gegen den Fremden fährt, welchen er selbst gerufen hat, nicht minder als ich. Aber der Greis verzehrt sich, seine gewalttätige Seele wird bald in den Hades schweben, und nach ihm bleibt der gewöhnliche Hohepriester, der zu schwach ist, Italien zu gründen, doch stark genug, um jeden andern an dem Heilswerke zu hindern. Girolamo mein Liebling: ich glaube nicht, daß mein Italien untergeht, denn es trägt Unsterblichkeit in sich: aber ich möchte ihm das Fege- feuer der Knechtschaft ersparen. Gib acht, Söhnchen: ich lese zwischen deinen Augen, daß du noch eine Rolle spielen wirst in dem rasenden Reigen von Ereignissen, der über meinen lombardischen Boden hinweg- . fegt Tritt eines Tages aus diesen wechselnden Bildungen eine Macht und aus diesen flüchtigen Gestalten eine Person, aber weder ein Frevler, noch ein Priester, sondern ein Feldherr, der den "faieg an seine eiserne Sohle fesselt, wer und wessen Stammes er fei, nur fein Fremder, dem gib du dich, mit Leib und Seele! Was an Lift und Lüge notwendig ist —- denn anders gründet sich kein Reich —, das übernimm du, mein Söhnchen, er aber bleibe makellos!'" Der Kanzler war aufgesprungen. Seine begeisterte Rede riß ihn, ohne daß er es merkte — und auch die ergriffene Viktoria merkte es nicht —, weit über die Grenze der Wahrheit. „Diesem Erkorenen", rief er aus, „stehe das schönste und reinste Weib zur Seite! Italien will die Tugend l.,blich einherschreiten sehen, um ihr nachzuleben. Unser Eerderben ist die Entfesselung aus der Sitte, der zerrissene Gürtel der Zucht. Hier ist ein Sieg davonzutragen, größer als der auf dem Schlachtfelde, und ein Zauberstab zu schwingen, mächtiger als der Feldherrnstab. Ich sehe sie vor mir, diese Königin der Tugend, die Priesterin, die das heilige Feuer hütet, die Erhalterin der Herrschaft und, Hosianna! ganz Italien wandelt hinter ihren Schritten, lobpreisend und frohlockend!" Der Kanzler machie Miene, Viktorien huldigend zu Füßen zu stürzen, doch er trat zurück und flüsterte verschämt: „So sprach Ludwig der Mohr in seinem Kerker. Viktoria senkte die Augen, denn sie fühlte, daß sie voller Wonne waren und brannten wie zwei Sonnen. Da sagte der Kanzler: „Ich hab« Euch ermüdet, edle Frau, die Augen fallen Euch zu. Ihr müsset morgen frühe auf und seid schwer von Schlummer." Und der Listige trat in die Nacht zurück, die sich inzwischen auf die ewige Stadt gesenkt hatte. Drittes Kapitel. An einem Fenster, dessen Blick über die Türme von Novara und eine schwül dampfende Ebene hinweg die noch morgenklaren Schneespitzen de» Monte Rosa erreichte, sah Pescara und arbeitete an dem Entwürfe de» Feldplanes, der bas Heer des Kaisers nach Mailand führen sollte. unablässig ging er seinem Gedanken nach, daß er die leisen Tritte des Kammerdieners nicht'vernahm und ihn erst gewahr wurde, als jener W Limonade bot. Während er das leichte Getränk mit dem Löffel umruhrte, bemerkte er: „Ich schelte dich nicht, Battista, daß du heute nacht gegen meinen ausdrücklichen Befehl bei mir eingetreten bist. Du magst, nebenan schlafend, mich wohl schwerer als gewöhnlich atmen gehört haben — ein Alp, eine Beklemmung ... nicht der Rede wert." Er nahm einen Schwa aus dem Glase. . , Battista, ein schlauer Neapolitaner, verbarg seinen Schrecken unter einer devoten Miene. Er log und beteuerte bei der heiligen Jungfrau, e habe geglaubt, sich.bei Namen rufen zu hören, nimmer hätte er sich dreistet, ohne Befehl das Schlafzimmer der Erlaucht zu betreten, wahren» er doch in Tat und Wahrheit ungerufen und gegen ein strenges Verve- feines Herrn aus einer schönen menschlichen Regung diesem beigesprunge war. Er hatte ihn schrecklich stöhnen hören und dann in feinen zlrmei auf dem Lager emporgehalten, bis der Feldherr den Atem wiedersano- (Fortfetzung folgt.) ____ Name dient uns noch heute als Schimpfwort. Ochs, Efe! Katze, Sdjaf, Schwein, Kamel, Hund — mit all ihren Namen, die uns doch nahe und gut sind wissen wir uns untereinander zu schmähen: nur mit dem Pferd beleidigen wir uns nicht, ein Negativ — aber doch ein Anzeichen für schöne Wahrheit. Größe ist allemal Größe und Höhe allemal Hohe: weil wir geistig sind, kann uns nichts ungeiftig sein. Geistig ist auch der Raum und geistig darum uns das Pferd, das uns hochtragend zuerst ihn zu verneinen half, und fo jahrtausendelang, bis wir lernten, uns selber anders zu helfen. Die Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) Viktoria wendete sich unwillig und wählte den entgegengesetzten Ausgang. Sie bedurfte Kühlung und stieg in den Garten hinab. Mit dem letzten Tageslichte betrat sie den hinter dem Palaste liegenden Raum, welcher, von hohen Mauern eingehüllt, voller Lorbeer und Myrte war und den der nachtröpfelnde Regen erfrischte. Ihre Schritte suchten das den Garten abschließende Kasino. Die Helle genügte noch, wenn auch mit Mühe die Lettern zu unterscheiden in dem Evangelienbuche, welches sie im Vorbeigehen aus der Bibliothek genommen und vor das sie sich gesetzt hatte, die heiße Stirn in den gefalteten Händen. Ganz erfüllt von dem Schicksale Juliens und dem größeren Pescaras, durchlief sie mit den Augen gedankenlos die aufgeschlagene Seite und atmete in vollen Zügen die erfrischte Luft. Nach einer Weile wurde sie sich dessen bewußt, was sie las: es war die dreimalige Versuchung des H^rn durch den Dämon in der Wüste. Sie las weniger mit dem leiblichen als dem geistigen Auge, was sie von Kind an auswendig wußte. Sie sah den Dämon vor den Heiland treten, welcher das einfache Wort der Treue und des Gehorsams den Sophismen des Versuchers ent- . gegenhielt. Als der Versucher heftiger drängte, deutete des Menschen . Sohn auf die Stelle feiner künftigen Speerwunde ... Da wandelte sich das weiße Kleid in einen hellen Harnisch, und die friedfertige Recht« bepanzerte sich. Nun war es Pescara, der die Hand über seine durch- schimmernde Wunde legte, während der Dämon jetzt einen langen schwarzen Juristenrock trug und sich wie ein Gaukler gebärdete. So sah es die Colonna auf dem vor ihr liegenden Bibelblatte. Aergertich über das Spiel ihrer Sinne, tat sie sich Gewalt an und blickte auf. Wer bist du, -und was willst du?" rief sie erstaunt, und eine vor ihr sichende dunkle Gestalt antwortete: „Ich bin Girolamo Marone und komme zu reden mit Viktoria Colonna." Viktoria erinnerte sich, wen ihr heute der Papst gezeigt hatte, und gewahrte jetzt auch den einführenden Diener. Dieser entflammte die über der Herrin schwebende Ampel, rückte dem Kanzler einen Schemel und entfernte sich, während die Marchesa in der entstehenden Helle das häßliche, aber mächtige Gesicht ihres nächtlichen Gastes betrachtete, das ihr keinen Widerwillen einflößte. „Zu später Stunde", sagte sie, „suchet Ihr mich: doch Ihr bringt mir wohl einen Auftrag an meinen Herrn, zu welchem ich morgen in der Frühe verreise." „Vor Pescara denke ich bald selbst zu stehen", erwiderte Marone, „und nicht von ihm werde ich Euch reden, sondern allein von Viktoria Colonna, welche ich mit ganz Italien verehre und anbete wie eine Gottheit, der ich zürne, und gegen die ich Klage erhebe." Wer seid Ihr, um so mit mir zu sprechen? lag es aus den Lippen der Marchesa, dach sie fragte rasch und warmblütig: „Wessen klaget Ihr mich an? Was ist meine Schuld, Marone?" „Daß Ihr Euer helles und begeisterndes Antlitz in Rollen und Bücher vergrabet und unter Schatten und Fabeln lebet! Daß Ihr den ersten Cäsar verabscheut und dem neuesten huldigt, daß Ihr Traja beweinet und Euer Volk vergesset, daß Euch Prometheus' Bande drücken und die Fesseln Italiens nicht schmerzen! Drei Frauen haben sie geschmiedet!" „Welche dreie?" fragte sie. „Die erste war Beatrix Este. Wann ihr alternder Gemahl, der Mohr, sie auf den schwellenden Mund küßte, flüsterte sie, daß ihren blonden Flechten ein Diadem anftünbe, der kluge Mohr verstrickte sich in die blonden Flechten und vergiftete feinen Neffen, den Erben van Mailand." „Die Schändliche!" Der welkende Knabe hatte ein stolzes und feuriges Weib, die Aragonesin Isabelle, die Beatrix tödlich haßte, und mit ihren jungen, kräftigen Armen den siechen Knaben ihren Gemahl auf den vorenthaltenen Thron heben wallte, sie beschwor und bestürmte ihren Vater, den König van Neapel, bis dieser den Mohren bedrohte." „Aermste!" „Der Mohr war sicher, solange der Gebieter von Florenz, der junge Medici, dazwischen stand. Dieser war das Spielzeug seines Weibes, der hochmütigen Alfonsine Orsini, und das Weib übermochte ihn, daß der Tor dem Mohren Freundschaft und Bündnis kündigte. Da rief der Mohr den Fremden." „Unselige!" „Dreie haben Italien gefesselt. Die vierte, die Ihr seid, muß es er= lösen!" „Kanzler, ich bin nicht das Weib eines Greifes, noch eines Knaben, noch eines Toren, noch eines andern von denen, die sich vom Weibe berücken lassen, und ... ich begehre keine Krone." Sie errötete und wurde wie Purpur. „Herrin", sagte der Kanzler, „die Krone begehrt Euch. Erbarmt Euch Eures Volkes, und vertretet es bei Pescara! Ich sage nicht: liebkoset, umgarnet, verleitet ihn! Ich verschwöre mich mit Euch, ich verabrede keine Rollenteilung, ich lasse Euch reisen, ich laufe mit Euch in die Wette, wer ihn zuerst erreiche. Und seid Ihr die erste, so umfanget feine Knie und redet aus der Fülle Eures Herzens und flehet: Pescara! Ich bin Italien