SietzenerZamMnblAter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |93( Montag, den ^.Dezember Nummer 98 Oie Mutter Gottes an der Wiege. Volksweise. Dort oben vom Berg« weht kühlender Wind, Da sitzet Maria und wieget ihr Kind, Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand, Drum brauchet sie nimmer ein Wiegenband. Es kommen die Englein und sehen ihr zu Und schützen dem schlummernden Kindlein die Ruh', 'tile bringen ihm Blumen vom Paradies, Drum schläft das Kindlein so ruhig und süß. Die Vöglein umsingen die Mutter gar fein Und gucken zum Kind in die Wiege hinein. Sie fliegen hinzu, sie fliegen empor, Und singen dann fröhlicher noch als zuvor. Das Kindlein erwachet, gurrt Himmel fie's hält, Da singen die Engel, da jauchzet die Welt. Der Tod ist bezwungen, all' Sünde und Weh', Geliebet, gelobet sei Gott in der Höh'. Oas Hündlein des verlorenen Sohnes. Von Ruth Schaumann. Immer, wenn Ferien kommen, kommt auch die kleine Amei in der Großeltern Haus. Das zittert in sich wie ein Herz Tag und Nacht vom Mahlwerk der Mühle, die dicht beim Haus steht. In der ersten Feriennacht kann Amei jedesmal nicht zum Schlummer findens sie horcht auf das Zittern des Hausqs und denkt. Viele Felder, denkt sie, voll reifender Aohren, darin das Brot noch wächst und schläft. Am Rauschen der Aehren und ihrer Bewegung gegen einen unwirklich seidenen Himmel, viele Hügel hinan und hinab, schläft Amei endlich ein, ganz gegen Morgen. Die nächsten Nächte ist sie dann die leise Erschütterung schon gewöhnt, und auch den Geruch nach Kleie und Mehlstaub, der alle Zimmer füllt, allen Geräten anhaftet, stärker des Nachts denn am Tag. Wenn Amei in das Mühlenhaus kommt, klagt droben am Ende der engen und schmalen Stiege die arme Maschinerie, daran die bunte Glastür aufschwebt, um hernach von alleine zuzufallen. Es tritt droben in den Türrahmen die Großmutter, immer sagt sie, in die dunkle Tiefe der hinankeuchenden Treppe hinab, zur Begrüßung: „Gehe doch leise, endlich leise, Amei!" Immer ist dann Amei so leise sie kann in ihrer kindischen Plumpheit! niemals aber ist es l«ise genug: nie wird es das wohl werden, sagt die Großmutter droben und küßt die kleine Stirne Ameis, die ihrer eigenen gleich ist. Und der Kuß schmeckt wie ein Zweig verbrannten Wachholders. Immer ist es Vesperzeit, wenn Amei in das Mühlenhaus kommt, und der Vespertisch ist köstlich gedeckt mit so vielen und so guten Sachen, wie Amei nirgends gewohnt ist. In der Mitte steht allemal der Kuä-en, Amei sieht ihn inniglich an, ihr kleines Gesicht verzieht sich zu einem verschämten Lächeln der Liebe. Aber die Großmutter sagt: erst Butterbrote, Amei. Groß sind die Butterbrot« der Großmutter, gerecht bis zur äußersten Rinde liegt die Butter darauf: .nirgends ist sie zu dick oder zu dünn. Amei kaut, recht geräuschlos, darum dauert es lang, ihre Blicke fallen vom Rand des gerechten Brotes zum Kuchen herab, wie zwei hungrige Finken zum Fenstersims des Erbarmens, mitten zur hohen Winterzeit. Sie faut nicht mehr, sie erstaunt: niemals ist der Kuchen so herrlich gewesen wie heute. Lieber Kuchen, schöner Kuchen ... „Bist du schon satt, Amei?" „Ach nein." „So iß." Amei ißt in heftigen Bissen, daß sie nur fertig wird, ehe sie satt ist. „Nicht schmatzen, Amei." Aus einem glühheißen Fäustchen fällt ein Ränzchen Rinde unter den Tisch. Ameis Lippen bewegen sich emsig, ihre Hände sind leer. „Ein Stückchen Kuchen, Amei?" „Ja, Großmutter!" „Groß oder rlein?" Es ist ein wenig, ein ganz klein wenig Lächeln hinter der Großmutter kühlem Gesicht, aber Amei kann noch nicht durch Wände sehen, und sie schweigt. Denn sagt sie: groß, so ist wieder das gierige Mädchen am Tisch. Und klein? Lüge ist immer verboten. Das Stück Kuchen, das die schweigende Amei jetzt erhält, ist nicht groß und nicht klein, ist Ameis Alter gemäß, und das sind nur wenige Jahre. Gar zu gut ist der Kuchen, aber so nahrhaft ist das Butterbrot doch gewesen. Die dicke kleine Amei seufzt beschwert. Wenn sie einmal groß ist, niemals wird sie das werden, so wird sie gleich Kuchen essen und nicht... „Bist du gesättigt, Amei?" „Ja, ja ..." „So kannst du gehen, ehe du zappeltst." Und Amei rutscht vom Stuhl. Die Glastür sinkt kurzatmig in ihr Schloß, kleine, fest« Stiesel bringen die Stiege zum Dröhnen, dann ein Plumps, als springe ein Fisch in sein Element. Oh, diese überlaute Amei. So ist Amei denn gegangen und wird nicht mehr gesehen bis zum Abend, därin ihre Milch auf dem Vorplatztisch steht. Man ruft sie im Hof, danach ruft man nochmals im Garten, dann hier und dort, und nun beginnt man zu suchen. Gewiß ist sie im hintersten Hof, wo die gesprungenen Mühlsteine liegen und Halme sprießen dazwischen und singen: du hast uns gemahlen, wir aber leben. Ja, dort ist Amei gewesen, gleich nach der Vesper, sie hat auf dem Mühlstein gesessen, neben dem Schweinehirten Lambert, und zu ihm gesagt: „Daß du nur da bist, Lambert." Lambert hat gelacht: „Du auch, Amei." Es ist eine sehr starke Freundschaft. Lambert ist alt, und seine kurzen Seine sind sehr krumm. „Willst du die Schweinlein sehen, Amei?" Aber Amei ist schon wieder fort, sie hat viele Freundschaften, und man darf die eine nicht um der andern willen betrüben. Heber dem göttlichen Haar des Mühlenschreiners Ludolf nisten die Tauben, sie girren und lachen und tun, wozu ihr Esten und Trinken sie treibt, ohne Furcht vor dem riesigen Zinken in Ludolfs Gesicht. „Bist du nicht bange?" fragt Amei. „Wessetwegen?" „Daß deine Nase unter deinen Hobel kommt?" „Nee", sagt Ludolf, „ick bün gehobelt genug, gib du man acht auf dich selber." Der Hobel singt, Locken fallen zu Boden, ein« Taube gurrt unter des Täuberichs Schnabel, es riecht nach Kiefern und Kautabak, und Ameis helles Kleidchen fliegt schon durch die Stämme vom Bruch. Sie ist bei sämtlichen Müllern gewesen. Sie war auch bei dem Gärtner und seinem Weib«, der guten Hex« unter dem riesigen Schutenhut, kniend im Meer des Unkrauts. Sie ist bei den Schwänen gewesen. Sie hat vor dem reifenden Pfirsich gekniet, nicht zu kosten, nur zu sehen, wie er reift, daß man «5 lerne, die zwei Grüblein von ihren Knien künden von ihr im Sand. Sie saß unterm Rhabarber. Bei den Hllhnernestern sah man ihr Kleid. Im Kontor hat sie die Schreiber begrüßt, zärtlicher als die Verwandt- schaff, am zärtlichsten Herrn Immergrüns Hündchen Spinett. Es schläft im tiefen Papierkorb auf den erledigten Angeboten von Gerste und Mais, und sagt man: „Spinett", so schnellt es hervor und heraus, und es wehn feine Ohren. Und man sah sie am Ratsteich, der einstens Hafen der Engelländer gewesen und jetzt so seicht ist und wohl kaum tief genug für den Tod eines winzigen Kindes. Aber Amei bekommt alles zustande, man kann nichts wissen bei dem Kinde Amei. Die Mühlenburschen staken im Kahn über den Teich und starren bi seine ärmliche Tiefe, manchmal bleibt die Stange im Schlamm, eine teere Dose wird gehoben und wieder versenkt, Kaulquappen schwirren am Ufer. Die Großmutter ruft nicht, sie geht still und gefaßt durch die Gärten, wer kann durch die Wände ihres Angesichts sehn. Immer noch schallen die Rufe der Müller vom Wasser herauf. Amei aber ist bei dem verlorenen Sohn. Droben aus dem Saal, ihr verboten, dem Ort, wo die Großmutter die Rechnungsbücher verwaltet und am Abend die zwei Spiele Karten mischt zu einer langen Partie aus schwarzen und roten Herzen, liegt Amei auf dem Teppich, den Kopf auf dem geöffneten Buch. Darin ist er, er, der verloren« Sohn. Er sitzt unter den Säuen. Er ist jung und traurig, und fein dunkles Kleid ist entzwei. Es kommt ein Wind und geht in die Löcher des armen Gewandes. Der verlorene Sohn hat kein anderes, und er friert. Einmal hatte er viele, und fröhliche Menschen waren bei ihm, keine Säue mit ihren Ebern und Ferklein, und ein hübsches Spitzchen sprang vor feinen Füßen umher. Alle Leute haben ihn jetzt verlassen, auch das Hündchen ist von ihm gegangen, der Wind weht, die Schweine wühlen in Trebern, er ist allein. In Ameis Augen kommt «s heiß und nun auch naß, sie könnte das Blatt wenden, sie kann es doch nicht. Wäre doch nur das Hündchen bei ihm geblieben, das kleine, das weiße, fast so hübsch wie Spinett. Cs wäre jetzt grau — was bleibt weiß unter Schweinen —, aber es wäre warm, und des Sohnes magere Füße sind nackt. Es könnte mit seiner kleinen Schnauze am Rock des Verlassenen ziehen, komm heim! denn das Hündchen, mit ihm vom Hause gelaufen, weiß den Weg auch nach Haus. Es zupft, es zerrt und es winselt. Cs ist «in Häufchen Knöchelchen unter schmutzigem Fell, der verlorene Sohn sieht fein Mühen. Armes Hündchen! Was willst du von mir, der ich nichts habe? Das Hündchen bellt, so hat es gebellt zwischen Reben, im Wein- oehege um das weiße Haus, dort, beim verlassenen Vater, denkt der verlorene Sohn. Vater, sagt der verlorene Sohn über die Säue. Sie grunzen, sie haben satt gehabt an den Trebern. Wie die Nacht kommt, geht der verlorene Sohn fort Das Hündchen geht ihm zur Seite. Nichts ist schrecklicher als der Weg durch die Nacht. Es kommen viele Berge, im Morgengrauen gar finster, es kommt eine Hügelstadt zwischen den Bergen, es wird Mittag, bis die Wanderer droben stehen, es ist ein Haus unter den Reben, es ist ein alter, alter Mann in der Pforte vom Haus. Es find sieben Stufen vor seinen Füßen. Und wäre jede Stufe ein schneidendes Schwert — Vater! sagt der verlorene Sohn. Auf der untersten Stufe ist das Hündchen liegengeblieben, weiter reicht es nicht mit seiner Kraft und seinem Verstand — was auf der obersten Schwelle gescheh», ist ihm fern. Es ist ein dummes, schmutziges Hündchen, und nun ist es müh’. Wau, sagt Amei im Schlaf, da man sie findet über dem riesigen Buch, dem Wort des Wortes, darauf ihre kleine Stirn liegt, wau, sagt Amei zufrieden im Traum und noch einmal, ganz zärtlich und gar so zufrieden, wau, als das Hündchen des verlorenen Sohnes. Der Weihnachtsmann. Erzählung von Marie Hensel. kFortietzung.s Die Obsternte war vorbei. Rudi und seine Mutter waren dagewesen und hatten geholfen, und es war ein schöner festlicher Tag gewesen, ganz in lichte Herbstsonne getaucht. Nun lag der Segen der alten Aepselbäume schon lange säuberlich im Keller. Schnee und Regen fegten über die Erde und' auch übek Heinrichs Land. Nebelfetzen hingen an den schwarzen Tannen, und seine zierlichen kleinen Obstbüume griffen hilflos mit ihren kurzen Aesten in die feuchte Luft. Der Boden war aufgeweicht; wie gut war es jetzt, ein kleines blaues Haus zu haben! Der erste Adventsonntag war gekommen. Heinrich lag auf seinem Bärenfell, die Arme hinter dem Kopf, und mitten im Raum hing von der Decke ein mächtiger Adventskranz, darauf ein einziges Licht, das erste Berkündigungszeichen einer neuen Zeit. Heinrich starrte in die lebendige Flamme. Wie schön sind Kerzen, dachte er. Es ist etwas Gleichnishaftes in ihnen, das jeder spürt, man könnte es wohl sagen, aber man darf es nicht, es klänge dann gleich abgedrofchen. So aber ahnt man das tiefe Geheimnis des menschlichen Lebens, menschlicher Schönheit, menschlicher Vergänglichkeit. Der reiche, starke Sommer war vorbei, das Neue sollte beginnen. Eine kurze Spanne lag er gedankenvoll zwischen zwei Zeiten und sann in die Kerze. Er war glücklich, viel glücklicher, als er noch vor einem Jahr sich hätte träumen lassen, und doch, heute lag wieder der leichte, wehmütige Schleier über ihm, der trübende Hauch, der fast immer seiner Freude beigemengt war. Warum denn nur? Er hatte ja nun alles, was er brauchte, — und doch: die Kerze brannte herab. Das große Licht sollte ihm aufgehen, und er sah heute immer nur sein armes kleines Lichtlein, das sich langsam, stetig verzehrte. Schön war es freilich, wie lebendig und beseelt jetzt der Raum war, wie eigenartig das Weiß und Blau der Wände in dem warmen Kerzenschein. Schönheit ... aber Heinrich fühlte wohl, daß Schönheit nicht genügte, um sein Herz mit weihnachtlichem Glanz zu erfüllen. Weihnachten muß man fromm fein, ist man es nicht, so bleibt meist nur Bitterkeit oder Wehmut. Heinrich war nicht fromm, und so fehlte ihm vielleicht doch das Letzte und Beste zum Weihnachtsmann. Es war wohl Sehnsucht in ihm, Sehnsucht und ein Wissen um jene Fülle und Geborgenheit, die allein dem Frommen eigen ist- Es waren zwei Augen, die blickten ihn an von Kindertagen her, und er wußte wohl, wem sie gehörten. Er fühlte wohl die Forderung, die in ihnen lag, aber mit Angst, ja mit Entsetzen wendete er sich immer von ihnen ab, denn er sühlte auch die unerbittliche, göttliche Kraft, die sein Wesen zerstören konnte. Es war ein ganz stiller, ganz zäher Kampf, der kaum je die Schwelle seines wachen Bewußtseins Überschritt. Das kleine Licht begann zu flackern, erholte sich wieder, wurde abermals unruhig, dunkle, große, sremde Gespenster trieben an der Decke ihr Wesen. Nun war es aus, vorbei. Ein rotes Pünktchen glomm noch trüb im Dunkeln und sagte: hier war es! Nun war auch das verschwunden und alles schwarz. Die kleinen Fenster zeichneten sich matt an der Wand ab, sonst Nacht und Tod. Draußen heulte und tobte es, ein Sturm wollte kommen. Heinrich war es so elend wie nie im Leben. War denn Advent ein trauriges Fest? Er halte sich das so ganz anders gedacht. Er war doch ein schwacher Mensch, ein Spielball seiner Stimmungen, und seine guten Hausgeister hatten ihn heute schmählich im Stich gelassen. Tief seufzte er aus und kroch unter sein^Fell, ohne sich auszuzi'ehen. Am nächsten Tag begann das große Backen. Schon lange vorher hatte er mit einem riesigen Rucksack auf dem Rücken Hamsterfahrten in die Stadt und weit aus die Dörfer gemacht; Mehl, Zucker, Eier, Fett und alle notwendigen Gerätschaften standen bereit. Auch hatte er mit List seiner Schwester das große Familienkochbuch aus dem Schubfach gestohlen, denn es mußten unbedingt die alten Rezepte fein, die seine Kindheit verschönt hatten. Sie darum zu bitten, hatte er nicht gewagt, denn sie hätte ihm vielleicht ihre Hilse angeboten und die Ungeheuerlichkeit seiner Backunternehmungen hätte ihn verraten. Nein, niemand durste dabei Sein. In tiefster Waldeinsamkeit, ganz allein im blauen Häuschen, fo buk 1er Weihnachtsmann! Wer aber durch die Fenster gesehen hätte, der hätte wohl gestaunt. Ein großer Mann, hemdärmelig, ein weißes Küchentuch wild um den Leib geschlungen, bewegte sich mit fiebriger, unheimlicher Geschäftigkeit im Raume herum. Er rührte in Schusseln, setzte winzige Häuschen auf Bleche, kniete am Ofen, sauste zum Kochbuch, das ausgefchlagen auf dem Tisch lag, um noch mal nachzulesen, riß Bleche aus dem Ofen, nicht ohne sich die Finger dabei zu verbrennen, kratzte halbverbrannte Kuchen in den Aschenkasten und schichtete die wohlgeratenen in bunten, irdenen Schüsseln hoch und höher. In all dieser Geschäftigkeit fand der Einsame noch Zeit, hin und wieder ein Plätzchen zwischen die Zähne zu schieben. Das hielt den Betrieb nicht sehr auf und gehörte dazu. Uebrigens beobachtete ihn niemand, er war allein und heute wieder in glücklichster Stimmung. Er sang Weihnachtslieder, daß es fast die Wände seines Häuschens sprengte, und immer kühner wurden seine Versuche. Ja, er wagte es, aus Pfefferkuchenteig allerhand Figuren zu bilden. Männlein und Fräulein, Hunde und Vögel und wozu es immer ihn trieb. Dies gefiel ihm ausnehmend, er fang dabei wie eine Lerche. Mit dem Kuchengeruch kamen ihm längst vergessene Kindheitserinnerungen. Einmal mußte er laut auflachen, es fiel ihm ein, wie feine Schwester und er sich als Weihnachtsüberraschung für die Eltern aus- gedacht hatten, diese in Pfefferkuchenteig nachbilden zu lassen. Sie stahlen Photographien von ihnen aus dem Album, damit es ja recht ähnlich wurde, und überlieferten sie in die mehligen Hände eines befreundeten Bäckers, der versprach, sein Aeußerstes zu tun. Die Spannung der nächsten Tage war fast nicht zu ertragen. Nun, was dann auf dem Weihnachtstisch der Eltern lag, das waren eben Pfefferkuchenleute, ein Männlein und ein Weiblein, breit und selbstbewußt, wie dies Geschlecht einmal ist, die wurstigen Arme in die Seiten gestemmt und mit Knöpfen von oben bis unten. Das Gelächter war groß, als das mit den Photographien herauskam, was Heinrich damals durchaus nicht begriff, aber jetzt nach so vielen Jahren holte er es nach. Und dann fang er wieder, naschte, machte sich weiß mit Mehl und schwarz mit Kohlen, und war wieder einmal ganz begeistert von seinem Beruf. Warum nur wurden nicht mehr Männer Weihnachtsmann? Wie viel alten tnötterigen Hagestolzen könnte dies einen wirklichen Lebensinhalt geben; wie gesund war die Arbeit im Sommer, wie reizvoll und tiefbefriedigend im Winter. Wirklich, wenn er die Sache ein paar Jahre erfolgreich betrieben hatte, dann könnte er ja das Geheimnis ein wenig lüften und für feine Entdeckung werben. Ein Aufsatz schwebte ihm vor mit der Ueberschrift: Mehr Weihnachtsmänner! lief schürfend und zu Herzen gehend wollte er die Notwendigkeit dieses neuen Berufszweiges schildern. Eine Ausbildungsschule für Weihnachtsmänner müßte gegründet werden, mit Sommer- und Winterkursen; das Ziel müßte fein: Für jede noch so kleine Stadt einen eigenen Weihnachtsmann! Größere Städte brauchten natürlich mehr, sonst gab es Ueberlaftung, und die ganz großen Städte, ja, das war schwierig, aber mit gutem Willen würde auch dieses soziale Problem gelöst werden. „Einen Gürtel von Weihnachtsmännern rings um Berlin!" rief er begeistert, wußte selbst nicht mehr, was Spaß und was Ernst war, und Hub von neuem an zu fingen: Freue, freue dich o Christenheit! » lieber den Berg wanderte mit Riesenschritten eine mächtige Gestalt, einen faustdicken Knüppel in der Hand, einen schweren Sack über der Schulter. Es wehte sein weißer Bart im eisigen Wind, das Gesicht Der« schattete eine große Fellmütze, wie kein Irdischer sie trug, seitlich daran schwankte ein großer Tannenzweig! So wanderte er in den sinkenden Abend hinein, den Lichtern der Stadt entgegen. „Jesus, Maria!" hauchte eine Bauersfrau, aber da war der Riese auch schon an ihr vorüber. Sie mußte vor Schreck den Korb vom Kopf heben, er wäre ihr sonst heruntergesallen. „Sollt man’s denn für möglich halten!" murmelte sie und stand noch lange im Schnee, dem großen Schatten nachstaunend, ohne des Rätsels Lösung zu finden. Ein kleiner Bauernjunge, der neben seiner Mutter hertrottete, flüsterte, von heiligen Schauern ergriffen: „der Nikolaus!" Dem ließ der Riese einen schönen, großen Apfel aus seiner Tasche zurollen, ohne dabei seinen Lauf zu hemmen. Ja, er war der Nikolaus, er selber glaubte an sich, war durchschauert von der Größe seiner Sendung. Etwas Heidnisch-Gewaltiges war über ihn gekommen; war er nicht eben wirklich rittlings auf feinem Stock durch graue Wolkenballen herabgefaust auf die Erde? Und so trieb es ihn noch im selben Schwung auf der Landstraße dahin, der Stadt entgegen, zu den Menschen, zu den Kindern. In der Stadt zwischen den Häusern sank sein Selbstgefühl wieder auf menschliches Maß herab, er fühlte, wie er hier bei weitem weniger auffiel und wirkte, als draußen unter dem weiten Winterhimmel. Man sah ihm wohl nach, aber ohne Entsetzen, ja manche wagten es, hinter ihm her zu lachen. „Da macht sich jemand einen Spaß mit Kindern!" dachten die Leute, und ließen ihn wohlwollend gewähren. Er hatte sich für heute einen Stadtteil ausgesucht, der ihm schon immer ganz besonders verkommen und kinderreich erschienen war. Alte, winklige Häuser standen hier wie ineinandergeschoben, meUenforn^g wand sich die grobgepflasterte Straße dazwischen hindurch, aus kleinen Fenstern glomm trübes, rötliches Licht. Er trat aufs Geratewohl in ein Haus und tastete sich die steile, vollkommen dunkle Treppe empor. Golden leuchtete es durch die klaffenden Türritzen. Er stand und lauschte nach Kinderstimmen. Hier war nichts, eine Frau klapperte am Herd, — weiter. Wieder lauschie er, — ein langhingezogenes Geräusch zwischen einem Mann und einer Frau, nichts, — weiter. Ader nun hörte er etwas von oben, da waren Kinder, unverkennbar, Schreien, Ouieken, Lachen, Rücken von Stühlen, — sicher war es eine ganze Stube voll. Noch einen Augenblick lauschte er, ließ die wollüstige Spannung in sich wachsen, und dann — dann klopfte er, wie unter allen Männern nur einer klopfte: der Weihnachtsmann! Dreimal, stark und wuchtig. Augenblicklich wurde es totenstill da drinnen, und nun klinkte er auf und stand auf der Schwelle, groß, übergewaltig, wie das Schicksal. Cs folgte der ihm so wohlbekannte Austritt, nur daß hier die Erwachsenen fast ebenso beklommen, mit so großen fragenden Kinderaugen zu ihm aufblickten wie die Kleinen. Es war atemlos still, sein tiefer Baß allein herrschte dröhnend in der kleinen Stube. Hin und wieder piepte ein zaghaftes Kinderstimmchen eine kurze Antwort. „Könnt ihr denn auch singen?" Jawohl, sie konnten fingen, und es erscholl, ein bfß- ch--n dünn und ängstlich vorgetragen, „Ihr Kinderlein kommt!" Der K. otenstock des Weihnachtsmannes schlug den Takt mit nachdrücklicher Wucht. — Und dann mit einemmal polterten die Aepfel und Kuchen, die Spannung löste sich, jubelnd stürzten die Kinder hinter die kollernden Aepsel her, alles kroch auf dem Fußboden herum, und der Weihnachtsmann war draußen, er wußte selbst nicht wie. „Nun, das war geglückt", dachte er, als er den etwas leichter gewordenen Sack auf die Schulter hob und hinuntertappte, „wenn cs so weitergeht —" Es ging so weiter, es war immer das gleiche Erlebnis, gespiegelt in immer anderen Menschen und Kinderseelen. Der Anfang immer atemlose Stille, das Ende Jubeln und Jauchzen und strahlende Augen. Er selbst fühlte sich mit jedem Besuch freier und erhabener in seiner Rolle als Jreudenbringer. — Und so standen ihm nun noch viele herzerquickende Gänge bevor, sein Apfelkeller war noch voll, seine Kuchenschüsseln gehäuft, — wie schön war es, ein Weihnachtsmann zu sein! Sein Sack war beinahe leer, aber für einen Besuch reichte es wohl noch. Wieder tastete er sich in einem dunklen Treppenhaus in die Höhe, — nun, da oben schienen ja Kinder zu sein, er hörte Weinen und eine leidenschaftlich erregte, scheltende Frauenstimme. Deutlich erinnerte er sich, daß er einen Augenblick, nur einen Augenblick, vor der Tür stand, zweifelnd, ob er da hineingehen sollte oder leise die Treppe wieder hinunter. Sein Schicksal stand sekundenlang auf Messersschneide; — dann klopfte er dreimal, stark, wie er es gewohnt war, und trat ein. Noch während er seine ersten einleitenden Worte polterte, fühlte er, daß es hier irgendwie anders war als bei seinen früheren Besuchen, aber er hatte keine Zeit, die Quellen dieses Eindrucks zu finden. Dicht vor ihm kniete eine Frau und wusch in einer Zinkwanne einen etwa vierjährigen, verheult aussehenden kleinen Jungen, der jetzt naß und vor Schrecken starr zu ihm aufsah; in der Tür zum Nebenzimmer erschienen ähnlich erschrocken zwei größere Kinder, ein Junge und ein Mädchen in weißen Nachtkittelchen. Auch die Frau sah sprachlos vor Staunen aus ihrer knienden Stellung zu ihm auf, den Seifenlappen in der Hand. Sie machte einen erregten und verwilderten Eindruck, die Haare hingen ihr in dunklen Strähnen ins Gesicht, ihre rote Schürze war vorn ganz nah. (Schluß folgt.) Deutscher Christbaum in Amerika. Von Ann Tizia L e i t i ch. Deutscher Sitte war es vorbehalten, Hüterin des letzten Restes uralter Baumverehrung zu sein, die uns die Geschichte der indogermanischen Rasse in manchen Beispielen überliefert. Aus Uranfängen zieht eine Linie von jener schönen Platane des Terxes, die von diesem König wie eine Geliebte mit Gold geschmückt und durch einen Wächter beschützt wurde, bis zu Bismarcks bekannter, fast fanatischer Baumliebe. Und wenn wir diese bei den vorderasiatischen Menschen, den Römern und den Indianern finden, so hat doch kein Bolk sich ihr so zu tiefst ergeben wie die Germanen, die zu ihren Göttern in heiligen Hainen beteten und das ganze Weltall als ungeheuren Baum sahen, die Weltesche Uggdrasil. Den Anglo-Sachsen verblieb bis heute von dieser Liebe die Feier des ,Yule- log- (Jul-Block) und die Deutschen verilärten und vcrchristlichten die Idee in der lichterstrahlenden Weihnachtstanne. Diese deutsche Christtanne ist auch über den Atlantischen Ozean gewandert. Als die sogenannten „Hessians“, jene süddeutschen Söldner, die im amerikanischen Befreiungskrieg für die Engländer kämpften, sich Bäumchen aus dem Walde holten und sie in ihren Winterquartieren mit ein paar Lichtern schmückten, da war dies den Amerikanern ein ganz ungewohnter Anblick. Ja, den Neu-Engländern unter ihnen mußte es geradezu als Gotteslästerung erscheinen, denn den düster-fanatischen Puritanern bedeutete solcher Glanz Greuel und Satanswerk. Gab es doch bei ihnen außer Sonntagen und Danksagungstag keine sestlichen Zeiten. Aber so groß auch der puritanische Einfluß auf die Entwicklung der amerikanischen Seele war, das Christfest und der Christbaum triumphierten über sie. Die große Welle deutscher Einwanderung verbreitete die Kenntnis des Weihnachtsbaumes, und um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kam ein schlauer Bauer namens Peter Carr in der Umgebung von Neuyork darauf, daraus ein Geschäft zu machen. Bis dahin hatten sich die Leute ihre Bäumchen selbst im Walde geholt, gleich den deutschen Soldaten im Felde. Für diejenigen, die dazu zu bequem waren, schlug Peter Carr nun eine Anzahl ab, packte sie aus einen Schlitten und fuhr damit in die Stadt. Heute hat er viele Nachfolger. Freilich, es sicht in Amerika nicht aus wie in deutschen Städten, die vor Weihnachten so voll Tannen stehen, als wäre ein ganzer Wald durchgezogen und hätte ein Häuflein dort zurückqelassen. tu allgemein hat Amerika die Sitte nicht aufgegriffen: die meisten Amerikaner halten fest an anglo sächsischen Gebräuchen. Für ihre Kinder kommt Sankt Claus, der Weihnachtsmann, ihre Zimmer schmücken sie mit Misteln, und in ihren Fenstern hängen sie mit roten Schleifen geschmückte Kränze aus Stechpalmen. Der Christabend aber hat eine ganz andere, eine mächtigere Rolle zuerteilt bekommen. Das Heim scheint ihm zu eng für die Botschaft, die er zu bringen hat, er ist daraus hinaus in die Gemeinde, in die Gemeinschaft getreten. Als community-tree, am Hauptplatz der Städte und Dörfer, leuchtet er über die Massen, als strahlendes Symbol feiert er Triumphe, zu denen er in seinem Heimatland nicht gekommen ist. Der kollektivistische Geist Amerikas bedient sich seiner Poesie, seiner suggestiven und dekorativen Wirkung, um in den nüchternen Masten dieses Maschinenzeitalters eine Ahnung von festlicher und hymnischer Stimmung zu erzeugen. Während wir in vielen Häusern des Ostens und in fast allen des Mittelweftens vergeblich nach einem Christbaum suchen würden, sehen wir eine festlich hohe, bunt geschmückte Tanne oder Fichte in der Halle des Hotels im ganzen großen Land, in den Spitälern, den Settlements, den Klubs. In Pafadena, Kalifornien, erstreckt sich eine ganze Allee aus der Erde wachsender Christbäume. Ja, mitten im rasendsten Verkehr Neuyorks, auf dem Times-Platz und in der Wall-Street stehen königlich hohe, lichtergeschmückte Bäume. Aber all diese schön gewachsenen, mit Bedacht ausgesuchten, mit dem Hauch und dem Geheimnis ihrer Herkunst seltsam über dem benzingetränkten Lärm schwebenden Bäume verschwinden vor dem Community- tree jener Stadt, die sich einst am längsten und hartnäckigsten gegen das Weihnachtsfest gewehrt hat. Wie um seine Sünden gutzumachen, taucht Boston, Neu-Englands Hauptstadt, seinen Christabend heute in ein Licht- gefunkel, durchströmt es mit einem Jubelliedsingen und Trompetengeschmetter wie kein anderer Ort. Aus Beacon Hill, der Höhe des Hügels mitten in der Stadt, wo einst der Leuchtturm ragte, stehen die würdigen patrizischen Häuser, die Boston ein Acktzehntes-Jahrhundert-Gesicht geben und in denen jene „Brah- manen -Generationen einander gefolgt sind, die einst auf die Sitten und Gesetze Amerikas wesentlichsten Einfluß übten. Die Wände schlicht, puritanisch, in ihrer gewollten Schmucklosigkeit charaktervoll, in ihren Linien, den kleinen Details der Türen, den messingnen Klopfern voll jener Schönheit, deren Daseinsberechtigung die fanatischen Väter fo heftig verneinten und die ihnen schließlich doch die Hände bei der Arbeit führte. Diese stolzen Fensterreihen sind am Christabend eine einzige Front, die mit zahllosen Lichtern hinunterfunkelt auf den großen Platz, den Common, auf dem die Bostoner Parade gehen mit Wachskerzen und elektrischen Lichtern, über den in Scharen die Carol-(Weihnachts-)Sänger chwärmen, hinter mittelalterlichen Laternen her, die auf langen Stangen chwanken; um den sich in weitem Bogen die Lichtgirlanden des State- louse, des Unitarian Building und all der anderen Häuser schlingen und über den aus riesigen Lautsprechern die Chöre der Kirchen tönen und um Mitternacht die Trompeten von den Balkonen posaunen. Mittelalter und modernste Neuzeit teilen sich in Bostons Christfeier. Aber das Beste und Schönste davon steht in der Mitte, ein blendendes Fanal, ein echt amerikanisch ins Riesenhafte dimensionierter Baumkönig, eine dreißig Meter hohe Christtanne aus Hunderten von Bäumen zusammengesetzt, besteckt mit 1280 bunten Lichtern. Es gibt wahrscheinlich nirgends anderswo eine mächtigere. Wie sie so inmitten des treibenden, schwärmenden Volkes steht, im dunklen, duftenden Geäst das Geschmeide der tausend Lichter, in ehrerbietigem Abstand davon der Kranz der Häuser, sieht sie aus, wie ein ßebensbaum, heidnisch in ihrer schonen, Glück verleihenden Kraft und dem Menschen ein Zeichen, daß sie die Natur nicht verleugnen können. Und von ihrem Wipfel leuchtet ein Stern, weithin — Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortfetzung.) „Wegen der Beleuchtung, meinen Herr Geheimrat?" „Jawohl, wegen der Beleuchtung." Der Alte holte einmal tief Atem. „Das ist nun wieder der Neue, Herr Geheimrat, der Peter, wie sie ihn schon alle nennen. Der hat das wieder ausgeheckt. So ganz nebenbei hat er es gesagt in der Frühstückspause. .Er spricht ja sonst nicht viel mit den anderen. Aber seit der Sache mit den Schürzentaschen und dann mit dem erhöhten Laufband, und wo sie doch nun fast zweihundert Schrauben in der Stunde setzen können, da hören sie auf ihn. Und man kann ja eigentlich nichts dagegen sagen, Herr Geheimrat, denn im Grunde hat er ja recht. Wenn die alten Bogenlampen fortkämen und dafür moderne Scheinwerfer eingebaut würden, es wäre schon besser." „Also wieder der Neue, der Peter Weiher?" Dannegger sagte es mehr zu sich selbst als zum Meister. Und der Meister faßte die Frage so auf, er antwortete nicht, er war zufrieden, daß er seinen langen Satz heraus hatte. So war es eine Weile still zwischen den beiden. Dannegger sah auf den Antrag, der vor ihm lag. Er dachte aber an die zweihundert Schrauben, die jetzt stündlich in Gang D geleistet wurden, zweihundert statt einhundertachtzig; das war keine schlechte Arbeitssteigerung. Er blickte auf. „Es ist gut, Meister. Wir werden die Beleuchtung umbauen. Sagen Sie das ihren Leuten. Und dann schicken Sie mir den Neuen her. Er soll sich nach Schichtwechsel bei mir melden." — „Es wird wohl was setzen", hatte Meister Krüger zu Peter Weiher gesagt, als er ihn zum Chef bestellte. Er war auch der festen Ueberzeu- gung, daß es etwas setzen würde, denn in seinem Innern nannte er Peter einen „Stänker". Was hatte solch ein Kerl sich um technische Fragen zu kümmern und die Leute aufsässig zu machen; es fehlte gerade noch, daß sie solchen grünen Anfänger, der immer zu nörgeln hatte, das nächste Mal in den Betriebsrat wählten. Peter selbst glaubte nicht daran, daß es etwas fetzen würde. Er ging sehr sicher den Weg zum Verwoltungsgebäude. Heute würde er nicht stundenlang warten müssen, obwohl er heute nicht so fein ausfah wie bei feinem ersten Besuch und auch keine Karte „Peter von Weiher" hineinschickte. Heute hatte er seinen Arbeitskittel an, und an seinen Händen klebten noch Reste vom Schmieröl, das so reichlich an den Schraubenmuttern saß. Er hatte auch die Taschen mit allerlei Zeug vollgepfropft und ein kleines Paket unterm Arm, denn er hatte sich allerlei Drähte, Jsolierringe und Schrauben im Werkstattsmagazin gekauft, well er sich eine Radioanlage zusammenbastelte. Er wollte etwas von der Welt hören an den langen, einsamen Abenden. Das Paket behielt er auch bei sich, als er beim Geheimrat eintrat. Er hatte jetzt nichts mehr zu verstecken. Mit festen Schritten ging er auf den großen Schreibtisch zu. „Weiher", sagte er — nicht mehr „von Weiher" wie damals draußen auf dem Flur. — „Weiher, Hilfsschlosser vom Motorenwerk, Halle 3, zum Herrn Geheimrat bestellt." Verantwortlich: Dr. Sans Thyriot. - Druck und Berlag: Brübl'sch« UniversitätS.'Luch. und Steindruckerei. K. Lange. Sieben. und unnötig opfern durfte" Und schon begann er den Klingelknopf zu lösen. „Also auch in meinem Privatkontor wollen Sie Ihre Neuerungen einf'ühren?" Peter ließ sich nicht stören, er arbeitete weiter. Aber er sagte: „Wenns notwendig ist, warum nicht, Herr Geheimrat?" „Und wo haben Sie denn das Material her?" „Wenn man Glück haben will, hat man stets alles Notwendige bei sich." „Und Sie bilden sich ein, daß Sie bei mir Glück haben?' „Unbedingt, Herr Geheimrat. Aber jetzt bitte ich einen Augenblick aufzustehen, damit ich an den Sitzplatz herankomme. So! Danke sehr." Bor dem Tisch kniete Peter nieder, zog neue Drähte, befestigte sie, schraubte den Knopf fest unter die Platte, verband die Drähte, umwickelte sie mit Isolierband. „Bitte sehr, die neue, die praktische Klingel ist fertig." Dannegger sah ihn groß an: „Wissen Sie, daß Sie eigentlich ein ganz unverschämter Kerl sind?" Nun schüttelte Peter den Kopf. „Nein, Herr Geheimrat, das weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß Sie jetzt jedesmal, wenn Sie ohne Mühe auf die Klingel drücken, an Peter Weiher denken müssen, an den Peler Weiher, der Glück bei Ihnen haben will."--- Sehr sicher ging Peter heimwärts. Diesmal nicht im Strom der Arbeiter wie sonst, sondern allein. Vom Verwaltungsgebäude in sein kleines Zimmer bei Mutter Gentschow. Er wußte: morgen mußte er wieder an seinen Platz am laufenden Band im Motorenwerk, übermorgen wohl auch noch. Aber nicht mehr lange. Dannegger wußte nun, wer er war und daß er weiter wollte. Er chatte in seiner Gegenwart mit diesem Herrn Klingender über den Kantinenbetrieb in den Werken gesprochen, ganz in seinem Sinne. Und wenn er auch nicht weiter seinen Rat ein« geholt hatte, er hatte ihn doch dabehalten. Das war ein Zeichen von Vertrauen. Peter pfiff leise vor sich hin. Im Marschtempo. „Vorwärts", dachte er, „es geht vorwärts, es muß vorwärtsgehen." Als er den Markt querte, sah er die erleuchteten Fenster eines Delikateßgeschäfts. Er trat vor die Auslagen. „Ich will mir was leisten heute abend!" Da lagen Dosen voll Kaviar, da prangte ein Hummer, da lockten Lachs und Rollschinken, Trauben und Ananas, feine Salate und Weinflaschen. Er mußte lächeln: lockten sie wirklich noch? Nein, sie lockten nicht mehr. Sie waren ihm gleichgültig geworden. Ja, früher, wenn er an den Präsentiertischen der großen Hotels vorübergegnngen war, dann hatte er Wünsche gehabt: aber eigentlich keinen Hunger. Heute hatte er Hunger, gesunden Arbeitshunger, da nutzen die feinen Gourmetreizer nichts. So ging er ein paar Häuser weiter, wo ein solider Fleischer seinen Laden hatte. Der rundliche Meister stand selbst hinter dem Verkaufstisch mit der Marmorplatte. Die weiße Schürze mit den blutigen Flecken prall über dem Bauch. Er bediente biedere Hausfrauen, rundlich, wie er selbst. Eine feste Zervelatwurst erstand sich Peter. Auch sie überschritt eigentlich sein Einkommen, aber er war sich so sicher, daß er bald aufrücken wurde, daß er keine Gewissensbisse fühlte. Er freute sich aus das Gesicht, das Mutter Gentschow machen würde, wenn er ihr die Wurst ablieferte. Sie würde sich mit ihm freuen; das wußte er. Sie wußte ja, daß bei ihren Mietern, Arbeitern oder armen Studenten, der Beutel meist leer war: sie hatte jahrzehntelange Erfahrung und hatte durch sie mitfllhien gelernt. Zu Hause sand Peter einen Brief. Er sah auf den Umschlag: Gerties Handschrift. Da vergaß er Wirtin und Wurst. Er setzte sich und riß den Umschlag auf. Ein langer Brief. Er las und war enttäuscht: was hieß : das? Gertie war mutlos? Das gab es? Sie schrieb: sie wisse nicht mehr | weiter, mit soviel Freude sei sie an ihre Rolle gegangen, die wirklich fabelhaft sei; sie habe gelernt, und die Worte seien ihr nur so zugeflogen, jede Geste fei wie von selbst gekommen, und Fleischmann fei bei der ersten Besprechung, die sie mit ihm allein gehabt, mit allem einverstanden gerne en. Aber dann seien die Proben gekommen, und plötzlich sei es aus gewesen. Die Kollegen seien wie Eisklumpen. Kaum, daß sie ihr „Guten Tag" und „Auf Wiedersehen" sagten. Kein Wort sprächen sie mit ihr. Und da sollte sie liebevolle Tochter sein, liebendes junges Mädel, Freundin. Es ginge nicht. Die anderen säßen abends zusammen im „Goldenen Adler" oder im „Schwan" beim Goethehaus. Sie wäre immer allein; es fei furchtbar. Dabei habe sie das Gefühl, sie spiele ganz anders als die anderen, die doch schon jahrelang beim Bau seien; aber sie könne die Rolle nicht anders auffaffen, sie muffe fo spielen. Und Fleischmann korrigiere sie auch nicht. Er fei also anscheinend einverstanden, aber er gäbe ihr auch keine andere Rolle, trotzdem nach „Bebe" schon andere Stucke angesetzt wären. . Der ganze Bries war eine einzige Klage. Und zum Schluß ;tand: „Äa> lieber Peter, Sie können sich ja gar nicht denken, wie verzweifelt ich bin. Mache ich es nun richtig oder falsch? Kann ich etwas, oder kann ich nichts? Ich habe gar kein Vertrauen mehr zu mir. Die Blamage vor den Eltern, vor Büchner, wenn es ein Reinfall wird. Ich weiß, die Kollegen sind neidisch, well ich die große Rolle bekommen habe. Und dazu die Einsamkeit. Die Eltern jchrelben nicht, sie sind böse. Isa schreibt nicht, trotzdem ich ihr schon drei Briefe schickte und um Antwort bat. Nun schreiben Sie mir wenigstens, Peter, damit ich weiß, daß ich noch einen Menschen auf der Well habe." Zweimal las Peter den Brief. Dann lief er in der kleinen Stube auf und ab und schimpfte vor sich hin. So eine Bande da drüben in Weimar. - Diesen Kollegen würde er die Leviten lesen, wenn er sie einmal vor fid) hätte. Da waren seine Arbeltskameraden anders gewesen; die hatten ihm geholfen vom ersten Tag an, und dann hatte er ihnen roieber geholfen. Und das Pack da drüben nannte sich gebildet und rümpfte vielleicht bie Nase über den ungebildeten Arbeiter. Der Teufel sollte sie holen. I (Fortsetzung folgt.) Dannegger sah ihn prüfend an. Nicht unerfreut: ihm schien, dag in das Gesicht des jungen Mannes da vor ihm ein anderer Zug gekommen sei, bewußter, freier. Peter hielt den Blick aus, er zuckte mit keiner Wimper Er wußte, von dieser Unterredung, die jetzt folgen mußte, hing viel für ihn ab; alles vielleicht. Denn sobald würde er den Chef nicht wieder zu einer Zwiesprache fassen. Er hatte ja am eigenen Leibe erfahren, wie schwer es mar, hier als Bittender vorgelaffen zu werden. Heute war er gerufen; das mußte er nutzen. „Sagen Sie mal, junger Freund", fing Dannegger an, „'»le wollen wohl nach und nach mein ganzes Motorenwerk umstellen?" Peter tat erstaunt. „Warum, Herr Geheimrat?' „Als ich neulich im Werk war, wurde mir gesagt, daß Sie für Hoher- legung des Laufbandes gestimmt hätten. Heute liegt hier ein Antrag auf Aendernng der Beleuchtung vor, und ich erfahre, daß wieder Sie es find, der dahinter steckt." „Kleinigkeiten, Herr Geheimrat." _ Dannegger fuhr auf: „Kleinigkeiten nennen,Sie das? Die Neuaniage ist auf vierundzwanzigtausend Mark berechnet." Ganz ruhig blieb Peter. „Ich glaube, Herr Geheimrat, daß sich das Geld gut verzinsen wird. Ich habe genau darüber nachgedacht, ehe ich mit den anderen sprach. Die alten Bogenlampen kosten einmal sehr viel Strom. Dann aber ließe sich mit dem neuen Licht der Raum der Halle 3 besser ausnutzen. Es könnten meiner Meinung nach zwei Drehbänke von Halle 4 herubergenommen werden. Dann würden viel unnötige Transporte fortfallen." Jedes Wort kam leise und bescheiden. Aber Dannegger horchte doch auf. Er war Überrascht, überrumpeln wollte er sich jedoch nicht lassen. „Woher haben Sie alle diese Weisheit? fragte er. „ „Ich weiß nicht, Herr Geheimrat, es siel mir so em. „Und wann siel es Ihnen ein?" „Wenn man täglich acht Stunden immer den gleichen Handgriff tut, hat "man viel Zelt, nachzudenken." . . e „ ■ „Und nun glauben Sie wohl, daß Ihnen noch mehr «mfallen wird? .Es ist schon möglich, Herr Geheimrat. Aber noch weiß ich es nicht, ich kenne zu wenig vom Betrieb bisher." Jetzt hatte Peter einigen Son in eine Worte gelegt; unwillkürlich, denn die absprechenden Fragen des Chefs reizten ihn. Und gerade dieser Ton löste bei Dannegger wieder eine Frage aus: „Haben Sie mir etwa noch Vorschläge zu machen, ^"und^sosort folgte Peters Antwort: „In Halle 3 zur Zeit nicht. Aber außen, Herr Geheimrat." „Außen? Was heißt denn nun das wieder? Da arbeitet zum Beispiel neben mir ein Mann aus Lobeda, Herr Geheimrat. Der kommt jeden Tag mit der Bahn ins Werk. Es kommen , noch mehr aus Lobeda. Die Züge liegen schlecht. Die Leute versäumen : täglich fast eine Stunde Zelt, das macht sechs in der Woche, fast dreihundert im Jahr. Sie lungern auf dem Bahnhof herum, trinken wohl auch mal ein Glas Bier oder einen Schnaps. Das kostet Geld, ist auch nicht nötig, schadet eher, als es nützt. Die Dauerkarte nach Lobeda ist auch nicht billig. Wenn das Werk einen eigenen Autobus laufen kaffen wurde, könnte es die Fahrt verbilligen und den Leuten im Jahr dreihundert Stunden sparen. Dazu den Weg hier und den Weg dort zum Bahnhof. Ich glaube, es würde lohnen." _ r _ , _. Der Geheimrat nickte ein paarmal. „Autobusse. Soso. Haben Sie vielleicht noch etwas zu verbessern?" „ , . . . , Mit Verlaub, ja, Herr Geheimrat. Man hort so allerlei in der Halle. Da "wäre der Kantinenbetrieb. Gewiß, wir haben eine Kantinenkommis- fton Aber wie das so ist: Die Leute sind nun einmal Menschen. Und wenn die Kommission auch jedes Jahr neu gewählt wird, nach drei Wochen hat sie der Pächter in der Tasche, hat sie geschmiert. Die anderen sagen nichts dazu, denn sie begreifen, daß sich einer bestechen tafet Nicht mit Geld, aber mal mit einer Wurst ober einem halben Pfund Butter. Es ist so schon, fomas mit nach Haus« zu bringen. Sie sagen nichts, sie gönnen es den anderen. Aber ärgern tun sie sich doch. „Und was wäre Ihrer Meinung nach da zu machen? „Entweder das Werk übernimmt die Kantinen selbst und beteiligt die Belegschaft am Gewinn, oder die Belegschaft verwaltet die Kantinen selbst. Aber Pächter, die dem Werk etwas zahlen muffen, das macht böses Blut. Die Leute denken, das Werk will von ihrem Lohn wieder etwas zuruck- verdlenen." ... m Dannegger hatte sich einen Block herangezogen und machte sich Notizen. Noch immer stand Peter vor dem Schreibtisch. Jetzt schob Dannegger ein Aktenbündel beiseite, das sich über den Klingelknopf geschoben hatte, der am Rande der Schreibtischplatte befestigt war, ziemlich weit von feinem Sitz entfernt. Er muhte sich etwas hlnüber- bengen, um ihn zu erreichen. Er läutete. Brägels trat ein. „Herr Klingender möchte sofort kommen", sagte Dannegger zu ihm und dann zu Peter: „Scheinwerfer, Autobuffe, Kantinen in eigener Verwaltung. Wie ihr Jungen Euch das fo denkt. Verbesserungen hier, Aenderungen da. Als ob das so leicht wäre Nun war Peter plötzlich lebhaft. „Es ist ja leicht, Herr Geheimrat. Man muß es nur anpacken. Kleinigkeiten sind es meist. Es gibt überall etwas zu verbessern. Zum Beispiel hier. Gestatten Sie?" Er lief um den halben Schreibtisch, zog aus seiner Tasche ein Handwerksmeffer, Draht und Isolierband. v a„ Jetzt war Dannegger völlig überrascht: „Was wird denn das? Wie gesagt: wieder eine Kleinigkeit, Herr Geheimrat. Ich will nur den" Klingelknopf dort verlegen. Unter die Tlschkante genau vor Ihren Platz. Da kann kein Aktenstück ihn zudecken. Sehen Sie, mit dem Knopf ist es wie mit den dreihundert Stunden der Arbeiter aus Lobeda. Wenn ich die Kraft summiere, die Sie im Jahr verbrauchen, um bei jedem Klingeln Ihren Arm bis an die Tischecke auszustrecken, ich glaube es kommt mehr heraus, als der Inhaber der Dannegger-Werke freiwillig