SietzeiierKmiilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1951 ♦ Zreitag, den 14-August Nummer 63 Kinderlieb von den schönen Gommervögeln. Von Friedrich Rückert. Es kamen grüne Vögelein Geflogen her vom Himmel, Und setzten sich im Sonnenschein In fröhlichem Gewimmel All' an des Baumes Aeste, Und faßen da so feste. Als ob sie angewachsen sei'n. Sie schaukelten in Lüften lau Auf ihren schwanken Zweigen: Sie aßen Licht und tranken Tau, Und wollten auch nicht schweigen, Sie sangen leife, leise, Auf ihre stille Weise Von Sonnenschein und Himmelblau. Wenn Wetternacht auf Wolken sah, So schwirrten sie erschrocken: Sie wurden von dem Regen naß. Und wurden wieder trocken; Die Tropfen rannen nieder Vom grünenden Gefieder, Und desto grüner wurde das. Da kam am Tag der scharfe Strahl, Ihr grünes Kleid zu sengen. Und nächtlich kam der Frost einmal, Mit Reif es zu besprengen. Die armen Vöglein froren, Ihr Frohsinn war verloren, Ihr grünes Kleid ward bunt und fahl. Da trat ein starker Mann zum Baum. Und Hub ihn an zu schütteln, Vom obern bis zum untern Raum Mit Schauer zu durchrütteln; Die bunten Vöglein girrten Und auseinander schwirrten; Wohin sie flogen, weiß man kaum. Der Sendbote. Von Selma L a g e r l ö f. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. Es war einige Jahre nach dem Tode meines Vaters, als wir gerade einzusehen begannen, daß es nicht möglich sein würde, das elterliche Gut Morbacka zu behalten. Aber wir hatten uns noch nicht entschließen können, den Gedanken ganz auszudenken, und wir hatten noch nicht über die Sache gesprochen, weder miteinander noch mit irgend einem Fremden. An einem Sommervormittag saßen wir auf der Veranda, wir alle, die wir im Hause weilten, und putzten Stachelbeeren. Es war der !ch°"st^ Tag, den man sich denken konnte, angenehm warm, kein Wind, und der ganze Himmel voll schöner aufsteigender weißer Wölkchen. Wir dachten wohl an ein und dasselbe. Nächsten Sommer wurden wir vielleicht nicht mehr hier sitzen und die weißen Wolkenberge hinter den ^bereschenkronen aufsteigen sehen. Fremde Augen wurden den Glanz der Pfingstrosen und Provencerosen trinken, fremd« Hände wurden unsere Stachelbeeren pflücken und unsere Aepsel unter den Baumen auflesen. Fremde Menschen würden sich daran freuen, dies zu besitzen, worin wir ausgewachsen waren, in dem die Wurzeln unseres ganzen Seins ruhten. Was für Freude würden wir fortan an der Sonne oder am Sternenhimmel, an Frühlingsblumen und Herbstpracht haben? All das mar ja mit unserem Haus verknüpft. Durften wir nicht hier bleiben, dann wurden wir das rechte Gefühl für die Erscheinungen in der Natur verlieren. Natürlich würde es auch anderswo Frühlingsgrün und warmes, schönes Wetter geben, aber es würde uns gleichgültig lassen, es wurde uns nichts anqehen. P w Doch keiner von uns hatte den Mut, von diesen Furchtbaren zu sprechen, das uns bevorstand. Wir wollten es noch wegschieben und glauben, daß es sich vermeiden ließe, daß wir «inen andern Ausweg finden könnten. Die Lage war vielleicht gar nicht so veyweifelt. Wir hatten es unseren Nachbarn noch nicht angemerkt, daß sie um unsere Sorgen wußten. Die Leute kamen und gingen bei uns, ganz wie immer, aus und ein. Niemand schien daran zu denken, uns zu bedauern. Uder, wenn man darum wußte, war es da nicht seltsam, daß keine Hand sich rührte, um uns zu helfen? Daß man uns ganz einfach fortziehen lieft, als hätte dies gar nichts zu bedeuten. Es war, als spielte es gar kein« Rolle, daß wir die Gegend verließen. Und doch hatte unser Geschlecht schon viele hundert Jahre da gehaust. Aber wir hatten vielleicht keinen Nutzen gebracht. Ein kleiner Herrenhof mehr oder weniger, das war wohl kein Grund zu trauern. Während wir so in diesen Gedanken dasaßen und jeder sein Beste» tat, um den andern seine Unruhe zu verbergen, hörten wir in der Ferne Klarinettentöne. Wir zuckten zusammen und lauschten. Zuerst wollten wir kaum glau« ben, daß wir recht hörten, daß wirklich Musik in der Stille dieser Sommervormittags erklang. „Was in aller Welt kann das sein?" sagte« wir. „Ja, da spielt jemand. Es muh iroendein herumziehender Musikant sein." Aber die Töne drangen fest und klar zu uns. Und es konnte auch kein Zweifel mehr sein, wer es war, der da spielte. Es konnte kein anderer sein als unser alter Jon Asker, der Klarinettenbläser, der bei allen unsere« Geburtstagsgesellschasten und Weihnachtsfeiern Tanzmusik zu spiele« pflegte. Wir erkannten seine Polkas und Walzer. Da war kein Irrtum möglich. Jedesmal, wenn wir in Morbacka ein Fest hatten, war er ein selbstverständlicher Gast gewesen. Er hatte sich nie lange bitten lassen. Eigent«. lief) war er von düsterer, schwerblütiger Gemütsart, aber um so größer war wohl sein Bedürfnis nach einem guten Schmaus mit Munterkeit und Freude, Gesang und Tanz. Aber wie kam es doch, daß er heute mit einer Klarinette draußen war? Warum sah er da in dem strahlenden Sonnenschein und spielt« seine Walzer? Wir merkten es am Klang, dah er aus einem kleine« Waldabhang, ganz nahe am Haus sah, obwohl wir ihn nicht sehen konnten, „Er ist wohl auf der Jagd gewesen", sagte jemand. „Und jetzt vergnügt er sich damit, während er sich ausruht, seine alten Weisen zu spielen." Ja, das konnte ja sein. Wir wußten ja, daß er ein gewaltiger Jäger war. Er dachte vielleicht gar nicht daran, daß wir ihn hörten. Er spielt« nur für sich selbst und den Jagdhund. Aber als wir uns gerade dabei beruhigen wollten, hörten wir ihn die große Arie aus „Preziosa" anstimmen: „Einsam bin ich nicht alleine." Ach nein, das spielte er nicht für sich selbst oder für den Jagdhund. Das war für uns bestimmt. Diese Arie war eines der Lieblingsstück« meines Vaters gewesen. Die hatte er ihm jedesmal Vorspielen müsse«, wenn er bei uns gewesen war. Auf „Preziosa" folgte die Verführungsarie aus „Don Juan" und der Björnborger Marsch. Alle die feinsten Nummern, die der Alte auf seinem Programm hatte. Wir saßen stumm da und hörten zu. Wir waren ganz bleich geworden und zitterten. Wir wagten kaum einander anzusehen. Dieses Klarinetten«« spiel war vielleicht an und für sich nicht so besonders wohlklingend, aber es erweckte so viele Erinnerungen. Nun begann der Spielmann Bellmanns Lied „Wer denkt unsere» Bruders nicht". Und da tarnen uns allen die Tränen in die Augen. Wie oft hatten er und andere Sangesbrüder Leutnant ßagerlöf dieses Lied vorgesungen! Aber obgleich uns all dies sehr ergriff, konnten wir doch nicht recht verstehen, was es eigentlich zu bedeuten hatte. Warum war der AU« den langen Weg gegangen? Warum saß er da und spielte uns all dies vor? Da sagte meine Schwester ganz hastig, so, als wäre ihr eine Eine gebung gekommen: „Er hat erfahren, daß wir Morbacka nicht behalten können, und nurt ist er gekommen, um uns für all die vielen Male zu danken, die er e» hier bei uns schön gehabt hat." Damit war das Furchtbare ausgesprochen, und wir hatten zuerst das Gefühl, als hätte man uns einen Schlag versetzt. Wir hatten ja selbst der Tatsache nicht in die Augen sehen wollen, und wir hatten nicht glauben wollen, daß andere etwas wüßten. Aber wir begriffen auch sofort, daß sie recht hatte. Wir begriffen, baft der Alte aus diesem Anlaß gekommen war. Er war hier, um uns Dank zu sagen, für all das Helle und Schöns das er und andere in unserem Hause genossen hatten. Er wollte uns erinnern, daß es eine Quelle der Freude gewesen war, ihr Strahl war hoch zum Himmel gesprüht und hatte viele angezogen und erquickt. Doch uns schien es so, als wäre er ausgefanbt, um uns zu sagen, baft es kein Entrinnen gab, daß das Unheil hereinbrechen mußte. Aber wir dankten doch Gott, daß wir unseren Urteilsspruch in dieser Gestalt gehört hatten. Ja, Gott sei Dank und Lob, daß die barte Wahrheit in helle Erinnerungen eingehüllt kam, in Wehmut und Dankbarkeit« Salzburger Festspiele. Von Otto S ch a b b e l. Welch ein Gesicht blickt mich Per an! Kommt man wie ich aus den apollinischen Festspielbezirken von Bayreuth wo aus dem Geist der Musik die Tragödie erwächst, wo erdentruckte Weihe über dem zur Kultstätte gewordenen Theater liegt, kommt man wie ich, das Ohr noch voll von den expansiven Klängen des Wagnerorchesters, aufgewühlt und beunruhigt im Innersten von der Nervenmusik des „Tristan", in die immer heiter gestimmte Kulturwelt Salzburgs, die selbst ein tagelanger „Schnürlregen" nur mit einem durchsichtigen melancholischen Schleier verhängen kann: so empfindet man fast mit einer gewissen innern Beruhigung die Gegensätzlichkeit der beiden Festspielstätten. Du trittst hier in eine andere Welt. Das heroische Theater von Bayreuth, mit seiner weitausladenden, stilisierten Geste dort — das lichte Rokokotheater mit den geistreich-sprudelnden, unpathetischen, ironischen Buffokomödien Mozarts und Goldonis hier: welche Kontraste öffnen sich unferm Blick! Es ist, als ob die Doppelmaske des Dionysos sich uns hier erst ganz in ihrem Sinn enthülle; es ist, als ob der Mensch hier das heitere Gegenspiel des Lebens erblicke. Wahrlich, man braucht den Geist Bayreuths nicht zu verleugnen, wenn man auch das Kunstdasein Salzburgs als besonderes, künstlerisches, ja, als ein menschliches Glück empfindet. Richtet sich dort, auf dem grünen Hügel im Frankenland, in dem ganz schlichten gradlinigen Ziegelbau des Bayreuther Festspielhauses aus dem Erlösungsdrama Richard Wagners die ethische Idee zwingend hervor, so spricht hier die beschwingte Melodie unmittelbar lebensfreudig zu allen unfern Sinnen. Die Melodie nicht minder der Musik Mozarts, die hier ihre Urheimat hat, und ähnlicher sinn- und stammverwandter Meister, — der Musik auch der Architektur der Fischer von Erlach-Bauten, des Domes und der Kirchen. Die ganze Stadt hat ja ihre Melodie. Aus den Gassen, von den Plätzen strömt sie uns entgegen, heiter und lebensfreudig, ein erster Gruß Italiens, dessen Kulturwelt hier ihre innigste Verschmelzung mit deutschem Lebensgeist begeht. Ueberragt von dem geschlossenen Trotz der mittelalterlichen Veste, durchrauscht vom Bergwasser der Salzach, umgeben von hochaufstrebenden Waldbergen, die heroische Felsakzente auftürmen und die Finales Brucknerifcher Symphonien ahnen lassen: es giebt keinen chöneren, keinen bewegteren Rahmen für festliche Spiele. Und der Mensch elbst, so oft er seinen Fuß in diese Stadt setzt, glaubt ein heiteres Lebens- ’ fest zu begehen, dem die Spiele des Sommers, die musikalischen wie die theatralischen, eine letzte sinnvolle Erhöhung geben. Roch stehen wir am Anfang des Salzburger Festspielsommers und der Kritiker wird nur ihr Gesicht nachzuzeichnen versuchen, ohne vorzeitige Bilanzen ziehen zu wollen. Man muß die Salzburger Festspiele in ihrer Totalität aus dem österreichischen Musiksinn heraus begreifen, der sich in der Freude an der schönen Erfüllung, in dem ihm eigenen Gefühl für natürliche Stilwirkung selbst Genüge tut. Der Salzburger Festspielsommer ist eine einzige vielfältige Lockung. Man hat hier gar nicht einen hochtrabenden Ehrgeiz, sogenannte Musterausführungen zuwege zu bringen, man belastet nicht die Freude und den Genuß mit historischen, philosophischen oder ästhetischen Aushängeschildern. Man gibt und empfängt hier aus der Fülle eines ansehnlichen und höchst kulturvollen Kunstgefühls heraus, das ist hier Wesentliches. Und es wird ehrlicherweise auch gar nicht geleugnet, daß die magnetische Kraft der Festspiele zugleich im Dienste der Fremdenverkehrswerbung steht. Und auch als solche tut sie ihre Wirkung. Zwar stand die erste Fest- fpielwoche noch unter dem Schatten der deutschen Notverordnungen. Das Hundertmarkedikt für Auslandsreisen hat Unzählige im letzten Augenblick von der Reise zurückgeschreckt, wenn auch die Zollbarrieren nach Oesterreich verständigerweise nicht so hermetisch verschlossen waren, als daß sie den Festspielbcsuchern aus Deutschland nicht einen Durchschlupf gewährt hätten. Betrübten Herzens stellen die Salzburger das Fernbleiben des reichsdeutschen Gästekontigents fest, mit dem sie nach den Erfahrungen der früheren Jahre rechnen durften. Erfreulich, daß es noch genug zahlkräftige Amerikaner, Engländer und Franzosen gibt, deren Wertschätzung deutscher Musik wenigstens eine gewisse Aussallsgarantie zu leisten verspricht! Für den Höhepunkt der Festspielwochen werden die Gastspiele her Wiener Staatsoper mit dem „R o s e n k a v a l i e r", mit „Fide - lio" und den Glanzstllcken ihres Mozartrepertoires aufgehoben, Bruno Walter, Franz Schalk und Clemens Krauß werden das Orchester her Philharmoniker unb ein Ensemble her absgesuchtesten Mozartsänger Deutschlands und Oesterreichs dirigieren. Den Reigen her Orchesterkonzerte eröffneten die Budapester Philharmoniker mit zwei Abenden, in denen sie deutsche Klassiker vortrugen. Am ersten Abend ein klangvoller Orchesterkörper, der unter Emst von Dohnanyi sehr ausgeglichen und besonders ausdrucksvoll in den Streichern spielte, ohne indes unter dem ein wenig nüchtern-vornehmen Dirigenten hinzureißen, entzündete es sich erst wahrhaft an der heimischen Musik Bartoks und Kodälys, dessen Maroszeker Tänze besonders lebhaft interessierten. Die Basis der Schauspielaufsllhrungen ist wiederum das barocke Kuli- spiel „Jedermann" von Hugo vom Hofmannsthal, das Max Reinhardt auf dem Spielgerüst des Domplatzes unter freiem Himmel aufbaut. Ich kann nicht leugnen, daß an der Aufführung dieses Sommers schon ein leiser Erdenrest haftet. Die unmittelbare Suggestion des Rein- hardtschen Zauberstabes scheint zu fehlen. Als wäre der innere Zwang der Disziplin nicht mehr so stark wie bei den Ausführungen früherer Jahre. Diese Aufführung hat schon so etwas wie ein Normalgesicht bekommen, wenn auch die Bild- und Klangoffenbarungen im einzelnen die gleichen sind. Noch immer steigt Alexander Moissi als demütig gewordener Herr Jedermann in das Grab, noch immer ist Helene Thi - mig reinste Verkörperung des Glaubens und Dagny Servaes die fchönste „Buhlschaft". Die Abendsonne verklärt das schöne Bild, aus den geöffneten Domportalen dröhnt mächtig die Orgel, die Glocken fallen ein unb bie ganze Stimmung dieses feierlich-erhabenen Spektakulums ist ein einziges ergriffenem ad majorem dei gloriam. Diese gewaltigen Stimmungsakkorde, bie in den herrlichen Kulissen bes Platzes beschlossen sinh, sind Reinharbts treueste unb nie versagenbe Helfer, um bem Mysterium seinen großen Charakter zu sichern. In ben Darstellern scheint jeboch bas Gefühl für ben kultischen Stil zuweilen schon fühlbar verblaßt. Auch sonst wartet Max Reinhardt im Schauspiel nicht mit großen neuen Gaben auf. Man sieht den „Schwierige n", eine Ausführung, bie in Wien unb Berlin schon an bie hunbertmal gespielt ist, mit jener unvergleichlichen Leistung Gustav W a l b a u s in her Titelrolle, unb bie nicht minder populär gewordene Stegreisimprovisation von Goldonis „Diener zweier Herren", in der Paula Wessely als Smeral- bina und Hermann Thimig als Truffaldino zwei Leistungen von echtem Bufforeiz auf die Bühne stellen. Außer der. „S t e l l a" mit Helene Thimig unb Agnes Straub als Stella unb Cäcilie bringt fein Programm nichts Neues unb man findet, daß es des Guten doch eigentlich zu wenig fei. Was aber kann schöner sein in diesem Rahmen als die echte Commedia dell'arte, so ganz in Stil und Stimmung dieser Umgebung eingehend wie die meisterlichen Ausführungen des „Barbier von S e v i l l a", bes „Son Pasquale" unb der „Heimlichen Ehe" von C i m a r o f a, mit benen ein Ensemble der Mailänber Scala aufwartet? Arturo L u c o n , ein Dirigent von eminent rhythmischer Feinfühligkeit unb höchster Schmiegsamkeit, unb bie Wiener Philharmoniker finben sich zu einem Musizieren von gleichem Elan unb auf her Bühne stehen Sänger, die eins vor allem vor ihren deutschen Kollegen voraus haben. Sie sind nickst nur Sänger von echter Parlandokultur. Sie sind Komödianten aus innerstem Trieb und von vollendeter Begabung, in der Handhabung aller szenischen Möglichkeiten, Komödianten, die wir anstaunen wie seltsame Wunderwesen. Erfinderisch, geistreich, improvisierend, souverän und von höchster künstlerischer Diszipliniertheit entfaltet sich in ihnen bas Brio, bie vehemente Schlagkraft einer elementaren Spielkunst, die hohes Raffinement in letzte Unmittelbarkeit ummünzt. Mariano Stabile als Figaro dell’qualitä und als Malaiesta in „Don Pasquale", unb Fernanbo Autori als Bafilio, bie uns Deutschen bie Urelemente bes Mimus verstänblich machen. Allein biefe italienische Meisteraufsührungen sink» ein unaussprechlich reiner unb reicher Genuß bes Salzburger Festspielsommers. Indianer in Zivil. Von Ann Tizia ßeitidj. Chief Long Lance würbe von der Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein, der ehemaligen Schwiegertochter Wilhelms II., als ein smarter, interessant häßlicher junger Mann gemalt, der mit Zylinder und Malakkastöckchen über die Leinwand schreitet, augenscheinlich von einem Rendezvous zum andern, von einem Tee in der sechsundachtzigsten Straße, Ost, zu einem Dinner in Park Avenue. Genau so, als ein Mann von Welt, tritt er einem entgegen, wenn man ihm bann wirklich begegnet. Sein Teint ist von jener monbänen Bräune, wie sie um biefe Zeit ein Aufenthalt auf bem kostspieligen Sand von Palm Beach ober Spaziergänge zwischen ben Ruinen von Luxor verschaffen; seine Nase hat einen burch einen Hieb h-rvorgerufenen Bruch in ber Mitte, was sein Gesicht zwar verunstaltet, ihm aber auch zugleich etwas Verwegenes verleiht; es mag einer der Gründe (ein, warum es Einladungen auf feinen Tisch in einem einfachen Schlafzimmer des Explorers Club nur so regnet. „Chief Long Lance?“ sagte man mir, „oh, ber ist ein ,Society-Indian1. Bei ihm werben Sie nicht viel über bie Jnbianer erfahren. Außerbem ist er nicht ganz reinrassig. —" Long Lance, ber in einer ber besten Jnbianerschulen, Carlisle in Penn- sylvanien, ftubierte, Schüler in ber Militärakabemie von West-Point war unb ben 'Krieg als Kapitän ber kanabischen Truppen mitmachte, lebt jetzt von ber Kunst, bie alte Völker soviel bester verstehen als junge: so wenig als möglich zu arbeiten unb seine Muße so angenehm als möglich zu verbringen — was er äußerlich badurch ausbrüdt, baß er den Frack, dieses in Amerika nutzloseste Kleidungsstück, mit ausgezeichnetem Schick trägt. Versuchte er eine solche Lebensphilosophie auf einen Hintergrund von Dollarmillionen, so würden die Amerikaner Respekt vor ihm haben, da er aber umgekehrt auf ber Basis einer finanziellen Bagatelle barin exzelliert, so zucken sie verächtlich bie Achseln unb nennen ihn einen ,Society-Indian1, was übersetzt soviel heißt, als baß ein Mann ben Charme seiner Persönlichkeit bazu benutzt, um bei Dinners, beren Opulenz von Männern bestritten wirb, bie bie ihnen mangetnbe Kenntnis, wie man mit Grazie nichts tut, burch einen Furor bes Gelbverbienens ersetzen, ben Damen bas maskuline Element von einer anberen Seite zu zeigen. Ganz anbers verhält es sich mit Chief Yellow Rohes (Gelbes Kleid) alias Chauncey Kills, einem Sioux, der im vergangenen Frühling in einem Neuyorker Hospital starb. Er war ein hochgebildeter Sechziger, der sein Leben der Aufgabe geweiht hatte, als Mittler unb Interpret, nicht nur in sprachlicher, fonbern vor allem in spiritueller Hinsicht zwischen bem „American Indian Departement“ unb seinen inbianifdjen Brübern zu wirken, inbem er biefen bie Kultur ber Weißen, mit ber sie nur ungern sich hebenden lassen, zugänglich machte. Das Indian Departement, bem Erziehung, Organisation unb Vorrnunbschaft über bie Jnbianer obliegt, hat bekanntlich in verflossenen Dekaben viele Sünben auf sich geladen, indem es bemüht war, bie Ureinwohner Amerikas in einer Weise zu amerikanisieren, bie biefen burchaus fremd, widerwärtig und unerreichbar war. Der Indianer erwies sich als seelisch unb geistig so verschieben vom Weißen, baß z. B. bie „intelligence tests“, bie Jntelligenzprüfungen, für ihn nicht anroenbbar sinb. So ist es nur sehr schwer möglich, bie Jnbianer- tinber in eigens hierzu errichteten Schulen zu einer geregelten, vorn amerikanischen Standpunkt aus produktiven Arbeit zu erziehen, wird aber immer noch mit viel Drill gemacht, obwohl man nun überzeugt sein muß, daß bie Raste eben für gewisse Arbeiten nicht taugt. Es enttäuschte bie leibenschaftlich gern als Zivilisations-Missionare tätigen Amerikaner zutiefst, baß von allen Völkern, bie im berühmten Schmelztiegel zusammen- Der Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35. (Fortsetzung.) . Aber der Häuptling rührte sich nicht von der Stelle. Er stand auf seiner Tribüne und starrte mit dem sonderbarsten Gesichtsausdruck der Welt in die Luft. Die Tertianer wunderten sich weiter nicht, daß er sich ihnen so regungslos zeigte, denn es galt für .schick', es war ,sauber' und .fabelhaft fein', sich nicht sogleich zu rühren, wenn die Pfeife ertönte. So schnell gehorchen mußten nur die jungen, nicht die patres patriae. Man pflegte sich möglichst gleichgültig und in irgendeinem Gespräch begriffen an den Spielplatz heranzupirschen, und man pflegte sogar noch auf dem Feld selbst in irgendeiner Unterhaltung begriffen zu fein, knapp bevor das Spiel begann. Wie nun aber auch Daniela, als letzte, saumselig sich erhob, wurde die Tertia aufs neue ungeduldig. Warum in des Teufels Namen ging der Häuptling nicht auf Daniela zu und fragte sie, ob sie der Rechts- oder der Links-Außenstürmer sein wollte? Und warum bestimmte er nicht endlich denjenigen Außenstürmer, der für Daniela auszuscheiden hatte? Da aber begab sich ein sonderbarer Vorgang, dessen Bedeutung nur die Geistes-Schnellsten unter den Tertianern sogleich erfaßten. Daniela nämlich ging zu Knötzinger, Daniela ging zu den Sekundanern hinüber. Und dort drüben gab sie einigen Sekundanern, darunter ihrem Präfekten, läfsig die Hand. Sie tat das, indem sie langsam, zögernd und etwas verächtlich die schmale rechte Hand aus der Hosentasche zog und die Hand seitwärts ausstreckte, ohne dort hinzuschauen, — wie eine Dame, die erwartet, daß man ihr die Hand küssen werde, und der es im übrigen gleichgültig war, ob man ihr die Hand küßte oder shake hands machte ober was fonft... Wer in diesem Augenblick Daniela klug beobachtete, hätte die Prophezeiung machen können, daß sie dereinst einmal eine große, wild-närrische, sportlich-verwegene und angenehm-freche Dame fein würde. In der Tat, sämtliche zehn Sekundaner traten jetzt herzu, Daniela zur Begrüßung die Hand zu schütteln, — ja, es tarnen sogar noch Sekundaner, Daniela höflich und ehrerbietig zu begrüßen, die nicht in die Fußballmannschaft eingeteilt worden waren. Im ersten Augenblick glaubten die meisten der Tertianer, — eben die, die nicht schnellen Geistes waren, — Daniela habe da drüben nur etwas zu besprechen und werde sich jetzt umkehren, um sich über den Platz hinweg zur Mannschaft der Bande zu begeben. Man war etwas verwundert über die herzliche Begrüßung auf der andern Seite; man meinte, daß Daniela sich etwas weniger freundlich zu einer Klasse benehmen könne, mit der man sich im Kriegszustand befand, — gleichviel, es war Daniela, man war allerlei von ihr gewöhnt! . Jetzt aber schritt der Große Kurfürst von feiner Tribüne herab, und er stellte sich als Tormann der Tertia vor sein Goal auf. Los'" rief er mit plötzlicher Ungeduld, doch immer mit einem verborgenen Spott auf der hohen, breiten, barock gelockten Stirn. Die Pfeife des jungen Lehrers, der den Schiedsrichter machte, ertönte zum Spielbeginn. t Was wird denn nun?" schrien die Dummen unter den Tertianern ärgerlich. „Daniela ist doch noch gar nicht auf ihrem Platz! Wir sind ja zwölf!" _ . , . . „ . ... „Los!" schrie der Große Kurfürst Reppert zu. „Daniela spielt drüben! Daniela war im Angesicht des Griechenheeres zum Grohkönige uber- gegangen! m . r . Die Tertianer sahen sich an. Ohne ein Wort miteinander zu sprechen, wechselten sie Blicke miteinander. ■ Dann aber ergriff sie die Tertia-Wut, das ist die Wut ohne Beispiel! Sie knirschten mit den Zähnen, ihre Kiefer malten, ihr Haar loderte in Empörung auf, wie das Haar eines einzigen Hauptes , Sie waren nunmehr nur noch ein Leib, sie wollten wie em Leib zusammenstehen! Sie kämpften nicht nur gegen die Unter-Sekunda, gegen ihre erbitterten Feinde, — sie kämpften auch gegen den Verrat in ihren eigenen Reihen, gegen den wahrhaft athenienslfchen Verrat eines ihrer Sie wollten jetzt einen Kampf liefern, wie noch nie eine Tertia auf Erden Fußball gespielt hatte. Sie mochte sich vorsehen, die dort bruben! Es würde ihnen nicht das geringste ausmachen, wenn es heute Huben I und drüben ein paar zerbrochene Knochen gäbe! Es war ipnen DoUig I gleichgültig, ob es dabei vielleicht hin und wieder nicht sportlich korrekt 3U9gctft mit^Erschrecken sah Dr. Frey die Gesichter seiner Tertia-Freunde, die brausend auf ihn zukamen. Schon in der ersten Minute wußte die Sekunda, daß es heute einen Kampf geben würde, wie ihn der Schulstaat nach nie gesehen hatte. . I Und alle, die ringsherum saßen, — bis zur Prima herauf, Jie spürten alle die große, heldenhafte Wut der Tertia. Jetzt waren es die Sekundaner, die einander ansahen und kleine warnende Worte in d,e Luft riefen, Worte, die zur größten Achtsamkeit und Sraftanfpannung I ma^8eigt, was ihr könnt!" rief Knötzinger rauh feinen Stürmern, Läufern und Verteidigern zu. r _ „Kinder, laßt Blut sehen!" rief der Große Kurfürst . Nur Daniela blieb gleichmütig und gefaßt, wie Helena in Ilion, — I als ginge sie dies alles hier nichts an und als spiele sie eben nur zu I ihrem Vergnügen und nicht aus Haß. I Die Tertianer waren sogleich am feindlichen Tor. Knötzinger zog den Ball an die Brust. Die Tertianer stürmten aufs neue. Einer der feindlichen Verteidiger schlug bas Leber mit einem Kopfstoß I seit-vorwärts seinem Hals zu. Der fütterte seinen Stürmer mit einem flachen Ball. Aber Lübers nahm ihn dem Stürmer ab. I Sogleich waren die Tertia-Läufer wieder am Tor der Sekunda. I Knötzinger ging in die Knie. amen gerade die einzigen wirklich hundertprozentigen Amerikaner sich Ur Amerikanisierung am hartnäckigsten widersetzen. Trotzdem hat es das Indian Departement nun endlich aufgegeben, die alten mystisch-religiösen, iaturoerroobenen Tänze und Zeremonien der Indianer zu unterdrücken, 5 bemüht sich im Gegenteil, die Kenntnis davon wieder zu beleben. Man jat die künstlerischen Fähigkeiten des roten Mannes erkannt, sucht seine Latente für bas Weden bas Muster-Entwersen unb Töpfe-Malen zu unter- I tützen, trachtet sie als Zeichen einer präkolumbischen Kultur zu erhalten, um ich derart mit dem Besitz eines kontinentalen Altertums im Sinne der I 3ö(fer der Alten Welt zu nobiliperen. Im Einklang damit gilt auch heute Ur Amerikaner, der indianisches Blut in den Adern hat, als quasi über kunbertprogentig, unb gewisse Hugenottenfamilien von St. Louis, bie sich seinerzeit wöhrenb ber Kämpfe gegen bie Gnglänber mit Osagenmübchen .erblinden haben, betrachten sich als Aristokraten. Nur schabe, baß tiefer I Schutz indianischer Eigenart zu spät kommt; es hat sich herausgestellt, »aß bie Jnbianer vielfach selbst bie Muster unb vor allem bie Zubereitung I ter Farben — an bereu Stelle man ihnen Anilinfarben aufgebrängt Ijatte — vergessen, unb bie künstlerische Kraft, neue zu erstirben, verloren haben. Wie sehr wesensfremd den Indianern eine Amerikanisierung ist, zeigt I «m besten ihre Stellung zum Grundmotiv des amerikanischen Lebens, dem Evangelium des materiellen Erfolgs. Während es unter den Negern »elf-made-ÜRillionäre unb eine wohlhabenbe Babbittklafse gibt, hat kein 3iibianer Gelb gemacht. Diejenigen bie reich sind — es existiert eine ganze »lnzahl — danken dies einem Geschenk dzw. einem Versehen der Regierung, öie ihnen den scheinbar ertraglosen oben Baben von Oklakoma übergab, I ■us bem zum Erstaunen aller bas „schwarze Golb" Petroleum sprudelte. Wenn man in Chauncey Kills’ edel schönes Gesicht sah, so blickte einem daraus die Seele der indianischen Rasse entgegen, unb man fragte sich, 3b vielleicht bie gewissen Renommierinbianer Coopers unb Karl Mays deren Großzügigkeit bie Herzen unserer eigenen halbwüchsigen siuqend'höher schlagen gemacht hatte, boch nicht ganz nur aus einer schonen Phantasie geholt waren. Der Indianer hat noch heute em ungeheures Selbstbewußtsein, für das der Weiße nichts anderes ist als ein Barbar. Während er ruhig anerkennt, daß dieser gewisse Sachen besser versteht -,(3 er, fühlt er sich ihm in jenen Dingen, auf die es letzten Endes ankommt, absolut überlegen. „So viel weiß der weiße Mann , sagte kichernd in I i-brochenem Englisch ein alter Indianer zu mir, indem er einen Kreis n archaischen Sand Neumexikos zog, „oh, er weiß viel so viel . Dabei ah er uns treuherzig von unten an. Dann holte er plötzlich weit aus I unb zog einen großen Kreis, der den andern bis auf ein kleines Segment rinschloh, unb fuhr fort: „Aber bas alles weih ber rote Mann — Chauncey Kills war mit einer Weißen verheiratet; von (einen brei Töchtern Rosebub, Chcmcine unb Evelyn, finb die zwei lungeren Verkäuferinnen benn auch Chauncey hat Geldmachen als unter seiner Wurde getrachtet, die älteste ist mit einem Neuyvrker Theatermanager verheiratet. Don Malern die sich in die Wesensart des Indianers versenkt haben unb in ihren Porträts bas Innenleben unb den Kulturausdruck einer sterbenden Rasse festhalten, habe ich Langdon Kihn und Winold Reiß kennengelernt. Während Langdon Kihn der größere Künstler ist, bringt Reiß, ein in Amerika ansässiger Süddeutscher, vermöge seiner faszinierten j Einfühlung das Seelische frappanter heraus. In seinem Studio traf ich eia junges Mädchen das mit feinen dunklen keuschen Augen, bem schmalen Haar unb ben ruhigen, abgeklärten Bewegungen rote aus einem (einer 3nbianerbilber gestiegen schien. Es stellte sich aber bann heraus, daß sie - eine gebürtige Hamburgerin war, eines ber ehemaligen Buncan-Gt l , Erica, bie den Tanz bem Malen zuliebe aufgegeben unb lange Seit unter ben Blackfoot-gnbianern des Nordwestens gelebt hatte. Sie stellte em ganz fabelhaftes Beispiel einer inneren unb äußeren Angleichung bar bas zugleich auch ein Beweis ist für bie Stärke ber indianischen Atmosphäre, non ber ja aud) bie Yankees und Babditts nicht ganz unbeeinflußt bleiben Bei einem charity-concert im exklusiven Colony-Club lernte ic^ Dste« nonton, einen Hapi-Jndianer, kennen her nidjt nur einen me ob'f^n Namen hat. Ein ausgezeichneter, gut honorierter Sanger und Mime voll Anmut und Beweglichkeit, zeigt Oskenonton den mongolischen Typ der Rasse breites Gesicht schmale Augen, breiter, zum Fettsem neigender Leib. Aber'ungleich dem Mongolen sind seine Züge stets heitere, herzlich lächelnde Freundlichkeit. Das Leben ist doch gut zu ihm, er darf sich schon anziehen In ihrem Studio in der 58. Straße, nicht weit von Joseph Urbans moderu-phantastischem Choran-Girl-Palast dem 3icgfiel°te(r Natalie Unkalunt, die ein amerikanischer Manager d'e .Cherokesen-Pr,n. Zessin" getauft hat, eine Titulatur, bie absolut unkorrekt ist benn bei ben demokratischen, in mancher Hinsicht sogar kommunistischen Indianern gab es weber Könige noch Prinzessinnen Natalies Eher°kesin-Famlie war durch Oklahomaöl wohlhadenb geworben, unb sie wurde in einem. eie- «anten Pensionat in Boston erzogen. Sie spricht deutsch und französisch. Sie ist hübsch und hat einen ruhigen, von innen herE leuchtenden Charme, für den die Amerikaner dieser Dekade kemerle Verständnis haben Da ihre Familie bas leicht gewonnene Gelb ebenso leidjt roteber ver , »rächtet Natalie jetzt, mit kunstgewerblichen Arbeiten bei denen sie rn^im -Nische Motive oermenbet, unb mitSammlungen Zu oerbienen. Nur leibet fehlt ihr bazu bas Gedächtnis i^rer Jta||e, pe kennt bie Motive nicht mehr. Unb so sitzt dieses innge. aber, nicht mehr •garos junge, einsame Mädchen, wie bie ver'table Seele ihres Volkes Zwischen seinen verloren gehenben unb schon halb v g ss . ■ein paar Türen vom lauten Gloria des Ziegfie d-Palast^ Haus, über das hoch hinauf bie neuen Terrassen-W^ ■deren Pyramibenbau inbianische Ahnen vor Tausenden I y -sonnen haben. SÄÄ auch if. n< |i. 1*1-1. l-"6 3<-=- fielb und siebzig Stockwerken Apartment-Pracht. Er hatte den Ball einen Schritt vor dem Tor mit den Händen abgefangen. Bald wieder führten Reppert und Lüders ihren Ball stürmisch vorwärts. Reppert flog hin. Lüders und jetzt Hornbostel trieben. Der Ball strich über den Platz. Mit einer, fast grausamen Folgerichtigkeit wurde er von Hornbostel dorthin getrieben, wo alle Tertia-Sehnsucht ihn hindrängte: scharf an Knötzingers Fresse vorbei und — durch! Aber Knötzinger wurde von seinen Verteidigern gut gedeckt. Es kam ein Kopfstoß von Hornbostel, Knötzinger fing das Leder auf. Die Tertia stürmt. Daniela hat überhaupt nichts zu tun, als wachsame Sprünge zu machen. Man legt sie lahm. Man hat dies in der Tertia mit keinem Wort verabredet, aber es gibt eine geisterhafte Verbindung zwischen den Fußballspielern einer Mannschaft. Die Tertia gibt Daniela nicht die geringste Möglichkeit, ihrerseits zu stürmen. Daniela macht Luftsprünge, aber der Ball bringt kaum je in ihre Nähe hin. Das Spiel ist vom ersten Augenblick an auf dem Feld der Sekunda. Der Ball weicht von ihrem Tore nicht ab. Die Tertia stürmt. Di« Tertia stürmt. Zehn, zwanzig, dreißig Angriffe hat die Sekunda abgewehrt. Der dreißigste, der einunddreißigste, der zweiunddreißigste, jeder Angriff überbietet den andern an Wildheit, an Raserei. Zwei Sekundaner müssen bereits ausgewechselt werden. Umsonst ermahnt der Schiedsrichter die Bande, sich zu bezähmen, den Sport und seine Gesetze nicht zu vergessen. Die Tertianer lachen nur kurz und erbittert auf. Sie haben zweien dieser achtbaren Sekundaner die Glieder verdreht. Zwei lahmen davon. Die Sekundaner sehen die Tertianer nicht mehr, wie es gewöhnlich ihre Art ist, mißbilligend, verweisend und etwas bekümmert an. Die Sekundaner werden von einer ähnlichen Wut ergriffen, wie bie ba brüben sie Haden. Es sammeln sich immer mehr Zuschauer auf den Tribünen unb auf ben Weibenbäumen, Lehrer unb Schüler unb bet Gutsinspektor mit seinen Eleven unb sogar einige ber Bauern aus bem Gutsborf, — Bauern, bie es vorziehen, ihren Feiernd enb hier zu verbringen, anstatt in ber Schenke. Unb alle feuern bie Tertia an. Alle rufen der Tertia heroische Ermun- tttgngen zu, und je besser die Tertia spielt, desto stärker wird die Liebe und Bewunderung des ganzen Schulstaates für diese teufelsmäßige kleine Mannschaft dort, bie nicht erlaubt, baß ber Ball auch nur ein einziges Mal in bie Nähe ihres Tores kommt. Der Häuptling steht vor feinem Goal, wie ein Bauer am Sonntag vor feiner Hütte. Doch wer ihn anblickte, würbe ein gebieterisches unb etwas höhnisch flammenbes Auge hinter kurfürstlichen Locken gewahren. Die Tertia stürmt. Hornbostel, Lüders und Reppert spielen meisterhaft miteinander, als seien sie niemals Räuber und Landstreicher des Schulstaates gewesen, sondern ein unzertrennliches Dreigespann von Fußballcracks. Königsmarck und Bamberger zeige eine wache Intelligenz, eine Vielfalt der Sinne, als spielten sie am Sonntagnachmittag vor Hunderttausenden von Menschen im Stadion von Berlin ober im Stade von Colombes, unb sogleich wirb der Präsident ber Deutschen ober ber Präsibent ber Französischen Republik sie zu sich rufen unb ihnen ben golbenen Pokal ober bie gotbene Coupe übergeben, während Reichswehr ober Garde Republicaine bie Nationalhymnen spielen. Die Tertia stürmt. Aber Otto Kirchholtes, ber Außenstürmer, ber Daniela gegenübersteht, Otto Kirchholtes ist ber einzige aus ber Tertia, ber versagt, ber völlig enttäuscht! Man ist verzweifelt in ber Banbe, wie sehr sich Otto heute gehen läßt, er, wie Patroklos einst ber Stolz ber Achäer. Es sinb noch zwei Minuten, bann ist bie erste Halbzeit beenbigt. Drei- unbbreifjig Minuten lang hat bie Tertia bas Tor ber Sekunba berannt, wie bie Griechen unter Agamemnon bie Tore ber heiligen Ilios. Doch hier ist ber zürnende Pelide nicht mehr in feinem Zelt. Achill in ben Reihen ber Trojaner! Achill unter bem Schutze bes Priamos und des Hektor! Dreiunddreihig Minuten lang haben die Sekundaner die Tertia abgewehrt! Der Ball fliegt rechts über die Torlinie, links über bie Torlinie. Knötzinger wirft sich ober wirb in allen nur bentbaren Verrenkungen unb Verkürzungen zu Baben geworfen. Unb immer roieber ist fein großer, stämmiger Körper eine Brustwehr [einer Mannschaft. An seinem quabratischen, erzgeschmiebeten Kopf zumal prallen bie Hiebe ber Tertia ab. Die Tertia stürmt. Königsmarck sinkt bahin. Man zieht ihn an ben Seinen aus bem Felb. An seine Stelle tritt Schabzieger. Daniela macht hohe Sprünge, ganz vergebliche. Der Zorn über ihre Untätigkeit erhebt ihre Sprünge zu einer fast übermenschlichen Höhe. Es scheint, als trainierte sie im Hochsprung. Umsonst! Sie hat noch fein einziges Mal bie rounberbare Lust empfunben, ben Ball mit ihren Füßen, biefen schnellsten unb geschicktesten aller Füße, vor sich hintreiben zu bürfen. Eine Minute noch! Verzweiflung über ihre fruchtlose Raserei malt sich auf ben Gesichtern ber Banbe! Da aber bringt aus ben hinteren Reihen, wie ber wolkenumstrahlte Gott, ber seine Schleier sinken läßt, Otto Kirchholtes hervor, in kurvenförmigem Laufe, ben Ball zu feinen tänzerisch starken unb schönen Füßen. Sogleich, mit einem rauhen Schrei, stürzt Daniela ihm entgegen. Aber Otto Kirchholtes, ber einzige aus ber Banbe, ben bas Lächeln nicht verließ, umgeht Daniela in einem Bogen mit so geringem Rabius, baß sie sich seitwärts tief in ihren Hüften krümmt, bie beiben Arme schief über ben Schultern unb parallel erhoben. Sie fliegt ins Leere! Otto Kirchholtes aber ist längst an ihr vorüber, ist in andern Sphären schoir wie seine Feindin! Lüders hat er den Ball vor bie Füße getrieben. In biesem Augenblicke weiß jedermann auf dem Fußballplatz, von. Knötzinger herab bis zum ftumpfeften Bauern, der zuschaut, daß es in. dieser letzten Minute zum Aeuhersten geht. Umsonst rufen die Gegner sich warnend ihr „Achtung! Kirchholtes!" zu. Umsonst belauern ihn bie furchtbaren und gespannt-bösen Dämonen der Sekunda. Otto Kirchholtes nimmt seinem Kameraden das Leder ab, erhebt das Knie wie zum Tanze, und das Knie biegt sich so, wie sein lächelnder Mund im Vorgenuß des Sieges. Der Fuß des Knaben scheint geistreich zu sein wie ein Gedanke oder wie ein Gesang. Dieser seraphische Fuß, von Dämonen mit verzerrten Mäulern belauert, spielt den Ball auf den Spann, zielt unb — trifft. Vergeblich wirft sich Knötzinger bem funtelnben Leber mit einer Robinsonade entgegen. Die Tertia hat ein Tor. Gleich banach ertönt bie Pfeife bes Richters. Die erste Halbzeit beenbigt. 0:1! Die Zuschauer erheben zur Begrüßung ber Tertia bie Arme unb fie rufen ihr rounberbare Dinge entgegen. Einige klatschen in bie Hände, am roilbeften von allen Borst. Der Große Kurfürst legte seine Hanb auf Ottos lobernbes Haar. Der Junge steht mit feinem breiten Oberkörper ba, ber nicht feucht ist und nicht bampft. Sein schön geschwungener Munb lächelt, aber bie Augen sind ganz ernst. Auch bie Sekunba wirb begrüßt, mit sreunblich-matter Anerkennung. Niernanb aber auf bem ganzen Platz sieht Daniela an. Wo immer sie sich zeigt, roenben sich Augen unb Gesichter von ihr fort. Lehrer, Primaner, Ober-Sekunbaner, sogar bie vom Gute unten, — es gibt feine Daniela mehr im ganzen Schulstaat. Daniela bleibt stehen. Sie hat bie Hände in ben Taschen ihrer Sporthose. Sie blinzelt ber Sonne zu, bie gegen Westen sich senkt. Dann biegt Daniela ben Hals zur Seite. Sie sucht mit ben Augen eine Gestalt unter ben Tertianern. Was sie sucht, finbet sie ganz nahe zu ihren Füßen. Sie sieht Otto Kirchholtes an, ber sich ausruht. Aber Otto sieht sie nicht an. Seine Augen blicken ernst in bie Ferne bes Stromes, besten Ufer sich! bar sinb. Von seinen Lippen ist bas Lächeln zögernb bahingefahren, nm bas Licht zögernb vorn Tage sich trennt. Daniela nimmt es hin, bah Otto ihren Blick nicht erwidert. Sie betrachtet ihren Sieger mit ber gleichmütigen, unbeutbaren Ruhe eines Tieres. Dann wendet sie sich Meleager und Atalante zu, — fast mit Freundlichkeit, fast mit Innigkeit. Sie küßt die Tiere nicht, die ihr gewaltig entgegenstreben unb unmutvoll, als ahnten fie bie Nieberlage. Aber fit senkt bie Stirn sanft gegen bie Stirnen ber Tiere. Unb währenb sie sich so zu ihren Hunben hernieberbiegt, weih sie mit einem Male, welches bie zweite Stimme im Duett ber Häuptlingswahl zu ihrem Lob und Preise war! Sie legt sich seitwärts auf ben Erbboben, bie lange Wange in die flache Hand gestützt. Sie liegt ganz steif, mit weit vorgestreckten Beinen auf dem feuchten Wiesengrund. Ihre Augen sehen in bie Ferne des Stromes. Doch dann ertönt die Pfeife des Richters zu neuem Spiel. Die Tertianer sind müde geworden. Sie sind. abgekämpft. Daniele treibt ben Ball breimal in bas Tor ihrer Klasse. Aber niemanb lobt sie. Niemanb zollt ihr Beifall. Unb es scheint, als erwarte unb erheische auch sie roeber Lob noch Beifall. Sie spielt wie zu ihrer eigenen Lust, vereinzel! unb zerstreut. Sie spielt gleichsam allein gegen bie Tertia. Aber niemanb sieht sie auch nur an. Otto Kirchholtes bringt nicht mehr wie eine Gottheit aus ben Sphären hervor. Das Spiel verflacht. Und enblich, wie der falte Abend fommt, fenft Trauer sich über alle Gemüter. XII. „Jetzt aber wollen wir uns an Daniela rächen!" riefen die jüngeren Tertianer, die kurz zuvor noch für Danielas Wahl zum Häuptling ein» getreten waren. „Wir wollen ein neues Gericht über Danielas Kreatur! Wir wollen Borst zu einer barbarischen Strafe verurteilen!" Doch ber Häuptling unb feine Freunbe lehnten diese Zumutung als unfair ab. „Wir haben bas Verfahren gegen Borst nicht vertagt, fonbern nm haben es eingestellt!" erklärte Reppert, unb er gab eine ausführlich« Belehrung zum besten, um in ben Köpfen ber Banbe etwas Drbnung hinsichtlich ber Rechtskunbe zu schaffen. Bamberger seinerseits legte bar, baß es unter ber Würbe ber Tertia sei, Leibenschaftsurteile zu fällen. Und der Große Kurfürst fügte hinzu: e „Wenn ihr Kriegsgerichte abhalten wollt, dann bitte ohne mich! Da schwiegen die Jüngeren beschämt. , Auch sprach fortan niemand mehr von einer neuen Häuptlingswahl, selbst bie Schwachmütigsten nicht. Daniela hatte sich höllisch verrechnet, bas war bie Meinung aller. Sie hatte geglaubt, burch ihren Uebergang zur Sekunba-Mannschaft ber Banbe beutlicher als burch irgenb etrocM anderes vor Augen zu führen, was man eigentlich an ihr haben tonnte. Anstatt besten hatte sie die Herzen aller, auch ihrer Anhänger, verloren. Borst hatte wieder einmal schwere Tage. Zwar sprach man mit ihns, man war nicht einmal unfreundlich zu ihm, aber er hatte das Gesuy - ein Tertianer vom Sirius zu fein, während feine Kameraden durchau Tertianer dieser Erde waren. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. HanS Thtzriot. — Druck unb Verlag: Vrühl'sche UniversitätS-Duch- unb Lteindruckerei. R. Lange, Gießen.