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Feucht dahin geht der Tag und der Abend ist kalt, finster ballt sich der Herbstrauch norm gilbenden Wald; lose haften die Sporen den Samen nur an, und es schlendert vom Acker das letzte Gespann fort, als zöge es fort non der Erde. Schmal umrändert ein schwefliges Leuchten den Saum, raschelnd schaukeln die wenigen Nüsse am Baum und die Räder verhallen; nur fern hinterm Hang sackt sich aus der Kartoffeln dumpf bullernder Klang und er endet tief unter der Erde. Was an Nutzbarem etwa zur Stund nicht gestellt unter Dach ist, verfault über Nacht auf dem Feld; daß man sie schneiden könnte, so dunkel und dicht wird die Nacht, und das draußen noch irrgeht, das Licht: leicht erstickt und verschluckt es die Erde. gewendet; der Strom der Entwicklung, in den kein anderer Denker so tief geschaut hat wie er, seine Persönlichkeit wieder emporgetragen an das Licht des Tages. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts begann man, sich diesem „Meister derer, welche wissen", wieder zuzuwenden; die Stimmen mehrten sieh, die in der Wiederbelebung der Hegelschen Philosophie eine Grundbedingung für unser eigenes Philosophieren sahen; feine Werke erlebten in gereinigter und erweiterter Gestalt eine neue Auferstehung, und auch im Ausland zeigte sich sein Einfluß. Ein so moderner Philosoph wie der jetzt nach Berlin berufene Nicolai Hartmann, sagt in seinem vor kurzem erschienenen Werk über Hegel, daß seine Meisterschaft des Denkens „vor wie nach ihm unerreicht geblieben, fei" Und nennt feine Logik das wahre „Neue Organon der Philosophie". Hegels System steht, wie das des Aristoteles am Ende der griechischen Philosophie, als Schlußstein und letzte Krönung am Ausgang der großen Ilassischen deutschen Philosophie, ein ungeheurer, wahrhaft meltumspan- itenber Gedankenbau, dessen Einfluß in der ersten Halste des 19. Jahrhunderts die Gestaltung des gesamten Lebens entscheidend beeinflußte. Um eine solche schier unermeßlich scheinende Aufgabe zu bewältigen, bedurfte es der glücklichsten Bereinigung seltener Eigenschaften und Verhältnisse. Hegel vollendete systematisch, was die Idealist.sche Philosophie mit Kant begonnen. Bereits Fichte und Schelling hatten versucht, die .«Ust zu überbrücken, die in der Lehre des Königsberger Weisen Zwischen der reinen Vernunft und der Fülle der Erscheinungswelt klaffte, llus der sittlichen Tat des selbstbewußten Ich hatte Fichte das Material «ernennen, um die absolute und die Erfahrungswelt zu versöhnen. Aber il)m fehlte noch die Natur, und in ihr erkannte Schelling den Weg, der Zur Innerlichkeit des Geistes führt. Es war Goethes Natur, lebendige Wirklichkeit, bewegtes Leben, an der sich dieser Mystiker berauschte, ober er fand den Weg aus ihr n cht herauf zum Geist. Hier setzte Hegel ein. Ihm fiel der große Wurf zu, die Entwicklung des Geistes durch die Gestalten des geschichtlichen Lebens zu verfolgen. Wo Schelling das Problem verlassen hatte, da nimmt er es auf. Aus dem Anders-Sem der 2>atur kommt der absolute Geist in feiner Philosophie zu sich selbst in br menschlichen Gattung, und in allen Wirklichkeiten des geschichtlichen lebens wird nun feine Entwicklung aufgezeigt. Hegels Philosophie wird dis Hohe Lied des menschlichen Schassens im Laufe der Jahrtausenoe. -^urch ihn schien mit einem Schlage das Rätsel des Daseins gelost, die Einheit von Sein und Denken nachgewiesen. Alle die Elemente und Gegensätze, die in den bisherigen Systemen getrennt und verfeindet ge= Befen waren, wurden von ihm zu einer Einheit geformt, in der sich Metaphysik und Mystik, Rationalismus und Historismus Zusammenleben. Für diese Enzyklopädie der gesamten Eifahrungswifsenschaften, die Hegels Lebenswerk darstellt, waren gerade damals die Wege bereitet. verfiel der Mißachtung; noch heutzutage wird er unter allen unseren großen Philosophen am wenigsten gelesen und am gröblichsten verkannt." So schrieb Treitsehke 1885 im dritten Bande seiner „Deutschen Ge- Georg Wilhekm Friedrich Hegel. Zum 100. Todestage des Philosophen: 14. November. Bon Dr. Georg Kuyn. „Ebenso erstaunlich wie einst Hegels Ansehen war nachher der Undank der Nation; sie hatte sich an dem Feuertranke dieses,Idealismus dermaßen berauscht, daß sie dann ernüchtert auf lange hinaus einen tiefen Ekel gegen alle Spekulation faßte. Der einst vergötterte Meister Durch das Mrken unserer Klassiker und der Romantik war eine uni- oerfeUe Empfänglichkeit geschaffen für die ganze unendliche Vielgestaltigkeit der Geschichte. Das Griechentum, die Urmutter der Kulturen von Goethe neu im deutschen Geiste gestaltet, war durch den Jugendfreund Hölderlin auch in Hegels Seele erweckt. Das Mittelalter hatte der Ro- rnantik fein Inneres aufgeschlossen. Die großen Dichter der Renaissance und Gegenreformation, ein Shakespeare und Calderon, waren durch wundervolle Uebersetzungen zu Autoren der Gegenwart geworden. Die ganze gewaltige Gedantenleistung des 18. Jahrhunderts und der Aufklärung war noch lebendig, und als der Erbe all dieser Geistesschätze gründete nun Hegel sein Reich des Weltgeistes, dessen Universum von ihm in gedanklicher Schöpfung nachgeformt wurde. Auch die Persönlichkeit des'Mannes war für diese Ausgabe die denkbar glücklichste und geeignetste. Hegel hat zu allen Zeiten, auch als er uon dem Berliner Katheder aus die Weltanschauung seiner ganzen Generation beherrschte, nie in der Öffentlichkeit gestanden, wie etwa Fichte und Schelling. Er blieb stets der zurückgezogene Denker, dessen Welt »ferne Studierstube, dessen Schlachtfeld sein Schreibtisch war Aus dem schwäbischen „Genie-Winkel" stammend, zeigte er von Anfang an die Bedächtigkeit, die Naivität und Schlichtheit des schwäbischen Naturells daneben eine sachliche Nüchternheit, die schon dem jungen Studenten den Spitznamen des „alten Mannes" eintrug. Unauffällig, alltäglich verläuft seine Entwicklung. Hauslehrerleben, der mißglückte Versuch einer Dozentur an der Universität Jena, die Rückkehr in stille süddeutsche Orte in benen er als Zeitungsredakteur, als Rektor eines Gymnasiums Welt und 'Menschen kennenlernt. Endlich 1806, in seinem 37. Jahre, das Erscheinen seines ersten Hauptwerkes, der „Phänomenologie des Geiste s", die er in der Nacht vor dem Tage vollendete, an dem der „Weltgeist zu Pferde", Napoleon, das alte Preußentum vernichtete. Nun steht er mit einem Schlage fertig vor uns, der große Denker, der in der Stille den Grundriß feines ffiebanfenbaues vollendet und nun nur noch in zäher unbeirrter Arbeit die Mauern aufzuführen brauchte bis zum krönenden Dach. Selten war in einem Charakter feine ausgeprägte Wesenheit schon früh so deutlich vorgezeichnet wie bei ihm. Von Anfang an derselbe hat er saft instinktmäßig geschaffen, so daß uns heute fein Lebenswerk so organisch und harmonisch erscheint wie der Zellenbau einer Biene. Dieser Mann erlag nicht den Verführungen eines leidenschaftlichen Weltanschauungskampfes wie Fichte, nicht dem Taumel romantischen Rausches wie Schelling. Er war nur ein aufmerksamer Zuschauer all der romantischen Leidenschaftstragödien, die sich um ihn in Heidelberg unb Jena abspielten. „Der Ueberschwang der Phantasie, der die ,Phä- nomenologie des Geistes' erfüllt, blieb seinem Leben selber fern"', hat D i l t h e y schön von ihm gesagt. „Schwerfällig, oon nüchternem Weltverstand, in zuverlässigen Freundschaften lebend, hat er in ruhiger Lebensführung langsam die Kreise feines Werkes erweitert. Unberührt von der Problematik der sittlichen Welt, die er so mächtig darzustellen wußte, erhält er sich das eigene Leben. Naivität, Schalkhaftigkeit, ein Sichgehenlassen und Ausspannen auch in unbedeutendem Umgang,' süddeutsche Abneigung gegen jede Betonung bedeutender Individualität, gegen jeden Kultus der Persönlichkeit, bürgerliche Lebenshaltung bis hinab zur Zimmereinrichtung, zu dem berühmten einfachen Schreibtisch mit der malerischen Unordnung seiner Hefte, Briefe und Sabotieren, auf erwogene Oekonomie gegründete Unabhängigkeit — solche Züge entsprechen der Abstraktion feines Geistes von der eigenen Person der gegenständlichen Vertiefung in die Sache, in welche er alle Gemütskräfte hineingibt. So verbleibt er selber im ungestörtesten Gleichgewicht ein Dichter-Denker, dessen Gestalten nicht Helden und Frauen sind sondern die Mächte der Geschichte selbst." Kein Klassiker war er und kein Romantiker, kein Griechenschwärmer und kein Agbeter des Mittelalters, sondern mit der gerechten Unnahbarkeit, dem alles erkennenden Scharfsinn eines antiken Totenrichters urteilt er über Werden und Sein, über die Dinge der fernsten Jahrtausende wie der nächsten Vergangenheit. So rundete sich um ihn sein Werk zu einem ungeheuren, allumfassenden Weltbild, und als ihn die Cholera am 14. Novem ber 1831 hinwegrafste, schied er von der Höhe seines Wirkens, ein fertiger, ein in sich vollendeter Geist. Die unvoreingenommene Objektivität eines Systems wird wohl durch nichts besser bezeichnet als durch die Tatsache, daß an ihn sowohl die konservativsten wie die revolutionärsten öeiftesftrömungen anknüpften. Die Diadochen, die sich nach dem Tode des Weltherrschers in die einzelnen Gebiete seines Reiches teilten, in die Gesch chtsphilofophie und in die Rechtsphilosophie, in Aesthetik und Religion usw., sie spannen feine Ideen in der trockensten und rückständigsten Weise aus. Die „Jung- Hegelinge" aber, die des Meisters Weisheit besser zu verstehen glaubten, liefen Sturm gegen Religion und Glauben, gegen Staat und Gesellschaft. Strauß' „Leben Jesu" und Feuerbachs „Wefen des Chri- ft-ntums" find ebenso Früchte vom Saum der Hegelschen Erkenntnis wie Marx' „Kapital". Der Weltweife, der in dem Satz „Das Vernünftige ist wirklich" die preußische Monarchie gleichsam offiziell einfegnete, schien. derte zugleich In dem Gedanken der geschichtlichen Entwicklung den Feuerbrand in die Geister, und so steht der stille Schwabe noch heute als einer der sührenden Fackelträger in dem Feuerschein, der die Weltanschauung des Abendlandes umleuchtet. Hegel und die Krauen. Von Ludwig Gorm. Man ist so sehr gewohnt, an den abstrakten Denkern ausschließlich Ihr Werk, ihr System zu betrachten, daß ihr persönliches Leben, und darin wieder ihr Verhältnis zu den Frauen, wie ein nebensächlicher Anhang erscheint. Und doch ist es auch bei ihnen nicht - anders: der Mensch, der Charakter, die Persönlichkeit bauen das Werk, und gerade sie offenbaren sich deutlich und scharf in der Stellung zum anderen Geschlecht. Hegel lebte zudem in einer Zeit, da die Frauen des romantischen Kreises durch die Männer, denen sie nahestanden, einen bedeutenden Anteil an der geistigen Bewegung gewannen und auch selbst einen nach vielen Seiten hin angeregten und anregenden Typus darstellten. Er selbst zwar war dieser Art Frauen durchaus abgeneigt. Ihm wurde die Frau nicht zum Schicksal wie seinem Freunde Hölderlin, und auch nicht zur musischen Gefährtin wie dem Weggenossen des Anfangs, Schelling. Wie er unter den Männern diejenigen als Freunde bevorzugte, die ungenial, fest, zuverlässig in einem mittleren Wirkungskreis standen, so finden wir ihn überall an den Orten, an die ihn sein wechselnder Lebensgang führte, in einem ausgeglichenen, gesellschaftlichheiteren, freundschaftlich-nahen Verkehr mit den gleichgearteten Frauen solcher Männer, also mit lebenstüchtigen, wirklichkeitszugewendeten, mütterlichen. In seiner Jenaer Zeit und danach lehnte er Caroline Schlegel, die spätere Gattin Schellings, die Dame Luzifer der Romantik, ab, die Gattin seines Freundes Niethammer, eine von jenen Sorgenden, Zurückhaltenden, nannte er die „beste Frau". Mit der Frau des Theologen Paulus, die ihrem Wesen nach zwischen beiden Typen die Mitte hielt, war er zwar in Briefwechsel, aber es finden sich auch ironische Aeußerungen über sie, und ihre leise Hoffnung auf eine eheliche Verbindung mit ihrer eigenartigen, schönen, aber nicht leicht deutbaren Tochter Sophie hat er nicht erfüllt. Bei der Wahl seiner Gattin, Marie von Tücher aus dem altangesehenen Nürnberger Patriziergeschlecht, hat, wenn wir nach den Briefen urteilen dürfen, nicht die erotische Leidenschaft, sondern das Gefühl einer tiefen, dauernden und überpersönlichen Zusammengehörigkeit und gegenseitigen Ergänzung die entscheidende Rolle gespielt. Es ist hier wie immer bei Hegel: an der Oberfläche erscheint eine normale Bürgerlichkeit, darunter enthüllt sich eine ganz reife, umfassende und hohe Weltauffassung. Um das zu verstehen, müssen wir uns seinen Lebensgang und auch die Grundzüge seines Gedankenbaues etwas näher vergegenwärtigen. Er entstammte einer gelehrten Beamten- fnmilie Württembergs, seine Mutter verlor er mit dreizehn Jahren, der Tag blieb ihm noch im Alter ein Erinnerungstag. Auf der Universität Tübingen nannten ihn seine Kameraden den „alten Mann", die Schwere und Schwerfälligkeit, die damit gemeint waren, äußerte sich auch im Verkehr mit jungen Mädchen, mit denen er lieber Psänder spielte als tanzte. Ebenso aber auch in langen geistigen Kämpfen, die er in seiner Hauslehrerzeit in Bern und Frankfurt a. M. einsam austrug. Als er sich in Jena habilitierte, war der jüngere Schelling bereits berühmt. Die Schlacht bei Jena warf ihn aus der akademischen Laufbahn, aus Not übernahm er bte Redaktion einer Zeitung in Bamberg, dann verschaffte ihm Niethammer ein Gymnasialrektorat in Nürnberg. Seit Jena war er überall als heiterer Gesellschafter gern gesehen, in Bamberg schwatzte die Stadt darüber, daß er der schönen Hauptmannsfrau von I o l l i die Kur mache, an ihrer Seite war er auch auf einem maskierten Ball, im Rock und in der Perücke eines Hofkammerdieners. Aber erst in der alten Reichsstadt fand der nunmehr Vierzigjährige die Lebensgefährtin, die ihn zuerst nach Heidelberg begleitete, wohin man ihn an die Universität berief, und dann nach Berlin, wo er zur geistigen Macht aufstieg und in einer breiten, bequemen Geselligkeit viele Damen höflich verehrte. Inzwischen hatte er seine Lehre in bedeutenden Werken dargestellt und veröffentlicht, und sie kam, gerade weil sie die gegebene Wirklichkeit als sinnvoll, die menschliche Vernunft als einen Teil der göttlichen und in dem erhabenen Selbstentwicklungsprozeß der letzteren bewegt ruhend erwies, dem Bedürfnis der Zeit entgegen. Die Welt entfaltete sich ihm aus der Selbstbewegung der Begriffe, und in diesem hohen Gang des Logos zu seiner Eigenerkenntnis war alles lehrbar. Auch der Staat, die Gesellschaft, die Familie waren Momente dieses Prozesses. Und somit hatte auch die Krau, die Trägerin der Familicnpietät, eine vollkommen bestimmte, keineswegs nebensächliche Stelle in dem systematischen Gedankenbau. Das ganze Hegelsche System beruht darauf, daß in dem Absoluten, ewig Gültigen, zwei gegensätzliche Moniente enthalten und in ihm versöhnt sind. Und so sind ihm auch Mann und Frau in der Ehe — und nur irl^chr — zur Einheit verbunden, nicht als der Eine und die Lindere, deren Spannung sich im Eros ausgleicht, sondern als einander zur Vollkommenheit ergänzende Teilmomente des übergeordneten cill- g. meinen Wesens. Das ist keine Abstraktion, sondern ein Wirklichkeitserlebnis des Denkers, das er seiner Braut in einem sehr innigen und tief verständnisvollen Briefe versöhnend entgegenhielt, als er sie einmal durch den Zweifel an seiner Glückssähigkeit verletzt hatte. Glück — das wäre nur eine vorübergehende Befriedigung der Individuen, wie sie vielleicht dem von Kott znm Philosophieren, d. h. zum einsamen Ringen, Verdammten nicht beschieden sein kann. Aber jenes Höhere, die Einheit zweier voll anerkannter Wesenheiten, ist selige Zufriedenheit in der Dauer des gleichschwebenden kosmischen Absoluten, an die er glaubt als an das Ziel seiner Ehe. Auch dieses Ziel war keine Abstraktion, und so ist es erreicht worden. Das beweisen nicht nur die zeitgenössischen Berichte von Menschen, die der Familie Hegel nahestanden, das beweisen vor allem die Briefe, die der Mann noch in späten Jahren von gelegentlichen Erholungsreisen nach Hause schrieb. Sie sind ganz voll von dem Bestreben, der Frau an allen Erlebnissen Anteil zu vermitteln, nicht wie einem anderen, sondern wie dem eigenen Selbst. Am schönsten aber hat die Tiefe dieses Verhältnisses die Witwe — unbewußt — ausgeschöpft, als sie dem treuen Niethammer schrieb: „Ich glaube, was er erkannte!" Hegel-Worte. Tom Tinte des Erkennens. Der Mut der Wahrheit, der Glaube an die Macht des Geistes ist die erste Bedingung der Philosophie. Der Mensch, da er Geist ist, darf und soll sich selbst des Höchsten würdig erachten, von der Größe und Macht eines Geistes kann er nicht groß genug denken; und mit diesem Glauben wird nichts so spröde und hart sein, das sich ihm nicht eröffnete. Das zuerst verborgene und verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft, die dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte: es muß sich vor ihm auftun und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genüsse geben. Der Täter Erbe. Was jede Generation an Wissenschaft, an geistiger Produktion vor sich gebracht hat, ist ein Erbstück, woran die ganze Vorwelt zusammengespart hat, ein Heiligtum, in welchem alle Geschlechter der Menschen, was ihnen durchs Leben geholfen, was sie der Tiefe der Natur und des Geistes abgewonnen, dankbar und froh auffingen. Dies Erben ist zugleicy Empfangen und Antreten der Erbschaft. Diese macht die Seele jeder folgenden Generation, deren geistige Substanz als ein Angewohntes, deren Grundsätze, Vorurteile und Reichtum aus; und zugleich wird diese empfangene Verlassenheit zu einem vorliegenden Stoffe herabgesetzt, der vom Geiste metamorphosieri wird. Das Empfangene ist auf diese Weise verändert und der empfangene Stoff eben damit bereichert und zugleich erhalten worden. welthistorische Menschen. Die welthistorischen Menschen, die Heroen einer Zeit, sind als die Einsichtigen anzuerkennen;, ihre Handlungen, ihre Reden sind das Beste der Zeit. Große Menschen haben gewollt, um sich, nicht andere zu befriedigen. Was sie von anderen erfahren hätten an wohlgemeinten Absichten'und Ratschlägen, das wäre vielmehr das Borniertere und Schiefere gewesen; denn sie sind die, die es am besten verstanden haben und von denen es dann vielmehr alle anderen gelernt und gut gefunden, oder sich wenigstens darein gefügt haben. Denn der weitergeschrittene Geist ist die innerliche Seele aller Individuen, aber die bewußtlose Innerlichkeit, welche ihnen die großen Männer zum Bewußtsein bringen. Deshalb folgen die anderen diesen Seelensührern, denn sie fühlen die unwiderstehliche Gewalt ihres eigenen inneren Geistes, der ihnen entgegentritt. Das Reich Gottes. Ein Kreis der Liebe, ein Kreis von Gemütern, die ihre Rechte an alles Besondere gegeneinander aufgeben und nur durch gemeinschaftlichen Glauben und Hoffnung vereinigt sind, deren Genuß und Freude allein diese Einmütigkeit der Liebe ist, ist ein kleines Reich Gottes, aber ihre Liebe ist nicht Religion; denn die Einigkeit, die Liebe der Menschen enthält nicht zugleich die Darstellung dieser Einigkeit. Liebe vereinigt sie, ober die Geliebten erkennen diese Vereinigung nicht; wo sie erkennen, erkennen sie Abgesondertes. Daß das Göttliche erscheine, muß der unsichtbare Geist mit Sichtbarem vereinigt fein, daß alles in einem, Erkennen und Empfinden, daß eine vollendete Harmonie,, die Harmonie und das Harmonische eins sei. Sonst bleibt in Beziehung auf das Ganze der trennbaren Natur ein Trieb, der für die Unendlichkeit der Welt zu klein und für ihre Objektivität zu groß ist, und nicht gesättigt werden kann; es bleibt der unauslöschliche, unbefriedigte Trieb nach Gott. Das Buch als Eingang zur Wett. Von Stefan Zweig. Aus dem Mitte November erscheinenden Katalog „Das Buch des Jahres 1931", herausgegeben von der Vereinigten Verlagsgruppe, Leipzig. Die feelenausweitende, die weltaufbauende Gewalt des Buches in unserem privaten und persönlichen Leben, sie wird uns eigentlich höchst selten bewußt und fast immer nur in ausgesparten Augenblicken. Einzig in solchen besinnenden Stunden werden wir dann der magischen und seelenbewegenden Kraft ehrfürchtig gewahr, die vom Buche in unser Leben übergeht und es uns so wichtig macht, daß wir heute im zwanzigsten Jahrhundert unsere innere Existenz nicht mehr denken können ohne das Wunder seiner Gegenwart. Solche Augenblicke sind selten, aber eben weil sie selten sind, bleibt dann der einzelne lange und oft über Jahre hinaus erinnerlich. Ich glaube diesen geistigen Erkenntnismoment ohne Unbescheidenheit erzählen zu dürfen, denn obschon persönlich, reicht diese Erlebnis- und Erkenntnisminute weit über meine zufällige Person hinaus. Ich war damals etwa sechsuudzwanzig Jahre alt, hatte selbst schon Bücher geschrieben, wußte also schon einigermaßen um die geheimnisvolle Verwandlung, die irgendein dumpf Vorgestelltes, ein Traum, eine Phantasie erfährt, und die vielen Phasen, die sie durchschreiten muß, bis sie sich dank der merkwürdigen Verdichtungen und Sublimierungen endlich in ein solches kartoniertes Rechteck verwandelt, das wir Buch nennen, in ein solches Wesen, das verkäuflich, preisgestempelt und scheinbar willenlos wie eine Ware im Schauladen hinter Glas liegt. Ich hatte also schon selbst etwas erfahren von diesem unbeschreibbaren Prozeß der Transfusion, wo gewissermaßen Tropfen der eigenen Substanz übergeführt werden in fremde Lidern, Schicksal in Schicksal, Gefühl in Gefühl, Geist in Geist: aber doch, die volle Magie, die Weite und Vehemenz der Wesenswirkung des Gedruckten, sie war mir noch nicht bewußt I zigen Spiegel zu, der im Gang hing, ihr kurzes, welliges, dunkles Haar. Di ;. Da stand sie vor dem Glas, ordnete worden, ich hatte nur vage um sie herumgesonnen und sie nicht ganz und entscheidend zu Ende gedacht. Dies geschah mir nun an jenem Tag, in jener Stunde, die ich erzählen will. Ich reiste damals auf einem Schiff, es war ein italienisches, im Mittelmeer, von Genua nach Neapel, von Neapel nach Tunis und von dort nach Algier. Es sollte tagelang dauern, und das Schiff war fast leer. So kam es, daß ich oftmals mit einem jungen Italiener von der Mannschaft sprach, der, eine Art Unterkellner des eigentlichen Stewards, die Kabinen fegte, das Verdeck schrubbte und allerhand ähnliche Dienstleistungen zu leisten verpflichtet war, die innerhalb der menschlichen Rangordnung als untergeordnete gelten. Es war eine rechte Lust, ihn anzusehen, diesen prächtigen, braunen, schwarzäugigen Burschen, dem die Zähne blank aus den Lippen leuchteten, wenn er lachte. Und er lachte gern, er liebte sein singendes slinkes Italienisch und vergaß nie die Musik mit lebendigen Gestikulationen zu begleiten. Mit einem mimischen Genie fing er die Gesten jedes Menschen auf und gab sie karikaturistisch wieder, den Kapitän, wie er zahnlos redete, den alten Engländer, wie er steif, mit linker vorgeschobener Schulter über das Verdeck ging, den Koch, wie er würdevoll nach dem Diner vor den Passagieren stolzierte und den Leuten kennerisch auf die „ . „ . . 'ie weißen Arme, schlank, sportlich-fest, standen wie ein Rahmen um ihren Kopf. Isa sah jede Bewegung. „Wie obutlion cor t zusammen- !r Menschen, Natur und es Erben ist ht die Seele lngewöhntes, ch wird diese herabgesetzt, ist aus diese ereichert und (Fortsetzung.) Gertie aber schob sich in diesem Augenblick seitwärts zwischen einer Dame in Toskatüll und einer in rauchblauem Samt hindurch dem einsind als die rd das Beste ndere zu beweinten Ab- e und Schie- n haben und stunden, oder rittene Geist ije Jnnerlich- gen. Deshalb die unffliber- entgegentrilt leiftw ist die '|t, darf und ■ und Macht liefern Staucht eröffnete, um hat keine nie: es muß ien ihm vor Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) •e Rechte an -infchaftlich" treube allein ,6 aber ihre er Menfche" vereinigt fie, ge erkennen, nutz der un< । einem, es- ie Harmonie ,(das Ganz« der Welt ittigt werde- ch Gott. Briest, “■“ngsreijen Ä«eu, |0n= «efe dieses “J„5 f'e dein I von ihm gefüllten Bäuche sah. Heiter war es, mit dem braunen Wildling zu plaudern, wenn dieser Bursch mit der blanken Stirn und den tätowierten Armen, der, wie er mir erzählte, auf den Liparischen Inseln — seiner Heimat — jahrelang Schafe gehütet hatte, besaß die gutmütige Zutraulichkeit eines jungen Tiers. Er spürte gleich, daß ich ihn gern hatte und mit niemand anderm auf dem Schiff lieber sprach als Imit ihm. Da plötzlich baute sich über Nacht zwischen mir und ihm eine unsicht- - ‘ bare Wand. Wir waren in Neapel gelandet, das Schiss hatte Kohle, Passagiere, Gemüse und Post, seine übliche Hafennahrung, eingenommen und machte sich wieder auf den Weg. Schon duckte sich wieder der stolze Posilipp zu einem kleinen Hügelchcn, und die Wolken über dem Vesuv kringelten sich klein wie blasser Zigarettenrauch, da schob er plötzlich scharf an mich heran, das Lachen breit über den Zähnen, zeigt mir stolz einen zerknitterten Brief, den er soeben empfangen, und bat mich, ihm ' ’S* **5 unsicherf ewe.s/sii "I Ä tiw‘ *s ■» gut ihr dies Rot steht. Wie hübsch sie aussieht. Sie sollte mehr Rot tragen, ich sag's ihr nachher." Cs war kein Neid in ihr; sie freute sich für Gertie. Plötzlich drehte sich Gertie um, ein Herr hatte sie angesprochen. Zuerst stand eine Falte in ihrer Stirn, dann war aber gleich ein frohes Lachen da, die ganze Reihe gesunder, blanker Zähne wurde sichtbar. Und nun erkannte auch Isa: es war Queis, lang, schlank, saft alle anderen überragend. Sie konnte nicht verstehen, was die beiden sprachen, konnte sich aber denken, von den Mänteln, vom Auto, von Bretthauer. Jetzt wies Gertie mit dem Kopf zu ihr hinüber. Queis folgte der Bewegung, machte sich schnell Bahn, trat auf sie zu. „Guten Abends Isa." Sie reichte ihm die Hand. „Das gnädige Fräulein hat mir schon berichtet. Bretthauer und mein Wagen werden sich freuen, sie haben selten solch ein Vergnügen. Schade, daß das gnädige Fräulein ihren eigenen Wagen da hat, es wäre mir sonst eine Ehre gewesen ..." Das Klingelzeichen rief durch das Haus. Alles drängte nun zu den Türen. „Wir müssen gehen, Leo!" „Schade", sagte er. Und dann zu Gertie: „Wo sitzen Sie, gnädiges Fräulein? — So, im Parkett. Ich leider oben im ersten Rang. War froh, noch eine Karte zu dem großen Ereignis zu bekommen. Vielleicht sehen wir uns in der Pause." , Gertie lachte wieder, nickte. — Sie gaben sich die Hände. Dann ging Gertie zur Tür. Leo Queis hielt Isa fest; er beugte sich zu ihr, fragte leise: „Wie heißt eigentlich deine kleine Freundin?" „Fräulein Rose." „So — so. Rose. Sehr niedlich." „Wurst und Schinken en gros, wenn du gern mehr wissen willst." Kurz wandte sie sich ab. (Bertie stand mit den Karten wartend am Eingang. Der Türhüter riß die Kupons ab, sie traten ein, suchten sich ihren Platz. Kein Wort brachte Isa über die Lippen. Sie hatte nur ein Gefühl: Das war eben sehr häßlich von dir und sehr albern. Dachte es noch, als der Gong ertönte, das Haus sich verdunkelte, der Vorhang aufging. Isa wurde doch von den Vorgängen auf der Bühne gepackt. Es war eine echt Büchnersche Regiearbeit; alles gedrängt zu schärfstem Tempo. Schlaglicht neben Schlaglicht. Isa erkannte: Hier wirkte weniger das Stück als die Kunst, wie es auf die Bretter gestellt war. Es war ein Gewirbel von Personen, ein ewiges Kommen und Gehen, ein Nebeneinander und Ineinander. Vorderhaus — Hinterhaus und überall war Elend, hier überblendet vom Talmiglanz, dort kahl und nackt. Jeder war darauf bedacht, den anderen zu übervorteilen; die von vorn spekulierten und erpreßten, die von hinten stahlen und brachen ein. Aber in der Mitte stand ein junges Paar, aus beiden Sphären zusammengeweht, das rein durch all den Schmutz ging. Nicht der Autor hatte es dorthin gestellt, Büchners .Regie rückte diese beiden Menschen in den Vordergrund. Isa fühlte das: es wurde leiser, gedämpfter, wenn die beiden tarnen, das Rampenlicht hellte ein wenig auf, matte Scheinwerfer spielten um fie, Büchner schuf plötzlich im wilden Trubel eine klare, reine Atmosphäre. Wundervoll. Dann ging die Hatz weiter, der Wirbel. Von Bild zu Bild — pausenlos — atemraubend. Ohne daß der Zuschauerraum sich erhellte. Die Drehbühne arbeitete, ihr Rattern ließ Büchner hier im Rasseln von Maschinen, dort im Johlen und Lachen untergehen, er benutzte selbst dies Geräusch zur Steigerung. Kurz vor der Pause schnellte bann plötzlich drastische Komik auf: eine kleine Szene, über die der Vorhang fiel. Auch fie meisterhaft geordnet, richtiger Abschluß, um für die Pause all die düsteren Eindrücke zu verwischen, freundlichere Ausblicke zu geben. Die Frida Fösten hatte hier die tragende Rolle; das also hatte sich Büchner für Gertie gedacht. Beifall rauschte auf. Kräftig, ehrlich. Auch Isa klatschte, und neben ihr Gertie. Aber fie hatte keine Ruhe, fie drängte aus der Reihe der Sitze und zerrte Isa mit. „Komm, komm. Ich gehe zu ihm; fabelhaft, wie er das wieder gemacht hat." „Er wird gerade Zeit für uns haben." „Auf einen Händedruck wird es schon langen." „Wir stören ihn nur." „Stören vielleicht. Freuen wird es ihn aber doch. So was freut jeden, der Theaterblut hat. Anerkennung, Beifall. Das find die wichtigsten Requisiten. Aber wenn du dich lieber mit Queis unterhalten willst ..." Da ging Isa mit. Jetzt Queis — nein. Ihr letztes Wort fiel ihr ein: häßlich und albern. den Brief vorzulefen. Ich verstand zuerst nicht gleich. Ich meinte, Giovanni habe einen Brief in einer fremden Sprache erhalten, französisch oder deutsch, wahr- kcheinlich von einem Mädchen — ich verstand, daß dieser Bursch den Mädchen gefallen mußte —, und nun wollte er wahrscheinlich, daß ich ihm die Potschaft ins Italienische übersetze. Aber nein, der Brief war italienisch. Nein, wiederholte er und beinahe heftig, Sorlesen sollte ich ihm den Brief, vorlesen. Und plötzlich war mir klar: dieser bildhübsche, kluge, mit natürlichem Takt und einer wirklichen Grazie begabte Bursche gehörte zu jenen statistisch festgestellten sieben ober acht Prozent seiner llation, bie nicht lesen konnten. Er wcyr ein Analphabet. Dieser Giovanni icar ber erste bes Lesens nicht laubige Europäer, dem ich begegnete, und ich sah ihn wahrscheinlich verwundert an, nicht mehr als Freund, nicht »lehr als Kameraden, sondern als Kuriosum. Aber bann las ich ihm natürlich seinen Pries vor, einen Brief, den irgendeine Näherin Maria »der Carolina geschrieben hatte und in dem eben das stand, was in :llen Ländern, allen Sprachen junge Mädchen jungen Burschen schreiben. Er blickte mir scharf auf den Mund, während ich las, und ich merkte He Anspannung, jedes Wort zu behalten, lieber seinen Augenbrauen kuckelte sich die Haut, so quälte ihn die Anstrengung des Zuhörens, des Henau-behalten-Wollens. Ich las den Brief zweimal vor, langsam, deutlich, er horchte jedes Wort in sich hinein, wurde immer mehr zufrieden, ietam strahlende Augen, der Mund blühte breit auf wie eine rote Rose im Sommer. Dann kam von Reling her ein Schiffsoffizier, und er katschte rasch weg. . , Aber bas eigentliche Erlebnis, nun erst begann es in mir. Ich legte mich hin in einen Liegestuhl, sah hinauf in bie weiche Nacht. Ich hatte zum erstenmal einen Analphabeten gesehen, einen europäischen Menschen iazu, ben ich klug wußte unb mit bem ich wie mit einem Kameraden gesprochen hatte, unb nun beschäftigte, ja quälte mich bas Phänomen, »ie sich bie Welt in einem solchen, der Schrift verrammelten Gehirn spiegeln möge. Ich versuchte mir die Situation auszudenken wie das hin mußte, nicht lesen zu können. Er nimmt eine Zeitung unb versteht sie nicht. Er nimmt ein Buch, unb es liegt ihm in ber y)anb, etwas lichter als Holz ober Eisen, viereckig, kantig, ein farbiges zweckloses [Jing, unb er legt es mieber weg, er weiß nicht, was barmt anfangen. Man nennt vor ihm bie heiligen Namen Goethe, Dame, Shelley, Beetlaven, unb sie sagen ihm nichts, bleiben tote Silben, leerer, sinnloser kchall. Er ahnt nichts, ber Arme, von ben großen Entzückungen, bie l'ötzllch aus einer einzigen Buchzeile brechen können wie ber silberne l'lonb aus dem toten Gewölk, er kennt nicht die tiefen Erschütterungen, Uiit denen ein geschildertes Schicksal plötzlich in einem felbft 311 leben b» ginnt. Aber ich konnte mich nicht zurückschrauben in das Gehirn eines Denschen, in eine Denkweise eines Europäers, der nie em Buch gAestn, id) konnte es so wenig, wie ein Tauber sich eine Vorstellung von Musik Ms Beschreibungen zaubern kann. , ,, , Aber da ich ihn innerlich nicht verstand, den 2lna(p^abeten ist nun zur Denkhilfe mir mein eigenes Leben ohne Bucher vorzustellem »ber schon dies gelang mir nicht. Denn das was ich als mein Ich enpfand, es löste sich gleichsam vollkommen auf, wenn ich versuchte, ihm i» nehmen, was ich hn Wissen, an Erfahrung, an Gefuhlskraft über mein Gigcnerleben hinaus an Weltgefühl und Selbstgefühl von Buchern Ab Bilbung empfangen hatte. An welches Ding, an welchen Gegenstand zu denken versuchte, Überall banben sich Erinnerungen und Erfah- nngen, die ich Büchern verdankte, und ,edes einzelne Wort lofte un- i-hlige Assoziationen aus an ein Gelesenes ober Gelerntes Unb ich mrftanb, baß bie Gabe ober die Gnade, weiträumig zu denken und IN Men Verbindungen, daß diese herrlich und einzig richtige Art, gleich' kn von vielen Flächen her die Welt anzuschauen, nur dem 3 , - über seine eigene Erfahrung hinaus die m den Buchern aufbewahrte , •>s vielen Ländern, Menschen und Zeiten einmal ,n sich aufgenommen , «*, - und war erschüttert, wie eng leder die Helt empfmben muf), s str sich dem Buch versagt, denn wenn wir lesen, was tun wir anders, . als fremde Menschen von innen heraus mitzuleben, mit ihren Augen zu schauen, mit ihrem Hirn zu denken? Darum, jetzt verstand ich's, hatte sich auch so übermächtig dem Kinde bie Seele gespannt, wenn es Plutarch las ober bie Seeabenteuer bes Mibshipman ober bie Jagben bes Lederstrumpfs, denn eine wildere und heißere Welt brach damals in bie bürgerlichen Wohnungswände unb riß gleichzeitig aus ihnen heraus: zum erstenmal aus Büchern hatte ich die Weite, bie unausmehbare, unserer Welt geahnt und die Lust, mich an sie zu verlieren. lentltiM I i chb. Mir । Sie kannten den Weg, waren beide ja nicht zum erstenmal hinter den Kulissen des Hebbeltheaters. Durch die Tür gingen sie, hinter der alle Wände kahl und nüchtern sind und die Steinstusen keine Läufer mehr haben. Wo das eigentliche Theater anfängt, es aber so gar keinen Theaterzauber mehr gibt. Büchner stand auf der Bühne. Es wurde im Halbdunkel umgebaut, er ordnete an, leise, sicher. Neben ihm die Wiedner, Paula Wiedner, die junge, der die Presse alles Lob sang. Jetzt wartete sie bescheiden. Sie gab das Mädchen in dem stillen, reinen Paar. Und Isa dachte: Meine Nolle. Gertie drängte vor. Da sah er die beiden, wandte sich der Schauspielerin zu: „Ja, es war gut, recht gut sogar. Aber im achten Bild ruhig noch'etwas weicher, Paula; es schadet nichts. Die Leute können's heute vertragen. Und nun ziehen Sie sich um." Schon stand Gertie neben ihm, streckte ihm die Hand entgegen: „Also ich gratuliere, wir gratulieren. Wundervoll!" Büchner blieb ganz ruhig; er lächelte nur überlegen. „Bitte nicht hier. Kommen Sie." Sie gingen zum Konversationszimmer. Es war leer. Die Beteiligten saßen alle in ihren Garderoben. „Also zufrieden?" Wieder hatte Gertie gleich das Wort: „Wie ich sagte: wundervoll." — „Und das Publikum?" „Na, keiner muckste. Die berühmte Stecknadel hätten Sie hören können. Sie gehen restlos mit. Großer Erfolg. Ihr Erfolg, Doktor Büchner, allein Ihr Erfolg." Er hatte wieder sein Lächeln; er kannte ja Gerties Redestrom. „Und Sie, Fräulein Isa?" fragte er. „Ich freue mich sür Sie. Ich hatte es mir gedacht." Schon sprang (Berti von neuem ein: „Aber die Fösten, ich bitte Sie. In solcher Szene. War denn da nicht mehr rauszuholen?" Sie hob ihre roten Zipfel hoch, daß sie plötzlich im kniefreien Rock dastand. „So hätte ich das gebracht." Und wirklich: Da sprudelten schon die Sätze der Rolle, die Witze; sie verdrehte die Augen, schlenkerte mit den Beinen. „Bravo", rief Büchner. „Wahrhaftig, Sie könnten's. Aber halten müßte man Sie, bremsen. Temperament haben Sie, daß muß man Ihnen lassen!" „Auch Talent?" — „Jawohl, auch Talent." Gertie ließ das Gezipfel fallen, stand nun wieder als Dame da in ihrem großen Kleid. „Geben Sie's mir schriftlich, Doktor Büchner. Bitte. Ja?" „Aber nicht heute." — „Gut — also morgen." Ein Bühnenarbeiter kam: „Herr Doktor ..." „Ich komme." Er gab beiden die Hand. „Dank, daß Sie da waren. Es hat mich gefreut." Und fort war er. Gertie packte Isa an den Schultern. „Ich krieg's schriftlich, du, schriftlich krieg' ich's. Von Büchner. Weißt du, was das heißt? Engagement. Arbeit. Heraus aus der Schule, hinein in die Praxis, Isa, Mädel, hör' doch ..." „Ich höre ja, Gertie. Ich freue mich für dich. Aber nun komm. Die' Pause muß gleich um fein." — — Es wurde der ganz große Erfolg. Das Übervolle Haus rief zum Schluß nach Büchner — immer wieder nach Büchner. Es war allen klar: er hatte das Stück gemeistert, feine Kunst hatte die Handlung geführt, die Schauspieler geleitet. Aber Büchner zeigte sich erst, nachdem der Vorhang sich wohl zwanzigmal vor den Mitwirkenden und dem Autor gehoben und gesenkt hatte. Und auch dann blieb er noch bescheiden beiseite und schob die anderen vor. Isa und Gertie klatschten, bis ihnen die Hände müde waren; sie standen erst auf ihren Plätzen, dann seitwärts im Gang vor den Logen, standen inmitten der Masse Menschen, die sich nicht beruhigen wollten, die den Triumph bis zum letzten auskosteten; die stolz waren, eine Sensation mitzuerleben. Wie schließlich der eiserne Borhang heruntergerasselt war, die Menschen aber noch kein Ende fanden, weiter riefen, weiter brüllten, damit sich vielleicht die kleine Tür noch einmal öffnete, um die Helden des Abends vor die Rampe zu lassen, da kroch Isa der Gedanke hoch: „Ist es nicht eigentlich ekelhaft, dieser Lärm, die Sensationslust nach einer künstlerischen Leistung, nach einem Stück, das nur Elend zeigte? Ist es würdig, jetzt unter all diesen wohlgenährten, schmuckbehangenen, teuer gekleideten Individuen zu stehen, nachdem einem eben gezeigt wurde, wie das Leben wirklich ist, im Vorderhaus und im Hinterhaus?" Da kam Büchner noch einmal vor, verneigte sich, und sie sah, daß seine Züge müde und schlaff waren und daß auch fein Blick fast mit Verachtung auf die Herde sah, die da unter ihm blökte, daß seine Mundwinkel sich im Ekel senkten. Sie wußte: er denkt, wie ich. Da tat er ihr fast leid. — Wenn ein großer Erfolg letzten Endes solchen Beigeschmack hatte, lohnte es dann die Mühe? Sie stieß Gertie an: „Wir wollen fort." Die Dunkle schreckte auf: „Herrgott — unsere Mäntel. Dein Vetter wird schon auf uns fluchen." • * Leo Queis stand am Wagen, er hatte (Berties Pelz im Arm, während Bretthauer Isas Mäntelchen hielt. Isa stutzte: war diese Verteilung Zu-" fall, war sie Absicht? Irgendwie verstimmte es sie. Gertie war schnell in ihrer Hülle, sie schwatzte schon wieder: „Haben wir Sie lange warten lassen, Gras Queis? Sind Sie böse? Aber wir mußten den Erfolg doch bis zum letzten auskosten, wo wir Büchner persönlich kennen." Er nickte: „Ich weiß. Wollen Sie mir nicht noch etwas von dem großen Mann erzählen?" Er wandte sich Isa zu: „Hättest du nicht Lust, noch aus ein Stündchen Ins Union zu kommen? Du mußt dach noch etwas essen." Langsam schüttelte sie den Kopf: Danke Leo. Ich habe vor dem Theater gegessen. Ich bin auch müde. Großmutter schläft nie fest, ehe ich nicht zu Hause bin." — Er bat: „Es ist ja noch so srüh, das Stück war ja nicht lang." „Nein, Leo, es geht nicht. Ich brauche meinen Schlaf, jede Stunde. Fräulein Rose und ich haben morgen zu arbeiten, ernst zu arbeiten, Und außerdem, Leo — ich bin nicht Peter." Sie ging eilig auf den kleinen grünen Roadster zu. (Bertie folgte, schloß auf, setzte sich an das Steuer, wartete, bis Isa neben ihr hockte. Dann drückte sie auf den Anlasser. Lange fuhren sie schweigsam nebeneinander. Erst dicht vor der Keith- straßenwohnung sagte Gertie: „Ich weiß, Isa, weshalb du deinem Vetter die Bitte ab schlugst, ich verstehe es auch. Aber das letzte hättest du nicht sagen sollen." Und kurz ehe der Wagen hielt: „Nein, das letzt« nicht." * Es war ein schweres Stück Arbeit für Peter, bis zum Geheimrat Dannegger vorzudringen. Er muhte sich durch drei Bureaus durchkämpfen, und als er schließlich wirklich bis vor die Tür des Gewaltigen der Dannegger-Werke gelangt war und feine Karte hineinschickte, hieß es: Der Herr Geheimrat bedaure, er hätte bereits schriftlich Bescheid gegeben, er hätte keine Zeit. „Gut", sagte Peter, „so warte ich." Der Beamte hob die Schultern: „Hier können Sie nicht warten." — Peter erwiderte nur: „Doch, ich kann." „Der Herr Geheimrat ist für Stunden besetzt." ,^Jch habe Zeit." „Es ist aber kein Stuhl hier." — „Ich kann stehen." „Ich darf Sie hier aber nicht herumstehen lassen." „Ich werde niemand stören. Die Ecke dort genügt mir." „Es kann Abend werden, ehe der Chef sein Zimmer verläßt." — j Peter wandte sich seiner Ecke zu. „Ich werde die Geduld nicht verlieren." Ein Herr mit einer Mappe kam: „Melden Sie mich bitte, Brägels." Der Beamte dienerte: „Sehr wohl, Herr Direktor." i Peter trat zurück. Der Herr sah ihn an. „Wollen Sie zum Herrn ■ Geheimrat?" — „Jawohl." „Schon gemeldet?" — „Jawohl." . ’? „Verzeihen Sie, wenn ich vor Ihnen eintrete, ich habe es sehr eilig." — „Bitte sehr." Brügels kam zurück. Der Herr mit der Mappe ging durch die offen gehaltene Tür. — Peter stand ganz ruhig und beobachtete: Immer wieder tarnen Herren mit und ohne Mappen, in sehr feinen und sehr einfachen Anzügen, einmal sogar einer im Arbeitskittel, mit dem Brögels sich vertraulich duzte; wohl ein Werkmeister. Alle schienen es eilig zu haben, . alle schienen auf eine bestimmte Zeit bestellt zu fein, denn sie zogen die 1 Uhr, wenn sie vor der Tür antnmen. Die Konferenzen drinnen dauerten meist nur Minuten, viel drumherum schien der große Dannegger nicht zu reden. Darauf mußte man sich also einstellen. Peter paßte auf; es gab allerlei Namen zu hören: Direktor Folkung — Direktor Mayer — Werkleiter Krüger — Syndikus Doktor Rosen- ftiel — Prokurist Elterlein, bann Bezeichnungen: Elektrowerk — Großtischlerei — Bau III — Bau VIII — Feinmechanik — Motorenwerk Saalebrücke — Kleinmotorenwerk Stadt. Das war interessant. Man kannte kombinieren: zum Beispiel, daß Werkmeister Krüger zum Motorenwerk Saalebrücke gehörte. Einmal gelang es Peter, einen Blick in das Allerheiligste zu werfen: da sah hinter einem Riefenschreibtisch ein Mann mit schmalem Gesicht, das ein Spitzbart umrahmte, vor den Augen eine Stahlbrille. Das war also Dannegger. Gut, daß er wenigstens wußte, wie er aussah. Dann und wann schrillte vor der Tür eine Klingel, worauf Brögels eilig im Zimmer verschwand. Meist kam er mit einem Arm voll Untcrschriftsmappen zurück, die er den (Bang hinunter in andere Zimmer trug. Einmal ging er auch für längere Zeit fort, um bann mit einem Kantinentablett wieberzukommen, auf dem eine große weiße Tasse voll Kaffee stand. Auch die verschwand in der Tür. „Also sehr schlicht", folgerte Peter. Er schnüffelte. Von dem Kaffee war ein Duft in der Luft hängen geblieben. Plötzlich verspürte er Hunger. Er war um 6 Uhr früh aus Berlin abgefahren, nach sieben Stunden glücklich in Jena gelandet, gleich in das Verwaltungsgebäude gegangen. Jetzt war es fünf. Also wartete er rund drei Stunden. Gut, er würde weiter warten. Trotz des Hungers. Einmal sagte Brögels: „Sie haben Ausdauer." „Kann nie schaden", antwortete Peter. Um sechs läuteten Glocken auf den Fluren, lleberall gingen Türen auf. Männer in Mänteln, Filzhüte auf den Köpfen, stürmten heraus. Auch sie hatten meist pralle Mappen unter den Armen. „Hier wird zu Hause weitergearbeitet", dachte Peter. „Jetzt ist Schluß", sagte Brögels. „Macht der Geheimrat auch Schluß?" — „Nein." „Machen Sie Schluß?" — „Nein." Peter lächelte. „Ich auch nicht." Er ging wieder still in seine Ecke. Jetzt fingen ihm an die Beine weh zu tun. Er bewunderte den alten Brögels, der doch auch die ganze Zeit gestanden hatte. „Was der kann, muß ich auch können", dachte er. Und bann: „Wenn Gertie mich so sähe, würbe sie mich wahrscheinlich auslachen — vielleicht auch nicht. ! Es würbe bunte!. Auf bem Flur flackerte eine Birne auf. Brögels I lehnte sich ans Fensterbrett unb gähnte. Nun tarnen feine Mappenherren mehr. I Sieben Uhr. Auch Peter gähnte. Um halb acht ging enblich die Tür auf. Peter streckte sich. „Jetzt", buchte er. Er trat auf ben Mann mit der Stahlbrille zu unb verbeugte sich furz. „Von Weiher!" sagte er sich vorstellend. (Fortsetzung folgt) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Derlag: Drühl'sche Aniversitöts-Duch- und Steindruckereft JL Lange. Sieden.