SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Montag, den 13. Zutt Nummer 54 Oie Dankesschuld. Von Walter Flex. Ich trat vor ein Soldatengrab und sprach zur Erde tief hinab: „Mein stiller grauer Bruder du, das Danken läßt uns keine Ruh'. Ein Volk in toter Helden Schuld brennt tief in Dankes Ungeduld. Daß ich die Hand noch rühren kann, das dank' ich dir, du stiller Mann. Wie rühr' ich sie dir recht zum Preis? Gib Antwort, Bruder, daß ich's weiß' Willst du ein Bild von Erz und Stein? Willst einen grünen Helbenhain?" Und alsobald aus Grabes Grund ward mir des Bruders Antwort kund: „Wir sanken hin für Deutschlands Glanz. Blüh', Deutschland, uns als Totenkranz'. Der Bruder, der den Acker pflügt, ist mir ein Denkmal, wohlgefügt. Die Mutter, die ihr Kindlein hegt. Ein Blümlein überm Grab mir pflegt. Die Büblein schlank, die Dirnlein rank blüh'n mir als Totengärtlein Dank. Blüh', Deutschland, überm Grabe mein jung, stark und schön als Heldenhain!" Niemand hat größere Liebe ...! (Eine Wallfahrt zum Grabe des Dichters Walter Flex auf der 3nfe( Oefel. Von Frithj 0 f Meltzer. Wie sollen wir Gottes Schicksalsfügungen fassen, wenn uns hier schon die Tatsache und die Erinnerung des Lebens und Sterbens eines einzigen winzigen Menschleins mit früher Vollendung im 30. Jahre erschüttert, hinreißt und ohKe Ueberlegung, ohne die Möglichkeit einer Rechenschaft in seinen Bann zwingt? Der Verstand beugt sich vor der Leidenschaft des leibeigenen Dienstes, vor dem Witten zum bereiten Opfer und vor der Allmacht des untrüglich ahnenden Gefühls. Es ist nicht die Landschaft, die unendlich traurig und auch verzweiflungsvoll machen könnte. Der Stein in Trümmern und Blöcken beherrscht die Landschaft, dieser unzuverlässige und doch so zugängliche Ralk-Stem, der auf den zum größten Teil von unseren Leuten vor 13 Jahren angelegten Straßen unter den Rädern zu feinstem Pulver zermahlen wird, das im Staub der Sonne und des Windes den Menschen fein bis in die tiefste Pore einpudert und nach einem Regenguß nicht nur die Kleider durchdringt, sondern auch die Sohlen der Schuhe frißt. Was sollte den Menschen, die 62 000 Esten und die 1000 Deutschen, die auf den gut 2000 Quadratkilometern der Insel Oesel ihre Nahrung suchen erst auf den Gedanken bringen, die Steine zu beseitigen und eine sichere Ackerkrume zu schaffen. Wo sie zu dicht liegen, werden sie zusammengetragen werden statt der Zäune als Einfriedung in saubere Mauern gelegt: sonst türmt man allenfalls ein paar Steine, die sich an der Pflugschar gewetzt Haben, aiis einen der größeren Blöcke, als ob überall verstreut kleine Hünengräber lagen. Nicht einmal zum Hausbau, abgesehen von der Stadt Arensburg mit ihren 4000 Einwohnern, von Kirchen und alten Burgen ist er nützlich weil nur das Holz im harten Winter die Warme halt: 'st doch der Sund herüber zum Festland regelmäßig bis Ostern fest zugefroren, bi m der Zeit der Schmelze einen Monat lang überhaupt keine Verb ndung zum Festland möglich ist. Da haben deutsche Truppen 1918 im kühnen Ritt über das Eis den nur mit dem Zug des Großen Kurfürsten über das Haff vergleichbaren Handstreich zur Beseitigung der Bolschewisten: -uw Estland unternommen, wofür die antibolschewistifchen Esten sich hernach mit der Enteignung des deutschen Grundbesitzes bedankt haben .. Im Nordwesten freilich ist es besser. Da steyen weite Kiefernwälder. Auch im Nordosten läßt es sich an; da lohnt es sich 14™, ^bw bereiten, wenn der Acker auch nicht unkrautre.n zu halten ist. Doch m Süden und Südosten bleibt die wenig ertragreiche' W»!e und Deid- ncben kümmerlichen Wirtschaftsgarten die einzige' Moll-'chkett. Und weithin ist auch das nicht zu schassen. Da ,st dann der Wacholder muppg stroüenden Büschen heimisch. Dazwischen allerdings — besonders um diese NrKt - 'tu buL Wechsel kleine versteckt-, aber emz.g -.ebreiche Blumen, wie sie mit ihrem fast verschämt herben und doch süßen Dust der mitteleuropäischen Flora fremd sind. ^. .. Inseln Rings die Ostsee, soweit nicht Inseln und Trümmern von Inseln vorgelagert sind. Die Tiere? Neben den nach der Familieneigenart teils frechen, teils schüchternen Wasservögeln in bunter Zusammensetzung nur Hasen, für deren Jagd edle Braken gehalten werden. So bleiben nur die Menschen. — Ja! —--Und auch wieder Nein! ■ Auch wenn man nicht eigens zum Besuch eines Sterbehauses und eines Grabes eine besondere Fahrt mit dem Motorschiff „Preußen" des „Seedienstes Ostpreußen" mitgemacht hat, kann einem — so man überhaupt Gesicht und Gefühl hat, so man nicht ein Mafchinenrnenfch oder ein dünkelhafter Verstandsprotz ist — nicht die Tatsache entgegen, daß ein Toter dem Leben der Insel besondere Weihe gibt: Walter Fl ex. Vielleicht ist so eine besondere Umgebung erforderlich, um mit wachem Sinn fast beim ersten Eindruck die Wahrheit zu begreifen, daß Tote nicht fallen, damit Lebendige sterben, sondern damit Tote lebendig werden. Sonst erschließt sich dieses Wissen des ewigen Lebens nur im eigenen Ringen, im Ringen um das Liebste... Was beklagen wir uns oft darüber, daß unsere Großen im Geiste und in der Kunst erst von einem späteren Geschlechte voll verstanden werden, daß sie die Früchte ihres Schaffens nicht mehr „erleben" können? Ach, wie haben wir Menschen der Moderne und des Fortschritts jeden Maßstab der Zeit verloren! Wer seine Früchte noch zu Lebzeiten zur letzten Vollendung kommen sieht, nun, dessen letzte Vollendung hat eben auch entfernt nicht an die Grenze der Reife herangereicht. Reif ist nur, wes Erbe erst nach ihm die volle Kraft und Pracht entfaltet. Sie haben das ewige Leben. Und sie leben nicht nur in der physischen Funktion, die uns allen, auch wider Willen, eignet, — so wir überhaupt die göttliche Gnade als Mutter oder Vater erleben — ein kleines winziges Glied in der Kette der Generationen aus Ewigkeit in Ewigkeit zu fein. Ein jeder von ihnen in dem ihm zugemeffenen Kreis, dessen scheinbare Begrenztheit durchaus nichts über den Ewigkeitswert besagt, weil wir vor Gott alle gleich sind und Gleichheit nicht alle gleich macht, sondern jedem das Seine gibt. Gibt es überhaupt einen gewisseren Trost beim Verscheiden von Menschen, die wir aufrichtig lieben? Das Gesetz über die Erhaltung der Materie hat weit wichtigere Bedeutung im Geist. Wie wir es jetzt im Choral bei dem feierlichen Gottesdienst im schlichten gotischen Hause in Peude, einem estnischen Dorf im Nordosten der Insel Oesel, im Gedenken an Walter Flex gesungen haben: „Was unser Gott geschaffen hat. Das wird Er auch erhalten!" Bei der Eroberung der Insel Oesel ist der Leutnant Walter Flex am 16. Oktober 1917 im nahen Peudehof einer Verwundung erlegen. Damit hat sich der Dichter Walter Flex früh vollendet. Er hat sich selbst die Bewertung gesetzt, die nun auf dem Friedhof von Peude zwischen Wacholderbüschen und steinigen Aeckern das schlichte Grabkreuz mitteilt: „Wer auf die preußische Fahne schwört, Hat nichts mehr, was ihm selber gehört." Wer selbst den Krieg erlebt hat und nicht — aus fremder ober eigener Schuld — in dieser Probe zerrissen worden ist, ober wer von ber Jung- mannschast ben Sinn unb Inhalt bes Völkerringens ernsthaft gesucht hat, liebt unb verehrt ben Dichter. Mag bas schon baoon sprechen, daß Fleß die Erfüllung feiner Lebensweisheit „Rein bleiben unb reif werben gefunden hat, so zeugt ber Besuch auf Oesel baoon, wieviel prächtiger noch bie Reife ber Frucht ist. In [einer „Dankesfchulb" fragt ber Dichter ben toten Helden: „Willst du ein Bild von Erz ober Stein? Willst einen grünen Helbenhain?" Unb bie Antwort: „Der Bruber, ber ben Acker pflügt, Ist mir ein Denkmal, wohl gefügt. Die Mutter, bie ihr Kinblein hegt, Ein Blümlein überm Grad mir pflegt. Die Büblein schlank, bie Dirn [ein rank Blühn mir als Totengärtlein Dank." Entspricht es nicht biesem Gebanken — unb bas ist ber Zusammenhang ber jetzigen Oeseifahrt —, daß aus Sammlungen der Jugend aus allen deutschen Gauen der Peudehof, das Sterbehaus, nach der Enteignung des letzten deutschen Besitzers durch die Esten verfallen unb vor dem Zusammenbruch stehend, zu einer deutschen Jugendherberge umgestal- tet werden soll? — Land und See machen besinnlich. Die Gedächtnisstätten führen auch den Gleichgültigen zu dem Sinn ber Worte bes Herrn: „Niemanb hat größere Liebe benn die, baß er sein Leben [äffet für feine Brüber." Unb sollte nicht hier auch ber Segen ber opfernben Liebe befonbers sinnvoll werden können? Werben hier boch auch noch anbere Tote aus längst entschwunbener beutscher unb germanischer Vergangenheit lebenbig. Die Bauernburgen, bie freilich erst unzulänglich erforscht finb, lassen bar- auf schließen, baß vor einer späteren Befieblung Germanen hier heimisch gewesen finb. Sieht tuan sich bie blonben unb blauäugigen Esten an, bie meist auch einen schmalen Schübel haben, konnte man an unmittelbare Zusammenhänge glauben, wenn bas nicht von ben später gekommenen Schweben unb von ber beutschen Zuwanberung seit bem 13. Jahrhunbert herrührt, Heute bekennt sich bie Insel auch wieder zu bem Kulturanschluß, ben sie mit ber umliegcnben Ostseeküste bamals an Europa burch bie Schwertritter unb bann burch bie Hanse gefunben hat. Die Orbensburgen auf Oesel sind zersallen, wie es balb bie ehemaligen Gutshäuser sein werben; aber bas altehrwllrbige Bischossschloh in Arensburg wirb wieber sorgfältig gepflegt. Wenn aber bie Esten auf Oesel allgemein sich mit ben Deutschen gut zu stehen trachten, wie sie bas in ber Beslaggung ber Straßen bei unserem Besuch zum Ausdruck brachten, so rührt auch bas von bem Segen der großen Liebe bes Opfertodes. Die Bevölkerung besinnt sich noch auf die im Gegensatz zu den Russen der Kerenski-Zeit frischen unb offenen deutschen Soldaten; sie bewahrt die Erinnerung an bas, was Mannschaften unb Kameraden nach bem Tobe von Flex über ihren Helden- dichter gesprochen haben. Sie suchen in jebem beutschen Gast bie Jbeal- gestalt, bie inzwischen Walter Flex geworben ist, zumal auch bie Schul- kinber im Unterricht von ihm hören unb Proben seines Werkes kennen- leriien. Die Deutschen in Oesel stehen in der Pflege seines Erbes natürlich voran. Aber auch bem einfachen estnischen Bauern strahlen bie Augen, wenn er seinen Namen ausspricht. So vollenbet sich vor unseren Äugen in ber Berbinbung zwischen bem Mittelalter unb junger Vergangenheit über Heimat, Vaterland unb Volk hinaus bie Wahrheit bes Fallens ber Toten, bamit Tote lebenbig werben. Oer Gewitiervogel. Erzählung von Heinz Steguweit. Die Tage waren heiß geworben, also zogen sich die Menschen Strohhüte unb bünne Kleiber an. Auch Meister Borromäus, ber hoch oben in drei hellen Kammern wohnte, wo bie Sonne ben ganzen Tag aufs Asphaltbach brannte, lief mit aufgeroUten Hembärmeln umher unb sagte zu seiner Frau, man müsse jetzt für Luft unb Kühlung sorgen. Sofort manberte der Buttcrnapf unter die Wasserleitung, Meister Borromäus ließ sich den Kopf bis auf bie Haut scheren, seine Frau zog lose Sanbalen an, unb ber Vogelkäfig würbe vor bas Fensterkreuz gehängt — warum sollte Honst keine Sommerferien haben? — Kam bann gegen Mittag Petrine aus ber Schule, bie Schürze voll frisch gepflückter Kresse, würbe sich bas gelbe Kanarientierchen gierig auf biefes Futter stürzen, benn so etwas gab es nur selten, unb Rübsamen konnte man im Winter immer noch fressen. Aber Meister Borromäus steckte plötzlich ben Kopf burchs Fenster unb schnupperte mit ber Nase nach bem Winb, als sei irgenbetmas nicht geheuer. Er fragte, ob Petrine auch einen Schirm habe, ber Himmel sähe nach Gewitter aus, auf ber Straße würbe ber Staub in bie Höhe gewirbelt unb hinter bem Kirchturm hingen bie Wolken wie Blei. Da suchte bie Meisterin ängstlich ben Schirm, um ihrem Kinde entgegenzugehen. Weil aber bie Meisterin ben Schirm nicht finben. konnte, schimpfte Herr Borromäus ob biefer Unorbnung unb half tnurrenb beim Suchen. Und während jetzt beide im Schlafzimmer waren, mit den Händen bald in den Schränken und bald in den Truhen, hörten sie nicht das ängstliche Flattern und Flöten Hansis, der feit einer Stunde vor dem Küchenfenster hing. Als aber ein gewaltiger Blitz in die Kammer zuckte, und als diesem Blitz sofort ein krachender Donner folgte, so laut und wild, als würden tausend Pauken angeschlagen, da zuckten Meister Borromäus und seine Frau zusammen. Vom Himmel schoß der Regen in fetten Säulen, man mußte die Fenster schleunigst schließen, man mußte auch schnell den Vogelkäfig in die Küche holen; aber Meister Borromäus blieb gelähmt in der Türe stehen, fein Mund stand offen vor Schreck, feine Kniekehlen zitterten: auf Hansis Käfig saß hackend und flatternd ein gewaltiger Vogel! Dieses Tier war grau wie bie Wolken des Gewitters, sein langer Schnabel unb seine ungefügen Krallen bearbeiteten bie kleinen Gitter, währenb sich Hansi gelb und winzig auf dem Boden zusammenkrümmte. Die Meisterin tat einen Schrei, so grell unb entsetzt, baß ber Meister wieber mutig würbe unb auf ber Stelle zeigen mußte, baß er immer noch ein Kerl fei. Also sprang Herr Borromäus ans Küchenfenster, packte sich mit feinen Männerfäusten ben Raubvogel, der blind war vor Wut und Gier. Jetzt mußte der Meister den Zorn des Tieres spüren, scharf wie ein« Sichel war der Schnabel, die Krallen griffen wie eiserne Zangen ins Fleisch und die Augen glühten und rollten so wild, als habe sich der Teufel selber in dieses Zimmer verirrt. Herr Borromäus sah, wie seine Finger und Arme bluteten, er schrie, seine Frau sollte einen Sack holen, aber die Meisterin holte statt eines Sackes einen leeren Papageienkäfig, der seit Jahren schon unbenutzt auf bem Schranke ftanb. Nun würbe bas riesige Tier eingekerkert, eine halbe Stunbe lang flatterte und ächzte es noch hinter den Stangen, dann ergab es sich keuchend in sein Schicksal. — Ein Geier, sagte die Meisterin. Ein Adler, widersprach der Meister. Dann holte man Hansi endlich aus dem Fenster, und dieses Vögelchen hockte immer noch gelähmt auf bem Boben, sein Gefieber war zerzaust, sein Herz klopfte jad) hinter ber kleinen Brust. Und naß war bas kleine Körperchen, noch vom Gewitterregen — welches Abenteuer für diese friedliche Kreatur. Als Herr Borromäus sich vom Schreck erholt hakte, lachte er feine Frau so triumphierend an, als sei er ein Held, den man bewundern müsse. Doch die Meisterin hatte andere Sorgen; denn sie holte eine Schüssel voll Wasser und wusch ihrem Mann« den blutigen 2lrm aus, den der Raubvogel zu seinem Schlachtfeld gemacht hatte. Diese Wunden waren nicht klein, und die Finger sahen aus, als seien sie in das Getriebe einer Maschine geraten. Da verging auch dem Meister das Lachen, er fluchte unb wetterte jetzt, er werbe dem Satan noch einen Denkzettel geben! Aber was schwören brave Männer nicht alles im ersten Zorn? Die Frau, bie eine Mutter war, hatte schon Mitleib mit dem großen Räuber, der kaum wehrloser und zerzauster in seinem Gefängnis zitterte als der bange Hansi. Mittlerweile war das Gewitter vorübergezogen, von der Dachkandel tropfte noch Master, in den ©offen ber Straße ftanb noch schmutziger Schaum; aber am Himmel triumphierte ein Regenbogen in fiebenmalfieben Farben! Nun würbe Petrine keinen Schirm mehr brauchen, unb Meister Borromäus horchte auf: das Kind trappelt« schon singend über bie Treppe. Unb bie Tür ging auf, ein Gruß, ein Küsten, dann klatschte Petrine mit bem ganzen Staunen eines glückseligen Kinbes in bie Hänbe: Ein Habicht? Ein richtiger, lebenber Habicht? Der Lehrer hatte neulich von biesem Vogel gesprochen, aUerbmgs konnte er ben Kinbern bamals nur ein gebrücktes Bilb von ihm zeigen. Und Petrine, die den mühsam gefudjten Schirm in ber Hand trug, fetzte sich still und nachdenklid) vor den Käfig, den stolzen Gesungenen zu bewundern. Sie erzählte, daß dieser Bogel «in Räuber und Tunichtgut sei — da wetzte Vater Borromäus schon fein Mester. Sie erzählte, daß ein Habicht nur Fleisch und andere Tiere fresse —, da schnitt Meisterin ein Stück vom rohen Braten ab, und der Raubvogel fiel ausgehungert über ben Happen her. Er hackte mit bem Schnabel und zerrte mit den Krallen, so lange und so gründlich, bis ber letzte Nest verschlungen war. Petrine erzählte weiter, bah dieser Vogel der kühnste und stolzeste der Heimat fei, wenn er auch als Räuber über den Aeckern unb Wälbern lebe. Der Lehrer habe von ber Natur bes Blutes gesprochen, solch ein gewaltiger Habicht sei ein Kinb b«r himmelhohen Freiheit, so stolz unb abelig, baß er in ber Gefangenschaft balb jebe Nahrung verweigere, um lieber aus Groll und Verachtung wider seine Unterdrücker zu sterben. Da klappte Borromäus fein Messer wieder ein und steckte es in die Tasche. Als es Mittagszeit geworden war, tischte die Meisterin bas Essen auf. Aber ber Braten schmeckte nicht, Herr Borromäus war stumm geworben, er hing mit ben Augen immer am Käfig, wo ber Räuber still unb unversöhnlich auf ber Stange hockte. Und der Meister stand auf, ging hin und her in der Küche, den verwundeten Arm in der Binde und die Zähne immer in kauender Bewegung, als habe seine Seele etwas schweres auszukämpfen. Dann blieb er plötzlich stehen, ballte feine Faust und knurrte, er könne das Tier auf der Stelle umbringen, wenn er nur wolle, er sei stark genug, aber: sollen wir ihn wieder fliegen lasten? Während er diese Worte sprach, atmete seine Frau erleichtert auf, und auch Petrine sprang vom Stuhl, dem Vater um ben Hals zu fallen. Da bückte sich Herr Borromäus unb hob ben Käfig auf. Der Habicht zuckte nicht, in feinem Blick nistete Haß unb Verachtung. Als aber bas kleine Gefängnis am offenen Fenster ftanb, fo baß ber Vogel ben Himmel unb bie Wolken sehen konnte, schloß bas stolze Tier feine Augen, als wollte es feiner Wehrlosigkeit nicht spotten lassen. Jetzt öffnete ber Meister bi« kleine (Sittertür unb klemmte sie fest. Petrine unb bie Mutter mußten zur Seite treten, Herr Borromäus aber wartete, bis der Habicht die Stunbe feiner Freiheit begriffen hatte: ba kam ber Raubvogel aus feinem Kerker, langsam unb mißtrauisch; zuerst mit bem spitzen Kopf, bann mit ber linken Klaue unb enblich mit ber rechten. Seine Flügel hingen noch lahm unb mübe, fein Herz klopfte noch so jach, baß bie graue Brust sich auf unb niederhob. Herr Borromäus schnalzte, als sei biefer Habicht ein Kücken, Petrine mußte lachen und während sie lachte, klatschte sie wieder entzückt in bie Hänbe. Dieses Geräusch jagte den Vogel auf; breimal schlug er bie mächtigen Flügel aus, so baß bie Geranien auf bem Fenster geknickt würben unb ihre roten Blumen verloren. Dann aber ächzte bas Tier, als krähten hunbert Raden, unb im Nu schoß ber Habicht burchs Fenster hinauf in bie Freiheit. Lange noch zog ber Vogel seine königlichen Kreise Über dem Haus, und einmal kam er so nahe ans Fenster, als wollte er wieder zurück in die Küche des Meisters Borromäus. Petrine und ihre Eltern standen da, schauten und reckten sich die Hälse klamm. Vater Borromäus sagte, seine Augen seien schon ganz naß vom Stieren. Und als sie bas Fenster verließen, sang auch Hansi wieber, der kleine, gelbe Vogelknirps, ber seine grünen Kresse ebenso gierig vertilgte, wie ber Habicht [ein rohes Ochsenfleisch. Erdbeben auf Martinique. Dem im Verlag von Otto Janke, Leipzig, erschienenen neuen Roman „Srbbeben" von Joseph Belmont entnehmen wir die folgenbe außerorbentlich plastische Darstellung jenes Erb- bebens von 1902, bas beinahe vierzigtausend Menschenopfer forderte. Drückend lag die heiße Tropenluft über der Insel Martinique. Keine Wolke stand am Firmament, trotzdem sah das Himmelsgewölbe bleigrau aus. Ein seltsames Phänomen beobachteten bie Einwohner Saint-Pierres, unb Furcht bemächtigte sich bejonbers ber Schwarzen. Tausenbe ber nieblichen Sigutis, bie die Insel bevölkern, zogen eiligst nach bem Silben, krochen bie Berge hinan, liefen ber Küste zu — unb Schrecken erfüllte bie Abergläubischen, als am Morgen bes 7. Mai 1902 viele ber kleinen Tiere sich ins Meer, in bie Branbung, stürzten und darin umkamen. In Grauen wandelte fid) der Schrecken ber Eingeborenen unb Weißen, als bie Millionen ber lästigen Ameisen bie Häuser unb Hütten verließen, bie quälenben Moskitos sich nicht mehr zeigten. Der Haustiere bemächtigte sich große Unruhe. Pferbe, Esel unb Maultiere, bie sonst bie leiseste Berührung ber Hanb in Bewegung setzte, hielten alle Augenblicke bie Ohren steif, rührten sich trotz Stockschlägen unb Peitschenhieben nicht vom Fleck. Entsetzen lag in ben Augen der klugen Tiere. Auch die Kühe, Kälber, Ziegen unb bas Geflügel erfüllte Unbehagen, Angstgefühl. Ratten unb Mäuse kamen im Tageslicht aus ihren Löchern unb zogen in Scharen mir Tausenben von Schilbkröten zum Wasser hinab... Am Spätnachmittag blaute der Himmel auf, die Sonne brannte vom Firmament hernieder, und langsam schlug ber Einwohner Stimmung um, beruhigten sich bie Gemüter... Der Platz de la Viktoire war am Abend von Menschen besät. Die Militärkapelle ließ lustige Weisen erklingen, und die Flaneure umschwärm- Vor bei Ruine des Hotel de France hielt der Schwarze, kletterte über Balken, Bretter und Gestein, verschwand in einem Loch. Der Maat olgte ihm. „Tranquille, Monsieur, quite.“ Leises Wimmern drang aus der Tiefe. „Oh, das ist eine Katze ober ein Hund." „Oh no“, abwehrend hob der Eingeborene die Hände. „Nix cat or dog, Baby Moodyl“ — Nach einer Stunde harter Arbeit war man bis in den Weinkeller Dorgebrungen. In den erkalteten Händen des durch einen Balken erschlagenen Kinderfräuleins lag schwer atmend und wimmernd der kleine dreijährige Jack Moody. Oer Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Berlag, Berlin W 35. (Fortsetzung.) Der Große Kurfürst stand in derMitte, erhob sein imperatorisches Haupt und streckte den Arm hoch nach oben. In solchen Augenblicken konnte man recht deutlich sehen, was man an seinem Führer hatte. Da war kein organisierender Reppert mehr, kein mutjüchtiger Lüders und kein Zank noch Hader der Jungen, — da war nur er allein verantwortlich und gebietend. Nun war er nicht schläfrig, wie gewöhnlich, ober verdrießlicher Laune, sondern auf eine furchtbare Art und Weise wach. „Otta Kirchholtes?" „Steintor! — Deutsch!" „Lüders?" „Hauptstraße! — Englisch!" „Hornbostel?" „Wilhelmstraße! — Deutsch!" „Nestor?" „Bechermachergasse! — Spanisch!" „Reppert?" „Zuerst Reserve. Dann Bahnhosstraße! — Italienisch!" „Hartwig?" „Mederowstraße! — Deutsch!" „La Roche?" „Lindenauer Straße! — Französisch!" „Van Taak?" „Bismarckplatz! — Holländisch!" „Prinzlein?" „Kanalgraben! — Englisch!" „Schabzieger?" „Bezirksamt! — Deutsch!" Hier entstand höhnisches Gelächter. Drohungen unb spucken. „Ruhe! — Königsmarck?" „Amtsgericht! — Deutsch!" „Hauptquartier? Reserve?" „Botanischer Garten! Am Käfig des Gnus!" „Pipps?" „Sein Adjutant! „Bamberger?" „Adjutant!" v , „Parole?" fragte der Große Kurfürst zum Schluß, und er meiste sich im Halbkreis. Alle hoben die Hände zum Schwur. „Es lebe der Hund! Es lebe die Katze! „Feldruf?" „Oberamtmann Knötzinger! Götz von Berlichingen! In ihr jubelndes Gelächter sandte der aus östlichen Wolken vortretende Mond feinen ersten, feierlichen Strahl. „Vorwärts!" , ... Reppert und fein Trupp gaben ihren Handvorrat ab. Sie winkten einander zu. „Macht's gut!" „Wir machen es gut!" Bald erklangen ihre Rufe aus größerer und immer größerer Waldestiefe bis die sechs dort unten die ersten Saaten der Ebene erreicht hatten. Wie' der Halbgesang der Schiffer, wenn sie die Nächte lang aus dem Wasser fischen, so klangen ihre Ruse: „Macht's gut!" — „Wir machen es gut! Der Große Kurfürst und die Seinen schritten weiter, und st« ruhten und rasteten nicht, bis sie die ersten Häuser von Maineweh erreicht hatten, von wo aus sie sich, immer zu zweit, in die schlafende Stadt einschlichen. Sie wollten erst einmal ihre Rucksackmunition an blutroter Farbe verfeuern, bis Reppert und die Seinen mit der gewaltigen Reserve noch- kämen. , In dieser Nacht wurde die Stadt von dem Polizisten Holzapfel bewacht. Er hatte seinen Standort am Bahnhof. Nicht etwa, daß nach Mitternacht noch ein Zug angekommen wäre: der Bahnhof wurde sozusagen um zwölf Uhr geschlossen, wie jede Wirtschaft in der Stadt. Aber vor dem Bahnhof befand sich der Kreuzungsplatz der zwei Landstraßen, und es geschah drei- bis viermal in der Nacht, daß hier Autos passierten. Dann war der große Augenblick gekommen, wo Holzapfel den Arm erhob und winkte! Wegfreiheit! Und es machte ihm nichts aus, daß die Großstädter am Steuer ihrer Wagen sich mit lachendem Dank vor ihm verbeugten. Er wußte, was sich gehörte, er hatte in der nächsten großen Stadt einen Kursus „Verkehrspolizei" mitgemacht. Abgesehen von diesem nächtlichen Autoverkehr gab es in Mameweh nichts zu bewachen. Man stahl in Maineweh am Tage. Die Dienstmägde stahlen zwanzig Pfennige oder Unterröcke, die Lehrlinge liehen Fünfzehn- Vfennigmarken verschwinden ober etwas Kupserdraht ober was sonst sich in ihrer Branche darbot, und die Schüler bestahlen ihre Eltern ober Verwandten bis zu drei Mark. Einbrüche waren selten, sie wurden »en die promenierenden Schönen, macksten sich über die Bangenden lustig mnd hatten bereits vergessen, daß sie am Vormittag selbst von der Panik ■ergriffen waren... Als die zweite Morgenstunde von den Kirchtürmen der Stadt versandet wurde, waren die Straßen menschenleer, nur in den engen Gäßchen am Strande herrschte noch reges Leben. Matrosen und Unteroffiziere Ler Garnison vergnügten sich mit den Dirnlein der Hafenkneipen. Unheimlich still tag das Meer. Das tausendjährige Rauschen der gewal- itigen Brandung an den Korallenrissen hatte säst aufgehört. Die Wachen Der auf der Reede liegenden Dampfer und Segelschiffe blickten beunruhigt n weibhaar>ger Neger über kohlende Balken und Steintrummer. Em irres Lachen gluckst« von seinen Lippen, und als sein Hemdärmel Feuer fing, kreischte er b auf, sprang wie rasend umher, sachte die Flamme vn seinem .iarperz heller Lohe an. Sein Lachen ging in Weinen über, verstärkte s'ch Zu emem Gebrüll, bis der Arme unter stöhnenden Wimmertonen von seiner Qual Crl Su^unberten spien die Wellen ertrunkene Seeleute und vieles Getier an Land. Tausende von Fischen, Krabben Oktopussen und anderen Meeresbewohnern lagen am Ufergeftem Ste Schweseldamp e hatten s'ch mit den Wassern vermählt und Tod unb Verderben in die Tiefe getragen. Aus allen Teilen der Insel, bie das gfbbeben nur (Purten aber Dom Verhängnis verschont geblieben waren, eilten beherzte Menschen färbet. Der Unterschieb der Hautfarbe war vergessen, Weiße und Schwarze wollten Wis^ort^de^Fran/e'dampften zwei französische Kriegsfahrzeuge heran, ein amerikanischer Kreuzer, auf dem Weg« nach Portonco, gesellte s'ch 8U Wench zu retten gab es. Bon den vierzigtausend Einwohnern waren nur einige Dutzend am Leden geblieben. Darunter befanden sich Schwer- "“Sr Tagewaren^U der Unglücksnacht verstrichen, al--ein-Schwarzer mit verstörter Miene an den Kommandanten des amerikanischen Kreuzer. '"“Monsieur, entre les debris de l’Hötel, you know, between“, sein Englisch war erschöpft, er wies mit zitternder Hand nad) ber ' „Donelly, nehmen Sie ein paar Mann und 6eh°n^,e m,t dem Neger, soweit ich verstanden habe, glaubt er, daß irgendwo ) verschüttet liegt." ebenfalls am Tage, meistens während der Erntezeit am Mittag, und nur von Landstreichern vorgenommen. Betrunkene gab es nach halb ein Uhr nachts gewöhnlich nicht mehr. Kurzum, die Stadt ruhte im Schlummer ihrer guten und ihrer bösen Gelüste, und Holzapfel ruhte mit ihr im Stehschlaf. Er hatte es in diesem Sport zu einer großen Vollkommenheit gebracht, er war schon beim Militär einer der begabtesten Steh- schllifer seinerzeit gewesen. So konnte die Tertia ungehindert an ihr Werk gehen. Sie schlichen zu weit durch die schinalen Gassen, um zu erkunden, ob auch jedermann schon zu Hause angelnngt sei. Es war immerhin die Samstagnacht, jetzt auch Mondnacht und eine windige Juninacht dazu. Konnten nicht Liebespaare auf den Gassen sein? Und drohten nicht allenthalben zackige Schatten, knarrende Türen, auch hier und da Lichter in den Zimmern der Kranken und der Alten? Und in den größeren Straßen, wehten da nicht elektrisch Lampen, die in Abständen von einhundert Meter brannten? Sie waren, an Drähten befestigt, quer über die Straße gezogen, sie warfen ihre auf- und niederflutenden Schatten wie Wogen gegen die Wände der Geschäftshäuser. Erklang noch irgendwo ein Schritt in der Stadt oder wurden in fernen Straßen der Gesang eines Berauschten laut, so warfen die Patrouillen der Tertia sich auf die Bäuche oder sie blieben stehen und wurden zu Stein hinter dem Stein, zu Holz hinter dem Zaun, zu Eisen hinter dem Laternenpfahl. Dann aber begannen sie ihre Arbeit. Sie schreiben ihre vier oder fünf Worte an die Hausmauern, je nach der ihnen zugeteilten Sprache. Sie hatten sich das so ausgedacht: in frembcn Sprachen zu schreiben, obwohl doch kaum irgendeiner in der Stadt eine andere Sprache als Deutsch verstand. Zuerst einmal wollten sie gerade hiermit die Phantasie anregen. Die aus den fremdsprachigen Bezirken sollten zu den andern kommen und fragen: „Könnt ihr das lesen? Was steht bei euch?" Gerade das Unentzifferbare sollte sie ausregen! Dann aber sollten sie eben durch jene fremden Sprachen wissen, wer eigentlich des Nachts in ihre Stadt eingebrochen war. Wer schrieb französisch, englisch, spanisch, italienisch und holländisch an die Wände der Häuser? Doch nur die Schüler des Schulstaates! Endlich aber leitete die Tertia noch ein Gedanke, der zwar nicht vollkommen klar von ihnen erfaßt und kaum je zum Worte gediehen war, der aber dennoch feine Macht über ihr Gemüt ausübte, zumal über einige der Führer wie den Großen Kurfürsten. Mit ihnen nämlich sollte ein Stück Europa in die schlechte, faule und barbarische Stadt bringen. Eine letzte Warnung Europas sollte in der Nacht über sie kommen, bevor der Krieg begann. So nahmen sie denn ihren Farbpinsel zur Hand und in großen Lettern schrieben sie: SEID GUT ZU DEN TIEREN! SOYEZ BONS POUR LES ANIMAUX! BE KIND TO ANIMALS! SIATE BUONI COOLI ANIMALI! SED BUENO CON LOS ANIMALES! BEHANDEL DE DIEREN MET ZACHTHEID! Es war ihnen nicht genug, ihr Menetekel unten an die Fassaden der Häuser zu malen. Hornbostel, der Zweitkleinste, der wie eine Katze klettern konnte, holte mit seinem Gehilfen eine Leiter von einem Neubau in der Wilhelmstraße. Er stieg auf ihren Sprossen hoch hinauf. Er war nicht der Junge, der Schwindelgefühle kannte. Er wollte Flieger werden, er wollte wie Lindbergh die Ozeane überqueren. Ost träumte er davon: auf einem einsamen kleinen Stuhl aus Rohrgeflecht zu fitzen, wie Lind- berghs Stuhl im „Spirit of St. Louis", und ganz, ganz einsam die Ozeane zu überfliegen, die nördlichen und die südlichen Eismeere wohl gar, und dort Rekorde auszuftellen. Umsonst erklärte ihm der vernünftige Reppert, daß die ganze Rekordfliegerei keinen Pfifferling wert sei, man müsse, wie Hornbostels Bruder, zusehen, bei der Deutschen Lufthansa anzukommen und den Berkehrsdienft systematisch auszubauen. Die Lufthansa sei die zuverlässigste internationale Linie, sie erstrebe keinen Glanz, sondern Sicherheit und Behagen der Reisenden. Hornbostel wollte von der Sicherheit und dem Behagen der Reisenden nichts wissen. Er wollte Taten verrichten, die noch nie zuvor getan waren. Er wollte in seiner Kabine sitzen und unten die kleinen Eisbären wie Kinderspielzeug sehen und die Transatlantischen Steamer, die nicht größer sein würden als die Segelschiffe der Tertia, die sie in ihren Fluß dahingleiten ließen. Und dann sollte man in allen Hauptstädten des Erdkreises ausrufen: „Ein Deutscher, Hornbostel, hat mit seinem Begleiter, ohne zu landen, den Erdkreis umslogen!" So stellte Hornbostel in dieser Nacht, um einen Anfang mit seiner Karriere zu machen, einen Höhenrekord mittelst seiner Leiter auf. Er fürchtete sich nicht davor, von der dritten Etage eines Wohnhauses her- uvterzustürzen, er vertraute seinem Genius und dem Kameraden da unten, der mit verzweifelter Anstrengung die Leiter hielt, — aber einen Augenblick ergriff ihn doch ein Schauder, wie er in ein fremdes Zimmer blickte, das von dem auf- und niederflutenden Straßenlichte geisterhaft erleuchtet war. Er sah Stühle, einen Teppich, ein Plüschsofa, eine noch gedeckte Tafel mit Weinflaschen und ein herzbeklemmend ödes Büfett ans altdeutscher Eiche, fürchterlich geschnitzt. Der Anblick dieses Büfetts und dieser Weinflaschn aber machte ihn auch wütend! Und mit Wut malte er in die schwindelnde Höhe hinein: SEID GUT ZU DEN TIEREN! Die Menschen, die solch ein Biifeck besaßen und solche Weinflaschen ausgetrunken hatten, — das waren die Katzen- und die Hundevertilger! Diese da haßten alle Wesen auf Erden, die nicht ihrer Art waren! Wie das Haus, von dessen Fassade er herriederstieg, so mit Blut bemalt war Hornbostels Gesicht. Er hatte feine Rache an denjenigen Bürgern vorweggenommen, die ihm dereinst den neuen „Spirit of Saint- Louis" nicht bauen würden. Er verfügte nun über keine Farbe mehr. Er mußte in den Botanislh, Garten, zurück in die Reserve und in das Hauptquartier zum Gro^ Kurfürsten, und dort zusehen, ob Reppert und die Seinen bereits nit neuer Munition eingetroffen wären. Auf feinem Weg begegnete er andern Tertianern, die ebenfalls ih, Munition verschossen hatten. Obwohl sie sich im Mondlicht recht gj erkannten, so blieben sie doch voreinander in Kampfstellung stehen, i3 Hand anj Dolch oder am Holzschwert. „Parole?" „Es lebe der Hund! Es lebe die Katze! — Feldruf?" „Oberamtmann Knötzinger ...!" Hornbostel sprang dem Jungen an die Kehle. „Ein Verräterl" Er schrie dumpf. „Er kennt den Feldruf nicht!" Es war Königsmarck, — vom Amtsgericht! — mit dem er hach gemein wurde. Die Jungen umschlangen sich. Ihre lachenden Gesicht, preßten sich einen Augenblick so nah aneinander, daß ihre Nasen con Nahkampf plattgedrückt - wurden. „Wie heißt es?" „Götz von Berlichingen!" Da hakten sie sich friedlich unter, und sie schlichen in den Garten m den Käfig des Gnus. Aber sie fluchten nicht wenig, als es sich hier zeigt«, daß Reppert tnl feiner Reserve noch nicht eingetroffen war. Und mit ihnen fluchten tu andern, die bereits im Hauptquartier warteten. Wütend warfen sie ftij auf den Rasen. Sie bildeten in Hockerstellung einen Kreis um den Groß«, Kurfürsten, der sich gemütlich ausgestreckt hatte. „Sie werden uns noch alles verderben!" murrten die Tertianer. „$ ihnen die Tiere, des nächtlichen Besuches ungewohnt, mit weiß schiMs mernben Augen unb schwermütiger Verwunberung entgegentrahn. Bau; Gnu kam bicht zu ihnen heran unb ließ sich bi« zottige Stirn ftreidjsrr.' Das Reh steckte die zart witternde Nase zwischen die Stäbe seines KäsiW Unb bann trat auch ber mächtige Wolfshunb herzu, ber Stolz des ®ai' tuns, ein Geschöpf wie aus der Fingalsfage, mit seinem grauscheckig« - drahthaarigen Fell. Er schnupperte an den Kleibern der Knaben, er res den guten Hundegeruch, ber an ihren Kleidern unb Leibern haftete, bei Geruch ber Lama unb ihren Kinbern, von Josua, Peggy unb der schwär zen Dogge unb sogar den von Karlemann. Und die Tertianer luurbt t fast traurig wie diese nächtlichen Tiere vor ihnen in den Käsigen, bei» es macht jeden Jungen auf ber Erde traurig, warten zu müssen. Der Grunb, weshalb bis Schlacht nicht vorwärts ging, lag natürMl wieder einmal an Borst. Im ersten Abschnitt war bei Reppert alles auf bas beste verlaufen. Sie holten mit Hacke unb Spaten tue angesammelten Farbvorräte am- ber Kiesgrube, unb sie schafften ben von Falk am Abenb bereilgeftedtm. Handwagen herbei. Sie kamen sogar auf den glücklichen Gedanken, dii Räder dieses Wagens mit Rupsen zu bespannen. Denn es gab feinst: Punkt ber Stabt, von bem aus Holzapfel sie nicht hätte hören müffem Dazu war bas Pflaster zu holprig. Zuerst einmal verlief alles geschwinb unb in ber benfbar besten Orde nung. Sie hatten nicht umsonst ben großen Organisator zum 2tnfüljr® Balb jedoch blieben sie stehen. Die Labung rollte nicht weiter. Dt< Kübel, ben sie ins Hauptquartier schleppen sollten, hatte sein hübsch-- Gewicht. „Mensch! Der ganze Rupfen ist an ben Räbern burchgescheuert ■ ■ na sauber!" rief einer vom Nachwuchs aus. Der Nachwuchs liebte efc bie alte Garde in ihren Maßnahmen zu kritisieren und zu beschämen. In ber Tat, Reppert mußte es mit unwillig hochgezogenen Augem brauen eingestehen: es gab ein Höllengepolter, von bem bie Führer b» ber Beratung des Felbzugsplanes baheirn nichts geahnt hatten. Bekannu sich können auch bie größten Strategen nicht alle Zwischenfälle otr Schlacht voraussehen. Das meiste muh bem Genie bes einfachen Soldan» überlaffen bleiben. Das wußte Borst, unb er beschloß im geheimen, solch ein Snldatem genie zu beweisen. Er träumte bauen, burch eine obyssäische List ber ‘ unb Erretter ber gefährdeten Tertia zu werden. In seinem Geiste sah ' es, wie man ihn mit Tränen in ben Augen umarmen unb ihm all:-- Unrecht abbitten mürbe, bas man ihm angetan hatte, zum Beispiel Vorwürfe wegen seiner Wafsenübungen mit bem Beil unb <*•’ gleichen mehr. (Fortsetzung folgt ! Echristleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- unb Steinbruderei, R. Lange in Gießen