Nummer 29 Montag, den 13. April Jahrgang (931 er, „schönes vielleicht Weiß des Augapfels schwankten, tanzte das gleiche ungewisse Zucken, das sich eben aus dem Tigerzwinger mit schwelenden Flammen gegen ihn erhoben hatte. Marcell Rott faßte verwirrt seine Riemenpeitsche fester und gab es auf, etwas zu sagen. Er schritt, jeden Muskel beherrscht angespannt, in das Manegerund, wo ihn ein ermunternder, anhaltender Beifall begrüßte. Er dankte mit einem Lächeln, das ein bißchen zerstreut und ein wenig übertrieben schien. Auch am nächsten Morgen, der Marcell Rott wie immer bei der Arbeitsprobe fand, schien die rätselhafte Hemmung noch nicht ganz behoben. Erst nach einer wiederholten Aufforderung kletterten die beiden abessinischen Löwinnen über ihre Kugeln: und die kleine Tigerin aus Sumatra verirrte sich sogar so weit, daß. sie mit gereiztem Gefauch durch den Sand trabte und nur nach einem blindgefeuerten Schuß ihre Aufgabe erfüllte, zum Sprung durch die Reifen anzusetzen. Ein Hieb mit dem Gabelholz trieb sie endlich an ihren vorgeschriebenen Platz; doch man sah, daß sie eine Ausbruchslucke suchte. In müder Verdrossenheit nahm Marcell Rott dieses Treiben wahr; er spürte erstaunt, wie das in einem straffen Jahrfünft Anerzogene plötzlich eine gefährliche Lockerung erfuhr und einer boshaften Geschmeidigkeit wich, die in all ihrer Offensichtlichkeit unfaßbar blieb und sicy drohend steigerte, je weiter die morgendliche Probe vorschritt. Gleichwohl bemühte er sich, allen Mihlichkeiten zum Trotz feinen Willen durchzusetzen und zum wenigsten die große Tierpyramide auszubauen, die zum Beschluß der Vorführung die gesamte Gruppe vereinte. Unwillig trotteten die Katzenleiber zum Gestell. Da aber — gerade als Marcell Rott das Zeichen zum Aufsprung geben wollte — da brach das Unvermutete los...: weit herüber aus dem Schlauchgang des Seitenzeltes keuchte wieder der heisere gedehnte Brüllschrei, der den Dunst der Manege messerscharf zu durchschneiden schien; rauh aufsteigend wandelte er sich zum düsteren Ausbruch eines wilden Drohrufs, der sich nur ganz allmählich in einem matten und doch schrillen Winseln verlor. In unwillkürlicher Abwehr riß Marcell Rott die Nilpferdpeitsche hoch: die Tiere vor ihm verschwammen; rot und fleischig sperrten sich die weiten Rachen auf... ... ein schräg reißender Schmerz fraß an seinem Schenkel. Zwischen dem feuchten gelben Gebiß der jungen Tigerin lappte ein mehr als faustgroßer Tuchfetzen. Marcell Rott wurde mit einem Schlag sehr wach und knallte, während eine Helle blutige Strähne zu den schwarzen Lackstulpen niederrieselte, schwer und nachdrücklich^mit der Gabelzinke auf den verschreckt zurückschnellenden Tigerkopf. Stalldiener liefen herzu; böhmische Zirkusarbeiter: Marcell Rott überließ es ihnen, die Tier« aus der Manege zu treiben und so vorläufig eine Ordnung zu schaffen, die im Grund eine Unordnung blieb. Mit schwerfällig vornübergeneigten Schultern ging er, ohne auf eine der bestürzten Fragen zu antworten, zu seinem Wohnwagen hinüber, um den blutigen Flecken am Hüftknochen auszuwaschen und einen Leinewandstreifen darüber zu legen. Mitten im Gehen aber hielt er plötzlich an: ein hartnäckiger wüster Druck preßte auf die Schläfen seines übernächtigen Gesichts. Breit zog er den Mund auf und trank die Luft in hastigen Zügen ein. Seine' Augen standen groß und leer gegen den Himmel, wo eine matte Sonne im Schoß dichter Wolken hing. Durch sein Gehirn wühlten schwankende taumelnde Bildfetzen: — — durch grünes Zwielicht und dumpfen Schatten (an Schlingpflanze, Stamm und ungeheurer Blüte vorbei) schlich — rostgelb und dunkeler gerippt — ein lautlos huschender Leib, der lauernd und grimmig näher und näher kam... Marcell Rott wischte einen fahlen Taumel von der Stirn: er knurrte sich selbst erbittert an, daß er in feinem Leben mit manchem Tiger fertig geworden fei und daß kein Anlaß zum Zweifeln bestehe, weshalb er nicht auch mit dieser Bestie fertig werden sollte, die mit ihrem Dschungeischrei in die Ordnungen einer gezähmten Raub- tiergruppe brechen und Verwirrung stiften wollte. Schrei aus dem Dschungel. Von Harry Schreck. Als der Tierbändiger Marcell Rott am Abend den zeltbespannten Schlauchgang betrat, in den man die Wagenzwinger seiner Raubkatzen geschoben hatte, liefen die beiden abessinischen Löwinnen und die junge iigerin aus Sumatra erwartungsvoll an die Gitterstäbe heran, um die gewohnte spielerische Liebkosung eines freundschaftlichen Tätschelns entgegenzunehmen. Zu ihrer Verwunderung schlenderte Rott indessen ohne den üblichen Aufenthalt vorbei, um erst am letzten Standplatz des Stalls zu verweilen, wo man feit einigen lagen den Eifenfäfig des neu ein- getroffenen Tigers aufgeschlagen hatte. Mit einem unentschlossenen Wiegen des Kopfes blinzelte Rott in das vergitterte schmale Rechteck hinein, das den ihm nunmelyr unterstellten Zögling beherbergte. Obwohl das Licht im Seitenraum schon in eine undeutliche wolkige Dämmerung überging, nahm er den Schattenriß des schlank, aber ungemein kräftig geformten Leibes, die leicht geschwungene Kurve des Rückens, den auf di« flammigen Tatzen gestützten massigen Schädel wahr: es ließ sich nicht leugnen, daß sich das dumpf kauernde Tier um keinen Zoll von der Ecke entfernt hatte, in der ihm vor Mittag sein Bändiger zuletzt begegnet war. Marcell Rott schob sich noch ein tcemg naher an den Stahlzaun heran und begann mit den weich gedämpften Gaumenlauten, deren dunkle Eindringlichkeit jede aufsässige Angst feiner Raubkatzen zu glätten pflegte, auf das einsame Gegenüber einzusprechen. Er sand jedoch rcych, daß das störrische Geschöpf hinter dem blanken Metall nichts zu bemerken schien: unbeweglich verharrte der gestreckte Tierkörper in (einer fteinernen Versteifung : und nur die Augen, in deren gelblichbraunen Jiunöjternen ein ungewisses Zucken spielte, hoben sich, um verachtend und groß an dem Sprechenden vorüberzuschauen. Es blieb still im Raum. Nach einer geraumen Zeit näherten sich Schritte vom Zirkuseingang. Es war der tamulische Wärter, der bet der Raubtiergruppe den Stalldienst versah. Er reichte Marcell Rott schweigend seine Holzgabel und die Nilpserdpeilsche zu. RotO nahm sie und knöpfte die tressenbesetzte Schnürjacke zurecht; aber er blieb stehen und betrachtete stirnrunzelnd den stummen Tierleib, der unnahbar und bösartig in seinem Verließ lauerte. Der Tamule flüsterte etwas und gab ZU verstehen, daß Rotts Nummer an der Reihe sei. Rott Nickte leicht und wandte sich zur Richtung des Hauptzelles. Als er schon beinah den Schlauchgang durchmessen hatte, r,ß ihn ein eigenartiger Laut herum: gedehnt und scharf, gemischt mit einem knurrend fauchenden Kehlton, röchelte ein gepreßter Schrei herüber der m e n grollendes Stöhnen überging und endlich ,n einem zitternden Wehlaut starb. In den Zwingern tobte es auf; die bengalischen Iiger prallten im Anlauf gegen ihre Gitter, liefen in irrem Sturzen an das Gestänge, dröhnten mit den Pranken in die Bodenhölzer. Der Tamule senkt erschreckt das Haupt und horchte in das taumelnde Lärmen der hochgescheuchten Tiere, die durchs Dunkel rasten. Der Tierbändiger lachte ärgerlich auf. Aber er bra$»abals er bas verfärbte Tamulengeficht sah: in den geweiteten Pupillen, die hilflos im Am Nachmittag klopfte es scheu an der Wohnwagentür. Marcell Rott drehte sich, aus fiebrig dämmerndem Halbschlaf geholt, mit einem Fluch dem einströmenden Tageslicht zu. Unschlüssig stand der Tamule auf der Schwelle. Seine Augen hatten einen fischigen Glanz: er trat von einem Fuß auf den anderen, um schließlich zögernd zu berichten, daß der neue Tiger .. der Dschungeltiger ... (Der Tiger!, dachte Marcell Rott.) Der Tamule nickte, ohne äufzusehen: „Gutes Fleisch...", flüsterte Fleisch — Tiger nicbts ... Tiger gar nichts ... Zauber großer Zauber aus Dschungel ... sehr groß!" Marcell Rott lächelte mühsam und versuchte sich zu erheben; das Wundfieber hetzte sein Blut in unregelmäßigem Stoß durch die Adern. Als er endlich aufrecht stand, mußte er sich einen Augenblick auf die Bettkante stützen. Langsam erst ließ das Schwindelgesuhl nach. Der Tamule murmelte unablässig. Mit einer verdrießlichen Bewegung schnitt ihm Rott die Rede ab; er warf den Kopf ins Genick und schlug den Weg Oer Vagabund. Von Edmund Finke. Nicht weil der Frühling flüstert im Baum, und der Südwind duftet wie Erde schwer, trägt mich die Ferne wie Schaum vor sich her; nein: ich selbst bin der Ferne tieftieffter Traum, bin Straße und Lied durch den dämmernden Raum ... Straße und Lied, keines weiß mehr etwas von Heimat und Wiederkehr. Bettler bin ich am Straßenrand, und mein Herz vergaß in der Zeit zu sein, ferneher hör' ich den Kuckuck schrei'n ... tausend Jahre gingen ins Land: ein Käfer lief mir über die Hand und eine Wolke im Sonnenschein sank tiefer ins Blau des Mittags hinein ... Zwischen den Birken fällt die Zeit duftverauscht in den Thymian, aus dem Kornfeld lockt träge ein Wachtelhahn, und mein Herz fühlt sich traurig zur Nähe bereit ... O Nähe: Heimat, Enge und Leid! Leicht löst sich das Herz aus dem lockenden Bann und die Füße wandern die Straße hinan zur Ewigkeit! Siebener Saiiiilictiblätfct Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger zum Raubtierzelte ein: entschlossen ging er — vorbei an den Zwinyern, in denen es dumpf fauchte — auf den Gitterraum zu, der den Aufruhrer aus dem Urwaldgestrüpp umschloß. o .. ... Ruhelos strich der geschmeidige, kurz und glatt behaarte Leib hinter den Stäben. Mit langen gleitenden Schritten, die fast unhörbar den Bretterboden berührten, kreiste er die klägliche Runde, die ihm die Cnge des Vierecks zur Verfügung gab. In gleichbleibendem Takt klappten ine Krallen auf: ohne Rast schoben die schlanken Muskeln und Sehnen das leuchtend gestreifte Fell auf seiner endlosen Wanderung weiter. Em Fetzen Sonnenglast flirrte verspielt auf dem Samt der gelben Grundfärbung — unbeachtet lag im Winkel eine getrocknete Pferderippe, die man zur Fütterungszeit hingeworsen hatte. Eine Falte kroch zwischen Rotts spärliche Brauen. Die teilnahmslose Unbeirrbarkeit dieses huschenden Gleitens ärgerte ihn. Fast heftig sagte er daß der Tiger das Fleisch schon nehmen werde. Wenn nicht heute, so morgen! Der Wärter zuckte die Achseln: „Tiger nicht krank — Die Stäbe ...1" Marcell Rott pfiff leise und verächtlich durch die Fahne. Aber das Murmeln des Tamulen riß nicht ab; seine Unterlippe zitterte unter einer wilden Spannung: „Tiger suchen ... suchen den Wald ... Rotts Kehle schnürte sich zu. Das dumme Flüstern schien drohend irgendwo in der trägen Lust zu schaukeln. Wirr und abgerissen schwirrten die zischenden Worte: „Großer scbwarzer Wald ... Bäume dick ... Tiger suchen ... groß, weit ... fettes Gras, Wasser, Fluß ... Tiger suchen ... rotes Fleisch ... sehr rot ... groß Blut ... Tiger suchen ... immer suchen, bis das finden ... Eine trostlose Verzweiflung schwankte über Marcell Rotts siebergeschuttcltes Gesicht. Er sah grüne und blaue und braune Ringe tanzen und spurte, daß eine rasende Angst von seinem Gehirn und von seinem Herzen Besitz ergriff. „Das verfluchte Fieber ist das ...", versuchte er sich selbst zu besänftigen. Aber er glaubte dem eigenen Einfall nicht mehr. Mit letzter Anspannung warf sich sein Wille in den Stahlzwinger hinein; er klammerte sich voll unbändiger Wut an den ungerührt streifenden Katzenleib, um ihn zum Stillstehen und Auflauschen zu zwingen: machtlos aber glitt jeder Versuch an dem stillen Hohn des gewaltigen stummen Schreitens ab. In plötzlichem Ingrimm brüllte Marcell Rott auf: „Dies Vieh...! So ein Vieh...! Verrückt kann es einen machen!!" Mit sinnlosem Ausbruch ballte er die Hand und schlug hämmernd und haßvoll gegen die Gitterstäbe: zusammenbrechend fühlte er, daß jemand nach ihm griff. Dunkel glaubte er — der Tiger!! Als am Abend die Scheinwerfer im äußeren Zirkusring aufzuglühen begannen, lag Marcell Rott keuchend auf dem niedern Bett seines Wohnwagens. Raffelnd jagte der Atem; denn ein Schüttelfrost schleifte den Oberkörper unerbittlich umher. Ein wundes Rot unterlief fahl die aufgerissenen Augen, während sich die Gedanken darum bemühten, wer heute abend die Nummer der Raubtiergruppe ersetzen könnte: sie müßten die rollschuhlaufenden Kragenbären einspringen lassen; man müßte ... Marcell Rott gewahrte, daß er nicht einmal das Ende denken mochte. Der Tiger — (dachte er wieder) — der Tiger!! Er richtete sich zu dreiviertel Höhe auf und horchte: durch die gehetzten Bilder des Halbtraums raste ein dumpfer brüllender Laut; aus brodelnder Luftschwade.stieg eine Woge hoch, spaltete sich wirbelnd, rann wieder zusammen und war unversehens ein brandig brauner Leib, aus dessen vorspringendem Haupt zwei glühende Kreise flammten. Marcell Rott atmete angstvoll; mächtig und unaushaltsam drängte der Schatten näher; aus den Nüstern blies zorniger Dampf; es bäumte empor ... es packte ... es griff zu —: Rotts Finger öffneten den Würgegriff — feine Hand • jagte, umsonst gespreizt, in den leeren Raum... Die vom Grauen vereisten Glieder lösten sich aus ihrer Starre. Vorsichtig suchte der Fuß den Boden; torkelnd schob sich der Körper zur Tür. Marcell Rott hörte die dröhnende Blechmusik, die (mit Lachen und Klatschen gemischt) herüberbrauste. Den Arm gegen den Türpfosten gestemmt, sah er hoch. Er erschrak: vom Himmel, den der Widerschein der unzählig vielen Glühbirnen schwach erhellte, flimmerten über seiner Stirn zwei einsame Sterne. Lauernd und tückisch lagen sie auf der Wacht — sie glichen boshaften Tieraugen, deren rotgelbe Iris sich zu einem schmalen Spalt ziisammengezogen hatte. Zusammenfahrend duckte Rott den Nacken; sein Blick irrte scheu gegen die sandige Fläche vor dem Wagen. Deutlich prägten sich dort ausgetretene Fußspuren ab — sie liefen hinüber zum Raubtierzelt. Vorgezeichnet stand jeder Schritt im Boden ... ein unbarmherziger Zwang trieb den Fiebernden vorwärts; steif mühten sich die Beine der Bahn zu folgen — unendlich schien sich die Reihe der Tapfen zu dehnen. Rotts Blick fand eine Laterne, die am Zeltgang im Winde schlenkerte ... ihre Scheibe glomm aus dem Dunkel der Stallungen, als verschlösse und verbärge sie eine geheimnisvolle Brunst... Ein polternder Trompetenton grollte auf. Die massigen Schädel mit roten und weihen Zeichen bedeckt, stampften die indischen Elefanten heran, die zur Vorstellung gebracht wurden. Ihre wippenden Schatten rannten mit pendelnden Rüsseln und fächelnden Ohren vorüber. Schlanke braune Männer in Turban und Faltengewand begleiteten jedes Tier neben den Stoßzähnen; in ihren Fäusten blinkten vernickelte Widerhaken. Marcell stiert sie an, als ob er sie zum ersten Male gewahrte: als der letzte Mahaut des Zuges sich näherte, hastete er zu ihm; er riß ihn ins Licht und sprach lallend auf ihn ein. Erstaunt betrachtete der Inder die verstörte Gestalt. Er schüttelte den Kopf und entblößte seine Zähne zu einem verständnislosen Lächeln t Rett jedoch sah dabei den Kantenstachel, den der Führer zwischen den Fingern drehte. Unvermutet faßte er das matt blinkende Metall. „Aufpasfen muß man —! Aufpassen ... aufpaffen auf so ein Vieh, hörst du?! Großer schwarzer Wald ... du verstehst! Aufpassen ... vor dem — Dschungel!" Er hob den Haken gegen den zurückweichenden braunen Mann, der ihm erschreckt das Eisen entwinden wollte. Mit einem Heisern Auflachen lief der Tierbändiger Marcell Rott davon. Aus dem Halbdunkel des Zwingergangs ragten die Umrisse des Tigerkäfigs; ein letzter schwacher Schimmer der Laterne flockte auf das Gestänge. Marcell Rott tappte darauf zu. „Schwarzer großer Wad ... Dschungel —!", flüsterte er, als er taumelnd an den Zwinger trat. Der Tiger erhob sich. Er zog den schmiegsamen schwarzgestreisten Rücken mit gestreckten Vorderpranken lang. In gelassener Ruhe näherte er sich dem trennenden Metall der Stäbe. Rotts Hand tastete am Eisen- schloß; kreischend bewegte sich die Gitterluke in ihren Angeln. Der Tiger QU8mit,Cehtbeni Ruck schwang sich Rott in die Oeffnung ... groß und glühend begegnete ihm der Blick der großen schwarzen dichten Dschungel. Als der Tamule des Morgens in den Schlauchgang kam, gewahrte er den verstümmelten Leib Marcell Rotts — er lag halbquer unter dem Leib des Dschungeltigers, in dessen Halsader gerötet der blinkende Stachel- ^Der°Tamule hielt es für gut, die Nachricht zunächst zu den indischen Mahauts zu bringen — sie flüsterten und raunten lange miteinander, bevor sie sich dazu entschlossen, den Vorfall im Raubtierzwinger weiter- zumelden. , , .„ Als man sie verhören wollte, sagten sie scheu: „Dschungel...! Constantin Meunier, der Bildner der Arbeit. Zu seinem 100. Geburtslage. Von Dr. Paul Landau. Bieter Hugo hat in einer [einer Iahrhundertlegenden ein grandioses Bild kommender Zeiten gemalt: die seligen Götter im hohen Olymp hören in ihrer homerischen Ruhe ein dumpfes Dröhnen und tiefes Rauschen. Die Erde birst auseinander; die Titanen, die finsteren Söhne der Tiefe, recken sich aus ihren Abgründen auf und mitten in die sonnige Heiterkeit und bas ewige Lachen der alten Götter droht eine sehnige Riesensaust hinein, die einen Hammer emporschwingt. Wie ein Symbol Meunierscher Kunst ist dieses Bild, aber es verliert alle Schauer des Gegensatzes. Denn Meunier hat die Titanen mit den Olympiern versöhnt, er hat aus den Arbeitern Gestalten einer stolzen Ruhe und Harmonie geformt. Seine künstlerische Entwicklung spiegelt sich deutlich wieder in dem äußeren Gang feines Lebens. Mag sie uns heute als eine weisheitsvoll gerundete, von glücklichen Mächten vorherbestimmte erscheinen — ihm selbst war sein Leben ein trüber und ernster Kampf und fein Alter nur die Erfüllung dunkel geahnter Träume. Es wird von dem Knaben, der bei feinem älteren Bruder, dem Kupferstecher I. B. Meunier, den ersten Zeichenunterricht erhielt, berichtet, er habe in glühender Bewunderung vor den Werken der Antike gestanden. Schon früh lag ihm in der Seele die Mast, Gestalten zu bilden, und als Bildhauer besuchte er die Brüsseler Kunstakademie, um sich an dem hohen Vorbild der Antike zu bilden. Gern wollte er die Möglichkeit solchen Studiums mit Hunger, Not und Demütigung erlaufen. So wurde er bei dem damals sehr geschätzten, akademisch-schwächlichen Bildhauer F r a-i t i n Atelierdiener und errang sich durch solche niedere Dienste die Unterweisung des Meisters, der ihm die Geheimnisse der Gewanddrapierung und der gewöhnlichen Kornpo- sitionsschemata enthüllte. In einer so ernsten, tief innerlichen Natur wie der Menniers mußte aber di« flache Glattheit der Pseudoantike, die süßliche Anmut koketter Formen Abscheu erregen, und wie er gewohnt war, alles ganz zu tun, bis zum letzten Ziel zu gehen, so mußte ein Bruch mit all den antikisierenden Elementen erfolgen; gewaltsam drängte er die stillen Bilder harmonischer Schönheit zurück und warf sich dem Naturalismus, dem neuen Geiste des Sozialismus und der Arbeiterbewegung in die Arme. Vis ins Tiefste erschütterte ihn die Not der Arbeiter in den belgischen Bergwerksdistrikten. Das Gefühl des Mitleidens mit dem unendlichen Menschenweh, die qualvolle Erkenntnis alles Elendes trieb ihn dann in das Trappistenkloster la Campine bei Antwerpen, wo er in tiefem Schweigen Ruhe und Einsamkeit suchte. Und mit dem Wandel seiner Weltanschauung schien auch sein künstlerisches Ausdrucksvermögen gewandelt. Wie konnte er das rauchende Meer der Schornsteine, die Raume der Krankheit, des Todes, die arbeitenden und revoltierenden Massen, alle die Szenen, die nun seine Seele erfüllten, in plastischer Form gestalten? Er mußte versuchen, sie malerisch zu bewältigen, und so wandte er sich unter dem Einflüsse des genialen d e Groux der Malerei zu. Sein erstes Bild „Ein Saal im Rochus- krankenhause" war glatt und kreidig, zeigte wenig farbige Wirkung. Auch aus dem Trappistenleben nahm er vielfach seine Stoffe. In Deutschland erregte zuerst 1863 auf der Münchener Ausstellung ein „Trappisten- begrabnis" nur peinliches Aufsehen. Deine Bilder waren dunkel und in schmutzigen Tönen vielfach verwischt, sie verrieten in Zeichnung und Kolorit ein unsicheres Tasten, ein schwaches Können, aber etwas Seelisches, innerlich Belebtes drang in weichen zitternden Klängen hervor; ein Hauch verstehenden Mitleides'und tiefen Gefühls war über sie gebreitet. Und dieses lyrisch-musikalische Empfinden fand einen künstlerisch reinen und mächtigen Ausdruck in seinen Landschaften aus dem Industriegebiet. Den geheimnisvollen, schwermütigen Zauber der schwarzen Rauchschleier, die sich über melancholisch öde dunkle Weiten dehnen, der auffteigenben Schornstein-Wälder und der düster schwelenden, auflodernden Feuers- ghiten hat Meunier in manchen Werken großartig gestaltet. Eine starke Helligkeit hat er diesen aus Nebel und Glanz gewobenen Visionen geliehen; die seinen Silhouetten der schlanken Schlote gegen den Himmel heben sich in einem leichten strebenden Drang wie die Türme einer gotischen Kirche; in Licht getaucht verlieren die Dunstmassen ihre Schwere, der traurig lastende Himmel spannt sich wie eine elastische Kuppel. Uno aus dem Meer des Qualmes und der Enge, des Aechzens der Maschinen und der Menschen bringt ein Ewigkeitslaut zu uns auf ben Schwingen der Natur, ber von Frieben, von Schönheit, von Harmonie und Ruhe auch in diesem Reiche der Arbeit und des Schweißes kündet. Später hat der reif gewordene Künstler, der sich zur Meisterschaft aus einem ihm fremden Gebiete durchgerungen, den Traum seiner zur Wirklichkeit seines Greifenalters umbilden können. Die Menschen, Die in -seine Fabriklanbschasten gehören, die konnte er nicht malerisch gestalten. Sein Pinsel war zu weich, zu gefühlvoll seine Malweise, als daß er mit ihm die Titanen der Bergwerke hätte erschossen können. Was Millet den Bauern gegeben, das war doch nur Vorbild aus einer anderen Welt, leitete tf)n aber zur eignen «Schöpfung. Die völlig neue Gebärde des Arbeiters, den Rhythmus und den Takt seines Ganges, feines Wesens hat Meunier in feinen Plastiken aufgefangen. Als Fünfundfünfzigjähriger schuf er den „Hammermeister", einen gelassenen, zum Schlag ausholenden Mann, in dessen mächtiger Silhouette die Wucht und erdenhafte Größe einer an ihre Tätigkeit hingegebenen Seele zumAusbruck kommt. Meunier gibt durchaus nicht einen reinen Naturausschnitt, nicht etwa einen einzig gut beobachteten Arbeiter, sondern in seinen Gestalten sind die Gebärden von Tausenden ausgespeichert; in ihnen gewinnt ein allen gemeinsames Merkmal, das vielleicht beim Einzelnen individuelle Züge verdecken, ein beherkschendes Leben. Ihre Geste ist wie eine Projektion unzähliger gehobener Hände, rufender Münder, vorgebeugter Nacken auf einen ewigen Hintergrund, an dem sie nun wie mächtige Schatten erscheinen, die den eigentlichen Inhalt des vielgestaltigen Lebens in sich aufgesogen haben. So haben seine Arbeitergestalten das Individuelle verloren und verschmelzen zu einem stolzen Hymnus an die Arbeit. Da ist eine von der Last niedergebugte Figur, in deren Rllckenlinie eine mühsame Anspannung liegt. Andere stemmen sich kraftvoll an, heben sich schwer empor, atmen erleichtert auf, schreiten keuchend einher, brüten stumpf vor sich hin, schreiten kraftvoll aus, schauen müde von der Arbeit empor, sitzen ausgestützt da oder wiegen sich stolz im Vollgefühl ihrer Kräfte in den Hüsten. In seinen kleinen Bronzestatuen, die unter den wenigen, eng anschließenden Kleidungsstücken die mächtigen Körper, die gespannten Sehnen, die eckigen Formen zeigen, ist das Eigentümliche eines ganzen Standes ausgedrückt, es sind die schweren, inhaltsreichen Bewegungen, die plumpen, dennoch ausdrucksvollen Gesten, es ist das Lässige und Eckige, Brutale und Mächtige, das den Konturen einen großen Zug gibt. Er vermag eigentlich nur die Ruhe, eine seelische gleichmütige Stimmung wiederzugeben; das Massige, breit Hingesetzte, das Animalische gelingt ihm etwa in seinem „Schmied" und der robusten Mutter der großen Gruppe „Maternita". Die fast versteinerte Stumpfheit des Alters, die durch das Leben eingegrabenen Linien des alten Bergmannes sind grandios ausgedrückt. Der Schmerz, den die vornüber geneigte Mutter vor der Leiche des verunglückten Sohnes ausdrückt, hat eine gewaltsam beherrschte, unterdrückte Linie, wie sie auch in der Spätgotik so ergreifend berührt, mit der Meunier manchmal zujammentrifft. Diese geschlossene Monumentalität, die eine vollkommen einheitliche Silhouette gibt und vom realistischen Detail nur soviel aufnimmt, daß es die dominierende Geste nicht stört, bleibt als künstlerisch reine Aeuße- rung einer bestimmten Epoche von höchster Bedeutung. In Meunier wird jede Betrachtung des Naturalismus gipfeln, da er die machtvolleren Anregungen Millets in der einfachsten unb schlichtesten Form gestaltet bat. Die moralische Fülle und lebendige Kraft, die seine Puddler am Hochofen, seine ausziehenden Bergarbeiter beseelte und bei aller Wirrheit höchst lebendig machte, hat er in den Reliefs seines „Arbeitmonumentes" gebändigt und geläutert. In seinem Stil, der die Figuren bald plastisch herausarbeitet, bald nur andeutet, hat er die Industrie, den Bergbau, den Handel und Ackerbau dargestellt. Eine edle Ruhe, eine milde Ver- klärtheit liegt über dieser letzten Arbeit gebreitet. Hier hat der Meister in einem großen epischen Gedicht zusammengefaßt, was er an Schönem und Erhabenem sonst im Einzelnen vollbrachte, und als der plastische Epiker der Arbeit wird er fortleben. Riga einst und jetzt. Von Else Frobenius. Riga — Stadt meiner Kindheit, Stadt alter Tradition und froher (Erinnerungen! Wir wohnten am Herderplatz und sahen aus unseren Fenstern hinab auf das Bronzestandbild Herders mit der Inschrift: Job Gottfried Herder, Collaborator der Domschule und Hilfsprediger der Vorstadtgemeinden 1764—69." Nahe dem Hause reckte der Dom seinen wuchtigen Backsteinturm auf, Sonntags durchbrauste sein Glockenruf unser Haus. „, , . . r. Durch den Kreuzgang lief ich täglich zur Schule, immer in Angst von der Domuhr schon den 9-Uhr-Schlag zu vernehmen. Im Domfrledhos, der vom Kreuzganq umrahmt ist, saßen wir zuweilen aus der Bank vor den Rhododendronbüschen, schauten das alte steinerne Taufbecken mi Baptisterium an und blickten auf zum Standbild Bischof Adalberts von Bremen an der Kirchenwand. Besonders gern liefen wir vom Kreuzgang in den Kapitelsaal, dessen Tür offen stand, wenn dort Konfirmandenunterricht oder Aintshandliingen stattfanden. Die gotischen Gewölbe, das dämmernde Licht das durch die bunten Glasfenster fiel, übten einen besonderen Zauber auf uns aus. Meine Brüder ritten auch gern auf den Kanonen, die im Kreuzgang standen, und von denen man sagte, sie stammten aus der Schwedenzeit. „ Auf dem Glasfenster hinter der Kanzel sah man die Gestalt Gustav Abolss dem die Geistlichkeit der Stadt die Schlüssel des Doms überreicht. Die ritterliche Gestalt des Königs machte tiefen Eindruck auf uns Sie sagte uns mehr als das Steinmal unter dem Senfter, bas bte ©rabftatte bes letzten livländischen Erzbischofs aus dem Haufe Brandenburg deckt. Ringsum gab es alte Epitaphien. Die Gestuhle waren mit den Abzeichen der Schwarzen Häupter, der Gilden und Innungen 9^. Lebhaft interessierte uns ein Steinrelief nahe der Tur in etwa 1,50 TOeter Ejotje eine gekräuselte Wasserfläche darstellend — zum Zeichen daß das Wasser der Düna im 17. Jahrhundert die Kirche während des Eisgangs einmal D°M. u»d --- Düua. Am fielen gab es ein buntes Geimmmeb Schiffe mit deM cher, englischer, amerikanischer Flagge läget, am Km. tIe^eibesacke M "< Ballen wurden verladen. Deutsch, Rustisch, Englisch.Lettisch,P olm ch Schwedisch und andere Sprachen umschwirrten einen. War der Hoen von Riga doch Umlabbplatz für die Waren, die aus dem Innern Rußlands ins Ausland gingen. War doch im Frühjahr der ganze Strom von Strufhen — Holzflößen — bedeckt, die von blonden Russen in Schafspelzen aus dem Innern des Reichs stromab gefahren wurden. Abends brannten kleine Feuer auf den Flößen, unb ber schwermütige Gesang ber Russen scholl weit über ben Strom. In Riga verkauften sie bas Holz unb kehrten mit ber Bahn 'heim. Vor bem Kai lag ber Markt, auf dem Deutsche, Russen, Letten mit chrillen Stimmen ihre Waren ausboten. Altersdunkle Bretterbuden äumten die Häuser an der Düna. In ihnen hingen Felle, Wirkwaren, Körbe, Bottiche, Schuhe aus. Viele trugen das Zeichen der alten Handwerkerinnungen und lagen am Ausgang der Straßen, die von diesen bewohnt gewesen waren. So die Seilerbuden an der Reeperstraße, die Häute an der Gerberstraße. Vor den Holzbuden standen ganze Wagenburgen von ländlichen Gefährten, die Fleisch, Molkereierzeugnisse, Beeren, Fische Holzwaren zur Stadt gebracht hatten. Grell leuchteten die bunten Wolltücher der Landfrauen. Man feilschte um jedes Stück; war mitten unter den Erzeugnissen eines ackerbautreibenden Küstenlandes, die so billig feilgeboten wurden, daß es einem heute unglaubhaft erscheint. Im Hintergründe das Orbensschloh mit seinem wuchtigen Turm, damals Sitz des russischen Gouverneurs, lieber dem Stadtbild die Türme von St. Peter und St. Jakob, Wahrzeichen alter Backsteingotik. Um die Innenstadt mit den winkligen Gassen die „Anlagen", die mit gärtnerischer Kunst auf den Wällen der alten Festung errichtet waren. Davor die .Vorstädte" an deren Eingang eine Kathedrale mit blitzenden Kuppeln als Sinnbild der russischen Herrschaft stand. Breite Straßen. Ein behäbiges Sein im Schatten des russischen Adlers. Trotz provinzieller Entlegenheit geweitet durch hanseatischen Tatendrang, der Wohlstand unb Drbnung aufrecht erhielt-» Nach vieljähriger Abwesenheit sah ich Riga mieber, heute bie Haupt- ftabt eines aufstrebenben Ranbstaates. Das Orbensschloß warb zur Re- sibenz bes Präsibenten ber Republik ßettlanb. Das Ritterhaus, in bem einst ber baltische Abel tagte, lettisches Parlament. Straßen, Banken, Gerichtsgebäube finb mit lettischen Aufschriften versehen. In ben Straßen lettisch rebenbe Menschen in ber Ueberzahl. Die Deutschen auf eine Minber- heit beschränkt, bie zwar eine Schulautonomie erkämpft hat unb ihre eigenen Bilbungsanstalten unterhält, vom staatlichen Wirken aber so gut wie ausgeschlossen ist. Der Dom: ein Streitobjekt ber Nationen; uiweränbert zwar im Aeußeren; wohlerhalten bie alten Denkmäler. Aber doch schon Gaststätte für lettische Gemeinden, die seinen Besitz unb ben ber utpliegenben, sum Kirchenvermögen gehörenben Liegenschaften erstreben. Der Hafen viel stiller als ehebem; heute nicht mehr Durchgangsplatz eines großen Reiches, sonbern Ausgangspunkt eines kleinen Landes. Die altert schwarzgrauen Häuser am Kai abgetragen — in einem Feldzuge, bei dem es ein grausames Rattenmorden gegeben hat. Der Markt wurde in vier große Zeppelinhallen verlegt, die die Deutschen nach dem Kriege in Kurland zurückgelassen hatten, unb bie man zwischen Düna unb Hauptbahnhof aufstellte. Der Markt ist eine Sehenswürbigkeit mit seinen golb- unb silberglänzenben See- unb Flußfischen, seinen reichen Cerealien, seinem mannigfaltigen Backwerk unb bem Ueberfluß an Fleifchwaren, bie in ben schneeweißen Hallen von Marktfrauen in bunten Tüchern feilgehalten werden--Noch immer Symbol eines Agrarlandes, das reich an Nahrungsmitteln ist. r _ . , Jenseits der Düna der beginnende Bau großartiger Kaianlagen. Draußen am Griesenberg, in der ehemaligen „Moskauer Vorstadt" gleichfalls'weite Parkanlagen. Versuche, Riga zu modernisieren. Aber starker als der neue Geist, der aus ihnen spricht, ist doch der Geist der Vergangenheit. Im Aeußeren ist Riga noch immer bie alte Hansestadt, die sich Rostock, Lübeck. Stralsund unb Danzig an die Seite stellen kann. Jeder Gang durch die Straßen eine Erinnerung an geschichtliche Ereignisse. Jedes Zusammensein mit den zäh und still arbeitenden Deutschen ein Beweis, daß der Hanseatengeist hier noch nicht ausgestorben ist. Eine Stadt die heute mehr denn je fesselndes Reiseziel ist, weil man in ihr die Umschichtung der Kulturen so deutlich beobachten kann, wie an wenigen anderen Orten. Eine Stadt, die von Stettin in zweitägiger Seereise zu erreich-m ist die nur zwölf Stunden von Königsberg entfernt liegt, und in der der deutsche Gast mit Wärme ausgenommen wird. Die man besuchen sollte, damit ihre deutsche Vergangenheit und ihre kämpsende deutsche Minderheit nicht in Vergessenheit geraten. Meister Martin der Küfner und seine Gesellen. Erzählung von E. T. A. Hoffmann. (Sortierung.) „Eure holde Tochter", erwiderte Konrad gelassen, „Eure holde Tochter kenne ich gar wohl, lieber Meister Martin, aber ich sage Euch, daß sie das hochherrlichste Fräulein ist, das auf Erden wandelt, unb mag der Himmel verleihen, daß sie den edelsten Junker würdige, in treuer, ritterlicher Liebe ihr Paladin zu fein." Meister Martin hielt sich die Seiten, er wollte ersticken, bis er dem Lachen Luft gab durch Krächzen und Hüsteln. Kaum der Sprache mächtig, stotterte er bann: „Gut, sehr gut, mein allerliebster Junge, magst bu meine Rosa immerhin für ein hochablig Fräulein halten, ich gönn' es bir —- aber bem unoefchabet — fei fo gut unb gehe fein zurück an deine Fügbank! Konrab blieb eingewurzelt stehen mit niebergefchlagenem Blick, rieb sich bie Stirn, sprach leise: „Cs ist ja wahr!" unb tat bann, wie ihm geheißen. Rosa setzte sich, wie sie immer in der Werkstatt zu tun pflegte, auf ein klein Fühlern, das Reinhold forglidf abgestäubt und Friedrich herbei- geschoben hatte. Beide fingen, Meister Martin gebot es ihnen, nun aufs neue das schöne Lied an, in bem sie ber wilbe Konrab unterbrochen, ber nun still unb ganz in sich versunken an ber Fügbank fortarbeitete. Als bas Sieb geendet, sprach Meister Martin: „Euch hat der Himmel eine schöne Gabe verliehen, ihr lieben Gesellen! — Ihr glaubt gar nicht, wie hoch ich die holdselige Singekunst achte. Wollt' ich doch auch einmal ein Meistersinger werden, aber bas ging nun ganz unb gar nicht, ich hübsche LeuteI" * Junge Mägdlein pflegen wohl alle Lust des Festtages erst am anderen Morgen sich so recht durch Sinn und Gemüt gehen zu lassen, und diese Nachfeier dünkt ihnen dann beinahe noch schöner als das Fest selbst. So saß auch die holde Rosa am andern Morgen einsam in ihrem Gemach D-rantwortltch: Or. Hans Th^ivt. - Druck und Berlag: Brühl',ch- Universitäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lange. Gießen. mochte es auch anstellen, wie ich wollte. Mit aller meiner Muhe erntete ich nur Hohn und Spott «in. Beim Freismgen mach e ich bald salsche Anhänge (zur Bersfüllung angehängte unorganische Silben, z. B. „Tode statt Tod"), bald Klebsilben (Zusammenziehung rote „zum statt „zu dem" "oder Formen wie „gähn" statt „gehen") bald ein sal chees Gebilde (Verstoß gegen die Gesetze des Strophen- und Versbaues), bald falsche Blumen (ungeschickt gewählte Beiwörter), oder verfiel ganz und gar in falsche Melodei. - Nun, ihr werdet es besser machen, und es wird heißen, was der Meister nicht vermag das tun doch feine Gesellen Künftigen Sonntag ist zur gewöhnlichen Zeit nach der Mittagspredlgt ei Meistersingen in der St. Katharinenkirche, da bannet chr be,!^ Reinhold und Friedrich, Lob und Ehre erlangen mit eurer schonen Kunst, denn vor dem Hauptsingen wird ein Freisingen gehalten woran ihr sowie jeder Fremde, der der Singekunst mächtig, ungehindert teilnehmen könnet. Nun, Gesell Konrad", so ries Meister Martin herüber zur Fugbank, „nun. Gesell Konrad möchtet Ihr nicht auch den Slngstuhi besteigen und Euer schöne- Jagdlied Anstimmen?" - „Spottet nicht", erwiderte Konrad ohne aufzublicken, „spottet nicht, lieber Miester! >edes an seinem Platze. Während Ihr Euch an dem Meistersingen erbaut, werde ich auf der Allerwiese meinem Vergnügen nachgehn." Es kam so, wie Meister Martin wohl vermutet. Reinhold bestteg den Singestuhl und sang Lieder in unterschiedlichen Weisen, die alle Meistersinger erfreuten, wiewohl sie meinten, daß dem Sanger zwar kein Fehler, aber eine gewisse ausländische Art, selbst könnten sie nicht sage^^worlN die eigentlich bestehe, oorzuroerfen sei. Bald darauf setzte fich Friedrich auf den Singestuhl, zog sein Barett ab und begann nachdem er einige Sekunden vor sich hingeschaut, dann aber einen Blick in di« Versammlung geworfen, der wie ein glühender Pfeil der holden Rosa m die Brust traf, daß sie tief aufseuszen mußte, ein solches herrliches Lied im zarten Ton Heinrichs Frauenlobs, daß alle Meister einmütig bekannten, keiner unter ihnen vermöge den jungen Gesellen zu ubertieflen. Als der Abend herangekommen und die Singschule geendigt, begab sich Meister Martin, um den Tag recht zu gemeßen, in Heller Frohlichkest mit Rosa nach der Allerwiese. Die beiden Gesellen Reinhold und Friedrich dursten mitgchen. Rosa schritt in ihrer Mitte Friedrich, ganz verklart von dem Lobe der Meister, in seliger Trunkenheit, wagte manches kühne Wort das Rosa, die Augen verschämt niederschlagend, nicht vernehmen zu wollen schien. Sie wandte sich lieber zu Reinhold, der nach seiner Weise allerlei Lustiges schwatzte und sich nicht scheute seinen Arm um Rosas Arm zu schlingen. Schon in der Ferne horten sie das jauchzende Getöse auf der Allerwiese. An den Platz gekommen, wo die Junglinge sich in allerlei zum Teil ritterlichen Spielen ergötzten, vernahmen sie, wie das Volk einmal übers andere rief: „Gewonnen, gewonnen — er ist's wieder, der Starke! — ja, gegen den kommt niemand auf! — Meister Martin gewahrte, als er sich durchs Volk gedrängt hatte, daß alles Lob, alles Jauchzen des Volks niemandem anders galt als seinem Gesellen Konrad. Der hatte im Wettrennen, im Faustkamps, tm Wurfspießwerfen alle übrigen übertroffen. Als Martin herankam, rief Konrad eben ob es jemand mit ihm aufnehmen wolle im lustigen Kampfspiel mit 'stumpfen Schwertern. Mehrere wackere Patrizier-Jünglinge, solch ritterlichen Spiels gewohnt, ließen sich ein auf die Forderung. Nicht lange dauerte es aber, so hatte Konrad auch hier ohne alle große Muhe und Anstrengung sämtliche Gegner überwunden, so daß des Lobpreisens feiner Gewandtheit und Stärke gar kein Ende war. ...... . .. Die Sonne war herabgesunken, das Abendrot erloschte, und tue Dämmerung stieg mit Macht herauf. Meister Martin, Rosa und die beiden Gesellen hatten sich an einem plätschernden Springquell gelagert. Reinhold erzählte viel Herrliches von dem fernen Italien, aber Friedrich schaute still und selig der holden Rosa in die Augen. Da kam Konrad heran leisen, zögernden Schrittes, wie mit sich selbst uneins, ob er sich zu den andern lagern solle oder nicht. Meister Martin rief ihm entgegen: ,;Nun, Konrad, kommt nur immer heran, Ihr habt Euch tapfer gehalten auf der Wiese, so kann ich's wohl leiden an meinen. Gesellen, so ziemt es ihnen auch. Scheut Euch nicht, Geselle! setzt Euch zu uns, ich erlaub es Euch!" Konrad warf einen durchbohrenden Blick auf den Meister, der ihm gnädig zunickte, und sprach dann mit dumpfer Stimme: „Vor Euch scheue ich mich nun ganz und gar nicht, hab' Euch auch noch gar nicht nach der Erlaubnis gefragt, ob ich -mich hier lagern darf oder nicht, komme überhaupt auch gar nicht zu Euch. Alle meine Gegner hab' ich in den Sand gestreckt im lustigen Ritterspiel, und da wollt' ich nur das holde Fräulein fragen, ob sie mir nicht auch wie zum Preis des luftigen Spiels den schönen Strauß verehren wollte, den sie an der Brust trägt. Damit ließ sich Konrad vor Rosa auf ein Knie nieder, schaute mit seinen klaren braunen Augen ihr recht ehrlich ins Antlitz und bat: „Gebt mir immer den schönen Strauß als Siegespreis, holde Rosa, Ihr dürft mir das nun durchaus nicht abschlagen!" Rosa nestelte auch gleich den Strauß los und gab ihn Konrad, indem sie lachend sprach: „Ei, ich weiß ja wohl, daß einem solchen tapfern Ritter, wie Ihr seid, solch ein Ehrenzeichen von einer Dame gebührt, und so nehmt immerhin meine welkgewordenen Blumen." Kottrad küßt« den ihm bargebotenen Strauß und steckte ihn dann an sein Barett, aber Meister Martin rief, indem er aufstand: „Nun seh' mir einer die tollen Possen! — Doch laßt uns nun nach Hause wandeln, die Nacht bricht ein!" Herr Martin schritt vorauf, Konrad ergriff mit sittigem, zierlichem Anstande Rosas Arm, Reinhold und Friedrich schritten ganz unmutig hinterher. Die Leute, denen sie begegneten, blieben stehn und schauten ihnen nach, indem sie sprachen: „Ei, seht nur, seht, das ist der reiche Küper Thomas Martin mit seinem holden Töchterlein und seinen wackern Gesellen! Das nenn' ich mir und ließ die gefalteten Hände auf dem Schoß, das Köpfchen sinnend vor sich hingeneigt, Spindel und Näherei ruhen. Wohl macht es [ein, daß sie bald Reinholds und Friedrichs Lieder hörte, bald den gewandten Konrad sah, wie er seine Gegner besiegte, wie er sich von ihr den Preis des Siegers holte; denn bald summte sie ein paar Zeilen irgend eines Liedleins, bald lispelte sie: „Meinen Strauß wollt Ihr? Und bann leuchtete höheres Rot auf ihren Wangen, schimmerten Blitze durch die niebergesenkten Wimpern, stahlen sich leise Seufzer fort aus 6er innersten Brust. Da trat Frau Marthe hinein, und Rosa freute sich nun, recht umstänblich erzählen zu können, wie alles sich in der St. Katharinen, kirche und auf der Allerwiese begeben. Als Rosa geendet, sprach Frau Marthe lächelnd: „Nun, liebe Rosa, nun werdet Ihr wohl bald unter drei schmucken Freiern wählen können." — „Um Gott fuhr Slofa auf, ganz erschrocken und blutrot im Gesicht bis unter die Augen „um Gott, Frau Marthe, wie meint Ihr denn bas? — ich! — drei Freier. „Tut nur nicht so", sprach Frau Marthe weiter, „tut nur nicht so. liebe Rosa, als ob Ihr gar nichts wissen, nichts ahnen konntet. Man mußt« ja wahrhaftig gar keine Augen haben, man mußte ganz Derbknb« sein, sollte man nicht schauen, daß unsere Gesellen Reinhold, Friedrich und Konrad, ja daß alle drei in der heftigsten Liede zu Euch sind. .Was bildet Ihr Euch ein, Frau Marthe?" lispelte Rosa, indem sie bie Hand vor die Augen hielt. „Ei", suhr Frau Marthe fort indem ft« sich vor Rosa hinsetzte und sie mit einem Arm umschlang, „et, bu holdes, ver- schämtes Kind, die Hände weg, schau mir recht fest in die Augen, und dann leugne, daß bu es längst gut gemerkt hast, rote die Gesellen dich in Herz und Sinn tragen, leugne das! — Siehst du wohl, daß du das nicht kannst? — Nun, es wär' auch wirklich wunderbar, wenn «mes Mägdleins Augen nicht so was gleich erschauen sollten. -Wie die Blicke von der Arbeit weg dir zufliegen, wie ein rascherer Takt alles belebt wenn du in die Werkstatt trittst! Wie Reinhold und Friedrich ihre schönsten Lieder anstimmen, wie selbst der wilde Konrad fromm und freundlich wird, wie jeder sich müht, dir zu nahen, wie flammendes Feuer aufflackert im Antlitz dessen, den bu eines holden Blickes, eines freund- [täten Worts würdigst! Ei, mein Töchterchen, ist es denn nicht schon, daß solche schmucke Leute um dich buhlen? — Ob du Überhaupt einen und wen von den dreien du wählen wirst, das kann ich in der Tat gar nicht sagen, denn freundlich und gut bist du gegen alle wiewohl ich — doch still still davon! Kämst du nun zu mir und sprachst: „Ratet mir, Frau Marthe, wem von diesen Jünglingen, die sich um mich muhen, soll ich Herz und Hand zuwenden?' da würd' ich denn sreilich anworten: .Spricht dein Herz nicht ganz laut und vernehmlich: Der ist es, bann laß sie nur alle drei laufen. Sonst aber gefällt mir Reinhold sehr wohl, auch Friedrich, auch Konrad, und dann hab' ich gegen alle drei auch manches einzuwenden' — Ja, in der Tat, liebe Rosa, wenn ich die ,ungen Gesellen so tapfer arbeiten sehe, gedenke ich immer meines lieben armen Valentins, und da muß ich doch sagen, so wenig er vielleicht noch bessere Arbeit schasfen mochte, so war doch in allem, was er förderte, solch ein ganz anderer Schwung, eine andere Manier. Man merkte, daß er bei dem Dinge war mit ganzer Seele, aber bei den jungen Gesellen ist es mir immer, als täten sie nur so und hätten ganz andere Sachen im Kop^ als ihre Arbeit, ja als sei diese nur eine Bürde, die sie freiwillig sich aufgelastet und nun mit wackerem Mute trügen. Mit Friedrich kann ich mich nun am besten vertragen, das ist ein gar treues, herziges Gemüt. Es ist, als gehöre ber am mehrsten zu uns, ich verstehe alles, was er spricht, und daß er Euch so still, mit aller Schüchternheit eines frommen Kindes liebt, daß er kaum wagt. Euch anzublicken, daß er errötet, sowie Ihr ein Wort mit ihm redet, das ist's, was ich so sehr an dem lieben Jungen rühme." Es war, als trete eine Träne in Rosas Auge, als Frau Marthe dies sagte. Sie stand auf und sprach, zum Fenster acroenbet: „Friedrich ist mir auch recht lieb, aber daß du mir ja nicht den Reinhold verachtest." — „Wie könnt« ich denn das?" erwiderte Frau Marthe, „Reinhold ist nun offenbar ber schönste von allen. Was für Augen! Nein, wenn er einen so durch und durch blitzt mit den leuchtenden Blicken man kann es gar nicht ertragen! — Aber dabei ist in feinem ganzen Wesen so etwas Berwunderliches, das mir ordentlich Schauer erregt und mich von ihm zurückschreckt. Ich denke, Herr Martin mußte, wenn Reinhold in seiner Werkstatt arbeitet und er ihn dieses, jenes fördern heißt, so zu Mute sein, wie mir es sein würde, wenn jemand in meine Küche ein von Gold und Edelsteinen funkelndes Gerät hingestellt hätte und das solle ich nun brauchen wie gewöhnliches, schlechtes Haus- gerät da ich denn doch gar nicht wagen möchte, es nur anzuruhren. Er erzählt und spricht und spricht, und das alles klingt wie süße Musik, und man wird ganz hingerissen davon; aber wenn ich nun ernstlich daran denke was er gesprochen, so hab' ich am Ende kein Wörtlein davon verstanden. Und wenn er denn auch wohl einmal nach unserer Weise scherzt und ich denke, nun ist er denn doch so wie wir, so sieht er mit einem Mal so vornehm darein, daß ich ordentlich erschrecke. Und dabei kann ich gar nicht sagen, daß sein Aussehn ber Art gliche, wie mancher Junker, mancher Patrizier sich bläht, nein, es ist etwas ganz anderes. Mit einem Wort, es kommt mir, Gott weiß es. so vor, als habe er Umgang mit Höheren Geistern, als gehöre er überhaupt einer anderen Welt an Konrad ist ein wilder, übermütiger Geselle und hat dabei in feinem Willen fügt. Liber dabei ist Konrad wieder so gutmütig und jum Schurzfell nicht recht paffen will. Und dabei tut er so, als wenn nur er allein zu gebieten hätte und die andern ihm gehorchen müßten. Hat er es doch in ber kurzen Zeit seines Hierseins dahin gebracht, daß Meister Martin, von Konrads schallender Stimme angebonnert, sich seinem Willen fügt. Aber babei ist Konrad hieder so gutmütig und grundehrlich, daß man ihm gar nicht gram werden kann. Vielmehr muß ich sagen dah er mir trotz seiner Wildheit beinahe lieber ist als Reinhold, i denn zwar spricht er auch oft gewaltig hoch, aber man versteht's doch • recht gut. Ich wette, der ist einmal, mag er sich auch stellen, wie er will, ein Kriegsmann gewesen. Deshalb versteht er sich auf die Waffen und hat , sogar was vom Ritterwesen angenommen.(Fortsetzung folgt.)