GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang I93| Montag, den l2. Oktober Nummer 80 Türmerlied. Von 3. W. von Goethe. Zum Sehen geboren, Zum Schauen bestellt. Dem Turme geschworen, Gefällt mir die Welt. Ich blick in die Ferne, Ich seh in der Näh Den Mond und die Sterne, Den Wald und das Reh. So seh ich in allen Die ewige Zier, Und wie mir's gefallen, Gefall ich auch mir. Ihr glücklichen Augen, Was je ihr gesehn. Es fei, wie es wälle. Es war doch so schön! Der letzte Abend. Erzählung von Bruno Frani Copyright 1931 by I. L. A. Wien. Franks „Sturm im Wasserglas" steht gegenwärtig auf dem Spielplan des Stadttheaters; wir geben hier eine Probe vom novellistischen Schaffen des Dichters. „Mit solchen Kerlen wie ich wird der Krieg tüchtig aufräumen, das kann ich dir sagen, und ohne Größenwahn zu haben, glaube ich sogar, daß darin einer von seinen Zwecken besteht. Mit aller Bummelei wird aufgeräumt, mit aller Nichtsnutzigkeit, nicht bloß bei den einzelnen natürlich, sondern unter den Nationen. Strenger wird's aus der Erde, weniger komfortabel, weniger hübsch wahrscheinlich. Aber es soll eben gar nicht hübsch sein, unser Leben, offenbar sind andere Absichten vorhanden, tiefere. Mich braucht es jedenfalls nicht zu kümmern, wie es nachher aussehen wird, ich erlebe es doch nicht. Weißt du noch: der kleine Oswald? Morgen hat's mich, sagte er am Abend vorher. Nun, und mir sticht auch schon ein hübscher Schwefelgeruch in die Nase. Aber das kann man ja abwarten." Hildebrand nahm seine Tschapka herunter und legte sich mit dem Kopf auf das flache Dach. So eine Tschapka ist wirklich unter Umständen kein schlechtes Kissen. Im Dorfe, das von den Russen zum Teil verbrannt worden war, gab es keine Quartiere für uns Ulanen. Aber es war ja Frühsommer, ein schöner Abend, ohne Mond zwar, aber von den Sternen ein wenig hell. Wir beide lagen ein Stückchen von der Eskadron entfernt auf etwas hergeschafftem Stroh, an einem kleinen Wasserlauf. Hildebrand war an diesem Abend gesprächiger als sonst. Vielleicht war auch ich weniger müde und besonders aufmerksam. Oder ist meine Erinnerung darum so klar und vollständig geblieben, weil ich später wußte, daß dies sein letzter Abend gewesen wgr? Eine hübsche dunkle Stimme hatte Hildebrand, man mußte ihm gerne zuhören. Ich lag ganz bequem auf meinem Stroh, hie und da öffnete ich die Augen und blickte zu den Sternen hinauf, die so hell am Himmel standen, und dachte, was für verschiedenartige Geschöpfe doch unter diesem hohen Himmel miteinander wohnen. „Während meiner Herfahrt von drüben", sagte Hildebrand, „lag ich auch abends manchmal auf dem Verdeck, wie wir jetzt liegen, und sah so in die Höhe. Und da mußte ich mich wahrhaftig fragen, warum ich unter solchen Schwierigkeiten durchaus nach Deutschland zurück wollte, nur, um mit in diesen Krieg zu ziehen. Die Gefühle im menschlichen Herzen sind etwas Sonderbares. Es war natürlich Liebe, die mich trieb, einfach Liebe, wie bei euch anderen auch. Aber was liebte ich denn, was wollte ich denn beschützen helfen? Die Menschen hier? Aber die haben eigentlich nie etwas von mir wissen wollen, gewiß mit vollem Recht. Und mir selber ist es auch niemals sehr behaglich unter ihnen gewesen, gerade weil sie so ernst und sachlich sind. Das Land? Die Wiesen und der Wald in Deutschland sind freilich schöner als irgend etwas in der Welt, aber Heimweh habe ich doch eigentlich nicht danach gehabt. Und zudem: ist es möglich, daß jemand- für Gras und Blätter kämpfen will? Es wäre ja auch alles noch ebenso grün und ebenso schön, wenn wir besiegt würden. Die Sprache? Vielleicht, gewußt habe ich es jedenfalls nicht und habe drüben gerade so gern Spanisch gesprochen. Oder die Lebens- stewohnheiten in Deutschland? Ach, ganz gewiß nicht. Es war eben Liebe, Liede und Angst. Genaueres weiß ich selber nicht. Komischl Weißt du, was ich in Buenos Aires zuletzt gewesen bin? 3ch habe gesagt, ich sei bei einer Bank gewesen. Nun, das war eine saubere Bank. Ich war etwas in einem Tingeltangel, der sogenannte ConfSren- eier, langer als ein Jahr schon. „La Buena Sombra" hieß das Institut, aber spanische und südamerikanische Kräfte traten wenig auf in diesem Schatten, mehr Französinnen und auch englische Girls und dann Griechinnen und dergleichen. Das ging dort so den ganzen Abend fort, ohne Pause, eine nach der anderen kam heraus und sang in die Orchestermusik hinein ihr Liedchen, und husch wieder weg. Ich aber hatte vor jeber Programm-Nummer aus der Kulisse zu treten und zur Einführung ein paar Worte zu sagen. Nur drei ober vier Sätze zur Charakteristik. Besonbers dezent brauchten sie nicht zu sein, meine Sätze, das wünschten weder di« Direktion noch die Damen selbst, aber ganz plump und banal durften sie auch nicht sein. Nun denke mal, mein Lieber, für diese Tätigkeit bekam ich achtzig Pesetas jeden Abend; soviel kriegt nicht einmal unser Divisionär, glaube ich. Alle waren auch zufrieden mit mir, denn ich wußte wirklich über jede der Damen etwas vorzubringen. Nicht etwa aus besonderem Talent, das muht du nicht glauben, nur einfach, mell ich sie alle miteinander so gern hatte. Die großen Gedanken kommen aus dem Herzen. Na, groß waren meine freilich nicht. Sieh mich nur an. Ich habe wahrhaftig niemals richtig arbeiten mögen, .ich konnte einfach nicht. Aber warum? Aus purer Faulheit? Ich weiß gewiß, daß es bas nicht war. Sonbern ich konnte einfach ben Gedanken nicht ertragen, daß ich da in einem Hörsaal ober in einem Büro oder m..einer Amtsstube säße, stunden- und stundenlang, und draußen wäre schönes Wetter und Leben, und die süßesten Frauenzimmer gingen m>t ihren Blüschen und Pelzchen und Hütchen spazieren und warteten auf mich, ohne es selber zu wissen, und ich wäre nicht da. Ja, ja, ich habe schon dumme Sachen gemacht in meinem Leben, blöd- stnnige Sachen, es hatte schon seinen guten Grund, seinen ausgezeichneten Grund, daß ich aus meinem Elternhaus und schließlich aus Europa hin- ansflog. Aber es ist ja nun bald vorüber für mich, dieses Leben, und da muß ich sagen: es war schon herrlich. Und Frauen überall, neue, entzückende, unfaßbar liebenswerte Geschöpfe, in jedem Hotel, in jedem Bahncoupe, auf allen Promenaden. Hundert Hände, braune und weiße, keine der andern gleich in Gestalt und Druck, und hundert Stimmen, dunkle und sinnige, volle und reizend schwache, und alle anders, alte anders. Und süßer Duft aus hundertfältigem Haar. Es ging mir bald gar nicht mehr glänzend, das. kannst du dir denken. Von daheim durfte ich nichts mehr erwarten, und das war auch wirklich nur in der Ordnung, ganz und gar. Ich war einmal Steward auf einem Dampfer und Kellner in einem ägyptischen Hotel, und in Brüssel war ich der Mensch mit dem Sprachrohr auf einem Cookschen Touristenwagen. Und auch außerdem war ich noch verschiedenes und kam in allerlei Kostümen und Livreen daher, schäbig ober elegant, und war jung und bürste atmen und blieb im Grunbe überall frei, unb überall gab es Mäbchen und Frauen,- das ist nicht zu vergessen. Und wenn einmal ein Stück Geld kam, so oder so, dann ließ ich mein sogenanntes Metier gewöhnlich im Stich unb ließ mir einen schönen neuen blauen Anzug machen (ben Frack hatte ich ja), und zog ins Hotel unb war ein Herr ... aber nicht sehr lange. Manchmal fing ich es auch Dcrnünftiger an in solchen Fällen und lief nicht zum Schneiber, sonbern (ünbigte nur unb ging nun abends in die Theater, auf Galerieplätze, und am Tag in die Bibliothek, ober saß mit den entliehenen Büchern in öffentlichen Parks herum, wenn möglich an einem Wasser, benn Wasser ist etwas so Wunberschönes! Aber wahrscheinlich kam bann auf einmal mit einem kleinen Buben an ber Hand eine junge, schlanke, traurige Gouvernante zwischen den Bäumen hervor ... Schön war es, schön, in guten und in armen Zeiten. 0 Leben, mußte ich immer denken, o Jugend, o junge, junge Frauen! Und weil es mir so gut ging, wurde ich selber auch gut ... oder wenigstens schien es mir manchmal so. Jetzt freilich, in diesen unerbittlichen Tagen, sieht sich alles anders an, und auch die vermeintlichen besseren Seiten kommen mir vor wie lauter dummes Zeug. Aus einmal ist es die natürlichste Sache von der Welt, unb eine ziemlich verächtliche noch dazu, daß Bummelanten und Lumpen gutmütig und sentimental fein können. Aber gar zu arg will ich mich auch wieder nicht machen. Nein, soviel ist wahr: ich habe den Menschen niemals geflissentlich wehe getan. Meinem Baier freilich... Meine Mutter habe ich lange nicht mehr. Aber freilich, mein Vater, bas ist so ein Kapitel, ja. Aber was ich nun wirklich nicht begriffen habe, sieh einmal, das sind Männer, die ihren Frauen, ihren Geliebten, wehtun können. Unb bas ist so häufig, glaube nur, bas ist bie Regel. Gar nicht so selten habe ich, sogar in bienenber Stellung, mit Streicheln und Trösten die Bosheiten gutmachen müssen, bie ben armen zarten Wesen zugefügt worden waren. Ach, weißt du, man muß so höflich sein, so freundlich gegen diese armen süßen Geschöpfe, man muß ihnen immer und immer wieder sagen, daß sie bezaubernd sind, jede von ihnen, jede einzelne der Sinn der Welt. einen Verkannte Genies. Bon Dr. Max Kemmerich, München. Der Kampf der Beharrung mit der Veränderung, des Alten mit dem Neuen ist eine nur allzu bekannte Erscheinung, die an sich nicht einmal zu verurteilen ist, da nur im Kamps sich das Tüchtige bewähren kann. Je neuartiger und umstürzlerischer nun aber die Gedanken und Erfindungen sind, desto erbitterter wehrt sich das Alt«, teils, weil es zu sehr in den althergebrachten Bahnen zu gehen gewohnt ist und es nicht wagt, sie zu verlassen, teils auch aus ehrlicher Ueberzeugung, etwas Besseres um des Schlechteren willen aufgeben zu müssen. Gerade das Genie, das bisweilen weit über das Denken seiner Zeit hinauseilt und ihm direkt ins Gesicht zu schlagen sich erkühnt, hat in seiner Existenz, mit Freiheit und Leben dafür zu büßen, daß es zum begnadeten Gefäß höherer Eingebung wurde. So wird in der Regel die Biographie des Genialen zum Trauerlied, sein Leben zum Drama. Das an einer Anzahl Beispiele nachzuweisen, sei der Zweck des Folgenden. Zugleich möge es kühnen Neuerern unter uns das Rückgrat stärken durch die Ueberzeugung, daß die Nachwelt reichlich zu spenden pflegt, was die Mitwelt ihnen vorenthielt. . Kopernikus hatte das Glück, daß fein kühnes Werk, das uie Erde zugunsten der Sonne entthronte, erst erschien, als er bereits auf dem Sterbebette lag, denn sonst wäre es ihm vermutlich schlecht ergangen, da nicht nur die katholische Kirche, sondern auch Luther und C a t d i n sein« Lehre als anstößig bezeichneten. Im Jahre 1616 wurde das heliozentrische System aus Anlaß der um Galilei tobenden Kampfe auf den Index der verbotenen Bücher geseßt, von dem es dann 1757 wieder entfernt wurde. Aber erst im Jahre 1822 gestattete die 3nbejtomnn|(ion den Druck von Büchern, die die Bewegung der Erde lehren. Galilei, der das kopernikanische System eifrig verfocht, hatte mit den heftigsten Anfeindungen zu kämpfen, wenn es ihm auch nicht so schlimm erging, wie die Tradition behauptet. Das kürzlich erschienene, auf genauen archwarl- schen Studien beruhende Buch von R. L ä m m e l, „Galileo Galilei , räumt mit der Legende der Folterung und der berühmten trotzigen Behauptung: „Und sie bewegt sich doch!" gründlich auf. Das hindert aoer nicht, daß die Richter den großen Gelehrten am 22. Juni 1633 zwangen, seiner Lehre abzuschwören. Er hatte keine Lust, sich bei lebendigem Leibe verbrennen zu lassen. ,, _ , _ . „ Auch der große Kepler kam nicht ungeschoren durch. Sein erstes und zweites Gesetz (1609 und 1618) wurden verboten, weil beide dem kopernikanischen System als Stütze dienten. Zudem sand man «s nicht passend, irgend ein Gesetz anzuerkennen, das Gottes Allmacht einzuschran- ken schien. , , ,, Giordano Bruno, der behauptet hatte, es gebe mehrere Welten — wir würden richtiger sagen: mehrere Sonnensysteme , wurde am 16. Februar 1600 in Rom verbrannt. Im Zusammenhang mit der Astronomie steht auch das tragikomische Ereignis, das sich 1752 in England zutrug, als die Königliche Gesellschaft den Gregorianischen Kalender einzuführen beschlossen hatte. Einige Mitglieder der Gesellschaft wurden vom aufgehetzten Londoner Straßenpobel verfolgt, weil man ihm durch die Reform angeblich 11 Tage des Lebens geraubt hätte! . , 1cnc. Tragisch ist dagegen das Schicksal des Jean Richer (gestorben 1696). Er wurde im Jahre 1671 von der Pariser Akademie nach Cayenne geschickt und kehrte nach zweijähriger Abwesenheit wieder heim. Das anfängliche Lob wegen seiner guten Beobachtungen verwandelte sich in allgemeinen Tadel, als er behauptete, seine Pendeluhr sei in Cayenne täglich um zwei Minuten nachgegangen, und er habe deshalb das Pendel um 1,25 Limen verkürzen müssen. Als er nun nach seiner Rückkehr das Pendel um dieselbe Zahl wieder verlängern mußte, um den richtigen Gang seiner guten Uhr zu erzielen, behauptete er mit Sicherheit die Veränderlichkeit des Sekundenpendels mit der geographischen Breite. Das war eine Beobachtung von großer Bedeutung, man glaubte sie ihm aber nicht, so wenig wie die Schlußfolgerung, der Abplattung der Erde zu den Polen hin mit der Folge einer Steigerung der Schwere in gleicher Richtung. Da die Akademie den Glauben an die Abplattung verwarf, vielmehr die Verlängerung des Pendels auf die Wärme zurückführte, diente Richers Beobachtung in diesem Falle nur dazu, alle seine anderen zu entwerten. Er nahm sich dieses Mißtrauen so zu Herzen, daß er zu kränkeln begann und hinfort den Arbeiten der Akademie sich fernhielt. Als Franklin den Blitzableiter erfunden hatte, weigerte sich die Königliche Gesellschaft in London, seine Schrift überhaupt im Titelver- zeichnis aufzufähren. Für diesen wissenschaftlichen Mißerfolg mag ihn seine glänzende staatsmännische Laufbahn entschädigt haben. Newton können wir gewiß nicht unter die verkannten Genies rechnen wohl aber traf gerade seine genialste Entdeckung das Los der Verkennung: denn statt anzuerkennen, dall alle Himmelskörper sich bewegen, „als ob" sie seinem Gravitationsgesetz folgten, verneinten seine kartesischen Gegner rundweg Newtons große Entdeckung. Die Zahl der verkannten Genies ist ungeheuer — in meinen „Kultur- Kuriosa" führe ich deren noch sehr viel« an — und auch die neuere Zell hat keinen Mangel daran. Ich sehe absichtlich von großen Malern, Musikern ober Dichtern ab, weil deren Schaffen ja nicht am Maßstab der Wahrheit, sondern am wandelbaren des Geschmackes gemessen wird, und damit ein beweisbares Kriterium für das Groß« ihrer Leistungen zu fehlen scheint. , m . . Als Sadi Carnot, der 1824 — erst 28,ahr>g — den Nachweis lieferte, daß ein Perpetuum mobile unmöglich fei und damit Vater der neueren Wärmetheorie wurde, beachtete ihn niemand. Robert Mayer, der als Entdecker der Erhaltung der Energie über Carnots Entdeckung nach hinausging, wurde gar in die Zwangsjacke gesteckt und mußte seine Flucht aus dem Irrenhaus mit einem Beinbruch erkaufen. Philipp Reis, der Erfinder des Telephons, fand so wenig Anerkennung wie Thomas Gray, der den Plan von Eisenbahnen entwarf und dafür in die Zwangsjacke gesteckt werden sollte, ober Arago, als er für Vorschlag, über ben elektrischen Telegraphen in der Französischen mie ber Wissenschaften zu bisputieren nur Hohn erntete, ober Gras Akabemie ber Wissenschaften zu bisputieren nur Hohn erntete, ober uuai Zeppelin, ber auf bem Deutschen Jngenieuriag in Kiel als harmloser Narr behandelt wurde, weil er die Idee seines lenkbaren Luftschiffes verfocht. Mill, der in England ein Patent auf die Schreibmaschine nahm, sand keinerlei Beachtung, so wenig wie I. Madersperger, der Lr- finber ber Nähmdschine mit zwei Fäben. Allerbings barf man ficf> We Konstruktionen nicht vollkommen oorstellcn. Die Erfinbung bes Wev- stuhles hatte gar anberthalb Iahrhunberte gegen behördliche Verbote zu kämpfen gehabt, nicht, weil man ihre Tragweite verkannte, sondern um der Handarbeit keinen Wettbewerb zu machen. Besonders tragisch ist das Los vieler genialen Aerzte gewesen. Mesmer mit seiner Lehre vom tierischen Magnetismus als Scharlatan verschrien wurde, ist bekannt. Erst fast ein halbes Jahrhundert nach feinem 1815 erfolgten Tode wurde die Bedeutung seiner Entdeckung allmayiim gewürdigt, um endlich 1880 durch das Wirken des Hypnotiseurs Hänfen allgemein in dgr Aerzteschaft Anerkennung zu finden. Leopold Au enb ru g ge r (1722—1809), der die heut« ganz unen - behrliche Perkussionsmethode zur Untersuchung des Körpers erfand, erntet D«nn nur wenn sie das glauben, einen Augenblick wenigstens glauben, nur bann atmen sie frei, — wenn wir sie für einen Augenblick vergessen machen, daß sie vielleicht nicht mehr ganz jung fmb, baß es so etwas gibt wie Welkwerben unb Altern, unb baß nach ein paar Jahren ihr Sinn im Dasein eigentlich schon erloschen sein wirb Wenigs ens - wenigstens bei benen, bie nicht glückliche Mütter sinb oder sonst durch ihr großes Herz Geltung behalten, vielleicht in einer Kunst, auf ber Buhne vielleicht ’ Aber wenn sie noch schön sinb unb reizvoll, ober es boch manchmal noch sinb, ober «s doch waren, oder wenn sie sich zum mindesten einreden köimen, baß sie es sind ober waren, dann ist ja attes gar ntdjt so schlimm, nicht wahr. Ader die Häßlichen, die hoffnungslos Häßlichen! . Und sieh, an biefem Punkt glaubte ich immer meine Schuft, em wenig bezahlen zu können. Hier wollte ich mich bantbar erweisen für das Leben, das mir jo schön vorkam. Hier Freundliches zu tun — uh dachte wirklich, bas sei etwas. Unb wenn es mir einmal so recht gut unb bankbar zu Mute war, bann ging ich an einem Samstagabenb ober einem Sonntagnachmittag zu irgenbeinem Tanz unb sah mich da ein bißchen um unb suchte mir die Mäbchen heraus, bie mißmutig allem faßen, von benen niemanb etwas wißen wollte, unb bie engagierte ich und tanzte mit ihnen unb sagte freunblidje, respektvolle Sachen und blieb nachher noch eine Weile bei ihnen sitzen unb seufzte ein bißchen wenn ich wegging. Und nun, bu kannst es bir schon uorftellen, waren sie auf einmal ganz anbere Wesen geworben: sie gehörten auch mit bazu . tarnen sich nicht mehr ausgestoßen vor, sie waren auch wirklich hübscher geworben in ber halben Stunbe, hatten hellere Augen und bewegten sich freier unb lachten besser, mit einer schöneren Stimme, unb oft sah ich sie nachher von einem Arm in ben anderen gehen, und wenn sie an mir vorüber tarnen, so taten sie gar nicht mehr, als seien sie mit mir bekannt. Und bann war ich natürlich besonders zuftieben, benn bas ist das beste Zeichen. Aber allerdings waren auch solche darunter, aus denen keine Freundlichkeit, keine Huldigung etwas Hübsches machen konnte, und denen es auch nachher noch ebenso an Beachtung fehlt«. Aber die konnten doch wenigstens eine Weile davon zehren, daß sie an jenem Nachmittag jemand, wenn es auch nur einer gewesen war, so angenehm gefunden hatte. Und bu kannst bir benten, bah sie in ihrem Herzen dem einen recht gaben gegen alle übrigen, baß sie alle übrigen für btinb hielten. Denn so ist >a bas menschliche Herz eingerichtet, Gott sei Dank! , Ober manchmal ging ich auch einfach in ben Straßen spazieren, ohne Ziel und allein und redete nur so ein bißchen vor mich hm. Das heißt, ich fing an zu reden, wenn gerade Frauen und Mädchen vorüberkamen, die weder sehr hübsch noch sehr elegant waren, die unbeachtet, verlassen, vergessen ausfahen, und die vor Unlust und Mißmut schon gar nicht mehr bie Füßchen heben mochten. Dann blickte ich auf unb lächelte, aber ganz schüchtern, nicht etwa keck, unb brückte mich zur Seite unb schaute mich halb um unb murmelte etwas. Es war immer ziemlich bas gleiche, was ich sagte, wenn auch in verschiebenen Sprachen. Oh, sagte ich leise, wie lieb, wie entzückenb! ober: How awfully nice! ober Queis johs yeux! ober Como bonita, como bonita! Das trieb ich manchmal ganze Tage lang, denn Zeit war ja meistens vorhanden. Wie sonderbar mir das alles nun vorkommt, lächerlich eigentlich. Als ob so etwas eine Rechtfertigung sein könnte! Wenn ich daran denke, wie stolz mich noch vor ein paar Monaten da drüben in unserem Variete ein gewisser Ausspruch machen konnte. Es war da eine kleine Sängerin, eine Französin, aus Clermont-Ferrand glaube ich. Sie hatte gar kein Talent und war mager und spitznäsig, nur die Augen waren sehr schön, aber bas konnte nicht genügen. Nun, die suchte ich auf meine Weise ein bißchen froh zu machen. Und eines Abends nach der Vorstellung, wie wir vor einem Cafe im Freien beieinander sitzen, legt sie mit einem Mal ihr Eislöffelchen hin unb sieht mich mit ihren großen Augen an unb sagt: „Wie zart Sie zu mir sind, Herr Hildebrand, zu mir unb zu ber kleinen Ellen Blaker, an ber auch nichts bran ist, gerabe wie an mir. Eigentlich, Herr Hilbebranb, sollten S i e so heißen, wie unser ganzes Etablissement heißt: La Buena Sombra! Der gute Schatten. Was meinst bu nur, wie froh ich bamals würbe von dem kleinen Wort. Als fei ich nun ein ganz großartiger Mann, an bem niemanb etwas ausfetzen bürfe. Und babei war boch in biefem Fall meine Methobe sogar sehlgefchlagen unb würbe burchfchaut. Was man sich einbilben kann, nicht wahr. Zu fonberbar. La Buena Sombra...!" Dies waren an jenem Abend bi« letzten Worte, bie ich vernahm. Ich weiß nicht, ob Hilbebranb über ihnen einschlies ober ich. Am anbern Tag, auf einer Erkundung, ist er dann also gefallen, und es bleibt schon eigentümlich, daß er genau diesen letzten Abend wählte, um so viel über sich selbst zu erzählen. Gerade das tat er sonst niemals. Unb doch wollt« ich eigentlich, ich hätte mehr dergleichen von ihm gehört. Er war ja gewiß kein solider Mensch, dieser Hildebrand, er war sogar ein ganz lebensuntüchtiger Mensch, so viel ist klar, er war niemand, den man sich als Beispiel nehmen könnte. Aber trotzdem... zunächst Spott, dann Vergessenheit. Erst 47 Jahre nach der Veröffentlichung seiner Schrift wurde die außerordentliche Bedeutung dieses Diagnostizierungsmittels durch C o r o i s a r t der Aerztewelt dargelegt und nunmehr auch allgemein anerkannt. Aehnlich erging es der von dem französischen Mediziner L a e n n e c (1781—1826) erfundenen Auskultation und dem Stethoskop. Man eiferte gegen die „Cylindromanen". Endlich brauchte es etwa 40 Jahre, bis Jenners Schutzpockenimpfung sich durchsetzen konnte. Schließen wir mit dem Schicksal eines der größten Wohltäter der Frauenwelt, des genialen Semmel weis. Durch seine Methode wurde das Kindbettfieber, dem ehedem zahllose Wöchnerinnen erlegen waren, nahezu völlig verhütet. Verkannt starb er im Irrenhaus. Möge den Genies in unserer Zeit ein besseres Los zuteil werden. Amsterdamer Bilder. Von unserem ständigen ^.-Berichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! A m st e r d a m, Oktober 1931. Allmählich hält in diesen Tagen auch in Holland der Herbst seinen Einzug: nicht in der rauhen Weise allerdings wie z. B. in Südbayern mit seinen diesjährigen frühen Schneefällen; die ersten Nachtfröste haben sich aber auch in diesem Seeklima gemeldet. Der diesjährige Herbst löst einen Sommer ab, der mit Fug und Recht den Beinahmen eines Sommers des Mißvergnügens verdient. Oder wie soll man ihn anders bezeichnen, wenn — wie z. B. in Scheveningen — in den Monaten Juni bis August nur zehn gute Tage, an denen die Sonne den ganzen Tag über schien, gezählt wurden? Ein Grund mehr zum Klagen für die Nutznießer des internationalen Badelebens, die bereits die Auswirkungen der Juli- ercignisse in Deutschland zu spüren bekommen hatten. Für dieses ungünstige Sommerwetter wollte nun anscheinend der September wenigstens etwas entschädigen mit seiner unerwartet großen Zahl von Tagen voller Licht und Wärme, Tagen, an denen man sich geradezu in den Sommer versetzt glaubte. Herrlich in diesen Tagen ein Gang längs der von zahlreichen Bäumen umsäumten Grachten Amsterdams. Leise fallen die goldgelben Blätter und bedecken das Wasser stellenweise wie mit einem Teppich. Die Blumenkähne am Singel müssen zwar allmählich den Kohlenkähnen Platz machen, neue Schönheiten aber tun sich jetzt dem Auge des Beschauers auf. Anders ist die Beleuchtung, in der sich die langen Häuserzeilen präsentieren, diese alten Bauten 'mit ihren feinen Farbenabstusungen, die jelbst auch in weniger schönen Umgebung, dort nämlich, wo der Zahn der Zeit bereits allzu sichtbare Spuren hinterlassen hat, noch genug des Anziehenden und Reizvollen bieten und von vielen Malern ausgesucht werden. Eine Besonderheit, die diese Häuser, wie Überhaupt wohl die meisten Häust.- in Holland, aufzuweisen haben, sei erwähnt. Es sind dies kurze Balken von etwa Über ein Meter Länge, die unter den Dächern der Häuser hervorragen und dem Stadtbild so ein besonderes Gepräge geben. Diese, Galgen nicht unähnlich sehenden Balken, haben eine wichtige Rolle zu erfüllen: sie dienen bei der Enge der Treppenhäuser als Kräne, an denen beim Beziehen einer Wohnung die Möbel hinaufgewunden werden s und durch die Fenster hineinbugsiert werden, was oft die Ursache zu Straßenansammlungen vieler Neugieriger ist. Kaum schönere Tage als diesen Septembersommer hätte sich Königin Wilhelmina für ihren alljährlichen siebentägigen Besuch in der Hauptstadt ihres Landes aussuchen können. Dieser Besuch fetzte schon geraume Zeit vorher ein ganzes Heer von Scheuerfrauen in Tätigkeit, die das alte Schloß am Dam wieder in einen wohnlichen Zustand versetzen sollten, dieses Palais, in dessen für das Hosperfonal bestimmten Zimmern zum Teil noch nicht gerade moderne Sitzbadewannen zu sehen sind. Ursprünglich Stadthaus, wurde es später vom Staate übernommen. Nun möchte es der Staat oder vielmehr die Krone gern wieder los fein, seine Renovierung würde jedoch so große Kosten verursachen, daß die Gemeinde Amsterdam nicht sehr viel Lust verspürt, dieses Gebäude wieder zu übernehmen. So schläft es denn 51 Wochen im Jahr einen tiefen Dornröschenschlaf — die Zahl der Besichtigenden ist nicht sehr bedeutend —, um nur für eine Woche zu erwachen. Dann entfaltete sich auf dem Schloßplatz, dem Dam, der auch sonst einen lebhaften Verkehr aufzuweisen hat, ein Leben, „mie man es sonst wohl nur noch von dem eigentlichen „Konninginnedag", dem Geburtstag der Königin am 31. August, kennt. Während an jenem Tage aber fliegende Händler hier ihre Stände auffchlagen, um die Menge njit Faschingsartikeln, Erfrischungen ufro. zu versorgen (noch stundenlang nach Ablauf des Festes lag ein scharfer Heringsgeruch über dem Platz) und die schulpflichtige Jugend in Schlangen ober untergefaßt unter Ho!-Ho!-Rufen im Laufschritt „hassend" die Kalverstraat durchzieht, bietet sich jetzt ein ganz anderes Bild. Vom nahen Bahnhof bis zum Schloß drängt sich eine dichte Menschenmenge, darunter viele mit orangefarbenen Kokarden oder j Schleifen. Recht boshaft sagen die Amsterdamer zwar „die Königin kommt sich ihr Geld holen", sie grüßen sie aber ehrerbietig und jubeln ihr, dem Prinzen Heinrich und Prinzessin Juliana, wenn auch gedämpft, zu, wenn sie sich auf dem Balkon des Schlosses zeigen oder ein- bis zweimal täglich ihre Aus ährten durch Amsterdam zwischen lebenden Mauern machen. Ganz ohne Mißton ging es aber nicht ab, insofern als sich mehrfach Kommunisten in größerer Zahl vor dem Schloß versammelten und die Internationale fangen, bis sie von der Polizei zerstreut mürben. Angesichts des Ernstes der Zeit waren die sonst üblichen Hoffeftlich- keiten diesmal sämtlich abgesagt worden, ganz ohne Höhepunkt blieb aber auch der diesjährige Besuch der königlichen Familie in Amsterdam nicht. Diesen Höhepunkt bildete die Luftflotten schau vor der Königin auf dem Flugplatz Schiphol. Sie galt der Eröffnung des regelmäßigen chöchentlichen Luftoerkehrsdienstes nach Niedertänbifch-Jndien, der vor einigen Tagen aufgenommen wurde, nachdem bis bafjin nur eine unregel= mäßige Luftverbinbung bestauben hatte. Fürwahr ein Ereignis, wert des Feierns; befliegt die königliche Luftfahrtgefellfchast doch damit als einzige Gesellschaft in regelmäßigem Verkehr eine Strecke von etwa 14 000 Kilometer. Die Flugdauer beträgt planmäßig zehn läge, ist aber bereits mehrfach unterboten worden, so wurde im Mai dieses Jahres mit einer Flugbauer von sieben Tagen ber letzte Rekorb aufgestellt. Für den Verkehr werden dreimotorige Fokkerflugzeuge vom Typ F XII benutzt, die eine Bemannung von vier Personen haben und außer einer bedeutenden Menge Post und Fracht vier Passagiere mitführen können. Die Flugzeuge, die wie fämtliche Maschinen ber königlichen Luslfahrtgesellfchaft neuerdings Namen von Vögeln tragen, sind allen Erfordernissen einer so langen Reise entsprechend eingerichtet und bieten den Fluggästen alle Bequemlichkeiten, die sich auf engem Raum ermöglichen lassen. An der Schau nahmen insgesamt etwa 35 Flugzeuge teil, darunter je ein Geschwader der Heeres- und Marineslieger, die Uebungs-, Kunst- und Schauslüge vorführten.'Uebrigens gab es da einen netten Zwischenfall: Königin und Prinzessin fuhren überraschend' und programmwidrig noch einmal für kurze Zeit nach dem Schloß in Amsterdam, wo inzwischen aber die Ehrenkompanie schon abgerückt war ... und die Scheuerfrauen bereits ihr Regiment angetreten hatten! Nur wenige Minuten vom Schloß entfernt findet sich ein Fleckchen Erde, das sich würdig der Schönheit der Amsterdamer Grachten zur Seite stellen kann. Es ist dies einer ber alten „H ö f e", bie Amslerbam in großer Zahl aufzuweisen hat unb die als Zufluchtsstätten für alte Leute verschiedener Glaubensgemeinschaften dienen. Auf eine zum Teil längere Zeit des Bestehens zurückblickend, sind viele dieser Höfe bereits stark in Verfall geraten: eine kürzlich herausgegebene Uebersicht besagt, daß die Tage für viele von ihnen gezählt fein dürften. Dies gilt aber in keiner Weife für den Beghinenhof, der der katholischen Gemeinde Amsterdams gehört. Ein unscheinbares/ von vielen Fremden übersehenes Pförtchen führt Dom Spui aus nach diesem, mitten in der Großstadt gelegenen Idyll. Selten nur bringt ein Laut ber Außenwelt in biefe Welt- abgeschiebenheit, wo in etwa 30 Häusern alte Frauen einen schönen geruhsamen Lebensabend verbringen. Nur bie Vögel zwitschern in den Bäumen rings um bie englische reformierte Kirche, bie, mitten in der katholischen Umwelt, ein Symbol für die großzügige Toleranz in Glaubensdingen ist. * Welch krafser Gegensatz, besonders an einem Sonntag, zwischen diesem Idyll und dem Leben und Treiben in dem nur etwa zehn bis fünfzehn Minuten weit entfernten Judenviertel Amsterdams. Die in Holland in Sachen des Glaubens geübte Toleranz erlaubt es den Juden nämlich, am Sonntag Handel zu treiben. Alle nur erdenklichen Waren werden da unter freiem Himmel in einigen Straßen dieses Stadtteils feilgeboten. Man macht sich kaum einen Begriff davon, womit man noch Geschäfte machen kann. Da sieht man alte Kleidungsstücke aller Art, Geschirr, Spielwaren, Möbel, Fahrradgestelle und Räder, ja selbst einen alten verrosteten Motor hofft man noch an den Mann zu bringen. Es scheint, als wären alle Rumpelkammern Amsterdams ausgeräumt unb ihr Inhalt hier zusammengetragen worden. Eine dichte Menschenmenge schiebt sich langsam zwischen den Ständen vorwärts; Chinesen unb Inder sieht man unter ber Menge, mit einem Wort das reinste Tohuwabohu. Und dazwischen die Stände mit Erfrischungen und Imbissen, wie sie übrigens ' auch in allen anderen Stadtteilen zu sehen sind. In nicht sehr sauberen Waschschüsseln gekochte Eier, daneben Einmachgläser mit sauren Gurken, Zwiebeln und Leberwurst in Essig und den unvermeidlichen Heringen, die an Ort unb Stelle verzehrt werben, nachdem die Heringsstückchen vorher noch in eine Schale mit geschnittener Zwiebel gestippt worden sind ... * Das ist Amsterdam, Stadt der Schönheiten, Idylle, aber auch der krassesten Gegensätze. Oder ist etwa ein größerer Gegensatz denkbar als der zwischen dem Trubel des sonntäglichen Marktes und der am Rande des Jubenviertels gelegenen katholischen Kirche bes Heiligen Antonius von Pabua, im Volksmund als Moses- und Aronskirche bekannt? Draußen, nur einige hundert Schritt entfernt, ein buntbewegtes Bild des Marktes, in der Kirchenhalle der feierliche Gesang des Priesters, Gebet und fromme Versunkenheit der Gläubigen, wenn das Glöckchen des Ministranten ertönt und die Menge das Knie vor dem Allerheiligsten beugt ... Alte Liebe. Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Zweimal war er in der Anstatt gewesen, zweimal hatte er den Bescheid erhalten, der Zustand seiner Frau sei unverändert, er müße sich gedulden, er dürfe bie Kranke roeber sehen noch sprechen. Vergeistert war er fortgegangen. Das war ihm klar: wer einmal in ber Zwingburg faß, ber kam fo leicht nicht roieber heraus. Gleiches suchte sich, gleiches fand sich. Achtzehn Jahre hatten feine i Frau und er einmütig miteinander gelebt. Daß es bann unb wann in ber Küche rauchte, konnte ben ehelichen Frieben nicht stören. Es kam überall einmal etwas vor. Der Marie war Kappeln und Sticheln fremd, sie kannte feine Art und schwieg, wenn ihm das Töpfchen überkochte. Sie hatte trotzdem das Heft in ber Hand, aber er spürte es nicht, denn sie war klug. Er hatte sich an sie gewöhnt, sie war ihm unentbehrlich geworden. Nachts machte er jetzt kein Auge zu. Am Tag lief er aus dem Laden in die Wohnstube, aus der Wohnstube in den Laden. Immer meinte er, die Marie müßte ihm entgegentreten. Das war so eine Einbildung. Er hatte eine Hitze im Körper, ein Zucken und Hämmern, als wenn er einen Zufall kriegte. Er erhob sich unb trat ans Fenster, das auf ben Hof hinausging. Die Nachbarinnen klopften bie Betten aus. Sie rackerten sich für ihn ab, hatten baheim alles stehen unb liegen taffen. Soviel Treuheit oerbiente das größte Lob. Im Laben half bie Kitzelmine. Sie gab acht wie ein Hechelmann unb arbeitete sich rasch ein. Die Woche über hatte er sich nicht gerückt und gerührt. Freilich der Handel tief weiter. Sollte er ihn an den Haken hängen? Alfanzerei! Er trieb sein Geschäft und es trieb ihn. Mehr denn je war er jetzt darauf angewiesen, zu verdienen, denn die Krankheit der Marie würde viel Geld verschlingen. Mühiggehen war nicht seine Sache. Es sollte nicht heißen, er sei auf den Wagen zu kurz und auf den Karren zu lang. Sein Plan war fertig. Die Aecker würde er verpachten. Die Kitzelmine blieb im Laden. Er warf sich auf den Butterhandel. Entschlossen lieh er sich an seinem Schreibtisch nieder und nahm die Geschäftsbücher zur Hand. Seine Frau hatte die letzten Einträge gemacht. Er sah ihre gerade, feste Schrift, und es gab ihm einen Stich ins Herz. Er richtete sich auf. Nein, nicht simulieren. Die Last gefaßt, war halbe Last. Er arbeitete bis in die Nacht hinein. Dann ging er zur Ruhe und sank in tiefen Schlaf. Am andern Tag trat er eine Geschäftsreise nach Hünfeld und Schlüchtern an. * So oft der Meister Allerhand fortan draußen dem Vutterhandel nachging, war die Kitzelmine ermächtigt, ihn in seinem Spezereiladen zu vertreten. Sie erhielt eine kleine Vergütigung. Eines Tagelöhners Witfrau, hatte sie im Winter für die Bauern gewaschen, im Sommer hatte sie auf dem Feld und in den Gärten geschafft. Noch spürte sie nichts von Alter und Schwachheit. Wenn die Kräfte sie einmal verließen — daran dachte sie mit Grauen — blühte ihr der Reihetisch und das Armenhaus. Bei den Wohlhabenden ein- und ausgehend hatte sie viel Hartherzigkeit erfahren, sah, daß die Habsucht mit dem Vermögen wuchs, daß der Eigennutz der Mildtätigkeit den Garaus machte. Diese Protzen sprachen es offen aus: „Selber essen macht fett. Uns hat niemand etwas geschenkt, wir haben alles erwerben müssen. Wer nichts hat, der muß schanzen, so lang er noch kriechen kann, und wer keine Groschen verdient, soll mit Pfennigen zufrieden sein!" Den goldnen Eseln standen alle Türen offen und doch war keiner so reich, daß er der Armen Hände und Füße nicht brauchte. Eine große Erbitterung wurde in der Kitzelmine wach, aber sie verschloß ihre Gedanken in sich. Wenn sie im Laden nicht beschäftigt war, schnupperte sie im Haus des Meisters herum. Die schön verzierten Schränke aus Eichenholz fand sie mit" Kleidungsstücken und Leinen gefüllt. In der Vorratskammer hingen Würste, Schinken und Seitenstücke handhohen Specks. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Man wurde von vielem satt, aber eins schmeckte besser wie das andre. Im Keller war ein Fäßchen Branntwein angesteckt. Rasch ein Kännchen durch die Gurgel gejagt. Gluck, gluck, gluck! Das fchmeckte nach mehr. Eine wohltuende Wärme durchströmte sie. Sie hatte Mut in allen Taschen. Die Welt war verdreht, die Vernünftigkeit lag unter der Bank. Was für eine Affenschande! Die einen saßen bei der vollen Schüssel, wühlten im Geld, die andern hatten nichts zu brocken und zu beißen, hingen sich den Bettelsack um. Einmal kam die große Teilung. Aber wann? Darüber konnte man sterben und verderben. Nehmen, wo's in Ueberfluß war und hintun, wo's fehlte, das war nicht mehr wie. recht und billig. Sobald sie sich in ihrer neuen Stellung befestigt fühlte, begann sie ihre Ansicht über die Gütergemeinschaft der Menschen zweckdienlich zu verwerten. Heimlicherweise trug sie allerlei Waren in ihre Hütte am Breitwieserweg und ließ auch Gelb aus der Kasse verschwinden. Des Meisters Butterhandel wuchs ins Große. Das war ihm eben recht. Sein ödes Haus war ihm verleidet. Rastlos hin- und herfahren, jeden Nerv anstrengen, das vertrieb die bösen Gedanken. Häufig sprach er in der Anstalt vor, nach dem Ergehen seiner Frau zu fragen. Immer wieder wurde ihm gesagt, die Besserung lasse noch auf sich warten. Einmal war ihm verstattet worden, die Aermste zu sehen. Ueber ihr blasses, verhärmtes Gesicht war er zu Tode erschrocken. Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie beachtete ihn nicht, ging unter unverständlichem Gemurmel in ihrem Zimmer auf und ab. Die Pflegerin erzählte ihm, die Kranke leide unter einer großen Mattigkeit, ihr Schlaf werde durch schreckhafte Träume unterbrochen. Mitunter sei sie nicht zu bewegen, Nahrung zu sich zu nehmen. Ganze Tage lang liege sie regungslos da. Ihrer, der Pflegerin, Ansicht nach fei die Genesung nicht unmöglich, aber in weite Ferne gerückt. Der Meister sargte seine Hoffnung ein, gab die Marie verloren. Seinen Schmerz zu betäuben, trank er über den Durst. Doch gewann der Warner in ihm die Oberhand, er jagte den Saufteufel in die Hölle und gehorchte der Stimme der Pflicht. Er hatte jetzt auch in Kassel Geschäftsverbindungen angeknüpft, hatte seinen Abnehmerkreis vermehrt und blieb weit öfter und länger wie früher der Heimat fern. Der Kitzelmine schenkte er volles Vertrauen und ahnte nicht, daß er bestohlen ward. Eines Tages geschah es, daß er eher zurückkehrte, als er beabsichtigt hatte. Den Laden durchschreitend gewahrte er neben dem Strickstrumpf der Kitzelmine, die just hinausgegangen war, ein Halbpsundpaketchen gebrannten Kaffee. Da die Alte wieder hereinkam, fragte er: „Wer hat dann den Kaffee da liegen lassen?" „Die Schustersuttel!" versetzte sie vollkommen ruhig und fuhr mit dem Handrücken über die Nase. „So!" machte er, an nichts Arges, denkend. Eine Stunde später begegnete er vor dem Hause seines Vetters und Schulkameraden, des Schwickertsadam, der Schustersfrau. „Du hast deinen Kaffee liegen lassen!" rief er ihr zu. Sie sah ihn verwundert an. „Was für Kaffee?" „Ei den du bei mir gekauft hast." „Ich hab, feit mir’s gedenkt, keinen Kaffee bei dir gekauft." „Das muß dann eine Verwechslung [ein", sagte er betreten, und plötzlich schoß es ihm durch den Kopf: „Da ist was im Spiel, die Kitzelmine Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. treibt ein Händelchen für sich!" Gleich trug er den Fall dem Schwickertsadam vor. Der äußerte sich: „Ich schätz der Kitzelmine zu, daß sie dich beschwindelt. Ich trau ihr nicht weiter, als man mit einem Schlapphut wirft. Ich hatte sie die Zeit her schon auf dem Visier. Wann sie abends vorbeigeht, trägt sie was unter der Schürz! Jetzt mach nicht lang Griwwesgrawwes. Ehnder sie sich herauspulatscht, mußt du sie bei der Pinznas' fassen!" Der Meister war noch ganz benommen. „Sag mir nur, wie?" „Das wirst du schon sehen. Komm mit!" Selbander begaben sie sich auf den Breitwieserweg, wo die Hütte der Kitzelmine stand. Gewaltsam öffneten sie die Tür. Das alte Gekriech war schnell durchsucht. Unter dem Strohsack entdeckten sie einen Strumpf voll Geld. Eine Stiege führte zum Bodenraum. Dort war ein förmliches Warenlager untergebracht, nach den einzelnen Artikeln wohlassortiert. „Himmelsterngranatenmordgewitterl" platzte der Schwickertsadam heraus. „Das geht doch übers Bohnenlied!" Der Meister hatte die Sprache verloren. „Meinem Bedunk nach," redete der Adam weiter, „verlierst du nicht viel. Da ist noch alles hübsch beisammen. Jetzt richten roir’s so: derweil ich die ganze Wichs hier fortschaff, nimmst du das Spitzbubenaas in die Kur!" Schier durmelig eilte der Meister heim. Bei Licht betrachtet war die Sache für ihn eine große Blamage. Er hatte mit der Kitzelmine abgerechnet, doch hatte sie, da die Einnahmen schwankten, die Fehlbeträge zu verschleiern verstanden. Die Lagerbestände hatte er wenig ober gar nicht nachgeprüft. Nun fing das Backhausgeleier an. Krach auch! Die Ehrlichkeit war aus der Welt geflogen. Auf wen war noch Verlaß? Eine gewaltige Wut schwoll in ihm auf. Als er in feinen Laden trat, faß die Kitzelmine hinter dem Ladentisch, den Graukopf über ihr Strickzeug gebeugt. „Wer hat dann den Kaffee liegen lassen?" donnerte er sie an. „Die Schustersuttel? Du Lügenmaul! Wer hat mich bann verkohlt unb bestohlen? Alleweil bin ich auf beinern Boden gewesen. Du hast dich da hübsch eingerichtet mit meinem Werk, willst mir, scheint's, Konkurrenz machen auf dem Breitwieserweg. Du Satansknochen, du Gaunerin! Du gehörst ins Kittchen! 'S ist mir nur die Zeit zu lieb, wegen dir ans Gericht zu laufen. Du sollst in der Höll Läussupp' fressen. Enaus!" Solch überzeugenden Beweisen gegenüber hielt es die Kitzelmine gor nicht der Mühe wert, ihre kleine Vorarbeit für die künftige große Teilung zu verteidigen. Gelassen stand sie auf, band ihr Kopftuch um und sagte auf den Ladentisch deutend: „Daß du's weißt: das Fünfpfennigstück da hat dem Trittchesmacher sein Hannesche liegen lassen!" Sprach's und ging mit festen Schritten hinaus. Die Nachricht, daß die Kitzelmine Mein und Dein verwechselt hatte, verbreitete sich rasch im Dors, ohne daß man viel Aufhebens davon machte. Eine Zeitlang war sie wie vom Erdboden verschwunden. Plötzlich erschien sie wieder unter der Bauernschaft, trat mit der alten Sicherheit auf und verdiente auch, was sie für ihre Lebsucht brauchte. Der Meister Allerhand war nun gezwungen, zu Hause zu bleiben. In seiner Verlegenheit schrieb er an seine Schwester nach Maulbach, sie möchte ihm ihren Sohn, den Anton, schicken. Der hatte das Schneider- Handwerk erlernt und war ein Jahr auf der Walze gewesen, wo er als ein ausgemachter Schürzenjäger mancherlei Abenteuer bestand. Jetzt suchte er eine passende Stelle. Wenn er der Bitte des Onkels willfahrte unb in besten Dienst trat, tat er's auf bie Vorstellungen ber Mutter hin, die ihm zu Gemllte führte, es fei im Grund nichts anderes als ein Stück Erbgut, das er in feine Obhut nehme. Klug und gewandt fand er sich bald in dem Kramlädchen zurecht. Der Meister, froh, daß feiner Schwester Sohn ihn so gut vertrat, lag mit doppeltem Eifer dem Butterhandel ob.Jöie nun der Wagen wunderschön lief, geriet der Anton in seinen alten Strudel von Liederlichkeit. Im Dorf erhob sich ein großes Gelärm. Wo der Anton sich blicken ließ, flogen ihm Steine nach. Mehrmals ward er geprügelt, daß ihm die Schwarte krachte. Die Mäuler zu stopfen unb ber öffentlichen Meinung Genüge zu leisten, blieb bem Onkel Allerhanb nichts anbres übrig, als feinen Neffen an bie Luft zu fetzen. Wieberum faß ber Meister in feinem Labenftübchen unb zerbrach sich ben Kopf, wie er aus der Bebrängnis tarne. Da rückte bie Gefreunb- schaft an, unb ber Schwickertsabam gab ben Wortführer ab. „Vetter," sprach er mit Wichtigkeit, „wir wollen bir nicht um ben Bart herum kienfein, wir wollen auf ben Kloben schwätzen. Wir sinb so gesinnt, wir möchten bir helfen. Unb 's muh bir geholfen werben, sonst geht's mit bir ben Bach herunter. Du kannst mehr wie Birnen schälen, siehst dich in der Welt um, das wissen wir wohl. Aber wann die Katz nicht daheim ist, haben die Mäus' Kirmes. Das tut hier kein gut. Du hast deinen Brast, das ist wahr. Drei Jahr' ist deine Marie fort. Unferm Verstand nach wird sie nicht mehr gesund. Wann dir die Anstalt bas bescheinigt, schafst's bas Gericht in bie Reih: Du bist ein freier Mann unb fetzt hier eine Frau herein. Du mußt roieber heiraten. Du schrappst bas Gelb für lachende Erben zusammen. Du bist noch in deiner Kräftigkeit, kannst Kinder bekommen. Wer keine Kinder hat, weiß nicht, wofür er lebt. Du bist doch sonst nicht hingelig. Laß es nicht warm fort. Ein guter Rat ist drei Batzen wert und auf einem guten Weg geht man nicht um!" So floß es von des Redners Lippen. Die andern nickten und dachten: „Das hat Hand unb Fuß!" Mitfammen zogen sie ab. Sie hatten ihre Schulbigkeit getan. Wie ber Vetter sich herauskrautete, bas war feine Sache. (Fortsetzung folgt.) — Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Vuch. und Stein druckerei. N. Lange, Gießen.