GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <951 Hreitag, den 12. Juni Nummer 45 Schienenarbeit bei Nacht. Von Theodor Kramer. , a . Die Häuser hüllen sich in Schatten, die Straßenbahn verkehrt nicht mehr; null geht das Schweißen leicht vonstatten, leicht fährt der Hobel hin und her. Sacht zischen die verdeckten Lampen. die Barrenampel schaukelt sacht; das Knirschen der geklemmten Krampen im Kies verliert sich in der Nacht. Das Grundgestein, das aufgeworfen den Schienen seicht zur Seite ruht, scheint mit der Zeit sich zu verschorfen, und aus der Tiefe weht es gut. Der Grund ist feucht und riecht nach Ampfer, die Nacht ist kühl und doch noch heiß; längst baumeln Rock und Hut am Stampfer und aus den Achseln bricht der Schweiß. Der Hobel gleitet zwischen Zweien die stummen Schienen ab und auf; es ist wie draußen fast im Freien ... den Fahrdamm steigt der Tag herauf. Oer Untergang -er „Swerdrup". Von Boris P i l n j a k. Am 30. August geriet „Swerdrup" in Eis. Am Morgen sah man den Eishimmel und zur Mitternacht wuchsen ringsum Eisfelder und Eisberge empor. Den nächsten Tag bahnte sich „Swerdrup" mühsam den Weg durch die Eishllll«. Der Kapitän stand auf der Brücke. Die Windrose zeigte Nord. Kremnew saß am Schornstein. Im Zwischendeck ging das Gerücht um, der Kapitän hätte in der Nacht ein Gespräch mit Kremnew gehabt, dem er erklärte, er habe nicht das Recht, Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Wenn das Eis „Swerdrup" einfchließen werde, könne es ihn wohl zum Pohl tragen, alle aber jedenfalls in den Tod — doch zeigte die Rose weiter Nord. Man war in herbstlichem Regen und Nässe schlafen gegangen — und im Winter im Schneesturm erwacht. Am Morgen zeigte die Windrose Ost, und im Zwischendeck erzählte man, daß der Kapitän die Verantwortung abgelehnt und daß der Kommandeur der Expedition, Professor Kremnew, sie aus sich genommen habe. Nach den Seegesetzen steht jenseits des Polarkreises jedem täglich ein halbes Glas Schnaps zu. Was für Gespräche der Kapitän und der Kommandeur gehabt hatten, wußte niemand genau, aber am Morgen saß der Kapitän, der alle diese Tage nicht geschlafen hatte, in seiner Kajüte und trank schweigend den Schnaps. Schweigend saß Kremnew vor ihm. Alle Matrosen waren betrunken. „Swerdrup" krachte unter dem Eisdruck in allen Fugen. — Niemand von den wissenschaftlichen Mitarbeitern wußte, daß diese Tage im Eis die gefährlichsten waren. Vier Matrosen, der Bootsmann, der Tischler, der Mechaniker, der erste Steuermann, der Kapitän und der Kommandeur krochen wie Schiffsratten ohne Ablösung, ohne Schlaf mit elektrischen Lampen in dem Kielraum zwischen den Gerippen umher, die Maschine pumpte jeden Tropfen Wasser heraus, damit sofort alle Fugen, alle Löcher zugeschlagen, gedichtet würden. Auf allen Vieren kriechend, auf dem Bauch, auf dem Rücken liegend, wurde gerettet, gerettet, gerettet — aber niemand sprach davon. Kremnew und der Kapitän hatten wieder ein langes Gespräch. Der Kapitän hatte gesagt: Zurück. Kremnew antwortete: Vorwärts. Er blickte zur Seite und sagte leise: „Das sind alles Kleinigkeiten. Das Schiff ist in Ordnung. Wir werden Ost halten, werden aus dem Eis hinauskommen, werden dann Nord halten, am Rande des Eises. Das Eis kann nicht undurchdringlich sein." Diese Hunderte von Kilometern Eis, die in den Ozean geglitten waren, um zu töten und zu sterben, sind hinten geblieben. Wieder gab es Stürme. Der Sextant war machtlos gegen Wolken und Nebel, und da». Schiff steuerte nur noch auf gut Glück nach Logg und Kompaß durch einen Nebel, so dicht, daß man von der Kommandobrücke aus weder Mast noch Back sah. Schon sollte Anker geworfen werden. Da erzitterte plötzlich der Nebel, und mit einem Male sah man, wie es schien, direkt neben uns, Umrisse, riesige finstere Berge über dem Nebel. Der Nebel kroch — und eine Viertelstunde später zeigte sich Erde, Berge, Eis, Gletscher, kalt, finster, leer, tot. Und wieder Nebel — oder waren es Wolken? Und wieder Schnee... ~ , ,, . Bis zum Ufer waren es nur sieben Meilen. Der Schnee hatte aufgehört. „Swerdrup" gab Dampf und drang in diesen furchtbaren grauen Riß zwischen den Wolken und dem bleiernen grünen Wasser hinein. Es war die erst« Erde nach Archangelsk, das Franz-Joseph-Land. Aber welche Insel des Archipels, welches Kap? Vielleicht noch von niemand erforscht, von niemand gesehen, noch nie von einem Menschenfuß betreten?!... „Swerdrup" ließ die Anker fallen. So könnte man sich eine erkaltete Hölle vorstellen: verbrannte, ruß- bedeckte Riesenbrüche aus Basalt, die sich wie mittelalterliche Festungsmauern türmten. Ein Boot wurde hinuntergelassen, der Steuermann und ein Matrose und der Zoologe sollten auf die Insel zur Rekognoszierung. Di« Wellen nahmen das Boot auf, schaukelten es, trugen es, bald war es ein winziges Pünktchen — und da krochen wieder Nebel heran, verschlangen langsam Wasser, Gipfel, die ganze Insel. Die Sirene begann zu heulen, um dem Boot die Sage des Schiffes zu zeigen. Plötzlich fielen durch den Nebel hindurch Schneeflocken von Fauftgröhe — und dann kam der Sturm, heulte, pfiff, drehte. Der Nebel kroch nicht mehr — er lief, tanzte, sprang, es blieb nur noch der Sturmwind. Wir sahen, wie das Boot auf „Swerdrup" zusteuerte, aber es mußte den Wind schneiden. Alle drei legten sich gegen den Wind mit übermenschlicher Anstrengung in die Riemen. Zum erstenmal in der ganzen Zeit wurde der Kapitän unruhig. Alle waren auf Deck, sahen, wie die drei in dem Boot sich krümmten, mit Wellen und Wind rangen, sahen, wie das Boot auf die Wellen hinaufflog, fiel... Die Anker wurden hochgezogen, „Swerdrup" suchte ihren Weg zu schneiden — da machten die im Boot einen unverbesserlichen Fehler. Der Zoolog« ließ die Ruder und begann das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Im nächsten Augenblick hatte der Wind es gefaßt, trieb es hin. Der Steuermann drehte sich um, wollte etwas sagen, aber es war schon zu spät. Ganz dicht vor „Swerdrup" kam es vorbei.... Das Folgende war das Werk weniger Augenblicke. „Swerdrup" wendete, wollte dem Boot nachfahren, aber es war schon weit, nur ein Punkt. Man sah durch das Glas nur noch einen Menschen im Boot und bann — nichts mehr. Der Kapitän drehte sich um und kommandierte ernst: „Volldampf! Südwest!" Und „Swerdrup" ging in das Meer hinaus, um nicht selber zu zerschellen. * Diese Erde war di« letzte, die „Swerdrup" erreichen sollte. Die Kulturmenschheit wußte nichts von ihr — einem Splitter der Widge-Jnsekn. „Swerdrup" ging heran, um Süßwasser zu holen. Dreizehn Stunden hintereinander ruhte und schlief niemand — arbeitete, eilte, um wieder nach Europa zu kommen. Der Telegraphist fing ein unbekanntes Radio auf, schwach, unverständlich. Dann unbekannte, zerrissene Radios in norwegischer Sprache, dann plötzlich ein klares deutsches: „Ein unbekanntes russisches Schiff im Polargebiet sendet Telegramme. Lage des Schisses unbekannt. Inhalt nicht festzustellen." Es war wieder Mitternacht, vom Meere heulte der Wind auf, fing sich in der Takelung. An dem Ufer schrie die Wache, winkte mit Rudern, Eimern. Auf dem Schiff knarrten die Ankerketten, die Anker wurden durch Sturmesgewalt auf dem Meeresboden mitgeschleift ... „Swerdrup" kroch an das Ufer. Man gab Gegendampf, arbeitete, der Wind heulte. Ein Stoß, das Schiff senkte sich — es war an einem Felsen unter Wasser gestrandet. Das Steuer und die Schrauben waren abgeschlagen. Es drehte sich um seine eigen« Achse und kroch nun ohne Widerstand mit zerrissenen Ketten leicht auf das Ufer. Dann kippte es dicht am Ufer um, — und die Menschen merkten jetzt erst, daß ihnen die Haut auf den Händen zerfetzt ist, baß alle naß sind, daß der Sturm vorbei ist und daß die Uhr schon längst Mittag zeigt. Der Kapitän lehnte sich an bas Wellboot an unb begann zu meinen. Professor Kremnew erschien, naß, in Unterhosen, mit zerschlagenem Gesicht, zündete sich eine Zigarette an unb sagte langsam, als wäre nichts geschehen: „Ja, wissen Sie, eigentlich eine Kleinigkeit. Wir übernachten ein Jahr hier unb, wissen Sie", wandte er sich an ben Kapitän, „ich übernehme bas Kommando, alles Kleinigkeit." Nach einer Stunde war Ebbe, „Swerdrup" lag am Ufer, die Menschen schleppten vom Schiff alles hinunter, was herauszuholen war. Kremnew trug vorsichtig, wie bei sich im Laboratorium, Instrumente, Material, Glaser aufs Land. Alle arbeiteten sehr schnell, übermäßig munter. Nach einer Woche war von dem Schiff nur noch das Gerippe übrig unb auf bem Ufer stauben zwei festgebaute Hütten. Die «ine mit Kolben, Gläsern, Instrumenten: bas Laboratorium. In ber anberen wohnten alle. Nach der zweiten Woche würbe alles klar unb gewiß. Rabio konnte nicht aufgestellt werben. Man war von ber Welt abgeschnitten. Die Taggleichen brachten die Sonne immer schneller zum Niedergehen, im Zenith strahlte der Polarstern, das Eis in der Bucht wurde fest, die Wasser froren ganz zu — und die Erde und das Eis schienen Mondsplitter zu sein. Da versammelte der Leiter der Expedition, Professor Kremnew, alle und sagte: „Sie alle wissen, daß wir dem Tode geweiht sind. Diese Insel ist vor uns nie entdeckt worden und es ist möglich, daß noch Jahrzehnte keir Menkh herkommt. Das ist natürlich alles eine Kleinigkeit. Sie verstehen. Wenn wir alle bis zum Frühjahr hier bleiben, müssen wir Hungers sterben. Ich kann von hier nicht weggehen, weil die Sammlungen und Beobachtungen, die wir gemacht haben, die einzigen in der Welt sind und ich sie um jeben Preis erhalten muh. Ich schlage darum dem größeren Teil der Expedition vor, über Eis nach Spitzbergen zu gehen. Es wird eine riesige wissenschaftliche Bedeutung haben. Diejenigen, die dabei Menschen erreichen werden, werden ein Radiotelegramm geben und in den nächsten zwei Jahren wird ein Schiss uns hier abholen. Wir werden hier unsere wissenschaftlichen Arbeiten fortsetzen. Der Weg nach Spitzbergen ist sehr schwer. Meines Wissens haben bisher nur drei Menschen die Bergeskette von Spitzbergen überstiegen... Trotzdem, in drei Wochen werden Schlitten und alles Dazugehörige fertig fein, und dann können sie im November ausbrechen. Sie werden über das Eis gehen... Am 4. November um 12 Uhr mittags, es war dichte Nacht, war eine Abteilung von 22 Menschen nach Spitzbergen aufgebrochen, Sagowski und Laeinow sollten sie später auf direktem Wege über die Ku^e der Insel einholen. Auf der Insel blieben dreizehn Menschen, zwölf Manner und eine Frau. Beim Abschied sagte Professor Kremnew: . , Wenn Sie zuerst in Moskau sein werden, grüßen Sie die Universität. ,',Wenn Sie vor uns sein werden, grüßen Sie nicht , antwortete Sagowski, „es wird dpnn keinen Sinn Haden." . Die Berge türmten sich vor den Wanderern; Granit, Basalt, Eis und Schnee Sagowski und Laeinow beschlossen den Gletscher hinaufzusteigen. Zuerst war das Steigen leicht, sie waren schnell, wie sie meinten, bis zum halben Berg, in Wirklichkeit bis zu einem Fünftel gelangt. Dann kletterten sie nach einer kurzen Rast weiter, und dann wußte Laeinow nur noch von sich selber. Unter der Schneedecke war Eis und beides rollte unter den Füßen weg. Bald begann es ihm zu scheinen, daß Oben und Unten dasselbe sei. Die Hände zitterten ihm, die Berge wurden immer schroffer. Die Steine brökelten, die Stöcke in den Händen hinderten beim Klettern. Das Gewehr rutschte vom Rücken unter die Füße... Jetzt sah man die andern. Weit vorn, oben. Sie schüttelten die Arme, schrien etwas. Man konnte nichts verstehen. Man merkte nur, daß die oben sich sehr ausregten, kletterte weiter, der Abhang wurde immer steiler^ Die Kräfte waren bei beiden längst verbraucht. Sie krochen in einen topalt hinein, tarnen wieder heraus und sahen einen nahezu senkrechten Abhang. Jetzt hörte man, daß die von oben schrien, sie sollten umkehren — und die Menschen oben schienen so groß wie Hummeln zu sein. Sagowski kletterte zurück. Laeinow versteht, daß er nie den Abstieg machen wird, er wird abstürzen, zerschellen. Er muß diesen Abhang hinaus!... Er hatte nie wieder dieses Gefühl erlebt. Er fühlte, daß nicht er, sondern ein jemanb in ihm, ein Instinkt, geschickt wie eine Katze, pünktlich wie eine Maschine zu wirken begann. Er kletterte, Steine stürzten, er rutschte meterweise hinab, hielt sich an anderen Steinen fest, kroch zur Seite, wieder vorwärts Wie er hinaufgekommen war, wußte er nicht, daß die von oben ihn das letzte ganz senkrechte Stück Felsen hinaufgeseilt hatten. Oben empfing sie der Wind, durcheiste sie, verklammte die Hande, daß sie nichts faßten. Der Polarstern glänzte im Zenith, die Sternbilder standen alle verkehrt — es war Mittag. Und entsetzliche Einsamkeit von Erde und Ozean war unter den Sternen... ... Die Expedition hatte ein tuschbeschriebenes Pergament m ein Glasgesäß gelegt, 'es verlötet und vor den Hütten aufgestellt. Darauf Die russische Polexpedition, bestehend aus ..., die am 11. August 192 .. von Archangelsk ausging, gelangte nm 27. September an dieses Land, das nach astronomischer Feststellung auf keiner Karte eingetragen und also der Welt unbekannt war. Es wurde „Insel Nikolai Kremnew genannt. Ihre astronomische Lage ist 79° 30' N., 34° 27' W. Das Schiss warf Anker in der Bucht, um Trinkwasser aufzunehmen und wurde in der Nacht wom 29 bis 30 September durch einen furchtbaren Sturm am Ufer zerschellt. Der größere Teil der Expedition ging unter Führung von ... nach Spitzbergen." Wie die Nachforschungen ergaben, hat nur der Maler Lacuiow den bewohnten Teil von Spitzbergen erreicht. Die Zurückgebliebenen mußten zwei Winter überwintern. Bon ihnen sind nur der Führer der Expedition Professor Kremnew, und sein Mitarbeiter Professor Scheme- tow am Leben geblieben. Das Rettungsschiff ist am 11. September 192.. angelangt und hat am 15. September mit den Uebertebenben und dem gesamten wissenschaftlichen Material die Insel verlassen. (Uebertragen von M. Charo 1.) Oie letzten Nomaden Europas. Das aussterbende Volk der Lappen. Von Dr. Erwin 6 t r a n i t. Politisch unter Norwegen, Schweden und Finnland aufgeteilt, erstreckt sich Lappland zwischen Skandinavien, der Halbinsel Kola und dem sinni- scben Festlande flach und ohne hervorragende landschaftlichen Reize. Im Westen, wo das Gebiet der Lappen bis gegen das norwegische Tromso vorstößt, ist der Boden mooriges Fjälld, immer wieder versumpft und unwegsam, im Osten, gegen das weiße Meer hin Tundra, bloß in den Tälern findet sich Wald. Im Norden vom Eismeer, im Süden vom schwedischen Norrland begrenzt, schiebt sich das ganze Land, dessen Boden aus Gneis, Granit, alten Eruptivgesteinen, metamorphischen Schiefern und frühen Gletfcherablagerungen besteht, in einer durchschnittlichen Hohe von 400 bis 500 Meter dahin, um bloß in feiner höchsten Kuppe bis 723 Nieter emporzuwachsen. Die Einförmigkeit der Landschaft unterbrechen zahlreiche Seen, von denen der 125 Meter hoch gelegene Enaresee und der etwas kleinere Jmandrafee vor allem Erwähnung verdienen, und einige Flüsse, deren bedeutendster, der Tulonia, gegen die murrnannische Küste seinen Laus nimmt, während der Kemi in den baltischen Meerbusen mündet. Das Klima ist ausgesprochen kalt, im Januar verzeichnet man — 15 bis —20 Grad, im Juli etwa —12 Grad, die Extreme aber bewegen sich zwischen 27 Grad Wärme und nicht weniger als —47 Grad Kälte, fo daß man als Durchfchnittstemperatur für gewöhnlich — 3 Grad Celsius annimmt. Das ganze „Sam"-Land, wie es die Einheimischen selber nennen (denn die bei uns gebräuchliche Bezeichnung „Lappen" gilt hier als Schimpfwort), umfaßt 130 000 Quadratkilometer, wovon der größte Teil (115 778 Quadratkilometer) auf Schweden entfällt. Die Ureinwohner sind die Samen" (Lappen), denen sich in früher Zeit ungefähr 10 000 Kolonisten zugesellten. Die Lappen find die kleinsten Menschen Europas, von noch gedrückterem Körperbau als die Finnen und wachsen kaum über 1 6 Meter hinaus, ja man behauptet sogar, daß die Küstenlappen, die vielfach als Lotfen ihr Leben fristen oder Fischfang betreiben, durcy das ständige Sitzen in ihren Kähnen stets noch ihre Beine verkürzen, wahrend sich die immer getätigte Armmuskulatur in einer Vergrößerung und Verstärkung der Arme kundgibt. Das Gesicht eines Samen zeigt breite Stirne großen Mund, vorstehende Backenknochen, starke Nase, aber fast ausnahmslos ein spitzes Kinn. Die Augen, geschlitzt wie die der gelben Rasse stehen im Gegensatz zu dieser horizontal. Auch ihre Gesichtsfarbe spielt'ins Gelbliche, das Haar ist ungekräuselt und dunkelbraun. Die Lappen sind von Natur aus ein überaus gutmütiges Volk und jene ungünstigen Veränderungen, die die letzten Jahrzehnte in ihrem Charakter hervorbrachten, zumal das immer starker auftretende Mißtrauen gegen die herrschende Rasse und die Auswirkung größerer Trägheit darf man nicht aus ihr Schuldkonto setzen. Von, minderer geistiger Begabung, zeigten sie sich der andrängenden europäischen Zivil, atton einfach nicht gewachsen und die Annahme des Christentums bedeutete für fie ohnedies bereits einen erheblichen intellektuellen Fortschritt. Ursprünglich heidnischen Glaubens, opferten fk auf Bergspitzen^ abgelegenen Inseln oder in Berghöhlen ihren Göttern, verehrten ihre Wahrsager und Zauberer gleich Priestern, ohne aber Priester selber zu kennen. Die Christianisierung führte die skandinavischen und finnischen Samen dem evangelischen, die Bewohner Kolas dem griechisch-orthodoxen Glaubensbekenmms zu Ihre einzige Beschäftigung bilden im Innern des Landes die Züchtung von Renntierherden, mit denen fie von Weideplatz zu Weideplatz ziehen, an den Ufern beschäftigen sie sich mit Fischere,. Arbeiten, die sich notwendigerweise aus ihrer Abgeschiedenheit von der übrigen Welt ergeben, sind ihnen natürlich auch nicht fremd So verstehen sie das ©erben von Häuten, stricken Handschuhe, drehen sich seloer Zwirn und können das nötige Material aus Holz, wie Schlitten, Kahne, Wohnungsgera e ge ch'ckt und nicht ohne Kunstgeschmack verfertigen. In ihrer Tracht unterschieden sich früher die beiden Geschlechter nicht sehr. Pelz, Beinkleid, Schuhe, trugen Mann und Frau der Jahreszeit nach aus Renntierfellen, Filz ^Ömlid), dieses naiurhafte Leben der Lappen blieb nicht ungestört. Began erst Norwegen mit durchgreifenden Reformen in das Land der Lappen vorzudringen, so folgte ihm Schweden bald nach, um ine Errungenschaften moderner Zivilisation auch in nördlichsten Gebiete Europas zu tragen. Heute leben auf schwedischem Gebiete im ganzen etwa noch 7000 Lappen, deren Siedlungsordnungen auf Befehl der schwedischen Regierung „neuorganisiert" wurde. Unwillkürlich erinnert man sich an das Schicksal der Indianer; in deren Gebiete die weiße Rasse eindrang. Auch die Samen beherrschten einst das ganze nördliche Skandinavien. Aber immer mehr und mehr wurden sie aus dem fruchtbaren Teil des Landes verdrängt, in die unwirtlichsten Gegenden abgeschoben und seit Jahrhunderten besteht der Gegensatz, ja Kampf zwischen bem natur- haften Nomadenvolk und den zivil,fierten Ansässigen. Die größten Veränderungen im Lande der Nomaden riefen die Eisenbahnen und die Damofschisse hervor, ihnen folgte der Schulzwang, den man unter geradezu unmöglichen Voraussetzungen den Lappen auferlegte Wahrend man nämlich früher die Gewohnheit befolgte, Lehrer in die Lappensiedlungen zu beordern, um dort den Unterricht in Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen zu erteilen, wozu auch Sachverständigenkurse über Renntierzucht und Hausindustrie tarnen, wobei die Lehrer der nomadisierenden Grundtendenz des Volkes entsprechend mit den Lappen von Ort zu Ortz bjro. durch das ganze Land zogen, werden die Lappen nach der neuen schwedischen Schulordnung dazu angehalten, den Unterricht m bestimmten Schulen (meist in den „Kirchdörfern') zu gemeßen so daß ihnen faktisch ihr Hauptlebensmoment: das Nomadendafein zur Unmöglichkeit wird. Obwohl eine Reihe ausgezeichneter Lappenvdgte sich bemühen, d,e alte Stammesart ihres Volkes aufrechtzuerhalten und schon besonders wegen der äußerst wertvollen Renntierzucht das Nomadendafein nicht unterbinden wollen, dürften ihre Bestrebungen doch von wenig Erfolg oekrönt fein. Die zahlreichen Ge- und Verbote der Regierung bringe es mit sich daß die Lappen entweder gänzlich aus dem schwedischen Gebiete abwandern und noch weiter nach Norden ziehen oder doch wenigstens ihr Nomadendasein aufgeben und sich als Bauern ,n den ehemaligen Durchzugsgegenden niederlaffen, ein Umstand, der natürlich das allmähliche Ausfterben der Lappenkultur geradezu bedingt. Verstärkt wird bie; noch dadurch, daß der moderne Unterricht mcht in der Lappensprache, sondern schwedisch erfolgt, oft sogar von Lehrern besorgt wird, die fam- ländisch gar nicht zu sprechen vermögen, fo daß auch die Lappenfprache . dem Untergange ausgefetzt wird. Auch die Einführung der schwedischen Kleidung, die durch das immer onschwellende Reiseinteressen von Touristen in die lappländischen Gebiete bedingt wurde, sowie die schon vielfach an Stelle der alten Katen (Lappenzelte) festerbauten Hutten und «chuppen verändern unwiderbringlich das alte Bild der Sarnen. Der Zustrom der Fremden brachte neben der Kultur übrigens aucy viele Krankheiten mit sich: Lungen- und Geschlechtskrankheiten, alkoholische Vergiftungen, früher den Lappen fremd, werden jetzt immer häufiger. Die ursprünglich stets bereite Gastlichkeit läßt nach, das Mißtrauen ficig gegen jeden Nichteingeborenen. Die wundervolle Sitte, den Gast, der nicyl der Sprache der Lappen mächtig ist, schweigend zu empfangen, ihn aber trotzdem wie einen Bruder zu bewirten und keinerlei Entgelt dafür zu nehmen ihn selbst im wildesten Urwald auf das Peinlichste zu fcyutzen und ihm jede Gefahr ferne zu halten, stirbt aus. Das Gebot der modernen Zivilisation „Hilf dir selbst", wird auch ihre Norm, ja es verstärkt fie? zu dem Gebot „Schütze dich felbft". So kämpfen die Sappen um den letzten Rest chrer Selbständigkeit. Aber es wird ihnen schwerlich ein Sieg beschicken fein. Oer moderne Goldsucher. Von der Wünschelrute zur Drehwaage. Von Dipl.-Jng.vr. Arthur Hamm. Seit undenklichen Zeiten steht der Beruf des Bergmannes in beson- icrem Ansehen, weit über dem, was andere Gewerbe von keineswegs eringerer Wichtigkeit zu erringen vermochten. Wer in den geheimnisvollen Schoß der Erde hinabfuhr, der konnte kein gewöhnlicher Mensch ein, er mußte irgendwelchen Zusammenhang mit den Geistern der Tiefe laben. So wurde die Ausübung des Knappschaftshandwerks zu einer Art ion Kulthandlung, der Beruf selbst erlangte eine höhere Weihe. Und selbst ils dieser Nimbus schon längst erloschen war, galt das Bergbaugewerbe «.och als eine besondere „Kunst". Freilich war es auch in vieler Beziehung line Kunst, und der schwierigste Teil davon war, die Lagerstätten der gesuchten Mineralien erst einmal zu finden. Gab es doch damals kaum rgendeinen Anhaltspunkt für das Vorkommen erzführender Schichten, lon den Zusammenhängen zwischen der Bauart der Gebirge und dem öehalt an Mineralien begann ja erst das vergangene Jahrhundert etwas |u ahnen. Wohl wußte man aus vielsältiger Erfahrung, daß die aus den Gebirgen zur Ebene strömenden Bäche häufig Gold in reiner Form iährten, das man durch Auswaschen des Sandes leicht gewinnen konnte, aber sonst war man ziemlich auf den Zufall angewiesen, der hier dem kündigen eine zutage, liegende Erzstufe, dort Kohlen zeigte und damit »erriet, daß hier unter der Erde Schätze zu finden seien, an denen vielleicht iie Eingeborenen jahrhundertelang achtlos vorübergegangen waren. Zahl- iriche Geschichten aus dem frühen Mittelalter berichten darüber, wie auf piche Weise berühmte Bergstädte entstanden. Griff aber nicht solchergestalt |>er Zufall ein, so war der Bergmann auf Mutmaßungen angewiesen, die «st trogen. Nicht umsonst lautet das bergmännische Wort für das Auf- linben von Erzvorkommen „muten", so ähnlich dem Worte vermuten, oenngleich die Sprachgelehrten über diese Ethyrnologie lächeln werden. Die entstehende Gebirgswissenschaft, die Geologie, schuf hier allmählich Mandel. Man lernte erkennen, mit welchen Gesteinen sich die metallischen Sänge, die Erzadern, verbanden, bekam dadurch und auch durch die ein- xehende Durchforschung der Gebirge in allen Kulturländern einen sehr iimfassenden Ueberblick über die möglichen Erzvorkommen. Freilich änderte sch allmählich die Blickrichtung; standen früher die edlen Metalle, Gold iinb Silber im Vordergrund des Interesses, so suchte man jetzt mehr und mehr nach Eisen, Kohle, Erdöl und Salzen (Kali). Gerade dadurch wurde iie Lagerstättenforschung sehr angeregt; beim Erdöl lernte man verhältnismäßig bald erkennen, wo es zu erwarten war, wenngleich auch da das l<). und sogar das 20. Jahrhundert noch von vielen Zufallsentdeckungen M berichten weiß. Aber erst im 20. Jahrhundert gelang das, was jahr- iunbertelang Traum unb Sehnsucht der Wünschelrutengänger gewesen □ar, die planmäßige Aufsuchung von Erzlagerstätten, die, Vorhersage ihrer Lagerung und teilweise sogar ihres Gehaltes. Daß dazu ein ungemein (eines Instrument gehört, ist u. a. die Ursache, daß es erst so spät gelang, linen volkswirtschaftlich so wichtigen Schritt technisch zu ermöglichen. Zweierlei grundsätzlich verschiedene Verfahren wendet die moderne Lagerstättenforschung an, um zum Ziel zu gelangen. Erste Voraussetzung st natürlich gründliche Untersuchung des in Frage kommenden Gebirges, trn festzustellen, ob überhaupt Aussicht besteht, irgendwelche Erze ober (anft nutzbare Stoffe zu finben. Dann kann man, wenn dies geleistet ist, ion oben ober auch aus Bohrlöchern untersuchen, ob sich die erhofften schütze finben. Der dritte Schritt ist endlich das Riederbringen von Probe- lcchrungen, die die Vorhersage der wissenschaftlichen Untersuchung zu I eftätigen haben. Von den eingangs genannten zwei Verfahren ist bas eine in mechanisches, es benutzt den Umftanb, daß Erze ein höheres, flüssige Schichten ein geringeres Äewicht als bas umgebende Erdreich haben unb (□mit bas Schwereselb ber Erbe, ihre Fähigkeit also, jeben frei faUenben Körper auf kürzestem Wege zu sich herabzuziehen, oft erheblich stören. Das ■weite Verfahren ist elektrisch-magnetischer Natur, es benutzt bte magnetischen Eigenschaften von gewissen Eisenerzen, bie an ber Stelle ihrer Lagerung den allgemeinen Magnetismus ber Erbe beeinflußen. Benutzen bie beiben genannten Verfahren die sozusagen ruhenden kftgenschaften ber Erde an der zu untersuchenden Stelle, bie Veränberung ihres allgemeinen Charakters, so sind zwei andere, in neuerer Zeit ent- □ictelte, wesentlich aufdringlicher. Sie stören die Mutter Erde in ihrer Suf)e, richten Fragen an sie unb zwingen sie, zu antworten. Unb zwar geschieht bas baburch, baß man Wellen durch sie hinburchschickt, entweder nechanische ober elektrische. Das Prinzip ist in beiden Zöllen bas gleiche. • £s wird am Empfangsorte bie Geschwindigkeit bestimmt, die sie erfahren laben, und daraus gefolgert, welcher Art die Schichten sind, die zwischen 6enbe= unb Empfangsort liegen. Bei Erdbebenmessungen bedient man I ch bekanntlich auch dieses Verfahrens. Die Bodenerfchütterung lost in ier festen Erdrinde Wellen aus, die nicht anders verlaufen als die, die (in ins Wasser geworfener Stein erzeugt. Wasser ist ein sehr leicht die l rdrinbe ein sehr schwer bewegliches Mittel, daher sind hier viel größere Kräfte erforderlich als dort, sonst aber verhalten sich beide völlig gleia). (tnpfangen werden die Schwingungen durch ein äußerst emvfindliches Instrument, den Seismographen, das Bewegungen der Erdoberfläche auf- , pichnet die nur Bruchteile eines Millimeters umfassen. Der Gedanke lag I iahe, dieses empfindliche Meßgerät auch zur Untersuchung der Erdrinde l ieranzuziehen, indem man gewissermaßen ein künstliches Erdbeben erzeugt, fräs gelingt in allereinfachster Weise, indem man durch einen schweren, i liederfallenden Hammer Erschütterungen auf bie Erbe übertragt unb Vieren Fortpflanzung durch den Boden bestimmt. Natürlich kann man diese ; schwachen Stöße nicht wie bie eines Erbbebens in (Entfernungen beliebiger ichoße feftftcUen, aber bas ist ja auch gar nicht notig, man will ja doch i nur den nächsten Umkreis der Sendestation untersuchen, und dafür genügt , i e Empfindlichkeit des Seismographen vollauf. 'Aus Geschwindigkeit und l blentung dieser Strahlen, die vom Sender ausgehen wie die Lichtwellen uon einer Lampe, gelingt es, recht genau festzustellen, welcher Art die i ■ luter ber Erboberfläche ruhenben Schichten sind. Das anbere Verfahren, las von zwei Göttinger Forschern ausgebilbet worven ist, bedient sich lachfreguenter, elektrischer Schwingungen, also der drahtlosen Telegraphie. Durch den veränderten Empfang bestimmt man, welch« Beschaffenheit das Erdinnere zwischen Sender und Empfänger hat. Vielleicht am interessantesten ist aber das Instrument, bas dazu dient, die Veränderung des Schwerefeldes der Erde durch unter ihrer Oberfläche liegende Schichten, die von der allgemeinen Zusammensetzung der Erde an dieser Stelle abweichen, zu bestimmen. Es ist die sog. Drehwaage ober eine Abart von ihr, bie Felbwaage, eines ber allerempfinblichsten Instrumente, bie menschlicher Geist je ersann. Es wurde schon oben erwähnt, daß das Schwerefeld der Erde zur Folge hat, daß frei fallende Körper auf dem kürzesten Wege zur Erde fallen. Wenn nun das Schwerefeld verzerrt ist, so bedeutet das natürlich nicht, daß ein Stein etwa in einer Kurve zur Erde fällt, so grob ist die Wirkung nicht. Aber die Drehwaage, deren messender Teil aus zwei sehr schweren Kugeln besteht, die an beiden Enden einer drehbaren Stange sitzen, zeigt sie an. Sie ist so empfindlich, daß man bei Messungen die Umgebung der Meßstelle planieren muß, weil Bodenerhebungen die Einstellung des Instruments beeinflussen. Sie ist so empfindlich, daß sie nach jeder Neueinstellung 50 bis 60 Minuten braucht, um sich zu beruhigen, vorher kann man keine Ablesung machen. Und sie ist so unempfindlich, daß sie in unwegsamem Gelände befördert und aufgestellt werden kann. So sind zahlreiche Drehwaagenmessungen in Mittelamerika im versumpften Urwal dausgeführt worden. Die vollständige Aufnahme einer Stelle dauert freilich infolge der langen Beruhigungszeit fünf Stunden, und die Unkosten für eine Drehwaage einschließlich Bedienungspersonal belaufen sich auf 500 Mark täglich. Aber der Leser wird nun verstehen, warum die Drehwaage oben als eine ber mertmürbigften Schöpfungen des menschlichen Geistes bezeichnet wurde. So sehen bie technischen Hilfsmittel aus, die der heutige Goldsucher besitzt. Freilich, der einzelne kann sie nicht anwenden, das verhindern schon die erwähnten hohen Kosten der Drehwaage. So bleibt bas abenteuerliche Leben bes Golbsuchers, wie es bisher war, bem Glückszufall anheim- gegeben; er setzt fein Leben ein, um vielleicht — einmal unter hunbert- taufenb ben Schatz zu finden, der ihn künftiger Sorge enthebt, vorausgesetzt, daß er ihn auch zu bewahren versteht. Der übergroßen Mehrzahl gelingt das nicht, sie werden zwischen Glück unb Elend hin- und hergehetzt. Indessen die kapitalkräftigen Gesellschaften können sich der geschilderten Hilfsmittel, die Technik und Wissenschaft geschaffen haben, bedienen, ein gut Teil des Risikos, das dem bergmännischen Betriebe immer anhaftet, wird dadurch beseitigt. Aber auch manche, bisher überhaupt nicht erkannten Schätze werden dadurch gehoben werden, und im großen ganzen werden diese Erfindungen ebenso wie tausend andere zum Glück und Gedeihen der Menschheit beitragen. Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) „Verrat..." Pescara dehnte bie zwei Silben bes Wortes. „Es ist begreiflich, daß ein ebles Weib diese Sünde verabscheut. Ob ich meinem Fürsten Treue breche ober meinem Freunde ober meinem ahnungslosen Weibe ober selbst meinem Mitschulbigen, alles bas sind Spielarten derselben Gesinnung ... Schon dein finsterer und großer Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als bie schwerste Schulb, ba ja in seiner Giubecca sein Zerberus ober Luzifer in jebem ber drei Rachen einen Verräter zermalmt. Den ersten weiß ich: es ist jener, der den Heiland geküßt hat. Wer aber sind die zwei andern: die, welche Luzifer an den Füßen gepackt hält und die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke nicht erinnerlich. Sprich doch dis Stelle, du weißt ja die hundert Gesänge auswendig." Viktoria rezllierte: „Degli altri due, ch’ hanno il capo di sotto, Quel, ehe pende dal nero eeffo, e Bruto: Vedi come si storce, e non fa motto: E l’altro e Cassio, ehe qar si membruto*.“ Behaglich plauderte' ber Felbherr weiter: „Dieser schweigenb sich rombenbe Brutus ist gut, boch — mit ber schulbigen Ehrfurcht — den dürren Cassius, dessen Magerkeit Julius Cäsar fürchtete, wie kann ihn Dante muskulös nennen? Ueberhaupt, Viktoria, wie gefällt dir diese Speise des Zerberus?" Da antwortete Viktoria tapfer: „Herr, die Mörder Cäfars gehören nicht in die Hölle. Hier tadle ich meinen Dichter." Beileibe nicht!" neckte Pescara. „Und doch, brav, meine Römerin! Treue ist eine Tugend, aber nicht die höchste. Die höchste Tugend ist die Gerechtigkeit." . So schaukelte Pescara sein Weib über bem Abgrunb unb bem Geheimnis seiner Seele unb hinderte sie, Fuß zu fassen, die mit bem ganzen Ungestüm ihres Wesens Boben suchte, ben Sieg erftrebenb, den zu erringen fie nach Novara geeilt war. Auf immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie ferne hielt. Jetzt hatte fie die Eingebung, den größten lebenden Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen. „Ich mußte mich immer wundern, Pescara", sagte sie, „daß du, wie du bift unter unfern Bildnern und Dichtern bie lieblichen ben gewaltigen verziehst, ben Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und seinenu späten, aber ebenbürtige» Bruder, dem Buonarotti — du selbst aber bist eine tiefe und verborgene Natur." . Ebendarum, Viktoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergötzung. Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht eifersüchtig auf den Zyklopen mit dem zertrümmerten Nasenbein, da du ihn so sehr bewunderst." Viktoria lächelte. „Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne nur seine Sistine." * Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen, Unb aus bem dritten Maul hangt Cassius nieder, An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen. wr< dein fort und mir. ihn. „Ihr dürft ... eine schwere Tat ..." Da zog ihn der andere „Mir ist", sagte er, „ich habe hier atmen hören." Wirklich, die feuchte Nachtluft drückte den lauschenden -Feldherrn benahm ihm den Atem. Er keuchte leise. Jetzt sagte mich er: „Gehen Tau fällt, und Verderben brütet in der Lust." Sie drängte sich an Drei Hornstöße ertönten, vom alten Schlosse her. „Ein Kurier. Ich werde heute noch zu lesen haben." Verant» örtlich: vr. HanSTHhriot. — Druck und DerlagiBrühl'sche Univ ersitäts^Duch« und Steindrucker ei» N. Lange, Giehnn- Zuflucht ick offen." ' Jetzt ' idcn sie in der kleinen Halle des Landhauses, und Pescara weckte den auf einem Schemel schlummernden Ippolito. „Geh hinüber. befahl er, „und bringe, was eben angelangt ist." Dann sagte er ;V Viktorien: „Ich meine, es ist von Madrid, vielleicht eine Zeile der Mai^ skat selbst, die mir zuweilen schreibt, ohne das Wissen ihrer Minister., o. bin doch begierig." ... „nh Jetzt schlug die Turmuhr des alten Schlosses Mitternacht, müde ui zitternd, mit so weit ausholenden Schlägen^ daß je zwischen zweien ci Leben Raum zu haben schien. Der zwölfte Schlag — unwiderruflich. (Fortsetzung folgt.) ___ „Ihr meint?" „ „Du ziehst deine Truppen zusammen, und wir verhaften ihn. „Er wird sich zur Wehr setzen." „Dann fällt er." „Und die Majestät?" .. „ r „Besorge nichts, die Majestät bedarf unser, wir beherrschen fie. wr= weigerst du mir deine Hilfe, so muß ich ihn durch eine gedungene Hano töten lassen. Kann ich auf dich zählen?" hineinzudenken!' Und ein faunischer Jubel. Der Aretiner lacht, daß er fast mit dem Stuhl überschlägt, er schüttelt sich, er lacht aus vollem Halse - „Bräche er ihn, der Schamlose!" schluchzte Viktoria: denn Petrn? Are'tinus und sein Wesen waren schon damals weltkundig. Brav, meine Römerin!" begütigte Pescara. „In einem aber hat er recht, Geliebte: dein Vornahme hat schon den Bräutigam begeistert. Es ist schön, mit dem Siege vermählt zu fein." Aber die Colonna verstand keinen Scherz mehr. Sie war in den Tiefen ihrer Seele aufgewühlt, in den Wurzeln ihres Wesens erschüttert, voller Tränen und zugleich voller Glut und Leidenschaft. „Doch in dem andern hat er unrecht!" redete sie heftig. „Ich weiß nicht, aus welchen Geist du lauschest, und mühe mich umsonst, in deinem Herzen zu lesen Du spielst mit deinem Weibe! Du umarmst mich, und du druckst mich weg! Hast du Grausamer mich doch nicht einmal meine Botschaft ausrichten lassen, die ich dir bringen wollte in dem Jubel meines Herzens! „Weil ich sie erriet. Ich tadle den Heiligen Vater, mein edles Weib zur Dienerin mißbraucht und dir, der Wahrhaften, eine Botschaft aup gelistet zu haben, eine Botschaft seiner und deiner unwürdig, voller Luge werde zu widerrufen und zu verleugnen. Die Heiligkeit gibt mir Neapel, wenn ich es erobere, und absolviert mein Gewissen, wenn ich es abstump e. Ich aber glaube nicht an ein solcher Binden und Losen, nicht in welk- Hdien Dingen, weder ich noch irgendein anderer mehr, und , sagte er höhnisch, „auch in geistlichen nicht. Das ist vorbei, seit Savonarola und dem germanischen Mönche." . ... r, . , Und mein Italien, das du wie ein Magnet anziehst lassest du es an dir scheitern? Achtest du es für nichts? Verachtest du es? schrie Viktoria verzweiselnd. Der Feldherr erwiderte sanft: „Wie dürste ich ein Volk verachten, das mir dich gegeben hat? Aber ich will dir nicht verhehlen: Italien redet umsonst, es verliert seine Mühe. Ich kannte die Versuchung lange, ich sah sie kommen und sich gipfeln wie eine heranrollende Woge und habe nicht geschwankt, nicht einen Augenblick, mit dem leisesten (yebflnten nicht. Denn keine Wahl ist an mich herangetreten, ich gehörte nicht Mir, ich stand außerhalb der Dinge." . m ... Viktoria entsetzte sich. „Wie? Bist du kein Mensch? Bist du em Geist ohne Fleisch und Blut? Betrittst du den Boden nicht, über den du wandelst?" „Meine Gottheit", antwortete er, „hat den Sturm rings um meine ^Da ^leht^ Viktoria: „Deine Gottheit?" und sie umschlang ihn mit beiden Armen, „ich lasse dich nicht, du nennest mir denn deinen Gott! Pescara löste sich sachte und erwiderte mit schmerzlichen Augen: „Wenn du es verlangst, aber komm mit mir in den Garten, ich muh Luft schöpfen." Da sie auf die Terrasse traten, standen alle Sterne über ihnen, und drüben im alten Schlosse erblickten sie noch ein einsames Licht von irdischer Farbe. „Dort", sagte sie mitleidig, „ist der Kanzler schlummerlos und verzehrt sich in Angst und Hoffnung." — „Ich glaube Picht . versetzte Pescara, „eher hat er sich mit einem Mutwillen ober einer Nichts- Würdigkeit in den Schlaf gelesen, und seine niederbrennende Ampel leuchtet den Wänden." Er hatte es erraten. Nach qualvollen Stunden hatte sich Morone mit einem Catull eingeschläfert. Der Feldherr nahm seinen Weg nach dem Boskette mit den weihen Marmorbänken, wo er zu ruhen pflegte. Sie saßen unter dem dunkeln Laubdache, Hand in Hand. Da flüsterte Viktoria: „Nun rede!" Der Feldherr aber schwieg. Tritte nahten, und eine andere Bank füllte sich mit Geflüster. „Sieht es wirklich so mit dem Feldherrn, Moncada? Ich habe Mühe zu glauben. „Auch ich glaube es noch nicht, Leyva, aber ich forsche. Erlange HY Gewißheit, so trete ich hervor, und wir handeln. Der König darf sein Heer in Italien nicht verlieren." „Ferdinand", flehte sie, „du bist umlauert. Du wirst dem Kaiser dächtig. Du bist verloren! Wirf dich Italien in die Arme! Da ist Heil und deine einzige Rettung!" „Ich fürchte nichts", sagte er. „Der Weg ist dunkel, aber meine Die Propheten und Sibyllen? Diese habe ich vor Jahren auch betrachtet und aufmerksam doch sind sie mir wieder verschwommen, bis auf ein paar Einzelheiten. Zum Beispiel der Mensch mit gesträubtem Haar, der «V— «NW. «** * erIC9Uni> dann die Karyatide, von einer ungehearen Last zusammen, gedrückt, das kurze, viereckige, jammervolle Geschöpf! Das häßlichste We,b ohne Frage, wie du das schönste bist — „ „Eine Vergewaltigte, eine Untersuchte, eine Sklavin — „Nun tauchen mir auch die Propheten wieder auf: der kahle Sacharia, oder wer es sein mag, ein Bem oben, eines unten, der scheltende Hesekiel im Turban, Daniel schreibend, schreibend, schreibend. Auch die Sibyllen, die gekrümte Älte mit der Habichtsnase, die glimmenden Augen m em winziges Büchlein vertieft, mit der Nachbarm, die sich Oel in ine erlöschende Ampel gießen läßt, und, die schönste von allen, ine jugendliche mit dem delphischen Dreifuß. Alles in rasender Tätigkeit. Was soll dieser Sturm? Was predigen und weissagen diese?" Da rief Viktoria in flammender Begeisterung, als. säße sie selbst tm Rate der Prophetinnen: „Sie bejammern die Knechtschaft Italiens und verkündigen den kommenden Retter und Heiland!" „Nein", urteilte Pescara streng, „die Stunde des Heils ist vorüber. Nicht Gnade verkündigen sie, sondern das Gericht." Viktoria erbebte, aber schon wieder war der strafende Ernst aus den Zügen Pescaras gewichen. „Belassen wir jene prophetische Kapelle , sagte er schmeichelnd, „und eine Kunst, die erschreckt und erschüttert. Mich aber darsst du nicht gemeint haben, da du von einem Heiland Italiens sprachest, obwohl ich freiwillig die Seitenwunde schon besäße , schloß er mit einem jener herben Scherze, welche ihm eigentümlich waren. Die ganze Zärtlichkeit Viktoriens überquoll, da Pescara jene Wunde nannte, welche ihre Tage und Nächte beschäftigt hatte, bis er ihr schrieb, sie habe sich geschlossen. Das liebende Weib umschlang ihn mit der Linken, und mit der Rechten strich sie ihm die rötlich-blonden, vorne leicht gelockten Haare tief in die Stirn, so daß er im Ampellicht und in ihrer wonnigen Nähe ein ganz jugendliches Ansehen gewann. Da Überkam sie eine Erinnerung an einen zusammen verlebten, nicht allzusernen Tag. Es war in der Nähe von Tarent, auf einer ihrer Besitzungen. Dort hatten sie, freilich erst nach dem völligen Untergang einer sengenden Erntesonne, unter dem verglühenden Abendhimmel neben ihren noch rüstigen Schnittern zur Sichel gegriffen und sich jedes seine Garbe gebunden. Wieder sah sie den Feldherrn lässig auf der (einigen liegen, während sie die Schnittermädchen, leicht improvisierend, eine neue Kantilene lehrte nach dem Muster der dort im Süden gebräuchlichen, die bann das junge Volk bis in die Nacht zu wiederholen nicht müde wurde. Jenen Abend brachte sie jetzt dem Feldherrn ins Gedächtnis. Es freute ihn. „Weißt du jenes Liedchen noch?" fragte er. „Wie sollte ich?" „Nun, es gab da einen Reim: Schnitter und Zither. Sonst sagte das Liedchen nichts weiter, als daß, wie auf dem Felde, auch im Himmel gesungen und die Garbe getragen werde. Das bescheidene Liedchen klingt vielleicht noch im Munde des Volkes, wenn ich und später auch du längst verstummt sind, und, aufrichtig, es gefällt mir besser als ein mir neulich übersendetes Sonett, in welchem du seierlich zu mir redest. Ruhig, Viktoria! Es ist nicht von dir. Ich weiß, daß es nicht von dir ist." Sie loderte vor Zorn. „Wer erkühnt sich", rief sie aus, meine Maske zu nehmen und in meinem Namen zu dir zu reden? Wer ist der Freche? Wo ist das Machwerk, daß ich es zerreiße!" „Oh, das wäre schade. Es sind Verse, die dir keine Schande machen. Hier." Der Feldherr zog ein Blatt aus dem Busen. Sie entriß es ihm und trat unter die Ampel. Mit wogender Brust und hastigen Lippen begann sie: „Viktoria an Pescara. Ich heiße Sieg, Pescara, und ich kröne Mit Lorbeer deine Schlachten und Gefechte, Doch wehe mir, wenn ich die Heimat knechte, Mißbrauchend meines Namens stolze Töne. Da ich mich dir vermählt in Jugendschöne, Aus Römerblut und fürstlichem Geschlechte, Gab ich dir in Italien Bürgerrechte Und brachte dir die Liede seiner Söhne. Ich komme, Lohn zu fordern für ein Leben, Nur dir geweiht in hellem Opferbrande! Mein Held, was wirst du deinem Weibe geben? Ich weiß die Geister, welche dich umschweben! Zerschneidend mit dem Schwert Italiens-Bande, Belohnst du mich mit meinem Vaterlande!" Nie verwandelte sich eine Stimmung seltsamer unter dem Eindruck eines Gedichtes: unmutig hatte die Colonna das Blatt ergriffen, bald besänftigte sie sich, dann sprach sie innig, und die letzten Zeilen jubelte sie hingerissen. Jetzt bekannte sie offen: „So bin ich und solches hoffe ich, wenn ich dieses auch nicht geschrieben habe!" Pescara blickte spöttisch. „Das Sonett", sagte er, „hat sich auf deinen Lippen wunderbar veredelt, aber es ist innerlich hohl und stammt aus einer niedrigen Seele. Liebe fordert keinen Lohn, Liebe gibt sich umsonst, Liebe rechnet nicht. Solches ist gemein. Nein, so kann Viktoria nicht denken. Ein Mietling hat diese Verse gemacht, und ich weiß seinen Namen: seine ungeheure Eitelkeit hat ihn gezwungen, die Maske frech zu lüften. Sieh her." Pescara wies mit dem Finger auf zwei winzige Buchstaben, ein P und ein A, in die untere rechte Ecke des Blattes gekritzelt. „Auch ein Göttlicher, wie er sich nennt! Ich fehe den Aretiner mit seinem Zeltgenossen, dem Giovanni Medici, dem zügellosesten Jüngling Italiens, weintriefend und witzereißend zusammensitzen und höre ihn lästern: .Glaube mir, Hans, 'es ist kein leichtes, sich in die göttliche Viktoria