GietzenerKmiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1931 Montag, den 12.Januar Nummer 4 Das Mühlrad. Volksweise. Dort droben auf dem hohen Berge Da stehet ein prächtiges Haus, Da schauen drei schöne Jungfräulein Des Abends und Morgens heraus. Die eine die heißt Sufanna, Die andre Bernharte allein, Die dritte, die will ich mir nehmen. Die soll es mein eigen sein. Dort drunten im tiefen Tale, Da treibet das Wasser das Rad, Da mahlt man nichts als wie Liebe, Da mahlt man früh und spat. Das Mühlrad, das ist zerbrochen. So hat nun die Lieb ein End; Und wenn sich zwei Herzlieb tun scheiden. So geben sich beide die Händ. Scheiden, ach Scheiden, ach Scheiden, Wer hat sich das Scheiden erdacht? Es hat sich ein frisch junges Mädchen Das Scheiden mit Tränen erdacht. Pole Poppenspäler. Erzählung von Theodor Storm. Ich hatte in meiner Jugend einige Fertigkeit im Drechseln und beschäftigte mich sogar wohl etwas mehr damit, als meinen gelehrten Studien zuträglich war; wenigstens geschah es, daß mich eines Tages der Subrektor bei Rückgabe eines nicht eben fehlerlosen Exerzitiums seltsamerweise fragte, ob ich vielleicht wieder eine Nähschraube zu meiner Schwester Geburtstag gedrechselt hätte. Solche kleine Nachteile wurden indessen mehr als ausgewogen durch die Bekanntschaft mit einem trefflichen Manne, die mir infolge jener Beschäftigung zuteil wurde. Dieser Mann war der Kunstdrechsler und Mechanikus Paul Paulsen, auch deputierter Bürger unserer Stadt. Auf die Bitte meines Vaters, der für alles, was er mich unternehmen sah, eine gewisse Gründlichkeit forderte, verstand er sich dazu, mir die für meine kleine Arbeiten erforderlichen Handgriffe beizubringen. Paulsen besaß mannigfache Kenntnisse und war dabei nicht nur von anerkannter Tüchtigkeit in seinem eigenen Handwerk, sondern er hatte auch eine Einsicht in die künftige Entwicklung der Gewerke überhaupt, so daß bei manchem, was jetzt als neue Wahrheit verkündigt wird, mir plötzlich einfällt: das hat dein alter Paulsen ja schon vor vierzig Jahren gesagt. — Es gelang mir bald, seine Zuneigung zu erwerben, und er sah es gern, wenn ich noch außer den festgesetzten Stunden am Feierabend einmal zu ihm kam. Dann saßen wir entweder in der Werkstatt oder sommers — denn unser Verkehr hat jahrelang gedauert — aus der Bank unter der großen Linde seines Gärtchens. In den Gesprächen, die wir dabei führten, ober vielmehr welche mein älterer Freund dabei mit mir führte, lernte ich Dinge kennen und auf Dinge meine Gedanken richten, von denen, so wichtig sie im Leben sind, ich später selbst in meinen Primaner-Schulbüchern keine Spur gefunden habe. Paulsen war seiner Abkunft nach ein Friese und der Charakter dieses Volksstammes aufs schönste in seinem Antlitz ausgeprägt; unter dem schlichten, blonden Haar die denkende Stirn und die blauen, sinnenden Augen; dabei hatte, vom Vater ererbt, seine Stimme noch etwas von dem weichen Gesang seiner Heimatsprache. Die Frau dieses nordischen Mannes war braun und von zartem Gliederbau, ihre Sprache von unverkennbar süddeutschem Klange. Meine Mutter pflegte von ihr zu sagen, ihre schwarzen Augen könnten einen See ausbrennen, in ihrer Jugend aber fei sie von seltener Anmut gewesen. — Trotz der silbernen Fädchen, die schon ihr Haar durchzogen, war auch jetzt die Lieblichkeit dieser Züge noch nicht verschwunden, und das der Jugend angeborene Gefühl für Schönheit veranlaßte mich bald, ihr, wo ich immer konnte, mit kleinen Diensten und Gefälligkeiten an die Hand zu gehen. „Da schau 'mir nur das Buberl", sagte sie dann wohl zu ihrem Mann; „wirst doch nit eifersüchtig werden, Paul?" Dann lächelte Paul. Und aus ihren Scherzworten und aus feinem Lächeln sprach das Bewußtsein innigsten Zusammengehörens. Sie hatten außer einem Sohne, der damals in der Fremde war, keine Kinder, und vielleicht war ich den beiden zuM Teil deshalb so willkommen, zumal Frau Paulsen mir wiederholt versicherte, ich habe grab’ ein so lustig's Raserl wie ihr Joseph. Nicht verschweigen will ich, daß letztere auch eine mir sehr zusagende, in unserer Stadt aber sonst ganz unbekannte Mehlspeise zu bereiten verstand und auch nicht unter- ließ, mich dann und wann darauf zu Gaste zu bitten. — So waren denn dort der Anziehungskräfte für mich genug. Von meinem Vater aber wurde mein Verkehr in dem tüchtigen Bürgerhause gern gesehen. „Sorge nur, daß du nicht lästig fällst!" war das einzige, woran er in dieser Beziehung zuweilen mich erinnerte. Ich glaube indessen nicht, daß ich meinen Freunden je zu oft gekommen bin. Da geschah es eines Tages, daß in meinem elterlichen Haufe einem alten Herrn aus unserer Stadt das neueste und wirklich ziemlich gelungene Werk meiner Hände vorgezeigt wurde. Als dieser seine Bewunderung zu erkennen gab, bemerkte mein Vater dagegen, daß ich ja aber auch schon seit fast einem Jahre bei Meister Paulsen in der Lehre sei. „So, so", erwiderte der alte Herr; „bei Pole Poppenspäler!" Ich hatte nie gehört, daß mein Freund einen solchen Beinamen füljre, und fragte, vielleicht ein wenig naseweis, was das bedeuten solle. Aber der alte Herr lächelte nur ganz hinterhältig und wollte kein« weitere Auskunft geben. — Zum kommenden Sonntag war ich von den Paulfenfchen Eheleuten auf den Abend eingeladen, um ihnen ihren Hochzeitstag feiern zu helfen. Es war im Spätsommer, und da ich mich frühzeitig auf den Weg ge« macht und die Hausfrau noch in der Küche zu wirtschaften hatte, so ging Paulsen mit mir in den Garten, wo wir uns zusammen unter der großen Cinbe auf die Bank setzten. Mir war das „Pole Poppenspäler" wieder eingefallen, und es ging mir so im Kopf herum, daß ich kaum auf feine Reben Antwort gab; endlich, da er mich fast ein wenig ernst wegen meiner Zerstreuung zurcchtgewiesen hatte, fragte ich ihn geradezu, was jener Beiname zu bedeuten habe. Er wurde sehr zornig. „Wer hat dich das dumme Wort gelehrt?" rief er, indem er von feinem Sitze aufsprang. Aber bevor ich noch zu antworten vermochte, saß er schon wieder neben mir. „Laß, laß!" sagte er sich besinnend; „es bedeutend ja eigentlich das beste, was das Leben mir gegeben hat. — Ich will es dir erzählen; wir haben wohl noch Zeit dazu. — „In diesem Haus und Garten bin ich ausgewachsen, meine braven Eltern wohnten hier, und hoffentlich wird einst mein Sohn hier wohnen! — Daß ich ein Knabe war, ist nun schon lange her; aber gewisse Dinge aus jener Zeit stehen noch, wie mit farbigem Stift gezeichnet, vor meinen Augen. Neben unserer Haustür stand damals eine kleine, weiße Bank mit grünen Stäben in den Rück- und Seitenlehnen, von der man nach der einen Seite die lange Straße hinab bis an die Kirche, nach der anderen aus der Stadt hinaus bis in die Felber sehen konnte. An Sommer- abenben saßen meine Eltern hier, ber Ruhe nach ber Arbeit pflegenb; in den Stunden vorher aber pflegte ich sie in Beschlag zu nehmen und hier in ber freien Lust unb unter erquidenbem Ausblick nach Ost unb West meine Schularbeit anzufertigen. So saß ich auch eines Nachmittags — ich weiß noch gar wohl, es war im September, eben nach unserem Michaelis-Jahrmarkte — und schrieb für den Rechenmeister meine Algebra-Exempel auf die Tafel, als ich unten van der Straße ein seltsames Gefährt heraufkommen sah. Es war ein zweirädriger Starren, ber von einem kleinen, rauhen Pferde gezogen wurde. Zwischen zwei ziemlich hohen Kisten, mit denen er beladen war, saß eine große, blonde Frau mit steifen, hölzernen Gesichtszügen unb ein etwa neunjähriges Mädchen, bas sein schwarzhaariges Köpfchen lebhaft von einer Seite nach ber anberen drehte; nebenher ging, den Zügel in der Hand, ein kleiner, lustig blickender Mann, dem unter seiner grünen Schirmmütze die kurzen, schwarzen Haare wie Spieße vom Kopfe abstanden. So, unter dem Gebimmel eines Glöckchens, das unter dem Halse des Pferdes hing, kamen heran. Als sie die Straße vor unserem Hause erreicht hatten, machte der Karren halt. ,Du Bub’, rief die Frau zu mir herüber; ,wo ist denn die Schneiderherberg’?" Mein Griffel hatte schon lange geruht; nun sprang ich eilfertig auf unb trat an ben Wagen. ,Jhr feib grab’ davor’, sagte ich unb wies auf das alte Haus mit der viereckig geschorenen Linde, das, wie du weißt, noch jetzt hier gegenüber liegt. Das feine Dirnchen war zwischen den Kisten aufgeftanben, streckte das Köpfchen aus ber Kapuze ihres verschossenen Mäntelchens unb sah mit ihren großen Augen auf mich herab; ber Mann aber, mit einem .Sitz ruhig, Dienbll' und .Schönen Dank, Bub!’ peitschte auf den kleinen Gaul unb fuhr vor die Tür des bezeichneten Hauses, aus dem auch schon der dicke Herdergswater in feiner grünen Schürze ihm entgegentrat. Daß die Ankömmlinge nicht zu den zunstberechtigten Gästen des Hauses gehörten,, mußte mir freilich klar fein; aber es pflegten dort — was mir jetzt, wenn ich es bedenke, mit der Reputation des wohlehrfamen Handwerks sich keineswegs reimen will — auch andere, mir viel angenehmere Leute einzukehren. Droben im zweiten Stock, wo noch heute statt ter Fenster nur einfache Holzluken auf die Straße gehen, war das hergebrachte Quartier aller fahrenden Musikanten, Seiltänzer oder Tier- bändiaer, welche in unserer Stadt ihre Kunst zum Besten gaben. Und richtm, als ich am anderen Morgen oben in meiner Kammer vor dem Fenster stand und meinen Schulsack schnürte, wurde drüben eine der Luken ausgestoßen; der kleine Mann mit den schwarzen chaar- spiehen steckte seinen Kops ins Freie und dehnte sich mit beiden Armen in die frische Lust hinaus; dann wandte er den Kops hinter sich nach dem dunklen Raum zurück, und ich hörte ihn ,Lisei, Lisei!' rufen. — Da drängte sich unter seinem 'Arm ein rosiges Gesichtlein vor, um das wie eine Mähne das schwarze Haar herabfiel. Der Vater wies mit dem Finger nach mir herüber, lachte und zupfte sie ein paarmal an ihren seidenen Strähnen. Was er zu ihr sprach, habe ich nicht verstehen können; aber es mag wohl ungefähr gelautet haben: .Schau d>r ihn an, Lisei! Kennst ihn noch, den Bub'n von gestern? — Der arme Narr, da muß er nun gleich mit dem Ranzen in die Schule traben! — Was du für ein glückliches Diendl bist, die du allwcg nur mit unserem Braunen landab, landauf zu fahren brauchst!" — Wenigstens sah die Kleine ganz mitleidig zu mir herüber, und als ich es wagte, ihr freundlich zuzunicken, nickte sie sehr ernsthaft wieder. Bald aber zog der Vater seinen Kops zuruck und verschwand tm Hintergrund seines Bodenraumes. Statt seiner trat jetzt die große, blonde Frau zu dem Kinde; sie bemächtigte sich ihres Kopses und begann ihr das Haar zu strählen. Das Geschäft schien schweigend vollzogen zu werden und das Lisei durfte offenbar nicht mucksen, obgleich es mehrmals, wenn ihr der Kamm so in den Nacken hinabfuhr, die eckigsten Figuren mit ihrem roten Mäulchen bildete. Nur einmal hob sie den Arm und ließ ein langes Haar über die Linde draußen in die Morgenluft hinausfliegen. Ich konnte von meinem Fenster aus es glänzen sehen; denn die Sonne war eben durch den Hcrbstnebel gedrungen und schien drüben auf den oberen Teil des Herberghauses. Auch in den vorhin undurchdringlich dunklen Bodenraum konnte ich jetzt hineinsehen. Ganz deutlich erblickte ich in einem dämmerigen Winkel den Mann an einem Tische sitzen; in seiner Hand blinkte etwas wie Gold oder Silber; dann wieder war's wie ein Gesicht mit einer ungeheuren Nase; aber so sehr ich meine Augen anstrengte, ich vermochte nicht klug daraus zu werden. Plötzlich hörte ich, als wenn etwas Hölzernes in einen Kasten geworsen würde, und nun stand der Mann auf und lehnte aus einer zweiten Luke sich wieder aus die Straße hinaus. Die Frau hatte indessen der kleinen, schwarzen Dirne ein verschvi- senes, rotes Kleidchen angezogen und ihr die Haarslechten wie einen Kranz um das runde Köpfchen gelegt. Ich sah noch immer hinüber. .Einmal', dachte Ich, .konnte sie doch wieder nicken!' , _ , .. --.Paul, Paul!' härte ich plötzlich unten aus unserem Hause die Stimme meiner Mutter rufen. .Aber da gehören auch die Treffen noch dazu, sagte der Alte und brachte allerle. Endchen Gold- und Sllberslittern. Bald tarnen noch giüne und gelbe Seidenläppchen und Bänder, endlich ein ziemlich großes Stück braunen Plüsches. .Nimm's nur, Kind!' sagte Gabriel; .das gibt ein Tier- sell für eure Genoveva, wenn das alte vielleicht verschossen wäre!' Dann packte er die ganze Herrlichkeit zusammen und legte sie der Kleinen in den Arm. ,3a, ja, Mutter!' . m Es war mir ordentlich wie ein Schrecken in die Glieder geschlagen. .Nun', rief sie wieder, .der Rechenmeister wird dir schön die Zeit verdeutschen! Weißt du denn nicht, daß es lang schon sieben geschlagen hat?' Wie rasch polterte ich die Treppe hinunter! Aber ich hatte Glück! der Rechenmeister war gerade dabei, seine Bergamotten abzunehmen, und die halbe Schule besand sich in seinem Garten, um mit Händen und Mäulern ihm dabei zu helfen. Erst um neun Uhr sahen wir alle mit heißen Backen und lustigen Gesichtern an Tafel und Rechenbuch auf unseren Bänken. Als ich um elf, die Taschen noch von Birnen starrend, aus dem Schulhofe trat, kam eben der dicke Stadtausrufer die Straße herauf. Er schlug mit dem Schlüssel an fein blankes Messingbecken und ries mit seiner Bierstimme: ~ . .Der Mechanikus und Puppenspieler Herr Joseph Tendier aus der Residenzstadt München ist gestern hier angekommen und wird heute abend im Schützenhossaale seine erste Vorstellung geben. Vorgestellt wird „Pfalzgraf Siegfried und die heilige Genoveva", Puppenspiel mit Gesang in vier Auszügen.' . Dann räusperte er sich und schritt würdevoll in der meinem Heimwege entgegengesetzten Richtung weiter. Ich folgte ihm von Straße zu Straße um wieder und wieder die entzückende Verkündigung zu hören; denn niemals hatte ich eine Komödie, geschweige denn ein Puppenspiel gesehen — Als ich endlich umkehrte, sah ich ein rotes Kleidchen mir entgegenkommen; und wirklich, es war die kleine Puppenspielerin; trotz ihres verschossenen Anzuges schien sie mir von einem Märchenglanz umgeben. 3ch faßte mir ein Herz und redete sie an: .Willst du spazierengehen, Lisei?' „ _ . Sie sah mich mißtrauisch aus ihren schwarzen Augen an. .Spazieren t wiederholte sie gedehnt. ,Ach du! — du bist g'scheit!' .Wohin willst du denn?' ,Zum Ellenkramer will i!‘ .Willst du dir ein neues Kleid kaufen?' fragte ich tölpelhaft genug. Sie lachte laut auf. .Geh! laß mi aus! — Nein; nur fo Fetzeln!' .Fetzeln, Lisei?' .Freili! Halt nur so Nesteln zu G'wandl für die Pupp n; s kost t immer nit viel!' Ein glücklicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf. Ein alter Onkel von mir hatte damals am Markte hier eine Ellenwarenhandlung, und sein alten Ladendiener war mein guter Freund. .Komm mit mir!' sagte ich kühn; ,C3 soll dir gar nichts kosten, Lisei!' .Meinst?' fragte sie noch; dann liefen wir beide nach dem Markt und in das Haus des Onkels. Der alte Gabriel stand wie immer in seinem psesfer- und salzfarbenen Rock hinter dem Ladentisch, und als ich ihm unser Anliegen deutlich gemacht hatte, kramte er gutmütig einen Haufen .Rester' auf den Tisch zusammen. .Schau, das hübsch' Brinnroi!' sagte Lisei und nickte begehrlich nach einem Stückchen französischen Kattuns hinüber. .Kannst es brauchen?' fragte Gabriel. — Ob fie es brauchen konnte! Der Ritter Siegfried sollte ja auf den Abend noch eine neue Weste geschneidert bekommen. .Und es kost't nix?' fragte sie beklommen. Nein, es kostet nichts. Ihre Auaen leuchteten. .Schon Dank, guter Mann! Ach, wird der Vater schauen! Hand in Hand, Lisei mit ihrem Päckchen unter dem Arm, verliehen wir den Laden; als wir aber in die Nahe unserer Wohnung tarnen, ließ sie mich los und rannte über die Straße nach der Schneiderherberge, daß ihr die schwarzen Flechten in den Nacken flogen. '--Nach dem Mittagessen stand ich vor unserer Haustür und erwog unter Herzklopsen das Wagnis, schon heute zur ersten Vorstellung meinen Vater um das Eintrittsgeld anzugehen; ich war ja mit der Galerie zufrieden, und die sollte für uns Jungens nur einen Doppeltschilling kosten. Da bevor ich's noch bei mir ins reine gebracht hatte, kam das Lisei über die'Straße zu mir her geflogen. .Der Vater fchickt's!' jagte fie, und eh ich mich's versah, war fie wieder fort; aber in meiner Hand hielt ich eine rote Karte, darauf stand mit großen Buchstaben: Erster Platz. Als ich aufblickte, winkte auch von drüben der kleine, schwarze Mann mit beiden Armen aus der Bodenluke zu mir herüber. Ich nickte ihm zu; was mußten das für nette Leute fein, diese Puppenspieler! .Also heute abend', sagte ich zu mir selber; .heute abend und — Erster Platz! __Du kennst unseren Schützenhof in der Süderstraße; auf der Haustür sah man damals noch einen schönen gemalten Schutzen tn Lebensgröße, mit Federhut und Büchse; im übrigen war aber der alte Kasten damals noch baufälliger, als er heute ist. Die Gesellschaft war bis auf drei Mitaüeder herabgesunken; die vor Jahrhunderten von den alten Landesherzögen geschenkten, silbernen Pokale, Pulverhörner und Ehrenketten waren nach und nach verschleudert; den großen Garten, der, wie du weiht, auf den Bürgersteig hinausläuft, hatte man zur Schaf- und Ziegengräsung verpachtet. Das alte, zweistöckige Haus wurde von niemandem weder bewohnt noch gebraucht; windrissig und verfallen stand es da zwischen den munteren Nachbarhäusern; nur in dem öden, weih- getaltten Saale, der fast das ganze obere Stockwerk einnahm, produzierten mitunter starke Männer oder durchreisende Taschenspieler ihre Künste. Dann wurde unten die große Haustür mit dem gemalten Schntzen- bruder knarrend ausgeschlossen. (Fortsetzung folgt.) Goethe und Christiane. Von Eugen Kühnemann. Der Breslauer Philosophieprofesfor Eugen Kühne- mann, der bedeutende Erforscher des deutschen Geistes, dessen höchste Entfaltung er in feinen Büchern über Herder, Kant und Schiller geschildert hat, krönt dieses Werk in einer zweibändigen Darstellung Goethes, die im Insel-Verlag erschienen ist. Indem der „Faust" in den Mittelpunkt gestellt wird, gelingt es, den Leser in der Goetheschen Welt heimisch zu machen und den ganzen ungeheuren Stoss in die persönliche und künstlerische Entwicklung des Genies einzuordne». Wie tief erlebt Goethes Leben hier erscheint, zeigt sich auf jeder Seite, besonders schön in der Erklärung seiner Stellung zu Christiane. Er nahm Christiane Vulpius in fein Haus, nahm sogar — nach einiger Zeit — noch ihren häuslichen Anhang der Tante und Schwester dazu. Er behielt sie, bis sie — sehr viel später, im Jahre 1806 —, in schwerster gefährlicher Schicksalslage wundervoll bewährt, auch vor dem Gesetz und der Kirche seine Frau wurde, und brachte damit in fein Leden und für viele in fein Charakterbild einen Zug, den so manche gute und seine Seele nicht verstehen kann und bei dem es ganzen Völkern und Kulturen, wie denen des englischen Sprachgebiets, schwer fällt, ihm zu vergeben. Es liegt alles völlig anders, als es dem oberflächlichen Anschein sich darstellt. Was Goethe von dem armen Mädchen empfing und von ihm wollte, war Glück, ein Tropfen einfaches Glück, das unverlierbare, das ewige Glück des Lebens. „Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält die Natur für ein Leben voll Mühe fchadlos." Dies brauchte er in feiner aufgezwungenen Einsamkeit, keiner der Freunde konnte es, keine der Freundinnen konnte und wollte es geben. Er brauchte es aus einem Quell, der abseits von allen gewohnten Wegen seines Daseins wie in unberührter Waldesstille ihm aussprudelte. Er brauchte es von dem Mädchen aus dem Volke, das in nichts verstrickt war, in die flimmernde, oft fo unechte Bildung Weimars, die ihm eben jetzt ihre ganze Herzlosigkeit und Kälte enthüllte. Er brauchte cs von einem Geschöpf, das noch ganz unverfälschte Natur war. Ja, eben diese Liebe gab ihm das Gegengewicht gegen die gewaltige Ausdehnung feiner geistigen Bestrebungen; sie erhielt ihm selber den unmittelbaren Zusammenhang mit der Natur, ließ ihn selber am Herzen des Volkes ruhen, indem er über alles Denken des Volkes so weit hinauswuchs, und gab ihm das Glücksgefühl der Gewißheit von der ganzen Weite feines Wefens, wenn es die ganze Welt des Geistes wie niemand vor ihm umspannte, dabei in seinem sprudelnden UrgueU immer naturhast und volkhaft blieb. In diesem Sinne war es auch von Christiane wieder wahr, daß Goethe in feiner Liebe, in seiner Geliebten immer eine tiefste Notwendigkeit feines gegenwärtigen Lebensverlangens ergriff. Es war die Notwendigkeit, Natur zu bleiben und in der Natur das Glück zu i finden. Dann aber war es darin zugleich — seltsam genug bei dem Thüringer Kinde — ein Stückchen Fortsetzung von Italien. Ein Stuck ! antiken und südlichen Sinnenhimmels spannte er über dem trüben nordischen Leben aus; das Thüringer Mädel, das nicht zur Gesellschaft gehörte, gewann ihn der deutschen Heimat zurück, indem sie wie vom Ltnier Tag. Von Nikolaus Schwarzkopf. Wer ins Bergwerk einfahren will, der muß sich ganz umkleiden, ganz in Bergmannskleiber stecken; und gut wird es für ihn sein, wenn auch eine Seele in die Bergmannsseele sich wandeln kann! Ein altes, verhutzeltes, aber sehr freundliches Weibchen, das, bevor es im Stollen verunglückte, selber ein rechter Bergmann war, bringt mir den Anzug, die Strümpfe, das blaue Taschentuch, die Stiefel, die lederne Mütze, die Lampe und den Stab. „Glückauf, mein Herr!" ruft es mir zu. „Glückauf, mein Herr!" rufe ich ihm zurück. Es grinst vor Freude und schlurft in feinen Holzpantoffeln in fein Kämmerchen. Im Ankleideraum wimmelt es von Männern; sie hängen ihre Tagkleider an Drähte, drücken auf ein Knöpfchen, und sogleich surren Jacken und Hofen pendelnd empor bis unter die Sparren des luftigen Daches, wo sie ausdünsten sollen und warten müssen, bis die Stunden der Schicht vorüber sind. Wir schreiten allesamt unterm Seil, an dem die Körbe hängen; es kommt aus dem Mafchinenhaus, allwo auf einer Bank der Lenker fitzt. Ich kenne ihn, den Lenker: als ich gestern etwas von ihm wiffen wollte, hat er mir keine Antwort gegeben. Starr stand fein Auge auf dem Zeiger neben dem ungeheuren Rad, das vom Seil umwickelt ist! Nun hänge ich am Seil! Gegen die gußeisernen Hände des Förderkorbes gelehnt, hocke ich mit sieben andern Männern und harre des Augenblicks der Abfahrt. Das Tageslicht flabbt zwischen den vielen Stangen des Gerüstes: auf Wiedersehn! Der Korb ruckt einmal, federt, sinkt*ins Schwarze. Man starrt ins Licht der Lampen, das wirr um- hergrellt wie auf einem schlecht gemalten Bild. Die Preßluft zischt manchmal, wenn die Gußplatten für einen Augenblick zu rattern aufhören. Zwei Bergleute schreien sich Neuigkeiten in die Ohren. Ich denke an den Mann, der mir gestern keine Antwort gab, und freue mich feiner Unhöflichkeit! Sieben Körbe voller Menschen über mir sinken in die Tiefe. Ab und zu — steigen wir? fallen wir? — schießt ein heftiger Lichtklumpen neben uns empor: wir fallen! Ich beginne aus irgend- einenr Grund zu zählen, komme bis hundertneunundfünfzig, und da verzögert sich das Tempo plötzlich, und wir stoßen sachte auf den Grund. Ein nächtlicher Güterbahnhof tut sich auf, über schmalspurige Gleise biege ich mit dem dicken Freund und dem Steiger in den dritten Stollen ein. Es ist kalt, ein Hüsteln überfällt einen! Die Preßluft tobt, ein Schimmel steht seitab und guckt einer winzigen Lokomotive nach, die sehr eilig um die Ecke biegt. Ein Bergmann schwingt sich auf des Pferdes Rücken: der Schimmel hebt die Ohren, wiehert — vielleicht trug er dereinst einen stolzen Reiter. Wir gehen selbdritt hochaufgerichtct einher, an den gemauerten Gewölben sprüht elektrisches Licht, doch gähnt hinten ein dunkler Gang. Wir schreiten hinein. Zwischen dem Grubenholz, das den Gang einstemmt, zirpt ein Heimchen; wie das heimelig zirpt! Gepeitschte Lust strömt warm. Ein Zug mit vierundzwanzig Wagen rollt daher; ruckweise stößt er sich durch ein hölzernes Flügeltor, das immer wieder zu- klappeu möchte. Wir schlupfen nach, gehen gebückt. Die gespneßte Decke des Ganges senkt sich; obgleich das Gebirg hier vollkommen ruht, starren 3er,pellte Grubenbalken gegen unsere Laterne. Graues Gestein zeigt sich in breiten Schichten, und nur eine ganz dünne Kohlenader fließt hindurch, so dünn, daß man sie nicht abbaute. Der Weg gabelt sich; der Schießmeister steht da und erwartet uns, meint, wir müßten zusehen, wie auf Nummer 19 gesprengt wird! Und so streben wir auf Nummer 19 zu. Steiger und Schießmeister verstehen sehr, gebückt zu eilen und stoßen nirgends mit dem Kopf an. Wir schlüpfen durch Sacktüren, lehnen ein Weilchen wider einen Rollwagen und steigen nun über drei steile Leitern irgendwohin. Da werden volle Wagen in einen Teilschacht verstaut. Adam Hatzmann steht schon seit 17 Jahren an diesem Fleck und schiebt die Wagen aus und ein und ist nur mit einem Kniehöschen bekleidet. Es kommt vor, daß Adam sogar ein Liedchen pfeift: „Male fährt gern Luftballon." Wird viel angefahren, so -schiebt Adam viel ein, und dann verdient er mehr und kann sich eins pfeifen! Seit 17 Jahren immer dasselbe Lied! Zu Hause hat er em Weib und vier Kinder, und käme das fünfte ... der Adam wüßte nicht, wohin er's legen sollte, die Windeln sind auch aufgebraucht! Aber eine feine Gesellschaft, feine Kinder, und in vier Stunden ist Schichtwechsel, dann geht gleich der Zug und in neunzig Minuten ist er mitten in seiner Fainile. Wir wandern weiter, mein dicker Freund windet fchon sein Ta,chen turf) aus und stöhnt wie eine Dampfmaschine. Ueber Kohlenschollen fallen wir krabbeln, klettern, kriechen minutenlang auf den Bäuchen, winden uns durch Löcher, rutschen, halten uns an den Felsen, und der Grieß rieselt über uns und unter uns. Man hat Angst, jeden Augenblick müsse sich ein Kohlenfels lösen! Kaum, daß der Schießmeister seinen Pulverkasten durch die Löcher zwängen kann! Richtig: einmal bleibt mein dicker Freund stecken, aber das ist nicht schlimm; der Steiger stochert ein bißchen, und die Kohle gibt nach, und das menschliche Fett gibt nach, und alles ist wieder gut! ■Jlad) etwa zwanzig Minuten solcher Wanderung Horen wir die ersten Schläge. Gleich um die Ecke stehen zwei nackte Männer auf die Pickel gestützt und erwarten uns. Der Steiger stochert am Gestein. Bergmann Karowski hat den Krieg von A bis Z mitgemacht; an beiden Füßen fehlen ihm die großen Zehen, die eine hat er in Frankreich verloren, die andere in Serbien! Einen goldenen Hut will er zwar nicht auf dem Kopf tragen, aber er will es zu etwas bringen: nach der Schicht ein weißes Taschentuch für die Nase, ein grünfeibenes für die offene Brusttasche, und feine Kinder — er hat noch keine! — sollen es einmal besser haben als er! Sollen Steiger werden? Er schmunzelt: ja! Aber noch besser: überhaupt nicht unter die Erde! Grund und Boden! Aus einem kleinen Stück Eigentum! Wenn er nur nach der Schicht ein kleines Gärtchen bebauen könnte, wenn auch noch so klein, auf daß er nicht auf die Straße angewiesen wäre und auf den Alkohol! Gestern hat er mit seinem Schasshelser vierzehn volle Wagen geliefert. Olymp herab als eine holde Göttin der Lust in sein Leben trat. Man nu.g nun Goethe beklagen, daß er den Segen der wahren Ehe nicht gekannt hat, — nicht den Segen der Gemeinschaft,' in der Mann und Weib mit der Ganzheit ihres Seins ein Leben werden im Leib, im Geiste und in der Seele und so sich einander erst selber finden und erfüllen, um dem Strom des Lebens, der sie zufammenfügt, in ihren Kindern sich selbst erhöht zurückzugeben. Aber wie viele Menschen haben sie wohl in vollem Sinne gekannt? Wieviel Heuchelei ist mit dem heiligen Gedanken der Ehe getrieben! Ja, die frevelhafte Frage sei gewagt: hatte Goethe sie kennen lernen können? Wenn der Stallmeister vom Stein im Jahre 1780 gestorben wäre und Goethe bann, wie zu vermuten, Charlotte geheiratet hätte, — kein größeres Unglück hätte ihm unb Deutschlanb begegnen können! Sie hat es ja bewiesen, wie sie bas Verhältnis zu ihm burchaus als das der Herrscherin über ihren Alleinbesitz betrachtete. Das ist die Todesgefahr der großen, der unbebingten Liebe, baß sie in ihrer Hingabe die Geliebte so weit über sich selbst erhöht, daß sie schließlich bas Augenmaß für das wirkliche Verhältnis zwischen ihr und dem Liebenden verliert. Nur die edelsten Seelen werden durch' ein solches Geschenk der Gnade zur Demut ge- st mmt unb geben dem Geliebten die Höhe, in bar er sie selber sieht; — die geringeren werden zu leicht in der uns Menschen allen eigenen Selbstgefälligkeit bestärkt. Niemals hat Charlotte den Zug nach Italien verstehen wollen, nie die Heimlichkeit ohne Abschied vergessen, nie vergeben. Sie hätte Goethes Leben unter einen unerträglichen Zwang gebracht, — Zwang aber ist der Tod der Liebe. Goethe wahrte sich mit Christiane die volle Freiheit seiner Geistigkeit, fein Geist blieb frei, indem er das süße Glück der Natur voll genoß. Eine andere Liebe war damals für Goethe nicht möglich, denn diese Freiheit des Geistes war seine höchste Pflicht. Wer ihn beklagt, daß er das Verständnis der Gattin nie gekannt, — wo war denn dies Verständnis bei Charlotte in der ersten Prüfung geblieben? Welche Frau hätte ihm, wie er jetzt geworden war, dies Verständnis in vollem Maße geben sollen? Unb wie sehr verkennt man bei solchem Urteil die Weiten und Möglichkeiten der Liebe! Das Verständnis, bas uns von ber geliebten Frau entgegenstrahlt, ist eine Schöpfung bes großen Liebenben selber. Man muh bas Lesen wenig verstehen, wenn man in den Briefen Goethes an Christiane aus den ersten Jahren des Glücks, in denen er so viel von ihr getrennt war, nur die Stimme der Sinnlichkeit vernimmt. Es ist etwas ganz anderes — ist tiefe, aus dem Innersten des Wesens aufsteigende Zärtlichkeit, ist urkräftiges, den ganzen Menschen durchdringendes Behagen, ist die Wonne am Zufammengehören. Dies ist die Liebe, — nicht ohne einander leben zu können, nur miteinander das zu haben, was man eigentlich Geben nennt. Goethe schuf sich dies, indem er sich frei unb ungestört erhielt für das ungeheure Werk, das auf ihm lag. Es war die Größe feiner Lebenspflicht, die ihm die bürgerliche Ehe unmöglich machte. Deutschland sollte, anstatt Christiane zu schmähen, ihr danken. Sie war ihm die Geliebte, wurde aber alsbald für ihn das liebe Hausmütterchen, das ihm das Wohlfein im Haufe fchuf und anspruchslos bescheiden, nie ihn behelligend, nie sich in seine Pläne und Entwürfe einrnischend, für ihn sorgte mit nie ermüdender Treue. Es war auch hier das Rechte für Goethes Leben gefunden. Bei Goethe handelte es sich einzig und allein unreinen Verstoß gegen die Frau. Es läßt sich wohl begreifen, wie er dazu kam. Er, ber sich felber in feinem Wesen allein das Gesetz war für das gesamte Gebilde seines Lebens in Wort, Tat und Lebenssührung, er, der die unbedingte Pflicht seiner gottgegebenen Sendung nur dadurch erfüllte, daß er in solcher Selbstgesetzgebung feine ganze Welt zur Tat seines Geistes machte, — er glaubte sich das Recht nehmen zu dürfen, auch in diesem innerlichsten Verhältnis seines Lebens, das niemanden etwas anging als nur ihn, allein unter dem eigenen Gesetze handeln zu dürfen. Er unterschätzte die Macht des Moloch, zu dem die Gesellschaft für den Menschen geworden ist. Nun kam allerdings eine ganz eigentümliche Verwicklung noch hinzu: — daß er nämlich zugleich doch auch in einen Wider pruch mit dem eigenen Grundgedanken des Lebens trat. Denn ber (gebaute ber Orbnung war ja biefer Grundgedanke in all feinem Denken geworden. Die Welt ist die große Ordnung Gottes, — in den Ordnungen der Welt ehrfürchtig leben heißt nach Gottes Willen leben. Hier im innerlichsten Lebensverhalinis entzog er sich dem Orbnungs- gedanken Es konnte nicht anders fein, fein stilles Glück mußte ihm zugleich die Quelle beständiger Aergernisfe werden. Was ihm fein häusliches Dasein ins Lot brachte, machte sein Leben im Verhastnis zur 'Außenwelt schief. Es ist schmerzlich, im Leben Goethes an soviel gehäuftes Leiden im Grunde aus kleinlichen Anlässen, denken zu .nutzen, in dem er sich zerrieb. Es ist schmerzlich, erkennen zu müssen, da» er selber beitrug, seinem Volke und mehr noch der Welt es schwer zu machen, ihn^ unbefangen zu verstehen. Für ihn selber war, zum mindesten seit er die ganze Last ihres Lebenszubehors willig auf sich nahm, Christiane seine Frau in einer richtigen Ehe. So hat er sie geliebt, so alle Pflichten ihr gegenüber erfüllt; — es trifft ihn auch an dieser Stelle kein Tadel. 'Tiber es gibt ein spates Wort des Kreises das viel verrät. Als fein junger Freund K. E. Schubarth sich bet ihm gleich- iam entschuldigte daß er die Geliebte heiraten wollte, — es könne nicht jederlei.. Goethe fein, - antwortete ihm Goethe an. /.November 1821- , Zuvörderst will ich meinen Segen zu einer schleunigen Verehelichung geben, sobald Ihre Hütte einigermaßen gegründet und gebeett ist. Alles, was Sie barüber sagen, unterschreibe ich Wort für Wort, benn ich darf wohl aussprechen, bah jedes Schlimme, Schlimmste, was uns innerhalb des Gesetzes begegnet, es fei natürlich ober bürgerlich, körperlich ober ökonomisch, immer noch nicht den taufenbften Teil ber Unbilben aufwiegt, bie wir burchkämpfen muffen, wenn wir außer ober neben dem Gesetz, ober vielleicht gar Gesetz und Herkommen durchkreuzend, und doch zugleich mit uns selbst, mit andern und der moralischen Weltordnung im Gleichgewicht, zu bleiben, die Notwendigkeit empfinden. Ist es die tiefe Ergriffenheit in der Erinnerung schmerzlichster Ersahiung die dem großen Meister der Sprache.sogar den: Satz m semem Gesuge schwer gemacht hat? Wieviel Demütigung, Verdruß, Kummer und Gram verhüllen unb verraten diese Worte! Seitlich steigen wir über die Trümmer des Abgehackten, kn denen wks Echisfspfähle die Grubenhölzer stecken, zwängen uns durch und gehen eine ganze Weile ausrecht unter den schwarzen Zähnen, die unsere Lichter verschmutzt von sich wegspiegeln. Auf „Zwei" liegen die nackten Männer auf den Rücken und hacken über sich die Kohlen los. (Michelangelo lag als er die Sixtinadecke malte, etliche Monate auf dem Rücken, aber dieser Vergleich ist sündhaft!) Gefahr, daß ein Brocken auf edle Teile des Körpers fällt, besteht immer, aber der Bergmann scheut keine Gefahr. Wie sie uns kommen sehen, richten sie sich auf: der Schweiß, der seither über die Lenden lief, rinnt schwarz über Hälse, Brüste, Bäuche und an den Schenkeln hinunter und sucht sich in der schwarzen Patina erst neue Furchen, zittert hin und her und schießt schließlich hinunter in die hölzernen Schuhe. Weiß leuchten die Flußbetten dieser Rinnen. Bergmann Peter Edelmarder hat gestern nur vier Wagen geliefert; daran war das Gebirge schuld, nun ist's endlich eingebrochen, und die quarzigen Gesteine müssen erst sortgeschasst werden. Heute gibt's nicht einmal vier Wagen und der Steiger wettert! Edelmarder ist aber dennoch eine lustige Haut! Ich leuchte unauffällig seinen Körper ab mit der Laterne, und ich kann euch sagen, kein Grieche ist schöner überliefert! Unter der Patina regt sich unter jedem handbreiten Stück ein überaus starkes Leben. — Ich muß überhaupt sagen, daß diese starken Männer da unten zumeist auch schön gebildet sind, schöner fast, als unsere planmäßig ausgebildeten Sportsleute, und es ist bestimmt so, daß der menschliche Körper die Fülle seiner Schönheit erst erreicht, wenn er unabsichtlich unter körperlicher Arbeit sich eigengesetzlich bilden darf! Die schönsten Körper finden sich unter den Bauernburschen, deren Muskeln allesamt gleichmäßig in Gottes freier Natur sich entfalten! • Viele Schlagstellen suchten wir weiterhin heim, und auf „neunzehn" stand der Schießmeister, und sogleich begann die Bohrmaschine auf einer nackten Schulter zu rattern. Sprengstoff ward einen Meter tief oder mehr eingestochert. Wir gingen um die nächste Ecke, der Schießmeister schloß mit dünnem Draht den Kontakt, und der Schuß erschütterte dumpf und verhalten die Lust und verhallte dröhnend. Wir traten in die Staubwolke, die fast kaum zu durchdringen war. Die Laternen verfinsterten sich; man sah nur noch das Gewoge der Staubteilchen und stolperte fortgesetzt über die Brocken. Nun kamen rasch die kleinen Wagen, denn die Beute war groß. Ich versuche, ausladen zu helfen, kann aber kaum eine Scholle heben, so müde bin ich von de» entsetzlichen Märschen allein. Wer als Wanderer oben auf der Zugspitze ankommt, der weiß auch, was er geleistet hat, aber die Müdigkeit, die man da oben empfindet, ist Freude und Jubel, daß man den Sternen näher ist ... nein, ich kann keine Scholle heben, auch mein Freund vermag es nicht, und der Steiger lächelt, und die Bergleute lächeln höhnisch, und es ist mir, als sagten sie: ruft doch die andern auch einmal hierher, sonderlich jene, die jahraus, jahrein, landaus, landein den Mund so voll nehmen gegen uns arme Bergleute! Holt sie von den feinen Sportplätzen einmal herunter zu uns, damit sie wenigstens einmal sehen, was wir zu schassen haben! Da ist mir's, ich könnte fortan kein Stückchen Kuchen mehr essen, kein Buch mehr lesen, ohne an diese Bergleute zu denken, und ich gehe erschüttert aus ihrer Hölle weg. Ich habe gestern Kesselschmiede gesehen, die standen an den Bessemer-Birnen, wo die Männer halbnackt und mit dicken farbigen Brillen bewaffnet, in höchster Gluthitze schaffen müssen (ich habe mich einmal gefragt, wieviel Stunden ununterbrochen), ich sah die Männer in den 'stinkigen Stuben hinter den Kokereien, wo die giftigen Gase brodeln, wo die neuesten Modefarben und die wichtigsten Arzneien hergestellt werden ... und ich möchte es weit in die Masse der Menschen schreien: „Wer's noch nicht gesehen hat, der schweige und beuge sich in Demut vor diesen Männern, gleich denen, die unten bei ihnen waren! Eins steht fest: wenn der Maulwurf in der Erde wühlt, so erfüllt er das göttliche Gesetz, das in ihm liegt! Doch diese Menschen sind für uns nur ein Stück des täglichen Brotes: wir können ohne sie nicht mehr leben! Sie sind keine Arbeiter, sie gehören in keinen Verband, sie sind ein besonderer Stand! Und wenn ich der Staat wäre, so ließe ich sie täglich nur fünf Stunden arbeiten und bis längstens zu ihrem vierzigsten Lebensjahre! Heil, Heil! Sieben mit Kohlen beladene Wagen hängen über mir an dem starken Seil; oben in der Maschinenhalle sitzt der starre Mann, der mir gestern keine Antwort gab, als ich ihn fragte. Eingestaut atme ich erleichtert hinan; achthundertdreiundsiebzig Meter hinan, sieben volle Wagen über mir am selben Seil! Der Sonne heil; wenn die Sonne wieder sichtbar wird! Husch: es ist blau! Blau, was ist das? Wo stehen Blendlaternen? Der Tag ist's, der lebendige Tag, der blau zwischen den eisernen Stangen und Platten und Körben hängt, blau, azurblau, ob- gleich nirgends die Sonne zu sehen ist. Ich kriege hervor, mein Freund küßt mich auf die Stirn vor Freude: da hinten, jenseits des Maschüien- hauses hinter den sieben vollauf qualmenden Schloten steht sie, die Sonne, spielt Versteck mit mir, muschelt sich in die schwarzen Wolkenballen ein, blinzelt aus dem grüngelben Qualm, verbrämt den Gestank, urweltlich tollt sie hinter den verpuffenden Gasen ... Tausend Männer, das Antlitz voller alltäglichen Griesgrams, schreiten müde und gesenkten Hauptes mit uns in deck großen Baderaum, entkleiden sich, drucken auf den Knopf, und die Tagkleider surren aus dem Gebälk herunter. Die Schafskleider werden drangehüngt und surren hinauf, und tausend Männer treten unter die warmen Dusche», und die Sonne bricht durch die hohen Fenster, und nun rennen sie umher, foppen sich, lachen und springen wie Kinder durch den Sprühregen. Mein Weibchen, das ehedem auch einmal Bergmann war, hat mir im Badhaus des Herrn Betriebsleiters ein besonderes Bad gerichtet, und ich darf das Weibchen nicht vor den Kopf stoßen! Steige ins feine Bad, zwischen die weißen Plättchen, ziehe meine seinen Kleider wieder an, und es ist mir ein wenig zu Mut: ich dürfe mich in dem modischen Tand nicht vor den Bergleuten sehen lassen! Nie perle in der Auster.. * und andere juristische Komplikationen. Von Dr. Fritz Balder. In einem eleganten Restaurant sitzt ein Herr mit feiner Freundin bei einem üppigen Souper. Sie schlürfen Austern und Chablis lieber das frisch geschminkte Antlitz der jungen Same huscht ein Freudenschimmer. Sie zeigt mit spitzem Finger aus ihre Austernjchale: da sitzt eine große, schöngeformte Perle. Ein Herr vom Nebentisch, der den Vorgang beobachtet hat und sich als Fachmann suhlt, schätzt den Wert der Perle auf einige tausend Mark. Sie Freundin will ihren Fund in ihrer Handtasche verschwinden lassen. „Nanu?" 'fragt der Kavalier. „Sie Perle gehört doch wohl mir? Ich habe die Austern bestellt und werde sie bezahlen. Ich bin der Eigentümer der Austern und der Perle, du bist schließlich nur mein Gast?" „Und ich habe die Perle gesunden, das ist ein Schatzfund, mein Bester", gibt die Freundin etwas pikiert zurück. Schließlich kam, vom Pikkolo herbeigeholt, der Wirt dazu. Ebenso höflich wie bestimmt, machte er die Herrschaften darauf aufmerksam, die Perle sei sein EiAntum. Sie Austernschalen, die seine Gäste nicht mit nach Hause zu nehmen pflegten, gehörten ihm, somit auch die Perle in der Austernschale. Sie Auseinandersetzung wurde immer lebhafter. Das letzte Wort des Wirtes war, gäbe man ihm die Perle nicht heraus, so werde er die Gäste wegen Fundunterschlagung anzeigen. — Juristisch macht der Fall erhebliche Schwierigkeiten. Ein Fund — darüber sind sich die Rechtsgelehrten einig — liegt nicht vor, denn die Perle war niemals verloren worden. Es gibt Juristen, die behaupten, der Herr, der die Austern bestellt hat, sei Eigentümer der Perle geworden. Andere Autoritäten der Wissenschaft fagenr wer bei einem Essen, zu dem er eingeladen ist, sich Speisen nimmt, erwirbt daran das Eigentumsrecht, also gehöre die Perle dem Mädchen. (Deutsche Juristenzeitung, 10. Jahrgang, <5.395.) Doch ist man mit diesen Lösungen noch keineswegs am Ende aller Wirrnisse. Sie Rechtsgeschäfte zwischen den Beteiligten können wegen Irrtums angefochten werden. Zur Anfechtung eines Vertrages berechtigt der Irrtum über solche Eigenschaften, der Sache, die im Verkehr als wesentlich erscheinen. Ser Gastgeber kann seiner Freundin gegenüber die Schenkung der Auster ansechten, der Wirt den Verlaus gegenüber dem Gast, der Austernlieserant gegenüber dem Wirt ufro. bis zum Austernfischer. Eine Kette von Prozessen steht in Aussicht. — Im Bezirk des Landgerichts Münster hat einmal ein Preiskegeln stattgefunden, das fünf Tage gedauert und zu den unangenehmsten juristischen Weiterungen geführt hat. Einer der Sieger war nämlich mit seinem Preis nicht zufrieden, weil ihm angeblich 12,50 Mark zu wenig ausbezahlt worden waren. Er zeigte schließlich den Wirt, in dessen Lokal das Kegeln stattgesunden hatte, wegen Betrugs an. Einzelheiten interessieren hier nicht. Sie Sache kam aber schließlich ans höchste deutsche Gericht: das Reichsgericht mußte in letzter Instanz entscheiden und dessen Urteil, das in der offiziellen Sammlung (ERSt. 40,21) zwar gekürzt wiedergegeben ist, umfaßt immerhin noch 21 Druckseiten. Das Reichsgerichtsurteil über das Kegelspiel schürft tief; ein Musterbeispiel historischer Rechtsfindung, geht es auf die ältesten deutschen Rechte zurück und kommt zu der Feststellung, daß bis zum 13. Jahrhundert Rechtsquellen über das topiet vollkommen fehlen. In juristischer Präzisionsarbeit werden die Rechtsanschauungen des Sachsenspiegels, der zwischen 1198 und 1235 entstanden (ein mag, des Magdeburger Stadtrechts vom Jahre 1261 und des sächsischen Weichbilds unter die Lupe genommen. lieber das römische Recht, die französische Praxis, die österreichische Gesetzgebung kommt das Urteil schließlich zu den Entwürfen und Motiven des Bürgerlichen Gesetzbuches und damit zu der Feststellung, daß die Laienansicht sich mit der historischen Rechtsentwicklung deckt: das Kegelspiel ist ein Geschicklichkeitsspiel, das keine klagbare Forderung begründet. Als neulich Herr I. im Smoking zur Premiere gehen wollte, tummelten sich halbwüchsige Burschen mit lautem Gejohl vor seinem Haus und trieben einen Fußball durch den Schmutz der Straße. Knapp flog der Ball Herrn X. am Kopf vorbei, und seine tadellose weiße Hemdenbrust hätte fast einige häßliche Flecken abbekommen. Herr X. ist ein aufrichtiger Verehrer des Fußballsportes. Dies war ihm aber doch zuviel und er hat einem der Jungen, der ihm eben in Reichweite war, eine ordentliche Ohrfeige gegeben. Durfte er das? Ist er dadurch mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt gekommen? Gibt es ein Züchtigungsrecht an fremden Kindern? Sie Rechtsprechung ist nicht einheitlich. Eine Reihe von Oberlandesgerichten geht von der pädagogischen Erwägung aus, daß eine müß'ge Züchtigung zur rechten Zeis vermutlich auch dem Willen.der Erziehungsberechtigten entspreche, ein Standpunkt, der mit dem Rechtsempfinden vieler Leute auch in Einklang stehen mag, — bis einmal ihr eigener Sprößling von einem mißliebigen Hausgenossen eine Ohrfeige bekommt. Das Reichsgericht und das Bayerische Oberste Landesgericht vertreten die entgegengesetzte Ansicht: ein allgemeines Recht, fremde Kinder irgendwelcher Ungezogenheit zu strafen, kennt das Gesetz nicht. Nur die Erziehungsberechtigten haben ein Züchtigungsrecht. Ser Vater des geohrfeigten Jungen kann wegen Körperverletzung klagen. Wenn er Prioatklage stellt und in diesem Verfahren Kläger und Beklagter durch Anwälte vertreten sind, so kommt die Ohrfeige, selbst wenn nur eine ganz geringe Strafe ausgesprochen wird, mit allen Kosten ungefähr auf 150 bis 200 Mark, vorausgesetzt, daß der Prozeß in erster Instanz erledigt wird. DerantwvrtUch: Dr. Han« Thhriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch« und Steindruckeres, A. Lange, Gießen.