GietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger )rhrgang!93I Freitag, den y. Dezember Nummer 97 Es war mal im Dezember ... Schlesisches Volkslied. Es war mal im Dezember, da spielten einmal fein Zwei Brüder und ein Schwesterlein in ihrem Stübchen klein. Und wie sie also spielen, da klopft es draußen an, Und in das Stüblein poltert ein Ungetüm von Mann. Der war auf seinem Leibe rauh wie «in wilder Bär, Auch brummte er so grimmig, als ob er einer wär'. „Nun Kinder, laßt mich hören: Seid ihr auch fromm und gut? So betet her ein Sprüchlein, sonst schlag' ich mit der Nut'." Die Kinder aber beten, so fromm, wie sich's gebührt, Und haben mit ihrem Sprüchlein den rauhen Mann gerührt. Dann plötzlich hagelt's Nüsse und Aepfel um sie her. Den Brummbär aber sahen die Kinderchen nicht mehr. Wunschzettel zu Weihnachten. Von Polly T i e ck. (Nachdruck verboten.) Haben Sie auch, als Sie noch ein kleines Mädchen, gegebenenfalls ein kleiner Junge waren, stets einen Wunschzettel zu Weihnachten ge- gtrieben, einen Wunschzettel, auf dem alle Träume, alle Sehnsüchte, alle comente jähen Verlangens, schön untereinander und mit Stummem versehen, ausgeschrieben waren? Ich schreibe Wunschzettel, seit ich überhaupt schreiben kann, vorher habe ich sie unserem Mädchen diktiert, unserer, guten, mütterlichen Luise, die wir immer „Isa" nannten — aber seitdem ich einmal — ich muß 5 Jahre gewesen sein —, gemerkt habe, daß Isa die Wünsche, die ihr zu teuer, zu töricht, zu unpraktisch erschienen, einfach wcgiieß oder durch schlichtere Wünsche ersetzte, seither wurde ich mißtrauisch und bemühte m.ch, möglichst schnell selbst schreiben zu lernen. Denn wenn man sich ein Karussell für die großen Puppen wünscht und bekommt statt dessen wollene Söckchen, so ist das gemeiner und unüberwindlicher Verrat. Seit ich selbst schreiben konnte, hielt ich streng darauf, daß ich die numerierte Anzahl meiner Wünsche von Jahr zu Jahr vermehrte, niemals aber kleiner wurde. Hatte ich vorigen Weihnachten 15 Wünsche zusammen und war in diesigem mein gieriges Herz schon beim 12. Wunsche stille, so ruhte ich nicht, bis ich, Federhalter kauend und meine Sehnsüchte grübelnd, die Zahl 15 zum mindesten erreicht, besser aber überschritten hatte. Sagen Sie bitte, finden Sie, daß zwischen dem Wunschzettel dieses kleinen Mädchens und dem, was der erwachsene Mensch vor Weihnachten fühlt hofft begehrt, irgendein Unterschied ist? Mir geht es wenigstens so daß eine ziemlich kindliche Unruhe mich ergreift, wenn die erste Dezemberwoche verstrichen ist und wenn ich den ersten verfrühten Weih- nachtsbaum auf dein Platz vor meinem Hause stehen sehe, werde ich vollends toll. Es wird Weihnachten, denke ich mit einem Gefühl sanftesten Glückes das heißt, daß ein Ast vom Baume anbrennt und die ganze Stube mit unfäg'ich zärtlichem Duft erfüllt, daß man plötzlich an Süßigkeiten Gefallen f.ndet, die man sonst das ganze Jahr nicht anruhren würde daß man mit der schweren und brennenden Frage: „Karpfen oder ©ans’" sich schlaflos wälzt und daß Wünsche nach allen möglichen Dingen, die man bisher niemals vermißte, in einem erwachen und zu brennendster Aktualität wachsen. Kommen Sie her, und lassen Sie uns unseren Wunschzettel schreiben, wie wir es, Federhalter kauend, als Kinder am Arbeitspult getan haben. Ach wir sind auch heute noch nicht vernünftiger geworden, wir wünschen uns' immer noch keine wollenen Söckchen, und vielleicht ist das Puppenkarussell immer noch unser höchster Wunsch. Wir machten diefts Jahr so gerne einmal etwas ganz, ganz anderes Haden, etwas gar nicht praktisches etwas göttlich Unnötiges, etwas, wovon mir uor fünf Minuten noch nicht ahnten, wie dringend wir es brauchen! Wir mochten einmal keine Handschuhe, keine seidenen Strümpfe, kein Konfekt unö (eine Taschentücher haben, und wir bitten unteren Mann unseren Gefährten, unseren Freund so recht von Herzen, seine Phantasie dieses ^ahr e>n wenig mehr anzustrengen, als er es sonst zu tun gewohnt ist Wir möchten zum Beispiel einen ganz riesigen Flakon Eau de Cologne d’Orsay haben und dazu eine Flasche „Narcisse noire , um jenen reinlichen und diesen komplizierten Duft aufs anziehendste für uns zu mischen. Wir möchten einmal ein ganz unsinnig großes Blumenarrangement be- komtnen und möchten einmal nicht hören, baß man das viele Geld nicht für die Blumen auegegeben, sondern uns dafür eine neue, eine geradezu überraschend neue Einführung in die Philosophie zugedacht habe. Wir sind sehr für Philosophie, aber wir denken an die gestickten roten Pantöffelchen in dem alten Japangeschäft und schlucken tapfer eine Träne herunter. Wir wollen nicht die Anspruchsvolle spielen, denn schließlich ist es ziemlich gleichgültig, ob wir btefe Dinge besitzen ober nicht. Wir sind ja doch nie so angezogen, daß wir wirklich wunschlos wären. Nur ein» möchte ich dem Manne sagen, der eine Frau zu beschenken hat, ich möchte ihn bitten: Versetze dich für die Stunden deiner Weihnachtseinkäufe einmal in das Gehirn einer Frau! Es sieht dort nicht sehr ordentlich aus, aber wenn du sie liebst, wirst du dich schon zurecht finben! Vor allem schenke ich bas nicht, was du dir wünschst! Bringe ihr keinen Radioapparat, weil du auf das Hören versessen bist, und schenke ihr keine Stehlampe, weil du beim abendlichen Zusammensein die gemütliche Beleuchtung vermißt! Schenke ihr keine „guten" Bücher, wenn sie Kriminalromane lesen will, denn durch Geschenke sollst du nicht erziehen, sondern erfreuen. Eine kleine Frau erzählte mir einmal von den ersten Weih» nachtsgeschenken, die ihr Freund, damals noch ein armer, kleiner Geiger, ihr brachte, als er nur noch 10 Mark in der Tasche hatte: Er brachte ihr einen alten Familienring seiner Großmutter, eine Kokosnuß und die letzte Nummer eine Modezeitschrift und ein kleines Notizbuch, in dem alle Daten aufgezeichnet waren, die sie zusammen verbanden. Lieder Mann, lieber Gatte, Gefährte oder Freund, schenke nach den krausen Wünschen, die die Frau beherrschen, und glaube mir, daß nur blindes Gefühl, nie aber die lleberlegung, was „nützlich" fei, und was sie „brauche , dich' das Richtige wählen läßt. Aber ich will nicht vergessen, daß Weihnachten nicht nur heißt: „bekommen", sondern auch „schenken" und daß, wenn wir verlangen, daß der Mann sich für uns den Kopf zerbreche, wir damit die brennende Verpflichtung übernehmen, ihn nicht zu enttäuschen, feine Erwartungen zu übertreffen. Wir haben es ja eigentlich kinderleicht, dieses große Kind, das unser Mann immer, vor allem aber um Weihnachten herum ist, glücklich zu machen. Wir haben einen herrlichen, ewig reizvollen und vor allen billigen Ausweg: die Handarbeit. Denn sei unser zu beschenkender Mann ein mit aller 'Nüchternheit dieser Jahre Ausgestatteter — auf den holden und sentimentalen Schwindel der Handarbeit fällt er immer herein. Schenke ihm, sei er Portier eines Kinos ober Direktor einer Aktiengesellschaft — schenke ihm, liebe Schwester, eine Hcmbarbett! Keinen Pyjama von Braun, keine noch so bizarre Krawatte, keinen antiken Schreibtischstuhl und kein Abonnement auf feine Fachzeitschrift werden diesen Ausdruck glücklichster Versunkenheit auf sein Gesicht bringen, wie zum Beispiel eine recht abscheuliche, aus Seide gehäkelte Krawatte ober gar ein gestrickter Schal für den Wintersport mit dazu gehörigen Stutzen. Dein Mann, dein Gefährt, dein Freund wird mit Begeisterung alles enlgegennehmen, wovon er glaubt, daß deine Hände es für ihn machten, daß du in deinem rasenden, unaufhörlich dich beanspruchenden Tag Zeit für ihn sandest. Denn diese Zeit, dieses uns allen verlorengegangene, unersetzliche Gut ist es, was ihn an der Handarbeit so rührt und so glücklich macht. Du hattest Zeit, an ihn zu denken, du mußtest ein paar Stunden stillsitzen, ohne Telephon, ohne Schreibmaschine, ohne Auto — ganz still mußtest du sitzen und sticken, stricken, häkeln und nähen, wie es die Frau seit ewigen Zeiten macht, wenn sie ihren Freund beglücken will. Glaube mir, die Perle für die Krawatte und der Kroyon mit dem Saphir verblassen vor der unmodernen, ewigen Einfalt eines gestickten Sofakissens. Ja, es ist nicht so ganz einfach mit dem Schenken, und wenn man von den „Geschenkartikeln" lieft, die, nach Preiskategorien geordnet, und aus den Katalogen entgegenleuchten, dann kommt man sich in die dunkelsten Zeiten der Jahre nach 1870 verfetzt, in die Zeit, da unsere Großeltern an« fingen, an Stelle ihrer herrlichen Biedermeiermöbel die Geschmacklosigkeiten eines schnellen Parvenütums zu setzen. Wie finden Sie zum Beispiel die Ankündigung eines „Hundes als Nadelkissen mit Zentimetermaß" oder eines „kompletten Geschenkkartons" mit einem Paar Hosenträgern, einem Paar Sockenhaltern und einem Paar Armringen für das Oberhemd? Es läßt sich wohl nicht gut raten, was man in diesem ober jenem Falls schenken soll — aber^ vielleicht läßt sich ber kategorische Imperativ des Schenkens aufstellen: Schenke so, daß du — einmal im Jahr — den Uederkluß vor dem Bedarf, die Sehnsucht vor der praktischen Forderung, befriedigt! Weihnachten ist ein Märchen und im Märchen geschieht auch nicht immer nur, was vernünftig ist. Wir wünschen uns manchmal ein Puppenkarussell, auch wenn wir nicht e i n Paar wollene Söckchen zum Anziehen haben! Knecht säst ohne Unterbrechung bis zum Abend, infoches Nachtessen zubereitete. Aber es war ein wo er sich selbst ein einfaches Nachtessen zubereitete. Aber es war ein Wunder, wie wohl er sich bei dieser Lebensweise suhlte, und wie gut sie ihm bekam. Seine Haut wurde kupserbraun wie bei einem Indianer, seine Bewegungen sicherer, der Blick ruhig und sest. ,,°u wirst auf deine alten Tage ein schöner Mann", staunte die Schwester, „wirklich, alle Mädchen würden sich in dich verlieben, wenn sic dich nur ganz ungemein. .... < Es folgte ein Sommer, wie ihn Heinrich so arbeitsreich, aber auch so voll innerster Befriedigung noch nie erlebt hatte. Er stand früh auf unt) cirbcitcti? tüte ein nkn,i iiniörhrffhittiA hiA juhi zJhpn n. nachqeben. , , . f . , Ein eigenartiger Mensch", dachte er aus dem Heimweg, „sehr sgm- pathisch, aber er scheint sich eine ganz ungewöhnliche Kindlichkeit des Geistes bewahrt zu haben." Und er schüttelte den Kopf. Aber wie sollte ein alter «Pfarrer, der in so viele Menschenherzen hineingesehen hat, sich lange beim Kopfschütteln auf halten? Auch er kam keineswegs auf Den Verdacht, dah er dem Weihnachtsmann bei der Anlegung feines Gartens behilflich gewesen war. . „ , „ Heinrich aber dachte: „Es ist doch merkwürdig, wie weltensern allen anderen Menschen der Gedanke liegt, der mir doch so selbstverständlich und einleuchtend war!" Und er schüttelte seinerseits den Kops über die anderen. Etwas bänglich klapste sein Herz, als er nach langer Heimlichtuerei endlich seine Schwester und seinen Ressen vor das Häuschen führte. Aber die Schwester hatte es schon lange aufgegeben, sich über ihren Bruder zu wundern, und war dazu übergegangen, ihn einfach zu lieben. So sand sie auch das Häuschen mit allem Drum und Dran ganz herrlich und eines Eigentümers würdig und überschüttete ihn mit Lob. Aber Rudi? Würde er seine eigene Geistesschopsung nicht wiedererkennen? — O bewahre, das Häuschen vom Weihnachtsmann war im Himmel, und dies hier gehörte seinem Onkel Heinrich. „Ganz blau! war das erste, was er anerkennend sagte, und bann betrachtete er sehr eingehend die Bilderwerke. Es wunderte ihn nicht einen Augenblick, dah sich hier ein erwachsener Mann sein Haus mit lauter Spielzeug und Süßigkeiten verzierte, — zwar die meisten Großen wußten nicht, was schön und erstrebenswert im Leben war, gaben sich tagaus, tagein mit Dingen ab, die wirklich niemand den geringsten Spaß machen konnten. Aber es mochte als Ausnahme ja auch einmal vernünftige Erwachsene geben. Sein Onkel war entschieden vernünftig, dies Häuschen gefiel ihm zu sehen kriegten." Ach, laß doch die Liebe!" brummte der Bruder, „es ist gerade so schon 1C* Er'liebte seine Einsamkeit, er brauchte die Menschen nicht und sah auch fast niemand. Nur Rudi kam oft klein und einsam zu ihm über den «Berg gewandert, ein Rucksäckchen auf dem Rücken, in welchem er allerhand trug, was er im Auftrage des Onkels in der Stadt besorgt hatte. Dadurch ersparte er ihm manchen zeitraubenden Weg. Und bann arbeiteten sie ftunbenlang miteinanber, Rubi mit seinen kleinen Gartengeräten, ber Onkel mit feinen großen, wortkarg, wie richtige Manner. Wenn sie aber bann nach vollbrachtem Tagewerk frieblich kauend aus dem «Rand der jetzt in Stein gefaßten Quelle saßen, bann öffneten sie beibe weit bie Tore ihres Herzens, ließen frei und luft-g alle bunten Träume herausfliegen, und bie Phantasie bes Onkels stand, was Kindlichkeit und Kühnheit anbetraf, hinter ber bes Neffen duriyaus nicht zurück. Er gab sich keine Mühe, ihn zu verstehen, er ließ sich nicht herab, keineswegs, sondern bies war ganz einfach bie Art von Unterhaltung, bie ihm natürlich und gemäß war. Unb fast mit Beschämung dachte er an früh» e gesellige Unternehmungen zurück,, du lieber Gott, was hatte man da oft für dummes Zeug geredet, über Dinge, die einen auf ber weiten Welt nichts angingen, b«oß. weil eben geredet werden mußte. Hier aber herrschte Wahrheit und Wesenhaftigkeit. Und wieder lauschte er den einfältig weifen Worten seines kleinen Neffen, beffen lautere Silberftimme sich fo glücklich mit den glucksenden Tönen ber Quelle vereinigte. Ernst sah er ihm in bie blauen Augen, bann wieder auf bie immer gleichgeschwungene, ferne, blaue Bergkette unb anroortete bem Kinde aus feinen innersten Herzenstiesen heraus. (Fortsetzung folgt.) ©er Weihnachtsmann. Erzählung von Marie Hensel. (Fortsetzung.! Das Schickfal war ihm günstig unb schenkte ihm noch im Winter ein Stückchen Lanb, wie er sich schöner keines hätte erbichten können. Es war eine Walbwiefe, eine kleine Stunde von der Stadt entfernt, und völlig weltabgefchieben, weshalb auch ber Besitzer feinen befenberen Wert daraus gelegt hatte. Sie war rings von dunklen Tannen umgeben (welch ein Glück, daß es gerade Tannen waren!) unb senkte sich etwas nach Süden. Auf dieser Seite sah man über bie Tannenspitzen hinweg aus eine wundervoll geschwungene Bergkette. Ein paar alte Obstbäume waren schon vorhanden und sogar eine Quelle. Noch während des Winters besuchte er sortwährend sein Land, ging in Schmutz, Wind und Wetter daraus spazieren und verliebte sich in jegliches Ding: in die absonderlich geschwollenen Formen seiner schlecht gepflegten alten Apfelbäume, und vor allem in bas, was sich nicht greifen tiefe: die Stille, die Größe, das Weltverlorene, bas mit diesem Stückchen Land auch ihm gehörte, ober besser, bem er nun angehörte. Heimat, Heimat! tönte es'in ihm, währenb er langsam auf feinem Boden hin und her wanderte. Noch nie war er irgendwo zu Haufe gewesen, außer in ferner Kindheit, und da wußte er nicht, was es war. Nun hatte die Heimatlosigkeit ein Ende. Im Frühling erwuchs dann mit überraschender Schnelligkeit sein Häuschen. Es war wirklich blau, ein prachtvolles, unerschrockenes Blau, wie ein Stückchen herabgefallener Sommerhimmel. Etwas dunkler blau waren die Balken des Fachwerkes, etwas heller bie Felder, in welche, wie in jener Gegend üblich, allerhand Bildwerke weiß eingekratzt waren. Bei der Oberflächlichkeit des burchfchnilllichen Beschauers brauchte er nicht zu fürchten, von diesen Bildern verraten zu werden. (Es kam ja auch so selten jemand vorbei.) Freilich, ein etwas nachdenklicher Spaziergänger hätte am Ende doch den Kops geschüttelt. Da war zu sehen: ein Weihnachtsbäumchen, ein Zweig mit Aepfeln, ein Stern, eine Rute, ein Ball, ein Hampelmann, ein Honigkuchen mit Mandeln — ja sogar ein {[einer Engel mit einem Palmzweig und einem unmöglich häßlich geratenen Gesichtchen war da, und über ber Tür hatte er sich nicht enthalten können, einen kleinen, langbärtigen Monn mit hoher Mütze unb Stock anbringen zu lassen. Ein bieberer Handwerker, übrigens aus einem entlegenen Dorf, hatte bies alles nach bestem Vermögen schlecht unb recht auf die Wände gekratzt, so wie man es ihn geheißen hatte. Er machte sich keinerlei Gedanken, — es gab ja so unendlich viel verrückte Städter! Innen war ber Raum — denn bas Häuschen bestand nur aus einem .einzigen «Raum — bis zur Schulterhöhe mit Holz verkleidet, darüber waren die Wände ebenfalls blau, und auf das Blau hatte er in einer befonberen, von ihm erfundenen Schoblonierung allerhand nicht recht bestimmbare Formen unb Linien angebracht, alles in weiß. Man wußte nicht, waren es weiße Vögel ober Schmetterlinge oder große Schneeflocken. Immer glaubte man etwas zu erkennen und konnte doch nie eine bestimmte Form soffen. Unb fo blieb bie «Phantasie bes aufmerksamen Beschauers in reizvoller Spannung, und wer träumend hier verweilte, wurde durch nichts von den inneren Gesichten abgelenkt. Es war in solcher Stimmung nur ein allgemeines Flirren, Glänzen und Schweben, blau unb weiß, wie bie Wunder eines sonnigen Rauhreistages. Im übrigen enthielt ber «Raum bas, was eben notwendig war, alles so einfach und sinnvoll wie möglich, fo daß der Eintretende sofort von wohltuender Ruhe und behaglicher Sicherheit erfüllt wurde. Den Mittelpunkt bildete ein gewaltiger grüner Kachelherd, bem man sofort bus beste Zutrauen entgegenbringen mußte: er war dem kältesten Wintertage gewachsen Auch der Ofensetzer hätte sich billig verwundern können, daß Heinrich, der doch sonst ein unverwöhnter Monn zu sein schien, eine Backvorrichtung verlangte wie für ein Schloß. Die Ofenröhre mußte übertrieben groß fein, vier Bleche mußten gleichzeitig darin backen können! Du lieber Gott, dachte ber Ofensetzer, will er sich benn an kleinen Kuchen zu Tobe essen? Hat er vielleicht barum die Stabt verlassen, um mitten in ber «Waldeinsamkeit bem Laster besser sröhnen zu können? — Doch erregten ihn diese Fragen nicht allzusehr, und da er ein wortkarger «Mann war, wie viele Ofensetzer, erfuhr niemand etwas von seinem |elt|amen ^Sonft stand da noch ein gewaltiger Tisch in ber Ecke, bahinier eine Bank mit Polstern belegt, auf ber er bes Nachts auch schlief, nut einem uralten Bärenfell zugebeckt, bas schon in seiner Kindheit eine hervorragende Rolle gespielt hotte. Der bumpfige tzellgeruch trug ihm vor bem Einschlafen allerhanb «Silber aus entlegenen Kinberzeiten zu und schaffte ihm gute Träume. ... , Ach, bie erste Nacht in seinem blauen Häuschen, bas erste wohlige Einschlafen unter bem brauneu Fell, bas erste märchenhafte allmähliche Erwachen, — wie seine Augen erst ein wenig stierten und irrten und es dann wie ein Blitz in sein Bewußtsein zündete: Ich bin bei mir! Fast fieberhast zog er sich an, — nicht viel, er war ja so herrlich allein, — öffnete die Türe, unb nun, bie reine, unentbehrliche Morgenluft, bie ihn umspülte, bie blauen fernen Berge, die nahen Tannen mit den vielen braunen Zapfen unb die Aussicht, daß es so lag für Tag fein sollte, wenn er Lust hatte, bis an sein Lebensende! Immer dieser große stille Anblick, nur in immer wechselnden Verklärungen, — Frühling, Sommer, Herbst unb Winter, — seine «Brust hob sich in einem fast bebrängenbem Gefühl von Dankbarkeit, baß ihm fo viel Glück geschenkt würde, gerade ihm und gerade jetzt, wo so viel Leid auf anderen lastete. Lange stand er wie sest gewurzelt aus seiner Echivelle. Dann kehrte er um, und es begann ein sehr arbeitsreicher, aber auch sehr reizvoller Tag, mit erstem Feuerwachen, erstem Haferbrei — bann Drbnen Räumen, Kramen, Hämmern, bis am Abend jedes Ding an een geeignetsten Platz gelangt war. 'Mit drei Schritten konnte er seine gesamte irdi che Habe erreichen, dies Zusammengedrangtsein aller Lebens- notwenbigkeiten befriebigte ihn tief. Kein Laufen, Türöffnen unb Treppensteigen, — nur wenn er in den Keller wollte, mußte er eine Kloppe im Fußboden öffnen unb ein paar Stufen hinuntersteigen. Dort unten sollten neben Kartoffeln und Wintergemüfen feine Aepsel unb Nüsfe bem großen Fest entgegenfdjlafen. . , .. Ja, es war gut in seinem Häuschen unb wurde immer noch besser werben. In langen, stillen Abenbstunben würde er freundliche Hausgeister bannen unb anfiebeln, würbe es ihnen heimisch machen, woraus er sich verstand, unb sie würben ihm dankbar sein unb ihrerseits wohltätig die Hütte durchgeistern. liefbefriebigt kroch er unter sein Varensell. Am nächsten Morgen sollte bie Arbeit im Freien beginnen. Ein alter Pfarrer, der leidenschaftlicher Obstzüchter war, leitete seine ersten Schritte. Er hatte Freude an seinem Schüler, — Heinrich besaß viel Geschicklichkeit und praktischen Sinn, auch schon einige gelegentlich gesammelte Erfahrungen. Vor allem aber hatte er jene gefühlsmäßige, ahnungsvolle, sozusagen mütterliche Wesenheit, die immer gleich fpurt, was Mensch, Vieh oder Pflanze braucht, um zu gedeihen. Eine ernstere Meinungsverschiedenheit gab es nur einmal ganz im Ansang, als man über die zu pflanzenden Obstsorten beriet. — Heinrich zeigte dabei ganz merkwürdige, fast kindliche Gesichtspunkte. Rote Aepsel wollte er haben, rote, möglichst blanke Aepsel, und war durch nichts von den Vorzügen der Grauen «Renette, des Grünen Richard zu überzeugen, bie ihm der «Pfarrer fo eindringlich anpries. Nein, rote, glänzende Slcpfel, allenfalls noch gelb mit roten Backen. Auch mit den Nüssen konnten sie sich nicht recht einigen. Es sei unrentabel, meinte ber Pfarrer, so entsetzlich viele Walnußdoume zu pflanzen unb überall Haselnußhecken anzulegen. Was er denn mit all ben Nüssen wollte? „Ich esse sie leidenschaftlich gern", sagte Heinrich errötend, „und dann wissen sie, die Bauernkinder werden mir ja doch das meiste wegstehlen! Zweifelnd sah der «Alle ihm ins Gesicht, mußte aber doch schließlich Caspar David Friedrich. (Ein Meister der romantischen Malerei. Von Carl Georg v. M a a tz e n. Bei dem Brande des Münchner Glaspalastes gingen neun Bilder des 1774 zu Greifswald geborenen, in Dresden tätigen Malers Caspar David Friedrich zugrunde. Eine erschreckend hohe Zahl in Hinsicht auf die nicht allzuvielen, die uns von ihm bekannt sind. Schmerzt uns auch der Untergang der sechs schönen Schwind schen Werke, so haben wir doch bei all den andern Malern, mit Ausnahme von Joseph Anton Koch, von dem ebenfalls neun Bilder verbrannten, keine so zahlreichen Berluste zu verzeichnen. Bon Runge verbrannten nur drei, von Kersting nur ein Werk. Aber gerade diese verlorenen neun Friedrichschen Bilder werden seine Freunde, und diese sind im Laufe der letzten Jahre immer zahlreicher geworden, niemals verschmerzen können. Friedrich, von so manchen seiner romantischen Zeitgenossen bewundert und verehrt, wurde schon bald nach seinem 1840 erfolgten Tode vergessen. Es lag lange, bereits 35 Jahre zurück, daß ein Friedrichsches Gemälde preisgekrönt worden war, und daß sich Goethe zwei Land- schastszeichnungen von ihm gekauft hatte. Noch im Juli 1816 hatte fich Goethe bei Louise S e i d l e r nach ihm erkundigt, mit der Bitte um Wolkenstudien, und ihn schönstens grühen lassen; aber bald war es um den Maler stiller und stiller geworden, schon zu seinen Lebzeiten mußte er das Schicksal so mancher Großen erleben, übersehen zu werden bis zur völligen Nichtachtung. Neuentdeckt wurde er erst vor kaum 30 Jahren durch den „Kunst- wart", der damals der künstlerische Erzieher für unzählige aufstrebende Talente war. Im September 1902 überraschte er seine Leser mit der Wiedergabe zweier der schönsten Friedrichschen Bilder, und als er ein Jahr später ein paar weitere brachte, schrieb die Redaktion dazu, daß die ersten beiden ersten Reproduktionen ein viel größeres Interesse erregt hätten, als sie selbst je annehmen konnten, nicht nur bei dem breiteren Publikum, sondern auch bei Künstlern, Kunstgelehrten, ja sogar bei den Kunsthändlern. Im Laufe der Zeit brachte der „Kunstwort" noch mehr Bilder dieses einzigartigen Malers. Es waren wohl Ludwig Richters „Lebenserinnerungen" gewesen, durch die er auf Caspar David Friedrich aufmerksam geworden, denn Richter gehörte mit noch andern jungen, aufstrebenden Talenten zu Friedrichs enthusiastischsten Bewunderern. Zu ihm sprachen diese „ganz originellen, poetisch gedachten und tief melancholischen Landschaften" auf eigene Weise, und während die älteren Professoren über diese „Ketzereien oder Narrheiten" lächelten, begannen die von ihm begeisterten Jungen ihn nach Kräften nachzuahmen. Ludwig Richter suchte sich eine Zeitlang, wie er sich ausdrückte, „einzureden daß das Höchste für die Landschaftsmalerei in solchen symbolisierenden Naturbildern erreicht sei, welche abstrakte Gedanken durch Landschaften versinnbildlichen", aber all seine eigenen Versuche auf diesem Gebiete mißlangen, so daß er, „obwohl mit einiger Verzweiflung .wieder auf seinen alten Weg zurückkehrte. Er erklärte das aber für em Gluck. , Denn", sagte er, „jene dämmernde, mystizierende Richtung war mir nur durch Reflexion angeflogen und nicht meiner innersten Natur entsprungen." Wir Heutigen wissen es, daß dieser nordische Romantiker Caspar David Friedrich nicht nur ein Einzelgänger, sondern überhaupt em Einziger »war, der an Feinfühligkeit und Tiefe alle, die sich aus fein Gebiet wagen wollten, weit überragen mußte. ... Ungemein fesselnd berichtet auch Wilhelm v. K u g e l g e„n in seinen weitverbreiteten „Jugenderinnerungen eines alten Mannes" über ihn. Auch Kügelgen hält ihn für ein Genie und meint, daß dergleichen Bilder früher nicht gewesen und schwerlich je wiederkommen wurden. Er nenn ie sonderbares Zeug", denn einfach, ärmlich, ernst und schwermutsvoll- glichen diese Phantasien Ossians Liedern, deren Stoff Nichts st, als Nebel Bergeshähe und Heide. Unter ollen ihm bekannten Friedrichschen Bildern hatte Kügelgen ein Lieblingsstäck, das ein junges Kiesernböum- chen im wirbelnden Schneetreiben darstellte: „Dichter Schnee lag obendrauf und fußhoch darum herum. Darunter aber, im Schutz des Nadeldaches, war es sehr heimlich. Da war der Schnee nicht ^gelangt, da schliefen die Kinder des vergangenen sommers Heidekraut und welke Halme und ein paar zufammengekrochene schneckenhanschen im hegten ^'ätber trotz feinen Bewunderern in der Künftlerschaft hatte Friedrich nur ein sehr kleines Publikum, er blieb unverstanden vielleicht nur des- hold. weil er das liebte, was die meisten Menschen fliehen nam'ich die Einsamkeit War er doch selbst ein Einsiedler, fast menschenscheu. Zurückgezogen lebte er in größter Dürftigkeit. Er war em^eigenarttger Mensch, fdion in der äußeren Erscheinung. Von stattlicher tfigur trug er einen ungeheuren Kosakenbart und hatte große dunkle Augen. Dabei war ihm °ln zarter kindlicher Sinn eigen und eine unendlich- Gute, »ein Atelier konnte was Einfachheit betraf, nicht übertroffen werden: eine Staffelei, ein Stuhl ein Tisch, über dem als einziger Wandschmuck eine einsame Reißschiene hing, van welcher niemand begreifen konnte, wie sie zu der Ehre kam Selbst die Malutensilien befanden sich in einem ^“.enrnu™- benn der Künstler war der Ansicht, daß alle äußeren Gegenstände die Bilderwelt im Innern störe. Bei der Arbeit trug er einen langen grauen N^tenwntel der bezweifeln ließ, ob sonst noch etwas darunter sei, und stineFreundewuKn. daß dies nicht der Fall war. Das alles berichtet Auch der"Romantiker Isidoras Orientalin, unter welchem Pseudonym ®raf Otto Heinrich v. Soeben schrieb, hat sich einmal an sthr versteckter Stelle über Friedrich geäußert. Er gehörte ß.uden^g Dresdner „Wasserpoeten", zusammen mit Friedrich Kind, Theodor H eil, -n ° . ft i h Moisburg u. a., und schrieb neben wenigen lalerüoo.len allerlei krauses verworrems Zeug. E. T. A. Hofsmann macht »einmal über ihn lustig, weil Soeben die Bezeichnung der Klarmette daher ab- leitete daß s>- klar und nett sei. Das steht tatsächlich in dieses Dichters Sotosbfötter." (Bafiberg 1817), und in eben diesem Buche findet sich 'auch eL? Bemerkung übe°r Caspar David Friedrich, nusncchinsweise gor nicht so unrichtig ist. Soeben sogt: „In des Malers Friedrich Werstn sehen wir die Landschaften Betrachtungen des inneren Lebens werden, eilt allgemeines Streben aUegorifieren, und bedeutsame Bewahrer einer geheimnisvolleren Runenschrift der Natur fein. Sie schließen sich der Poesie näher an. Ihr innerstes Wort ist nicht Freude und Frohgefühl, sondern Sehnsucht und tiefsinniger Ernst. Es ist, als sprächen sie: Einst blühte die Kunst und der Mensch. Wir eilen und sterben, und der verklärte Scheideblick sagt das Geheimnis des Lebens, das wir gelebt, und die Hoffnung, die sich in uns roiebergebiert. Bald weicht der Tod, und das Labyrinth ist durchwandert, und nicht fern ist die Heimat." Nicht weniger unbekannt als dieser Ausspruch Loedens mag eine Erinnerung sein, die der Romantiker Friedrich Baron de la Motte F o u g u k in feiner kleinen Schrift „Goethe und einer feiner Bewunderer" (Berlin 1840), die viel Biographisches enthält, aufgezeichnet hat. Im Jahre 1822 hatte Fougus den Maler Friedrich in seinem Atelier besucht, und Fougus bemerkt bescheiden, daß der Künstler ihn „würdigte", ihn darin herumzuführen. Dabei fragte jener den Dichter: „Finden Sie mich denn auch fo einförmig? Man sagt, ich könne durchaus nichts malen als Mondschein, Abendrot, Morgenrot, Meer und Meeresstrand, Schneelandschaften, Kirchhöfe, wüste Heiden, Waldströme, Klippentäler und ähnliches. Was meinen Sie dazu?" — „Ich meine", antwortete FouguL, „daß man unermeßlich vieles in dergleichen Gegenständen malt, wenn man denkt und malt wie Sie." „Von Ihnen", sagte Friedrich darauf, „sprechen die Leute ja auch. Sie könnten von nichts anderem fingen als von Religion, Rittertun und Minne. Wollen Sie denn aber von was anberm fingen?" — „Nein, gewiß nicht", entgegnete Fougus. — „Nun also!" meinte mit tiefer Befriebigung in ber Stimme der Maler freundlich. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Cafpar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Aber in Goethes Haus mußte sie gleich: die Treppe hinauf — ins Junozimmer — ins Arbeitszimmer. Dann stand sie an der kleinen Tür, fah hinein in den kleinen Raum, in dem er entschlafen. Ja — Goethe verpflichtet. Wieder dachte sie es. Und nun überfiel es sie: die Pflicht rief ja. Wie spät mochte es fein? Wirklich schon nach elf. Wo war nur die Zeit geblieben — im Weimarträumen, im Goetheerinnern? Sie eilte zum Hotel. Sie wollte sich noch umziehen. Sie mußte doch niedlich fein, wenn sie zu Fleischmann ging, zu ihrem Herrn Direktor. — Dann wurde alles voller Enttäuschungen. Fleischmanns Bureau war ein Loch, ein winziger Raum, den ein Schreibtisch, ein Schrank und zwei Stühle fast restlos füllten: dazu ein Raum von einer Nüchternheit, die alle Illusionen erschlug. Und Gertie, sonst selbst nüchtern, hatte heute Illusionen. Fleischmann hatte keine Zeit. Gertie hatte auf etwas gerechnet, was mit dem Begriff: „Empfang" verwandt war, auf irgend etwas Feierliches, Außergewöhnliches. Statt besten mußte sie erst eine halbe Stunde auf einem zugigen Flur warten, nachdem ihr der Theaterbiener erklärt hatte, bah ihm ber Name „Gertie Rose" gar nichts sage. Dann fah Fleischmann, als sie endlich bet ihm eintrat, kaum auf. „Sie sind da, Fräulein", sagte er wie beiläufig, „schön — schön, freut mich." Sie । stand da, wußte nichts zu erwidern, schwieg. Da erhob er sich doch ein I wenig und streckte ihr die Rechte entgegen. „Willkommen also. Hosfent- ‘ ijch werben Sie sich in Weimar wohlfühlen. Haben Sie schon Quartier?" I — „Ich bin noch im Prinzenhof." — „Prinzenhof", wieberholte er mechanisch, .sehr schön". Er sah schon roieber. „Kann ich Ihnen noch mit irgenb etwas bienen?" fragte er, unb Gertie fühlte, baß diese Frage völlig belanglos unb maschinenmäßig herauskam. Sie faßte trotzbem Mut. „Herr Doktor Büchner sagte mir, Herr Direktor, daß Sie mich für eine bestimmte Rolle ..." Fleischmann hob noch einmal den Kopf. — „Ach so — aber natürlich", unb bann schrie er: „Querholz!" und noch einmal: „Querholz!" Eine Tapetentür öffnete fich. Ein hagerer Mensch trat ein: das schüttere Haar langsträhnig, bas blasse Gesicht verfallet, bie schmalen Schultern vorgebogen: -rS)err Direktor?" ,2)05 ist Fräulein Rose, Querholz. Geben Sie ihr ein Exemplar von ,Man nennt sie Bebe". Er fah zu Gertie auf. „Die Bede werben Sie spielen. Hoffentlich können Sie's ouch. Wann bie ersten Proben sind, steht am Brett." Wieber erhob er sich etwas. „'Morsen!" ! Gertie wußte nun: sie war hier entlassen. So folgte sie dem Schmal- schultrigen durch die Tapetentür und kam in einen zweiten Raum, der zwar etwas größer, aber gleich nüchtern war. Hier saß eine Dame an einer Schreibmaschine. „Fräulein Markert", machte Querholz mit einer Handbewegung : bekannt, worauf bie Dame aufftanb. Gertie ging auf sie zu, gab ihr die Hand. „Gertie Rose", sagte sie. — „Angenehm", erwiderte bas Fraulein unb bann: „Qh, ich weiß!" Was sie wußte, war aber Gertie nicht gleich klar. . Herr Querholz war an seinen Schreibtisch getreten. „Ach, Fraulem Rose", meinte er, „das Buch kann ich Ihnen erst morgen geben. Wir haben keine Exemplare mehr hier, bie finb noch in Arbeit. Aber sogen Sie es bem Herrn Direktor nicht. Er ist sowieso schon so schlechter Laune. Und allzu sehr wird's Ihnen ja nicht pressieren. Es hat noch gute Weile mit den Proben." — Also: kein Empfang, keine Rolle unb mit Proben hatte cs noch Zett. Mit hängendem Kopf verlieh Gertie bas Theater. Sie hatte eigentlich um ein Billett für heute abenb bitten wollen, aber ber Mut zur Bitte war ihr in ber Umgebung versunken. Unb ihr Mut sank noch tiefer, als sie auf der Wohnungssuche von einem Haus zum andern gehen mußte. Entweder waren die Zimmer, die ihr angeboten wurden, muffelig und düster, ober die Wirtinnen machten Ausflüchte, sowie sie hörten, bah Gertie vom Theater sei. • Die Zeit verging im Straßauf-, Straßablaufen, im Spähen nach Vermtetungsschildern, die sehr spärlich an Fenstern und in Vorgärten hingen. Dabei fühlte Gertie immer mehr, daß ihr jede Uebung zu diesem einfachsten aller Lebensvorgänge fehlte, zu diesem Mieten eines Zimmers. Sie wußte sich im Hotel zu benehmen, sie konnte mit dem Kellner verhandeln, gewiß, aber wenn sie einer Vermieterin gegenüberstand, wurde sie rot, als ob sie etwas Unrechtes tun wollte. „Wie falsch bin ich doch erzogen", dachte sie, als sie in ihr Hotel zurückkehrte. Sie K sich einsam, verlassen. Sie setzte sich in ihr Zimmer, starrte in »ämmerung und hatte Sehnsucht nach einer Hilse, nach Führung. Sie überlegte: soll ich an Queis telephonieren? — soll ich Peter nach Jena drahten? Sie wußte: der eine würde kommen, wie der andere. Aber dann stand sie plötzlich auf, schaltete das Licht ein, daß es ganz hell im Zimmer war. „Quatsch!" sagte sie laut zu sich selbst, „allein will tch's schassen." Sie fühlte plötzlich, daß sie Hunger hatte, und begriff: Die ganze innere und äußere Schlappheit kam nur aus dem leeren Magen. So zog sie sich um, ging hinunter in das Hotelrestaurant, studierte mit Sicherheit Speise- und Weinkarte, bestellte und wußte nach dem ersten Bissen und dem ersten Glas Wein: morgen bekommst du deine Wohnung und deine Rolle. Man muß nur wollen: was gehen mich die schlechte Laune vom Direktor und die bleichen Gesichter dieses Herrn Querholz und dieses Fräulein Markert an? Richtig, es glückte. Um elf Uhr am nächsten Morgen hatte Gertie ihr Zimmer, sogar ein sehr nettes in einer Villa am rechten Jlmufer, Jenaer Straße. Allerdings hatte sie sich hinter den Portier des Prinzenhofs gesteckt, ihn gefragt, ob er etwas wüßte. Er hatte ihr die Adresse genannt: eine Osfizierswitwe, früher sehr wohlhabend, in der Inflation aber hatte sie alles verloren und das Haus war ihr letztes: und um es zu halten, mußte sie vermieten. Das alte Lied. Als Gertie sagte: „Der Portier vom Prinzenhof hat mir Ihren Namen genannt, gnädige Frau", war die alte Dame sofort bereit, fragte auch gar nicht weiter nach dem Zweck von Gerties Aufenthalt. Während der Hausdiener des Hotels ihr Gepäck über die Ilm schaffte, ging Gertie wieder ins Goethe-Theater. Diesmal sicherer. Sie drückte die Klinke zum Sekretariat energisch herunter und forderte: „Mein Buch bitte, Herr Querholz, und bann möchte ich eine Karte für heute abend haben." „Karten müssen schriftlich beantragt werden, Fräulein Rose." „Dann geben Sie mir einen Zettel, damit ich es aufschreiben kann!" Gertie sagte das ziemlich laut denn ihr kam es heute plötzlich töricht vor, daß sie nicht einmal einen Platz in dem Theater haben konnte, an dem sie engagiert war. Und das Laute wirkte: Querholz stand auf: „Ich kann ja ausnahmsweise so fragen", und verschwand hinter der Tapetentür. So bekam sie nicht nur ihren Platz, sondern Fleischmann ließ sie auch zu sich hineinrufen. Er begrüßte sie lächelnd. „Sie scheinen ja eine energische, kleine Dame zu sein", sagte er, „aber das schadet nichts. Duckmäuser haben es noch nie. vorwärtsgebracht. Also heute abend kommen Sie ins Theater und in der Pause auf die Bühne. Da kann ich Sie gleich mit ein paar Kollegen bekanntmachen. Passen Sie gut auf. Ich will spater ein Urteil über die Vorstellung von Ihnen. Aber ein ungeschminktes, ehrliches, verstehen Sie?" Gertie nickte. „Gut denn", fuhr der Dicke fort, „werden Sie sich bis Donnerstag ein Bild der Bebs gemacht haben? Ja? Dann kommen Sie um drei hierher. Ich will vor der Arrangierprobe die Rolle erst einmal mit Ihnen allein durchgehen." * Geheimrat Dannegger machte einen feiner Jnfpektionsgänge. Diesmal durch das Motorenwerk. Eigentlich sollten diese Chefbesuche die Abteilungen überraschend treffen. Aber diese Ueberraschung bestand nur in der Ueberjeugung des Herrn Geheimrat selbst, und auch da stand nicht fest, ob er wirklich an sie glaubte, ob er nicht wußte, baß alle seine Ausgänge und Ausfahrten sofort vom Verwaltungsgebäude oder von der Garage telephonisch weiterberichtet wurden. So stand Werkmeister Krüger bereits empfangsbereit in der Nähe des Eingangs der Halle HI, nachdem er vorher den Arbeitern zugerufen hatte: „Der Alte kommt". Den meisten war dieser Zuruf höchst gleichgültig. So arbeiteten sie ihren Strich weiter: einer werkte dem anderen zu, tat seinen Griss, seinen Schlag, seine Lötung, seine Drehung wieder und immer wieder, um bann das Werkstück weiterzuschieben zum Nächsten, der den nächsten Griff oder Schlag, die nächste Lötung ober Drehung tat: Arbeit am taufenben Band. Unb in biefer Arbeitskette stand Peter Weiher, stand» dort feit vierzehn Tagen, Tag um Tag acht Stunden, und setzte, wie seine Arbeltskameraden um ihn her, Schraubenmuttern aus bestimmte Schraubenköpfe unb zog sie fest. Er mußte in ber Stunbe einhunbertunbachzig Schraubenmuttern aufsetzen und festziehen: das war die geforderte Mindestleistung. Er hatte 14 Tage lang täglich achtmal einhunbertachtzig Schraubenmuttern durch seine Hände gehen lassen. Anfangs war das ewige Gleichmaß bitter gewesen, dann hatte ihn eine unendliche Ermüdung gepackt, die einer Gleichgültigkeit gewichen war: jetzt war der Wunsch in ihm: weg von diesen Schrauben hier und nur zehn Schritte weiter nach rechts zu den Leuten, die die Kolben in die Buchsen schoben, ober zehn Schritte nach links, wo bie Zünberkerzen eingepaßt würben. 2(ber zehn schritte links unb zehn Schritte rechts standen gelernte Arbeiter, und er wußte wohl: er war ein ungelernter Arbeiter. Doch er sagte sich: noch ein ungelernter Arbeiter. Denn er lernte, lernte gründlich, bei jeder Schraubenmutter, lernte bie Arbeit ehren: bas war bas eine. Lernte sich selbst beherrschen, bas war bas anbere. Und sah lernend mit offenen Augen durch die Halle. Er hatte jenen rechts unb links schon längst ihre Griffe abgesehen unb nicht nur biefen. Auch benen, bie vor unb hinter ihm arbeiteten. Unb dem Werkmeister unb bem Borarbeiter. Er wußte: wer hier zum Hanbwerklichen noch ben Kopf mitbringt, ber kann weiterkommen. Nur wollen muß er. Und Peter Weiher wollte. An Gertie Rose nach Weimar hatte er geschrieben: „Die erste Lohntüte hat noch nicht dreißig Mark enthalten, denn an der vollen Woche fehlten anderthalb Tage. Aber das Geld hat mir mehr Freude gemacht, als die vierhundert Mark, die ich einstecken konnte, als ich einmal einen Autoverkauf vermittelte. Die paar Kröten in der Tüte, die habe ich mir wirklich selbst verdient, unb nicht leicht verbient, bas können Sie mir glauben. Ich habe manchmal seh an Sie unb Ihre Mahnung denken müssen, damit ich den Krempel nicht hinwarf. Hier hat mir keiner geholfen, unb bas war nur gut so. Allein beißt man sich am besten burch. Sie werben es in Weimar auch noch kennenlernen..." Peter Weiher war einer von ben wenigen, die auf ben Ruf „Der Alte kommtl" aufhorchten. Ob sich Dannegger wohl noch seiner entsann? Ein paarmal roanbte er ben Kopf, blickte nach bem Eingang. Aber ba kam schon bie Mahnung seines Nachbarn: „Was wachste denn heute? Denkste, ich will auf dich warten?" Hundertachtzig Schraubenmuttern in der Stunde. Da blieb keine Zeit, an Dannegger zu denken und nach dem Eingang zu sehen. Dann schob sich eine Gruppe an seinem Blickfeld vorbei: Der Geheimrat, begleitet vorn leitenden Ingenieur und von noch zwei Herren, gefolgt vom Werkmeister Krüger. Ganz langsam ging die Gruppe: nach allen Seiten sah der Chef, blieb hier stehen und dort, sprach mit diesem Arbeiter und mit jenem. Einmal glaubte Peter: jetzt kommt er auf mich zu, aber es war ein Irrtum. Nur daß ber Nachbar wieder schalt: „Laß dich doch nicht burch ben Ollen stören. Am Hallenausgang aber blieb Dannegger stehen unb winkte sich den Werkmeister heran. „Hören Sie mal, Krüger, ich habe Ihnen ba boch neulich einen Arbeiter zugeschickt, Weiher heißt er unb arbeitet in ber Schraubenabteilung; brüben am Band 6 im Gang D. Ich habe ihn da eben gesehen. Wie macht der sich denn?" Der Meister mußte einen Augenblick nachdenken, er sah in die Halle zurück, hinüber zum Gang D unb zum Band 6. Dann nickte er plötzlich: „Ach ben Peter meinen Herr Geheimrat. Das ist ein orbentlicher Kerl. Ein bißchen feine Finger hat er anfangs gehabt, aber bas hat sich schon gegeben. Und so seine eigenen Jbeen hat er manchmal, als ob er ben Betrieb verbessern will." Dannegger stutzte: „Was heißt das? Will er etwa politisch..." Sofort fiel der Meister ein: „Nein doch, Herr Geheimrat: nicht doch politisch. Hier im Betrieb, technisch, möchf ich fast sagen. Bringt er sich am dritten Tag zum Beispiel ein Stück blaues Zeugs mit und näht sich vor Arbeitsbeginn eine Tasche vorn auf feine Arbeitsschürze unb stopft bie voll Schraubenmuttern. Na, bie Muttern lagen bisher boch auch ganz bequem, aber er erklärt mir: .Ein Griff weniger, Meister? Na, dagegen konnte ich nichts sagen. Aber der Erfolg ist, daß alle am Band 6 solche Taschen auf die Schürze haben wollten. Bloß nähten sie sich's nicht selber." „So!" sagte Dannegger unb sah nun auch auf Gang D zurück. „Hat er noch etwas gewollt?" „Gewiß, Herr Geheimrat. Er behauptet, bie Laufbahn müßte mindestens fünf Zentimeter hoher gelegt werden: sie ständen alle piel zu krumm in der Schraubenabteilung. Aber das ist natürlich Unfinn? mir arbeiten doch überall an neunzig Zentimeter Tischhöhe: das ist doch das erprobte Maß." Jetzt geschah etwas Merkwürdiges, was in den Werken sehr selten vorkam: Der Chef kehrt« noch einmal um unb ging zum Gang D zurück. Dort ftanb er eine ganze Weile still beobachtenb, währenb vor ihm bie Arbeit lief. Schließlich winkte er sich ben leitenben Ingenieur heran. „Wissen Sie, baß biefer neue Arbeiter recht hat? Recht mit seinen Taschen und recht mit seiner Arbeitshöhe? Machen Sie morgen einen Vorschlag, wie wir, ohne bie Arbeit zu unterbrechen, hier bie Laufbahn heben können." . Er nickte bem Werkmeister zu unb verließ bie Halle. Ein paar Tage später lag ein neuer Antrag bes Motorenwerkes auf bem breiten Schreibtisch Sanneggers. Diesmal hcmbelte es sich um Verbesserungen ber Beleuchtungsanlagen. Der Geheimrat las ihn burch, los ihn noch einmal, schüttelte den Kopf: fünf Jahre hatte bie Beleuchtung im Motorenwerk boch genügt, warum jetzt plötzlich dieser Antrag, ber viel Geld verschlang. Er hob den Hörer vom Fernsprecher und bestellte sich den leitenden Ingenieur. Der konnte nicht viel hinzusügen: der Wunsch sei von der Belegschaft ausgegangen, der Werkmeister hätte ihn unterstützt, und bie Prüfung hätte ergeben, baß bie Anlage wirklich verbesserungsfähig sei. „Der Antrag enthält ganz bestimmte Vorschläge', sagte Dannegger. „Haben Sie diese ausgearbeitet?" „Rein, Herr Geheimrat, biese Vorschläge sinb von ber Belegschaft über ben Betriebsrat vorgelegt worben." „Rachbem fünf Jahre sich keiner barum gekümmert hat? Merkwürbig. „Ich habe mich auch gerounbert, Herr Geheichrat." — Nun ließ sich Dannegger ben Werkmeister kommen. Der Alte war über fünsundfünfzlg Jahre in ber Firma, aber ben Weg ins Verwol- tungsgebäube machie er nicht gern. So stieg er auch biesma!_bcforgt bie breiten Treppen hinauf, machte mit Brägels erst noch ein «chwätzchen, ehe er sich melden ließ, wollte wissen, was für Laune her Geheimrat habe, wer schon im Vortragszimmer gewesen sei unb ob Brägels nicht wisse, um was es sich heute bei ihm handeln könne. Es tat ihm wohl, das Ungewisse noch ein wenig hinausschieben zu können, und war es auch nur für Minuten. Aber bann ftanb er boch, bie Mütze in ben Händen brehend, vor seinem Chef und hörte dessen Frage: „Was ist das mit dem neuen Antrag aus Halle III, unb wie ist er zustanbe gekommen?" (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Der lag: Brühl'sche Univ ersitätS-'Luch» und Steindruckekei.R. Lange. Gießen.