SiehenerzamilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang<931 Freitag, denU-September Nummerrij September. Von Günther Wendt. Nach Grummet duftet süß die Luft Und herbe nach Kartoffelkraut. Di« letzten Haferstiegen sind Im Felde draußen aufgebaut. Die Dreschmaschine summt und brummt Im Takt ein altes Erntelied. Und vor der Peitsche scharfem Knoll Ein Schwarm von dreisten Spatzen flieht. Ermüdet fchafft noch ein Gespann Vom Felde still der Ernte Rest. Und mancher rüstet schon im Dorf Sich dankerfüllt zum Erntefest. I Mädchen und Burschen schmücken sich Das Kleid zu frohem Spiel und Tanz, Die Alten flechten am Kamin Erinnerung und Erntekranz. Gänseeier im Gehirn. Von Hans F a l l a d a. > • (Alle Rechte im Rowohlt-Verlag.) Auf dem Lande hatte ich einmal einen Chef, dem saßen im Kopf mehr grappen als einem durchschnittlichen Hofhund im Fell Flohe. Zu diesen einen Grappen gehörte es auch, daß er auf seinem Hof keine Polizei ehen konnte. Nun ist ja auf dem Lande jo einiges an Dieberei gefällig, ia fehlt ein Sack Hafer, das Schrot schmilzt dahin wie Schnee im ipril, aber Hannes Tiedemann sagte: „Das erledige ich schon selbst. Dazu braucht mir kein Grüner auf den Hof zu kommen." Und er erledigte es selbst, der wackere Tiedemann, und wie er seine Keinen Hof-, Feld-, Wald- und Wiesendiebe erledigte! Das Beste dabei W, daß auch die Herren von der langen Hand nach dem anfänglichen terger selbst grinsten. „Und sie gingen dahin und sündigten dergleichen l icht mehr." Da wuchs uns auf unferm Hof ein junger sächsischer Knabe heran, klbin Fleischer hieß er, in den Zwanzigen, und er melkte die Küh. Das leiht genau so, er melkte sie nur, wenn ihm der Staat gerade Zeit dafür liefe, der schon früh durch eine ausgedehnte Fürsorgeerziehung in Albm Fleischer den Grund zu mancherlei Kenntnissen und Fertigkeiten gelegt lette. Und als die Bestätigung dieser Fertigkeiten Albin wieder einmal itne längere staatliche Pension eingetragen hatte, und als dann seine ,>eit um war und er wieder hinaus gelassen werden sollte, da sagten fe im Zentralgefängnis Altholm: „Ja, wohin mit ihm? Lassen mir ihn : li laufen, dann klaut er doch gleich wieder." Und da Hannes Tiedemann trofeen Ruf im Lande Pommern genoß, so schrieben sie einfach auf den Entlassungsschein: „Arbeit als Stallschweizer bei Herrn Gutsbesitzer Jo- iannes Tiedemann in Fern-Varnkewitz." Da stand er nun an einem gänzlich verregneten Tage triefend naß lei uns im Bureau und erklärte uns im schönsten Sächsisch: „Heern toe, Ith soll hier de Giehe malten". I Tiedemann besah sich dieses Bündel Menschenwerk und sprach: „Da hipp du man de Käuh!" Und von Stund an war Albin Fleischer bei uns Stallschweizer. Eine Weile ging es mit ihm gut, aber bann trat die Liebe dazu, zu <1 ner Kätnerstochter Mathilde im Dorf, und nun wurde es schlimm. Da l’gte Hannes Tiedemann ... Aber ich merke leider, mit Albin Fleischer habe ich das falsche Ende deiner Geschichte zu fassen bekommen, und ich muß noch einmal von vrne anfangen. , . Frau Tiedemann war eine kleine fixe Frau. Sie flitzte in der Meiere, l"d im Geflügelstall herum wie ein Wiesel, l-des Huhn konnte sie und mußte, wann es dran war mit Eierlegen. Aber ihr Stolz waren ihr Wfe. Und über diese Gänse wurde sie eines Tages schwermütig denn <5 war Frühjahr und sie mußten eigentlich E,er legen. Und sie taten Frau Tiedemann grübelte sich in einen tiefen Kummer hinein: was mar los mit ihren Gänsen? Sie legten und sie legten nufet $ßie|o Urnen i tune Gier? Lag es am Futter? Hatten sie zu wenig Kalk? Frau Tiedemann blieb in einem Grübeln. Und eines Tages sagte sie aufgeregt zu ihrem Hannes: „2)u, Hannes, die Weihe mit dem grauen Stutz hat heute bestimmt gelegt. Und wie ich in den Stall komme, ist kein Ei da. Sie schimpft, einer hat es ihr geklaut. Daß so ein armes Biest keine Sprache hat! Diese Räuber ..." Und sie sah drohend über den Hof. Tiedemann bemerkte: „Da bist du selbst dran schuld, mein Mitten. Hundertmal hab ich dir gejagt, mach deinen Hühnerstall dicht. Aber da steht ja alles offen." „Alles ist dicht", protestierte sie. „Alles ist offen", sagte Hannes Tiedemann. „Vergangenen Donnerstag, als die Klütenjuppe angebrannt war, bin ich selber drin gewesen und hab vier Hühnereier ausgetrunken." „Du bist das gewesen!" schrie sie. Aber er ist schon weg. Nun bekommt der Stellmacher zu tun, Drahtgeflecht wird gekauft, enges, engeres, ganz enges. „Sie Hühner gehen in den Safe", sagte Tiedemann. Aber es hUft alles nichts, es bleibt Baisse in Gänseeiern. Frau Tiedemann lebt unter immer stärkerem Druck, sie schläft nicht mehr, sie fängt an, vom Fleisch zu fallen. Eines Tages explodiert sie, sie bestellt den Landjäger. Sie bestellt ganz einfach den Landjäger und sie sagt es Tiedemann. Tiedemann ist paff. Aber ersammelt sich: „So ein Grüner kommt mir nicht auf meinen Hof. Den bestell man wieder ab." Sie protestiert: „Was nimmst du ewig solch pollackisches Gesindel auf den Hof." „Pollacken sind augenblicklich grabe nicht ba. Alles gute Pommern", sagt er und wirb plötzlich nachdenksam und bricht ab. Nach einer Weile wieder: „Also den Grünen bestellst du ab. Du kriegst deine Gänjeeier wieder." „Ader ..." Aber Tiedemann ist schon weg. Tiedemann zieht es in den Kuhstall, Tiedemann geht in den Kuhstall. Dort ist es vormittäglich still und friedlich. Die Schweizer sind nicht da, sind beim Futterholen, die Kühe stehen und liegen, wie es ihnen Spaß macht. Sie sehen dabei einander an, immer zehn Stück reife auf, reifeab schauen einander an, zwischen ihnen läuft der Futtergang. Der hinterste Futtergang an der Mauer ist nicht benutzt. Dort haben die Schweizer ein paar Ballen Streustroh liegen, alte Futterkrippen, der Rübenschneider steht dort, lauter Schnurr-Murr. Tiedemann ist tiefsinnig. Er geht gangauf, gangab, manche Kühe sagen Muh, manche kauen nur. Tiedemann kommt auf den leeren Futtergang. Er raschelt durch das Stroh, nun ist der Futtergang beinahe zu Ende, Tiedemanns Fuß stößt im Stroh an was. Er bückt sich, er wühlt das Stroh ein bißchen auseinander: ein etwas starker Osterhase, was? Elf Gänseeier. Da soll der Donner ..." Tiedemann steht und denkt. Das Garn ist leicht auszuheddern: ba ist einerseits Albin mit Vorkenntnissen, anberfeits Mathilde, die Kätnertochter aus dem Dorf. Einfache Vorgeschichte, man könnte die Gier nehmen und zur Frau bringen ... Aber wie der Tiedemann so dosteht und auf die Gier glotzt, ba ist es, bafe sich die Grappen in seinem Kopf rühren, die dicken Brummer brummen durch fein Gehirn. Sachte wühlt er das Stroh wieder zu. Alles hat feine Zeit, auch Gänseeier. Tiedemann geht über den Hos zurück zum Gutshaus. Auf dem Hof trifft er mich. Ich bin so eine Art Mädchen für alles auf diesem Hof, ich führe die Bücher und schreibe die Briese, ich löhne die Leute und gebe das Futter aus. Tiedemann bleibt vor mir stehen und sieht mich glupsch an. „Sie können ja wohl Englisch lesen?" fragt er mich. „So getragen und weihevoll wie «in Pastor?" „Das kann angehen, Herr Tiedemann", sage ich. „Und Sie haben was Englisches zum Lorlesen?" fragt er mich. „3a", meine ich zögernd. „Eigentlich nicht. Nur so englische Verse von einem Omar Khayyam." „Omar? Ist das Englisch?" „Das ist ein Perser", sage ich. „Aber ein Engländer Fitzgerald ..." „Hören Sie lieber auf", winkt er ab. „3ch habe heule morgen noch keinen Kognak getrunken. Das Leben ist schon kompliziert genug. Fünf Minuten vor Sechs gehen Sie mit Ihrem englischen Perser in den Kuh- stall und langen sich den Albin. Mit dem kommen Sie bann zu mir auf meine Stube." „Wird gemacht, Herr Tiedemann", sagte ich und er geht weiter, ins Gutshaus, zu seinem vormittäglichen Rührei mit Speck und einem Kognak. Fünf Minuten vor Sechs bin ich im Kuhstall. „Albin, sollst zu Herrn Tiedemann kommen." Um sechs Uhr abends im zeitigen Frühjahr muß man schon Licht brennen, auch Hannes Tiedemann brannte in seinem Zimmer Licht, aber wie sah es aus! Rot sah es aus, geheimnisvoll sah es aus, mystisch war bas. lieber alle Glühbirnen hatte Tiedemann rotes Papier gemacht, das Licht war trübe und schwer, es wehte einen an: sprich leise hier. Auf dem roten Eichentisch stand eine Extralampe mit der roten Glühbirne aus der Dunkelkammer, daneben stand der große Lehnstuhl. „Setz dich hierhin, Albin", sagte Tiedemann sacht und betrübt. „Setz dich hierhin, mein Jung." „Herr Tiedemann —", fängt Albin an. Aber Tiedemann drückt ihn auf seinen Platz. „Nicht ganz hoch genug. Dein Kopf muß grade in der Höhe von der roten Birne [ein. Warte mal..." Und er schleppt ein dickes Buch an. „So, jetzt langt es." „Herr Tiedemann ..." fängt der Junge wieder an. „Pssst", macht Tiedemann. „Kein Wort. Sonst geht es nicht.' Der Junge ist still. Ich bekomme meinen Platz ihm gerade gegenüber, am Tisch, und Tiedemann stellt sich neben ihn, so daß der Kopf von Albin zwischen Lampe und Tiedemann ist. Stille. Tiefe Stille. Die große Uhr macht unendlich langsam Ticke- Tacke. Das Licht ist geheimnisvoll rot. Tiedemann räuspert sich: „Fangen Sie man an, Fallada." Ich fange an. Meine Aussprache des Englischen ist nicht schön, ich habe Englisch in Leipzig von einem sächsischen Lehrer gelernt, so was verwächst sich nie. Aber an diesem Abend war ich weit über meinem sonstigen Standard. Es war vielleicht kein korrektes Englisch, es war eine mystische Sprache, aus Urmenschentagen. Ich fing an mit dem Vierzeiler: „Oh, Thou who Man of baser Earth didst make ...“ Tiedemann schüttelte ernst den Kopf: „Noch nicht ganz das Richtige. Bitte weiter. Etwas Stärkeres." Ich fuhr fort: „There was a Door to which J found no Key... „Gut. Das ist das", sagte Tiedemann und bauz! nahm er von seinem Schreibtisch ein Riesenteleskop, so einen Fernkieker, ganz aus Messing, wie ihn die Seeleute früher hatten. Setzt das Ding dem Jungen an die Schläfe, der zuckt. Sitzt wieder totenstill. Hannes Tiedemann kiekt durch. Ich lese: „Ah, my beloved, fill the cup that clears to-day of past Regrets und future Fears —“ „Albin", fragte Tiedemann mit Grabesstimme. „Albin, an was denkst du?" Albin ist blaß und still. „Du denkst an den Kuhstall, Albin, du denkst an den Futtergang. Du denkst an den letzten Futtergang an der Wand..." „Indeed, indeed, Repentance oft betöre J swore ...“ „An das Stroh denkst du, Albin, was dort liegt. Du denkst ... warte, warte ... Herr Fallada, feftel Lauter, Herr Fallada! Du denkst Ganz schrill: „Albin, Albin, wie kommen die Gänseeier in dein Gehirn — V Totenstille. „Albin!!!!" Und da kommt es, leise und zermalmt: „Herr Tiedemann, Herr Tiedemann, ich will's sagen: ich hab sie gestohlen. Herr Tiedemann, ich hab sie gestohlen." „Fallada! Laufen Sie. Du lügst ja, Jung. Sehen Sie im Kuhstall nach. Im letzten Futtergang. Im Stroh." Ich laufe schon. Da find sie. Die Jacke aus. Die Jacke voll Gänseeier. Zurück. Albin starrt blöde auf die Eier. „Ich hab sie gestohlen ... ich stehl hier nie wieder ... „Geh, mein Sohn Albin", sagt Tiedemann. „Es ist in Ordnung. Es ist alles glatt.“ An der Tür macht Albin Halt, er stockt den Kopf von außen wieder herein: „Ich zeig Sie an, Herr Tiedemann, bei der Polizei. So was ist Vergewaltigung,' von so was kann man verrückt werden." „Raus!", sagt Tiedemann nur. Albin ist nicht zur Polizei gegangen. Albin ist nicht einmal vom Hof fortgegangen. ',2llbin melkt weiter die Kühe. Ich glaube, Albin hat nie wieder bei uns geflaut. Im Dorf so ein bißchen, dafür will ich keine Hand ins Feuer legen, aber die konnten ihn ja auch nicht durchleuchten. Das konnte nur Tiedemann. Freund Clifton. Von Frank H i g h m a n. In Louisville war es. Wir waren von Padueah den Ohio aufwärts gekommen und beschlossen, in Kentuckys Hauptstadt einige Rasttage zu verbringen. Meinem Weggenossen war ein leichter Unsall zugestoßen, und wir mußten solcherart die Heilung seines verletzten Beines abwarten. Der Patient lag gewissenhaft verbunden in einem Zimmer des Missouri- Hotels, und ich ging in das Gebäude der Albany-Bank, um die nötigen Mittel für den Aufenthalt in der Zivilisation zu beschaffen. Bei den Schaltern herrschte reges Leben, schwitzende Clerks schossen wie besessen herum, und über allem lag die schwüle, wie vergiftete Geld- atmvsphäre. Ich wartete gerade bei dem Milchglasfenster mit der Aufschrift „bis 100 Dollar", als sich einige Schritte von mir eine tiefe Stimme vernehmen ließ: „Himmel, Wolkenrausch und Bombenkratzer, ich fresse meinen Kopf, wenn Sie nicht das reizendste Mädel sind, das mir je über den Weg gekrochen ist!" Ich fuhr herum. Einige tausend Meilen von Louisville entfernt, hoch oben im Norden, dort wo der Pukon seine eisigen Fluten durch die Goldfelder Klondikes wälzt, hatte ich vor Jahren genau denselben merkwürdigen Fluch von genau derselben Stimme einige Wochen hindurch wohl hundertmal am Tage zu hören bekommen. Clifton Healles galt unter den Goldgräbern von Plaxton Creek als Original. Er war immer auf der Suche nach neuen Claims, und nichts hielt ihn länger als ein Monat an einem Orte. Sollte es möglich sein, daß er nun nach Louisville verschlagen worden war? Vorerst sah ich von dem Sprecher nur den breiten Rücken, da er seinen Kopf zu dem unsichtbaren „reizendsten Mädel" durch das Schalterfenster, das die Bezeichnung „über 10 000 Dollar" trug, gesteckt hatte. Als meine Angelegenheit mit der Bank erledigt war, fand ich ihn noch immer in derselben Stellung vor. Endlich zog er sich zurück und drehte sich um, Ja, es war der alte Clifton, aber wie sah er aus! Seine gedrungene Gestalt steckte in einem großkarierten hellbraunen Basaranzug, dazu trug er hellgraue Halbschuhe mit monströsen Seidenschieisen und einen hellen Melon, der zwar momentan durch die Fensterleiste des Schalters eingedrückt,' aber dies war nicht der schlechteste Eindruck an ihm. In Cliftons Fassade steckte eine große gelbe Chrysantheme, in der einen Hand hielt er ein dickes Bündel grüner Tausenddollarnoten und in der andern einen ziegelroten Regenschirm. „Du kommst geradewegs von Wanamaker, hast aber vergessen, dich rasieren zu lassen, nicht wahr, Clif", sagte ich. „Himmel, Wolkenrausch und Bombenkratzer, ich fresse meinen Kopf, wenn das nicht der lange Tintenfisch ist, der mir damals in Plaxton dreel den hohlen Backenzahn mit einer vierzölligen Lachsangel herausgewuchtei hat", gröhlte er und verzerrte feine stachlige Visage zu einem Grinsen, vor dem ein Steuerbeamter wachsweich geworden wäre. „Hast du einen Haupttreffer gemacht, ober warst du bei Rockeseller zu Besuch, als er gerade nicht zu Hause war?", fragte ich mit Bezug aus das Bündel Tausender in seiner Pranke. Eine Viertelstunde später saßen wir in Mutter Hardys Bar, und Clifton erzählte mir, daß er in Alaska Glück gehabt hätte und die Frucht angestrengter Jahre nun über neunzigtausend Dollar fei, welche er in guten Anweisungen der Hudson Bay Company mitgebracht Hades Mutter Hardys Gin war verteufelt stark. Vorerst schwatzten wir noch von allem Möglichen, kramten gemeinsame Erinnerungen aus, doch allmählich verstummte das Gespräch, und jeder grübelte seinen eigenen Gedanken nach. Elision lächelte selig vor sich hin, doch plötzlich spuckte er in die Lust und meinte dann tiefsinnig: „Die Leute, die die Sprichwörter machen, sind weltfremde Abendrot- gemüter, da sie sich aber ihre himmelblaue Vergißmeinnichtseele nicht selbst gezimmert haben, verzeihe ich ihnen ihr stupides Gewäsck). Doch diese öligen Burschen, die immer und ewig, zu jeder Tages- und Nachtzeit, mit derlei ungereimtem Zeug herumwerfen, wie mit faulen Kürbissen, diese syrupschnauzigen Wirklichkeitslästerer mit den giftgrünen Betonherzen, soll samt und sonders der Teufel holen. Well, das ist meine Meinung! Und wenn ich jetzt den honigsüßen Storekeeper Smith bei der Hand hätte, dy Jove, der ginge auf kein Fest mehr! „Ich kenne zweihundertachtundvierzig Smiths, davon sind einige Dutzend Storekeeper, welchen meinst du also und was hat dir der liebe Mann so Furchtbares getan?" fragte- ich so nebenhin, denn ich mar Cliftons Gepolter schon von früher her zu gewöhnt, um darüber noch sonderlich erstaunen zu können. „Der Smith, den ich meine, wohnt in North Dakota, Vincent heißt das Settlement, am Red River, einige achtzig Meilen von Pemdina entfernt. Ich kam vor fünf, vielleicht sind es auch schon sechs Jahre, von Minnesota dort hinüber. Abgerissen und ausgehungert, keine neft= und federnlose Schleiereule hätte damals mit mir getauscht. Ich klopste an das erste Haus, dessen ich ansichtig wurde. Daraus öffnete mir ein Mann mit einem semmelblonden Umhängebart, eben jener Smith. Nachdem ich ihm über meine verzweifelte Lage genügend oorgejammert hatte, meint er salbungsvoll: „Auch die Dornenkrone wird einmal zum Ehrenkranz, mein lieber Bruder!" Er war aber doch so einsichtsvoll, zu verstehen, daß ein, auch noch so schönes Sprichwort für einen leeren Magen nur ein sehr matter Trost ist, darum versetzte er mir sofort noch eines,: „Das Leden ist ein Baum, dessen Frucht oft bitter ist, geliebter Freund! Nun dachte ich natürlich, der Bursche habe einen ausgesprochenen Sprichwörterkoller und antwortete demgemäß demütig: „Oh, Herr, was du auch Gutes getan, vergiß — und tue Besseres!" Darauf sah er mich verblüfft an, dann raspelte er: „Ersticke den Wunsch nach dem, was andere haben, verehrter Bruder!" In dieser Tonart ging es eine Weile fort, ich bekam noch eine Unmenge ähnliches Zeug zu hören, bis mir die Geduld riß und ich ihm sagte, daß er ein dreckiger Geizhals und mit feinem semmelblonden Umhängebart genug gestraft sei, denn wenn ich so eine borstige Matratze im Gesicht hätte, würde ich mich sofort erschießen. Das machte ihn wahrscheinlich etwas böse, denn er warf die Ture zu, und ich mußte wieder hungrig weiterwandern. „Nun, und? wieso ärgerst du dich jetzt, nach fünf ober sechs Jahren so urplötzlich über diese Episode?" fragte ich lachend. „Weil der bleiche Leisetreter damals noch ein Sprichwort verzapft hat, das eine hundsgemeine Lüge ist. Und, daß dem so ist, bin ich erst jetzt draufgekommen. Er hat nämlich auch behauptet: Reichtum ist eine Last! Nun sage mir ehrlich, sehe ich aus, als hätte ich an einer Last zu schleppen? Hast du den Eindruck, als wäre ich über meine vielen Dollars unglücklich?" Nein, den hatte ich bestimmt nicht. Elis war die verkörperte Glückseligkeit. Als ich ihn fragte, was er nun mit feinem Wohlstand beginnen werde, wurde er schwärmerisch: , „Hier, in Louisville, bleibe ich selbstverständlich. Mir gefällt es da ausnehmend gut, mußt du wissen. Irgendwo wird sich schon ein nettes Häuschen, hintenhinaus mit einem kleinen Garten, finden lassen. Dann kaufe ich mir blaue Filzpantoffeln mit gelben Quasten, mein ganzes bisheriges armseliges Leben lang habe ich meinen Füßen weiche tfujJ* Pantoffel gewünscht, und eine große Hawaiigitarre. Außerdem wird ein Niggerkoch engagiert, der von früh bis abends knusprige Hamandeggs fabrizieren muß, welche angenehme Tätigkeit ich auf der Gitarre pim5 mungsDoU begleiten werde. Das find keinerlei ordinäre Ausbauversuche und doch riesig nobel!" Nach zwei Monaten sollte ich ihn Wiedersehen. Er hatte bereits das nette Häuschen, hintenhinaus mit (Barten, die Filzpantoffeln, den Niggerkoch und die Hawaiigitarre. Außerdem steckte tu feiner schillernden Krawatte ein Diamant, größer als der Kohinoor, nur nicht ganz so echt. Wir hatten nämlich bei unseren weiteren Streifzügen Pech gehnaf- Meines Wandergenossen kaum geheiltes Bein war wieder, sei es daß öie Ueberanstrengung ober bas feuchte Klima West-Virginias schuld war, rczitiv geworden und wir mußten zuruck in die Zivilisation. Nun reichten aber unsere Mittel gerade noch für die Bahnfahrt, weiter nicht. Wohin also? Da siel mir Freund Clifton ein, und wir dampften nach Louisville. Mein erster Weg war zu ihm. Und nun muß ich gestehen, daß ich mich damals sehr wenig taktvoll benommen habe. Aber das Schrecklichste daran ist, daß ich so verworfen bin, diese Affäre bis heute noch nicht bereut zu haben. Kein halbes Prozent davon! Also ich ging zu Clif, stellte ihm unsere mißliche Lage äußerst drastisch vor und bat ihn um fünfzig Dollar, die ich später von Neuyork aus zurückzuzahlen versprach. Und was tat Clifton? Zuerst fuhr er sich bedächtig über seine Igelfrisur, dann rückte er seinen Krawatt^nglasscherben zurecht und sprach also: „Mein lieber Freund, ich habe es mir zum Prinzip gemacht, keinerlei jugendliche Torheiten zu unterstützen. Darlehen, speziell zinsensreie Darlehen, sind der Grabstein jeder ehrlichen Freundschaft!" Und jetzt komme ich auf meine Taktlosigkeit zu sprechen. Hätte er nämlich nichts weiter gesagt, gut, ich hätte ihm wortlos den Rücken gekehrt und wäre gegangen. Aber er hatte sich bemüßigt gesehen, zum Abschluß seiner fchönen Rede mahnend einen seiner Wurstelfinger zu erheben und mir «in salbungsvolles: „Spare in der Zeit, so hast du in der Not", entgegenzusäuseln. Nun, und da habe ich ihm eine gelangt, die für zwei Generationen gereicht hätte... Spanische Schenke. Von H. R o e s e l, Madrid. Jedesmal, wenn ich Don Joss treffe, kommt er, nach einer sehr herzlichen freudigen Begrüßungsszene, die nichts an Lebhaftigkeit einbüßt, wenngleich wir uns erst vor kaum ein paar Stunden getrennt haben, mit dem Vorschlag, „ein wenig in den Schatten zu gehen", was so viel heißen soll als: „Gehen wir einen Kleinen heben". Das ist ihm nun nicht abzuschlagen, um so weniger, wenn der Tag sehr heiß ist, wir beide wenig zu tun haben und Jose meistens mehr zu erzählen hat, als eigentlich ein gewöhnlicher Sterblicher allein erleben kann. " Ob Klein- oder Großstadt, in Spanien sind diese „Tabernas“ so dicht gesät, daß auf Straßen, und hätten sie nur fünf Hausnummern, immer noch drei solcher Schenken kommen. Sie variieren nur zuweilen etwas, je nachdem sie ihre Wände gekalkt, mit Tapeten beklebt ober mit Kristall- jpicgeln verkleidet haben; ob sie nur wenige Sorten billiger Weine in Gläsern zu 10 Centimes ausschenken, ober ob sie schon diverse Schnäpse sühren, ober gar sich mehr aus ben Kaffeebetrieb verlegen. Aber auch noch in ben besten Cafes in ben vornehmsten Straßen wirb man burch bie Monbere Art ber Bebienung unb bas allgemeine Bebürfnis, alles auf den Boben zu werfen (Aschenbecher, eine Seltenheit übrigens, werben, (obalb sie voll finb, einfach auf ben Boben entleert) an den Urtyp dieser Schankbetriebe, an die „Taberna“ erinnert. Don Jose meint aber, wenn er von einem „Schatten"-Platz spricht, "nur diese meist ein paar Stufen unter ber Erbe liegenden Tavernen. Cr fchob [einen Arm unter ben meinen unb zog mich um bie Ecke. Ein„ paar Schritte weiter blieb er an einer buntlen Desfnung stehen, „louden , rief cr noch, es nützte aber nichts mehr, ich war bereits mit dem Kopf gegen den niebrigen Türrahmen gerannt unb wäre auch noch bie brei Stufen chinuntergesallen, hätte Jose mich nicht aufgefangen. Ich ftanb wie mit Wlinbheit geschlagen; ber Uebergang aus bem blenbenben, schmerzenben Sonnenlicht ber Straße in ben bämmerigen Raum ber Schenke kam zu Plötzlich. Einige Augenblicke lang konnte ich nichts wahrnehmen als ein xaar Gestalten, bie sich im Nebel bewegten. Allmählich gewohnten sich t)ie Augen an bas Zwielicht, ber Bartisch und der dahinter beichastigte Mann gewannen Form und Umriß. Der Raum, kaum vier Meter breit, sechs tief unb gerabe so hoch, daß ein aufrecht stehenber Mensch nicht mit dem Kopf gegen bie Decke stößt, hat keine weitere Einrichtung als ben Bartisch, sechs an ber Wand vufgestellte Weinfässer, eine Bank und zwei Tische mit Hockern für besonders hartnäckige Zecher. Das Wichtigste ist die Bar, der Schenktisch, immer in ber Nähe des Einganges, sozusagen von ber Straße aus erreichbar. Ein Kasten, ber aus unbegreiflichen Grünben gerne so hoch gebaut wirb, baß ein etwas klein gewachsener Spanier gerabe noch darüber hmwegsehen kann. In ber Mitte ist ein kleines Wasserbecken emgelaffen, links stehen ein paar Gläser, rechts einige 2-Liter-Flaschen mit verschiedenen Weinen, bamit ber „Barkeeper" nicht genötigt ist, febes Glas einzeln von ben Fässern zu holen. Der Mann hinter ber Theke kennt seine Kunben er roeif) genau, roer einen Roten nimmt und wer nur einen Weißen trinkt. Noch che die Begrüßung vorbei ist, hat er schon ein ®.as im Wasserbecken oesch unb aus ber entsprechenden Flasche vollgegossen. Ein paar Leute standen chon um ben Tisch, bie ihrerseits ben Neuankömmling begrüßten, b I fiten, erzählten. Jeder ist begierig, seine Neuigkeiten loszuwerben unb rrembe zu erfahren. Die kleine Kneipe ist der Umschlaghafen für alle Nachrichten unb Vorfälle. Die Atmosphäre bulbet keine Absonberung, m wenigen Minuten ift jeher mit jebem bekannt. Jrgenbwer irgendwen schon einmal irgendwo getroffen; nützt dieser direkte Weg nichts, l s u>h bestimmt ein gemeinsamer Bekannter als SBtnbegheb ber S ' chaft. Don Jose ist in seinem Element. Er hat mich ^men Bekannten oorgestellt, bie mich morgen schon, wenn ich treffen foüte wie einen jahrelangen Freunb .begrüßen werben. Schatten Wem unb ein Paar Freunbe, Gründe genug, um hier eine falbe ®tunbcine ganze unb noch länger zu stehen. Unb biefe leichte ^t der Geschäftigkeit wiederholt sich am Tage ein paarmal in anderen Schenken ober a Kaffeetischen. Aber zur ^Ehre biefer lebhaft gestikulierenden Sjeunbe fet gesagt, baß hier vor ein paar Gläsern Wein ober cor: einer Alse Kaffee °st Geschäfte abgeschlossen werben, in einem Ufnfang, wie ste vielleicht Mischen ben nüchternen Bürowänben nicht zustande rammen waren. D,e Tavernen unb bie Cafes ersetzen manchem einen ^cr Danblungsraum. Hatten hoch vor kurzem alle Gaste eines Cafes, bas beabsichtigte, eine Musikkapelle anzustellen, dagegen protestiert, mit der Begrünbung, baß biefer Lärm sie recht empfinblich in ihren Gesprächen stören würbe. Die sechs Fässer hinten an ber Wand enthalten ben „corriente blanco und tinto“, ben gewöhnlichen weißen und roten Landwein. Dann darf der etwas mildere „Valdepenas“ und ber herbe „Manzanilla“ nicht fehlen. Ist gerabe bie Zeit bazu, wirb auch ein Faß „Moscatel“ lagern. Dem „Jerez“ barf man in einer solchen Umgebung nicht zu sehr auf ben Zahn fühlen; man trinkt ihn besser hort, wo ber Wirt es nicht nötig hat, seine Reinheit burch bie Anrufung aller Heiligen zu bestätigen. Don Jvsch ber in solchen Dingen bestimmt «in Kenner ist, verriet mir, baß man ben Wein vorziehen soll, ber längere Zeit in Schläuchen lagerte; er gewänne burch bie Verharzung biefer Schläuche einen angenehmen, herben Geschmack. In ben Vorstädten und auf dem Lande sind diese Schläuche aus Ziegen- und Schafhäuten noch in allen Kneipen zu finden. Es ist ein etwas merkwürdiger Anblick, diese Behälter, wenn sie noch voll sind, in einer dunklen Ecke liegen zu sehen, wo sie dickbäuchig alle- vier Beine, sauber vernäht unb verharzt, von sich strecken. Nur eines ist zum Abzapfen nur mit einem Strick umwickelt unb wirb burch eine Seine, bie mit einem Gewicht an ber Wand verbunden ist, etwas hochgehalten. Der Wirt bindet auf, zieht das Bein etwas herunter unb gießt ben Krug voll. Sv war es wahrscheinlich schon zu Abrahams Zeiten, so hat es Don Quijote erlebt, und so ist es heute noch. Don Jose ist nicht locker zu kriegen. Die fünf Leute um den Schenktisch debattieren schon seit einer Stunde über bas Währungsproblem, unb obwohl fünf Lvfungen vvrliegen, können sie sich genau so wenig ent- scheiben wie ber Finanzminister selbst. Seher hat seine Meinung schon mit einer Runbe bekräftigt, unb sie finb im Begriffe, eine zweite anzufangen, ber sich Don Jose, sei es, um feine Meinung zu oerteibigen, fei es aus Höflichkeit nicht entziehen kann. Inzwischen haben sogar bie Gesichter an ben Tischen im Hintergrund gewechselt. Jetzt sitzen ein Kutscher und ein Straßenbahnschaffner zusammen, bie aus ihren Taschen Käse unb Brot ziehen, um bei einem Glas Roten zu vespern. Dicke Rauchschwaben ziehen burch ben Raum, ber Boben ist mit Zigarettenstummeln übersät, von draußen bringt ber Lärm ber Straßenbahnen, bas Hupen ber Autos, bas Geschrei ber Zeitungsjungen herein. Eilige Passanten werfen ein 10-Cent-Stück auf ben Tisch und trinken ihr Glas Weißen. Der Mann hinter dem Bartisch, in seiner blauen Schürze, bie Aermel hvchgekrempelt, klappert mit ben Gläsern, füllt unb leert bie Flaschen, hat für sehen ein paar Neuigkeiten unb finbet noch Zeit genug, unzählige Zigaretten bazwi- fchen zu rauchen. So geht bas von morgens neun Uhr bis nachts 1 Uhr, zwei Uhr ober noch länger, wie es ben Gästen gefällt. Die Polizei respektiert bas Unterljaltungsbebürfnis ber Bürger. In ben ärmeren Stabtteilen, an ben ßanbftrafjen unb in Dörfern und kleinen Städten, wo diese „tabernas“ und „fondas“ gleichzeitig das Restaurant ober bie Volksküchen ersetzen müssen, wird man zu jeder Tageszeit einen Teller mit weißen Bohnen und Stockfisch bereit finden, die Universalnahrung aller, deren Tagesverdienst 7 Pesetas nicht übersteigt (und das ist bie Mehrzahl ber spanischen Arbeiter). Hier gibt es «in „Menu", bestehen!) aus weißen Bohnen, Brot unb Wein für 6Ö Centimes. Der Preis erhöht sich aber, wenn mehr als zwei Fettaugen ober gar eine Speckschwarte auf ber Suppe schwimmt. Ein Stück eingetrockneter Schafkäse wehrt sich verzweifelt gegen bie vielen Fliegen; hinter einem Tuch hängen ein halber Schinken unb einige verschimmelte Würste, bie schon Generationen überlebt zu haben scheinen. Hat ber Wirt aber schon höhere Prätentionen, so steht schon neben bem Bartisch ein Rost, auf bem im Handumdrehen ein paar Hammelkvteletten gebraten werben können. Ober er hält ftänbig eine Pfanne mit fiebenbem Del unter Feuer, in der alles, was bas Hunberte von Kilometern entfernte Meer an Eßbarem liefert, schmort: kleine Fische unb Fragmente größerer Krabben, Krebse, Tintenfische, Schnecken unb Aale. Für ein paar Centimes erhält man auf einem Stück Papier einen gehäuften Berg biefer Meerwunber. Befvnbere Hinweise auf solche Garküchen-Schenkbetriebe finb meist überflüffig, man wird sie finden, wenn man den über ber ganzen Straße lagernben schlechten Oelgerüchen nachspürt. Die Sonne steht schon sehr tief, als Don Jose sich enblich verabschiebet. „Nun, seid ihr einig geworden?" fragte ich ihn. „Heute noch nicht", meinte er, „aber so ein Problem läßt sich auch nicht in einer Sitzung lösen." Nun, davon bin auch ich überzeugt; denn wie ich bie Spanier kenne, weiß ich, baß es ihnen nicht so sehr um bie Lösung einer Sache zu tun ist, als um die Debatte barüber. Lorenz Gcheibenhart. Erzählung von Wilhelm Raabe. Mit Genehmigung ber G. Grvte'schen Verlagsbuchhanblung in Berlin. (Fortsetzung.) (Nachbruck verboten.) Zwei Sinben beschatteten bas Haus zum (pringenben Roß und viel schattig Gebüsch wuchs hie und da im Gärtlein und luftige Bänke und Tische waren ausgestellt. Da sangen und jauchzten bie Trinker unb Spieler, ba rollten bie Kugeln über ben Boben, unb von Zeit zu Zeit schaute Jungfer Sufanna, bes Wirts Walter Roben Töchterlein, hinter dem Weinstock vor, ber ihr Fenster verspann. Unb Jungfrau Sufanna war ber halbe Schatz, ben ich mir zu meinem Weh unb tommenber großer Not auserwählt hatte! — Wirb mir heute noch ganz seltsam zumute, wenn ich an bie Stunb’ gebend, wo ich ihr zum erstenmal ben blauen Steinkrug mit bem weißen Roß reicht' unb sagte: „Mit Verlaub, Jungfrau Sufanna, wollt' Ihr wohl nicht so gut fein, mit Euren roten Lippen mir vorzukvsten? Euere Äuglein haben mich schier oerblenbet. Ihr tätet mir wahrlich einen großen Gefallen, wenn Eure Sippen biefes Kruges Ranb berühren wollten. Gesegne's Euch Gott!" Da trat ber alte Wachtmeister Ranbolf lachenb herzu, schlug mich auf bie Schulter, baß ich fast in bie Knie sank und sagte: „Ei, Schwarz- rödlein, hat's auch getroffen? hat's eingeschlagen? ’s ist wahr, Jungfer Susann', Eure schwarzen Augen sind gefährliche Singer! Seine Fürstliche Gnaden sollten Euch auf einen Wagen setzen lassen und mit sich führen gen Braunschweig, da wollten wir das großmäulige Bürgergesindel bald ausräuchern. Jungfrau Susann', Eure Aeuglein könnten die grausam dunkeln Gewölb' im Krokodilenberg warm und hell erleuchten. Sie brennen Lederkoller durch und Eisenküraß!" Lange Zeit war ich um die schöne Maid herumgeschlichen, wie der Kater um den heißen Brei, war wohl eine böse Stund', in welcher mir erlaubt wurde — weiß nit von wem: war kein menschlich Wesen! — sie anzureden und ihr den Krug zu bieten, denn viel Jammer hat es mir nachher gebracht, und haben all die Kriegsjahre die Erinnerung an ihre Untreue und an ihren Tod nicht in mir verwischen können. Weiß nicht, wie es kam, aber an die ersten Wörllein und Blicke, die wir gegeneinander taten, hing sich eine ganze Kette von andern, die von Tag zu Tag, von Woche zu Woche immer zutraulicher und heimlicher wurden, bis zuletzt — O Jungfrau Susanna, Jungfrau Susanna, wie habt Ihr an mir gehandelt? .♦.. Auf dem hohen Wall der Dammfestung stehen drei Linden und unter ihnen lag auf einem Gestell das große Geschütz, der „eiserne wilde Mann" genannt. Da haben wir oft an den schönen Frühlings- und Sommerabenden gelehnet und gesessen, Hand in Hand und uns vor dem aufgehenden Mond und den silbernen Sternelein viel süße Heimlichkeiten anvertrauet und uns Treue geschworen, bis an das kühle Grab und drüber hinaus, und die Nachtigall, die in der Linde allnächtlich sang, hat ostmalen geschwiegen, als wolle sie unfern Schwuren horchen. Aber die Nachtigall hätt' auch bald viel anderes erhorchen können, wenn sie nicht einer von des Herzogs Leibpagen erschossen hält' mit der Armbrust. Als der Herbstwind die Blätter von den Linden riß, da ahnete ich der schönen, losen Jungfrau Untreue schon, und als die ersten weißen Flocken herabfielen, da waren ihre Schwüre verweht und Verblasen — da sagte sie mir, daß sie einen andern lieber hätt' als mich. Die schönste Blum' im Garten mein. Die hat der Sturm zerbrochen; Das schönste Wort im Herzen dein. Ist in den Wind gesprochen! D falsche Lieb, o böse Lieb! Was von der Welt noch übrig blieb. Ist eitel Trauer und Grämen! War im Sommer ein Reiter eingeritten in das Neuetor und hatte vorher an der Schenk' zum springenden Roß angehalten und sich einen Trunk reichen lassen aufs Pferd, der hieß mit Namen Levin Sander und war damals ein schmucker Bursch und ein landfahrender Abenteurer, der Dienste nehmen wollt' bei dem Herzog. Ist später aber ein kaiserlicher Rittmeister und berufener Parteigänger worden. Der kriegt die Susanna zu sehen, und der hat mich armen Schreiber ausgestochen. Kunnt' mein schwarz Gewand nicht bestehen vor seinem spanisch geschlitzten Wams und seinem Federhut, und wenn ich auch ein wenig den Horatius lesen könnt', so verstand er doch ausländisch zu parlieren wie ein Welscher — o Jungfer Susanna! Jungfer Susanna! „Laß ab, laß ab, Kindl" sagt' mir mein fromm Mütterlein, die damals aus ihr letztes Schmerzenslager, auf ihr Totenbett zu liegen kam, wenn ich mit Tränen in den Augen und geballten Händen kam, ihr mein Leid zu klagen. „Tröst' dich, tröst' dich! Geh' wie Gold aus dem Feuer! Es mag sich eine andere Treuere finden, es mag sich eine andere Schönere finden." Sie hatte gut reden: wo ist der Plattner, der gegen einen solchen Schmerz einen Harnisch schlage? — Herr Franciscus Algermann könnt' mir auch keinen Rat geben, und wenn er mir auch Tag und Nacht, um mich zu mir selbst zu bringen, die bittersten Episteln und Proklamationen gegen die Stadt abzuschreiben gab, und ich darauf loskritzelle, daß es mir schwarz und blau vor den Augen wurde, und ich den Schreibkrampf in alle Finger kriegte; so konnte mir das doch nicht den Pfahl aus dem Fleische ziehen. Wie ein Sinnloser, Bitterkeit, Haß, Zorn, Wut im Herzen, rannte ich um die Wälle der Festung und hätte mir fast den Kopf verstoßen mögen an den Bäumen und Mauern, oder mich hinabstürzen mögen in den Wassergraben, um meinem Dasein ein Ende zu machen. In der Neujahrsnacht, als das Jahr nach der Geburt unfers Herrn eintausendsechshundertundzwölf in die Welt eintrat, ist meine Mutter seliglich entschlafen und hinweggeschieden aus diesem Jammertal. Das gab mir zuerst wieder ein wenig Ruhe, und aus der hellen Verzweiflung geriet ich in ein dumpfes, gleichgültiges Hinbrüten; bis ich das Leben wieder ertragen [ernt'. Ging ich gegen End' des Januarii trübselig das Haupt gesenkt im tiefen Schnee auf dem Wall des Philippsberges einher und dachte: O wie schad' ist's doch, daß es nicht mehr an der Zeit ist, ein Haren Gewand anzutun und hinzuziehen in eine thebaijche Wüste und sein Hüttlein zu bauen, fern von den Menschen, bei den Tieren der Wildnis ... Da fingen auf einmal die Glocken in der Stadt dumpf an zu klingen, und auch in allen Dörfern ringsumher läuteten sie. Verwundert horcht' ich auf und fragt’ die nächste Wacht, die sich vor dem schneidenden Nordwind in einem Winkel gedrückt, das Feuerrohr an die Brüstung gelehnet und die Hand in den Mantel gewickelt hatte: „Was bedeutet das? Wer ist gestorben? Ist Jungfrau Susanna Rodin tot?" Da sah mich der Mann verwundert an und lochte, dann aber sagte er: „Ihr wisset nicht, weshalb sie läuten? Des römischen Reiches Stuhl ist leer — das sind die Totenglocken des großmächtigen Kaisers Rudolsus des andern —" Es schneiete und die Wolken zogen niedrig über die Erde hin; es war, als wäre die ganze Welt gestorben, als wollte sich der Himmel wie ein Leichentuch darüber hinlegen. Die Tränen stürzten mir plötzlich aus den Augen, ich drehete mich um und eilte schnell davon, damit der Söldner mein bitterlich Weinen nicht sähe. Dann schrieb ich mit Roterde an eine Ausfallstür in der Mauer zwei Verse, die ich hierhersetzen will, sintemal ich vielerlei im Leben vergessen Hobe, sie aber nicht. Sie lauteten: Was läuten die Glocken im Lande? Der Kaiser ist gestorben! Was läutet mein Herz im Leide? Die Liebe ist verdorbenl Die Glocken dumpf erklingen, Zu Grab sie den Kaiser bringen: O du toter Rudolsus, bitt’ — Nimm doch meine Liebe mit! Dieselben Verslein schrieb ich aber auch zwei Stunden später, als ich wieder auf der Kanzlei dem Meister Algermann gegenüber saß, und er mir eine Avisation an den Abt zu Riddagshausen, Ehrn Peter Wind- ruven, in die Feder diktierete. Das gab eine gewaltige Verwunderung, als der alte Franciscus die Schrift in di« Händ’ bekam. „Söhnlein, Söhnlein?" rief er, zwischen Aerger und Lachen mit der Gejchrift hin und her in der Stub’ an feinem Krückstock wackelnd, „Söhnlein, das gehet nit mehr! Hei, hei, was würden feine Ehrwürden dazu gefaget haben? Söhnlein, ich fehe es ein, die Schreibstub' paßt nicht mehr für dich — laß dir den Wind draußen um die Nase wehen, schlag’ dir das Weibsbild aus dem Kopf — bedenk', ein hölzerner Bock ist immer noch besser als eine silberne Ziege! Ha, ha, ha! Nimm ein ander Blatt Papier — Schad' um den schönen Bogen! Saget der weise Sirach: Wie aus den Kleidern die Motten kommen, also aus den Weibern viel Böses! Ha, ha, ha!" Ich kam dem Gebote nach und brachte die Relation fehlerlos zustande, obgleich ich auch diesmal andere Gedanken dabei hatte, als eigentlich dazu gehörten. „Laß dir den Wmd um die Nase wehen!" dachte ich. „Ja, ich will fort! fort! fort! — Ach wenn doch nur erst dieser Winter zu End' wär!" Das verdorbene Blatt mit den Reimen faltete ich zusammen und steckte es in die Brusttasche, ohne zu wissen, zu welchem Gebrauch. — Und es regnete und schneiete und fror, und regnete wieder, und die Tage wurden länger und die Sonnenstrahlen wurden wärmer, das Rotbrüstlein, das ich hinter dem Rücken Herrn Algermonns vor dem Fenster unserer Schreibstub' mit Oblaten fütterte, kam immer seltener und blieb zuletzt ganz weg. Auf einmal waren die Büsche grün, blühten die Blumen, sangen die Vögel, war es Frühling worden, ohne daß ich es bemerkt hatte — Ade! Ade! Ade! Am ersten Pfingsttage des Jahres 1612 pflückte ich ein vierblätterig Kleeblatt von meiner Mutter Grab, hing mein Bündel über den Wander- stad und eilte schnell durch die Gassen aus dem Tor. lieber den Zaun des Gärtleins zum weißen Roß lehnte höhnisch lachend der böse Geist Levin Sander und summte ein Spottlied auf die Schreiber in den Bart, als ich vorbei schritt: ich hätt' einen Mord an ihm begehen können; aber ich bezähmte mich und schritt so schnell als möglich weiter. Von der Ecke des Holzes schaut' ich nochmalen zurück auf Wolsen- büttel drunten und die weite Gegend. In der Ferne schimmerten die stolzen Türme von Braunschweig — meiner mir verschlossenen Vaterstadt; dort zog sich der Weg herüber, den ich als ein klein Büblein an der Hand meiner weinenden Mutter gekommen war! dort hinter jenem Walle drunten schlief das treue Mutterherz im kühlen Grab! dort ragte der Giebel des Hofgerichts, wo ich so manche Seite beschrieben hatte unter den Augen Herrn Franz Algermanns, des Landesfiskals. Dort auf der Bastion standen die drei Linden, wo — Aus dem Schornstein des „Springenden Roffes" wirbelte ein weißer Rauch in den Himmel. Fast wäre ich zurückgelaufen — da tat ich einen herzhaften Sprung über den Graden, der sich an dem Walde herzieht, — der grüne Schatten hatte mich aufgenommen! Was hatte ich in diesem Sprunge alles hinter mich gelegt?-- Aufatmend schritt ich meines Weges weiter (ort, durch den singenden, klingenden Wald. — Da ist oberhalb Adersheim und Jmmendorf mitten im Holz ein Springquell, heilsam und gut wider viel Gebrechen. Das Volk nennt ihn den Plunneckenborn. Wer daraus getrunken hat, der muß ein Denkzeichen an den Büschen zurücklaffen, sonsten hilft ihm das Wasser nicht, schadet ihm vielmehr; und weil meistens immer arme Leut' dahin kommen und von dem guten Wasser trinken, so hängen alle Büsche und Ge- sträucher umher voll Lappen, welche sie zurückgelafsen haben. An diesen Born kam ich, als sich die Sonne zum Abend neigte, denn ich hott', mir bas Blut durch die Adern zu treiben, manch tollen Kreuz- und Quer» sprung gemacht. Kein Menschenwesen war rings zu sehen, kein Lüftlein regele sich, nur die Vögel ließen vor dem Schlafengehen noch einmal Gottes Loblied laut und hell erklingen. Da beugte ich mich nieder zu der klaren Flut, schöpfete mit der hohlen Hand und trank; trank als könne bas Wasser auch bas, woran ich krank war, fortspülen; unb zum An- gebenten hab' ich da an einem Flieberbusch den großen Bogen Papier mit den Versen, den ich im vorigen Winter in des Herzogs Kanzlei verdorben hatte, aufgetjänget! Wie ich mich nun in der grünen Wildnis so allein fand, da überkamen mich wieder viel alte Einsiedelträume und ein Grauen faßte mich bei dem Gedanken, daß ich mir bald ein Nachtlager unter den Menschen suchen müsse, wenn das noch bei Tage geschehen sollte. Schon begannen die Vöglein ihre Nester zu fachen, und düsterer Schatten hüllte den Wald. „Hei", dachte ich, „ist es denn nötig, daß du dich wieder zwischen vier Wände sperrst? Mach es doch wie die Vögel — di« Nacht ist warm — bald wird der Mond ausgehen — da lugt schon der Abendstern hervor —1 bleib im Wald!" (Fortsetzung folgt) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. — Druck und Verlag: Brühl'fche UniversitätS-Buch- und Steindruckerei. JL Lange, Gießen.