Jahrgang |95( Montag, -en u Mai Nummer 37 mehr m an, toi 1 mein Jeii den, da i Oie beiden Flöten. Von Li Tai Po. Durch die Blütenluft, Durch der Blätter Duft Trug des Frühlings letzter Abendhauch Einen Flötenton, Ferner Flöte Ton, mir zitternd zu. Weiß nicht, wie es kam — Einen Zweig ich nahm, Flöte schnitt ich mir vom Weidenstrai-ch Bebte feucht und bang Leisen Widerklang dem fernen Du. Nacht seitdem um Nacht Hören, halberwacht, Bögel ein Gespräch nach Vogelbrauch! ZwillingSzwitscherkaut Sucht sich süßvertraut und immerzu. ge, du h der W „Beide' - " alle 6» Toi>en tn wtjneiit die ne» en eih, ir uni i- i uni Ni einen lefie niijr Kinin.* i", Wies j ?" e, „ist es: eapolita? ria, daU Well ir Tten 5tit ' Politik: :«n 3Io!ib i reche [ein iloniere 1: heisti, R steht* !: , als Hit innen ifc: : „Siet1 nche w® znm glaubte er ifing ft t ligen W [eine dnst ttW eichte«; nWanW. pieileiW l- i äugen ® aber, M>( n nlifte«1 Zchnlin! jiailanM’ innt!"» nüber N er*' -her ij’h >r doch J 'taegunS ; in bi«W M*S )0ttcH! n leib'”;? h ein I'1. Du ’L i- Uebrid' Z fii )a M b,u"°> )fl U l|f' Degen und Fiedel. Von Paul A l v e r d e s. Einige Jahre vor dem Krieg, um Ostern, zog ein Trupp Wandervögel durch die Waldgebirge, die den oberen Laus der Weser begleiten. Es waren ihrer sechs oder sieben, halb Knaben noch und halb Jünglinge. Nach den Satzungen ihres Bundes lebten sie karg; sie verabscheuten Wirtshäuser und bereiteten ihre Mahlzeiten am offenen Feuer selbst. Die Nächte verbrachten sie im Freien, unter dem Zelt, das sie mit sich sllhrten; oder allenfalls einmal in der Scheuer eines gastfreundlichen Bauern, bei Karren und Pflügen, auf einer Schütte Stroh in der Tenne, oder auf dem Heuboden, halb unter Dach und halb im Wind. Damals war es noch kalt. In den Täleren wollte nur spärliches Grün sich zeigen und auf den Höhen schneite es in mancher Nacht. Oft, gegen die dritte Stunde des Morgens, in welcher sich nicht nur um diese Jahreszeit, häufig ein eisiger * Wind erhebt, zwang sie die Kälte aus ihren dürftigen Decken, vom kargen, vorjährigen Gras oder Reisig empor, und sie machten sich schweigend und schaudernd fertig, brachen das Zelt ab und zogen durch das Dunkel davon. Dann erschreckte sie wohl das Wild, das aus dem noch winterlichen Holze brach, und das Jammern der Käuze erfüllte sie mit ängstlicher Ahnung; oder es wollte einer etwas wie einen großen Hund gesehen haben, der unheimlich um das Lager gestrichen war, oder den Wind von unsichtbaren Fittichen um seine Stirne spüren, und sie rückten dichter auf, Hand in Händen hintereinander herzutappen. Die Augen brannten ihnen von Schlaf, Kälte beizte ihnen die Wangen, oft schwankten sie wie im T^aum; dennoch war es eine schaurige Lust. So lagerten sie auch in der Nacht vor dem Fest auf dem Kamm des Gebirges. Auf allen Gipfeln rings umher sahen sie die Osterfeuer brennen, manche ganz in der Nähe, daß sie den Qualm rochen und die Burschen fingen und lärmen hörten und andere weit draußen, rötlich flackernd, wie sinkende Sterne. Nach Mitternacht aber zog es wie Schneegewölk herauf, ein plötzlicher Sturm riß ihnen das Zelt auseinander, und es wurde bitter kalt Da packten sie auf und stiegen beim Schein einer Laterne, die der Führer trug, durch Wälder zu Tal; sie hofften auf einen freundlicheren Morgen, den sie am Ufer der Weser zu verliegen gedachten. Nun befanden sich unter den Gefährten zweie von der gegensätzlichen Art, die sich immer wieder aneinander rieben, ja deren entschiedene Feindschaft das Glück der abenteuerlichen Fahrt für alle am Ende zerstört haben würde, hätte sich nicht nach eben dieser Nacht alles zum Guten gewendet. Den einen dieser beiden, wie es bei ihnen der Brauch war, sich nicht bet Namen zu nennen, mit denen die Schullehrer sie auch aufrufen mochten hießen sie „Degen", einen Jüngling, dessen Vater als Hauptmann wahrend eines Aufstandes in den afrikanischen Kolonien des Reiches gefallen war. Seine Leidenschaft war das Soldatische schlechthin. Zwar daß er genugsam, ausdauernd, kameradschaftlich, daß er tapfer und verwegen war, verstand sich. Allein er wollte auch in seinem ganzen Gebühren, bis auf seine Kleidung und Ausrüstung, Soldaten-Wesen Ertönt und auvgedruckt haben. Er trug eine hochgeknüpfte, grüne Jacke im Schnitt eines Waffenrockes, einen Leibriemen mit einem Messingschloß und eine schwarze Halsbinde, wie sie in der preußischen Armee damals üblich waren, dazu eine Art von blauen Reithosen, Ledergamaschen und harte, beschlagene Schuhe. Einen Hut verschmähte er wie alle andern, doch pflegte er das grobe, weißblonde Haar jeden Morgen genau zu scheiteln und mit Pomade sest- zulegen. Einen kleinen Spiegel, Kamm, Bürste und die Pomadestang« führte er in einem eigenen Behälter mit sich, wie er überhaupt in seinem Rucksack auf peinlichste Ordnung hielt. Es gab da Beutel und Büchsen für allen möglichen Bedarf, Striegel für Haare und Kleider, und nicht zuletzt für das Schuhzeug, das er in Stand und Sauberkeit zu halten wußte, wie kein anderer. War das Rudel bei einem Bauern in Quartier gelegen, so verließ er die Scheune als letzter, nicht ehe er das zerlegens Heu mit der Forke aufgelockert und gewendet, die Tenns gekehrt und alles in Ordnung befunden hatte. Auf den Märschen pflegte er, straff aufgerichtet, soldatischen Schrittes, dahinstapfend, «inen derben Stock aus Eichenholz wie einen Degen zu tragen, den Griff vor dem Koppelschloß, die Zwinge über der rechten Schulter; zuweilen hängte er ihn auch am Leibriemen ein. Das habe ihm den Namen Degen eingetragen. Er hörte sich gerne so nennen. Sein Widerspiel war ein Knabe von zartem und schönem, fast üppigem Gesicht und Gliedern. Er führte eine Geige mit sich, den Marschierenden aufzuspielen oder des Abends am Feuer, vor dem nächtigen Wald, unter Wolken und Gestirnen den Gesang zu führen oder zu begleiten. Datum nannten sie ihn Fiedel. Er war von schwärmerischer und leidenschaftlicher Gemütsart; vor einer Landschaft nach seinem Herzen wollte er mit Singen und Träumen ganze Tage verlieren, und der endliche Aufbruch der Horde, die er mit den inständigsten Vorhaltungen nicht zu bewegen vermochte, um Flüsse oder Hügel willen ein vorgesetztes Ziel aufzugeben, verdroß ihn häufig bis zum Zorn. Dazu war er mit einem feurigen Verstand begabt, er sprühte von schnurrigen Einfällen und obwohl er nicht eigentlich boshaft war, so verführte ihn doch di« Lust am geschärften Wort und an der ungemeinen Wendung sehr häufig zu der losesten Art des Umgangs mit den schwerfälligeren Gefährten. So war ihr Verhalten zu ihm, wie er ihrer jeden einmal willentlich oder unwillentlich, aber doch unvergeßlich mochte getroffen haben, aus bewundernder Verliebtheit und heimlichem Groll sonderbar gemischt. Die Feindschaft zwischen ihm und Degen begann damit, daß dieser ihm eines Tages, nicht lange nachdem er sich dem Bunde gesellt hatte, seinen Auszug kurzerhand hatte verbieten wollen. Fiedel nämlich, dem reiches braunes Haar sehr lang in den Nacken hing, liebte es, eine lose Jacke aus himmelblauer Leinwand zu tragen, die er mit einem breiten, weihen Kragen schmückte; dazu ging er in kurzen weiten Hosen aus braunem Samt einher, die das Knie frei ließen, in Strümpfen aus lichter Wolle und in halben Schuhen. Zwar drang Degen mit feinem zornigen Einspruch gegen solchen Aufzug, den er einzig eines Hanswurst oder eines Weiberaffen für würdig erklärte, bei den andern nicht durch; doch begann er von da an, ihn feine Verachtung bei jeder Gelegenheit fühlen zu lasten. Wollte Fiedel ein Lied nach feinem Sinn angestimmt wissen, als: „Auf dieser Welt hab ich kein Freud, Hab einen Schatz und der ist weit," ... oder: „Den Ring und den ich hab von dir" ..., so begann Degen schon mit unerbittlicher Stimme fein Leiblied: „Brüder uns ist alles gleich, Ist auch Frankreich ..." - . und Fiedel mußte aufspielen. Seinen Vorschlägen, den Reiseweg betreffend, etwa man solle getrost ein Stück auf einem Rollwagen oder auf einem Last-Schiff fahren, begegnete er mit dem abschätzigsten Lächeln und dem Bemerken, daß nur Schlappheit und Verweichlichung sich dergleichen beifallen ließen. Auch zieh er ihn der Lüderlichkeit, untreuer Dienste, wo er konnte; er wusch, traf Fiedel das Reinigen der Kochgeschirre, das (Bereinigte nach, suchte ihn zu geputzten Schuhen, gestriegeltem Haar, gebürsteten Kleidern unermüdlich zu erziehen, und Fiedel, der dem Hoch- gewachsenen, in strenger Zucht Gestählten körperlich unterlegen war, wäre am Ende völlig wehrlos gegen ihn gewesen, hätte ihm nicht das Geschick die tödlichste Wafse in die Hand gegeben. Degen nämlich litt an einer Störung seiner Sprachwerkzeuge von Kindheit an. Er war häufig nicht imstande, zu sprechen, ohne vor jedem Wort oder Satz mit Verzerren des Mundes und verheißendem Blick der Augen, mit zartem und gewissermaßen probeweisem Anschlag einiger unzusammenhängender Silben die lächerlichsten Umstände gemacht zu haben. Unter diesem Uebel, dessen er sich wie eines Lasters schämte, litt er unsäglich; dachte er doch daran, über wenig Jahre vor der Front einer . Kompanie zu stehen und wußte nicht, wie er sich helfen und heilen sollte. Die Redensarten, mit denen Fiedel, gerieten sie aneinander, nach seinem soldatischen Gehaben zielte, vermochten ihn nicht zu treffen; allein aufs äußerste gereizt oder in die Enge getrieben, nahm Fiedel, der die Gabe der Nachahmung besaß, zuweilen plötzlich die Redeweise seines Gegners an und verantwortete sich in vorzüglich gespielter Harmlosigkeit mit Einkneifen der Augenlider, mit dem erbarmungswürdigsten Verzerren der SiehenerZamilienlMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Lippen und einem Stammeln und Schlafen der Zunge, das einem Korno- dienspieler Ehre gemacht hätte. Dann pflegte Degen totenbleich und mit völlig entstellten Zügen augenblicklich von ihm abzulassen und seiner Wege zu gehen. So gesährlichem Spiel sahen die Gefährten mit zwiespältiger Empfindung zu. Die vollendete Nachahmung, mochten sie es sich eingestehen oder nicht, bereitete ihnen heimlich unsägliches Vergnügen; dennoch hatte, als Degen vor wenigen Tagen rasend vor Zorn den Spötter niedergeschlagen und gezüchtigt hatte, keine Hand sich zu beffen Schutze erhoben. Seit dem Worfall war zwischen den beiden kein Wort mehr gewechselt worden. Nun denn, nach dem mühseligsten Abstieg fand der Trupp dicht am User des Flusses, unweit einer kleinen Stadt einen windgeschützten Lagerplatz. Hier schien es säst warm gegen den nächtigen Wind auf der Höhe, auch brachen die Sterne wiederum hervor und verhießen «inen schönen Tag. So schlugen sie abermals das Zelt auf, erschöpft drängten sie sich aneinander und schliefen ein. Indessen erwachte Fiedel schon nach wenigen Stunden wieder. Er hörte deutlich die Amseln schlagen, auch meinte er durch die Bahnen des Zeltes hindurch die Morgenhelle wahrzunehmen. Die andern schliefen fest, als er aus dem Zelt schlüpfte. Die Sonne war herrlich ausgegangen, aber sie wärmte noch nicht. Hart am Ufer des Flusses, vom Nebel, der den Anger deckte, bis zu den Knien umwogt, stand Degen im weißen Licht, nackend, die Arme aus- gebrettet. Jetzt hob er sie und schnellte in flachem Bogen in die Flut hinaus. Ans Ufer gelangt, sah Fiedel ihn schon weit unterhalb dahintreiben. Der Fluß, kaum einen Steinwurf breit, aber schwarz und reißend, rauchte vor Kälte. Erst bei der Biegung vor dem Wehr gewann Degen das jenseitige User; Brust und Schenkel mit den Fäusten schlagend, erstieg er den Damm, dann setzte er in hohen Sprüngen herauf, sich ein gutes Stück oberhalb der Stelle, von der ihm Fiedel zusah, aufs Neue in den Strom zu stürzen. Mit mächtigen Stößen, die Arme weit heraus- wersend, hielt er jchräg auf das Ufer mit dem Lager zu. Allein in der Mitte schnellte er sich plötzlich auf den Rücken; schon schoß er, den Hals rückwärts gebogen, an Fiedel vorbei, lautlos, ihn ruhigen, verächtlichen Blickes musternd; er hielt sich mit ermattenden Schlägen der Hände nur noch mühsam über Wasser. Fiedel stürzte ihm auf dem Damme nach, kam ihm zuvor, und das Wenige, was er von Kleidern auf dem Leibe trug, im Nu sich abreißend, sprang er mit einem verzweifelten Satz auf die Mitte des Flusses los. Bon Eiseskälte, die sich klirren- über ihm schloß, meinte er den Geist aufgeben zu müssen, allein emportauchend gewahrte er den Erstarrenden schon ganz in der Nähe, gewann, wußte nicht wie, die Mitt« der Bahn, noch früh genug, den Sinkenden im Genick zu packen, schob ihn vor sich her, spürte noch seine Knie von Klippen zer- fchnitten, Dörner und Weidlicht nach Brust und Leibe stechen, spürte es feliglich und hing mit ihm im Usergestrüpp. Lange lagen sie schwer atmend auf dem niederen Damm, rieben sich die Leiber, schlugen sich und wälzten sich im harten Gras. Endlich erhob sich Degen und ging schweigend auf das Lager zu. Nach ein paar Schritten jedoch stehen bleibend, stieß er, ohne den anderen anzublicken, gesenkten Kopfes hervor, daß er niemanden gerufen habe, und ihn durchaus nicht. Wandte sich und stapfte zum Zelt hinüber. Fiedel sucht seine Kleider, dann kroch er unter seine Decke. Die/Geführten lagen noch im Schlaf. Es versteht sich, daß keiner von beiden ein Wort über die Vorfälle dieser Morgenfrühe verlor; doch schien es sehr bald, als sei ihre Feind- schast nun völlig zum Haß gediehen. Denn wenige Stunden später, da sich Degen eben, mit Spiegel und Pomade hantierend, zum Kirchgang in dem nahen Städtchen rüstete, ward beschlossen, daß zweie aus dem Trupp ihn begleiten sollten. Ihr Auftrag war, beim Krämer oder in einem Gasthaus eigenes zur Bereicherung des Mahles zu erstehen, das die Zurückblcibenden inzwischen bereiten wollten. Durch Zuruf, wie es bei ihnen der Brauch war, wurden Fiedel und der Jüngste der Horde dazu bestimmt. Indessen weigerte sich Degen augenblicklich auf das Entschiedenste, Fiedel mitzunehmen. Keineswegs, erklärte er mit einem Blick auf die verhaßte Jacke und die weißen Zwickelstrümpfe, die jener, den Tag zu feiern, angelegt hatte, — keineswegs gehe er am heiligen Oster- tag mit einem Kasper unter Christenmenschen. Fiedel erbleichte. Tränen schossen ihm in die Augen, er kehrte sich ab, als füge er sich; aber gleich danach wandte er sich zurück und gab mit vollendeter Nachahmung der Redeweise des anderen zur Antwort, daß über Geschmack sich streiten lasse, nicht jeder fei gesonnen, ein Rekrutenspind auf dem Rücken zu tragen. In das Gelächter der andern hinein machte Degen, „mutz ich dich schon wieder überlegen, Bürschchen!?" zischend, ein paar Schritte auf ihn zu. Ohne Zweifel wäre es bei dieser Drohung geblieben, wenn nicht Fiedel, mit einem jähen Satz nach [einer Kehle springend, ihn niedergeworsen hätte. Allein über ihm kniend, die Hand zum Schlage erhoben, sand er sich durch eine mächtige Bewegung des Ueberraschten hochgewirbelt wie ein Scheit Holz, stürzte, lag schon unter seinen Fäusten. Vollends außer sich, vor Wut mit den Zähnen knirschend, riß er, die Züchtigung von sich abzuwenden, das kurze, breite Messer hervor, das er wie alle andern am Leibriemen in einer Horn- scheide trug. „Kujon!" brüllte Degen, ihm das Handgelenk zusammenpressend, das Messer blitzte im Gras, er packte es und schleuderte es im Bogen in den Fluß. Während nun. die Gefährten, die nicht einmal zum Versuche sich einzumischen gekommen waren, bestürzt und regungslos das Strafgericht erwarteten, das ihnen jetzt allerdings verdient erscheinen mußte, senkte Degen mit einem verlegenen Auflachen die Fäuste, wischte sich das Blut, das ihm aus der Nase lief, von den Lippen, hob sich von seinem Gegner fort und ging langsam zu feinem Gerät zurück. Er säuberte sich umständlich, machte sich schweigend fertig und verließ nicht lange danach den Lagerplatz mit dem Bemerken, er gehe also wie vorgehabt zur Kirche und werde übrigens besorgen, was zu besorgen sei. Die Gefährten verbrachten den Morgen in der düstersten Stimmung. Fiedel lag abseits im Gras, wo «r liegen geblieben war, unbeweglich, das Gesicht auf den Armen. Es mochte ihn keiner anreden, doch sprachen sie auch untereinander nicht von dem ungeheuerlichen Geschehnis. Sie' zogen jchweigend einen Kochgraben, sammelten Reisig und Holz, machten es klein und rückten die Töpfe ans Feuer. Gegen Mittag, es war herrlich warm geworden und über dem Anger zitterte wohlige Luft, kehrte Degen mit dem heitersten Gesicht zurück. Er nannte sie schöne Christenmenschen und wünschte ihnen aufgeräumt so gute und scharfe Predigt, wie er sie eben angehört, und bot aus einer großen Düte, die er auf dem Arm trug, buntes Zuckerzeug herum. Als fei nichts geschehen, ging er auch zu Fiedel hinüber, schlug ihn auf bi.e Schulter und bot ihm die Düte dar. Dieser, sich ausrichtend, errötete über und über, dann griff er wortlos hinein. Indessen war es nun an Degen, zu erröten, denn während die Gefährten sich mit hellen Gesichtern um die beiden versammelten, hatte er, mit der stammelnd vargebrachten Erklärung, hier sei für ihn noch etwas Besonderes, ein Messer hervorgezogen, und bat ihn, es für das ertränkte anzunehmen. Es war ein erlesenes Stück, fast eine Waffe, und es zeigte sich, daß in das polierte Holz ziemlich roh, aber unverkennbar, ein Degen und eine Geige geschnitzt waren, die sich kreuzten. Auf die fröhliche Frage des Führers, ob er am Ende die österliche Betbank zu einer Schnitzbank gemacht habe, gab er unter Gelächter zu, daß es sich so verhalte. Indessen habe ihn solche Beschäftigung in der geziemenden Andacht nur bestärkt. An diesem Tage begann die Freundschaft zwischen Degen und Fiedel, die unverbrüchlich bis zu ihrem Tode währte; denn sie sind wenige Jahre danach vor englischen Gräben.geblieben. persönliche Erinnerungen an Generalmusikdirektor Michael Balling. Von Alfred Bock. Immer war es ein Festtag für mich, wenn Michael Balling bei mir Einkehr hielt. Ich schätzte den genialen Dirigenten nach seinem vollen Wert. Er war nicht nur Musiker, er war auch Philosoph. Ein Schein von Kälte, mit dem er sich umgab, konnte die, di« ihn genau kannten, nicht darüber täuschen, das Gefühlssinnigkeit der Grundzug seiner Wesenheit war. lieber die Verworrenheiten des Weltlaufs trug ihn metaphysischer Optimismus hinaus. Er gehörte zu den Schönheitsgläubigen, die auf die Entwicklungsfähigkeit der Ideale bauen. In hohem Maße war ihm die Kunst des Erzählens zu eigen. Er trug mit schlichten natürlichen Worten so ausgezeichnet vor, daß die Aufmerksamkeit der Zuhörer festgehalten, ja mehr und mehr gesteigert wurde. Ost geschah's, daß sein Gespräch an die letzten Fragen der Menschheit rührte; stets hatte man die Empsindung, daß alles bei ihm aus hochgestimmter Seele strömte. Was ich hier wieder- gebe, habe ich nach Stunden anregender Unterhaltung mit ihm gedächtnistreu niedergeschrieben. In Spanien hatte Balling in großen Städten die „Meistersinger mit starkem Erfolg dirigiert. In Sevilla wurde die Prügelszene da capo verlangt. Ein Engländer von Distinktion wohnte der Auf- sührung der „Meistersinger" bei, besuchte Balling und nahm ihn mit in die Alhambra, wo sie beim Kastellan nächtigten, unendlich tiefe Eindrücke erlebten. Balling ersteigt den Mont Senat. In der Kirche wird er von einem Knabenchor empfangen, der wie „Poesie der Luft" aus zauberhaften Fernen klang. Die schönsten Menschen begegneten Balling in Katalonien, wo noch die gotische Rasse in den blauen Augen und blonden Haaren erkennbar ist. — Balling erzählte von seiner Tätigkeit in England. In Manchester wirst er dem Bürgermeister an den Kops: „Ihr Engländer habt nur Hirn für Sport!" Er fetzt sechs Konzerte für Arbeiter durch, dirigierte in Leeds, wo die vor Schmutz starrenden Kohlenarbeiter dicht gedrängt bis ans Orchester vorgeschoben standen und lauschten. Die betagte Prinzessin Alexandrina von Mecklenburg, die Balling in Windsor traf, erzählte ihm von ihrem Besuch bei Goethe, der damals hoher Siebziger war, Die Herrschaften harren [einer im Empfangszimmer, erwarten einen Mann von imponierender Gestalt. Statt dessen erscheint der Dichter als ein Mann von nur mittlerer Große. Die Augen aber mit ihrem wunderbaren Glanz formieren dermaßen, daß man wie berückt, wie geblendet stand. Mit einem Male wuchs Goethe da er zu sprechen begann, in die Hohe. Die Frankfurter Mundart verleugnete sich nicht. — Balling erzählt von seinem Freund Professor Schweninger. Dieser, zu Bismarck gerufen, traf den Fürsten, der nicht mehr schlafen konnte, in Verzweiflung. Schweninger verordnete dem Kanzler abends Sekt und Bier, heißt ihn sich niederlegen, unterhält sich mit ihm, streift unaufhörlich über Bismarcks Hand. Der Fürst fchläft ein, schläft volle sieben Stunden. Schweninger wurde, während er Bismarcks Leibarzt war, vom Sultan nach Konstantinopel berufen, heilte diesen von beschwerlichem Nierenleiden. Der Sultan ließ Schweninger durch seinen Grotzvezier fragen, welches Honorar er sich ausbedinge. Schweninger antwortete, er wolle nicht zu viel und nicht zu wenig fordern, darum ziehe er es vor, keine Summe zu bestimmen. Darauf telegraphierte der Sultan an Bismarck, was er Schweninger anbieten und welche Auszeichnung man ihm gehen solle. Bismarck antwortete, für einen Arzt von Schweningers Bedeutung fei kein Honorar und keine Auszeichnung groß genug. Nun gibt ihm der Sultan eine halbe Million Mark und verleiht ihm den höchsten türkischen Orden mit Brillanten. Richard Wagner, erzählte Balling, war auf dem Klavier so ungeschult, daß er die Tasten verwechselte, er spielte nie selbst ein Instrument. Während Schumann, Brahms und andere am Klavier komponierten, konnte bei Wagner davon keine Rede (ein. Cosima Wagner berichtete Balling, wie groß ihres Mannes Anteil an Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" gewesen sei. Wagner besprach mit Nietzsche das Werk, arbeitete es mit ihm durch. Lu S a l o mö saß in Luzern auf einer Bank am See neben Nietzsche. Dieser begann zu meinen. „Hier habe ich die schönste Zeit meines Lebens verbracht!" (mit Richard Wagner) preßte er hervor. In den Gesellschaften im Haus Wahn- fried, soviel bedeutende Persönlichkeiten auch anwesend sein mochten, war Cosima Wagner stets die, die alle an Gewandtheit überragte, eine anregende Unterhaltung zu führen. Richard Wagner blieb den geselligen Zusammenkünften fern. Ein vornehmer Engländer, von Lord Hamilton an Balling empfohlen, besucht den Parsival. Nach dem ersten Akt trifft ihn Balling in Tränen aufgelöst, aufs tiefste ergriffen. Derselbe Engländer, der am Hydepark in London ein schlohartiges Anwesen besaß, reifte Balling nach, wenn dieser Konzerte gab. nur an die Macht und an die einzige Pflicht der großen Menschen, ihren vollen Wuchs zu erreichen mit den Mitteln und an den Ausgaben dev Zeit. So ist er, und so paßt er uns. Unfehlbar, er wird unsere Beute, und wir die (einige. Dennoch ... lache mich aus, Morone ... etwas umhaucht mich: ich wittere Verborgenes oder Geheimgehaltenes, etwas Wesentliches oder auch etwas Zufälliges, etwas Körperliches oder einen Zug feiner Seele, kurz, ein unbekanntes Hindernis, das uns den $8eg vertritt und unsere genaue Rechnung fälscht und vereitelt." „Aber", sagte Morone, nachdenklich werdend, „wenn er so ist, wie du ihn nimmst, und wenn die Tatsachen liegen, wie wir sie kennen, aus welcher Geisterguelle sollte denn jenes Feindselige aufsteigen?" „Ich weiß es nicht! Nur — von diesem Pescara geht der Ruf, er verstehe es, einen stürmenden Feind alle Höhen erklimmen zu lassen, um ihm dann plötzlich einen letzten mit Feuerschlünden besetzten und ihn zerschmetternden Wall entgegenzustellen. Wenn in seinem Innern ein solcher Wall gegen uns emporstiege, gerade im Augenblicke, da wir glauben, seine Seele bewältigt zu haben? Doch weg mit dem Spuk, der nichts ist als die Schwüle vor dem Gewitter, die natürliche Angst und Ungewißheit, die jedem großen und gefährlichen Unternehmen vorangeht." Ein Blitz flammte über dem Vatikan. Er stand in weißem Feuer und zeigte die schönen Verhältnisse der neuen Baukunst. Unter dem Rollen des Donners verloren sich die zweie zwischen den Säulen eines Portikus, Guicciardin betroffen und sich fragend, was das Omen bedeute, der Kanzler unbekümmert um den Himmel und seine Zeichen, denn er sah sich schon zu den Füßen der Colonna. Diese hatte im Taumel ihrer Begeisterung den Vatikan über die nächste seiner zahlreichen Treppen und durch eines seiner Nebentore verlassen. Sänfte und Gefolge, welche sie an der Hauptpforte vergeblich erwarteten, hatte sie vergessen und wandelte, mehr von ihrem ehrgeizigen Traume getragen, als von dem aufziehenden Gewitter gejagt, mit bewegten Gewänden nach ihrem Palast am Apostelplatze zurück. Sie schritt mit einer geraubten Krone wie die erste Tullia, nicht über den Leichnam des Vaters, sondern über bie gemeuchelte Staatstreue; denn die Tochter des Fabricius Colonna und die Gattin Pescaras war eine Neapolitanerin und die Untertanin Karls des Fünften, des Königs von Neapel. Die tönende Gebärde des Papstes hatte sie überwältigt. Gewöhnung und Umgebung, der Glaube der Jahrhunderte und die überlieferten Formen der Frömmigkeit ließen sie in dem Haupte der Kirche, so entartet diese fein mochte, immer noch eine Werkstätte des göttlichen Willens und ein Gefäß der höchsten Ratschlüsse erblicken — und wie hätte das eigene Selbstgefühl und mehr noch der Stolz auf den Wert ihres Gatten sie zweifeln taffen an dem päpstlichen Rechte, auf das würdigste Haupt eine Krone zu fetzen? So konnte ihr die anmaßende Handlung des Mediceers trotz der veränderten Zeiten als ein Ausspruch der Gottheit erscheinen. Die neue Königin ohne Gefolge hatte den Borgo durcheilt, die Engelsbrücke Übertritten und ging nun schon durch die „gerade Gaffe", wie sie hieß, im Gelärm der Menge. Diese gab der Colonna ehrerbietig Raum, ohne zu erstaunen über den unbegleiteten Gang und die eilenden Füße der erlauchten Frau, welche jetzt der dem Gewitter vorangehende Sturm beflügelte. Nach und nach aber verlangsamten sich ihre Schritte in dem dichter werdenden Gewühle der nicht breiten Straße, obwohl der schmale Himmel darüber immer dunkler und drohender wurde. Da erblickte sie über die Menge hinweg eine Kavalkade. Herren der spanischen Gesandtschaft begleiteten, wohl zu einer Audienz im Vatikan, den dritten kaiserlichen Feldherrn in der Lombardei, Leyva. Dieser vormalige Stallmeister, der Sohn eines Schenkwirts und einer Dirne, den ein knechtischer Ehrgeiz und ein eiserner Wille emporgebracht, hatte einen plumpen Körper und das Gesicht eines Bullenbeißers, denn Stirn, Nase und Lippe waren ihm von demselben Schwerthiebe gespaltet. Neben ihm auf einem herrlichen andalusischen Vollblute ritt, in einen weißen Mantel gehüllt, ein vornehmer Mann mit braunem Kopf und energischen Zügen, welcher jetzt mit einer devoten Verbeugung Viktorien zu grüßen schien; aber er hatte sich nur vor den steinernen Heiligen einer nahen Kirche verneigt. . War es die grelle Gewitterbeleuchtung ober die gemessen feindselige Haltung der Herren in einer Stadt, von deren dreigekröntem Gebieter sie ihren König insgeheim verraten wußten, oder war es Viktorias erregte Einbildungskraft, sie sah und fühlte in der Grandezza der Reiter und Rosse, den in die Hüfte gesetzten Armen, den verächtlich halb über die Schulter auf die Romulussöhne' niedergleitenden Blicken und bis in die steifen Bartspitzen den Hohn und die Beleidigung der beginnenden spanischen Weltherrschaft, sie empfand Grauen und Ekel, und ein tödlicher chaß regte sich in ihrem römischen Busen gegen diese fremden Räuber und hochfahrenden Abenteurer, welche die neue und die alte Erde zusammen erbeuteten. Warum war der junge Kaiser zugleich der König dieser ruchlosen Nation, in deren Adern maurisches Blut floß und die Italien mit ihren Borjas vergiftet hatte? Sonst hätte sie wohl der uralte Familiengeist ihres gibellinischen Geschlechtes, das jahrhundertelang feinen Vorteil darin gesunden hatte, der kaiserlichen Sache ohne Gehorsam zu dienen, an Karl gefesselt, aber nein, nicht an diesen Kaiser, auch wenn er kein Spanier gewesen wäre. Sie konnte sich nichts machen aus dem undeutlichen Knaben, den sie nie von Angesicht gesehen, weder sie noch irgendwer in Italien, das jener zu betreten zögerte. Einen Brief freilich hatte er an sie geschrieben nach dem Siege von Pavia, um sie zu beglückwünschen, daß sie die Gattin Pescaras fei. Ader gerade in diesen kargen Zeilen fchien sich ein kümmerliches Gemüt zu spiegeln, und was der großgesinnten Frau am meisten mißfiel, war die in ihren Augen ängstliche und frömmelnde Demut, mit welcher der junge Kaiser Gott und seinen Heiligen die ganze Ehre des Sieges gab. Obwohl felbft dem Himmel dankbar, schätzte Viktoria solche Demut gering an einem Manne und an einem Herrscher. War hier nicht das Geständnis, daß der begeisternde Sieg den Fernstehenden kühl gelassen halt--, ja, war hier nicht die kleinliche Absicht, den Lorbeer Pescaras zu schmälern? Während seines Aufenthaltes in Zürich verkehrte Richard Wagner mit Gottfried Keller. Dieser war in Cosina verliebt. Wagner wußte es und foppte den Dichter: „Heut abend bring ich (ins Wirtshaus) die Cosima mit!" Keller wurde rot bis unter die Stirn. — Balling besitzt Beethovens Notizen über dessen „Meeresstille und glückliche Fahrt". Langes Hin- und Hertasten, bis die unablässig wogenden Ideen Gestalt gewinnen. Beethovens Komponieren war ein schweres Ringen. Balling war zu Bismarck nach Friedrichruhe geladen. Man hatte sofort das Gefühl, einer überragenden Persönlichkeit gegenüber zu stehen. Wunderbar war Bismarcks milder und doch durchdringender Blick. „Sie gehen nach Neuseeland", jagte Bismarck zu Balling. „Darum beneide ich Sie. Wer etwas lernen will, kann nichts Besseres tun, als sich in der Welt umfehen." — Als Hofkapellmeister in Karlsruhe plante Balling die Gründung einer geselligen Vereinigung, der unter anderen Hans Thoma, Trübner, Schönleber angehören sollten. Man kam denn auch einmal zusammen, indessen sprachen die Maler kein Wort miteinander. Unbefriedigt trennte man sich. Später sprach Thoma zu Balling: „Daß es so kommen würde, hätte ich Ihnen voraus sagen können!" — Als Ansänger hatte Thoma in Düsseldorf das Bild feiner Mutter und Schwester gemalt. Mit größter Mühe bewog er einen Kunsthändler, ihm einen Rahmen um das Bild machen zu lassen. Verkaufspreis des Bildes 30 Mark. Aber nicht einmal zu diesem Spottpreis wurde «s verkauft. Thoma nahm es wieder an sich. Später, da der Stern seines Ruhmes am Kunsthimmel strahlte, bot ihm ein Liebhaber für dasselbe Bild 60 000 Mark. Der Meister gab es nicht dafür her. — Im Teatro Costanzi zu Rom setzt es Balling trotz des allgemeinen Gebrülls „Luce, luce!“ durch, die Walküre in verdunkeltem Raum zu dirigieren, erntet schließlich tosenden Beifall. Ebendort dirigierte er vor den unruhigen Italienern zwei Sinfonien von Beethoven und hatte einen großen Erfolg. Tee beim Großherzog von Baden. Balling trinkt den heißen Tee nicht. Der Großherzog läßt ihm eine Flasche kühlen Sekt bringen. Prinz Max kommt: „Aha, der Herr Balling!" „Ja", sagt der Grohherzog, „für ihn ist der Sekt, anderen noch Sekt zu geben, kann ich mir nicht leisten!" — Böllings Verehrung für Goethe war grenzenlos. „In feiner Größe und Tiefe", waren Ballings Worte, „steht Goethe mit beiden Füßen fest auf der Erde und weist auf das Metaphysische hin." — Balling war eine durchaus religiöse Natur. Gott galt ihm als die lebendig schöpferische Wahrheit, sein Glaube an ihn war ihm Halt und Trost. „Daß ich fehnsüchtig nach Gott verlange, gibt mir die Gewißheit, daß er existiert." Hans Richter, erzählt Balling, fragte Richard Wagner, ob dieser ihm nicht den Genuß verschaffen könne, einmal Franz Liszt spielen zu hören. Wagner gab Richter einen Brief mit an Liszt, der sich gerade in München aufhielt, wo denn Richter gleich zu ihm ging. Liszt fragte, was Richter gern hören wolle? Der Kapellmeister antwortet: „Bach!" Daraus spielte Liszt „Das wohltemperierte Klavier" auswendig. Auch Balling hörte Liszt spielen. Die «spräche, sagte er, sei zu arm, dieses Spiel zu schildern. Der Meister saß wie festgewachsen am Klavier, auch feine Finger schienen sich kaum zu bewegen, obwohl sie die Klaviatur mit eminenter Technik beherrschten. — Eine junge, sehr schöne ungarische Komtesse spielte Liszt vor und zwar eine Etüde von Schumann, aber sehr schlecht. Liszt machte während des Vortrags den Flügel zu, nahm die Komteffe bei der Hand und sagte: „Wenn man so jung und so schön ist, braucht man nicht Klavier zu spielen!" — In Rom forderte Balling den 65jährigen Sgamdati auf, das Ls-Dur-Konzert von Beethoven gelegentlich eines Musikabends vor großem Publikum zu spielen. Sgam- bati, der feit Jahren nicht mehr öffentlich aufgetreten war, willigte ein, hielt sehr viele Proben mit dem Orchester ab. Das Konzert selbst brachte Sgambati einen großen Erfolg. Wenn Michael Balling den Taktstock schwang, brach sein innerstes Wesen hervor. Er dirigierte mit edler Einfachheit, man spürte den eigentümlichen Reiz seiner Individualität. Ruhige Tiefe wechselte mit stürmischer Leidenschaftlichkeit. Elektrische Ströme (prangen auf das Orchester über. Die Sicherheit feiner Taktgebung war eminent. Mit überlegenem Geist drang er in die feinsten Züge der Kompositionen ein. Der „Fidelio" war's, den ich vor des Meisters Hinscheiden zum letztenmal unter feiner Leitung hörte. Unvergessen lebt der Abend im Landestheater zu Darmstadt in mir weiter. Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) Er hat noch Blut in den Adern und knirscht die Zähne, soviel ihm geblieben sind, wenn er den hochmütigen spanischen Adel auf dem Kapitale stolzieren sieht wie in Neapel oder Brüssel. Aber wohin träumst du, Kanzler? Von dem Weibe? Natürlich." „Ich will zu der Römerin reden wie ein alter Römer!" rief der Kanzler. „Schön! Nur hüte dich, daß du in der Begeisterung nicht deinen klassischen Bocksfuß unter der Toga hervorstreckest. Sei züchtig, mache große Worte und packe sie fest an ihrer Eitelkeit!" „An ihrem Herzen will ich sie packen!" „Das heißt, an ihrer Tintenflasche, denn die Herzen schreibender Weiber sind mit Tinte gefüllt", lästerte der schmähsüchtige Florentiner. „Aber weißt du, Kanzler", — und Guicciardin kniff ihn kräftig in den Arm — „daß es nicht der Heilige Vater allein ist, den unsere Unternehmung schlaslos macht. Auch ich habe in dieser Woche noch kein Auge geschlossen. Immer muß ich mir diesen Pescara zurechtdenken. Auf seinen Groll gegen den Kaiser gebe ich nichts: sie können sich über Nacht versöhnen. Ebensowenig auf den Einfluß des Weibes. Sie wird ihm die Botschaft des Papstes ausrichten dürfen: weiter wird er nicht auf sie hören. Aber ich glaube auch nicht an feine feudale Ireue. Ipescara ist kein Eid Campeador, oder wie die Spanier ihren loyalen Helden nennen, dafür ist er zu sehr ein Sohn Italiens und des Jahrhunderts. Er glaubt Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche UniverlitätS-Vuch- und Steindruckerei. Jt. Lange, Gießen. Später nahm Viktoria den wohtgebildeten und feurigen Knaben, der in seinem kostbaren Taufhäubchen ihre Ehe mit Pescara geftiftet und dem die Eltern früh wegstarben, an Kindes Statt. Wäre er nur ein Knabe geblieben! Mit der Weichheit seiner Züge aber verlor er auch die Liebenswürdigkeit seiner Seele. Das schöne Profil bekam einen Geierblick und den immer schärfer sich biegenden Umriß eines Raubvogels, und die sich offenbarende Unbarmherzigkeit begann Viktoria zu befremden und abzustoßen. Pescara hatte ihn dann in den Krieg entführt, und in der einzigen Schule des von ihm vergötterten Feldherrn war er zu dem verwegenen Soldaten erwachsen, der in der Schlacht von Pavia durch Niederlegung der Parkmauer den Sieg begann, aber auch zu dem harten, grausamen Menschen, der auf dem vorjährigen schnellen Rückzug aus der Provence ein Haus, in dessen Keller ein Dutzend seiner Leute sich verspätet hatten, ohne mit der Wimper zu zucken, anzünden und in Flammen ausgehen ließ. Doch Viktoria hatte ihm Schlimmeres vorzuwerfen, einen Frevel, der die Frau in ihr empörte, und davon sollte er nun hören, jetzt, da er zum ersten Male seit diesem jüngsten Verbrechen vor ihr stand. Sie erkundigte sich, ob er von Pescara komme und was er bringe. Er antwortete, daß er da sei, um die Herrin nach Novara zu gleiten. Er glaube zu wissen, daß sein Anblick der Herrin mißfalle, habe aber den Auftrag des Feldherrn nicht ablehnen dürfen, der die Marchesa nur dem sichersten Schwerte anvertrauen wolle. Denn die Straße werde ebenso unsicher wie die Weltlage, und er müsse die Marchesa ersuchen, sich morgen in der Frühe bereitzuhalten, er brenne, ins Lager zurückzukehren, wo jeder nächste Moment den Krieg bringen könne, und da dürfe er nicht fehlen. Der Mailänder, Venedig, die Heiligkeit beteuern irt die Wette ihre friedlichen Gesinnungen: also stehe der Kampf bevor. „Das wissen wir lange schon, es ist nur eine Frage des günstigen Augenblickes. Aber" — er trat «inen Schritt zurück — „etwas anderes, etwas Neues, etwas Ungeheures habe ich auf meiner Reise durch TZittelitalien gehört, und ich brauchte nicht einmal zu lauschen. In Städten und Herbergen rauschte es öffentlich wie die Brunnen auf den Plätzen. Freilich reifte ich unter fremdem Namen und mit nur einem Diener." Er hielt inne und blickte mit brennenden Augen, als verfolge er die spannende Wendung einer Jagd oder einen in Monddämmerung kriechenden Hinterhalt. „Redet, Don Juan," flüsterte Viktoria. „Für Euch, Madonna, die aus dem Vatikan zurückgekehrt, gibt es kein Geheimnis, und es ist nicht einmal eines, sondern, wie ich sagte, ein öffentliches Geflüster, ein schadenfrohes, rachsüchtiges Gekicher, ein kaum unterdrückter italienischer Jubel, eine allgemein patriotische Rede und Ermunterung, von der ich die größte Eile habe, den Feldherrn zu unterrichten. Denn noch weiß er nichts davon. Wie ich meine". Viktoria erbleichte. „Was wird geflüstert", fragte sie beklommen, „und über wen? doch nicht über Pescara?" „Von ihm. Er ist überall. Sie sagen", — er dämpfte die Stimme — „der Feldherr löse sich vom Kaiser und unterhandle mit der Heiligkeit und den italienischen Mächten." Viktoria erschrak über den glühend sinnlichen Ausdruck seines Gesichtes. „Und Pescara ..." sagte sie undeutlich. „Wie ich den Feldherrn beneide!" träumte Don Juan. „Welche Aufregungen, welche Genüsse! Italia wirft sich ihm in die Arme ... er wird sie liebkosen, unterjochen und wegwersen ... oh, er wird mit ihr spielen wie die Katze mit der Maus!" und er machte mit der Rechten eine haschende Gebärde. Ein flammender Zorn übermochte die Colonna. „Verworfener , rief sie, „habe ich dich gefragt, wie Pescara tun würde? Bist du der Mensch, es zu wissen? Habe ich dir erlaubt, an ihm herumzudeuten? ... Wie die Katze mit der Maus ... abscheulich! So hast du mit Julien gespielt, Ehrloser!" Diese Julia stammte aus einem edeln novaresischen Geschlechte und war die Enkelin des gelehrten Arztes Messer Numa Dati, welcher die Speerwunde Pescaras geheilt hatte. Del Guasto, der im Hause des Arztes Quartier genommen, hatte das Mädchen mißleitet und die Wohnung gewechselt. Die Preisgegebene war dann, von Scham vernichtet, vor dem arglosen Antlitz ihres Großvaters von Novara weit weg in ein römisches Kloster geflohen und halt« die mächtige Colonna auf den Knien angefleht, sich ihrer zu erbarmen und ihre Ehre herzustellen. Da ihn Viktoria einen Ehrlosen hieß, biß sich Don Juan auf die Lippe. „Sachte, Herrin", sagte er, „wäget Eure Worte. Ich bin kein Ehrloser, sondern ich wäre es, wenn ich Julien nicht verlassen hätte. Ich rede nicht von dem Unterschiede des Blutes eines Avalos und einer Dau, sondern einfach davon, daß mir wie jedem Manne keine Gefallene, sondern eine Unschuldig« zur «raut geziemt." Viktorias menschliches Herz empörte sich. „Du bist es, der die Aermste mit deinen Liebkosungen und Beteuerungen, ja vielleicht gar mit falschen Gelübden und Eiden zu Falle gebracht! Bist du es nicht? Kannst du es leugnen?" Er erwiderte: „Ich leugne es nicht, aber es war mein Knegsrech-, denn Krieg ist zwischen dem männlichen Willen unt> der weiblichen Unschuld. Ich versuchte sie, ja. Warum widerstand sie nicht? Warum gab sie sich? Warum beschuldigt Ihr mich, daß sie schwach war und daß id) sie jetzt verachte und verschmähe?" Viktoria erstarrte vor Entsetzen. „Ruchloser!" stöhnte sie. , „Madonna", kürzte der Jüngling das Gespräch, „das ist eine peinliche Unterhaltung, und Ihr tut mir leid dabei. Ich schiage Euch ein Tribunal vor. In Novara angelangt, treten wir vor den Feldherrn, und Ihr verklaget mich. Ich werde mich rechtfertigen, und der Feldherr, der die Welt und ihre Ordnungen kennt, wird mich freisprechen, wie ich denke. Jetzt verlasse ich Euch. Ich habe noch Leute zu werben, denn ohne eine starke Bedeckung wage ich in diesen unruhigen Zeiten nicht für Euch zu haften." Er verbeugte sich und verließ sie hohen Hauptes. (Fortsetzung folgt.) Darum mußte der Himmel alles getan haben. Dikior!a war brennend eifersüchtig auf den Ruhm ihres Gatten. Und wie ungroßmutig hatte sich Karl erwiesen! Er hatte es über sich gebracht, dem Feldherrn, welchem er Italien verdankte, zwei armselig« italienische Städtchen zu verweigern! Nein, einen so kleinen Meistchen konnte man gar nicht verraten, man konnte höchstens von ihm abfallen und ihn fahren lassen. Jetzt blendete sie ein gewaltiger Blitz, derselbe, der den Kanzler und Guicciardin unter di« Dächer des Vatikans zurückgetrieben, und eben da der Regen zu stürzen begann, erreichte sie, rechts durch ein Seitengäßchen biegend, die dunkeln Stufen des Pantheon und seine erhabene Vorhalle. Ohne das Innere des machtvollen Tempels zu betreten, lehnte sie, die entstehende Kühle einatmend, an eine der enge zusammengerückten gewaltigen Säulen, und unter dem Vordache des alten Bauwerkes kehrte ihr Geist in «in noch früheres Altertum zurück, dessen Tugenden die flüssige Bildkraft des Jahrhunderts verherrlichte, ohne sie zu besitzen oder auch nur begreifen zu können in ihrer eintönigen Starrheit und strengen Wirklichkeit. , . _ , r. Jene tugendhaften Sucretien und Cornelien traten ihr wie Schwestern vor das altertumstrunken« Aug«, trug sie doch zwei Namen, die beide so römisch als möglich klangen, und war ihr doch wie jenen hohen Frauen das weiblich Böse unbekannt. Jene schlichten und stolzen Geschöpfe hatten die Eroberer der Welt geboren. Sie betrat den Tempel und warf sich nieder in der Mitte desselben unter der wetterleuchtenden Wölbung, rang die Hände und flehte, daß Rom und Italien nicht versinke in das Grab der Knechtschaft. Sie flehte in den christlichen Himmel hinauf und nicht minder zu dem Olympier, der über ihr donnerte, zu alle dem, rote da rettet und Macht hat, mit der wunderlichen und doch so natürlichen Göttermischung der Uebergangszeiien. Da sie das Pantheon verließ — wie lange sie auf den Knien gelegen, wußte sie nicht —, heiterte sich der italienische Himmel eben wieder auf, und in ihrem gewöhnlichen Wcpidel, leicht und gemessen, beendigte sie den Weg nach ihrem Paläste. Jetzt kehrten ihre Gedanken zu Pescara zurück. Nicht diese ihre Frauenhände konnten den Spanier verjagen, sondern nur er vermochte es, welcher in jeder der (einigen einen Sieg hielt, wenn sie und die Umstände ihn dazu überredeten. Durfte sie es hoffen? Hatte sie solche Gewalt über ihn? Und Viktoria mußte sich sagen, daß sie trotz ihrer langen und trauten Ehe den innersten Pescara nicht kenne. Sie wußte sein Angesicht, seine Gebärde, di« kleinste seiner Gewohnheiten auswendig. Daß der Enthaltsame ihr treu sei, glaubte sie und täuschte sich nicht. Daß er sie anbetete und als höchstes Gut mit der äußersten Liebe und Sorgfalt hegte, zärtlich und verehrungsooll zugleich, darauf war sie stolz. In den seligen Stunden ihres kurzen, stets wieder von Feldzug und Lager aufgehobenen Zusammenseins warf er Pläne und Karten und seinen Livius weg, um sein Weib und gemeinsam mit ihr Meerbläue und wandernde Segel zu betrachten. Er spielte mit ihr Schach, und sie gewann. Er bat sie, die Laute zu schlagen, schloß die Augen und lauschte. Er gab ihr für ihre Sonette spitzfindige Themata auf und verschärfte zuweilen den Umriß ihrer allgemeinen Gedanken und weiten Wendungen, denn er selbst hatte früher, in der unfreiwilligen Muße einer Gefangenschaft — und wahrhaftig gar nicht übel für einen Geharnischten — zur Verherrlichung Viktorias einen „Triumph der Liebe" gedichtet. Seine Siege aber erzählte er, jung wie er war und größerer gegenwärtig, seinem Weide niemals, da er sie, wie er sagte, weder langweilen noch mit Blut bespritzen wolle, denn ein Feldzug sei eine lange Geduldsprobe, die zu der roten Lache einer Schlachtbank führe. Von Politik sprach er ihr nur gar nicht, weder von Vergangenem noch von Schwebendem, obwohl ihm einmal das Wort entschlüpfte, Menschen und Dinge mit unsichtbaren Händen zu lenken, sei das Feinst« des Lebens, und wer das einmal kenne, möge von nichts anderem mehr kosten. Doch gewöhnlich meinte er, Politik sei ein schmutziger Markt, und fein Weib dürfe nicht einmal die helle Spitze ihres Fußes in den ekeln Sumpf tauchen. So gestand sich Viktoria, daß ihr der alles untäuschbar durchblickende Pescara undurchdringlich und sein Denken und Glauben verschlossen fei. War das recht? Durfte es für sie verbotene Türen und verschlossene Kammern geben in der Seele ihres Mannes? Nach den Plänen des Feld- hcrrn und den Ränken des Staatsmannes war sie nicht begierig, aber sie verlangte eingeweiht zu werden in seinen Ehrgeiz und in fein Gewissen. Und jetzt, da Pescara vor einer ungeheuren Entscheidung stand, nein, jetzt ließ sie sich nicht abschütteln von seinem kämpfenden Herzen, nicht speisen mit einer Liebkosung oder einem Scherze, jetzt wollte sie mitraten und mithandeln. Hatte sie "ihm nicht eine frische Seele und eine reine Jugend gebracht? War sie nicht eine Colonna? Brachte sie nicht heut« eine Krone? Ob er diese zurückweise, ob er sie aus ihren Händen nehme und sie sich aufs Haupt, setze, hier wallte sie seine Mitschuldige oder seine Miientlagende sein, ein bewußter Teil seiner verschwiegenen Seele. Wäre sie schon bei Pescara! Herz und L-ohlen brannten ihr vor Ungeduld, und schon durchschritt sie den Apostelplatz, wo ihr ein geharnischter Jüngling entgegentrat, der unter dem Tor auf sie gewartet hatte. „Ich war um Euch in Sorge, erlauchte Frau", begrüßte er sie, „da Eure Sänfte und Eure Leute ohne Euch aus dem Vatikan zurückgekehrt sind. Nun, da seid Ihr ja, Patin, wenn ich Euch so nennen darf, wie ich von jung an gewohnt war und es auch mein gutes Recht ist." Ohne Antwort zu geben, stieg sie mit ihm die Treppen hinan, kaum auf seinen bargebotenen Arm sich lehnend. Diesen gewöhnlichen Dienst von ihm anzunehmen, durfte sie sich nicht weigern, was sie auch gegen ihn haben mochte. Denn Del Guasto — so hieß der Jüngling — war der Neff« Pescaras und wie er ein Avalos. Der fünfzehnjährige Pescara und die gleichaltrige Viktoria hatten den Knaben gemeinsam aus der Taufe gehoben. So hatte es der Vater Viktorias, der Feldherr Fabricius Colonna, veranstaltet, um seine zwei Lieblinge, den jungen Krieger und sein aufgeblähtes Kind, zusammen vor einen Taufstein zu stellen und die beiden Gesichter und Gestalten sich einander erblicken zu lassen.