GietzenerKmnlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Montag, den lO. August Nummer 62 Nerven. Die Blumen waren über Sie bückte un einem hohen Baum. ein Weilchen. Sie sah in das braune von Er- - Jahrgang ■ ■■■■■■»»>■■■ »I! Lauf der Wett. Don I. W. von Goethe. Als ich ein junger Geselle war. Lustig und guter Dinge, Da hielten die Maler offenbar Mein Gesicht für viel zu geringe; Dafür war mir manch schönes Kind Dazumal von Herzen treu gesinnt. Nun ich hier als Altmeister sitz, Rufen sie mich aus auf Straßen und Gasser Zu haben bin ich, wie der Alte Fritz, Auf Pfeifenköpfen und Tassen. Doch die schönen Kinder, die bleiben fern; D Traum der Jugend! D goldner Stern! Enzians. Die —.......—,----- ....... - das andere Ende der Lichtung. Und dann stand Elisabeth plötzlich hinter n'de, die langsam'arbeiteten/ Dann blickte sie " " ‘ ' dort in einer rnärchen- Madonna des Sommers. Von Rudolf W e y r i ch. Elisabeth zögerte, ehe sie aus dem Hochwald auf die einsame, von der flirrenden Sommerluft traumhaft umfangen« Lichtung trat. Aber es war nicht das seltsam laute Zitherspiel, das in seiner Einfachheit deutlich von der nahen Alm herabkam. Elisabeth dachte darüber nach, ob sie den Weg über die sommerlich heiße Lichtung nehmen sollte; am anderen Ende saß Thomas, der seit einer Woche an einem Gemälde arbeitete. Elisabeth sah über die Brombeeren hinweg und entdeckte drüben Elisabeth schwieg noch c„. —— — --------- leb Nissen gezeichnete Gesicht, sie sah das zaghaft angegraute Haar. Sie verfolgte die braunen Hände, die langsam arbe:t"t"1' wieder auf das Bild; auf die Landschaft, die sich haften Pracht entfaltete. Bis zum Gold des Kornes, unten in den verblauenden Tälern, dem silbernen Band des Flusses und dem sagenhaften dem Maler. Sie sah ihn unter dem blauen Schatten des weißen Sonnenschirmes sitzen. Er hatte sie nicht gehört. Der Waldboden nahm jeden Lärm der Schritte. Irgendwo hämmerte ein Specht laut und in kleinen Abständen den Schoß geglitten. „Elisabeth!" sagte Thomas und hob sie hoch. Er sah ein rotes Schim» mern auf ihren Wangen, und ein Lächeln, das verwirrt einen Weg suchte, hing in ihrem Gesicht. Der Blick der Augen war heller. „Es ist so heiß in der Sonne!" sagte sie. „Sie wollen also bleiben, Elisabeth?" Er führte sie ein wenig vor die Staffelei. Obwohl er das Gefühl hatte, jetzt nicht arbeiten zu können und ganz in den Traum dieses Sommertages zu gleiten, skizzierte er die junge Frau ein. Er kam tiefer in das Arbeiten. Er fühlte die Kräfte in sich spielen, er spürte deutlich Sehnsucht und Verlangen, er spürte den Rausch dieses flirrenden Tages und die Nähe Elisabeths. Aber es hinderte ihn etwas, daß die anderen Gedanken frei wurden, leicht. Er dachte an den Waldsee. Er würde mit Elisabeth am Waldsee zusammenkommen. Es ift Vollmond. Es ist kühl. Und Elisabeth würde im schwermütigen Licht schöner sein. Die Hitze machte sie müde. „Thomas", hörte er in seinen Gedanken plötzlich ihre Stimme. Er sah nicht auf. Er arbeitete. „Thomas, wie heißt Ihre Frau?" fragte Elisabeth unvermittelt. Einen Augenblick zögert« er; er erschrak nicht. Er malte weiter. Es war alles so weit, so weit hinter dem Sommer. Hinter diesem Tag. Nichts rührte sich. Alles lag in einer Stille, als würde, als müßte jetzt irgend etwas Besonderes kommen. Thomas saß unter dem Sonnenschirm und mischte eine Farbe. „Was haben Sie gesagt, Elisabeth?" fragte er, abweichend. „Ich möchte wissen, wie Ihre Frau heißt!" wiederholte sie. „Maria!" sagte Thomas. „Maria! Das ist ein guter Name, Elisabeth ist ein müder Name. Ein Name mit Entbehrung, mit Kummer. Ein Name..." Elisabeth hielt wieder ein, als wäre sie verbittert über ihre eigenen Worte. Dann setzte sie fort, indessen sie die Enzianglocken wieder zu einem Strauß sammelte, eine neben die andere. „Was hat Ihre Maria für Haar?" „Blond, wie das Korn", sagte Thomas leise. „Und ihre Augen?" fragte Elisabeth weiter. „Natürlich blau!" „Blau wie diese Blumen?" fragte Elisabeth. Thomas schwieg. „Und sie ist schön, Thomas, sehr schön? Und mehr als das, sie ist sicher gut!" Eine Libelle sang vorüber mit gläsernem Geläut. Elisabeth hörte sie. „Es muß ein Waldsee in der Nähe sein, Thomas. Sie kennen diese ® cg^nb?" „Ja", sagt« Thomas, indem er seine Gedanken zurückließ und freier wurde bei diesen Worten. „Elisabeth, ich werde Sie heute Nacht an diesem See erwarten. Es ist kühl und wundervoll erfrischend, dort zu baden. Es ist hell. Und ich bringe Sie wieder nach Hause." den weihen Leinenschirm. sich nach den tiefblauen, langgeschwungenen Glocken des Blumen führten sie langsam in einer kleinen Biegung an Blau eines kleinen Waldsees. Und jetzt erst bemerkte sie das peinlich genau verzeichnete Leben, das in dieser Landschaft hing; die Schmetterlinge, die Libellen, die Kaser unter den Gesträuchen. Sie konnte im Anblick dieses Gemäldes in die Vergessenheit sinken. Aber sie wehrte sich dagegen. „Guten Tag, Meister!" sagte sie langsam. Thomas drehte sich nicht um. Er malte noch einen Augenblick an einem Hochwald weiter. Dann beugte er sich unter dem Sonnenschirm vor, und '‘“Routen Tag, Elisabeth!" sagte er. Elisabeth sah flüchtig in sein Gesicht, das jetzt dem ihren voll gegenüberstand. . • „Man nmß Ihre Kunst bewundern, Meister! sagte sie. Der B ick seiner dunklen Augen' blieb an der jungen Frau hangen. Er sah ihr schmales Gesicht, er sah ihre von leichten Schatten umflogenen Augen, LT sah ihre Hände, die so merkwürdig weiß waren er sah die blauen Blumen und das goldene Haar. Ein breiter Sommerhut, dünn geflochten und durchsichtig, war in den Nacken gerutscht.« „Elisabeth, Sie waren lange nicht bei mir! „Es sind nur einige Tage. Ich hatte zu tun „Sie sollten mehr in die Sonne gehn! sagte Thomas und sah auf tfjvc fiänbc „Es ist wundervoll", erwiderte Elisabeth, mit dem Blick auf bas Bild. „Lassen wir die Kunst! Elisabeth! Sehen Sie sich lieber die Natur an. ~ „Aber in diesem Bild' liegt mehr als in der Natur. Es liegt ein Können, ich möchte sagen, ein doppeltes Wunder in ihm. Der Künstler Acht Über der Natur!" . . „ . „ ... „Und dennoch hängt er an der Erde, an den Kleinigkeiten. Es gibt kein Wunder, Elisabeth! Wir alle gehen einen Weg, nur unsere Gedanken 'md, in Verbindung mit den wirklichen Geschehnissen oft wunderbar. Er griff nach ihren Händen, um sie auf einen schattigen Platz in der Nähe zu führen. „Sie sind schön, Elisabeth! Ich habe eine Bitte an Sie! Elisabeth zog die Hände nicht zurück. „Eine Sommermadonna?" fragte sie Er fühlte ein leichtes Beben il „Es ist schon spät. Und niemand weiß, wohin ich gegangen bin. Ich muß wieder zurück." „Es ist niemals spät. Es kann nur zu spät sein. Elisabeth. Sehen Sir, ich liebe das Leben ..." Die junge Frau sah ihn mit den verschwiegenen Augen der Sehnsucht an. Sie spielte mit den Enzianblüten. Sie legte sie zusammen, Glocke an Glocke, und zwischendurch sah sie wieder auf, blickte hinab in das weite sommerlich farbige Land. Sie fah das Grün in all den Farben und die Wälder mit den blassen Lichtungen, auf denen das geschlagene Holz mattgolden in der Sonne schimmerte. Von droben kam jetzt wieder auf einem freundlichen Wind das eim same Zitherspiel herab. Beide hörten es. „Wir alle lieben das^Leben. Nur auf verschiedene Art und mit verschiedenem Erfolg." „Elisabeth", sagte Thomas und nahm sie wieder an den Händen. „Ich suche ein Motiv in mein Bild. Wollen Sie mir Modell stehen?" Elisabeth mußte lächeln. Es spielte um di« schmalen Lippen wie eine resignierende Zartheit. Manchmal hatte Thomas das Gefühl, als müßte er ihr Herz zum Glühen bringen und ihr« Puls« zum verwirrenden, heftigen Schlag, als müßte er diese Frau in Flammen werfen, damit sie aufblühe in' das Grenzenlos«. Und dann wieder war es ihm, als müsse er zurücktreten vor ihr; sie hatte etwas in ihrem Wesen, das sie nonnenhaft umkleidete. „Elisabeth", begann Thomas wieder, als die blauen Schatten in der wenig bewegten Luft kühler schmeichelten, „das Bild fpiegelt die stärkst« Zeit des Lebens wider. Wäre es nicht am fchönsten, in dieses Leben die Frau zu stellen. Die reife Frau? Wie eine Madonna. Wie eine Madonna des Sommers!" itinuDeui luuu uuj. . „ , . . „Guten Tag, Meister", sagte sie mit ein wenig Verwirrung tn der Stimme. „Elisabeth, du kommst?" fragte er. ... . .. Sie wich seinen Blicken aus. Dann flog ein einziger Blick aus ihren Augen über die seinen. „Ich weiß es noch nicht, Thomas!" sagte sie, „ich weiß nicht, ob es mir möglich sein wird!" Er sah ihr nach, wie sie über die Lichtung schritt. In die Sonne hinein. Sie hatte den breiten Hut wieder auf dem hellen Haar. Dann verschwand sie im Hochwald. Thomas setzte sich wieder nieder. Elisabeth! dachte er, indessen er weiterarbeitete an der Frau. Die Sonne fiel in den Abend. Es wurde kühl. Ein Wind erhob^sich. Vögel riefen im Wald. Die Schatten wurden dunkelblau. Spat stand Thomas von der Arbeit auf. Er schritt den Weg hinab, an dem kleinen See vorbei. Er schritt den Weg nicht weiter. Er packte einige Eßsachen aus dem Rucksack und blieb in der Kühle sitzen. Es wurde Abend, es wurde Nacht. Der Mond stand über den rötlichen Felsen. Die Aeste im grünblauen Wasser schimmerten bleich und silbern. Schwarz stand das Wasser in der Weite, drüben an den Felsen. Manchmal war es Thomas, als hörte er Schritte. Aster es mochte ein Waldtier gewesen sein. Elisabeth kam nicht. Die beryllgrüne Dämmerung ging in Dunkelheit über. Thomas schwamm in den See hinaus, in die fallende Nacht... Als er am nächsten Tage wieder unter dem weißen Sonnenschirm sah, um sein Bild zu Ende zu malen, kam Elisabeth wieder den Weg herauf. Sie hatte wieder Enzianblüten im Arm, sie trat wieder hinter ihn und grüßte ihn mit denselben Worten. Er hielt ihr nichts vor, er sprach nichts. Er küßte ihre Hand, er hielt sie, sie lieh es geschehen. Sie setzte sich wieder vor ihn. Sie schwieg. Er arbeitete. Einmal stand sie auf und trat vor das Bild. Sie sah es lange an. Indessen Thomas mit vielen Umständen seine Pfeife stopfte, eine kleine Pause machte. In die fast klingende Stille hob sich von weitherauf das silberne Gehämmer des Sensendengelns. Metallen glitten in ihrem rastlosen Flug die Bienen vorüber. „Ich beneide Sie um Ihre Frau!" sagte Elisabeth. Plötzlich, leise und dennoch deutlich. Zweimal sagte sie es, während sie in das bald vollendete Bild sah. Aber die Worte glitten an feinen Ohren vorbei wie das Spiel der Bienen. Dann, als Thomas aufsah, fand er Elisabeth nirgends mehr. Sie war gegangen. Er Hütte sie eigentlich hören müssen- aber warum hatte sie nichts davon gesagt? Warum war sie ohne ein Wort von ihm fort? Es war ihm, als erwachte er. Sie hatte etwas gesprochen; er hatte wohl den Klang im Ohr. Aber bann, seltsam, dann sah er es mit einem leisen Erschrecken, mit einem Ueberraschen, das ihm bis in die Fingerspitzen rieselte: diese Frau, die er da in fein Bild gestellt, in die Reise des Sommers, diese Frau, zu der ihm Elisabeth Modell gesessen war, die Frau war Maria! Er sah auf dieses Erlebnis wie in einem kurzen, aber heftigen Traum. Er versuchte sich loszureißen. Er räumte die Pinsel zusammen. Er schritt den Weg bergab. Den schmalen, duftenden Waldweg in die liefe, den Elisabeth zu gehen pflegte. Er schritt rasch aus. Aber er sah das Mädchen nirgends mehr. Er sah sie nie wieder. Sie war verloren, wie eine weiße, kleine Sommerwolke, die aus dem heißen Blau des Sommerhimmels blüht und wieder verweht, unerwartet, wie sie gekommen war. Ambras. Das Schloß der Treue. Bon Dr. Hedwig Fischmann. Schlicht und in sich geschlossen, ein Denkmal gesammelter Festigkeit und Beständigkeit gleich den machtvoll rings emporragenden Alpengipfeln, so grüßt des Schlosses Ambras Silhouette weithin in das heilige Land Tirol, als fei die Seele jener Frau in ihm lebendig geblieben, die hier karg zugemesfene Glücksjahre an der Seite des geliebten Mannes genossen — die Seele des tapferen Augsburger Bürgerkindes Philippine Welfer. Gesäumt von blutig verletzendem Gestrüpp erniedrigender Heimlichkeiten und Demütigungen war der lange Weg, den diese Frau aus der ruhigen Geborgenheit des heimatlichen Patrizierhauses durchmessen, bis sie einzog als die allverehrte Herrin, wenngleich immer noch nicht als die öffentlich anerkannte Gattin des Erzherzogs Ferdinand in dem stolzen Alpenschloß, dessen reichste Glanztage mit ihrem Namen verbunden sind. Sie aber war ihn mutig, erhobenen Hauptes geschritten, leidend und harrend in unerschütterlicher Treue. Wohl hat die unbestechliche Richterin, die wissenschaftliche Forschung, mit rauher Hand an dem Legendenkranz gezupft, den eine romantische Zeit um das blonde Haupt der Welserin geschlungen, und ihm manche der schimmerndsten Blüten entrissen. Nicht die rührende Erzählung von dem schicksalhaften Sich-Finden zweier Herzen auf dem Augsburger Reichstag, als der Erzherzog beim festlichen Einzug in die Stadt das schöne Bürgerkind im Erker des väterlichen Hauses erblickte und wie mit Zaubergewalt gefesselt wurde; nicht der von Dichtern und Malern verherrlichte Fußfall der jungen Frau mit ihren zarten Kindern vor dem zürnenden Kaiser, der von soviel Anmut und standhafter Treue besiegt wurde; nicht der — andern, unglücklicheren Schicksalsgefährtinnen nachgedichtete — Opfertod, ihre angebliche Ermordung in der Badestube von Ambras durch gewaltsames Oefsnen der Adern, haben vor dem Forum der Geschichte standhalten können, ebenso wenig wie das noch tjeute alle Besucher des Schlosses entzückende zarte Frauenporträt, das ihren Namen trägt, vor einer kritischen Nachprüfung bestanden hat. Aber was blieb, ist das nicht minder ergreifende Bild eines tapfern, aufrechten Menschenkindes, das um feiner Liebe willen auszuharren und zu dulden bereit war, das selbst seinen höchsten Weibesstolz, jein Mutterglück verleugnet und es still getragen hat, daß die dem heimlichen Ehebündnis mit dem Erzherzog entsprossenen Kinder „als Findlinge gelegt" wurden. Aus dem eigenen Leide aber rettete sie sich ein warm fühlendes Herz für alle Leidbeladenen in die Tage des Glücks hinüber. Als „die Liebhaberin oller betrübten Herzen" spricht eine Bittschrift die Schloßfrau von Ambras an, der allgemeinen Volksmeinung Stimme leihend. Denn feit dem Tage da Philppine Welfer in Tirol eingezogen, war den Armen eine Helferin und Fürsprecherin erstanden. Mit den reichen Mitteln, die ihr die Freigebigkeit des Gatten gewährte, wußte sie, klug und gütevoll, unendlich viel Not zu lindern, und an allen Krankenbetten rings um Ambras stand sie als nimmermüde Pflegerin und Beraterin. Die Wiener Nationalbibliothek bewahrt noch heute ein Rezeptbuch, in dem viele von ihr erprobte Heilmittel eigenhändig eingetragen sind, wie auch ihr an der gleichen Stelle erhaltenes Kochbuch davon zeugt, mit welcher Liebe und welchem Eifer sie sich ihren Hausfrauenpflichten unterzogen. Und welch weites Betätigungsfeld stand der Herrin von Ambras hier offen! Hatte doch ihr Gatte das in feinen Ursprüngen bis in die Römer- jeit zurückreichende Schloß, dem er durch entscheidende An- und Umbauten im wesentlichen feine heutige Gestatt, die eines schlicht-monumentalen Renaissance-Baus, verliehen und das er durch seinen unermüdlichen Sammlereifer überreich ausgefchmückt hatte, zum Mittelpunkt glänzender Feste und einer froh bewegten Geselligkeit erhoben. „Ein Schloß, einem zierlichen Paläste vergleichbar und in der herrlichsten Sage, mit fürstlichem Hausrate und mit Bildern ausgestattet, wie man ein solches nur in den prächtigsten Städten sucht", und „den dreifachen Villen der alten Römer an Pracht und Größe in nichts nachstehend", so schildert uns ein Zeitgenosse, Stephan Venander Pighius, den Eindruck, den Schloß Ambras in den Tagen seines Glanzes auch auf einen weitgereisten Gast gemacht. Viele der herrlichen Kunstschätze, die einst die Burg geborgen, sind vor den Kriegswirren der folgenden Jahrhunderte geflüchtet worden und bilden als die berühmte Ambraser Sammlung noch heute den Stolz der Wiener Museen, während die reiche Wafsensammlung des Erzherzogs im Unterschloß von Ambras verblieben ist. Meles auch, wie das wundervolle alte Getäsel der Gemächer, ist bis auf geringe lleberrefte der jahrelang hier hausenden Soldateska in den Napoleonischen Kriegen zum Opfer gefallen. Hatte sich doch z. B. die Militärfchusterei keinen andern Raum zur Stätte ihrer gewiß sehr nutzbringenden, aber durchaus nicht in kostbare Schloßgemächer passenden Tätigkeit erwählen können als just das reichgetäfelte und mit einem Freskofries geschmückte Ankleidezimmer Philippines. Nur der von Erzherzog Ferdinand errichtete sogenannte Spanische Saal" mit seinen unvergleichlichen Sntarfiatüren aus den rnannigfaltigften edlen Holzarten und den die Wände schmückenden Bildnissen der Tiroler Fürsten — darunter dem gar nicht abschreckenden Porträt „der häßlichen Herzogin" Margarete Maultasch — entging der allgemeinen Verwüstung, da ihn Napoleon gleich seinem Erbauer zu Repräsentationszwecken benutzte; wohl aber hatte dieses einzigartige Denkmal der deutschen Renaissance desto mehr durch die Ungunst [einer direkt aus dem Felsen herausgehauenen Anlage zu leiden. Aber nicht in diesem Prunksaal bei den geräuschvollen Festlichkeiten, die gar oft, dem Charakter der Zeit entsprechend, in überberben Humor ausarteten, wie die erhaltenen „Trinkbücher von Ambras" bezeugen, wird uns Philippines Bild lebendig, und auch die Ueberlieferung weiß nichts von ihrem Hervortreten bei den üppigen Lustbarkeiten zu berichten. Auch jene zum Hofstaat gehörigen Menfchenabnormitäten, wie des Erzherzogs Leibtrabant, der „9 Werkschutz hohe" Giovanni Sona, ober sein Gegenspiel ber Hoszwerg Thomerle, beren Ungestalten, neben anbern Menschen- unb Tiermißbildungen von ben Wänben ber Treppen unb Gänge herab- schauenb, uns Kinber eines anbcrs empsinbenben Jahrhunberts mit Grauen unb Mitleid erfüllen, mögen wohl mehr durch die Neigung Ferdinands als feiner Gattin in den Kreis ber Hausgenossen einbezogen worben sein. Wohl aber meinen wir, bie lichtburchsluteten Gemächer bes Obergeschosses burchschreitenb, als müßte jetzt unb jetzt Philippines gold- blonbes Haupt, bas einst selbst bas verwöhnte Auge bes Erzbischofs Granvella entzückt hat, zwischen ben köstlichen geschnitzten unb eingelegten Kästen unb Truhen austauchen, als fei sie eben erst von einem ber mächtigen Armstühle im Erker dort aufgeftanben, wo sie an einem Turnierbank gestickt hat gleich jenem, ben bie Kunsthistorische Sammlung in Wien noch heute als ihr Werk bewahrt. Doch am unmittelbarsten glauben wir die Gegenwart dieser nun schon so manches Jahrhundert in der Hofkirche zu Innsbruck ruhenden Frau unter ben alten, mächtigen Bäumen bes Parks mit feinen zu Tal braufenben Wasserfällen, bie heute wie bamals bie gleiche urewige Melo- bie rauschen, zu empfinben. Hier, in biejem bie Oftfeite bes Schlosses jäumenben Wilbpark mit seinen ba unb bort sich erschließenden Ausblicken auf die gewaltige Bergwelt Tirols mag sie oftmals, sinnend unb vergangener Bitternisse ohne Reue gebentenb, gewandelt haben, indessen unaufhaltsam gleich den gleitenden Wasserfluten bie letzten sonneüberglcinz- ten Lebenssommer ihr verrannen. Das Entzücken ber Zeitgenossen aber bilbeten bie heute verschwunbenen Labyrinthe, Parabiese unb die mannigfaltigen, ben Wassernymphen geweihten Grotten. Ganz besonbers rühmt der schon erwähnte Pighius, ber im Sommer 1574 in Ambras weilte, „bie mit frischem Grün umfleibetcn Lusthäuser unb Speisesälchen im Freien, vor allem aber eine Rotonba, in beren Mitte ein runber Tisch von Ahornholz steht; unter biefem sind Räber angebracht, bie vom Wasser getrieben werben, mittels welcher man ben Tisch samt ben Gästen bald sachte, bald rasch herumdrehen unb bie Leute schwindlig machen kann". Auch bes „Heiligtums bes Bacchus", einer Felsenhöhle, in ber jeber Besucher berb-fröhiichen Trinkriten unterworfen würbe, gebentt die Beschreibung bes Gelehrten, der freilich hier bei der reichlich bemessenen Probe seiner Trinkfestigkeit unter dem schallenden Gelächter ber Zuschauer kläglich versagte. Verstummt ist bas Lachen, verrauscht die frohen Feste. Still, entschwundenen Tagen bes Glanzes nachsinnenb, liegt Schloß Ambras. An jenem Frühlingstage des Jahres 1580, ba man Philippine SEßelfer ,3U Grabe getragen, um bie noch nach Jahren der Schmerzensruf aus dem Volke erscholl: „Wir haben an unserer gnädigsten Frau sehr übel verloren!" — da begann sein strahlendes Gestirn zu verblassen. Doch das hohe Sieb ber Treue, dessen letzte glückbeschwingte Strophen hier erklungen, hallt noch heute nach in seinen ernsten Mauern. Es gibt wohl keine Wissenschaft, in welcher nicht Außenseiter und Laien onderliche Theorien und Meinungen aufgestellt hätten. Der Professor Oer Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35. (Fortsetzung.) Die Lehrere nämlich erteilten in diesen Tagen häufig Befehl und Gegenbefehl. Von einigen unter ihnen, und zwar von den älteren, wurde die Bande in diesen denkwürdigen Zeiten unausgesetzt beschäftigt. Sie sollte, so schien cs, kaum je eine freie Minute zur Beratung oder zur Vollendung ihres Zwingers gewinnen. Da in den Unterrichtsstunden wieder einmal nichts auszusetzen war, — denn die Tertia hatte auf Befehl des klugen Häuptlings ihren Studienfleiß in diesen Tagen verdoppelt, —< so kam jeden Augenblick ein Befehl zu irgendeiner landwirtschaftlichen Verrichtung im Gutshof oder an den äußersten Grenzen des Schulgutes, oder es wurden Abteilungen in die Werkstätten der Schneider, Schreiner und Schuster geschickt oder zu den Gärtnern in die Gemüse- und Blumengärten. Kaum aber waren sie an ihrem Bestimmungsort angelangt, so traten jüngere, viel geliebte und viel geehrte Lehrer zu ihnen heran, lächelten über ihre Arbeit, gesellten sich kameradschaftlich ihnen zu und beschwichtigten eher ihren Eifer, als daß sie ihn anspornten. Auch ließen sie sich in allerlei verfängliche Gespräche mit ihnen ein, ohne freilich den alles bewegenden Gegenstand dieser Tage geradezu beim Namen zu nennen. Doch zeigte sich in jedem ihrer Worte ein höfliches Bestreben zur Kameradschaft, zu stiller Unterstützung und zur Kräftigung des Mutes und der Zuversicht. Der eine unter ihnen, Dr. Frey, ihr bester Fußballkamerad und Liebling unter den Lehrern, sagte sogar einmal beim Fortgehen ohne weitere Umstände: „Ihr habt gute Freunde hier, die euch nicht fallen lassen werden, wenn ihr etwas Vernünftiges unternehmt!" Dieses Wort machte die Runde in der ganzen Schule. Die Sekundaner zogen streng tadelnde, bedenkliche und finstere Gesichter, wie sie es hörten. Freilich hatten sie mit den jungen Lehrern niemals besonders gut gestanden, und die jungen Lehrer wiederum gaben nur ungern in der Untersekunda Unterricht. Sie bevorzugten die Obersekunda, die Prima und die Obertertia. , All diese Stimmungen zeigten sich am deutlichsten in dem Fußballmatch, das am Dienstag ausgefocktcn wurde. Es war ein Vorbereitungsmatch für das Sportfest, das vor Beginn der großen Ferien in Anwesen- heit vieler Eltern und Gäste veranstaltet werden sollte. Gewöhnlich wurde dreimal in der Woche Fußball gespielt Die erste Halbzeit sand von fünf bis fünf Uhr fünfundvierzig statt, die zweite von sechs bis sechs Uhr fünfundvierzig. Die Primaner, diese Halbgötter und Heroen, spielten getrennt von den andern, sie nahmen jedoch auch einige von den fähigsten Obersekundanern, beispielsweise den älteren Kirchholtes, in ihre Mannschaft auf. Auch junge Lehrer beteiligten sich an diesen Kämpfen. Die andern Klassen spiellen unter sich. Doch die Obertertia hatte sich, wie in allen andern Leibesübungen, so auch im Fußball derart hoch emporgezüchtet, daß sie mit den Untersekundanern spielen dursten, und zwar gemischt, so daß sich ungefähr gleichviel Untersekundaner aus beiden Seiten befanden. An diesen Kämpfen nahmen mit Vorliebe auch diejenigen jungen Lehrer teil, die das Fußballspiel erlernen wollten. Denn die jungen Lehrer hatten es gern in jeder Hinsicht mit den Tertianern zu tun. Nach der Kriegserklärung der Untersekunda schickte der Große Kurfürst in seiner ironischen Gemütsstimmung dieser Klasse Borst, den Unwürdigsten, als Botschafter zu, und er ließ ihr sagen, daß man darauf verzichte, zum Sportfest mit der Sekunda gemischte Mannschaften zu Astronomische Kuriosa. Don Graf Karl von Klinckowstroem. absonderliche Theorien und Meinungen aufgestellt hätten. Der Professor Samuel Simon Witte wurde zu seiner Zeit allerdings ebensowenig r ernst genommen, als er 1789 behauptete, die ägyptischen Pyramiden seien Naturprodukte vulkanischen Ursprungs, wie neuerdings Silvio Gesell und Jens Jürgens, die den alten Moses zum Erfinder des Pulvers und gar des Dynamits machten, oder P l a u s o n , der auf Grund ziemlich des gleichen biblischen Beweismaterials in Moses einen hervorragenden Mondes vorbeizog, genau wie etwa der Merkur manchmal als Pünktchent vor der Sonne vorüberzieht. Vor 30 und etlichen Jahren hat sich ins- besondere der Hamburger Privatastronom Dr. Georg Waltemath darum bemüht, Beweismaterial für die Existenz eines oder zweier solcher Erdmonde zusammenzubringen. Er hatte alte Chroniken und astronomische Werke auf dahingehende Beobachtungen durchforscht und glaubte den Vor- Übergang eines kleinen Satelliten vor der Sonne für den Zeitraum 1700 bis 1879 in mindestens zehn Fällen mit solcher Genauigkeit nachgewiesen zu haben, daß er die Bahn dieses hypothetischen Erdtrabanten berechnete und seinen nächsten Vorübergang vor der Sonne annähernd voraus- bestimmte: um den 3. Februar und den 30. Juli 1898 sollte nach Waltemath dieser Vorübergang stattfinden. Da die Fachgelehrten von seiner Entdeckung nichts wissen wollten,'wandte er sich durch die Tagespresse an das große Publikum. Tatsächlich gingen auch für die beiden kritischen Tage mehrere Mitteilungen von Laien ein, die mit freiem Auge den Vorübergang eines dunklen Körpers vor der Sonnenscheibe beobachtet hatten. Die Fachastronomen aber hatten nichts gesehen — leider waren die Witterungsverhältnisse sehr wenig günstig — und erklärten die Laienbeobachtungen durch meteorologische Erscheinungen. Möglicherweise kann es sich gelegentlich auch um einen Kinderballon gehandelt haben, der in großer Höhe für das Auge des Beobachters die Sonnenscheibe kreuzte. Dr. Waltemath ist nicht durchgedrungen, aber der Gedanke ist deshalb doch nicht in Vergessenheit geraten. Im Jahre 1928 will der Amateurastronom Crew in St. Louis (USA.) im Fernrohr einen zweiten Erdmond beobachtet haben. Er hat sogar schon einen Namen erhalten: Lilith hat ihn der holländische Astronom Leuwenbrook getauft, der ihn auch gesehen hat. Allerdings hat dieser Name in der Wissenschaft noch kein Bürgerrecht, da das Vorhandensein dieses zweiten Mondes eben noch umstritten ist. Obwohl immer wieder Beobachter auftauchen, die ihn beim Vorübergang vor der Scheibe der Sonne oder des Mondes gesehen haben wollen, so ist es doch noch niemals gelungen, zweifelsfreie Angaben Über derartige Beobachtungen zu machen oder diesen Satelliten durch ein Teleskop zu photographieren. Ein von dem reichen Engländer Lewis dafür ausgesetzter Preis von 500 Pfund ist noch zu haben. Unmöglich wäre es ja nicht, daß unsere Erde noch von einem zweiten, sehr kleinen Monde umkreist wird, aber vorläufig verhält sich die Wissenschaft in dieser Hinsicht noch skeptisch. Elektrotechniker sieht. Die Astronomie hat nun eine besonders ansehnliche Literatur derartiger Phantasien gezeitigt. So ist das Problem der Planetenbewohner 1 immer wieder behandelt worden, von Huygens und Fontenelle bis auf Flarnmarion und seine Nachfolger, und es hat auch einen dankbaren Stoff für utopistisch-technische Romane geliefert. Das geozentrische Weltsystem, das den Umlauf der Sonne und aller Gestirne um die :'Erde annimmt, findet vereinzelt noch heute Verteidiger (z. B. in Johannes Schlaf), und wenn ich nicht irre, gibt es heute auch noch Leute, die die Erde für eine Hohlkugel halten. Die Rätsel, die der Mond uns aufgibt, haben viele Laienastronornen gereizt. Ist er wirklich tot, lüft- und wasserlos, unbewohnbar, eine steinerne Wüste? Da hat man z. B. die Beobachtungen gemacht, daß die Mondflächen weiß aus der vierzehntägigen Nacht auftauchen, bei steigender Sonne immer grauer werden und beim Höchststand des Tagesgestirns einen grünlichen Schimmer annehmen. Schon der Münchener Astronom G r u i t - Huis en hat 1824 daraus geschlossen, daß sich während des zweiwöchentlichen Mondtages Pflanzenwuchs entwickle, daß mithin die Vorbedingungen für organisches Leben auf dem Monde gegeben sein müßten. Und der Astronom W. H. Pickering in Cambridge (Mass.) hat dasselbe vor wenigen Jahren neu entdeckt. Während sich aber Pickering hinsichtlich der Existenz vernunftbegabter Mondbewohner zurückhaltend geäußert hat, weiß der phantasiereiche Gruithuisen von deutlichen Spuren der Sele- niten zu erzählen: von ihren Städten, Straßen, Kanülen usw. Dies mag dazu beigetragen Haden, daß alle Welt auf eine geschickt ausgemachte Mystifikation hereinfiel, die 1835 von Amerika ihren Ausgang nahm und den Namen des damals auf dem Gipfel seines Ruhms stehenden jüngeren Herschel dazu mißbrauchte. Zum Verständnis der außerordentlichen Wirkung, die diese astronomische Mystifikation erregte, muß oorausgeschickt werden daß die beiden berühmten Astronomen, Vater und Sohn Herschel, insbesondere in der Konstruktion sehr großer und bis dahin unerreicht leistungsfähiger Spiegelteleskope einzig dastanden. Der Müßige Reflektor, den der ältere Herschel 1785—89 gebaut hatte, erlaubte schon eine bis zu 6000fache Vergrößerung. Sir John W. Herschel, der Sohn, hatte 1834 seine große Forschungsreise nach dem Kap der Guten Hoffnung angetreten, die der Beobachtung und Durchforschung des südlichen Sternhimmels dienen sollte. Alle Welt wartete gespannt auf die ; Ergebnisse der Expedition, und populär-wissenschaftliche Schriftsteller rote Dr. Dick nährten durch färben- und phantasiereiche Schilderungen der Geheimnisse der Sternenroelt die gespannte Erwartung. Da erregte es geradezu eine Sensation, als in der „New York Sun im August und September 1835 eine in wissenschaftlich ernstem Tone gehaltene Aussatzreihe erschien, die angeblich einer englischen Fachzeitschrift entlehnt war und eingehend über die neuesten astronomischen Entdeckungen Herschels Bericht erstattete. Die Mitteilungen sollten von dem Mitarbeiter und Begleiter Herschels, Dr. A. G r a n t stammen, der allerdings allein in der Lage gewesen wäre, so genaue Angaben zu machen. Es wird darin zunächst ganz korrekt und mit voller Sachkenntnis dargelegt was die berühmten Teleskope des älteren Herschel zu (elften oer= mochten, daß z. B. mit dem Müßigen Reflektor auf dem Mond noch Gegenstände von zirka 122 Yards (1115 Meter) im Durchmesser unter- chieden werden könnten, und welche Schwierigkeiten einer weiteren Vergrößerung im Wege ständen. Diese Schwierigkeiten habe nun der jüngere 2 Herschel überwunden. Ein riesiges Instrument mit einem Objektivglas t von 24 Fuß Durchmesser gestatte eine 42 OOOfache Vergrößerung. Der Artikelschreiber ließ es an genauen Details über Bau Transport und Aufstellung des Instruments nicht fehlen, die einen Zweifel an der Wahrheit der Schilderung nicht aufkommen ließen. Mittels dieses ungeheuren Teleskops konnten nun auf der Mondober- flädje Gegenstände deutlich unterschieden werden wie sie sich dem unbe- ! roaffneten Auge in einer (Entfernung non Zirka 100 Yards (91 (Dieter) bar- । teilen wurden. Damit war natürlich das Rätsel der Mondoberflache, die B Frage nach organischem Leben auf dem anscheinend toten Erdtrabanten usw. leicht zu lösen. Und hier hat denn der ebenso kenntnisreiche wie witzige Verfasser seiner Jules-Verne-Phantasie freien Lauf gelassen. Unter '■ ’teter Heranziehung der bis dahin gewonnenen Kenntnisse m der Mond- opographie gebt er ausführliche Schilderungen der erstaunlichen Lan - ' chaftsbilder, die sich den Beobachtern boten, beschreibt eingehend die Pflanzen- und die Tierwelt und vergißt auch nicht die Selenitem di als vier Fuß große, mit fledermausartigen Flugech ausgestattete Men chen mit kupferfarbigem Haar darstellt. Auch deren Kunstbauten und Kulturen > nnden eine phantasiereiche Schilderung — und alles m einer > uns die überraschenden Beobachtungen des englischen Astronomen gleichsam "'^Als^Verf'afftr dieser geistreichen Mystifikation stellte sich später ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der „New York Sun heraus: MA. Locke, der eigentlich nur die Uebertreibungen von Schriftstellern, wie bes^obero- genannten Dr. Dick mit einer Satire lächerlich machen wollte, und über manche auf den Gedanken gebracht, daß vielleicht auch unftre Erde noch I -'nen oder mehrere weitere Trabanten haben könne, die sich' ^gen,ihrer | Kleinheit bisher der Entdeckung entzogen haben. Es l'^en auch eine Menge Beobachtungen vor, die auf einen solchen Gedanken fuhren kon . hatte z B. beobachtet, daß ein dunkles Pünktchen an der Scheibe des bilden. Man werde gegen sie spielen, ein reines Tertia- gegen ein reines Sekundaspieli Die Sekunda nahm diese Botschaft mit einiger Verblüffung und danach mit viel Geringschätzung hin. Schließlich war man in der Untersekunda ein bis anderthalb Jahre älter als die Obertertia ... Der Große Kurfürst hatte mit dieser Entscheidung wieder einmal eigenmächtig gehandelt. Es konnte ein geschicktes Manöver sein, es konnte aber auch zu seinem endgültigen Untergange führen. Augenscheinlich wollte er die Tertia immer weiter isolieren, sie alsdann unter seiner Häuptlingsstandarte sammeln und das letzte an Kräften und Fähigkeiten aus der Bande herausholen, was herauszuholen war. War sie erst einmal ganz auf sich selber gestellt, so war die Gefahr der Zwietracht überwunden. Zeigte es sich jedoch schon bei den vorbereitenden Spielen zum Sportfest, daß die Tertia der Sekunda nicht gewachsen war und daß auch gar keine Aussicht bestehen würde, die Sekunda zum Feste zu schlagen, so war die ohnedies zermürbte Herrschaft des Großen Kurfürsten beendigt, und Daniela würde den Thron besteigen. Und hier war wieder einmal der Punkt, wo die besten Freunde des Häuptlings, also vornehmlich Lüders, Reppert und Hornbostel ihre Köpfe schüttelten und sich besorgt die Frage stellten, ob denn der Häuptling noch wie ehedem der alte sei! Sie sanden die Botschaft des Großen Kursürften an die Sekunda nicht staatsmännisch, sie fanden sie von Leidenschaft. diktiert und geradezu töricht. Hauptsächlich Reppert war ein Gegner des reinen Tertiaspieles. Er runzelte die Stirn, und seine grauen Schleswig-Holstein-Augen nahmen einen besonders strengen Ausdruck an. Er stand mit nacktem Oberkörper am Dienstagnachmittag am Rande des Fußballplatzes. Den Sweater hatte er. sich mit den Aermeln um den Hals gebunden, er hing ihm wie ein blutroter Fetzen auf dem Rücken. Reppert sprach zu Otto Kirchholtes, der auf der knorpeligen Krone eines niedrigen Weidenbaumes faß und das engelhaft schöne Haupt wetterprüfend nach dem westlichen Himmel gerichtet hielt. „Bei uns geht jetzt seit einiger Zeit alles drunter und drüber. Hat der Kurfürst dich vielleicht gefragt, Otto, bevor er Borst zur Sekunda schickte?" Reppert stellte diese Frage an Otto Kirchholtes höflich, als spräche er zu einem Wesen höherer Art. Ueberhaupt hatte jeder in der Tertia, der mit Otto Kirchholtes sprach, diesen ganz besonderen Ton, in dem auch die empfindungsloseste und rauheste Jugend mit der Schönheit spricht. Otto schüttelte verneinend das Haupt. Während er dies tat, summte er die Melodie eine Violinsonate vor sich hin, die er neulich beim Schülerkonzert vorgespielt hatte. Es war Daniela von der Leitung befohlen worden, Otto zu begleiten. Sie hatte sich heftig dagegen gesträubt. Ihre Rache für den Zwang war eindeutig gewesen: sie hatte ihre Sonate hundemäßig gespielt. Sie beide sollten nun beim Sportfest vor den großen Ferien in Anwesenheit der Eltern und Gäste ihr Musikstück zum Vortrag bringen. Aber Daniela hatte laut erklärt, daß keine Macht der Welt sie zwingen werde, mit Otto Kirchholtes tagein tagaus zu üben und sich mit ihm wie in einem Zirkus zu produzieren. Sie spräche nun einmal mit keinem Tertianer, und es sei unmöglich, eine Sonate einzustudieren, ohne daß man miteinander spräche. Mit Kopfnicken allein und mimischen Zeichen ginge es nicht! Kurzum, sie werde eher der Anstalt den Rücken kehren, als sich mit einem ihrer Todfeinde vor denselben Wagen anspannen zu lassen. Otto Kirchholtes ober schien dies alles Daniela nicht sehr überzunehmen. Und so sang er denn auch gleichmütig und freundlich mit seinem breiten, schön geschwungenen Munde seine und Danielas Mozart-Sonale vor sich hin! „Mich hat er auch nicht gefragt", sagte Reppert mißbilligend. „Und nun ist doch meiner Ansicht nach der Kernpunkt der ganzen Frage der: was geschieht mit Daniela? Wie können wir gegen Knötzinger und seine wohlgenährte Horde anstehen, wenn wir Daniela nicht in unserer Mann- schnst haben?" Otto Kirchholtes sang mit stärkerer Stimme, — saft wie ein lobpreisender Engel erhob er den Mund, — als Reppert den Namen Daniela genannt hatte. Oder sang er so laut, weil er den Namen nicht hören, weil er ihn übertönen wollte? „Daniela hält den Rekord bis einschließlich der Obersekunda über einhundert Meter. Die Primaner haben ihre eigenen Rekorde, — gut. Aber Daniela ist nur eine Dreiviertelsekunde hinter dem Primanerrekord zurückgeblieben. Alle, die was davon verstehen, sagen, daß sie beim Fest überhaupt den ganzen Schulrekord drücken wird. Sie soll nämlich während der Zeit unseres Zwistes drüben auf der Aschenbahn enorm träniert haben. Königsmarck hat sie einmal mit der Stoppuhr kontrolliert, ohne daß sie es wußte. Da soll sie einhundert Meter 12,5 gelaufen sein. Das ist schon unter dem Primanerrekord. Und der Weltrekord für Damen ist 11,8. In ein bis zwei Jahren haut die womöglich noch Houben oder Körnig glatt hin. Und beim Fußball ist sie unser bester Stürmer! Wenn sie sich jetzt weigert, mitzuspielen, wie sie die ganze Zeit über nicht mitgespielt hat, — was soll dann aus uns werden? Wir werden doch ohne Daniela mit Pauken und Trompeten geschlagen! Verstehst du das Ganze? Das geht doch geradeswegs auf Selbstmord des Häuptlings aus!" Otto Kirchholtes lächelte freundlich und gleichmütig von feinem Weidenbaum herab. „Vielleicht will er das!" „Dann soll er sich gleich umbringen!" räsonierte Reppert. „Dazu braucht er die ganze Bande nicht lächerlich zu machen und noch dazu unsere große Sache zu schädigen!" Otto sang schon wieder seine Mozart-Sonate. Er senkte tief die Lider seiner Augen, so zärtlich schien er sich seiner Melodie oder einer Empfindung hinzugeben, die untrennbar mit dieser Melodie verbunden war. „Ich kann mir nur eines denken", sagte Reppert nachdenklich. „Er ist doch schließlich nicht der Dümmste, sondern immer der Gescheiteste gewesen —* Er machte eine Pause. Er wollte von Otto Kirchholtes gefragt werden, was er sich für geheime Gedanken über die Angelegenheit gemacht hatte. Aber da Otto dort oben auf feinem Weidenstumpf bis auf weiteres musi- kalifch beschäftigt zu sein schien, so gab Reppert zum besten, was er sich dachte: „Ich kann mir nur noch denken, daß er sich bereits heimlich mit Daniela ausgesprochen hat. Das wäre dann allerdings ein Meisterstück!" Otto lächelte zart. „Das werden wir ja gleich sehen. Dann muß ja Daniela jetzt hier auf dem Platz erscheinen." Kaum hatte Otto das Wort ausgesprochen, als Daniela sichtbar wurde. Sie kam langsam herangeschlendert, mit hochmütigen und nachlässig zerstreuten Seitenblicken, die Hände in den Taschen ihrer Sporthose. Sie kaute schon wieder etwas, sie hatte Wrigley-Kaubonbon im Munde. Würdig und ernst, wie die Tiere der Heiligen in der Wüste, folgten ihr Meleager und Atalante. Am Rande des Spielfeldes legten sie sich mit breit ausgestreckten Vorderpfoten auf die Bäuche, denn sie wußten es wohl, daß sie den Platz nicht betreten durften. Wie Daniela noch bei der Bande gewesen war und am Fußballspiel teilgenommen hatte, da hatten es die Doggen in harten Lektionen lernen müssen, daß hier auf diesem Felde mit ihrer Herrin geschehen konnte, was nur immer geschehen mochte, sie konnte dahinrasen und wilde Jagdrufe ausstoßen, sie konnte sich stöhnend am Boden wälzen oder zerschunden über das Feld hinken, — und wenn es einem auch in der Hundeseele bitter weh tat, das alles ansehen zu müssen, und man zuweilen kleine, tiefe Baßtöne des Jammers ausstieß, — helfend durfte man zu keinem Zeitpunkte hier eingreifen! Man tat am besten, gar nicht hinzusehen, sondern sich zusammenzutrudeln und den Schlaf zu versuchen. Aber es wurde kaum je etwas daraus. Nach zwei Sekunden spitzte man schon wieder die Ohren und stöhnte dumpf in der Brust. Reppert aber sah Daniela begeistert an, während Otto Kirchholtes vor sich hinlächelnd das Gesicht nach einer ganz andern Richtung gewendet hielt, zu einer Gruppe von Knaben hin, die ihn aus irgendwelchen Gründen zu interessieren schien. Doch auch diese Knaben und all die andern Tertianer bekamen ein fast fiebrisches Rot auf den Wangen, wie sie nun Daniela langsam her- zuschreiten sahen. Es war kein Zweifel mehr, dem Häuptling war das Meisterstück aller Meisterstücke gelungen: er hatte Daniela gewonnen! Daniela, die sich niemals mehr hier beim Fußballspiel gezeigt hatte und die viel zu stolz gewesen war, um hier auch nur zuzusehen, — Daniela, die, ohne je einen Blick auf das Feld zu werfen, mit ihren Hunden eilig norübergegangen war, wenn sie sich anschickte, drüben am andern User des Flusses auf der Aschenbahn zu trainieren, — Daniela machte halt! Daniela kauerte sich am Rand des Platzes unter einer Weide nieder, sie hatte auch, wie alle gleich sahen, Fußballschuhe und. keine Spikes an. Es war kein Zweifel, Daniela gehörte zur Tertia-Mannschaft! Daniela spielte mit! Stolz richteten die Knaben sich auf. Sie zeigten ihre Freude mit keinem Wort und mit keiner deutlichen Gebärde, aber sie segneten den Tag, an dem der Große Kurfürst die eigenmächtige Entscheidung getroffen hatte. Nun erst machte ihnen das Sportfest Vergnügen. Aber nicht das Fest war ihnen diesmal das Wichtigste. Ihre Augen begannen zu leuchten: die große Sache, der sie dienten, war so gut wie gewonnen! Daniela war versöhnt! Und mit frohem Enthusiasmus sahen sie zu ihrem klugen Häuptling auf. Der aber hatte bis dahin ganz einsam und etwas verlassen auf der Tribüne gestanden, — denn die Achtung der Massen ehrt und meidet das Unglück eines großen Mannes. Otto Kirchholtes war von seiner Weidenkrone herabgesprungen. Ziellos begann er sich in der Gegend des Sportplatzes herumzutreiben, immer lächelnd, immer singend. Er war keiner von den zarten, von den Botti- cellifchen Engeln, er war mit einem kräftigen Leibe, zumal mit einer kräftigen Brust begabt. Auch waren die Beine nicht besonders schmal und auch nicht hoch, sondern stark und fest, weder zu lang noch zu kurz. Er stellte überall seinen Mann, er war gewandt und muskulös, und dennoch hatte er eine leichte, fast mädchenhafte Grazie. Und engelshaft war sein Haupt, das ebenfalls breit war, mit einem breiten Munde im Gesicht. Die blauen Augen hatten immer ein verwöhntes, liebenswürdiges Lächeln in ihren Tiefen, und das blonde Haar loderte in feinen, leicht wehenden Locken raffaelifd) über feiner Stirn und an den Schläfen auf. Sein Oberkörper war jetzt zum Fußballspiel bis zum Gürtel nackt, wie die Oberkörper aller Mitspielenden. Das Fleisch dampfte rötlich, es war rötlich durchblutet. Es hatte in diesen Tagen einen Temperatursturz gegeben. Das Wetter war mitten im Juni nach einem Gewitterregen eisig falt geworden. Und auf dem Boden lagen die kaum ergrünten Blätter der Laubwälder oder die farbig schimmernden Blätter der Rotbuchen, als sei ein frühzeitiger Herbst eingebrochen. Otto Kirchholtes umfaßte einen Baumstamm mit der Hand, er schwang sich da wie im Karussel herum, er riß sich die Innenflächen der Hand blutig, so wild drehte er sich um den Stamm. Er sang dazu seine Sonate auf eine wilde und leidenschaftlich verhaltene Art. In diesem Augenblick ertönte die Pfeife des Präfekten der Untersekunda, Knotzingers schrille und gehorsam-erheischende Pfeife! Das Signal, daß das Spiel beginnen sollte. Die Tertianer erhoben sich am Rande des Spielplatzes, mit geröteten Gesichtern und glänzenden Augen. Sie schielten etwas unentschlossen zu Daniela hin. Wer von ihnen sollte aus der Mannschaft ausscheiden, uni Daniela Platz zu machen? Sie warteten auf einen Befehl ihres Präfekten. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. tzanSTHhrivt. — Druck und Derlag: Drühl'sche Univerfitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.