SietzenerZamiüenblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |95( Zreitag, den lv.Zuli Nummer 55 Nietzsche. Von Stefan George. Schwergelbe wölken ziehen überm Hügel Und kühle stürme — halb des herbstes boten Halb frühen frühlings ... also diese mauer Umschloß den Donnerer — ihn der einzig war Von tausenden aus rauch und staub um ihn? Hier sandte er auf flaches Mittelland Und tote Stadt die letzten stumpfen blitz« Und ging aus langer nacht zur längsten nacht. Blöd trabt die menge drunten, scheucht sie nicht! Was wäre stich der qualle, schnitt dem kraut! Noch eine weile walte fromme stille Und das gelier das ihn mit lob befleckt Und sich im mvderdunste weiter mästet Der ihn erwürgen half sei erst verendet! Dann aber stehst du strahlend vor den Zeiten Wie andre führer mit der blutigen kröne. Erlöser du! selbst der unseligste — Beladen mit der wucht von welchen losen Hast du der Sehnsucht land nie lächeln sehn? Erschufst du götter nur um sie zu stürzen Nie einer rast und eines baues froh? Du haft das nächste in dir selbst getötet Um neu begehrend dann ihm nachzuzittern Und aufzuschrein im schmerz der einsamkeit. Der kam zu spät der flehend zu dir sagte: Dort ist kein weg mehr über eisige festen i Und horste grauser vögel — nun ist not: Sie bannen in den kreis den liebe schließt ... Und wenn die strenge und gequälte stimme Dann wie ein loblied tönt in blaue nacht Und helle flut — so klagt: sie hätte fingen Nicht reden sollen diese neue seele! Elisabeth Förster-Nietzsche. sein Werk: Hauswirte, Aber das Schwerste ist es, nicht dem geliebten Menschen, sondern seinem Werke, dem fremden Werke, zu dienen. Als Elisabeth Förster, eben verwitwet, 1890 von Paraguay nach Deutschland kommt, findet sie den Bruder in die Nacht des Wahnsinns gesunken, seine Bücher unbekannt, seinen schriftlichen Nachlaß, von keinem Freunde beachtet, in alle Winde verstreut. Noch einmal muß sie nach Südamerika fahren, um die Angelegenheiten der Kolonie ihres Gatten zu ordnen. 1893 kommt sie endgültig zurück. Nichts hat sich hier geändert. Der kranke Bruder ist bei der Mutter, die von den Verwandten bestürmt wird, die Handschriften, die sich noch im Gepäck Nietzsches fanden — es ist der „Antichrist" — zu verbrennen. Was tut die Schwester? Sucht sie, aus eignen Wunden blutend, Rlche in der Heimat? Schlüpft sie erschöpft unter den mütterlichen Fittich. Sucht sie Trost in der Pflege des Kranken? — Sie kämpft um sein Werk, sie kaust der Mutter die Handschriften ab: sie schreibt an die Hauswirte, bei denen Nietzsche in den letzten Jahren wohnte und unachtsam Manuskripte, Notizen, Bücher, Briefentwürfe zuruckließ. Sie fahrt nach «lls Maria, irrt durch die obertitalienischen Städte Turin, Genua, Rapallo jede auftauchende Spur einer Handschrift verfolgt sie mit^Spursiim u Energie. Für 35 ODO Mark erwirbt sie anderthalbtausend Nietzsche-Briefe, sie bringt seine Bibliothek wieder zusammen, sammelt seine Kompositionen: erwirbt das später berühmt gewordene Haus auf dem Weimarer „Silberblick" und siedelt mit allen Manuskripten, Erstdrucken, Mappem Heften, Taschentüchern, Kollegtexten. Briefschatzen, Buchern und nach "dem Tod der Miitter auch mit dem Kranken nach Weimar über. Zu ihrem 85. Geburlsiag am 10. Zull. Von Werner Deubel. Brüder, Schwestern, Söhne, Freunde großer Menschen — erinnern wir uns nur an Lucien Bonaparte, Cornelie Schlosser, Eckermann, August Goethe, Herbert Bismarck — sind vom Schicksal in einen erhabenen Schatten gestellt. Kreisen sie fern vom Sterne ihre eigne Bahn, so bleichen sie schnell. Schwerer ist die hochherzige Entscheidung zum Adelsspruch „Ich dien'!", bag Ueberfliegen eines tieftragischen Konflikts der Eigensucht —: „Ich endlich Mich kühn entschloß, dich grenzenlos zu lieben. Weil mich der Mut verließ, dir gleich zu sein! Ist sie so überzeugte Anhängerin von Nietzsches Philosophie? Ist sie ein dezidierter Antichrist? Sie, eine Frau, und als Frau um so tiefer verwurzelt in der Gesellschaft und Wertwelt des 19. Jahrhunderts? Zwei Universitäten, Leipzig und Bafel, bietet sie die Manuskriptschätze zur Herausgabe an. Man lächelt betreten und lehnt hochmütig ab. Da schreitet sie selbst an die Herausgabe. Der „Antichrist" weckt das Interesse des Staatsanwalts. Polizeiliche Ermittlungen ergeben folgenden amtlichen Bescheid: „Herausgeber ist die Schwester des Verfassers, die sich einbitbet, daß ihr Bruder ein Genie ist, und daß jedes Wort von ihm gewissenhaft veröffentlicht werden muß." Eine Frau, allein, unphilosophisch, undialektisch, von hundert Vorurteilen der Gesellschaft gehemmt — was hat sie gegenüber der eisigen Nichtachtung der gelehrten Welt, der Fremdheit des Jahrhunderts, der Stumpfheit und dem Hohn der Oeffentlichkeit in die Wagfchale zu werfen für das Werk eines Wahnsinnigen, das den Zeitgenossen selber wahn- siiinig, verstiegen und gar nicht der Beachtung wert dünkt? — Ihren unerschütterlichen Instinkt für echte Größe und eine Energie, die für drei Männer ausgereicht hätte. Eine Frau, die Arm in Arm nicht mit einem Freund und beherzten Helfer, sondern mit einem hoffnungslos Kranken ihr Jahrhundert in die Schranken fordert — dieser heroische Zug, echtes Nietzsche-Geblüt, ist allein imstande, ihr einen Ehrenplatz in unsrer Geschichte zu sichern. Heute freilich, wo jeder überragende Geist der West sich vor Nietzsche neigt und selbst die literarischen und gelehrten Spatzen den berühmten Namen von den Dächern pfeifen, — heute ist es jedem Frechling leicht, die Kühnheit und Zähigkeit dieser Frau zu verkleinern, die Schwächen hervorzuheben und öffentlich daran herumzumäkeln. „Man belächelt mich", sagte sie unlängst, „daß ich das Titanische in meinem Bruder doch nicht begriffen haben könnte. Aber wer denn hat es begriffen in einer Zeit, da zwei Universitäten seinen Nachlaß ablehnten? Auch ich begriff ihn nicht, wer hätte das gekonnt! Ich spürte nur, wer er roarr Dies „Ich spürte nur, wer er war!" ist mehr wert als alle Gelehr« samkeit und alles geistige Verständnis von Einzelheiten. Dies „Ich spürte nur!" war damals unbeweisbar, dafür aber auch unwiderlegbar. Es war einfach etwas Stark-Lebendiges, und damit gewappnet begann sie den zwanzigjährigen Krieg gegen die deutsche Wissenschaft und Oeffentlichkeit. Er bestand wie jeder Krieg aus Angriff und Verteidigung. Die Abwehrkämpfe begannen mit der Sicherung der Manuskripte gegen die Ver- nichtungswünsche der frommen Verwandtschaft. Es folgten endlose Aerger- niffe und Schwierigkeiten mit Verlegern, Verleumdern, Herausgebern, Mißgünstigen. Daneben lief die zähe, positive Arbeit, die Herausgabe der wichtigsten Stücke des kaum übersehbaren Nachlasses, vor allem des großen Hauptwerks Nietzsches „Wille zur Macht", der aus verstreuten Trümmern mühsam zusammengesügt werden mußte. Dabei wurden Fehler gemacht, Uebereitungen begangen; ganze Bände stellten sich als unzulänglich heraus. Sie ließ sie unter großen Verlusten einstampfen, engagierte andre und immer wieder neue wissenschaftliche Helfer und begann unverdrossen wieder die schwierige Arbeit. Bis endlich nach 18 Jahren das erste gesteckte Ziel erreicht war: die vorläufige Gesamtausgabe und damit die Schaffung einer festen Textunterlage für alle späteren Ausgaben (deren noch fünf zusammengestellt wurden). — Das Werk wurde ergänzt durch Herausgabe der Briefe. Aber damit nicht genug, sie griff selbst zur Feder und schrieb jene berühmt gewordenen biographischen Vücher, die unschätzbar sind, weil sie ungemein viel aus Nietzsches persönlichstem Lebensumkreis enthalten, und zahllose Abhandlungen zur Einführung und Erläuterung in diese scheinbar so fremdartigste aller Gedankenwelten. Bei soviel produktiver Arbeit, deren nächste Ziele heute die im Gang befindliche große kritische Ausgabe und die Schaffung einer Nietzsche- Bibliographie sind, wurde das Weimarer Haus mehr und mehr zum Archiv, d. h. zum Zentrum der wissenschaftlichen Nietzsche-Forschung, in dem aus der ganzen Welt die Fragen und Arbeitswünsche zusammen- laufen. Man hat mit den kleinlichsten Mitteln versucht, der alten Frau diese ihre eigenste Schöpfung, das Weimarer Nietzsche-Archiv, zu entreißen. Die Angriffe, die noch die 83jährige drohend einkreisten, sind abgeschlagen. Siegreich steht heute die Greisin im Abend eines heroisch-schweren, aber auch heroisch-reichen Lebens. — Üfilein nun begibt sich bas Tragische, daß sie in dieser Lebenshöhe nicht sorglos ruhen und verweilen kann. Das Nietzsche-Archiv ist seit 1908 eine öffentlich-rechtliche Stiftung. Sein Vermögen, das unvergeßliche Mäzenatengeschenk des schwedischen Ehepaars Ernest und Signe Thiel, ging durch die Inflation verloren. Vor einem halben Jahr ist auch die Schutzfrist für Nietzsches Werke abgelaufen, und nun muß sich die alte Frau noch nach all den Kämpfen mit der Sorge quälen, ob nicht in kurzer Frist ihr mühsam aufgebautes Werk, das Nietzsche-Archiv, als selbständiges Institut zusammenbricht. So hochherzige Mäzene wie jene Schweden werden sich in unserer Zeit taum mehr staden. Als vor zwanzig Jahren dem Grafen Zeppelin seine Maschine verbrannte, sammelte man in allen deutschen Schulen. Für eine Maschine sie nicht zu fürchten, man kann ihr gefahrlos durch einen Schlag mit einem Stecken das Rückgrat brechen, aber es gehört ein sehr scharfes Auge dazu, um das Reptil auf dem Boden zu bemerken, es patzt sich in seiner Färbung so der Umgebung an, datz man es nicht von den Blättern, den Gräsern und Aesten unterscheiden kann. Die Lanzenschlangen machen sich durch einen eklen schwachen Moschusduft bemerkbar. Wer nie diesen Geruch eingeatmet und nicht die toddrohende. boshafte Pupille der Meine Tiere. Bon S o f ie v. U h d c. Gedenke ich der schönen Zeit, in der ich Tiere halten konnte, somcl ich wollte, so habe ich augenblicks die Empfindung eines freundlichen, aber unbeschreiblichen Kraches, und aus diesem Lärm kristallisieren sich zwei weihe Foxterriers, ein langschweifiger dunkler Araber-Wallach, fünf kleine schwarze Pudel und ein silbergrauer Angorakater. Das freute sich seines Daseins rings um mich herum, stritt sich und vertrug sich wieder, liebte und litt, stiftete Unfug und war anständig und treu — und lärmte sinnbetörend durch Garten und Haus. , Wie oft, wenn ich mit Gästen in der ebenerdigen Diele saß, kam? trab trab vom Garten herein, und Hamil, der Araber, verlangte scharrend und schnaubend seinen Teil vom Kuchen. Hatte er ihn erhalten, so rieb er seine weichen Rüstern ein wenig an meinem Gesicht, und trab, trav ging's wieder hinaus auf die Wiese — sehr zur Erleichterung der Gaste. Aber meistens nahm er sich nicht die Zeit, anständig das Haus zu verlassen, sondern begann seinen Galopp noch innerhalb der Diele, datz der rote Ziegclboden Funken sprühte und die ganze Meute johlend hinter ihm drein in den Garten stob. . Aber ernsthaft und treu blieb Pan, der Pudelvater, neben mir sitzen, Pan, die große Liebe meines Lebens. Als er zwei Stunden alt war, griff ich ihn aus einem Rest voll kleiner schwarzer Wollknäule, taufte ihn feierlich nach dem slötenspielenden Hirtengott und gab ihn seiner ängstlich bellenden Mutter zurück. Aber drei Monate später hielt er, geschoren und frisiert wie ein Großer, korrekt, ängstlich und klein, seinen Einzug m mein Haus. Und mit ihm kamen Liebe, Treue und gute Gesinnung sur lange Jahre. n,, Er machte alle meine Reisen mit, wurde seekrank, daß es eine -an hatte, biß sich mit allen Hunden des Kontinents herum, aus die eine frisierte und beschleifte Erscheinung demagogisch wirkte, und saß dazwischen hin und wieder einen Tag in der Box einer Hundeausstellung, schön un gelangweilt, und beschnüffelte ohne Achtung seine Ehrenpreise, die um ihn aufgebaut waren. Bor allem aber war er Tag und Nacht um m* er schlief nicht und nahm keine Nahrung, wenn ich fort war, und kam ich zurück, fo stand in seinen dunklen Augen eine Freude, die mir noax jetzt das Herz erwärmt. Das Ewigweibliche zieht durchaus nicht immer hinan: diese Erfahrung blieb Pan nicht erspart. Da ich gerne lebe und leben lasse, so erfreute w Schlange auf sich gerichtet gesehen hat, der begreift nicht das lähmende Entsetzen, das auch den Tapfersten erschauern läßt. Man findet kaum den Mut, sich gegen den Stich zu wehren oder zu flüchten. Die Zunge der Lanzenschlange zuckt im pfellsörrnigen Kopf, und unter der grau-blauen Regenbogenhaut starrt das Opfer die Tücke der Holle an. Neben den Giftschlangen werden die Sandslöhe, die sich unter der Haut der Fußnägel eingraben, die Zecken, die sich ins Fleisch einsaugen, und schließlich die Myriaden von Mosquitos zur Dual, die den Menschen blut- aieria überfallen, aber die herrliche Natur, die Fruchtbarkeit und tfullc entschädigen für alle liebst, und man fühlt sich bald wie in einem Tempel Gottes, den er sich weit ab vom Trudel der Welt aus einer Symphonie von Farben geschaffen hat. _ UeberaU in Paraguay finden wir Orangen-, Zitronen- und Pomeranzenhaine, überladen mit den herrlichsten Fruchten. Sie sind zum Teil herrenlos und gleichen nicht den gepflegten Pslunzungen in Italien ober Spanien, sie ähneln eher mittleren Eichenwäldchen. Niemand hindert die Rudel von Affen daran, wenn sie die Laune dazu treibt, mit den Früchten Ball zu spielen. Paraguay exportiert Schisssladungen von Orangen nach Buenos Aires, aber im Lande selbst haben sie kaum einen Geldwert, auch nimmt man sich nicht die Mühe, eine Frucht zu toa^n, sondern preßt sich, wenn man Durst hat, den Saft in den Mund. Am Abend wenn die Sonne, ebensoschnell wie sie emporgetaucht ist, wieder hinter 'dem Horizont verschwindet, wenn der Ochsenfrosch sein plumpes Brüllen ertönen läht, der Eisenbahnkäfer pfeift und die Feuerfliegen rote kleine elektrische Blitze durch die schwüle Lust fliegen, bann fammeln sich in ben Orangenhainen farbenprächtige Falter, die jeden Sammler entzücken und die teilweise nur in Paraguay vorkommen. ___ Bon Barancarita nach dem Provinzstadtchen San-Pedro fahrt wenn der Fluß genügend Wasser führt, ein kleiner Dampfer. Er bleibt aber manchmal auf Untiefen stecken und muh dann von den Passagieren gestoßen werden. Doch solche kleine Abenteuer erhöhen den Reiz einer Fahrt im tropischen Südamerika. Bon Son-Pedro kann die Kolonie Neu- Germanien in wenigen Stunden zu Pferde ober per Ochsenkarren erreicht I Die Nachkriegswirren und das Nachkriegselend haben einen neuen Strom von deutschen Auswanderern nach Paraguay verschlagen. Es wird gerodet, gepflanzt und gebaut, aber es fällt bitter schwer, sich eine Existenz zu gründen wenn nicht besondere Glückumstände helfen, und mancher Auswanderer wird die Erfahrung machen, daß, wenn er in der Heimat dieselbe Energie und Entbehrungsfreudigkeit wie in Südamerika bewiesen hätte, sein Leben sich leichter und erfolgreicher als in der Fremde gestaltet I hätte. Paraguay schlummert noch ein wenig den Dornröschenschlaf, das Lebenstempo ist langsam, die Arbeit wird schlecht bezahlt und der Kreole und Indianer begnügen sich mit dem, was ihnen die Natur in Fülle uns Fruchtbarkeit bietet. Trotzdem Paraguay an Ausdehnung großer als das Deutsche Reich ist, hat es kaum eine Million Einwohner. Asuncion entwickelt sich nur langsam zur Großstadt. Wenn die Dunkelheit hereinbricht, hört der Verkehr auf, nur aus den Gärten, unter Orangenbäumen und Palmen klingt das Klimpern von Gitarren und irgendein sehnsüchtiger Gesang. Am Ufer des breiten Stroms plätschern die Wellen ans Land, aber es ist so still, datz auch das Wasser einzuschlafen scheint. Am Marktplatz träumen, nur in ihre Bettlaken gehüllt, schwarzäugige Jndianer- mädchen, die dicke, selbstgewickelte Zigarre im Munde vor ihnen lagern Berge von Blumen und Früchten, im Schatten der Paraisobaume aber wartet verstohlen das Abenteuer... - würde man es wohl heute wieder tun. So bleibt nur die noch viel illusorischere Hoffnung auf einen Massenbeitrttt von -Einzelpersonen Be- < Hörden, Gemeinden, Körperschaften aller Länder zu der Gesellschaft der . Freunde des Nietzsche-Archivs, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Bestand • des Nietzsche-Archivs zu sichern. . . , . „ . Das wäre ein Geburtstagsgeschenk für die alte Kämpferin in Weimar und zugleich eine Huldigung vor dem tapfersten Genius Deutschlands! — Land der Orangen, Falter und Schlangen. vom Deutschtum in Paraguay. Don E. v. Ungern-Sternberg. In Paraguay, im deutschesten der südamerikanischen Staaten, wurde in diesen Wochen der Palast der „Banco Qermamco de la America del Sur“ eröffnet. Zur Einweihungsfeier der Deutschen Bank waren neben anderen Gästen der Präsident der Republik, Dr. G u g g i a r i, der Hinanz- minister Dr. Riart und der Erzbischof von Paraguay erschienen. Die Vertreter der Regierung betonten in warmen Worten die Bedeutung des Deutschtums für die Entwicklung und den Werdegang des Landes und j hießen jeden Deutschen, der fick) in Paraguay durch Arbeit und Können I eine neue Heimat schaffen wolle, herzlich willkommen. Die fönst so ruhige ! Hauptstadt Asuncion erlebte anlätzlick) der Einweihungsfeier einen deutschen $^Seü 50 Jahren ist Paraguay für viele deutsche Auswanderer das I Land der Sehnsucht und für manche das Land der Erfüllung geworden. Die älteste deutsche Kolonie San-Bernardino liegt nur eine Stunde Bahnfahrt von Aluncion entfernt an einer herrlichen Lagune mit tiefblauem Wasser. Wohlhabende Asuncioner haben dort ihre Sommervillen, aber San-Bernardino weist nicht mehr das Treiben einer werdenden Kolonie auf, man sieht keine abenteurenben Gestatten, die im fernen Südamerika ! ein neues Dorado zu entdecken hofften, die, von Jndianergeschichten 1 berauscht, sich wundern, datz die Guarani-Peone nicht mehr mit Giftpfeilen hantieren und keine Bemalung tragen, sondern, datz sie vielmehr sich ganz gut in Lohnfragen auskennen, sich wie die eingewanderten Europäer benehmen und sich der Sitten ihrer Urvorfahren nur erinnern, wenn sie etwas zu viel vom selbstgebrannten Zuckerrohrschnaps genossen Haden. Auch die wilden Tiere des Urwaldes, die übrigens in Paraguay recht rar sind, schleichen kaum um diese gesitteten, wohlhabenden Kolonien herum, I in denen alles wichtig ist, was im Sdjatfen des Kirchturms geschieht, und in denen das Außergewöhnliche. Verdacht und Mißtrauen erregt. Dafür I ist man aber um so besser über das Leben und Treiben der lieben Mit- I kolonisten unterrichtet. Wohl gibt es in der Lagune einige Jakares, I amerikanische Krokodile, die das Baden verleiden, in den Bächen mögen I Zitteraale auf dem Grunde lauern und Pferde ober Menschen durch ihre I elektrische Enklabung betäuben; vielleicht verirrt sich auch eine Wilbkatze I ober gar ein Puma auf die hohen Lapachobäume, er ist aber den Menschen nicht "gefährlich und reiht im schlimmsten Falle ein verirrtes Rind. Aber das Paraguay der undurchdringlichen Urwälder, in denen die Indianer noch ihre Pfeile vergiften, in die es keine Wege gibt, liegt fast nebenan. Der Chaco am rechten Ufer des Paraguaystromes ist kaum erforscht, und der Einwanderer, der sich in die Wildnis wagt, um zu roden und um zu kämpfen, steht weit hinter den Kulissen der Zivilisation und kann noch manches Lederstrumpf-Abenteuer erleben. In Paraguay hat Dr. F ö r ft e r, der Schwager Nietzsches, im Jahre 1886, in einem Gebiet, das an Ausdehnung einem deittichen Fürstentum gleichkommt, dieKolonieNeu-Germanien gegründet. Dort hat die Schwester des deutschen Philosophen durch einige Jahre einen liebenswürdigen Hof gehalten. Ihr kleines, wenn auch mit Maisstroh gedecktes Häuschen am Eingänge in die Kolonie war das einzige steinerne Gebäude und konnte mit seiner europäischen Einrichtung einem Palazzo verglichen werden. Dort auf der Veranda, umgeben von hohen Bananenstauden und Ananasbeeten, versammelten sich häusig die Familie des Baron Malzahn, der in der Nähe aus seiner Estancia ein kleines Paradies geschaffen hatte, und einige bevorzugte Kolonisten und Gäste, um sich von der freundlichen Frau Elisabeth bewirten zu lassen und um von der Wett zu reden, die durch Tausende von Meilen getrennt in der Heimat zurückgeblieben war, und die doch so tief im Herzen aller wurzelte. Wenn man aus der Hauptstadt Asuncion die Fahrt nach Neu-Germanien antritt, so wird man nach einer Nachtfahrt auf dem Stromdampser nach der brasilianischen Provinz Motto Grosso im Morgengrauen mitten im Zaubergarten des tropischen Südamerika in Barancarita, am Ausfluß des Peghui, gelandet. Die Sonne hebt sich plötzlich am östlichen Himmel empor und taucht alles in Gold und Purpur. Kolibris schwirre» um blühende Büsche, Scharen von Papageien, Coros und Arrhas flattern um die Palmen, Volker von Schmetterlingen und Insekten suchen die Blumen, und die Lust ist erfüllt von tausend Duften. Peone, barfuß mit angeschnallten Sporen, den Poncho über die Schulter geworfen und den Huk tief ins Gesicht gedrückt, entzünden am Ufer ein Feuer, lassen in einem Kessel das Wasser sieden und gießen es über den Paraguay-Tee in der Bomdilla, ohne den kein Südamerikaner auszukommen vermag. Die Mate schmeckt bitter, aber gewürzig und erfrischend, dazu wird ein süßlich schwerer Tabak geraucht, den' man von einer gepreßten Rolle abschabt und in Maisblätter wickelt, etwas übel riechendes, in Streifen geschnittenes, in der Sonne gedorrtes Fleisch wird genossen, und nun kann an den Ausbruch gedacht werden. Nur zu oft macht sich die Plage Südamerikas, die Brut der Giftschlangen, bemerkbar. Ein unheimliches Klappern tönt aus dem nahen Guayavengebüsch. Eine Klapperschlange ist in ihrer Ruhe gestört worden und hält sich für den Angriff bereit. Wer eine Giftschlange sieht, braucht n eines Tages mit einer sehr niedlichen, kleinen Frau, Bolle mit Namen, >warz wie ein Teufelchen und sprühend vor Laune. Pan bemerkte diese ngenehme Vergrößerung unseres Kreises mit Vergnügen, und alles ^'Äber" der blinde Zufall, der uns so ost in Schuld und Verwirrungen kürzt, wollte es, daß ich kurze Zeit danach noch zwei Hunde geschenkt !-kam, ein edles, englisches Foxterrierpärchen, Jack und Leni, und kaum taten sie im Hause, so ging der Krakeel los. Pan, dies ehrliche, gerade, ^komplizierte Pudelherz — Pan verfiel in eine unheilvolle Leidenschaft ta die schlanke, weihe Leni, verlor gänzlich den Kopf und schickte sich an, uf den Psaden der Sünde zu wandeln. Und Leni — nun ja, man kennt , die Frauen —, mir graute, wenn ich mir etwaige Folgen dieses Liebes- iundes ausmalte I Würden sie vorne schwarz sein und hinten weih oder imgekehrt? Aber da kam Jack als Rettung. Er verbat sich jede Belästigung seiner saau aufs energischste, Pan aber verteidigte seine rechtlose Liebe, und « entspannen sich so wüste Schlachten in meinem Hause, daß die Foxeln ^nächst einmal den Stall Hamils als ihr Reich zugewiesen bekamen, wo -2 sich denn auch ganz am Platze fühlten, dicke Freundschaft mit dem i ferd schlossen und auf meinen Ausritt lauerten, denn dann kam ihre 6 tunde. Aber in das kleine Dasein meines Lieblings Pan war zum ersten Haie Leid und Verwirrung getreten und machte ihn seltsamerweise mit > nem Schlage zum Erwachsenen. War er bisher wie ein Kind neben rir hergelaufen, unfähig, eine Stunde ohne mich zu existieren, fo verlieh Mn dies schmerzliche Erleben plötzliche Selbständigkeit. Er war nach wie iot der Treueste der Treuen, aber es gab nun Dinge in seinem kleinen 6-inn und rings auf der Welt, die außer meiner Person standen — und j) barg denn diese Hundekatastrophe auch für mich ein kleines Leid. Doch wie benahm sich Pans Bolle? Sie gab sich durchaus den Anschein, lichts gesehen zu haben, sie war reizend liebenswürdig gegen Pan, aber ii) mußte bald bemerken, daß sie zuweilen ganz heimlich und eilig zum b-tall hinüberlief — und Jack sah sie immer gerne kommen. O du infames Leines Frauenzimmer! Pan, als echter Ehemann, merkte natürlich nichts, mb ich machte mir meine Gedanken darüber, wie es bei uns Menschen Icd, fo verdammt ähnlich zugeht. Noch eine Stunde der Versuchung und die Niederlage durch die Frau t»ar meinem kleinen Pan bestimmt. Er war das Ehrlichste, was man sich tonten konnte, — von Bolle war das ohne gröbliche Verkennung der Wahrheit nicht zu behaupten — ich habe ihn in den schweren Zeiten ler Kriegsrationierung ruhig mit dem Wochenquantum Fleisch allein islalsen, er hat nie etwas angerührt. Nur einmal, ein einziges Mal, Klang es Bolles leichtlebiger Verführung, ihn zu Fall zu bringen. Eine Nachmittags sollte eine Geburtstagsfeier bei mir fein, ich hatte lochst eigenhändig einen Wunderbau von einem Kuchen fabriziert, der •em duftend in der Diele stand. Als ich nach einiger Zeit aus dem Garten toreintrat, stand ich entgeistert: auf dem Tisch saßen Pan und Bolle, der ii ne rechts, der andere links, schön und korrekt fritiert, mit ihren violetten schleifen, und bissen mit tiefer Andacht in den unglücklichen Kuchen, der |t)on recht klein geworden war. Die schwarzen Schnurrbarte dieser neu= irtigen Fassadenkletterer waren ganz gesprenkelt von Zuckerguß uno Pistazien. Ich sah mir dies lächerliche Werk der Zerstörung eine Weile snssungslos an; aber dann bemerkte mich Bolle — und eins, zwei, drei mar sie weg! Und war einige Stunden unauffindbar. 2-ber Pan blieb iitzen, wie er faß, mit Kuchenkrumeln ganz besät, und sah mir mit einem »lick so hilfloser Scham in die Augen, daß meine Entrüstung schwand, kahr hin, Pistazientorte! Ich nahm seinen kleinen Wollkopf in die Hande nd sagte ein wenig traurig: „Du auch, mein alter Junge. ,... Ich werde nie vergessen, wie unter meinen Worten seine schonen iwntlen Augen sich mit Tränen füllten, mit großen schweren Tropfen, Se ganz aus der Tiefe feines reinen, kleinen Herzens kamen, er blieb den l«nzen Tag still und gedrückt und sah mich Zuweilen mit einem seltsam menschlichen Blick voll Kummer und Liebe an. Von diesem .rage nb f unsere Freundschaft womöglich noch ein wenig fester und inmger gemor= len, und es blieb die erste und letzte Missetat, die er beging. Boll tauchte nach einiger Zeit sehr liebenswürdig und etwas b« ont ‘•eifer wieder auf, und ihr ganzes Wesen sagte deutlich, st! hoste nicht ich so kleinlich sei, die geringfügige Affäre mit dem Kuchen nochrn^ ?n- erwähnen. Pan aber war unangenehm und bissig gegen fee, $ ur noch bestärkte in der Gewißheit, daß sie allein d.e Verführerin wroefen war. . , ,, Nun ja, wieder mal die alte Geschichte mit dem Apfel. Dieses schöne Paar erhielt nach einiget Zeit einens ehr r e iz e n d e n l-indersegen, drei kleine, pechschwarze Wollknaule, die von früh bis. ,p ! imnbalierten und mir das Haus auf den Kopf stellten; zwei "eme Toch . Mn einer ganz unverwüstlichen Frechheit und einen S°hn, der s ch bald aus der Kinderstube absonderte und zum Kater hielt, dessen Art und Wesen er aufs lächerlichste kopierte. ii<.6 hip Pan war von seinem Nachwuchs nicht sondeckichbeges , 6 Eden Zärtlichkeiten der Kleinen mit verlegenem Gesicht über fecfe «'W | -chd entfernte sich jedesmal sehr bald und sehr nachdru ch.• f Meter «in anderer Hausgenosse entzückt von den schwarzen -L ruf ) "T,' i*r Kater. Und er war auch seltsamerweise der einzige d>e besorg e Mutter Bolle außer mir an die Kleinen liefe. WoUtefie sich entfernen o Mite sie mit Bellen und Schmeicheln Peter zum Korb, der sich.denn auch "ihorsam zu den Kindern legte, ihre frechen Angriffe mck EngAsgedu^d «rtrug und, wenn er glaubte, bafe es nun genug sei, d e darüber mit sorgsamen Pfoten auf einen Haufen vereinte und sich guer darüber , >^gte. Dann schliefen die kleinen Plagegeister ein, und er bewachs s I «inzelnd. Ihre zeitweiligen heftigen Anfragen, ob er aud) fo gut! 11 ild) I "ebe wie Mutter Bolle, lehnte er mit kornisch-verlegenen Bergungen a . ■‘■-am dann Hamil an den Korb und wollte sich die Kleu nderwir schM auch mal besehen, so fuhr Peter hoch wie ein Berserker, und xiamtl, mt ‘Dien Vieren ausschlagend, suchte das Weite. Es dauerte nicht lange, so entwuchsen die Kleinen Peters Zucht und machten Haus und Garten unsicher. Sie benahmen sich ungebührlich gegen ihre aufbegehrenden Eltern; sie zogen, rückwärts laufend, den schreienden Peter am Schwänze nach; sie beklagten sich kläffend mit den Foxeln, sie jagten unter zustimmendem Gebell aller Anwesenden bas wiehernde und lancierende Pferd — kurz, es ging bei mir zu wie auf einem Hexen- tanzplatz — und ich entfloh mit zugehaltenen Ohren. Längst ist er verstummt, der fröhliche Lärm — ach leider! — und es will mir recht erscheinen, als sei mit ihm viel Glück dahingegangen... Juli. Von Theodor Storm. Klingt im Wind ein Wiegenlied, Sonne warm hemiedersieht, Seine Aehren senkt das Korn, Rote Beere schwillt am Dorn, Schwer von Segen ist die Flur — Junge Frau, was sinnst du nur? Der Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35. (Fortsetzung.) Die Tertianer schienen während dieser interessanten Betrachtung von einer förmlichen Zeichentollwut ergriffen worden zu fein. Und in all ihren Mundwinkeln zeigte sich das rätselhafte Lächeln griechischer Göcker- ftatuen. Dieser Mann dort, dem sie eine gewisse Zuneigung entgegenbrachten, weil er gut und kameradschaftlich mit ihnen Fufeball spielte, — weshalb stellte er sich durch unmännliche Reden vor ihnen bloß? Er wußte es so gut wie sie, daß er heute keine Fehlantworten auf seine Fragen erhalten würde, denn gerade im Englischen hatten sich alle, die Schiäser sowohl wie die beiden Ausgebrochenen, noch abends auf das Beste vorbereitet. Und in der Tat, Mr. Graigs Angriss war nur ein Lustschlag gewesen! Als die Glocke zur Beendigung der Unterrichtsstunde läutete, hatten die Tertianer noch dasselbe Götterlächeln in den Mundwinkeln wie zuvor. Der Tag bis zur Mittagsmahlzeit verging ohne weitere Ereignilse. Begegnete ein Sekundaner einem Obertertianer, so sah er ihn fragend, streng oder etwas traurig an. Zumal nach dem Mittag standen die Sekundaner in einer Gruppe vor dem Schulhaufe mit groß aufgefchla- genen Augen beisammen, und mit solchen Augen, die von Traurigkeit nicht frei waren, sahen sie zu den Tertianern hin. Von den Ober- sekundanern und von den Primanern ist nichts zu berichten, denn sie kümmerten sich um die Unteren nicht. Als man sich jedoch zur Feldarbeit vor dem großen Hause oersam- melt hatte, da ging durch die Hand des diensthabenden Lehrers em Zettel an die Leitung im Walde. Aus diesem Zettel hat die Tertia ohne Angabe von Gründen, doch in ehrerbietigen Worten um die Vergünstigung, in dieser und in der nächsten Woche von der Arbeit auf den Feldern und in den Werkstätten befreit zu werden. Die Tertia versprach, sich während der Zeit der Arbeitsstunden eine zwar vorläufig private, späterhin aber das ganze Gemeinwesen fördernde Beschäftigung hinreichend auferlegen zu wollen. Jedoch ließ es ihr Stolz nicht zu, die Art dieser Beschäftigung näher zu bezeichnen. Die Tertia glaubte, eine Bitte wie diese aussprechen zu dürfen, denn die Saaten auf den Aeckern erhoben sich im täglichen Sprießen, ohne der schaffenden Hände der Knaben bedürftig zu sein; der Schwimmteich war gebaut; das Holz war im Winter und im Herbst herbeigeschafft worden, die Arbeit im Walde ruhte; die Fruchtbäume blühten und trugen noch keine zu pflückende Frucht; und auf den Feldern neben den Bauern des Gutes einher-i gehen oder den Pfluggriff selber in die Faust nehmen zu dürfen, dieses oft begehrte Recht war der Tertia trotz häufiger Bitten verwehrt und den beiden Sekunda-Klassen Vorbehalten worden. Die Voraussicht der Tertianer war richtig gewesen. Während sie auf dem gemeinsamen Marsch mit den andern Klassen zu einem entfernten Acker begriffen war, kam aus dem Eichenwalde die Botschaft, die ein zurückgelassener, nun aber mit Erzengelsfühen einherstürmender Tertianer überbrachte, daß die Leitung im Walde die Bitte der Tertia bewilligt habe. Der Große Kurfürst meldete sich bei dem Präfekten der Obersekunda ab. Er gab ein lässiges Zeichen mit der Hand, woraufhin Reppert mit einer Stimme kommandierte, welche die fernen Wipfel der Tannen erzittern machte: „Obertertia kehrt!" Die Obertertia und ihre Hunde, die sie überall hin, auch in die Unterrichtsstunden begleiteten, schieden sich aus dem allgemeinen Trupp ab. Die Tertianer zeigten keinerlei Triumph über den Sieg, den sie errungen und an dem sie gar nicht gezweifelt hatten. Sie wußten es, daß die Leitung im Walde eine immer geheimnisvolle, sichere Kenntnis von all ihrem Tun und Vorhaben hatte, und bafe dort Verbot und Bewilligung ihrer Wünsche mit Sorgfalt und Gerechtigkeit abgewogen und ausgesprochen wurde. Vor dem großen Hause, im Angesicht ihrer Schulsenster, wurde ein kurzes Palaver abgehalten, in welchem einem jeden von ihnen sein Amt und seine Tätigkeit zugewiesen wurde. Nur Daniela war von alledem ausgenommen. Man wußte nichts von ihr und niemand sprach von ihr. Doch glaubten die meisten unter ihnen, daß Daniela die Erlaubnis erhalten habe, in der Werkstücke der Schuhmacher die Anfertigung von Sandalen zu erlernen. Schräg vor der Front des Schulhaufe.s fielen die Semüjegärten bis zu den unten an der Landstraße gtlegenen Gutsgebäuden ab. Die Rückseite jedoch war gegen einen nun steil ansteigenden, eng bewaldeten Berg gelehnt, und auch die beiden Schmalseiten des Dauses waren so nahe in den Wald getaucht, daß die Beste der Tannen sich gegen die Korridorfenster drängten. Schon mancher war auf dem Weg dieser Beste nachts aus den Fenstern gestiegen und zum Erdboden gelangt. Nun aber befand sich einhundert Schritt vom Haus entfernt im Waldgebiet zur Rechten eine Lichtung, die jetzt im Juni mit jungem, kräftigem Wiesengrün bedeckt war. Vor den Winden war sie wohl geschützt, doch konnte die Sonne reichlich herzutreten. Hier steckten sich die Tertianer mit ihren Spaten einen Platz von vierzig Meter im Geviert ab. Und dieser Raum wurde in größere und kleine Quadrate abgeteilt, wie ein Wohnhaus mit vielen gleichmäßigen Kammern. Von andern Tertianern wurden kräftige Tannenstamme ge- sällt, Beste und Laub wurden weggehauen, die Stämme zerschnitten und unten mit den Beilen zugespitzt. Andere wieder waren zum Gutsinspektor hinuntergeschickt worden, um mit ihm wegen des billigen Ankaufs einer beträchtlichen Menge von Maschendraht zu verhandeln. Sie alle hatten, je nach dem Maß ihrer wirtschaftlichen Kräfte, ihr Taschengeld hierfür beigesteuert. Kurzum, dem einsichtigen Beobachter mußte es sich bald zeigen, daß sie einen großen Tierzwinger zu bauen im Begriffe standen, der wieder in einzelne Drahtkammern abgeteilt wurde. Oder sollte hier in der heilsamen, ozonreichen, windgeschützten Waldeslichtung eher ein Tierasyl als ein Zwinger errichtet werden? Einige Jungens anderer Klaffen, die wegen irgendwelcher Leibesschäden von der Nachmittagsarbeit befreit worden waren, lungerten mit Jnvalidenfaulheit in der Nähe der Lichtung herum. Sie machten ihre Witze über die neue Arbeit der Obertertia und sie betrachteten alles mit spöttischem Interesse. Kam aber ein Tertianer zufällig dort vorüber, so versuchten sie ihn mit falschen Freundlichkeiten zur Preisgabe seines Klassengeheimnisses zu bewegen. Da sie jedoch entweder gar keine oder offenkundig irreführende Antworten bekamen, so machten sie sich über die Tiere der Tertia lustig, die ein Gefängnis im Walde erhalten sollten. Die hauptsächlichsten Tiere der Tertia aber waren: die Wolfshündin Lama und ihre prachtvollen Kinder, ein Geschwisterpaar von edelster Wildheit: der Bastard Josua: ein Sealyham namens Peggy, ein richtiger Babyhund, wie man ihn auf englischen Kinderbildern findet: eine schwarze Dogge mit weihen Flecken, die eine seltsame Freundschaft zu einem glatthäutigen Miniaturfoxterrier unterhielt, welcher nachts gleichsam in der Ohrmuschel der Dogge schlief! jedoch standen diese beiden in einem gespannten Verhältnis zu Danielas leopardähnlichen Doggen: endlich mit tiefschwarzem Pelz und bernsteingelben Augen der Kater Karlemann, der die Eigentümlichkeit hatte, den Tertianer zu ihrer Arbeit und in das Feldlager zu folgen, bei größeren Streifzügen jedoch kehrt machte. Borst arbeitete tapfer mit, obgleich mein ihm erlaubt hatte, sich unauffällig irgendwo in den Wald zu legen und dort auszuschlafen. Er war blaß, hatte blaue Streifen unter den Augen, eine gerötete Stupsnase und fieberhafte Bewegungen. Er sammelte die abgehauenen Tannenäste ein. Er umarmte das junge Nadelgrün, das ihn wie ein Bett dazu verlockte, sich auf ihm auszuschlafen. Ader er gab der Versuchung nicht nach. Er bat sogar um ein Beil, um die Aeste einer daniederliegenden, von Lüders gefällten Tanne kappen zu können. Er wußte, daß er diese furchtbare Waffe nur von Lüders erhalten würde, der alles, was er anfaßte, mit einer zwar rasenden, aber auch unbedenklichen Tapferkeit tat, und der infolgedessen auch keine Schonung oder Fürsorge für andere, Schwächere oder Kleinere, kannte. Stolz und fiebrisch glucksend ging Borst mit seinem Beil auf der Schulter davon, während die arbeitenden Tertianer zu ihm hinschielten, was nun kommen würde. Es kam sogleich. Gewaltig wie ein Holzschwerarbeiter holte Borst vor seiner auf dem Boden liegenden, ganz mit Grün bedeckten Tanne aus, schlug mit der scharfen Schneide nach unten und hatte sogleich auf seinen Backen einen kohlpechrabenschwarzen Pelz mit fürchterlich kratzenden Krallen sitzen, aus dem irgend etwas Schlundartiges wild fauchend hervortrat. Borst verstand gar nichts. Er wußte nicht, was für ein Lebewesen ihn da eben angegriffen hatte und weshalb irgend etwas Rotes, Flüssiges, Wehliiendes ihm über die Augen lief. Sämtliche Tertianer gingen mit ernsten, schweren Arbeiterschritten zu ihm hin. „Was tust du denn?" fragten sie streng, nachdem sie einen Halbkreis um ihn gebildet hatten. „Du hast ja Karlemann den halben Schwanz abgehauen!" „War das da in meinem Gesicht Karlemann?" fragte Borst verwundert, und er wischte, um sich Gewißheit zu verschaffen, mit dem Handrücken über die Augen. „Schau einmal her!" Hornbostel, der fast so klein wie Borst war, zeigte auf die Tanne zu ihren Füßen. „Da sind ja noch ein paar Haare von seinem Schwanz!" Nun blickten sie alle zu einem noch aufrecht stehenden Stamm mit hochgelegenen Besten empor, in die Karlemann sich geflüchtet hatte. Er saß dort und beleckte mit geradezu rasenden Bewegungen die Spitze seines Schweifes. „Also!" sagte Königsmarck. „Wenn du hier alle Tiere halbieren willst, dann brauchen wir uns ja weiter keine Mühe zu geben!" Und er schmiß seine Axt hin. „Vielleicht versuchst du es erst einmal mit deiner Vivisektion bei den Feldmäusen auf der Wiese!" „Hack doch dem Karlemann ein anderes Mal den Schwanz gleich hinter dem Kopf ab! Dann hat er seinen Frieden!" Der Schnauzer-Pudel stellte sich mit schützendem Bellen vor Borst hin. Er wollte es nicht dulden, daß man seinem Sechsundzwanzigstel- Heiren ein Leides antat. Borst aber, der zeigen wollte, was er eigentlich als Holzarbeiter wert war, hieb wie besessen in die Zweige ein, während ihm das Blut über den Augen sickerte. Er hatte seinen großen Tag. Es gelang ihm nämlich ohne weiteres, jetzt mit einem Hieb Josua zu erledigen^ Mit Jammergeheul und ähnlich rasenden Bewegungen nach hinten, wie sie Karlemann gehabt hatte, räumte der Schnauzer-Pudel das Feld. Er brachte das Kunststück fertig, sich wie ein Kreisel um sich selbst zu drehen und dabei doch in weniger als sieben Sekunden eine Entfernung von einhundert Meter zwischen sich und Borst zu setzen. Seine verdutzt stehenden Augen klagten seinen eigenen Hintern an, daß er ihm solch grimmigen Schmerz bereite. „Was tust du denn?" schrien die Tertianer mit chorischer Empörung auf! „Du tätest ja jetzt den Schnauzer!" Reppert trat herzu. Er sah Borst mit strengen grauen Augen ins Gesicht. Er nahm ihm das Beil ab, wie einem Kind die Schelle. „Geh jetzt schlafen!" Borst senkte den Kopf. Ein sekundenschnelles, trockenes Schluchzen ging zitternd über feine kleine Gestalt dahin. „Geh schlafen!" wiederholte Reppert, etwas milder. Die Jungen kehrten sich alle um, als seien sie selber beschämt. Mit schweren Schritten, etwas schief in den Hüften vor innerer Steifheit, so gingen sie an ihre Arbeit. Borst aber trollte sich in den Wald. Die ersten Tränen vermischten sich mit seinem noch immer rinnenden Blute. Er heulte über sich selber, über die Tiere, über seine Schlaflosigkeit, aber hauptsächlich heulte er doch über den fast gütigen Ton, in dem Reppert zu ihm gesprochen hatte: „Geh schlafen!" und über das plötzliche Schweigen der Tertia. Tief im Waldesdickicht fiel er auf dem Moose nieder, während ein Vogel oben im Wipfel dem kühler werdenden Abendlichte entgegenfang. Die kleine matte Stirn auf den Händen, so fühlte er sich schnell ins Traumreich hinübergleiten. Er träumte, daß Josua neben ihm lag und die Wunde beleckte, die er ihm zugefügt hatte. Borsts Hand tastete zur Seite. Da spürte er die lebendige Wärme eines Felles. Er öffnete blinzelnd die Augen. Josua lag neben ihm, und er beleckte die Wunde, die Borst ihm zugefügt hatte. Borst lächelle zufrieden. Er schlief sich in ein anderes Traumland hinüber. Die Tertianer zogen singend durch die Nacht. Sie waren ausgebrochen, nicht zwei, nicht sechs oder sieben Mann, sondern fünfundzwanzig. Fünfundzwanzig Jungens waren die Bäume vor den Korridorsenstern ober ganz bequem die Feuerleiter herabgekrochen. Es ging wie am Schnürchen, denn sie hatten ja einmal in jedem Quartal zur Hebung „Feueralarm. Sie brauchten nur zu zeigen, was sie gelernt hatten. Sie zeigten es gut. Es war die gesegnete unter den Nächten aller Jungens auf Erden, die vom Samstag zum Sonntag. Zudem war es eine laue, noch mondlose Juninacht. Geheimnisvolles wurde gesponnen: überall flogen die Fäden zarter Naturgeheimnisse durch die Luft. Unten in den äcker- und gärlen- reichen Ebenen, oben auf den bewaldeten Höhenzügen, in den Nestern schlafender Vögel, in den Rinder-, Schaf-, Ziegen-, Pferde- und Geslügel- ställen der Bauern, in allen Pflanzen, die wuchsen und gediehen, — überall wurden in zarten Träumen die Kräfte und die Säfte des Lebens zum nahenden Sommer vorbereitet. Und dennoch hatten gerade in dieser Zeit ein paar spindeldürre Manner mit grauen Bärten und stumpfen Augen Verordnungen über bas Land hingehen lassen, die so manches Lebewesen bedrohen oder geradewegs vernichten sollten. Deshalb zogen die Tertianer durch die Nacht. Keiner war zurückgeblieben, niemand war krank. Der Gesundheitszustand der Tertia war vortrefflich. Sie marschierten nicht auf der Landstraße dahin, sondern auf Schleichwegen oben in den leise rauschenden Waldeszügen. Sieben Glieder zu je drei Mann. Voran der dicke Häuptling, der im allgemeinen das Marschieren nicht leiben mochte, heute aber den denkbarst schnellsten Schrill anschlug. Reppert rechts und Lüders links zu den Flanken der Baabe, und hinten als Arrieregarde Hornbostel, der Zweitkleinste. Der Aller- kleinste jedoch war gut in der Mitte eingeschlossen, es gab für ihn nicht die geringste Möglichkeit, etwas Dummes anzustellen. Jeder von ihnen, bis auf den großen Kurfürsten natürlich, trug Marschgepäck bei sich. Nicht etwa Fourage oder Kleidungsstücke, sondern Farbe und Pinsel. Sie waren entschlossen, die feindliche Stadt gut anzumalen. Sie wollten den Bewohnern ein buntes Sonntagskleid anziehen, mit dem sie zu ihren zwei Kirchen ziehen sollten. Die Tertianer fangen. Manchmal auch blieben sie auf den Waldes- roegen stehen, und dann stritten sie sich so heftig über den Weg, daß ft« die Bussarde aus ihren Horsten ausschreckten. Es waren ganz überflüssige Auseinandersetzungen, an denen sich hauptsächlich die Jüngeren beteiligten, natürlich auch Borst, der sein« Meinung über den kürzesten Weg mehrfach zum besten gab, obgleich niemand auch nur hinhörte, iuas her da in seinen wirren Waldesträumen redete. Der Große Kurfürst, Reppert und Lüders aber schritten mit nachtwandelnder Sicherheit voraus, ohne sich um das Getose des Nachwuchses zu bekümmern oder den ungläubigen auch nur ein Wort zu geben, und, wie es immer im ~ebei geht, die Ungläubigen folgten, so lange murrend, bis ein sehen mutzten, daß sie richtig geführt worden waren. .. Wie sie endlich mit Gesichtern, die von den Nadelhölzern zerkragi waren, die Bergeskuppe erreicht halten und unten das frühlingsumspom neue Land zwischen Linden und Birken im Wolkenmondlicht aufblitze, sahen, da blieben sie stehen, und sie versammelten sich im Kreise, um ein letztes Mal noch zu bereden. Denn hier wurde Reppert mit leä, Manns darunter Borst, detachiert, um die großen Farbeimer, die sie der Nacht und an den folgenden Tagen in der Kiesgrube nahe bei pait Hause vergraben hatten, in die Reserve herbeizuschaffen. (Forti, folg • Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts-Buch. und Steindruckerei, N. Lange in Gießen