SietzenerZanMenblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1931 - Hreitag, -en 10. April Nummer 28 Brausende Stille ... Von Christian Morgen st er n. Brausende Stille, wie lieb' ich dich, wenn du nicht ganz mich überwältigst, deutender Phantasie noch Raum gewährend. Liegt mein Ohr an der Muschel Unendlichkeit? Rauscht das Meer des ewigen Seins daraus? Oh, dann rauscht auch ihr, auch ihr Blut mit — brandet bis an mein Herz, wie meins an ihr's! Brausende Stille, wie lieb' ich dich, die du mich mit der fernen Geliebten so zart vereinigst. Carl Weyprecht, der hessische Nordpolarforscher. Von E. Ihne, Darmstadt. In letzter Zeit hat man öfter in Zeitungen gelesen, daß 1932/33 ein zweites Polarjahr veranstaltet werden soll, so sei es aus der Tagung des internationalen meteorologischen Komitees in Kopenhagen 1929 beschlossen worden. Was heißt das? Es sollen von den meisten Kulturstaaten rings um Nord- und Südpol eine Anzahl Stationen errichtet und nach einheitlichem Plan eingehende Beobachtungen über erdmagnetische, meteorologische und sonstige geophysikalische Verhältnisse durchgeführt werden, mindestens ein Jahr lang, alle Mittel neuzeitlicher Forschungstechnik, z. B. Flugzeuge, werden benutzt. Ein genauer Plan, auch hinsichtlich der erforderlichen großen Geldmittel, steht noch nicht fest. Ein zweites Polarjahr! Wann war das erste? Es hat 1882/83 stattgefunden, 1932 sind also 50 Jahre seitdem verflossen. Derjenige, der damals die Anregung gegeben hat, war ein Sohn Darmstadts: Carl Weyprecht, den als Mitentdecker von Franz-Josefs-Land wohl jedermann kennt, und der am 29. März 1881 starb. Carl Weyprecht wurde am 18. September 1838 in Darmstadt geboren. Von 1852 bis 1856 besuchte er in Darmstadt das Gymnasium und die Höhere Gewerbeschule, trat 1856 als Kadett in die österreichische Kriegsmarine und wurde 1861 Offizier. Gelegentlich eines Heimaturlaubes lernte er den bekannten Gothaer Geographen Peter mann kennen, der damals eifrig für eine deutsche Nordpolexpcdition warb. Der Nordpol weckte auch Weyprechts Interesse, er blieb dauernd in Verkehr mit Peter- mann und erbot sich für eine Expedition in das Meer östlich Spitzbergen. Dieser Plan wurde aber jäh unterbrochen durch den Krieg 1866. Weyprecht nahm an der Seeschlacht bei Lissa, in der die österreichische Flotte unter Tcgetthosf die italienische entscheidend schlug, teil und zeichnete sich durch große Umsicht und Tapferkeit aus. Nach dem Kriege führte ihn der Dienst nach Mexiko, wohin sein Schiff zur Verfügung des Kaiser Maximilians kommandiert war. So konnte er hier den Zusammenbruch des mexikanischen Kaiserreichs (Maximilian wurde am 19. Juni 1867 in Queretaro erschossen) aus nächster Nähe erleben. In die Heimat zurllckgekehrt, trieb «r eifrig astronomische und geophysikalische Studien. Das Interesse am Pol verstärkte sich, besonders nachdem er 1870 den Oberleutnant Julius Payer kennengelernt hatte, der gerade von der zweiten deutschen Nordpolsahrt zuriick- gelommen war. Allmählich gewann der Plan einer neuen, eigenen Nordpolexpedition festere Gestalt. Mit Mitteln, die hauptsächlich Petermann und der Wiener Graf Wilczek gestiftet hatten, konnten bereits tm Sommer 1871 Weyprecht und Payer auf einem kleinen Segelschiff eine Erkundigungssahrt in das Meer östlich von Spitzbergen unternehmen. Sie gelangten in fast eisfreiem Meer glatt bis 79 Grad nördlicher Breite und 60 Grad östlich Greenwich, und man konnte durchaus annehmen, daß ein gut ausgerüsteter Dampfer noch viel weiter vorzudringen vermochte. Dies sollte dann durch die eigentliche Expedition im nächsten Jahre geschehen. Ueberraschend schnell waren die nötigen Geldmittel zusammengebracht, alle Kreise des Volkes steuerten bei, Graf Wilczek erwies sich auch jetzt als hochherziger Förderer. In einer sorgfältig ausgearbeiteten Instruktion wurde als nächstes Ziel die Erforschung des unbekannten Gebietes im Norden von Sibiren bestimmt, als weiteres ideales Ziel die Erreichung der Behringsstraße, also die nordöstliche Durchfahrt. Kommandant der Expedition war Weyprecht; nur bei Schlitten- und Landreisen sollte Payer das Kommando haben. Das Schiff, ein dreünastiger Schraubendampfer von 110 Fuß Länge, zum größten Teil nach Weyprechts Angaben gebaut, bekam den Namen „Admiral Tegelthoff". Ausrüstung und Verproviantierung berechnete man auf drei Jahre. Neben den üblichen Booten wurden auch Schlitten und Hunde mitgenommen. Den Stab der Expedition bildeten außer Linienschiffsleutnant Weyprecht und Oberleutnant Payer Linienschiffsleutnant Brosch, Linienschiffsfähnrich Drei, Regimentsarzt Dr. Kepes, Maschineningenieur Krisch. Die Matrosen wählte Weyprecht absichtlich aus dem österreichischen Küstenland, sie bewährten sich vortrefflich. Ferner waren an Bord zwei Tiroler Bergsteiger und noch ein älterer norwegischer Seemann, so daß die Besatzung aus 24 Mann bestand. Am 14. Juli 1872 verließ das Schiss Tromsö und nahm Fahrt nach Nordost. Wie im Vorjahre, so hoffte man auch jetzt bis zur Breite 78 Grad ober 79 Grad eisfreies Meer zu finden. Aber schon nach sechs Tagen, in viel südlicherer Breite, begegnete das Schiff größeren Eisrnassen und am 22. August 1872 wurde es bei 76 Grad nördlicher Breite und 62 Grad östlich Greenwich von Eis völlig eingefchlofsen und gezwungen, ohne eigenen Kurs der großen Scholle, die es umfaßte, zu folgen. Die Treibrichtung ging zunächst nach Nordost, später nach Nordwest. Herbst und Winter verliefen in stetem, bittersten Kampf gegen bas Eis, das durch unaufhörliche furchtbare Pressungen das Schiff zu zertrümmern drohte. Die lange Polarnacht war schauerlich, und „gar viel Tage befanden sich die Männer fortwährend auf dem Sprunge, das Schiff zu verlassen, das ihnen unter den Füßen in Stücke zu gehen drohte". Der Sommer 1873 brachte keine Besserung der Lage. Da, ganz unvermutet, am 30. August 1873, wurde neues Land entdeckt. Es erhielt den Namen Franz-Josess- Land. Nicht lange danach fror die den „Tegelthoff" umschließende Scholle mit dem Landeis fest zusammen. Der zweite Polarwinter mußte durchgemacht werden. Wenn keine Befreiung vom Eis gelang, stand sogar ein dritter bevor. Daß ein solcher nicht mehr ausgehalten werden konnte, war Weyprecht und den anderen Offizieren klar. Das erlaubte nicht der Zustand des Schiffes, das allmählich ganz schräg auf dem Eise lag und zu kentern Gefahr lief, ferner nicht die geschwächte Gesundheit der Mannschaft. Daher wurde Februar 1874 beschlossen, am 20. Mai den „Tegett- hoff" zu verlassen und die Rückkehr über das Eis nach Nowaja Semlja zu versuchen. Vorher wurde bas neue Land so viel als möglich erforscht, unb zwar unter Führung von Payer im März und April auf drei anstrengenden und gefahrvollen, meist von starker Kälte unb heftigen Schneestürmen begleiteten Schlittenreisen. Auf der zweiten Reise erreichte man als höchste Breite 82 Grad, 5 Min. Franz-Josefs-Land erwies sich als eine Gruppe von Inseln, fast vollständig vergletschert, die Vegetation äußerst dürftig, das Gestein Basalt, alles öde. Während der Schlittenreisen blieb Weyprecht an Bord und leitete die Vorbereitungen für den Rückzug. Auch der einzige Todesfall der Expe- dition war zu beklagen, indem der Maschineningenieur Krisch einem Lungenleiden erlag. Vor dem Verlassen des „Tegetthosf" wurden vier Flaschenposten aus- gesetzt, d. h. es wurde eine kurze Mitteilung über den seitherigen Verlauf der Expedition in eine Flasche gesteckt, diese fest verschlossen und auf dem Eis in der Nähe untergebracht. Das geschieht von Seeleuten oft und wäre kaum erwähnenswert. Aber: von diesen Flaschenposten wurde eine im Sommer 1921 an der Küste von Nowaja Semlja durch eine Expedition aufgefunden. Die in der Flasche enthaltene Mitteilung, geschrieben von Weyprecht und Brosch, war noch gut lesbar. Der letztere, Vizeadmiral i. R. in Graz (gestorben 1924), war nicht wenig erstaunt, als er die Nachricht von der vor 47 Jahren ausgesetzten Flasche erhielt. Am 20. Mai 1874 wurde der von Weyprecht geleitete Rückzug angetreten. Er steht in der Geschichte der Polarsorschung als eine Leistung ersten Ranges verzeichnet. Als Beförderungsmittel dienten vier Boote, die durch untergelegte Schleifen auch zum Ziehen benutzt werden konnten. Jedem Boot war ein Schlitten zugeteilt. Mitgenommen wurde natürlich nur das Allernotwendigste von Werkzeugen, Lebens- und Feuerungsmitteln und Waffen, vollständig dagegen alle wissenschaftlichen Aufzeichnungen, die in einer Blechkiste verlötet waren. Während der ganzen Dauer der Expedition, selbst bei den schrecklichsten Eispressungen waren die Beobachtungen niemals unterbrochen worden. Sie erstreckten sich auf astronomische und geodätische Bestimmungen, auf Nordlichter, auf meteorologische Verhältnisse und besonders auf erdmagnetische Beobachtungen. Der Rückzug war überaus anstrengend. Welche Schwierigkeiten zu überwinden und welche Entbehrungen auszuhalten waren, erkennt man aus Wenprechts Tagebuch. In den ersten Wochen mußten d,e schweren Boote über das ost hochausgetürmte Landeis geschasst werden, und vielfach reichte die Halste der ganzen Bemannung kaum aus, um em Boot oder einen Schlitten weiterzubringen. Wie der Geringste der TOannftyift spannte sich Weyprecht mit vor die Boote und zog, wie er sich ausdruckte, wie ein Hund mit heraushängender Zunge, ost stundenlang. Er wußte, welche Wirkung neben dem Wort vom Beispiel des Führers ausgeht. So war er auch der erste, der ein Stück Speck von einem gerade erlegten Seehund herunterschnitt und es, „allerdings mit großem anfänglichem Widerwillen" vor aller Augen verzehrte; dann folgten die anderen. Bom 18. Juni an arbeiteten sich die Männer mühsam durch zerteiltes Treibeis mit offenen Kanälen. Sie setzten dann abwechselnd die Boote aus die Schlitten, wenn sie ein Eisfeld überschreiten mußten, die Schlitten wieder in die Boote, sobald sie wieder auf eine Oeffnung stießen. Dieses fortwährende Ein- und Ausladen, Hinein- und Herausziehen der Boote nahm den größten Teil der Zeit und Kräfte in Anspruch. Dazu kam noch, daß anhaltende südliche Winde alle Anstrengungen vergeblich machten, indem sie das ganze Eisfeld, auf welchem sie sich befanden, mehr nach Norden zurücktrieben, als sie mit größter Arbeit südlich Vordringen konnten. So kam es, daß die Reisenden acht Wochen nach Verlassen des Schiffes nur drei deutsche Meilen in Luftlinie von diesem entfernt waren. Vom 15. Juli an setzten endlich nördliche Winde ein und die Eisverhältnisse wurden günstiger, so daß man besser vorwärts kam. Nach weiteren vier Wochen trafen sie das offene Meer, konnten sich endgültig in den Booten einschissen und am 10. August die Küste von Nowaja Semlja erreichen. Noch einige Tage ruderten und segelten sie längs der Küste; der Proviant wurde sehr knapp. Begegneten sie nicht bald einem rettenden Fahrzeug, dann mußte die höchst zweifelhafte Ueberfahrt über das stürmische Meer nach Lappland gewagt werden. Da kam die Rettung. Am 20. August trafen sie zwei kleine russische Schisse und wurden freundlich ausgenommen. 96 Tage hatten sie ununterbrochen im Freien zugebracht. Weyprecht einigte sich mit dem Kapitän, daß er unverweilt nach dem nächsten norwegischen Hasen, nach Vardö, segelte. Hier landeten sie am 3. September 1874. — Vom „Admiral Tegetthoff" ist niemals mehr etwas bekanntgeworden. Weyprecht widmete sich nach der Heimkehr der Sichtung und Verarbeitung des wissenschaftlichen Materials. Seine Beobachtungen über das Eis legte er nieder in dem Buche „Metamorphosen des Polareifes", einem Muster leicht verständlicher und doch wissenschastlicher Darstellung. Leider führte er seine ursprüngliche Absicht, eine volkstümliche Beschreibung der Expedition zu geben, nicht aus. Die schrieb Payer in einem umsangreichen illustrierten Buche: „Die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition", Wien 1876. Unablässig beschäftigte sich Weyprecht weiter mit der Polarforschung und er kam zu der Ueberzeugung, daß die bisherige Art zu ändern sei. Nicht die Auffindung neuer Länder oder des Poles selbst mußte der Hauptzweck der Expedition werden, sondern die wissenschaftliche Erforschung der Polarnatur. Es müßten daher rings um den Pol in zugänglichen Gebieten Stationen geschaffen werden, deren Aufgabe in erster Linie gleichzeitig meteorologische, magnetische und sonstige kosmisch-physikalische Beobachtungen mit gleichen Instrumenten nach gleicher Instruktion wäre. Auf der Grundlage solchen Materials wären dann allgemeine, bleibenden Gewinn für die Wissenschaft bietend« Folgerungen möglich. Diese aus der Natursorscherversammlung in Graz 1875 vorgetragenen Forderungen setzten sich dank der Unermüdlichkeit Weyprechts bei der internationalen Meteorologie durch, und es wurde von zehn Staaten beschlossen, solche Beobachtungen 1882/83 durchzusühren, mit elf Stationen um das Nordpolar-, zwei im Südpolargebiet. So kam das erste Polarjahr zustande; die Aufzeichnungen füllen viele Bände. Mit diesem großen wissenschaftlichen internationalen Unternehmen, sagt I. v. Hann, der berühmte Wiener Meteorologe, wird der Name von Carl Weyprecht verknüpft bleiben, „da er die erste Anregung dazu gegeben hat". Als österreichische Station war die Insel Jan Mayen ausersehen, als deren Leiter Weyprecht. Aber ein grausames Schicksal wollte nicht, daß der Mann, der das Unternehmen bis dicht vor die Erfüllung gebracht hatte, die tatsächliche Besetzung der Stationen erleben sollte. An einem hartnäckigen Bronchialkatarrh hatte Weyprecht seit der Rückkehr gelitten. In Wien, Februar 1881, verschlimmert« sich sein Zustand. Den Schwerkranken holte am 26. März der Bruder heim, und in der Heimat schloß Carl Weyprecht am 29. März 1881 sür immer die Augen. Kleine Tragödie in Bernstein. An einem warmen Tag — vor zehn Millionen Jahren. Bon Bruno H. Bürgel. Nachdruck verboten. An einem schönen warmen Hochsommertag — es mögen seitdem gut und gern zehn Millionen Jahre vergangen sein, aber wir haben unwiderlegliche Beweis« dafür, daß sich die Geschichte wirklich so zugetragen hat, wie ich sie hier erzähle — an diesem herrlichen Sommertage also, so um die Mittagsstunde herum, hatte sich eine niedliche kleine Fliege mit zarten Florslügelchen und rubinroten Augen am Stamm einer hohen Fichte niedergelassen, um ein wenig zu ruhen. Nicht allzufern rauschte das nordische Meer und weit« Nadelwälder bauten sich hier auf; die Mittagsgöttin wanderte durch die Landschaft, Schweigen war im Walde und es roch nach Harz. Aber der ewige Kampf in der Natur, der keinen Waffenstillstand kennt, nahm dennoch seinen Fortgang. Der Mensch freilich, der erbittertste und listenreichste aller Kämpfer, existierte damals noch nicht; Jahrmillionen später erst trat er aus den Plan, und dennoch vermag er die kleine Tragödie, die sich da im nordischen Fichtenwall abspielte, ganz so zu Überblicken, als wäre er Augenzeuge gewesen. — Eine schwarze Spinne, klein und behende, kroch um die Wölbung des Stammes und sah das zierliche Fliegentier in der Sonne glänzen. „Viel ist an dieser Jungfer mit dem Flor, der engen Taille und den roten Augen nicht dran" — so mag der schwarze ■oager taxiert haben — „aber für den ersten Gang zur Mittagstafel mag sie genügen." Mit einem kühnen Sprung warf sich der Räuber auf sein Opfer. Aber in diesem Augenblick geschah etwas Seltsames und Unerwartetes, das für Säger und Gejagten gleich verhängnisvoll wurde. Die Sc^vüle des Mittags hatte hoch oben am Stamm der Fichte einen großen Harztropfen flüssig gemacht; er siel herab und hüllte im Augenblick Fliege und Spinne in ein goldgelbes zäh-geschmeidiges Gefängnis ein, in einen Kerker, der ein Sarg wurde, ein richtiger, durchsichtiger Schneewittchensarg. Er hat über Jahrmillionen hinweg die beiden kleinen Wesen auf- bewahrt, er läßt uns noch heute die kleine Tragödie, die sich vor zehn Millionen Jahren am Stamm einer Bernsteinfichte abspielte, als die Mittagsgöttin durchs Gehölz strich und von fern die Wogen des Weltmeers rauschten, nacherleben. Ein Stück Bernstein, Harz von einer Fichte also aus der Tertiärzeit, ist das Dokument, in dem Mutter Natur die kleine Historie erzählt. Legt man den seltsamen Sarg unter ein Mikroskop, dann erkennt man deutlich, daß die beiden eingeschlossenen Tiere sich noch ein paar Augenblicke bewegten. Um ihre Beine herum zeigt die gelbe Masse kleine verhärtete Strudel und Schleier, die letzten Spuren eines Todeskampfes, den ein paar Infekten vor zehn Millionen Jahren kämpften. Es ist ja alles unbedeutend, aber es ist doch auch wieder sonderbar, daß wir in der Lage sind, hier über ein Geschehnis aussagen zu können, das sich abspielte, ehe es Menschen gab! — Das Bernsteinmuseum in Königsberg enthält Zehntausende von Einschlüssen ähnlicher Art. Da sieht man Blüten und Blätter, eingebettet in diesen Vorzeit-Harz, Federn von Vögeln, Haare von Säugetieren, Fliegen, Spinnen, Krebse, Schnecken, Wanzen, Schmetterlinge, Käser, ja selbst eine kleine Eidechse. Mit überraschender Deutlichkeit tritt uns das in dem ja oft glasdurchsichtigen Bernsteinblock entgegen, die zartesten Einzelheiten sind erkennbar, sogar Teile von Spinngeweben mit kleinen hellen Bläschen daran, die sehr wahrscheinlich von Tautropfen herrühren. Längst sind sie verschwunden, die Wälder voll Bernsteinfichten, die in Vorzeittagen da oben am Rande eines flachen Meeres standen, langsam unterwühlt wurden und der vorrückenden See unterlagen. Ein mächtiger Strom hatte dort an seiner Mündung Jahrtausende lang einen blaugrauen schlammigen Sand abgesetzt, der den Untergrund jener Wälder bildete. Nichts ist von ihnen zurückgeblieben als das Harz, das einst aus den Stämmen tropfte und sich einwühlte in die blaue Erde, als die Wogen Besitz ergriffen von diesem flachen Landstreifen. Die Jahrmillionen rauschten darüber hin, Meer wurde Land, Land wieder Meer, die Eis- zeitgletscher hobelten darüber weg, umgewühlt und auf weite Strecken verfrachtet wurde der blaue Grund mit seinen Harzresten vorzeitlicher Fichtenwälder, und wieder rauscht das Meer dort oben an der Küste des Samlandes, an der „Bernsteinkllste". Nun aber sucht der Mensch nach dem weingelben Stein, schmückt sich mit ihm, wie er es seit grauen Tagen getan hat. Phönizier, Griechen, Römer, Arader sandten schon vor Jahrtausenden ihre Kaufleute nach dem Norden, um das dem Meer entstiegene „durchsichtige Gold" einzuhandeln, das nicht nur Schmuck war, sondern auch Heilkräfte besaß. Das Harz der versunkenen Nadelwälder hat eine schöne Auserstehung gefeiert. Wie hat sich die Welt seit den Tagen gewandelt, da es aus Baumwunden tropfte, die ein vom Meer hereinbrechender Sturm im Geäst angerichtet haben mag! Sehr friedlich ging es damals nicht zu auf unserem Planeten, in jener Epoche, die der Erdgeschichtsforscher das „Jung-Tertiär" nennt. Im Gegenteil, es war eine Zeit starker Umwälzungen. Hebungen und Senkungen großer Teile der Erdrinde fanden statt; in verhältnismäßig kurzer Zeit wechselten Land und Meer mehr- sach den Ort. Mächtige Ausfällungen der steinernen Haut der Mutter Erde entstanden, gewaltige Schollenüberschiebungen setzten ein. Damals bildeten sich di« riesenhaften Gebirgsmassive, die noch heute die höchsten Erhebungen des Planeten darstellen: Der Himalaja, die Alpen, der Kaukasus, die Anden türmten sich auf. Aber auch die Vulkane der Erde sind zu jener Zeit in starker, dauernder Tätigkeit; mächtige Lavamassen breiten sich aus, Tiefengesteine bringen empor. Revolutionszeit! Und auch Revolution in der Welt des Lebendigen! Die letzten Reste mittelalterlicher Fabelwesen sterben aus, die Welt wird sozusagen modern. Bis dahin beherrschten die Reptile das Feld; die wenigen kleinen Säugetiere, die schon bestanden, spielten keine Rolle gegenüber den Riesensauriern, die während der Jurazeit und zum großen Teil auch noch während der Kreidezeit, das Zepter sührten. Nun aber breiten sich mächtige Säugetierherden aus und namentlich die sehr gewandten, wendigen starken Raubsäuger erobern sich di« Welt, behalten die Herrschast, bis der Mensch aus den Plan tritt, der ein noch viel gewaltigerer Räuber ist und feine Waffen selber schmiedet. Aber es beginnt im Tertiär auch der Siegeszug der Blütenpflanzen, und immer riesiger wird das Heer der Infekten. Damit zugleich werden immer bessere Lebensbedingungen für die Vögel geschaffen, und fo fehen wir eine starke Ausbreitung des gefieberten Volkes. Welches bie tiefere Ursache aller dieser Umwälzungen ist: Aenberungen bes Klimas, Wechsel von Lanb unb Meer große vulkanische Tätigkeit, Auftürmung von Gebirgen, starke Umstellung bes gesamten irbischen Lebens ... wir wissen es nicht. Eines ist wohl sicher, klein kann biefe Ursache nicht gewesen (ein, bie so starke Wirkungen nach sich zog, unb so läßt es sich verstehen, bah von manchen Leuten, bie über biefe Probleme tiefer nachgebacht haben, angenommen wirb baß irgenbein Ereignis im Himmelsraum, bas Sonne und Erde stark beeinflußte (etwa die Begegnung mit einem anderen Sonnensystem ober mit einer kosmischen Staubwolke) die Ursache dieses Anbruchs einer neuen Zeit im Erdgeschehen sein könnte. Naturgemäß können wir darüber nichts wissen; alles läuft auf mehr ober weniger annehmbare, zum Teil auch sehr phantastifche Hypo- thefen hinaus unb wirb schließlich zu einem unfruchtbaren Gelehrtenstreit. Aus einem Misetagebuch. Von Wera W a g e n s ch e i n*. San Giovanni degli Eremiti. Palermo.. Ich bin auf meinen kleinen hohen Balkon getreten; drüben, nur wenige Meter weit, erscheinen im Fenster fünf braune Kindergesichter mit glänzenden schwarzen Augen, starren in meine erschrockenen und verschwinden. Tief unten auf einem Karren ein Leierklavier von unbeschreiblich rauschendem, süßem, bunt funkelndem Klang, hallend in der engen Gasse, erschütternd. Ein zweites kommt, sie sehen mich, sehen immer nach oben und orgeln, bis ich meine soldi hinuntersallen lasse, und noch lange nachher. Ich bin ganz eingehüllt von dieser Musik. Auf den Straßen. Verwirrende juliheiße Buntheit, Eselchen, klein wie Hunde, vor zweirädrigen Karren, die grell bunt und wunderlich schön bemalt sind mit ganzen Geschichten: Kreuzzüge, blaue Ritter und verhüllte Königinnen auf weißen Zettern, Lanzenschlachten — jede Speiche ist bunt. Gegröhlte Ausruse, lang gezogen, ohne Musikalität. Enge Gassen voll bunter Wäsche und fremdartigem Getöse. Afrikanische weiße Türme, ihre nackten Glocken vor dem dunkelblauen Himmel. Viele Menschen aus vielen Ländern. Braun-bunte Leidenschaftlichkeit. Seidenweihe Ziegenherde durch das Mittagsgetriebe; langhaarig, schwarze Hörner und Augenflecken, zierliche Gelassenheit. Die Straßenrufe rutschen so seltsam, man kann sie nicht sassen. Aber das rhythmische Brüllen und Quietschen der kleinen Esel lerne ich bald. Wir suchen, sangen uns in einem Palmengarten, — lehnen an einer hohen Mauer in lautloser flimmernder Mittagsglut, die die Straßen in diesem ärmlichen Stadtteil leer gemacht hat, — finden hier endlich die kleine versteckte Moschee S. Giovanni und werden in die dämmerige Frische ihres ummauerten Gärtchens ausgenommen. Die kleine Pforte fällt zu, draußen versinkt Helligkeit und Verwirrung, wir sind uns selbst überlassen. Paradiesisch ist dieses Gärtchen; und wie über Zypressen die himbeerroten Kuppeln auftauchen vor der tiefblauen Himmelsschale, kommt mir di« ganze Bezauberung aus meiner Kindheit wieder, als ich auf dem Schulweg im Schaufenster ein Bild dieses maurischen Märchen-Hofes fand und es zuhause aus dem Gedächtnis malte, tagelang beglückt und versunken. . Durch verfallende Steinbogen gehen wir in den kleinen Jnnenhof. Zwischen hohen feuchten Mauern drängen sich verwittert und voll süßer Frische Gras und Bäume zusammen, Kakteen, Zitronenbäume mit reglosen Hellen Früchten im dunklen Laub, Palmen; das Schönste: ein breites zartes Pampelmusenbäumchen, mit schweren hellgelben Kugeln behangen, wie riesenhafte Kanarienvögel im Schlaf. Wir setzen uns auf eine niedrige Marmorbank und verlieben uns in den Kaktus in der Mitte des Gärtchens. Leise Zwitschervögel, die man nicht sehen kann. Bewegung nur in den gelben Sonnenlichtern, die wie Tropfen ins grüne Dunkel der Zitronenbäume sickern. Flüchtige Schwärme von Reisenden vergißt man gleich wieder; sie macken die Einsamkeit fast noch tiefer. Die fremden Kletterpflanzen an moosigen Mauern, aus denen vergessene Brunnen rieseln, spinnen uns immer mehr ein. Und wir merken nur an dem steilen Schatten, der eng um unseren Kaktusbaum kreist, daß der Mittag sich wendet. Im Kreuzgang ist eine überirdische Helligkeit, durchsichtig und sanft. Das Licht umfließt die zierlichen weihen Säulen, schwebt und zittert um die vielen Kletterrosen und die kleinen Geranientöpfe, die den über- rankten Ziehbrunnen in der Mitte umstehen. Das Weih des Säulenvierecks und das Rosa und Rot der Blumen scheint in diesem zartesten Licht sich zu verbinden, in flatternder Bewegung miteinander zu spielen. Ueber diesem holden Tanz ruhen im Dunkelblau die vier roten Kuppeln, eine stets neue wunderliche Beglückung. Wanderung nach Segesta. Wir gehen drei Stunden ins Land hinein. Unser Weg führt auf halber Höhe, zwischen großen kahlen rötlichen Bergen. Unten im Tal der kleine fast ausgetrocknete Fluh. Eine einzelne Dattelpalme steht daran, fein und schlank im Winde sich wiegend, einsam, klein aus unserer Höhe. Schwarze Pferdchen, darunter trinkend und schlafend. . . ... Die niederen Hügelhänge blühen gelb, in einer Ginsterart; dazwischen elfenbeinweiße Heckenrosen, viele fremde Sommerblumen, gelbe und rosa Margueriten am Wege, orange Calendula, blaue Zichorie. Kleine Wicken wie glühender roter Granat im Gras. Höher am Berg Kakteen, so glitzernd wie überflossene Steine. .. .. . Den ganzen Weg begleiten uns hohe weihlich-grune Disteln nut helllila Blüten. Manchmal ein weidender Esel. Aber das kahle Felsengebirge über allem macht ine Landschaft doch ernst und groß. ... „ , , Kleiner Pfad im Olivenwäldchen, Maultierreiter tänzelt bergab. Ein süßer warmer Blumendust zieht über den Weg Da sehen wir klein vor Ferne und in grüner Hochlandemsamkeit den Tempel. Maultierkarren im Fluß holen Steine. Kleine Feigenbäume von großer Klarheit und Lichtheit: hellgrau- seidige Stämme und Aeste, willkürlich und wunderlich geschwungen und voll Harmonie; schön geformte wenige große Blätter, hellgrün, und kleine dunkle Früchte. .... . Die grauen hohlen Oelbäume wirken trauernd im Frühjahr. Seltsam vereinigt sich hier Sommer mit dem Vogelgezwitscher des Frühlings und Apfelsinen- und Zitronenernte des Herbstes. Wir überqueren den Fluh und steigen. Nur noch grüne Hügel, schwarze Pferde, rötlich-graue Felsen, Krähenfluge. In ferner wegloser Einsamkeit zwei Karabinier! zu Pferde. Suchen sie Räuber? * Vgl. Familienblatt Nr. 25 und 26. Plötzlich der Tempel: vor der graugrünen Felswand, eingebettet ins weite Hochland, steht er ergreifend und unbegreiflich schön. Di« Säulen außen bläulich, innen wie von einem sanften Feuerschein glühend. Wir klettern die Stufen hinauf — Eidechsen flitzen, stutzen, verbergen sich — und sitzen lange im Innern an eine Säule gelehnt. Um uns die große erschütternde Einfachheit und einsame Versunkenheit. Die dicken Säulen porös und warm gold-bräunlich in der Sonne. Zwischen ihnen der dunkelblaue Himmel, das Gebirge, die nahe Schlucht, in der Ziegen weiden. Ein kühler starker Sommerwind. Seidenhaariger weiß-schwarzer Hund geht durch den Tempel, freundlich und voll Haltung. Mittagsstille. Eingeborene Frau mit kleinen Kindern steigt herauf und ruht auf dem Opferstein; arm, buntes Tuch, zärtliches Lächeln. Der Hund strolcht in der stachligen rosa Blumenwildnis herum, die sich bis dicht an die Tempelftufen drängt. Dann steigen wir zum teatro greco hinauf. Efelreitende junge Engländerin; dann ganz große Einsamkeit. Schmaler Stufenpfad zwischen hohem Dill (?) — oft höher als wir selbst, mit aufgerichteten gelben derbzarten Dolden. Der Tempel immer tiefer, kleiner, bläulich-golden. Schwarz- wollige Schafherde auf fernem Hang; ihr dunkles Geläut. Stilles verklärendes Nachmittagslicht. • Eine große Schlange, bunt und geheimnisvoll. Zwischen den gelbbesonnten Dillschäften und letzten grauen Steintrümmern der uralten Bergstadt Segesta sehen mir die weiten Gebirge ringsum, immer schöner mit violetten Schatten; ein fernes Bergkloster lockt, eine sehr weite weihe Bergstadt. Auf der Höhe ein ganzes Dill-Wäldchen, dicht besetzt mit Häuserschnecken. Aus der höchsten Stelle das Amphitheater. Klein, halbrund. Wir setzen uns auf die oberste Steinstuse, überwältigt und still. Weit weg jenseits der Tiefe sehen wir den Berg, noch ferner, viele Stunden von hier, ein Stückchen blaue Meerbucht, und noch jenseits von ihr hohe Felsenklippen von entrückter milchiger Zartheit, beinahe nicht mehr wirklich. Neben uns, unter uns auf dem Stufenhalbrund ein huschendes Eidechsenleben. Ueber der kleinen Bühne vor der fernen Sicht stehen zwei Raubvögel im Wind, fremdartig und von großer Schönheit: leuchtend rehbraun und schwarz gestreifte Fächerschwänze, dicke Köpfe, hängende greifbereite Krallen. Ihre kleinen hohen Schreie in der stillen Lust. Der Rückweg. Alles neu und unendlich anziehend in dem späten Leuchten des Nachmittags. Das Land ruht in plastischer Klarheit. Fern hinter dem Wiesenhügel der Felsenberg, rosig beschienen vom Abend. Sein Grat in weicher grauweißer Wolkenschlange, die von unten lila beschattet wird. Viele Maultierreiter, an beiden Seiten Basttaschen voll frischem Gras ober Apfelsinen, würdig schwarze Sancho Pansas. Manche von ihnen reiten viele Stunden am Tag bis in ihr kleines Dors am Meer ober in ben Bergen, nur weil sie feine Geselligkeit lieben. Keiner mag allein in seiner Gartenhütte schlafen. Alle sinb freunblich zu uns, heiter und beruhigt vom Abenb. Bunte Eselkarren überholen uns, und wir sehen lebendig gebliebene Geschichte vor uns rollen. Minnesänger, Ritter und Rittersräulein verliebt und wie hingeweht unterm Lorbeerbaum; daneben Turnier mit Eisenhauben und einem Wald von Lanzen. All« Wagen verschieden. . Zwei Burschen auf einem necken uns „Germanesi?', fordern uns lachend auf, zu ihnen in bas Reisig zu steigen; wollen mit uns plaubern. „Capisce?" ... „molto poco*!7' Sie fahren lange Zeit neben uns her, bis sie sich satt gesehen haben unb plötzlich bavon traben. Ein ganz Alter, voll Würbe unb Verschlossenheit, reitet auf weißem Tier uns entgegen. Er sieht burch uns burch unb singt mit hoher Stimme vor sich hin in ben Abenb. Wir sitzen eine Weile am Wegranb in rosenroten Traubenblumen, bte immer einbringenber unb abschieblicher glühen, unb in ben feinen Disteln, bereit blasses Lila schon fast erloschen ist. Ein verlassenes Eselchen streicheln wir; sein Blick wirb verwunbert unb^sansüh £(einen Bahngebäube. Der Bahnwärter unb seine Frau. Wir grüßen nun auch mit hochgehobener Hanb; sie tun es voll Würbe, mit einem kaum angebeuteten Lächeln unb großer Anmut: schräge Kopf- neigung, ein Heller Schein übers Gesicht, wenn sie Bereitwilligkeit unb Vertrauen spüren. .. , „ , Ein Sommerbaum zittert unb lärmt von zahllosen zwilschernben Vögeln, bie langsam zur Ruhe kommen mit ber fintenben Nacht. Unvergeßliche Stunbe vor biesem einsamen SBarterauml Ich lehne still an ber herrlichen Palme, bie Arme auf ber Gartenmauer, unb sehe brüben bie Abenblanbschast, aus ber wir kommen, unb über mir, durch bie feingefieberten schwarzgrünen Zweige, bes Monbes südlich liegenden Kahn. Die klaren langsam dunkelnden Farben, wie man sie manchmal auf alten Gemälden findet, find noch verklärter von einer großen Ruhe, bie immer mehr auch mein Herz erfüllt. Der Abendstern strahlt am gelblichen Himmel, über ben abenbblau- oioletten Bergen. Aus bämmernbem Hügel ber Sarazenenturm, wenige rosa Häuser mit stachen Dächern, eine Palme. Alles leuchtet fein letztes Licht wie von innen heraus. Durch bie Weinftöcke, im unirbifch grünlichen , Schein, reiten wie Abgeschiebene bie letzten buntlen Gestalten, ihre gesenkten Köpfe in schwarze Kapuzen gehüllt auf arabische Art. Uns Nörblichen ist biefe Stunbe wie Zauber, unb boch — von allem Gewohntem gelöst — von einer tiefen unb ernsten Wirklichkeit. * „Versteht Ihr?" ... „sehr wenig!" Meister Martin der Küfner und seine Gesellen. Erzählung von E. T. A. H o f s m a n n. (Sortierung.) Das Lied gefiel allen über die Maßen wohl, aber keinem so sehr als den Meister Martin, dem die Augen vor Freude und Entzücken glänzten. Ohne auf Vollrad zu achten, der beinahe zu viel von der stumpfen Schoß- rocis Hans Müllers sprach, die der Geselle gut genug getroffen — ohne aus ihn zu achten, stand Meister Martin auf von seinem Sitze und schrie, indem er sein Paßglas (hohes altdeutsches Trinkglas, das durch Reifen (Pässe) in gleiche Teile abgeteilt ist) in die Höhe hob: „Komm tjer — du wackrer Küper und Meistersinger — komm her, mit mir, mit deinem Meister Martin sollst du dies Glas leeren!" Reinhold mußte tun wie ihm geboten. Als er zu seinem Platze zurückkehrte, raunte er dem tiefsinnigen Friedrich ins Ohr: „Nun mußt du singen — sing' das Lied von gestern abend!" — „Bist du rasend", erwiderte Friedrich ganz erzürnt. Da sprach Reinhold mit lauter Stimme zur Gesellschaft: „Ihr ehrbaren Herren und Meister! hier mein lieber Bruder Friedrich ist noch viel schönerer Lieder mächtig und hat eine viel lieblichere Stimme als ich aber die Kehle ist ihm verstaubt von der Reise, und da wird er ein andermal seine Lieder in den herrlichsten Weisen euch auftischenl" — Run fielen alle mit Lobeserhebungen über Friedrich her, als ob er schon gesungen hätte. Manche Meister meinten sogar endlich, daß seine Stimme in der Tat doch lieblicher sei als die des Gesellen Reinhold, sowie Herr Vollrad, nachdem er noch ein volles Glas geleert hatte, überzeugt war, daß Friedrich doch die deutschen schönen Weisen besser treffe als Reinhold, der gar zu viel Italisches an sich habe. Aber Martin warf den Kopf in den Nacken, schlug sich auf den runden Bauch, daß es klatschte, und rief: „Das sind nun meine Gesellen — meine, sag' ich des Küpermeisters Tobias Martin zu Nürnberg Gesellen!" — Und alle Meister nickten mit den Häuptern und sprachen, die letzten Tropfen aus den hohen Trinkgläsern nippend: „Ja, ja! — Eure, des Meisters Martins brave, wackre Gesellen!" — Man begab sich endlich zur Ruhe. Reinhold und Friedrich, jedem wies Meister Martin eine schmucke, helle Kammer in seinem Hause an. * Als die beiden Gesellen Reinhold und Friedrich einige Wochen hindurch in Meisters Martins Werkstatt gearbeitet hatten, bemerkte dieser, daß, was Messung mit Lineal und Zirkel. Berechnung und richtiges Augenmaß betraf, Reinhold wohl seinesgleichen suchte, doch anders war es bei der Arbeit auf der Fügbank, mit dem Lenkbeil oder mit dem Schlägel. Da ermattete Reinhold sehr bald, und das Werk förderte nicht, er mochte sich mühen, wie er wollte. Friedrich dagegen hobelte und hämmerte frisch darauf los, ohne sonderlich zu ermüden. Was sie aber miteinander gemein hatten, war ein sittiges Betragen, in das, vorzüglich auf Reinholds Anlaß, viel unbefangene Heiterkeit und gemütliche Lust kam. Dazu schonten sie in voller Arbeit, zumal wenn die holde Rosa zugegen war, nicht ihre Kehlen, sondern sangen mit ihren lieblichen Stimmen, die gar anmutig zusammen gingen, manches herrliche Lied. Und wollte dann auch Friedrich, indem er hinüberjchielte nach Rosen, in den schwermütigen Ton verfallen, so stimmte Reinhold sogleich ein Spottlied an, das er ersonnen und das ansing: „Daß Faß ist nicht die Zither, die Zither nicht das Faß", so daß der alte Herr Martin oft den Degsel, den er schon zum Schlage erhoben, wieder sinken ließ und sich den wackelnden Bauch hielt vor innigem Lachen. Ueberhaupt hatten die beiden Gesellen, vorzüglich aber Reinhold, sich ganz in Martins Gunst festgenistet, und wohl konnte man bemerken, daß Rosa auch manchen Vorwand suchte, um öfter und länger in der Werkstatt zu verweilen, als sonst wohl geschehen sein mochte. Eines Tages trat Herr Martin ganz nachdenklich in seine offne Werkstatt vor dem Tore hinein, wo den Sommer über gearbeitet wurde. Eben setzten Reinhold und Friedrich ein kleines Faß auf. Da stellte sich Meister Martin vor sie hin mit übereinander geschlagenen Armen und sprach: „Ich kann euch gar nicht sagen, ihr lieben Gesellen, wie sehr ich mit euch zufrieden bin, aber nun komme ich doch in große Verlegenheit. Vom Rhein her schreiben sie, daß das heurige Jahr, was den Weinbau betrifft, gesegneter sein werde, als je eins gewesen. Ein weiser Mann hat gesagt, der Komet, der am Himmel herausgezogen, befruchte mit seinen wunderbaren Strahlen die Erde, so daß sie aus den tiefsten Schachten alle Glut, die die edlen Metalle kocht, herausströmen und ausdunsten werde in die durstigen Reben, die in üppigem Gedeihen Traub' auf Traube hervorarbeiten und das flüssige Feuer, von dem sie getränkt, hineinsprudeln würden in das Gewächs. Erst nach beinahe dreihundert Jahren werde solch günstige Konstellation wieder eintreten. — Da wird's nun Arbeit geben die Hülle und die Fülle. Und dazu kommt noch, daß auch der hochwiirdige Herr Bischof von Bamberg an mich geschrieben und ein großes Faß bei mir bestellt hat. Damit können wir nicht fertig werden, und es tut not, daß ich mich noch nach einem tüchtigen Gesellen umschaue. Nun möcht' ich aber auch nicht gleich diesen oder jenen von der Straße unter uns aufnehmen, und doch brennt mir das Feuer auf den Nägeln. Wenn ihr einen wackern Gesellen irgendwo reifet, den ihr unter euch leiden möchtet, so sagt's nur, ich schaff ihn her und sollt' es mir auch ein gut Stück Geld kosten." Kaum hatte Meister Martin dies gesprochen, als ein junger Mensch von hohem, kräftigem Bau mit starker Stimme hineinrief: „Heda! ist das hier Meister Martins Werkstatt?" — „Freilich", erwiderte Meister Martin, indem er auf den -jungen Gesellen losschritt, „freilich ist sie das, aber Ihr braucht gar nicht so mörderisch hereinzuschreien und hineinzutappen, so kommt man nicht zu den Leuten." — „Ha, ha, ha", lachte der junge Gesell, „Ihr seid wohl Meister Martin selbst, denn so mit dem dicken Bauche, mit dem stattlichen Unterkinn, mit den blinzelnden Augen, mit der roten Nase, gerade so ist er mir beschrieben worden. Seid mir schön gegrüßt, Meister Martin!" — „Nun was wollt Ihr denn vom Meister Martin?" fragte dieser ganz unmutig. — „Ich bin", antwortete der junge Mensch, „ich bin ein Küpergesell und wollte nur fragen, ob ich bei Euch In Arbeit kommen könnte." Meister Martin trat vor Verwunderung, daß gerade in dem Augenblick, als er gesonnen war, einen Gesellen zu suchen, sich einer meldete, ein paar Schritte zurück und maß den jungen Menschen vom Kovf -bis zum Fuße. Der schaute ihn aber keck an mit blitzenden Augen. Als nun Meister Martin die breite Brust, den starken Gliederbau, die kräftigen Fäuste des jungen Menschen bemerkte, dachte er bei sich selbst: „Gerade solch einen tüchtigen Kerl brauche ich ja!" und fragte ihn sogleich nach den Handwerkszeugnissen. „Die hab' ich nicht zur Hand", erwiderte der junge Mensch, „aber ich werde sie beschaffen in kurzer Zeit und geb’ Euch setzt mein Ehrenwort, daß ich treu und redlich arbeiten will: das muß Euch genügen." Und damit, ohne Meister Martins Antwort abzuwarten, schritt der junge Gesell zur Werkstatt hinein, warf Barett und Reisebündel ab, zog das Schurzfell vor und sprach: „Sagt nur gleich an, Meister Martin, was ich jetzt arbeiten soll." Meister Martin, ganz verdutzt über des fremden Jünglings keckes Betragen, mußte sich einen Augenblick besinnen, dann sprach er: „Nun, Geselle, beweiset einmal gleich, daß Ihr ein tüchtiger Küper seid, nehmt den Gargelkamm zur Hand und fertigt an dem Faß, das dort auf dem Cnd- stuhl liegt, die Kröse." Der fremde Gesell vollführte das, was ihm geheißen, mit besonderer Stärke, Schnelle und Geschicklichkeit und rief dann, indem er hell auflachte: „Nun, Meister Martin, zweifelt Ihr noch daran, daß ich ein tüchtiger Küper bin? — Ader", fuhr er fort, indem er, in der Werkstatt auf und ab gehend, mit den Blicken Handwerkszeug und Holzvorrat musterte, „aber habt Ihr auch tüchtiges Gerät und — was ist denn das für ein Schlägelchen dort, damit spielen wohl Eure Kinder? — und das Lenkbeilchen, heil das ist wohl für die Lehrburschen?" — Und damit schwang er den großen, schweren Schlägel, den Reinhold gar nicht regieren konnte, und mit dem Friedrich nur mühsam hantierte, das wuchtige Lenkbeil, mit dem Meister Martin selbst arbeitete, doch in den Lüften. Dann rollte er ein paar große Fässer wie leichte Bälle beiseite und ergriff eine von den dicken, noch nicht ausgearbeiteten Dauben. „Ei", rief er, „ei, Meister, das ist gutes Eichenstabholz, das muh springen wie Glas!" und damit schlug er die Daube gegen den Schleifstein, daß sie mit lautern Schall glatt ab in zwei Stücke zerbrach. „6 wollt Ihr doch", sprach Meister Martin, „wollt Ihr doch, lieber Gesell, nicht etwa jenes zweifudrige Faß herausschmeißen oder gar die ganze Werkstatt zusammenschmeißen. Zum Schlägel könnte Ihr ja den Balken dort brauchen, und damit Ihr auch ein Lenkbeil nach Eurem Sinn bekommt, will ich Euch das drei Ellen lange Rolandsschwert vom Rathause- herunterholen." — „Das wär' mir nun eben recht", rief der junge Mensch, indem ihm die Singen stinkelten, aber sogleich schlug er den Blick nieder und sprach mit gesenkter Stimme: „Ich dachte nur, lieber Meister, daß Ihr zu Eurer großen Arbeit recht starke Gesellen nötig hättet, und da bin ich wohl mit meiner Leibeskraft etwas zu vorlaut, zu prahlerisch gewesen. Nehmt mich aber immerhin in Arbeit, ich will wacker schaffen, was Ihr von mir begehrt." Meister Martin sah dem Jüngling ins Gesicht und muhte sich gestehen, daß ihm wohl nie edlere und dabei grundehrlichere Züge vorgekommen. Ja, es war ihm, als rege sich bei dem Anblick des Jünglings die dunkle (Erinnerung irgend eines Mannes auf, den er schon seit langer Zeit geliebt und hoch verehrt, doch konnte er diese (Erinnerung nicht ins klare bringen, wiewohl er deshalb des Jünglings Verlangen auf der Stelle erfüllte und ihm nur aufgab, sich nächstens durch glaubhafte Atteste zum Handwerk gehörig aus'rtureeifen. Reinhold und Friedrich waren indessen mit dem Aufsehen des Fasses fertig geworden und trieben nun die ersten Bände auf. Dabei pflegten sie immer ein Lied anzustimmen und taten es nun auch, indem sie ein seines Lied in der Stieglltzweis Adam Puschmanns begannen. Da schrie aber Konrad (so war der neue Gesell geheißen) von der Fügbank. an die ihn Meister Martin gestellt, herüber: „Ei, was ist denn das für ein Quintelieren? Kommt es mir doch vor, als wenn die Mäuse pfeifen hier in der Werkstatt. Wollt ihr was fingen, so singt so, dafe es einem das Herz erfrischt und Lust macht zur Arbeit. Solches mag ich auch wohl bisweilen tun." Und damit begann er ein tolles Jagdlied mit Holla und Hussa. Und dabei ahmte er das Gebell der Hundekoppeln, die Rufe der Jäger mit solch durchdringender, schmetternder Stimme nach, daß die arofeen Fässer widerklangen und die ganze Werkstatt erdröbnte. Meister Martin verhielt sich mit beiden Händen die Ohren, und der Frau Marthe (Valentins Witwe) Knaben, die in der Werkstatt spielten, ver- trocfjen sich furchtsam unters Stabholz. In dem Augenblick trat Rosa hinein, verwundert, erschrocken über das fürchterliche Geschrei, was gar nicht Singen zu nennen. Sowie Konrad Rosa gewahrte, schwieg er augenblicklich, stand von der Fügbank auf und nahte sich ihr, sie mit dem edelsten Anstande grüßend. Dann sprach er mit fünfter Stimme, leuchtendes Feuer in den hellen braunen Augen: ..Mein bolles Fräulein, welch ein süßer Rosenschimmer ging denn auf in dieser schlechten Arbeitshütte, als Ihr eintratet, o wäre ich (Euer doch nur früher ansichtig geworden, nicht Eure zarte Ohren hätt' ich beleidigt mit meinem wilden JagdliedeI — O", so rief er, sich zu Meister Martin und den andern Gesellen wendend, „o hört doch nur auf mit euerm abscheulichen Geklapper! — Solange euch das liebe Fräulein ihres Anblicks würdigt, mögen Schlägel und Treiber ruhn. Nur ihre süße Stimme wollen mir hören und mit gebeugtem Haupt erlauschen, was sie gebietet uns demütigen Knechten." Reinhold und Friedrich schauten sich ganz verwundert an, aber Meister Martin lachte hell auf und rief: „Nun, Konrad, nun ist's klar, daß Ihr der allernärrischste Kauz seid, der jemals ein Schurzfell vorgebunden. Erst kommt Ihr her und wollt mir wie ein ungeschlachter Riese alles zerschmeißen, dann brüllt Ihr dermaßen, daß uns allen die Ohren gellen, und zum würdigen Schluß aller Tollheit seht Ihr mein Töchterlein Rosa für ein Edelfräulein an und gebärdet Euch wie tin verliebter Junker!" (Fortsetzung folgt.) 03 er antwort lieb: vr. Han» Thvrtoi. — Druck und Der lag: Brühl'fche Universität»-Duck« und ©telnhruderei. 01. Lange, Gießen.