MhenerZamilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1931 Montag, -en 9. November Nummer 88 Martin Luther. Von Ziska Luise S ch e m b e r. Wild peitschend seine Wolkenrosse grau berennt der Sturm der Wartburg stolzen Bau. Die Knecht' und Mägde löschen hastig aus Herbfeuer, Fackelbrand in Hof und Haus. Nur oben in des Eckturms Kämmerlein Verschwelt noch eines Talglichts schwacher Schein. Am Eichentisch ein Kriegsmann sitzt und schreibt. Als ob ein Müssen unsichtbar ihn treibt. Wie Ackerfurchen über ödes Land Zieht zähe Zeil' um Zeile seine Hand, Die fest, wie eines Reiters Zügelfaust, Die Worte zähmt. Das Ungewitter braust Nicht an das Ohr des Kämpfenden, der ringt, Daß er den Geisthauch auf die Erde zwingt. Die Feder stockt. Es betet still der Mann: „Gelingen laß mir, Herr, was ich begann! Vom fernen Morgenlande übers Meer Kam einst die frohe Kunde zu uns her Von Gott dem Vater und von Gott dem Sohn Und Gott dem Geist. Gib mir den Heimatton, Des deutschen Volkes Stimme treu und traut: Lehr beten mich in meiner Mutter Laut! Laß Deine Weisung, Gott, mich gut verstehn — Mein Leben ist ein Dir-Entgegengehn! Um der Erleuchtung Gnade bitt' ich Dich Aus tiefster Finsternis: Erhelle mich!" Hier überzuckt des Betenden Gesicht Wie Himmelsglanz des Blendstrahls blaues Licht. Dann Donnerkrachen. Dunkel liegt der Raum. Angstvoll das Licht im Leuchter flackert kaum. Der Regen rauscht. Der Sturm hat ausgetobt. Der Burgwart wankt herein. „Gott sei gelobt, Daß Euch nicht Schaden tat des Blitzes Schlang', Die zischend niederfuhr, den Turm entlang. Schont Eure Lebenskraft: löscht aus das Licht! Schlaft, Junker Jörg! Begreift Ihr mich denn nicht- Der Knochenmann hat angeklopft zur Nacht!" „Ich sterbe nicht, eh' daß mein Werk vollbracht. In mir wogt der Gewißheit starkes Wehn; Ich bin getrost: Des Herren Wort wird stehn! — Und formend fügt die gottgeführte Hand Das Vaterunser für das Vaterland. Besuch bei Luther. Von L i e s b e t Dill. Copyright 1930 by I. L. A., Wien. ... tun Winternebel steigt das alte Wittenberg in der Ebene auf die q.schleifte Festung und ehemals berühmte Universität. Man fahrt ost daran vorbei, aber man steigt so selten dort aus. Raben flattern über lohte, abgeerntete Felder. Der Postwagen hält vor Martin Luthers Haus^ 1512 vom Kurfürsten den Weisen erbaut. Hier zog Luther als Mönch ein, die kleine Zelle, in der er lebte, ist nicht mehr da, sie ist verbaut aber der Blick aus seiner Zelle in den Hof ist noch da. Durch vergüterte Fenster schaut man hinaus, auf den verwilderten Garten. Der alte Luther- brunnen rieselt im Hof träumerisch. Als sich Luther verheiratete, wurde ihm das Haus zum Geschenk gemacht. ~ Aus den kleinen Mönchszellen ließ Luther Wohnraume schaffen In diesen großen, düsteren Wohnräumen steht noch der schwere E.chentisch, an dem er seine Tischreden hielt den vielen Gasten, die er oft zu Frau Käthes Entsetzen alle in seinem Hause bewirtete Frau Käthe war e ne tüchtige Frau, sie goß Talglichter, braute das Bier selbst, nebenan lag ihre eigene Brauerei, sie hatte mehrere Faß steuerfrei, wovon sie re ch- lich Gebrauch machte, denn sie hatte viele Durstige zu bedienen, und Luthers Einnahmen waren gering. Als er starb, hinterließ er zwar mehrere Güter, aber sie brachten nichts ein, sie kosteten mehr Steuer, als Frau Käthe aufbringen konnte. Daher verkaufte sie diese Güter. Sie starb in Armut. Große Menschen, die in der Oessentlichkeit leben, denken an ihre Familie meist zuletzt. Sie leben für den Staat, die Kirche und die andern. Luthers Wahlspruch steht unten in dem kalten Flur an der getünchten Wand. „Ich werde nicht sterben, sondern leben ..." Die Sonne durchleuchtet die rosenroten Bäume im Hof, der Brunnen rieselt, das Mittelalter empfängt mich, düster, unwirtlich und kahl. Krieg und Pest, Flucht und Kampf, Arbeit und Nöte, Feinde ringsum, das war Luthers Leben. Auf einer steinernen, engen Wendeltreppe geht's in den ersten Stock. Kahl reckt der alte Birnbaum feine Aeste, unter dem sich Luther von Staupitz überreden ließ, von der Jura zur Theologie überzuschwenken. Er wollte es durchaus nicht. Da steht die Kanzel, von der Luther feine bezwingend aufrührerischen Reden hielt, da ist der Fensterstuhl, auf dem er ausruhte. Frau Käthe saß ihm gegenüber auf dem kleineren Stuhl ohne Lehne. Frau Käthe versuchte, Studenten in Pension zu nehmen — im Seitenflügel wohnten sie —, aber von Studenten wird man nicht reich ... Wittenberg war damals eine der gesuchtesten Universitäten. Als Napoleon nach den Freiheitskriegen Wittenberg besetzte, erklärte er: Wittenberg hat aufgehört, eine Bildungsstätte für junge Leute zu fein. Damals wurde die „Lutherkirche" niedergehauen und die ehemalige Universität wurde zur Kaserne. Heute ist sie ein Predigerseminar. Im Unterstock liegt das Refektorium der Franziskaner, in dem sie ihre Mahlzeiten nahmen. „Schweigend, damit unnütz Gefchrey und unzüchtige Reden vermieden würden ..." Luthers Wohnung ist klein, bescheiden, eng und dunkel. Durch vergitterte Fenster oder Butzenscheiben fällt graues Winterlicht. Man sieht sein kleines Bierseidel, da liegt fein Rosenkranz, den er als Mönch auf der braunen Kutte trug. Seidenstickereien seiner Frau, als sie noch Zeit hatte zu Handarbeiten. Man liest seinen Brief, in dem er Karl V. um freies Geleit bat. Statt dessen wurde er gefangen und auf die Wartburg gebracht. Er wäre sonst wahrscheinlich in Wittenberg ermordet worden ... Dieser Brief wurde in Leipzig versteigert und kam zu 130 000 Mark an den amerikanischen Multimillionär Morgan, der ihn anläßlich der Kieler Woche Wilhelm IL schenkte, der ihn der Stadt Wittenberg vermochte. Man lernt einen großen Menschen am besten du^ch feine F kennen. Was da in den Sälen des ersten Stockes alles unter Glas liegt an feindlichen Postillen gegen den „lutherischen Teufe» . iiej» ,.ch sehr amüsant ... Da sind die berühmten Lutherschen „Thesen , gedruckt von Hans Lusst, scharfe Schriften Dr. Ecks gegen Luther, die ältesten lateinischen Bibeln, kostbar in Schweinsleder gebunden. Da die Bibel damals sehr teuer war, konnten sich die meisten nicht eine ganze Bibel kaufen. Man verkaufte sie in einzelnen Teilen. Die Glanzstücke sind von Mönchen mit zierlichen Bildern bemalt, Augenpulver, auf Pergament geschrieben, mit bunten Bildern und leuchtenden, großen Buchstaben mit unendlich feinen Malereien geschmückt. Wundervolle feine Holzschnitte von Dürer hängen an den Wänden. Ein goldener Regen gelber Blätter riefelt in Dr. Luthers stillen Garten. In dem großen Saal hielt er seine Vorlesungen, aber der Raum war viel zu klein, so viele Hörer drängten sich hinein. Im zweiten wartete man, im dritten speiste Luther, am schweren Eichentisch präsidierte er. Was gibt es Neues? war immer seine erste Frage, denn das „Neue" betraf meist ihn und seinen Ruf ... Seine Feinde sorgten dasür, daß immer etwas Neues tarn ... „Ich mag nicht mit dieser Bestie reden", sagte Cajetan in Augsburg von Luther zu Staupitz, „denn er hat tiefe Augen im Kopf und wunderliche Spekulationen." Er wurde gehaßt, gefürchtet, verspottet. Aber nichts macht ihn straucheln. Er schreibt gegen die Päpstlichen, gegen die Geistlichen, gegen den Adel, gegen die mörderischen Rotten der Bauern, gegen den Ablaß, seine Thesen schlägt er an der schweren Tür der Schloßkirche an, die der Universität als „schwarzes Brett" diente. Und sie diente auch ihm. Scharfe Streitschriften wurden gegen ihn verteilt, überall brennen die Flammen, der Scheiterhaufen ist gerichtet, auf dem der „Wittenbergisch Ketzer" brennen soll, sie warten alle darauf. Indessen übersetzt er die Bibel volkstümlich, denn, meint er, „man muß den Gemeinen aufs Maul sehen, wie sie reden, und danach verdolmetschen, so verstehen fiel3 wenigstens". Auch die Juden muhten Helsen bei der Uebersetzung der Bibel, die Gebräuche erklären usw. Bis hinter die hohen Klostermauern bringen feine Schriften und entzünden die Herzen der Nonnen ... Briefe von Franz von Sickingen liegen unter Glas, von Ulrich von Hutten und Götz von Berlichingen, vom Brandenburgischen Kursürsten ... Hunderte von illustrierten Spottliedern, von naiven Malereien bedeckt, überschwemmten damals bas Land. Luther sitzt auf einem Misthaufen, Luther bat sieben Köpfe, Luther entführt Nonnen, Luther als Schwärmer und Säufer, Hohn auf (ein „lotherbübisch Leben". Die Entführung von „acht gottgeweihten Jungfrauen", bie „Heirat mit einer Nonne" siel immer am schwersten ins Gewicht — Luthers Begräbnis, ein Sarg mit den Raben, die ihn in die Hölle geleiten, die Teufel freuen sich ... Ein einziger Kachelofen heizte die Wohnung, grün, kalt, verlassen. Hier dichtete Luther seine Weihnachtslieder. „Dom Himm hoch". Das gefällt, und sie fingen alle, die Kinder und die Alten. „Das Volk singt sich in die Ketzerkirche hinein", warnen die Gegner. Man verhaftet die Verkäufer feiner Schriften, aber sie werden trotzdem heimlich verkauft. Seine Saat geht rasch überall auf. Säle durchwandert man, beugt sich über diese abendländischen und morgenländischen Schriften, kostbare Meßbücher, in weißem Schweinsleder oder Sammet und seidengestickten Einbänden, mit byzantinischen Silberbeschlägen. Und die blutige Zeit der Reformation, der Bilderstürmer steht auf, das Mittelalter umgibt uns, eng, drohend, düster. „Vermahnung an den Deutschen und evangelischen Kriegsmann". „Ein new Lied aus der Belagerung der sürstlichen Stadt Leipzig". Melodie: Es geht ein frischer Sommer daher. Streitschriften Luthers, „des Papstes und feiner Geistlichkeit Jarmarkt". Die Antwort Zwinglis. Seiner Feinde offne „Verwarnung gegen das heßliche Laster der Trunkenheit". Luthers soziale Schriften. „Wie man das Volk zur Buß und wider den Türken von der Kantzel ermahnen soll." „Wie Eheleut in Fried und Eynigkeit leben sollen." Maßregeln von dem „Priester-Ehestand", usw. „Wie sich Prediger und Laien halten sollen, so der Türk des Teutschen Land überfallen sollte." „Ein Trostspiegel wider unvernünftiges Trauern und die abgestorbene Freud." Eine Predigt aus dem Münster zu Straßburg, „lieber der Weiber Haushalt." „Was ein redlich tapfer Weib tun und lassen soll." lieber Frauenfragen und Ehesachen hat Luther viel geschrieben. Die Frauenrechtlerinnen würden manches in seinen Schriften finden, was noch heute auf sie paßt. Scharf fielen die Entgegnungen der Feinde aus. Magdalenchen sieht betrübt und bekümmert mit ihren runden schwarzen Augen aus dem kleinen Rahmen in der Ecke auf die bösen Schriften herab. Neben Luthers kleinem Lesepult steht eine Sanduhr, heute still ... Er ist nicht alt geworden, der für seine Ueberzeugung kämpfte wie ein Löwe — gegen eine ganze Welt ... „Krank, Herzgeschichten, Atemnöte, die Pest, die in der Stadt ausbrach, seine Flucht im Winter, er stirbt in Eisieben auf der Reise. Seine Möbel werden verbrannt, in Wittenberg herrscht die Pest, seine Frau flieht, stürzt vom Wagen ins Eiswasser, erkältet sich schwer und stirbt. Sein Freund Cranach hat Luther oft und auch Frau Käthe gemalt, aber nicht geschmeichelt. Ihr strenges, hageres, knochiges Gesicht ist von erschreckender Nüchternheit und so häßlich, daß man es nie vergißt; auch das arme Magdalenchen war keine Schönheit, nach Cranachs Auffassung. Welche Ehre, einem Cranach Modell zu sitzen und so unsterblich geworden zu (ein, mit vierzehn Jahren. In der langen Kollegienstraße steht links noch das alte Melanchthon- haus, neben der Universität. Im ersten Stock sieht man sein Sterbezimmer. Vergitterte Fenster, ein grüner Ofen, die Bibel, sein schmales, hartes Bett, in dem er starb (eine Nachahmung zwar), grünliche Butzenscheiben. Melanchthons Wappen mit der Schlange ist über der Türe an die Wand gemalt. Hier arbeitete und starb Luthers bester Freund. Unter dem Türmchen auf dem Markt stehen heute Denkmäler von Luther und Melanchthon. Das alte Rathaus ist restauriert. Zitronengelb glänzt feine Fassade, alt, uralt ist es ... Von der Apotheke, in der Cranach wohnte, mehrmals abgebrannt und neu aufgebaut, ist nur noch die Ecke da, von der er den Markt überschaute. Er war Bürgermeister, Weinhändler, Apotheker und — Maler. Im Hof Cranachs steht an der Mauer das Steinbild Friedrichs des Großmütigen, der, verwundet in der Schlacht von Mühlberg, in der Verbannung starb. Die Schloßkirche mit ihren Türmen reckt sich gegen den grauen Winterhimmel, links das Hofmarfchallhaus, da steht noch das kurfürstliche Schloß, in dem der Kurfürst zu Luthers Zeiten residierte. Der Kurfürst wollte aus Wittenberg einen Wallfahrtsort machen, er sammelte Reliquien, 5000 Stück brachte er von seiner Reise nach Jerusalem mit und stellte sie in der Kirche aus, über 35 000 Pfund Wachs wurden einst jährlich hier in Kerzen verbrannt. Nebenan in der „Psaffengasse" wohnten die Priester, die tagelang reiften, um den „Dorn Jesu" zu sehen, der in dieser Kirche gezeigt wurde. Kühl, nüchtern und bunt wirkt die alte Kirche, streng und prunklos. 26 askanische Fürsten sind hier beigesetzt. Auch hier erinnert alles an die Reformation, buntbemalte Stadt- woppen zieren die Balustrade, Reliefs von Huß und Savonarola, Wappen der Fürsten, die sich zuerst zu Luthers Glauben bekannten. Unter der Kanzel das kleine Grab Luthers ist von frischen Kränzen bedeckt, links liegt Melanchthon, fein Freund. „Ich rede von deinen Zeugnissen vor Königen und schäme mich nicht" ... Köstliche Grabplatten von Peter Vischer, prachtvolle Bronzewappen von llniversitätsgeistlichen. Matte Sonne glänzt auf den verlassenen Fürstenstühlen und den Wappen alter Geschlechter, die hier lebten, residierten, kämpften und starben, über den Gestalten der Vischerreliefs an den Wänden und den schweren Faltenwurf ihrer Mäntel. Luthers Frau liegt in Torgau begraben. ... Schwer öffnet sich die „Thesentür", an die Luther seine Thesen anschlug. Sie sind in Bronze ausgeführt wie für die Ewigkeit. Zum Abschied besuche ich noch Magdalenchens Grab. An der Kirchhofsmauer wie vergeffen unter grauer Steinplatte, liegt die „Filia Dr. Martinus Lutheri" ... Ein wüster Kirchhof, alt, mit verlassenen Gräbern und neuen dazwischen, wenig gepflegt. Dicht daneben braust die Eisenbahn durchs Land. Ueber dem Lutherhaus verglüht die Sonne. Luthers Wappen trug ein schwarzes Kreuz im roten Herzen, umarmt vom Ring der Ewigkeit; zu feinem Haufe wallfahrten sie noch immer, von weit und breit, es ist nie leer, sogar Japaner kommen her, um das Haus des Mannes zu sehen, der die Reformation vollbracht hat und eine neue Religion schuf. Es erfüllte sich fein Wort: „Ich werde nicht sterben, sondern leben ..." Echte Panama-Hüte. Von Richard Katz. Ein Buch von „Schnaps, Kokain und Lamas", von Steppe, Dschungel und Urwald, von deutschön Siedlern und Indianern ist Richard Katz' neuestes Buch, dem wir mit Erlaubnis des Verlags Ullstein schon heute diesen Abschnitt entnehmen. Was beim Reisen ins Geld reißt, sind die billigen Sachen. Was Reisen kosten, läßt sich sonst kalkulieren. Fahrkarten, Hotels, Autos und so. Man kann einen Etat aufstellen. Aber dann gerät man nach Griechenland und tauft dort fo billige Teppiche, daß man für ein halbes Jahr außer Balance ist. Oder Lack-Service in Japan! Wäre es keine Sünde, sich nicht zwölfperfönig einzudecken? Halb geschenkt und viel feiner als daheim! Daß es nicht ganz geschenkt ist, merkt man erst, wenn man von den Schecks zugebuttert hat, die in Reserve bleiben sollten. Teure Sachen sind harmlos. Was gibt unsereiner daheim schon für Kaviar aus? Keinen Pfennig. Aber in Korea, wo er so überaus billig ist, ißt man sich arm daran. Weil er so billig ist. In Ekuador sind es die Panama-Hüte. Das klingt sonderbar, weil man doch annehmen sollte, Panama-Hüte seien in Panama billig und nicht in Ekuador. Aber es ist doch so, well, die Panamahüte in Ekuador gemacht werden. In Panama ist nur ihr Hauptmarkt, dessen Hauptbetätigung darin besteht, die Preise zu ver- fünfsachen. Das ist gar nicht schwierig; nicht einmal die Preiszisser braucht Panama auszuradieren. „20" z. B. steht auf so einem Hut, wenn er aus Ekuador kommt. Das bedeutet „20 Sucres" ober 16 Mark 80. Nun und für den Touristen in Panama bedeutet es eben 20 Dollar USA. Und das find 84 Mark. — Simpel, nicht? Und verlockend — nicht? — einen echten Panama dort zu kaufen, wo er tatsächlich nur 16 Mark 80 kostet. In Ekuador nämlich. Was heißt das: einen Panama? Wo er doch so billig ist! Einen für sich (na, noch einen zur Reserve!) und einen für den guten Freund daheim (dem man schon längst etwas schicken wollte) und einen für die Kusine unb. einen für bie nette Hausfrau in Kairo brühen unb für bie Bootsgefährtin einen ganz feinen unb — halt! wem schenke Ach noch einen? Sechs können es ruhig fein ober fieben, sie kosten ja kaum mehr als einer in Panama... Na, na! Nachher sieht man, baß sie boch mehr kosten. Denn jetzt gefällt einem bie Sorte gar nicht mehr, bie einem in Panama viel zu fein unb zu teuer erschien, als baß man sich sie geleistet hätte (bitte: 84 Mark für einen Strohhut!). Jetzt aber hat man sich mit Bekannten beraten, bie Besch eib wissen, unb als man benen ben Hut für zwanzig Sucres zeigte, haben sie überlegen bemerkt: „Dritte Qualität!" Unb haben einem erzählt, baß ein ganz feiner Panama burch einen Fingerring gehen muß. Freilich, so einer kostet 500 Sucres unb nicht 20 unb kommt gar nicht in Betracht. Aber man hat sich doch seiner dritten Qualität geschämt und ist wenigstens an die mittelfeinen herangegangen. — Und nun sieht man da mit sieben Panamas — unb hat gewiß billig eingekaust — aber: Es finb bie billigen Sachen, bie ins Geld reißen. Und es ist eine Krankheit mit den Panamas in Ekuador. Die Quitoleute wissen das. Sie tragen keine Panamas, fo billig bie finb. Sonbern sie tragen „Kreissägen" auf bem Kopf, genau wie wir im Sommer. Und importieren sie aus Japan. „Panamas paffen nicht für unser Klima", sagen sie, ober: „Hier tragen nur Jnbianer Panamas", ober sonst eine faule Ausrede. Sie wissen eben Bescheid, die Ansässigen, wie teuer billige Panamas finb. Aber so einem Gringo, ber erst ein paar Wochen im Lanbe ist, bem empfehlen sie Panamas feurig. So finb bie Menschen! So finb sie überall! (Die Berliner z. B., bie ihrem Provinzbesuch bie billigen Taxis preisen, währenb sie selbst — schneller unb billiger — Untergrunb fahren.) In Quito also wundert sich der Gastsreund zunächst einmal: „Was, Sie haben sich noch keinen Panama gekauft?" Und er schüttelt tadelnd sein Haupt, auf dem eine „Kreissäge" aus Japan sitzt. „Ja, wissen Sie denn nicht, daß sie hier am billigsten finb?" Man gesteht, bas wisse man zwar, traue sich aber nicht, selber welche zu taufen' (In einem Lande, in dem die Preise durch langwierige Verhandlungen bestimmt werden, ist das auch wirklich nicht einfach.) Worauf einen der Ekuadorianer unter den Arm nimmt und ins Luxusgeschäft führt. Zu ben allerallerfeinsten Panamas. Das finb Hüte! Sie lassen sich burch einen Fingerring ziehen, unb sie lassen sich zu- sammenknäueln wie Taschentücher. Unb hernach liegen sie ohne Falte da. So weich wie Seibe finb sie und so fein geflochten, daß man die Fasern gar nicht mehr sieht. Es sind die seinsten Hüte der Welt, und sie kosten so um 500 Sucres herum. „Das", lobpreist der Freund (und schiebt sich seinen Fünf-Sucres- Deckel ins Genick), „das ist die Extraqualität aus Montecristi — Ste wissen doch, Montecristi in der Provinz Manta, zehn Tagesritte von hier, wo nur vier Familien Extraqualität Herstellen. So fein ist der Bast, daß er nachts geflochten werden muß, bei dürftigstem Kerzenlicht. Der Bast wird rot, wenn stärkeres Licht ihn bescheint, solange er noch naß ist. Und er muß unter Wasser geflochten werden, um elastisch zu bleiben. An solch einem Hut" (er weist auf einen schneeweißen von unwahrscheinlicher Dünne, auf bem „700" vermerkt steht) „flicht eine Frau vier Monate. Und ruiniert sich die Augen dabei. Viele erblinden von der feinen Arbeit im Halbdunkel. Nicht unter 700 Dollar bekommen Sie fo einen Hut in den Staaten." Der Einwand, daß man keinen Hut tragen möchte — und fei er umsonst —, ber einem Menschen bas Augenlicht gekostet hat, läßt ihn ben Laden wechseln. Der zweite führt Panamas so in ber 100-Sucres- ßage. Noch immer prima Qualität und — wie die Extraklasse — aus dem Bast der kleinen Fächerpalme gefertigt, die Tokilja heißt. Die Faser dieser Hüte ist freilich nicht so haarfein gespalten wie bie ber Ertrw qualität, fürs Laienauge aber noch immer berounbernsroert bünn. Solch ein Hut erforbert einen Monat Nachtarbeit, unb man wird nicht blind dabei. „Höchstens kurzsichtig", beruhigt einen ber Ekuaborianer. Steppe, Snbianern 'Ubnis dez timen. :n, Hotels, gerät man Mjüt eilt 1 Wäre es kt und nie! erst, wenn sollten. । schon für MUS blich WmaDie ch so, weil, ist nur ihi |e zu oen Pmszisser Hut, wem Mark 80. 20 Dollar kaufen, wo Einen für :en Freund ten für die inb für dir ,fe ich not kaum mehr Nun, auch 100 Sucres sind eine Menge Geld, und so landet man schließlich bei der „Segunda"-Qualität. Die ist nicht mehr vornehm genug für Quito-Läden. Indios aus Manta bringen sie nach der Hauptstadt. Das find ernste, sehr schmutzige Rothäute, die zunächst den dreifachen Preis fordern, um das Vergnügen des Feilschens zu haben. Dem widmen sie sich hierauf mit der stillen Lebensfreude ihrer Rasse und der unbegrenzten Zeit, die ihr zur Verfügung steht. Mein Freund mit dem Hut aus ordinärem japanischem Reisstroh hat mir nun schon den vierten Manta-Indianer ins Haus geschickt. Das bedeutet vier gefüllte Vormittage und sieben so billige Panamahüte, daß ich nun doch wieder an die Reserveschecks heran muß. Weil es die billigen Sachen sind, die ins Geld reißen ... Kilian aus her Eifel. Erzählung von Eitel Kaper. Im Brock drüben sangen die Bäume den neuen Sommer ein; sattvoll waren die Zuggräben von den langen Frühjahrsregen. Auf dem Feldweg standen die Kinder von den Höfen und warteten auf ihn, auf Kilian Knapp aus der Eifel, der unfehlbar um diese Zeit mit seinem Wunderkasten zu ihnen kam. Die Tage wurden ihnen nicht lang in diesem Warten, denn es war ein wandernder Heiliger für sie, ein Bote der großen, unermeßlich schönen Welt. Und wenn ihn dann einer der Jungen saht Sie jagten los, sprangen, schrien wie toll: „Kilian, Kilan, Kilian mit dem Kasten .. ." Gleich darauf hing eine Traube von Hosenmätzen an dem alten guten Kerl, schüttelte ihn und zog ihn ins Gras an den Wegrand. Erst tat er wütend, hob den Eichstock und ließ den sturen Bart sich sträuben. Aber der Spaß hatte ihn doch gefaßt und dann erzählte er, freigebig, bunt und phantastisch von seiner Welt, in die er in jedem Vorsommer ganz kinderfromm und selig einkehrte. --- Er hielt nie lange im Ort, so gut ihn die Bauern auch aufnahmen. Am nächsten Tag meist schon gaben ihm die Kinder wieder das Geleit und nur das Spielzeug, die Spangen und der kleine Schnippfchnapp aus feinem Kasten erinnerten noch an ihn. — ♦ efällt einem ein und 1« 1 Mark für ten, die fr icres jeigte, i einem ergeben iN it gar nW hämi und i|i i fielst mal h — aber: |0 billig di! wie wir * m nicht f® Panamas, Ansässig-«. >rft ein M er z.«? mal: tieft iE , wisse" nierige®' tfS», id« 'Ä der Aß 6ü"": f|i«h Nun waren die Kleinen, die ihn damals begrüßt hatten, längst draußen in der Welt, und immer noch fragten sie, wenn sie sommertags beimkehrten, nach Kilian, nach dem alten Kilian mit dem Kasten, der nun schon graues Haar trug und immer noch auf den Beinen war. Nur so pünktlich war er nicht mehr, wie in den früheren Jahren. Es fiel ihm wohl schwer, noch immer den ganzen Weg abzumachen, den er sich früher abgesteckt hatte: zur See hinaus und wieder mit Spätsommer und Herbst nach Saar, Mosel und Odenwald. Und bann ereignete es sich, daß er ganz ausblieb. Ein Jahr und noch ein Jahr. Erst im dritten kam er wieder und war noch ganz der alte wunderbare Kilian. Den Bauern erzählte er sein Abenteuer. Er hatte «in Häuschen geerbt von seinem Bruder in der Eifel, mit einem kleinen Ärämerladen. In seinem Testament hatte ihn der strenge Michael, der Kilians Vagabondage von Grund auf haßte und verachtete, ermahnt, zu seinem Gedenken getreulich auf die Sache zu passen. Aber er war Wie ein Vogel im Bauer gewesen und war unter den Menschen in der Heimat nicht mehr froh geworden. Zehnmal war er nachts aufgcftanben und hatte ben klaren Sternenhimmel angesehen unb die Berge, über bie der Weg in bie Weite führte. Endlich, nach zwei Jahren, hatte er einen Freund gefunden und ihm das kleine Haus übergeben. Mochte der nun sein Glück damit machen. Er jedenfalls hielt es nicht aus ohne feinen Kasten und die unermeßliche Ferne. . Und wieder zog Kilian Knapp durch die Dörfer, ein wenig bedächtiger als zuvor, als rüstiger Greis mit dem Wunderkaften. * Sein Ruhm war in ben Dörfern noch gestiegen unb bie narrische Begebenheit mit Kilian Knapps Haus würbe Überall erzählt. Die Geschichten, bie er selber erzählte, waren nun stiller geworben unb weh-, mutiger. — So ging es bis zu jenem Herbst, ber überaus kalt unb stürmisch war unb immer wieber Hagelwolken über bie Küstendörfer jagte. Da kam eines Tages ein kleiner Kolonist in bem Kirchspiel am drook zum Vorsteher unb melbete kurzerhanb, Kilian läge krank unb schwach in 'einem Haus. Erst fanb er nur Unglauben bamit. Kilian um diese Zeit? Da war er doch längst nach Süden unterwegs. Aber vielleicht doch, er war ja nun schon alt. .. . ., . Der Vorsteher zog den Wettermantel über und ging mit zu Dem Kolonistenhaus am neuen Wege. , ,, , ~ , Sie hatten ben alten kranken Mann weich unb gut gebettet. Sehr Pitz sah er aus, aber es war kein Zweifel: bas war Kilian. Der Vorsteher setzte sich zu ihm, streichelte seine Hanb unb sprach hm gut zu. „Wollen sehen, was sich machen laßt, Kilian ... Er nickte leicht. Es schien eine große Müdigkeit über ihn gekommen 1U (ein. In diesem Sommer war er schrecklich zerfahren gewesen und Vatte nicht mehr ben Weg nach bem Süden gefunden. ♦ Es mar nun beschlossene Sache in der Gemeinde: Kilian bekam einen tuten Platz in dem Pflegehaus draußen vor dem Wald. Noch vor Weihnachten zog er zu den Alten aus bem Kirchspiel die -hn feit fo fielen Jahren kannten. Oll Harm, ber Patriarch unter ihnen, dessen Autorität unbegrenzt mar, begrüßte ihn mit einem $“nbM)lag. Unb als i°'h Kilian erst von ber Krankheit etwas erholt hatte, da mußte er tbenb für Abend erzählen, während sie mit großen verklar en Augen ! m ihn saßen und die halblangen Pseifen raucht--n. Am Chnstfcst sang » mit heller ungebrochener Stimme bie We.hnachtslieber ber E.fel tnb freute sich über bie kleinen Gaben, bie ber Vorsteher für ihn ge- iracht hatte. In ben nächsten Tagen nahm ihn Oll Harm zum erstenmal wieber ins Freie. Sie gingen burch ben verschneiten Brook unb Kilian trank ben reinen kühlen Odem des Waldes. Er hätte Stunden fo wandern mögen, aber Oll Harm war ein strenger Auspaffer. „Nun ist es gut", sagte er und führte seinen Schützling wieder zurück. * Im März begegnete es Kilian Knapp zum erstenmal wieder, daß ihn ber rauschende Brook aufweckte. Er stand heimlich auf unb sah lange in bie stürmische Nacht. Der Frühling kam, bas spürte er. Er lag schlaflos auf bem Bett, bis brausten bie frostige Sonne aufging. Sie arbeiteten nun schon im Garten vor dem Pflegehaus, die Rüstigen nach Herzenslust, bie Aeltesten nur aus Gesellschaft. Nachher saßen sie mit den alten Frauen auf den Bänken, unb Oll Harms unergründlicher Tabaksbeutel machte die Runde, bis drinnen der Tee bereit war. Kilian Knapp ging oft allein durch, den kleinen Obstgarten, der an die Straße stieß, brummte und sprach mit sich in abgehackten Sätzen. Fast immer mußte ihn Oll Harm aufstöbern, wenn et über die Zeit ausblieb. Nachher dann sah Kilian schweigsam in seiner kleinen sauberen Kammer vor dem Fenster und sah zu, wie die sinkende Sonne den Wald in hundert Farben glänzen ließ. Die Alten beschwerten sich lächelnd, daß er nur noch so seien Geschichten erzählte. Er schüttelte traurig den Kopf, wandte sich ab. „Ich kann nicht ... ich kann nicht ..." Bis tief in die Nacht hörte man draußen im Gang feinen leisen, ruhelosen Schritt. Er blickte schwermütig vor sich hin, wenn man ihn antraf. Jetzt zogen braufjeji die Vögel in mächtigen Geschwadern. * Vorsommer war es geworden und der fruchtbare Broden strömte durch bie Fenster im Vorsteherhaus. Vor bem Heck spielten zwei Lämmer unb ein leichter Winb wiegte bie bichten Baumkronen im Brook. Der Vorsteher saß hemdsärmelig vor ben Büchern unb rechnete. Aber es wollte nichts Rechtes bamit werben heute; immer wieber ftanb er auf unb sah hinaus. Es klopfte an ber Tür, erst zaghaft, bann kräftiger, Er rief bas Herein. Kilian Knapp ftanb im Zimmer, die Mütze in ber Hanb, ben Wunberkasten umgehängt. Er schien verlegen unb unschlüssig. In abgerissenen Worten begann er bann mit feinem Anliegen. Also, bie Gemeinbe hätte ihm burch ben Winter geholfen. Gott möchte es ihr segnen, beim es sei ein gutes christliches Werk gewesen. Er werbe es ihr nie vergessen . . Seine Stimme sank, er blickte ben Vorsteher treuherzig an. Dann sagte er: „Es mag nun vor ben Menschen töricht fein, aber ich muß wieber gehen. Ich halt es nit aus so. Eines Tags werb’ ich mir ben Schöbel eingerannt haben an ben Mauern — Der Vorsteher sah ihn lächelnb an. „Weißt bu, Kilian, halberhanb habe ich mir bas gebucht, als neulich Oll Harm bei mir war unb von beiner Unruhe fügte." Unb bänn stellte er Kilian ganz ruhig vor, wieviel er aufgebe, unb baß es sich boch gezeigt habe, baß bie Landstraße nun nichts mehr für ihn fei. Er hatte sich neben den Alten gefetzt, ihm bie Hanb auf bie Schulter gelegt; und er fanb gute kluge Worte für Kilians Not. Konnte Oll Harm ihm nicht helfen? Konnten sie nicht täglich in ben Brook gehen ober ihn selbst besuchen? Eine Weile war es still im Zimmer, bann erhob sich Kilian langsam, wie unter einer fremben Gewalt. „Dank schön, baß es ber Vorsteher so gut meint", sagte er lang= fhm, „aber es ist unabänderlich. Ich muß wohl sterben draußen auf der Straße, so ist es mir bestimmt. Gott gebe, daß es eine Höhe ist, wo ich noch einmal in die Welt sehen kann ..." Die Augen leuchteten groß unb überirbisch, als er feierlich hinzusetzte: „Denn bie Welt, Herr Vorsteher, bie ist so groß unb so schön für mich gewesen ... bas hab' ich erfahren bürfen als armer unb närrischer Pilgrim ..." — Ganz still war er gegangen, hatte nur noch einmal bem Vorsteher bie Hanb gebrückt. Der ftanb nun am Fenster, sah ihm nach, bis er am Brook für immer verschwand. Und seltsam — er wußte nicht woher — kam dem Vorsteher plötzlich das Wort ins Gedächtnis: „Selig sind, die reines Herzens find, denn sie werden Gott schauen .. Es war ihm zu Sinn, als hätte er zum zweiten Male einen guten, frommen Barer verloren. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ulrich Büchner blieb in ber Keithstraße wohnen. Er teilte seinen Entschluß ganz kurz ber alten Gräfin mit, bei Gelegenheit zwischen Tür und Angel. Mit ber Veränberung ber Zimmer hätte es Zeit, sagte er, sie möchte ihm nur ben Salon, so wie er wäre, zur Verfügung stellen, bas Eßzimmer brauche er vorläufig nicht, da er an Geselligkeit nicht denken könne, er wäre zu stark mit Arbeit überlastet. Die Entscheidung hatte Großmutter mit Freuden begrüßt und war erstaunt, baß Isa sie so ruhig unb selbstverständlich hinnahm. „Ich hab's mir gedacht, Großi. Er konnte jetzt ja nicht umziehen. Nach dem Reinfall mit der Shakespeare-Neueinstudierung, von der sie sich doch einen Serien« erfolg versprochen hatten, muß das Hebbeltheater möglichst schnell etwas Neues herausbringen. Unb wo Rechbergs Regie versagt hat — mich hat's nicht gewunbert —, soll Büchner natürlich wieber die Karre aus dem Drecke ziehen. Ein neues Stück von einem neuen Mann. Zwölf Bilder. Eine Hundearbeit." „Das Warum kann uns gleichgültig sein, liebes Kind. Die Tatsache freut mich." Sie rieb sich die Hände. „Es zoird wieder gut, ich fühle es. Erft der Entschluß Peters und nun dies." Isa war nicht so zuversichtlich. „Mit Peter wollen wir erst mal abwarten. Ich gebe wenig auf feine Sprunghaftigkeiten." Das war etwas Wasser in Großmutters Wein. Aber ihre ganze Freude konnte es nicht verschütten, denn Peter, der Junge, war plötzlich wie ausgewechselt. So recht Übersah Großmutter die Zusammenhänge nicht. Nur die Tatsachen standen für sie feft. Peter war zu ihr gekommen und hatte sie gebeten: „Schreib nach Jena, Grohi, schreib an Geheimrat Dannegger, frage ihn, ob er Arbeit für mich hätte, gleichgültig welche; ich nähme jeden Dienst an." Und als sie ihn etwas erstaunt angeblickt, hatte er fortgefahren: „Es geht doch nicht so weiter mit mir. Großi — ich verkomme ja. Arbeiten muß der Mensch. Ich kann dir doch nicht ewig auf der Tasche liegen, und Arbeit schändet nicht. Schreib an Dannegger. Er wirb schon was haben, hier in Berlin ist der Arbeitsmarkt oberfaul, hier bin ich als Herr von Weiher gehandikapt, hier wollen die Menschen alle was von mir. In Jena bin ich frei. Also schreib, schreib noch heute." Frisch und klar hatte Peter gesprochen, ganz anders als sonst. Ordentlich geleuchtet hatten seine Augen. Was war in ihn gefahren? Woher kam plötzlich die Kraft? Und nun wartete er auf die Antwort aus Jena mit einer brennenden Ungeduld. Er saß zu Hause, schob bas Geld, das Großmutter ihm anbot, zurück: „Spar es für meine Reife nach Jena. Er hatte sich sogar die Zigaretten abgewöhnt und las ein Buch über Feinmechanik und hotte ein zweites über Autoschlosserei zum Studium bereitliegen. Selbst Isa wußte nicht, woher er sich die beiden Bände geborgt hatte. — • • Der Antwortbrief ließ eine ganze Weile auf sich warten. Biel zu lange für Peter, der sich inzwischen recht verlassen vorkam. Isa war wenig zu Hause: sie war, wie er wußte, in vollster Arbeit, die Schlußprüfung bei Karlos Pistorius rückte näher, und sie probte täglich mit Gertie draußen in Dahlem. „Warum kommt Gertie nicht einmal her, fragte'er. Isa erwiderte: „Sie will nicht. Und sie hat wohl recht. Jetzt Büchner zu begegnen, wäre nicht angenehm; er hat das letzte Wort zu sprechen, hat jetzt aber den Kopf mit feiner Inszenierung übervoll. Du siehst doch, wie die Leute ihm hier die Bude einrennen, wie sie stundenlang warten müssen, weil er nie zu Hause ist, und wie abgehetzt er ist. Und nun ihm noch begegnen — nein." Sie übten draußen. Aber leise und heimlich mußten sie es tun, denn die alten Roses dursten nichts merken. Schwer fiel Gertie oft das Leise; sie war für Lautfprechen, für Stimmenaufwand; wie das zu ihrem Temperament paßte. So hatte Büchner denn auch ein Lächeln, als er zu einer Zwischenprobe in Pistorius' Schule auf einen Sprung herankam. — „Immer fachte, Fräulein Rose", rief er ihr zu, „den Ton dämpfen. Minna von Barnhelm ist klassisch; solche Gewaltessekte können Sie in einer modernen Komödie hinlegen, aber als Franziska — besser nicht.' i Als sie die berühmte Szene abgerollt hatten, war er aber doch zufrieden. Er winkte Isa heran. „Gut, gut. Es geht. Es mußte ja gehen." Er machte eine kleine Pause, und Isa wurde einen Hauch rot. Büchner lobte, das tarn selten vor. „Uebermorgen haben Sie Ihre Premiere", sagte sie, um über das Stocken sortzukommen. Er nickte. „Wird ein Reinfall werden, fürchte ich. Die Proben waren überhetzt. Ein Blödsinn, in vierzehn Tagen einen solchen Klotz herauszupressen. Wochen verlangt der, wenn alles wirklich klappen soll. Und dazu diese Prominenten, die alles können wollen und tun, als ob es eine Gnade wäre, daß sie überhaupt proben. Im Grunde ist ihr Können zu fünfundsiebzig Prozent nur Routine. Bis eines Tages der Kladderadatsch kommt. Mich soll es nicht wundern, wenn es übermorgen ist." „Es wirb Ihnen schon glücken, Herr Büchner. Wir werdens ja erleben." „Sind Sie da?" „Fräulein Rose hat Billetts besorgt." Er lachte. „Dann viel Vergnügen. Passen Sie auf die Wiedner auf, die spielt eine Rolle, die etwas für Sie fein könnte. Später mal. Und die Frida Fösten hat die der kleinen Rose. Aber die soll's nicht so nachmachen. Die Fösten patzt manchmal scheußlich." * Am Tage der Premiere von „Quartiere" traf morgens endlich der Brief aus Jena ein. Er war recht kurz und sachlich: Dannegger bedauerte außerordentlich. Alle Stellen seien besetzt, er habe nichts offen und könne leider nicht helfen. Firmenbogen und Schreibmaschine. Trocken, wenn auch ein getippter Handkuß an die Frau Greisin den Schluß bildete. Großmutter war verzweifelt, sie hatte bestimmt auf eine Zusage gehofft. Auch Peter ließ für einen Augenblick den Kopf hängen, dann aber (prang er auf: „Nun gerade!" rief er, rief es so laut, daß Großmutter zusammenschreckte. „Was heißt denn das?" Peter rannte im Zimmer auf und ab. „Was das heißt? Daß ich nun gerade fahre, daß ich ihm auf die Bude rücken werde. Er muß klein beigeben. Schon Baiers wegen. Ich fahre. Nicht einen Tag warte ich. Morgen geht's nach Jena. Schluß. Basta." Die Großmutter hatte Bedenken. Aber er ließ keine Widerrede gelten. „Ich fahre. Und wenn ich zu Fuß nach Berlin zurücklaufen muß. Ich will Arbeit haben, von Dannegger Arbeit haben. Nun gerade, nun gerade von ihm." Wie versessen mar er auf feinen Plan. Isa konnte gar nicht voll Vertrauen fein; sie wollte bremsen, sie bat: „Warte doch noch einen Tag, damit wir wenigstens den letzten Abend zusammen jein können." Er schrie sie fast an: „Ich habe keine Zeit zu warten, laß du doch deine Premiere schießen. Du kannst das Stück doch auch ein paar Tage später sehen." Dafür war Isa wieder nicht zu haben. Sie ärgerte sich über des Bruders Trotz; sie wollte auch diese Premiere nicht versäumen, Büchners Premiere. Und fühlte nicht, daß auch in ihr Trotz aufftieg. So gab cs einen Mißton zwischen den Geschwistern. Und Großmutter stand natürlich auf Peters Seite. „Das Theater könntest du doch wirklich an diesem letzten Abend mit Peter aufgeben, Isa", sagt« sie; dabei lag ein Ton leiser Verachtung auf dem Wort „Theater". Ganz leise mar er, aber Isa horte ihn doch heraus. So antroortete sie kurz: „Theater, Großmama, gewiß Theater; aber dies Theater ist mein Beruf, das darfst du nicht vergessen. Ich habe einen Beruf." Nachher tat ihr ihre Schroffheit leid. Sie versuchte noch einmal ein. zulenken. Sie klopfte an Peters Tür: Kann ich dir beim Packen Helsen, Peter?" Aber der Bruder rief nur: „Ich bin schon fertig." Noch einmal nahm sie einen Anlauf: „Ich sehe dich doch noch?" Die Antwort hatte den gleichen Ton: „Vor deinem Theater kaum; ich will jetzt schlafen. Mein Zug geht morgen sehr srüh." — „Wann denn, Peter?" — „6.10 Uhr, wenn du's unbedingt wissen willst. Bummelzug. D-Zug kann ich mir nicht leisten." Da ging sie in ihr Zimmer zurück. Mit schweren Gedanken: wenn Peter jetzt schon so verstimmt war, wie sollte das erst in Jena werten? Es mar do chso aussichtslos nach Danneggers Ablehnung. „Jede Arbeit", hatte Peter zwar zu Großmutter gesagt; sie aber konnte nicht recht daran glauben — Und mit schweren Gedanken ging sie auch die Treppen hinunter zur Stunde, da ©erlies Auto unten norm Keithstraßenhaus vorfahren sollte. Sie mußte einige Minuten warten, stand im Hausflur, fror in ihrem dünnen Mäntelchen. Die Blicke liefen die Straße hinab, dem Wagen entgegen, und an jeder Laterne hing ein anderer Gedanke, eine andere Frage: ob es ein Reinfall werden würde heute abend, ein Reinfall für Büchner? Ob Peter in Jena überhaupt oorgelaffen würde? Ob ihr die „Minna" glückte? Ob sie überhaupt je ein Engagement bekäme? Ob Peter Arbeit fände? Ob er dann durchhalten würde?--Ob — ob — ob--würde — würde — würde? — So ging es durch ihren Kopf hart und schwer, bis (Berties Roadster dastand und Die Kleine rief: „Hallo, Isa, du träumst ja!" Da schreckte sie auf und ging an den Schlag. Lachend streckte ihr Gertie die Hand hin. „Komm, komm, es ist Zeit. Ich mill noch etwas von den Premierentigern sehen, von der hohen Presse. Von Kerr bis Peter Panter werden sie ja alle da sein. Und der halbe Kurfürstendamm dazu. Na, wenn wir erst mal in dem Kreuzfeuer stehen." Längst raste der Wagen durch die Hitzigstraße dem Tiergarten zu. Isa sagte kein Wort. Da blickte Gertie die Freundin von der Seite an. Ist wieder mal sieben Tage Regenwetter im Hause Weiher?" „Morgen geht Peter nach Jena." Fast hätte Gertie das rote Licht an der Hofjägerallee überfahren, im letzten Augenblick zog sie die Vierradbremse. „Ist die Antwort da?" Leise antwortete Isa: „Ja, aber ablehnend." „Und txotzdem fährt er? Trotzdem. Und da bist du so brägentlütterig! Famos ist das, famos! Ich sag' dir, aus dem Lausebengel wird noch mal was." Grün stockte die Signallampe auf. Der Wagen sauste weiter. * Im Hebbeltheater war Premierenstimmung. Vor das Säulenportal rollte Wagen hinter Wagen; Polizisten ordneten mit steifen Winkzeichen die Abfahrt. Gertie ließ ihr kleines Auto geschickt durch die riesigen Mercedes, Horchs und Stutz' gleiten, überholte hier, querte dort gegen jegliche Verkehrsvorschrift und beantwortete alles Schimpfen und Fluchen mit einem fröhlichen Lachen. „Ich werde mich hüten, das Schneckentempo mitzujokeln; nachher ist kein Fleckchen auf dem Parkplatz mehr frei, und ich kann mein Aeut' in irgendeine Nebenstraße stellen, wo's mir geflaut wird. Nicht zu machen. Lieber Mark Strafmandat." „Wenn nun jeder so denken wollte, Gertie." Wieder lachte Gertie. „Du bist eine unverbesserliche Mehltüte, Isa. Jeder barf’s natürlich nicht machen, das ginge nicht. Aber ich, meine Liebe, ich — ich mach's eben." Und richtig: sie faßte auch noch eine Lücke in der Wagenburg neben dem Theater. Ihr hellgrüner Roadster verschwand fast zwischen zwei dunkellackierten Limousinen, Sechssitzern mit allem Komsorf. Der rechte trug eine fremde Nummer: Th 68 632. Isa sah es, während sie auf Gertie wartete, die ihren Wagen abschloß. Sie wollte schnell vorbeigehen, aber da zog der Chausfeur seine Kappe: „Guten Abend, gnädiges Fräulein, soll ich die Mäntel hier behalten?" Queis’ Wagen, Queis’ Chauffeur. Sie wehrte ab. „Nein, Bretthauer, danke." Aber da war Gertie schon neben ihr. „Warum sollen mir uns an den Garderoben Herumdrücken, Isa? Es wird heute eine schreckliche Drängerei, bei der Fülle. Sieh bloß, wie die Leute heranströmen, trotzdem noch eine Viertelstunde Zeit im Sie streifte ihren kurzen Fahrpelz ab, den sie dem Innern ihres unbewachten leichten Roadster nie anoertraut hätte und reichte ihn dem Chaust feur. Und Isa tat nun das gleiche mit ihrem Mäntelchen, wenn auch unwillig, mißlaunig. Sie mußte wieder einmal nachgeben. Nachgeben war anscheinend ihr Lebenszweck. . Sie schoben sich mit der Menge ins Theater. Das Haus war festlich erleuchtet. Selbst im Zuschauerraum brannten heute alle Birnen. Premierenstimmung. Da wurde nicht art Licht gespart. Der größte TeU des Publikums war noch auf den Gängen. Die Herren im Frack oder Smoking, steife weiße Hemdbrüste, in denen matte Perlen leuchteten. Die Damen in großen Toiletten, ganz lange Kleider, wie es letzte Vorschrift war, Boile- und Spitzenzipfel bis auf den Boden; Modeschau. Man sah, man staunte, man begrüßte sich, man schwatzte. Stimmengewirr. . Und jetzt bemerkte auch Isa, daß die Freundin solch eine neue Jnoce- schöpsung trug: leuchtendes, fast freches Rot mit Gold, tiefer Nuckcn- 1 ausschnitt, halblange Aermel; ein ganz großes Kleid. Sie kam sich etwa-- verloren neben ihr vor in ihrem Fähnchen: immer dasselbe, ob zur Probe bei Karlos Pistorius, ob zum Tee im Unionhotel, ob hier zur Premiere. „Ich gehöre eben nicht auf solche Feste", dachte sie und sagte. „Komm, Gertie, laß uns hineingehen." Sie wollte fort aus dieser Meng , sie wollte sitzen — verschwinden. (Fortsetzung folgt * Iler antwort lieb: Or. Sans Thyriot. - Druck und Dertag: Drühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckecei. R. Lange, Sieben.