GiehenerKnnilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Freitag, den 9. Oktober Nummer 79 rei. Er w ehr für bet wenn man und mal roieber u Tee uni dann lieft der er |e "ttare hG, ;lt.aute mich ’ d»an (aij ISr ®age«, ir allein in b wir (affen gen." oiene fltift sns goldene Damit finj die Fing« hrem W ir gar nicht mzftifle bt chle es fehl U' Du tiiji Q9cn, einet einmal ab mch Schlich nmst, mein 15 'tt 19lb* * *s'* :i?J? iitc. bei Luther, erschüttert nicht wie eine dämonische Leidenschaft die Grundfesten seines Seins, sondern in diesem harmonischen, stets aufs Praktische gerichteten Geist ist es eine ruhige Auseinandersetzung mit Gründen und Gegengrunden, ein planmäßiges Erforschen, sorgfältiges Begründen, bedächtiges Vorgehen, und dann wird das, was mit freudiger Gewißheit als wahr erkannt ist, mit eisernem Pflichtbewußtsein und außerordentlicher Tatkraft verfolgt, hartnäckig, ja eigensinnig; wenn es durch die Ueberzeugungskraft des Wortes nicht gelingt, auch mit Gewalt, mit Feuer und Schwert — bis zum tragischen Ende. Das sind die Eigenschaften eines großen Charakters, die hohe Tugend eines Musterbllrgers, nicht die Kennzeichen eines Genies. So war denn auch Zwingli kein so überwältigender und universeller Genius wie Luther. Ms Humanist schrieb er besser lateinisch als deutsch, fein Stil ist etwas farblos; obwohl er einige Lieder geschaffen hat, darunter das viel gesungene kräftige Kappeler Lied st-Herr, nun heb' den Wagen selbst"), war er kein Dichter; obwohl er die Musik liebte und ein „berühmter Meister" aus der Laute war auch ein Heller und starker Klang sein Wesen durchtönt, war er doch nicht so von Melodie erfüllt wie die „Wittenbergische Nachtigall". Sein Witz ist mehr satirisch, sein Pathos mehr rhetorisch, und so hat er am stärksten in der Predigt gewirkt und in der Disputation, in denen die überlegene Sicherheit und Klarheit seiner Natur zum Ausdruck kam. Dieser stattliche Mann, „nach Leibesform eine schöne, tapfere Person, ziemlicher Länge, sein Antlitz freundlich und rotfarb'", war die beste Verkörperung feines Landes und seiner Art, und so war auch der Glaube, den er predigte, innerlich und einfach, nüchtern und konsequent. Geistliches und Weltliches, Seelisches und Leibliches in einer frommen Harmonie vereinend. Dabei löste er sich rücksichtsloser und stärker als Luther von der alten Kirche, weih er nicht so tief in ihrer Ueberlieferung wurzelte, und begann mit einer Periode des stürmfichen Niederreißens, in der nicht nur Klöster und Wallfahrten, Ablaß und Messe, sondern Altäre und Bilder, Reliquien und Ornate ausgerottet wurden: nur das unsichtbare Wort Gottes und seine alles durchströmende Energie blieb in dieser lichten, schlichten Kirche. Aus dem felsenfesten Glauben, als auserwähltes Werkzeug des Höchsten zum Kampf für das Gute und Wahre bestimmt zu fein, erwuchs das stolze Selbstbewußtsein und die heitere Zuversicht des bescheidenen und stillen Reformators. So wird der Gedanke der Erwählung durch Gottes Gnade, durch Paulus und Augustin in ihm erweckt, zum Mittelpunkt seines Seins und feiner Lehre. In der von der Gnade bewirkten Erkenntnis der Sünden wird der Glaube geboren als Hingabe an das Göttliche, und fo offenbart sich auch die' Sünde als von Gott gewollt, um die Erwählten auf den Pfad der Seligkeit zu führen, bei den Verstockten aber durch ihre Bestrahlung die Gerechtigkeit der Höchsten zu erweisen. Luthers Teufelsglaube ist bei ihm durch eine innerliche Auffassung des Bösen ersetzt. Der begeisterte Humanist glaubte sogar an die Erleuchtung der Großen des Altertums und hoffte, „im Himmel den Sokrates, Aristides, die Scipionen und andere fromme Heiden zu finden". Die Gnade, die Auswirkung der göttlichen Allkraft ist, durchflutet als ein unbegreifliches Wunder alle Dinge, und so ist Gott die einzige wirkliche Realität. Diese Ausfassung der Gottheit als der „absoluten Tätigkeit", die von einem Hauch der Renaissance-Philosophie umwoben ist und an den Gott- Schöpfer Michelangelos in der Sixtlna gemahnt, entsprach so recht dem Wesen dieses Mannes, das selbst unermüdliche, unerschütterliche Tatkraft war. Es ist ebenfalls der große Willensmenfch Zwingli, der allein in die Willenshandlungen der Christen den Aufbau der Welt des Heils verlegt; das Wort des Herrn schafft das Reich eines innerlichen, unsichtbaren Glaubens in den fchmucklo en Gotteshäusern durch den Willen, durch die Tat jedes einzelnen. Die e grandiose und heldenhafte Anschauung, die Calvin noch verschärfte, hat einer langen Reihe heroischer Gestalten bis zu Cromwell Kraft zur Tat verliehen. Denn der christliche Wille Zwinglis war nicht nur auf das Innere des Menschen, sondern zugleich auf die Gestaltung der menschlichen Gesellschaft gerichtet. Dem Schweizer Patrioten kam das Vaterländische und Ethische gleich nach dem Religiösen, ja, es war ihm darin enthalten, denn das Gesetz, die staatliche Ordnung ist der Ausdruck des göttlichen Wesens und also ein Teil des Evangeliums. Nur. der wahre Christ verwaltet ein Amt richtig; ohne Gottesfurcht wird die Obrigkeit zur Gewalt- und Willkürherrschaft. Deshalb erscheint ihm Absetzung der Tyrannen als ein wohlgefälliges Werk, und die Freiheitsliebe verklärt sein sonst auf so strenger Zucht aufgebautes Staatsideal, in dem das Vorbild der altchristlichen Apostelgemeinden mit der schweizerischen Verfassung eigenartig verknüpft ist. Der staatspolitische Charakter der Zwinglischen Lehre, von Calvin fortgebildet, hat in Europa fast zwei Jahrhunderte fortgewirkt; die Selbstregierung des christlichen Volkes war noch Cromwells Ziel, und diese Energie in der Gestaltung der menschlichen Gesellschaft tritt noch jetzt in der angelsächsischen Welt hervor, soll sogar nach der Anschauung Max Webers die Entstehung des Kapitalismus hervorgerufen haben. Zwingli selbst freilich ging an seiner heftigen Verfolgung politischer Deformation. Von Gottfried Keller. Im Bauch der Pyramide tief begraben In einer Mumie schwarzer Totenhand War's, daß man alte Weizenkörner fand. Die dort Jahrtausende geschlummert haben. Und prüfend nahm man diese seltnen Gaben Und warf sie in lebendig Ackerland, Und siehe da! Die goldne Saat erstand. Des Volkes Herz und Auge zu erlaben! So blüht die Frucht dem späten Nachweltskinde, Die mit den Ahnen schlief in Grabes Schoß; Das Sterben ist ein endlos Auferstehn. Wer hindert nun, daß wieder man entwinde Der Kirche Mumienhand, was sie verschloß, Das Korn des Wortes, neu es auszufän? — Huldreich Zwingli. Zum 400. Todestage des schweizerischen Reformators. Von Dr. Georg Kuhn. „Die sinkende Sonne glänzte ihm in das noch feste und friedliche Itntlilj; sie schien ihm zu bezeugen, daß er schließlich doch recht getan und fein Amt als ein Held verwaltet habe. Wie die große goldene Welthostie les gereinigten Abendmahles schwebte das Gestirn einen letzten Augen- illck über der Erde und lockte das Auge des barnieberliegenben Mannes e anjoi es ©loubetu non binnti r !°h unoet. Ie 8u leine, und ei«, er llappetii zurück in üt « Er wollte i» lalog wie tii inner an|ot en mar. Uni ines Man« >en und fjalit n die loten, die noch niil ■ SchibolcP ie Spitze te r es, als ti rhöhe in in oon Qlarii , das Stete les Sölbnen t Meister si ■ lisier ®ki* echte, auch P t Wiege, ta ie Hände« sie die W«i ensbetenntii en Safer, k tb, daraus k Namen der« auch an d» thlockfen I» hres geiniii Morgen, J» der Meß« jii den 5®! sende wchio b allen Heid xhorhete »' n und W jh ich ge« letztes M men verst« it ihnen M Sie riefen.1^ Schwurt» tüffe und» i W* iifl; •Jix ra^ rf1 p(r edel d । )|P rn^B, sL »$A n 6fnk^l "6»A das Feuer und trägt an einer Stelle einen kleinen Pavillon. Es bleibt keine Jeit zu weiteren Fragen; rasch hat sich der unübersehbare Platz mit Zuschauern gefüllt, und aller Augen richten sich auf den Kraton, woher der Leichenzug kommen muß. Drüben liegt er, der Kraton, der Radschapalast. Als gestern abend Derriest, der Holländer, und Raden Rako Pradoto, der Balinese von vorhin, mit dem Hofmeister eine Besprechung über die heutige Verbrennungs- feierlichkeit hatten, hatten sie Ellermann mitnehmen können, und dann hatte der neue Radscha sie rufen lassen und seiner Familie vorgestellt. Fast eine Stunde lang waren sie inmitten dieser balinesischen Fürstenfamilie gewesen: bei dem jungen Herrscher, der in Europa studiert hatte und fließend Niederländisch und Englisch sprach, zweien seiner Frauen, einem Bruder, mehreren Schwestern und Schwagern und dreien der bevorzugten Frauen des verstorbenen Vaters. Unter dem Bann des Todes war die Unterhaltung gedämpft und gemessen, und da sie meist in einheimischer Sprache geführt wurde, konnte Ellermann nur mühsam folgen. Dafür hatte er ein heimliches Augenerlebnis mit der jüngsten der drei Favoritinnen des Verstorbenen, einer jungen Balinesin von bezauberndem Klang in der Stimme, schöngeschnittenem Antlitz und mit dem stolzen, weltberühmten Gang der Frauen von Bali. Gesprochen hatten sie nicht, da es sich nicht schickte und Suria anscheinend weder Hlländisch noch Englisch verstand; aber sie hatte feine Blicke voll unverhohlener Bewunderung einige Male erwidert, und das hatte ihn mehr beglückt, als er sich eingestehen mochte. Kein Wunder, daß er jetzt nach ihr Ausschau hielt. Gewiß nahm sie teil an der Totenfeier für ihren Gemahl; sie, die Witwe. Seltsam, nie war es ihm gestern in den Sinn gekommen, daß sie das war; so jung und schön, und ihr verstorbener Gebieter ein Greis ... Klang von Instrumenten reißt ihn aus dem Nachdenken. Aus der dichtgedrängten Menge, die mit ihm im Sonnenbrand und der Nähe des Feuers ausharrt, steigt Gemurmel auf. Sie kommen! Nicht durch das Tor verläßt der tote Herrscher seinen Palast; über die Kratonmauer ist ein Laufsteg gebaut, der zu dem flachen Dach der „Bade", eines tragbaren Holzturmes führt, wohin die Leiche getragen wird. „Eine Leiche gilt als unrein", flüstert Verriest, „und da nichts Unreines durch das Tor gehen darf, darf es auch ein toter Radscha nicht." In weiße Linnen gehüllt, von Fächerträgern umgeben, liegt der Tote auf dem Dach des Turmes, der jetzt von fünfhundert feierlich schreitenden Männern vorwärts getragen wird. Eine Anzahl kleinerer Türme folgt dem großen bis in die Nähe des Feuers. Während die Musik in dumpfes Rasen übergeht und die Priester Blumenpfeile aus den Kopf einer Tempelschlange abschießen, wird die Leiche in das Innere der Löwenstatue übergeführt, Trommeln raffeln, Gongs ertönen, weich in Moll flöten Pfeifen. Gemurmel der Priester bringt eintönig durch die schwüle Luft; still steht die Menge auf dem weiten- Platz; aus dem Feuer sprühen, durch massenhaft gegossenes Erdöl verursacht, helle Stichflammen empor. Langsam bewegen sich Löwe und Sockel in das Feuer hinein. Aufrecht bleibt er dort stehen, und gierig beginnen die Flammen an dem riesigen Sarkophag emporzuzüngeln ... Das Schauspiel zieht alles in seinen Bann, und erst Nach einer Weile kommt es Ellermann zum Bewußtsein, welch fürchterliche Hitze auf dem überfüllten Platz herrscht. Als das Erdöl ins Feuer gegossen wurde, glaubte er einen Augenblick zu taumeln. Er bemerkt, daß Kopfschmerz ihn zu quälen beginnt. Er will sich an den Holländer wenden, der sich noch immer flüsternd mit Pradoto unterhält, um ihm vorzuschlagen, den Platz zu wechseln, als ein Vorgang auf der Bambusbrücke ihn ablenkt. Den drei kleineren Türmen, die dem Radscha folgten, entsteigen in gemessenem Zeremoniell drei weißgekleidete Frauen. Sie halten Kamm und Spiegel in der Hand, als ob sie sich schmückten, und betreten die hohe Brücke. „Die Frauen des Radscha", flüstert Verriest und im gleichen Augenblick glaubt er trotz der Entfernung ein Gesicht zu erkennen, ein braunes Frauenantlitz ... Also war sie hier. Seine Augen folgen dem Spiel der Hände der jungen Frau, die an Haar und Kleidung nesteln. Als er sie im Gespräch mit ihren Begleitern und Begleiterinnen sieht, glaubt er deutlich wieder den Klang ihrer Stimme zu vernehmen ... „Bela", murmelt ein betender Greis in seiner Nähe. In der Menge pflanzt es sich fort. Was ist das für ein Wort? Eine neue Welle glühender Hitze bewegt sich über die Kopfe, gewaltige Feuergarben sprühen: krachend ist der Tiersarkophag des Radscha in sich zusammengebrochen. Gefräßig verzehren die Flammen die Reste, bis ein Häuflein Asche auf glühendem Rost übrigbleibt. Wieder setzen die Trommeln ein, und die Köpfe der Menge richten sich nach oben, wo Suria und ihre Genossinnen in feierlicher Prozession die Brücke um- schreiten, bis sie vor einem kleinen Pavillon halten und darin Platz nehmen. Eine stärkere Bewegung geht durch die Zuschauer. Ellermann wendet den Kopf zur Seite, sieht den Holländer aber nicht. Ein unerklärliches Gefühl beginnt ihn zu beschleichen; die Wesensfremdheit dieser braunen Menschen legt sich wie ein Druck auf das Denken. Seine Hand tastet an den vor Hitze schmerzenden Kopf. Peinigend und erschlaffend dringen die glutheißen Strahlen der Tropensonne durch die Ausdünstungen der Menge; die Hitze des Feuers läßt Luft und Dinge erzittern. Durch dieses Flimmern sieht er, wie die Frauen den Pavillon verlassen. Erkennt er Suria? Die junge Balinesin scheint ihm, über Menschenmenge und Leichenfeier hinweg, plötzlich so nahe, und die flüsternde und murmelnde Umgebung so wesenlos und fern ... Undeutlich sieht er, wie zwei Männer sich auf einen kurzen Laussteg begeben, der von der Brücke einige Meter nach der Mitte des Feuers führt und dort in der Luft endet. Sie öffnen ein Bombusgitter, und gleich darauf betreten, eine weiße Taube auf dem Kopfe, die Frauen den Steg. In atemloser Spannung wartet die Menge. Gebetsmurmeln steigt an und fällt. Bela ... was in aller W?kt bedeutet dieses Wort? Die Augen beginnen zu schmerzen, durch einen Schleier sieht er das Profil Pradotos, aer nach oben starrt. Ellermann folgt gebannt, bis eine jähe Erkenntnis $u dämmern beginnt. „Unfinn!" lacht er sich aus. Man zählt das zwanzigste Jahrhundert, er ist der Doktor Ellermann aus Deutschland, der eine Reise um die Welt macht und dabei die Insel Bali besucht. Alles selbstverständlich. Knatternd schießen haushohe Feuergarben aufwärts, weißglühende lange Zungen. „Das Del", fährt es ihm durch den schmerzenden Kopf, und in demselben Augenblick sieht er Frauengestalten mit über dem Haupte gekreuzten Armen, in den Händen die Taube, an das Ende des Steges treten. Sein Hirn arbeitet wirr. Ist es denkbar, daß die Menschen noch an dem alten Aberglauben hängen: Suria, der junge Radscha, die Brüder und Schwestern, in deren Kreis er gestern geweilt, die Mütter dieser Frauen? Bannte sie alle noch der furchtbare Kultwahn Indiens? Dies Bolk —• sind es Wahnsinnige, die ihn umgeben? „Verriest, Gott, Suria ...!" Die Stirn klebt feucht; heiser in Angst stöhnt er die Namen aus. Gesichter drehen sich nach ihm, braune Fratzen verziehen sich zu breitem Grinsen. Es schnürt ihm die Kehle zu, daß er 'taurn noch hinzusehen wagt; er fühlt sich angewidert von diesem wogenden Meer fanatischer Gesichter und Hände, die alle nach oben deuten: lächelnd, höhnisch, brutal . .< Dur chdie flimmernde Luft sieht er die Umrisse der Frauen, die einander umarmen, vier, fünf ... — er zählt, mechanisch, sinnlos, sucht Suria zu erkennen, — da sieht er plötzlich kurz nacheinander zwei, drei Frauengestalten vom Steg herabstürzen und in dem Feuermeer verschwinden. Es dunkelt vor den Augen, blutlose Hände greifen an die Kehle, seine Knie zittern und knicken ... eine letzte zerflatternde Vision zeigt ihm drei weiße Tauben, ein Symbol befreiter Seelen, das Feuer fliehend steil gen Himmel fliegend ... „Ja, die Hitze!" meint der holländische Arzt. Scheu weichen die Eingeborenen zur Seite, als der fremde Tuwan in ein Gebäude des Kratons getragen wird, wo er die Augen auffchlägt. „Was machen Sie denn?" begrüßt ihn Verriest, der mit Pradoto und dem Arzt am Lager steht. Benommen blickt Ellermann die Umgebung an. Er will fragen, aber sie drücken ihn zurück. „Was ist Bela?" fragt er endlich. „Witwenverbrenpung", antwortet Verriest. „Eigentlich heißt es: Bis in den Tod getreu!" Ellermann zögert sichtlich: „Und ... und ..." stammelt er bann, „so, so etwas ... —" Verriest lacht laut auf: „... gibt es noch? Haben Sie das wirklich geglaubt?" „Geglaubt nicht, aber gesehen", gesteht ^Hermann mit Selbst- ironie, und da erzählt der Holländer, daß die Zeremonie der Witwen- nerbrennung bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist — bis auf die Opfer selbst, die Witwen, die nicht mehr persönlich ins Feuer springen, sondern durch kostbar gekleidete lebensgroße Puppen ersetzt werden. „Den Frauen selbst wird von uns nüchternen Europäern der vorzeitige Eintritt in Indras Himmel gewehrt." Sie lachen alle drei. „Und Suria?" mochte Ellermann fragen, aber es kommt ihm bodenlos lächerlich vor. Er glaubt ohnehin fo etwas wie Spott in den Augen der Umstehenden zu lesen. Am Arm Verriests tritt er auf den Platz hinaus, wo die Feier ihrem Ende zugeht. Wohin er kommt, richten sich die Blicke auf ihn. Seltsam neugierig. Zuletzt wird er nervös. Verriest lacht: „Einen guten Rat, Doktor! Wenn Sie wieder einmal ohnmächtig werden, stoßen Sie keine Namen aus, am allerwenigsten den einer schönen Frau, mit der Sie sich gerade beschäftigen." Ellermann sieht ihn ungläubig an. „Bitte fragen Sie Pradoto! Es lief herum als pikante Sensation. Suria wird Sie verwünschen! Vor hundert Jahren wäre Ihnen dafür der Kops abgeschlagen worden. Heutzutage dagegen lädt der Radscha zur Besichtigung des Kratons ein." „Das verdanke ich Ihnen, Verriest?" „Wem sonst? Morgen finden die Totenfeiern durch intimere, dem neuen Radscha gewidmete und fröhlichere Hausfeiern ihren Abschluß. Vielleicht wird Suria Ihnen dabei den Kopf — zwar nicht abschlaqen, aber — waschen ..." „Das wird sich finden", meinte Ellermann. „Hauptsache, daß Ihr sie nicht verbrannt habt!" Alte Liebe. Novelle von Alfred Bock. (Sortierung.) Sie überlegten, was sie mit dem Nachmittag anfangen sollten. Erst im Hesselteich baden, schlug der Wellersheinrich vor, und wenn es büfterte, Kornäpfel strenzen. Der Lipps und das Jakäbchen schwenkten ihre Mützen. „Juchhe!" Sie schritten über die Heiligenwiese, auf der jetzt im Herbst noch Trollblumen und Augentrost blühten, gingen den Saum des Eulenwäldchens entlang, bis der von Buschwerk und Rohrgras umstandene Hesselteich vor ihnen lag. Während sie sich entkleideten, erzählte der Lipps: „Der Kobes am Wolfseck ist einmal in der Nacht hier vorbeigemacht und hat den Wassermann gesehen. Der war pudelnackig. Und hatt statts dem Haar Schilfblätter auf dem Kopf. Und bleckt' die Zähn. Und hat den Kobes mit glühendigen Augen angeglotzt!" „Butzemann!" rief der Jakob und warf den Kopf zurück. „Der Kobes hat sich das so zurecht geschmissen. Meinem Verstand nach ist's dummes Zeug!" Aus ihrem Versteck im Ried schoß eine Rohrdommel mit zischendem Schnalzton in die Hohe. Die Buben klatschten in die Hände. Selbdritt sprangen sie ins Wasser und pluderten und neckten sich. Stundenlang nach Iungenart genossen sie das erquickende Bad. Darauf legten sie sich am Ufer nieder. Erst, da der Tag sich neigte, schlüpften sie in ihre Kleider und schlugen die Richtung nach dem Eulenwäldchen ein. Auf abschüssigem Weg stand ein mit Holz beladener Wagen ohne Bespannung. Der Stechmannslipps und der Wellersheinrich hantierten sogleich an )er Deichsel herum, der Jakob warf sich zu Boden und versuchte, den Hemmstein zu entfernen, was ihm nach einiger Anstrengung auch gelang Plötzlich kam das Fuhrwerk ins Rollen. Ehe der Jakob Zeit und sang: Sie fuhren davon. * Das : Vruhl'sche Universitäts-Duck- und Steindruckerei. Ä. Lange, Gieben. Das heraus. vor ihr Den mit das die „Die Marie hat den Verstand verloren!' Der Meister Allerhand kam herein und ging auf seine Frau zu. Da fuhr sie in die Höhe und schrie: Du sekündlicher Mensch, du hast mich ins Unglück gebraut! , Gleich darauf bewegte sie die Arme, als ob sie ein Kind wiegte „Hündchen hat den Mann gebissen, Hat der Frau ihr Kleid zerrissen. Sternlein stehn am Himmelszelt, Hörst-du wie das Hündchen bellt? Schlaf, Bübchen schlaf!" x,us eine Mal schaute sie zur Stubendecke hinaus das andere Mal hielt sie die Hände auf die Augen gepreßt, als wollte sie die Bilder, Die ' ausstiegen, gewaltsam verdrängen. Nachbarinnen wurde es schwül ums Herz. Sie flüsterten ein- „Bubenpossen!" „Nee, Teufelhaftigkeit!" „No und das Jaköbchen?" . . Gehappt wie gesprungen. Vorn hat s ein schon Gesicht gemacht und 6»ul. ton« »ich, ottes tu». 61. «ter» 1,1 /ItoJa tob d) en Hoti' kein Ade. von 'toller »nb Mutter." ,',Kind bleibt Kind. Eins gerät nicht wie das andre. „Die Leut sind schrecklich zu bedauern. Nu hatten sie den Jung so weit' und kommt auf die Art um." „Wie alt war er dann?" Elf." "Der könnt pexieren, was er wollt, die Marie deckt s zu. "Unb der Meister Allerhand ist alsfort unterwegs." ,',Da liegt der Hund begraben!" „Wo ist er dann heut?" „In Strebendorf." ,, ... , . Zwei aus der Gefreundfchaft des Meisters machten sich auf und gingen ihm entgegen. Am Wetterberg, der hart an der Ortschaft lag, trafen |te Wie er die Unglücksbotschaft vernahm, schlug er die Fäuste gegen die Stirn und stöhnte: „Ach, du großer Gott!" . . . ~ (£r weinte es mocht einen Stein erbarmen. In seiner Trostlosigkeit überfiel ihn die Angst: würde seine Frau den Schlag überstehen? Er rannte vorwärts, daß ihm die Männer kaum folgten konnten. Das Jaköbchen hatte man in feine Kammer geschafft. Um die Schaess- lersmarie, die in tiefer Ohnmacht lag, waren die Nachbarinnen bemüht. Sie lockerten ihr den Mutzen, wuschen ihr die Stirn mit Essig. Der Bewußtlosen bleiche Lippen färbten sich rot, sie atmete t,ef ganz allmählich erholte sie sich. Doch siel ihr verstörter Gesichtsausdruck auf. Eine Zeitlang faß sie regungslos da und starrte vor sich hin. Auf einmal hob sie zu sprechen an: „Ich hab aus dem Wildfrauborn getrunken. Das kost' ein Himmel- heidenaeld. Dadrauf hab ich das Jaköbchen gekriegt. Ich dacht, das Gebälk tät auf mich brechen. Lauter feine Ware! Keine Butterpfennige, funkelneues Gold! Eil dich, eil dich, ehe die Tür zufallt. Gelt, ein Päckchen Zichorie, Gritt? Ja freilich, ihr seid unferm Herrgott sein Garnichts. Jaköbchen, was slatterft du bann?" brachte sie in abgerissenen Sätzen mit heiserer, bumpfer Stimme Seit bem Schreckenstag war eine Woche vergangen. In seinem Gaben- stützchen saß ber Meister Allerhanb, von Weh und Kümmernis nieder- gebeugt. Er war um Jahre gealtert. In sein Gesicht hatten sich tiefe Furchen eingegraben, fein Blick war glanzlos und matt. „Du mußt den Kops oben behalten!" hatte ihm die Gefreundschaft ans Herz gelegt. Sein Kopf war krank. Manchmal meinte er, er würde von schwerem Traum gequält, ein Alp säße ihm auf der Brust. So meinte er Aber ans Meinen band man kein Pferd. Es war kein Traum, kein Nachtgeist, der ihn beklemmte, es war hellichter Tag um ihn her und grausame Wirklichkeit. , t . .. Vierundzwanzig Stunden später, nachdem feine Frau m die Irrenanstalt gebracht worden war, hatten sie das Jaköbchen in den Grund versenkt. Noch klang ihm das Auserstehungslied im Ohr das die Schulkinder am Grad gesungen hatten. Noch hörte er des Pfarrers Predigt. Das A und O der Rede war: „Vor jedem Menschen, jedem christlichen Haus liegt der Weg, der durch Leiden zur Vollkommenheit fuhrt. Unter dem Kreuz ist Gottes Gnade verborgen/' Ihm, dem Meister, wollten die Worte nicht in den Sinn. Er glaubte an den allmächtigen Gott droben ' im Himmel. Er war ein fleißiger Kirchengänger, darum war er vorwärts gekommen, darum hatte der Segen Gottes auf feiner Aroett geruht. Gott belohnte bas Gut« und strafte das Böse. Warum hatte ihn dies Unglück getroffen? Soviel er sich auch den Hirnkasten zerriß, er war sich keiner Schuld bewußt. ~ Nach ber Beerdigung des Jaköbchens hatte es im Hause von Trauerleuten gewimmelt, von Kirtorf und Maulbach waren die Leidtragenden gekommen Di« große Teilnahme tat ihm wohl. Der Kodes am Wolf-eck sprach- 'S ist mir leid um deine Betrübnis, Meister, aber 's vielleicht am besten so!" Deutsch geredet sollte das heißen: „Du bist so oft wegen deinem Bub auf Kohlen gelaufen, hast dich über ihn verkreuzigen muffen. Mär er am Leben geblieben, er hätt dir nur Kummer und Sorgen gemacht!" Ein Quentchen Wahrheit war dabei. Der Jakob war voll Wildernis Aber er hatte die Eierschalen noch hinter den Ohren. Ein junger Baum ließ sich wohl biegen. Er, der Meister, hatte ihm die Schluppstreiche uusgetrieben, hätte ihn schon zurechtgezimmert. Und war s denn nicht sein Fleisch und Blut? Daff er das einzige Kind hatte hergeben müssen, wollte ihm schier das Herz abdrucken. (Fortsetzung folgt.) gewann, sich in Sicherheit zu bringen, hatte das Rad ihn erfaßt, ging über ihn hin: er war auf der Stelle tot. Der Lipps und der Heinrich sahen den Kameraden regungslos mit roeitgeöffneten, verglasten Augen liegen. Sie meinten, die Erde mußt sie verschlingen. Ein paar Augenblicke standen sie wie erstarrt, dann suchten sie, von Grauen und Furcht gepackt, das Weite. . Eine Stunde später schritt die Kitzelmine, die im Wald Lesholz gesammelt hatte, über die Unglücksstätte. Sie war eine robuste Sechzigerin, Die sich so leicht nichts arifedjten liefe. Sie setzte ihren Sack nieder beug e sich über den Toten und drückte ihm die Augen zu. Dann lief sie, so schnell sie konnte, ins Dorf und holte Hilfe. — Das Labenglöckchen bes Meisters Allerhanb bimmelte gegen Abenb immerfort. Frauen tarnen und kauften, was sie für G^n Haushalt brauchten. Obgleich sie mit Glücksgütern gesegnet waren, hatte lebe etwas zu klagen. Einzig die Stechmannsgritt fefelug „eine andre Tonart an. ,>')r seid nicht unter den Hecken geboren , sprach sie spitz, „habt die Kornböden voll und lamentiert. Was soll bann unsereins ba sagen? Ich bin arm wie eine Kirchenmaus. Dessentwegen denk ich boch, Die guten Tage finb in ber Welt: wer sie sich macht ber hat sie m Die Schaesflersmarie wog jebem das Seme 3u. Als "uge Geschäftsfrau, die es mit niemand verderben wollte, lieh sie dem Geschnatter ihr Ohr, ohne ihre eigene Meinung zu äußern. , rr Draußen erhob ber Köter bes Trittchesmachers e,n wutenbes Gebell Zwei Männer, die eine Bahre trugen, traten durch bte Hmterur tn des Krämers Haus. ,, ™ Unter den Käuferinnen im Laden tauchte mit einem Male ber Hacke- p'^Marie^', roanbte er sich an bie Krämerssrau, „erschreck nicht, 's ist "°^,Dem°Jakob?" schrie sie auf und hielt sich wie schwindlig am Laben- Die Frauen winkten dem Meister mit den Augen zu. Der taumelte h Noch vor Tagesanbruch spannte ber Schwickertsabam seine Füchse an und holte den Doktor aus Zell. Dieser war Glock sieben tm Dorf. Der Meister erwartete ihn und führte ihn in die Kammer, wo das tote Jakob- chen lag. Dann bat er ihn, nach seiner Frau zu sehen. Die Nachbarinnen, die bet der Marie gewacht und sie mühsam tm Bett gehalten hatten, verließen die Stube. Der Arzt war mit der Kranken allein. Er richtete allerlei Fragen an sie, ohne bah sie ihm Antwort gab. Mit eins fprubelte sie zusammenhanglos eine Flut von Worten hervor, wobei bie Wenbung wieberkehrte, vom Himmel tropfte Blut auf ihr Bett. Der Doktor beschäftigt« sich lange mit ihr, enbltch rief er bie Frauen herein und begab sich in das Ladenstubchen zum Meister Herr' Schaeffler", fagte-er voll Mitgefühl, „Ihre Frau ist ganz und gar "verwirrt. Man muß Vorsorge treffen, daß sie sich kern Leid antut. Sie darf keinen Augenblick ohne Aufsicht sein. Das wird sich hier schwer durchführen taffen. Wir wollen uns später keine Vorwürfe machen. Gut, daß wir die Anstalt so nah haben. Sie sind ja ein vernünftiger Mann. Es ist ein Krankenhaus wie jedes andre auch. Wenn Ihre Frau —- was ich für unbedingt notwendig hatte — zunächst einmal dort beobachtet wirb, haben wir bie Gewißheit, baß sie in sachverständige ärztliche Behandlung kommt." Der Meister sank auf einen Stuhl und jammerte: „Womit hab ich das verdient?" „ Meines Erachtens haben Sie keinen Grund zu verzweifeln , redete der Doktor ihm zu. „Wie lange so ein Zustand dauert, läßt sich nicht vor- ausbeftimmen. Sehr wichtig ist, daß wir die Ursache kennen. Ich habe ähnliche Fälle in meiner Praxis erlebt, bie meist günstig verlaufen sind. Ich glaube, baß Ihre Frau roieber hergestellt wird. Ich selbst mochte sie in die Anstatt bringen. Ich kann dann den Kollegen gleich Auskunft Qcbcn." Machen Sie’s, wie's recht ist", sagte ber Meister, noch immer Im stillen hatte ber Doktor die Möglichkeit erwogen, daß sich die Kranke ihrer Entfernung aus der gewohnten Umgebung widersetzen würde. In seiner ruhigen Art legte er ihr dar, angesichts dessen, was sie erlitten und was ihr Gemüt erschüttert habe, sei es am besten, wenn ste für kurze Zeit bas Haus verlasse unb sich ber Pflege guter Meist chen anvertraue. Er rebete in bie Luft, sie zeigte sich völlig teilnahmslos Sie liefe es geschehen, bafe bie Nachbarinnen sie sonntäglich kleideten. Just, da es zehn läutete, trat sie reisefertig vor die Tür. Ihren Mann, ber ihr Lebewohl sagen wollte, mürbigte sie keines Blickes. Der Wagen stand bereit. Eine stolze Miene annehmend stieg sie ein. Der Doktor folgte. hid)„3a,tbem Jakob. Du mufet dir's nicht so zu Herzen nehmen." Er stockte und fügte bann tonlos hinzu: „Drüben in ber Stub liegt er!" Sie stürzte hinaus. , . In ber Wohnstube waren die Männer eben babei, bas Stroh, dem sie die Leiche bedeckt hatten, zu entfernen. Als die Marie schmerzvoll verzerrte Gesicht ihres Lieblings erblickte, breitete fee Arme aus und brach ohnmächtig zusammem Vor dem Haus hatte sich das halbe Dorf versammelt Der Stech- mannslipps unb ber Wellersheinrich waren heimgekehrt. Heulenb unb mit fdjlotternben Knien erzählten sie, was sich am Eulenwaldchen zugetragen. Ihre Eltern nahmen sie beim Schlaffittch, bamit sie bte Der« biente Strafe empfingen. Rufe bes Unwillens wurden laut. „Das sind zwei Hauptfpeziale!" „Wo die herumschwefeln, ist Polen auf! ander zu: Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck unb Verlag