GiehMkZaminenblätm Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ')rhrgang (931 Montaa, den 9. März Nummer 20 Vorfrühling. Von Edmund Finke. Schon blühen die Primeln am Wiesenrain und lauschen ins Antlitz Gottes hinein, im Schnee sind die weihen Rosen erwacht, ein Kind hat verträumt in die Sonne gelacht . O Traum! Run kommt meine Zeit, nun kommt mein Weh, Wildwasser rauschen unter dem Schnee, die Wege sind Linien in Gottes Hand, sind Fremde, Geheimnis und Vaterland ... O Zeit! Nun möchte ich wandern, bis dort wo die Welt sanft in die Schale des Himmels fällt, und alle die Wunder der Erde seyn, die tief in den dämmernden Abenden stehn... 0 Raum! Dann wiederkehren im herbstlichen Wind und wieder bei euch sein, mein Weib und mein Kind ... O Sehnsucht ... unendliche Größe der Welt! Klein sind wir ins Gleichmaß der Zeit gestellt ... O Glück! ... O Leid! Kopti ck muß fein! Novelle von Bruno Frank. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. „Gar nichts soll ich", klagte Ruth „Opiumrauchen soll ich nicht, Kokain schnupfen soll ich nicht, und nun soll ich auch nicht mal mehr an den Spieltisch. Warum denn all die Strenge, man lebt ja nur so kurz!" Ich sah sie an. Schiießlich, dachte ich, tränt jedes Geschöpf sein Artgesetz in sich, und zur Stammutter kühner Geschlechter ist diese zarte großäugige Ruth ohnehin nicht bestimmt. Wir verließen das Restaurant. Ein Automobil trug uns durch die Nacht in den verschneiten Tiergarten, es bog zweimal ab und hielt an einer Kreuzung. „Wo sind wir denn?" „ m Ich öffnete den Schlag, ein kleines Indimduum, in wertem Mantel, flaumiegen, die zu ihm hinaufführen, und ich fand auch gleich die schmalen Fenster, hinter denen zu meinen Zeiten die Bibliothek untergebracht war, und durch die ich hundertmal arbeits- unluftig hinuntergesehen hatte über die bucklige Stadt hinweg in die freie Neckarflur. Inzwischen war am Tische ein Streit entstanden. Einer der Schweizer, und zwar der, der einen Kragen trug, hatte zu zwei Karten die an sich schon Gewinnchancen boten, schädlicherweise eine dritte hinzugekaust unb wurde von seinen Mitpointeuren m t Vorwürfen überschüttet. Besonders erregt zeigte sich die sylphenhafte Tänzerin: von krampfhaftem Husten unterbrochen, erklärte sie, nicht bezahlen zu wollen, wenn ein solches Hornvieh, ein solcher Patzer sie in Verlust brächte: ihr schloß sich die glutäugige Amerikanerin an, vielleicht weniger aus Gewinngier als vielmehr glücklich ein Ventil für die Kesselhitze ihres Innern zu finden, zwei । der zweifelhaften Kavaliere mischten sich galant und drohend in den Kampf, auch Ruth an meiner Seite begann sich zu entrüsten, nur der kleine Japaner lächelte still und undeutbar in den Lärm. I Die Tür ging auf, unb herein trat in etwas altmodischem Gehrock, die hohe unb magere Gestalt gelehrtenhaft gebeugt, ein hier fremdartig anmutenber Herr, offenbar, vom Diener ober vom Geschrei herbeigerufen, | der Inhaber der Wohnung. Er trat an die Längsseite des Tisches, mir gerade gegenüber, übersah aus seinen goldgeränderten Brillengläsern uns alle, ließ sich, da es still geworden, den Vorfall erklären, deutete auf das schräge Gerät mit Karten, das seitlich eine Zahlentabelle aufwies, unb sagte auf Schwäbisch mit einem Zucken ber Ironie um seinen rasierten Mund: „Was sagt denn der Schlitten?" Er gab sich auch selbst die Antwort: „Der Schlitten sagt Volonte!" I So war denn zum Protest kein begründeter Anlaß gegeben, leise nach- murrenber Friede trat ein, ber Schlitten fuhr weiter, und ber Hausherr im verschollenen Gehrock verließ vornübergebeugt bas Zimmer. Ich aber saß erstarrt. Denn bas war Schärtlin gewesen, der Altphilologe Walcher Schärtlin, mein Tübinger Studienfreund, ber Sohn ber verwitweten Flnanzrätin Schärtlin in Ludwigsburg, ber Stillste ber Stillen, ber Bravste ber Braven. Er, ber mich einst wie einen Irren mitleidig betrachtet hatte, als ich ihm vom morgendlichen Spiel auf den Briefkasten erzählte: er ließ hier in einer Wohnung des Berliner Westens die Leute Bakkarat spielen, für zehntausend Mark Kartengeld in der Stunde, unb wenn ein Streit ausbrach unter diesem Nachtvolk, dann trat er herein und fragte auf Schwäbisch: was sagt der Schlitten? , Nur fünf Minuten, Ruth! Ich kenne den Hausherrn unb muß ihn sprechen." — „Was mußt du?" Sie schüttelte unwillig den Kopf, dann blickte sie wieder nach den Karten hin und fuhr fort zu pointieren. Draußen öffnete mir nach einigem Hin und Her jene ernstblickende I Frau die Türe zu Schärtlins Zimmer. Da saß er im Schein einer hohen grünen Lampe im Schweigen an seinem Arbeitstisch. „Bist bu’s wirklich, Schärtlin", sagte ich, „ober ift’s dein Geist? Er ftanb auf, hob bie Lampe so, daß der elektrische Schein auf mein Gesicht fiel, und rief in seinem Dialekt: „Ja, alter Kerl, wo schneit denn dich der Wind her? So was! Komm seh' dich!" „ j " Ich nahm Platz zur Seite seines Schreibtisches, der über unb übet mit Büchern, graphischen Tafeln und Manuskrivten debeckl war. I „Mitten in ber Nacht kommst du daher, nach zwölf Jahren ober fünf, zehn? Was treibst denn du in meiner Wohnung?" | „Ja, Schärtlin, was offenbar alle hier treiben.* Er sah mich an, mit ehrlichem Erstaunen. „Nicht möglich, den Unsinn ' treibst bu mit?“ i „Das wundert dich?" hast. Eine brotlosere gibt es nicht." „Aber in der bist du Autorität?" „Nun, es ist nicht so schwer, da Autorität zu sein, denn in ganz still fuhr der Glücksjchlitten um den Tisch. Ich blickte die Ruinen von Luksor an, dann das Tübinger Schlotz, ich wünschte nicht mehr, ich spielte nicht mehr und versank in moralische Meditation. Gemeinschaftsmusik. Von Dr. Rudolf Gerber, Privatdozent an der Universität Gießen. Bei Gotti" Und er imitierte in übertriebenem Berlinerisch: „Und wenn das Spiel jemacht ist jetzt nichts mehr! Nein wahrhaftig, das hätte ich dir nicht zugetraut." , .. Ich war verblüfft. „Aber mir scheint doch ..." begann ich zögernd. „Da scheint dir halt was Falsches. Nimm auch eine Zigarre. Wir zündeten an. „Leben muh der Mensch, auch in dieser trostlos wilden Zeit", sagte er dann, und rauchte mit Wohlbehagen, „und ich hab' ja nicht nur für mich zu sorgen." „Du bist verheiratet?" . „Nein, verheiratet bin ich nicht. Aber es leben doch drei Personen von mir, und für einen Menschen der Wissenschaft ist das nicht wenig. Den Mann und die Frau hast du ja schon gesehen ..." „Die hast du gewiß von daheim mitgebracht? „Ja. Es ist ein Ehepaar. Sie waren schon in Ludwigsburg bei meiner Mutter im Dienst. Erst haben sie sich ja ein bißchen gewundert.' „Und die dritte Person?" „Die dritte? Babett!" rief er, und sofort kam aus der Ecke eine schwarze Pudelhündin hervor, groß, wundervoll gepflegt, mit braunen italienischen Augen, und setzte sich im Schein der Studierlampe aufschon auch wundern sein Auskoinmen." "Ich seh' dir schon an, was du über mich denkst! Ich würde wahrscheinlich das Gleiche denken, wenn's mir um nichts weiter zu tun wäre, als um einen bequemen Unterhalt. Schließlich hat man nicht umsonst acht schwäbische Prälaten unter seinen Voreltern. Aber schau!" Er ergriff wieder die Lampe, hob sie empor und leuchtete die Wände ab. Die bis hoch hinauf dicht gefüllten Regale seiner Bibliothek wurden Seit einigen Jahren hallt es in der Musikwelt wider von schlag- warten wie Laienmusik, Musik für Liebhaber, Gemeinschaftsmusik, Gebrauchsmusik usw. Alle diese Begriffe, die auch heute noch lebhaft diskutiert werden, stimmen in einem Punkte überein: sie beziehen sich auf eine neue Form der musikalischen Produktion und Reproduktion, sie wollen dem künstlerischen Schaffen und der künstlerischen Darbietung, dem Konzert, eine neue Bedeutung, einen neuen Sinn geben. Das ist gewiß ein sehr löbliches Unterfangen. Denn das moderne Konzertwesen ist all- mählich in ein Stadium gekommen, wo es zu einer leeren Form ge- worden ist, die keine Lebensfähigkeit mehr besitzt. Der erzieherische Zweck des Konzertes ist längst geschwunden. Äm Mittelpunkt steht der Sanger, wartend hin. " ■ - - i ber Pianist, der Dirigent, die alle in erster Linie nur sich Horen laßen , S'ischt scho recht, Babettle", sagte Schärtlin in extremem Schwäbisch, wollen. Nicht das Kunstwerk. Das bezeugen allein schon die mitunter als fürchte er sonst nicht verstanden zu werden. „Gang no wieder ins aeradezu abenteuerlichen Programmzusammenstellungen, die m seltenen Bettle!" Fällen einem ästhetischen Geschmack Rechnung tragen. Die a r t> st i s ch e n Das Spiel ist eine gesegnete Einrichtung", fuhr er fort. „Man zieht Anforderungen wachsen ins Ungeheuerliche, der Konzertbesucher will seinen großen Eßtisch aus — er stammt aus Ludwigsburg und wird sich Höchstleistungen und begeistert sich an einer musikalischen Akrobatik Jur — man kaust Karten und einen Schlitten und hat I bic bcr ästhetische und ethische Wert des musikalischen Kunstwerkes gleichgültig ist. Er merkt dabei nicht einmal, daß die Distanz zwischen ihm und dem Hexenmeister da droben auf dem Podium immer großer wird, datz er selbst'zur absoluten Passivität verurteilt ist. Teilweise bedingt war diese Entwicklung bu.d) die immer schwieriger sich gestaltende technische Beschaffenheit der musikalischen Kompo- itionen. Namentlich seit der Jahrhundertwende hat hier eine Verfeinerung und Komplizierung Platz gegriffen, die dem Nicht-Berufsmußker eine leidliche Bewältigung in sehr vielen Fällen unmöglich machte. Hier sichtbar. ' ' ' . I war also der Kontakt zwischen Schaffendem und Ausnehmendem gestört. „Pedenke, daß mich meine lieben Gäste in den Stand setzen, so meiner I Kreise beider Gruppen schnitten sich nicht mehr. Das war m ganz Wissenschaft zu leben, wie es bei uns kaum mehr einer kann. In Italien, besonderem Maße der Fall in der expressionistischen und futuristischen in Frankreich, in England erscheint kein Werk, keine Zeitschrift, die mir I Aera vor und unmittelbar nach dem Weltkrieg. Es war hier freilich nicht unerreichbar wären. In allen Sprachen kann ich allmonatlich lesen, was | nur b;e Technik, die der Ausführung durch den Laien unüberwindliche Mir wichtig ist." . Schwierigkeiten in den Weg stellte. Hier stieß vor allem £er .gang neu= „Was ist dir denn wichtig, Schärtlin, was arbeitest du eigentlich? | artige Charakter der Tonsprache bei der Mehrzahl der Musikliebhaber Was ist das hier?" Und ich wies auf die Bücher und Manuskripte, mit und Konzertbesucher auf hartnäckigen Widerstand. Das war keine Kunst denen der Schreibtisch bedeckt war. I meiir die der Allgemeinheit etwas zu sagen hatte. Sie konnte nur noch „Koptisch", sagte Schärtlin. I vom Schöpfer und seinen eingeweihten Jüngern nachempfunden werden. „Koptisch?" I Die Isolierung und Vereinsamung des schassenden Künstlers waren Nicht Mein Blick siel auf mehrere mit eigentümlichen Lettern bedeckte Druck- I weiter auf die Spitze zu treiben. Das fühlte man aus beiden Seiten, und tafeln. Es schien mir eine Art vergröberter griechischer Schrift zu sein, I beiderseits hat man Mittel und Wege gesucht, um aus dieser Sackgasse aber untermischt mit mir ganz unbekannten, barbarisch anmutenden I herauszukommen, um eine Kunst ins Leben zu rufen, die den Künstler Zeichen. I mit dem Publikum, aus das er nun einmal angewiesen ist, verband, statt „Ist das nicht so etwas wie Aegyptifch, Schärtlin?" , I ihn von ihm zu trennen. „ „Ja, es ist so etwas wie Aegyptifch", sagte er lächelnd. „Bravo, bravo! musikalischen Jugendbewegung als ein großes Verdienst an- Es ist die letzte Form des Aegyptifchen. zurechnen, daß sie zuerst mit dem starren, erkalteten System der konven- „Und dafür bist du Spezialist? . I twnellen Konzertmusik erfolgreich gebrochen hat. In ihrer Loslosung von . „Eine brotlose Kunst, meinst du. Du weißt selber kaum, wie recht du | b°u bestehenden Gesellschaftsformen schuf sie ein neues Ideal des Musizierens, die Form des gemeinsamen Musikmachens und Musikerlebens. Nicht die technisch einwandfreie, studierte und virtuos ausgefeilte Wleder- ------- „—„ । nnh,, ber Werke stand im Vordergrund, sondern die Ausdruckswerte der Deutschland gibt es überhaupt nur noch zwei Leute, die etwas davon I Daß auf der andern Seite die führenden Geister der jüngsten verstehen, der eine >st der Herr Hengstenberg in Possenhofen in Bayern, ' die Ünhaltbarkeit der seitherigen Form des Musiklebens (richtiger der andere lebt m Köln. W.r drei arbeiten und schreiben eigentlich nur ' °>e s) durchschaut haben, und darauf bedacht waren, die füreinander, obgleich mir uns gar nicht kennen, wir sind in diesem Land ^rnen Kunstbestrebungen der Allgemeinheit zugänglich und verständ- untere einzige Konkurrenz und unser einziges Publikum. Ja, das ist wo°er .e niroe,lreo^ngmusikalische Revolution seit Arnold eigentümlich" I Schänd er q's Opus 11" tief Wurzel gefaßt hatte. Die modernen Schaf- „Sehr", sagte ich. Und em unbestimmter Schauer durchfloß mich. knseraebniffe9 Uten ein lebendiges Besitztum aller „Kenner und Lieb. „Du hast |a wahrscheinlich recht, hübsch ist es nicht, einen Spiestalan r^ fein fie sollten ferner nicht mehr allein von Virtuosen und Be- zu unterhalten, aber schließlich zwinge ich doch niemand, tief tm Tier- Asorckestern einer bunt zusammengewürfelten Masse, die sich Publikum garten den Gustav mit der eingedruckten Na e aufzusuchen. Und bann, I i".flrnAbendkonzerten vorgesetzt werden, sondern dafür das wirst du einsehen, Koptisch ist wichtiger, Koptisch muß sein!" £ Änt fein^nn "ne“ in sich geschlossenen Wie er das sagte, war sein Lächeln von hrnreißendem Re.z we.se, o-,nmmk,«mm ,. j unä 6rtmuung aller Gleichgesinnten gütig und selbst,ronisch. In nur klang es, Gespräche aus Tübinger Jugend- X“b?n Die Verwirklichung dieser Idee brachte es mit tagen wurden lebendig in mir, eine warme Welle flutete durch mein I h ber3Une“ sich zu vereinfachen, abzuklären begann, daß «IW, m* Id, ton. M,.,*. W „ j-rt* M.K.xML'WAQ Ä- „Es ist doch auch etwas Misonderliches! Da zieht man aus Kloster- I Mufiksireunde" feit dem Jahre 1926 bedeuten hier einen verheißungsvollen kümmern und Schutthugeln Texte heraus, die fast niemand entziffern Musikfreunoe seit em >zay e beigetragen, die bestehende Kluft kann. Bloß hier in Europa, weit zerstreut, sitzen ein paar Leute, d.e Anfang Sie haben n^t wenig f Ödemen Ton- madjen »ich die Heiligengeschichten und apokryphen Evangelien aus dem 3A-n Fachmu ^„smusik Eingang zu verschaffen. Hindemith krausen Geschreibe lebendig., u" s' '-ckt es aus- ein Komponist sollte heute nur schreiben, wenn er „Und ge prochen wird dem Kopti ch von gar niemand mehr? I suchst IPpaji es a -ch ^t Wenn er weiß daß ein musizier- d"ü- •»•."?<'= 7-d nicht verstanden. Die Priester in Aegypten gebrauchen es bis aus den I K^umyer ^triei i uj f.piiohinor fflpfanauereiii fein dieser Musik heutigen Tag beim Gottesdienst, sie segnen darin und singen darin, und I Liebhaberorchester o KMelmufiken'9 die in bunter Folge er- die christliche Gemeinde singt ihnen nach. Aber Priester und Gemeinde bedarf. H/?benuths , ore VCrftCII tCiII ‘ _ । ?. f I (mn Piit» tnnffpn tupfnichr Leuteir^ die au ihrem eigenen Vergnügen paur in England, ein paar in Italien und in Deutschland wir drei, der J"-.®« und singen oder bk einem kleinen Kreis Weichgesinnter vor- SÄ Dl-..-, «in wu inK ""1« «and. auf bem viele »m>,n«,en la,,n. „S>m Mtev". lagle er, „da mär’ bebe-ei nun aufb>° I-«""" I- * sfiVÄ.’ÄS Die Schweizer pointierten mit Rage und ließen einen Frankenschein Folge des Radios das die Musikbeslisstnen zur B^u"nhchkeit unbJDbe^ nach dem andern wechseln, die minderwertigen Viveurs saßen mit ver- | slachlichkeit erzieht — soll aus dem G^ste der "">en I tz Wchendem Glanze da. auch die Südamerikanerin glühte bescheidener, und neuert und belebt werden. Aber auch die öffentlichen Konzer - Theateraussührungen selbst versucht man einer grundlegenden Resorm zu unterziehen. Sn Hindemiths viel angesochtenen „Lehrstück" das im Rahmen der Baden-Badener Kammermusik 1929 zur Uraufführung gelangte, wird das Publikum zu aktiver Beteiligung aufgesordert. Die Schar der Zuhörer soll Stellung nehmen zu den Vorgängen auf der Bühne, die von Dilettanten gesungen, gespielt und getanzt werden. Bleibt auch die 'Bedeutung des „Lehrstücks", das bereits einige Nachfolger gefunden hat, noch reichlich problematisch, so ist den „Spielen und Liedern für Kinder", die bei den diesjährigen Darbietungen neuer Musik in Berlin zur Vorführung gelangten, erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Hier ist der Kreis der Gemeinschaftsmusik auf die kleinsten Musikliebhaber, die Kinder, ausgedehnt, deren Spiele („Eisenbahnspiel", „Wir bauen eine Stadt" u. a.) durch Singen und Spielen ausgeschmückt und belebt werden. Diese Kinderspiele sind in erster Linie zur Belehrung und Hebung für die Kinder geschrieben, weniger zur Unterhaltung erwachsener Zuschauer. Daß all diese Musikstücke, trat; ihres modernen Gepräges in technischer Beziehung durchaus anspruchslos und leicht ausführbar sind, ist selbstverständlich. Ueberblickt man diese in großen Zügen geschilderten Bestrebungen der letzten Jahre, die auf eine Musik hinzielen, welche nicht mehr lediglich das Interesse des Fachmusikers erweckt, sondern den Bedürfnissen einer wirklichen Gemeinschaft (und nicht einer bunt gewürfelten Masse) entsprechen will, eine Musik, die für den Liebhaber im engeren Sinne und ganz allgemein für einen bestimmten „Verbraucher" geschrieben ist, so erkennt man darin eine ganz natürliche Reaktion gegen die Ausschlieh- lichkeit, mit der die Musik seit Beethoven eine Angelegenheit des Fachmusikers war, der seine Kunst und Kunstfertigkeit einer festlich gestimmten, aber gleichwohl konventionellen Zuhörerschast vorsetzte. Wie die modernste Tonkunst in geistiger Beziehung manche Fäden spinnt zur Vor- beethovenschen, barocken und gotischen Musik, so verbindet sie mit jenen Epochen auch das in jüngster Zeit hervortretende Bestreben, das Kunstwerk in einen Umkreis hineinzustellen, es einen Zweck erfüllen zu lassen. Noch Haydns und Mozarts Sinfonien, vor allem Bachs Kantaten, die Motetten der Niederländer des 15. und 16. Jahrhunderts hatten einen „Zweck", waren Gebrauchsmusik in irgendeinem Sinne. Dieser Zweckge- donke ging dem 19. Jahrhundert verloren. Hier herrschte die Anschauung des l’art pour l’art: hatte die Kunst einen Zweck, so war sie eine solche zweiten Grades. Ein wirkliches Kunstwerk kann der Künstler nur schaffen, wenn „der Geist über ihn kommt", wenn er sich von allen äußeren Zwecken frei hält und das Kunstwerk feinem Genius abringt. Wir sind heute „sachlicher" geworden und glauben, daß ein musikalisches Kunstwerk (gleichwie ein architektonisches darum nicht minder wertvoll zu sein braucht, wenn es einen hohen Zweck verfolgt, indem es zur allgemeinen Erziehung des Menschen beiträgt. Explosion einer Sonne. Weltuntergang im Wasserlropfen. Von Bruno H. Bürgel. Aus der großen Vase, die den Buschen mit den Weidenkätzchen trägt, habe ich einen Wassertropfen herausgehoben. Trüb und bräunlich hängt er am gläsernen Träger unter meinem Mikroskop, ins Riesenhafte vergrößert, und ich kann mir das Vergnügen machen, mit dem Auge in dieser kleinen Weltkugel spazieren zu gehen, die voller Absonderlichkeiten ist, voller Wunder, die man nicht ahnt, wenn man sie nicht mit dem Mikroskop durchwandert. Es wimmelt da von merkwürdigen, ungemein kleinen Geschöpfen, die von uns und unserer Welt so wenig wissen, wie wir von ihnen ober von den Menschen, die auf fernen Sternen wohnen, und auch hier Lust und Leid und Kampf ums Dasein, auch hier Schwache, die überrannt werden, und Starte, die sich den Platz mit Rücksichtslosigkeit erkämpfen. Da strudelt es vorüber, taucht auf und unter in dem Wassermeer, das doch nur ein Tropfen aus einer Blumenvase ist. Kleine lebende Schiffchen, glasdurchsichtig, mit Wimpern versehen, jagen emher, und in der Mitte dieser Wasserwelt, wo sich eine Insel befindet, eine Insel, die nichts anderes ist als ein zerfallenes Zellengefuge von der Rinde einer Weidenrute und höchstens ein Zehntel Millimeter groß, ist das „Paradies" dieser Welt, das Land, wo Milch und Honig sließt. Hier drängt sich alles zusammen, was leben will, hier ist der Kampfplatz der Nationen. Man liebt und haßt, man kämpft und stirbt auch in dieser Wasserwelt. Wer von uns weiß denn, ob auch diese winzigen Wesen eine dumpfe Empfindung ihres Seins haben! Aber nach wenigen Minuten ist die ganze Herrlichkeit vorbei! Die Wärme des Zimmers hat die Feuchtigkeit aufgesogen, der Tropfen ist nicht mehr; ein grauer Staubflecken ist auf der Glasplatte zurückgeblieben. Eine ungeheure Katastrophe für die Bewohner dieser kleinen Welt, em Weltuntergang schlechthin, über den wir lächeln, weil wir nicht daran beteiligt sind. In den tiefen Kellergewölben der Erdbebenwarte herrscht jenes Schwelgen das der moderne Mensch, an das unaufhörliche Getose des Verkehrs gewöhnt, als drückend empfindet. Nur das monotone Ticken einer Se- kunden-Pendeluhr ist vernehmbar und ein leises Surren von Uhrwerken, die kleine Trommeln drehen, auf denen Papierstreifen gespannt sind. Schreibfedern gleiten über diese Papierstreisen dahin, Schreibfedern, die an Hebelarmen sitzen, an unbeweglich lastenden schweren Pendelstangen. Feine, ein wenig zittrige Linien zeichnen die Federn auf den Papierstreifen auf. Stunde um Stunde, Tag um Tag. Und immer der gleid). Pendelschlag der Uhr, und immer das leise Wispern und Summen der kleinen Uhrwerke, und immer der gleichmäßige, und em wenig zittrige Strich der Schreibfedern. — _ . ,. „ „ . Aber plötzlich ändert sich das Bild! Die Ordern malen unruhige vnckel, die schweren Pendelstangen fangen an zu schwingen, die Hebel machen Ausschläge und nun schwingen die Schreibfedern über das ganze breite Trommeipapier hinweg in großen Zickzackkurven, >a die ichweren Pende drohen aus ihren Lagern zu fallen, und die Stahldrahte, die sie halten, spannen sich mehr und mehr. — Aber das dauert nicht lange. Die Schwingungen werden kürzer, die Böge» der Schreibstifte immer kleiner; noch ein paar Krakel, noch einige, bann mieber unruhige Zitterlinien, die noch immer etwas von der Erregung erkennen lassen, und endlich geht alles wieder seinen alten Gang: es Hingt der dumpfe Schlag der Pendeluhr, es summen leise die Uhrwer'e, die Federn ziehen die alte, gleich mäßige Zitterlinie, und tiefe Stille lastet im Gewölbe der Erdbebenwarte. Aber irgendwo in weiter Ferne, auf einer einsamen Insel im Meer, war das eine furchtbare Katastrophe!^Die alte Mutter Erde, Symbol aller Festigkeit, wankte und schwankte. Städte verwandelten sich in Schutt- Hausen, Arme und Reiche, Glückliche und Unglückliche unter sich begrabend. Von irgendwo tickt es der Telegraph über Land und Meer, der Bordfunker eines Schiffes gibt es weiter, elektrische Wellen branden über die Welt, die Abendblätter werfen es mit Riesenlettern in die Menschenmassen lichtüberfluteter Großstädte: „Eine Katastrophe ..." — Wir lesen es, mit unseren Sorgen beschäftigt. Der Schutzmann, der mitten im rasenden Verkehr, bedralst von fauchenden Motoren, den Arm mit der weißen Stulpe hebt, wirst einen raschen Blick auf den vorbei- hastendeir Zeitungshändler: „(Eine Katastrophe!" Dann wendet er sich gleichmütig um, der Arm senkt sich: Weiter! Der Knabe hat einen runden, prallen Apfel in die heiße Ofenröhre gelegt. Was weiß der Knabe von dem Apfel! Er ist eine richtige kleine Weltkugel, bewohnt von mikroskopisch-winzigen Wesen, die von dem süßen Saft der Rinde ihrer Weltkugel leben, wie der Mensch lebt von dem, was die Rinde der Kugel Erde zu trügen vermag. Auch da gibt es Berge und Täler, sie sind winzig klein, aber vergessen wir nicht, daß der höchste Berg der Erdkugel, der Mount Everest im Himalaja, auch nur den zwanzigsten Teil eines Millimeters hoch wäre, wenn wir die E--de bis auf Apfelgröße verkleinerten. Vielleicht wandern die Bakterien auf der Apfel- schale genau so vergnügt durch ihre Berge, wie wir im Sommer durch die Dolomiten! — Aber nun droht ihrer Weltkugel der Untergang! Der Apfel schmort im eigenen Saft, er dampft und zischt; aus tausend Vulkanen, unendlich winzig, sprüht süße Lava, ganze Generationen von Bakterien gehen zugrunde, der Weltuntergang ist für die Bewohner des Apfels gekommen. Eine Katastrophe, die uns lachen macht! Um diese Stunde durchwandert ein Rund-Telegramm alle Sternwarten der Welt: „Observatorium Pulkowa meldet Nova nahe Gamma im Perseus. Zweite Größenklasse." Der Himmel meint es gut mit Europa und einem großen Teil Nordamerikas, klar und rein flimmern die Sterne in der kalten Höhe. Ein Teleskop nach dem anderen richtet sich auf die benannte Stelle im Sternbild der Perseus; photographische Refraktoren treten in Tätigkeit, Spektralapparate, Photometer. Der Laie würde kaum etwas von der geschäftigen Interessiertheit der Gelehrten verstehen, er sähe ba nur einen nicht sehr hellen Stern, den anberen burchaus gleichend, und die Instrumente zeigen auch nicht viel mehr, wenn man von zarten Nebelwölkchen absieht, die bas ferne, Gestirn umgeben; nur unregelmäßige Schwankungen ber Helligkeit jener fernen Sonne werben registriert, unb seine Apparate verraten, daß bic glühende Materie dort mit unvorstellbarer Geschwindigkeit durch den Raum schießt. Und doch ist das eine unausdenkbar gewaltige Katastrophe fern im Weltall! Eine Sonne, vielleicht größer als die unsere, ist explodiert, eine enorme Ausflutung ihrer Gasmassen sand statt, die zum Teil in den Raum hinausgeschleubert wurden. Ganze Scharen von Planeten sind vielleicht in Mitleidenschaft gezogen, für eine unendlich ferne „(Erbe" und ihre Bewohner mag ber jüngste Tag hereingebrochen sein. „Weltuntergang!" Und das alles ist für uns nur bie Lichtschwankung eines fernen Sternes. Selbst unser Bebauern käme zu spät, beim bie Katastrophe geschah vor siebenhunbert Jahren, aber ber schnellste Bote bes Weltalls, ber Lichtstrahl, ber bie Kunbe bringt, traf heute erst bei uns ein! Oie drei gerechten Kammacher. Erzählung von Gottfried Keller. (Schluß.) Dann aber erhob sie sich von ber (Erbe, strich ihr Kleid, welches sie sorgfältig aufgeschürzt hatte, zurecht und sagte: „Nun ist es wohl Zeit, liebe Freunde! daß wir uns ausmachen und bah ihr euch zu jenem ernsthaften Gange rüstet, welchen euch der Meister in seiner Torheit auserlegt, wir aber als die Anordnung eines höheren Geschickes onsehen! Tretet diesen Weg an voll schönen Eifers, aber ohne Feinschast noch Neid gegeneinander, und überlasset dem Sieger willig die Krone!" Wie von einer Wespe gestochen sprangen die Gesellen auf und stellten sich auf die Beine. Da standen sie nun und sollten mit denselben einander den Rang ablaufen, mit denselben guten Beinen, welche bislang nur in bedachtem, ehrbarem Schritt gewandelt! Keiner wußte sich mehr zu entsinnen, bah er je einmal gesprungen ober gelaufen wäre: am ehesten schien sich noch der Schwabe zu trauen unb mit ben Füßen sogar leise zu scharren und dieselben ungeduldig zu heben. Sie sahen sich ganz sonderbar und verdächtig an, waren bleich und schwitzten dabei, als ob sie schon im heftigsten Laufen begriffen wären. „Gebet euch", sagte Züs, „noch einmal die Hand!" Sie taten es, aber so willenlos und lässig, daß bie drei Hände kalt voneinander abglitten unb abfielen wie Bleihände. „Sollen wir denn wirklich das Torenwerk beginnen?" sagte Jobst unb wischte sich bi? Augen, welche anfingen zu träufeln. „Ja", versetzte ber Bayer, „sollen wir wirklich laufen und springen?" unb begann zu meinen. „Und Sie, allerliebste Jungfer Bünz- lin?" jagte Jobst heulend, „wie werben Sie sich denn verhalten?" — „Mir geziemt", antwortete sie und hielt sich das Schnupftuch vor bie Augen, „mir geziemt zu schweigen, zu leiben und zuzusehen!" Der Schwabe sagte freundlich unb listig: „Aber bann nachher, Jungser Züsi?" — „O Dietrich!" erwiderte sie sanft, „wissen Sie nicht, daß es heißt, der Zug des Schicksals ist des Herzens Stimme?" Unb babei sah sie ihn von ber Seite so verblümt an, bah er abermals bie Seine hob unb Lust verspürte, sogleich in Trab zu geraten. Während di« zwei- verantwortlich; Dr. HanS Thyrivt. — Druck und Derlag: Brühl'sch« LIniverfitätS-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Dieben. Aber vor dem Tore der Stabt sahen seht die Seldwyler Buben auf den höchsten Baumen eine kleine Staubwolke sich nähern und begannen zu rufen: „Sie kommen, sie kommen!" Und nicht lange dauerte es, so kamen Fridolin und Jobst wirklich wie ein Sturmw.nd herangesaust, mitten auf der Straße, eine dicke Wolke Staubes aufrührend. Mit der einen Hand zogen sie die Felleisen, welche wie toll über die Steine flogen, mit der andern hielten sie die Hüte fest, welche ihnen im Nacken saßen, und ihre langen Röcke flogen und wehten um die Wette. Beide waren von Schweiß und Staub bedeckt, sie sperrten den Mund aus und lechzten nach Atem, sahen und hörten nichts, was um fie her vorging, und dicke Tränen rollten den armen Männern über die Gesichter, welche sie nicht abzuwischen Zeit hatten. Sie liefen sich dicht auf den Fersen doch war der Bayer voraus um eine Spanne. E.n entsetzliches Ge chrei und Ge- lächter erhob sich und dröhnte, so weit das Ohr reichte Alles raffte sich auf und drängte sich dicht an den Weg, von allen Selten nef es: So recht, so recht! Lauft, wehr' dich, Sachs! halt dich brav, Bayer! Emer ist schon abgesallen, es sind nur noch zwei! Die Herren in den Garten standen auf den Tischen und wollten sich ausschutten vor Lachen. Ihr Gelächter dröhnte aber donnernd und fest über den haltlosen Lärm der Menge weg, die auf der Straße lagerte, und gab das Signal zu einem unerhörten Freudentage. Die Buben und das Gesindel strömten hinter den zwei armen Gesellen zusammen und ein wilder Haufen eme furchtbare Wolke erregend, wälzte sich mit ihnen dem Tore zu, selbst Weiber und junge Gassenmädchen liefen mit und mischten ihre hellen quiekenden Stimmen in das Geschrei der Burschen. Schon waren sie dem Tore nah, dessen Türme von Neugierigen besetzt warem die ihre Mutzen schwenkten, die zwei rannten wie scheu gewordene Pferde, das Herz voll Qual und Angst, da kniete ein Gassenjunge wie em Kobold auf Jobsten- fahrendes Felleisen und ließ sich unter dem Beifallsgeschrei der Menge mit- fahren. Jobst wandte sich und flehte ihn an, loszulassen auch schlug er mit dem Stocke nach ihm; aber der Junge duckte sich und grinste ihn an. Darüber gewann Fridolin einen größeren Vorsprung, und wie Jobst es merkte, warf er ihm den Stock zwischen die Fuße daß er hlnsturze. Wie aber Jobst über ihn wegspringen wollte erwischte ihn der Bayer am Rockschoß und zog sich daran in die Hohe; Jobst schlug ihm auf b™ Hände und schrie: „Laß los, laß los!" Fridolin ließ nicht los Job packte dafür feinen Rockschoß, und nun hielten sie sich gegenwsestig fest und drehten sich langsam zum Tore hinein, nur SuweckenemenSprung versuchend, um einer dem andern zu entrinnen, ©te meinten, (d)(ud)jten und heulten wie Kinder und schrien in unsäglicher Beklemmung: „O Götti laß los! Du lieber Heiland, laß los, Jobst! laß los, Fridolin! laß los, du Satan!" Dazwischen schlugen sie sich fleißig auf die Hande, kamen aber immer um ein weniges vorwärts. Hut und Stock hatten sie ver °oren zwe7 Buben trugen dieselben, die Hüte auf die Stocke gesteckt, voran, und hinter ihnen her wälzte sich der lobende Haufen, alle Fen- ster'waren von der Damenwelt besetzt, welche ihr silbernes Gelachter in die unten tosende Brandung warf, und seit langer Zeit war man nickt mehr so fröhlich gestimmt gewesen in dieser Stadt. Das rauschende Vergnügen schmeckte den Bewohnern so gut, daß kein Mensch den zwei Ringenden ihr Ziel zeigte, des Meisters Haus, an welchem sie endlich angelangi Sie selber sahen es nicht, sie sahen überhaupt nichts, und so walzte sich der tolle Zug durch das ganze Städtchen und zum andern Tore wieder hinaus. Der Meister hatte lachend unter dem Fenster ge= legen und nachdem er noch ein Stündchen auf den endlichen Sieger gewartet, wollte er eben weggehen, um die Früchte seines Schwankes zu genießen, als Dietrich und Züs still und unversthens bei ihm eintraten. Diese hatten nämlich unterdessen ihre Gedanken zustimmengetan und beraten, daß der Kammachermeister wohl geneigt sein durste, da er doch nicht lang mehr machen würde, sein Geschäft gegen eine bare Summ, zu verkaufen. Züs wollte ihren Eültbrief dazu hergeben und der Schwabe sein Geldchen auch dazutun, und dann waren sie die Herren der Sach läge und könnten die andern zwei auslachen. Sie trugen ihre Ber einigung dem überraschten Meister vor; diesem leuchtete es ^eid) em hinter dem Rücken seiner Gläubiger, ehe es zum Bruch kam, noch schnell den Handel abzuschließen und unverhosft des baren Kauspreises habhaft zu werden Rasch wurde alles festgestellt, und ehe tue Sonne untergmg, war Jungfer Bunzlin die rechtmäßige Besitzerin des L^lna nnh ihr Bräutigam der Mieter des Hauses, in welchem dasselbe lag. chalb tot vor ^cham, Mattigkeit und Merger lagen Jobst und Fridolin in her Herberge, wohin man sie geführt hatte, nachdem sie auf dem freien Felde endlich umgefallen waren, ganz ineinander verbissen. Die ganze Stadt, da sie einmal aufgeregt war, hatte d'e Ursache fd)oni oer nriien und feierte eine luftige Nacht. In vielen Hausern wurde getanzt und in den Schenken wurde gezecht und gesungen wie an den größten Sctoroiilertaqen; denn die Seldwyler brauchten nicht viel Zeug, um jnit Meis^rhand eine Lustbarkeit daraus zu formen. Als die beiden armen Teufel laben wie ihre Tapferkeit, mit welcher sie gedacht hatten, die Torheit der Wett zu benutzen, nur dazu gedient hatte dieselbe in- umvhieren zu lassen und sich selbst zum allgemeinen Gefpott zu machen, wollte ihnen das Herz brechen; denn sie hatten nicht nur den wellen Plan mancher Jahre verfehlt und vernichtet sondern auch den Ruhm besonnener und rechtlich ruhiger Leute eingebußt Jobst der der älteste war und sieben Jahre hier gewesen, war ganz verloren und konnte sich nicht zurechtfinden. Ganz schwermütig zog er vor Taa wieder aus der Stadt und hing sich an der Stelle, wo sie alle : gestern gests en, an einen Kaum. Al- der Bayer eine Stunde sparer da vorüberkam und ihn erblickte, faßte ihn ein solches Entsetzen daß er wie wahnsinnig davonrannte, sein ganze- Wesen veränderte "nd. . man nachher hörte, ein liederlicher Mensch und alter Handwerksbursch tarn X X er 6-»< °'ch, »Id S-««». W i ihm gar nicht den Ruhm, regierte und unterdrückte ihn und betrachtere sich selbst als die alleinige Quelle alles Guten. Nebenbuhler ck'e kleinen Felleisenfuhrwerke in Ordnung brachten und Dietrich oas u che tat, fttelfte fie mehnnals mit Nachdruck feinen Ell- i bogen oder trat ihm auf den Fuß, auch wifchte fie ihm den ©taub von < dem Hute, lächelte aber gleichzeitig den andern zu, wie wenn sie den Schwaben auslachte, doch |O, daß es dieser nicht sehen tonnte. Alle drei bliefen jetzt mächtig die Backen auf und sandten große Seufzer in die । Luft Sie fahen sich um nach allen Seiten, nahmen die Hute ab, wischten ' sich den Schweiß von der Stirn, strichen die ftei geklebten Haare und fehlen die Hüte wieder auf. Nochmals schauten sie nach allen Winden und schnappten nach Lust. Züs erbarmte sich ihrer und war so gerührt, daß fie selbst meinte. „Hier sind noch drei dürre Pflaumen , sagte sie, „nehmt oder eine in den Mund und behaltet sie dann das wird euch erquicken! So ziehet denn dahin und kehret die Torheit der Schlechten um in Weisheit der Gerechten! Was sie zum Mutwillen ausgefonnen, das verwandelt in ein erbauliches Werk der Prüfung und der Selbstbeherrschung, in eine sinnreiche Schlußhandlung eines langjährigen Wohlverhaltens und Wettlaufes in der Tugend! Jedem steckte sie die Pflaume in den Mund, und der sog daran. Jobst druckte die Hand auf seinen Magen und ries: „Wenn es denn fein muß, fofei es ins Himmels Namen!" und plötzlich fing er, indem er den Stock erhob, nut stark gebogenen Knien mächtig an auszuschreiten und zog sein Fellellen an sich. Kaum fah dies Fridolin, so folgte er ihm nach mit langen Schritten, und ohne sich ferner umzusehen, eilten sie schon ziemlich hastig die Straße hinab. Der Schwade war der letzte, der sich aufmachte und ging mit listig vergnügtem Gesicht und scheinbar ganz gemächlich neben Zus her, wie wenn er feiner Sache sicher und edelmütig seinen Gefährten einen Borsprung gönnen wollte. Züs belobte seine freundliche Gelassenheit und hing sich vertraulich an seinen Arm. „Ach, es ist doch schon .sagte sie mit einem Seufzer, „eine feste Stütze zu Haden >m Leben! Selbst wenn man hinlänglich begabt ist mit Klugheit und Einsicht und einen tugendhaften Weg wandelt, so geht es sich auf diesem Wege doch viel gemütlicher am vertrauten Freundesarme! — .-Der Taufend, ei ja wohl das wollte ich wirklich meinen!" erwiderte Dietrich und stieß ihr den Ellbogen tüchtig in die Seite, indem er zugleich nach feinen Nebenbuhlern spähte, ob der Vorsprung auch nicht zu groß wurde, „sehen fie roof)l werteste Jungfer! Kommt es Ihnen allendlich? Merken Sie, wo Barthel den Most holt?" - „D Dietrich, lieber Dietrich , sagte sie mit einem noch viel stärkeren Seufzer, „ich fühle mich oft recht einsam! — Hopsele, so muh es kommen!" rief er, und sein Herz hupfte wie em Häschen im Weißkohl. „O Dietrich!" rief sie und drückte sich fester an ihn; es ward ihm schwül und sein Herz wollte zerspringen vor pfiffigem Vergnügen; aber zugleich entdeckte er, daß feine Vorläufer nicht mehr sichtbar, sondern um eine Ecke herum verschwunden waren. Sogleich wollte er sich losreihen von Züsis Arm und jenen natfjfpringen; aber sie hielt ihn so fest, daß es ihm nicht gelang, und klammerte sich an, wie wenn sie schwach würde. „Dietrich'? flüfterte fie, die Augen verdrehend, „lassen Sie mich jetzt nicht allein, ich vertraue auf Sie, stutzen Sie mich'" — „Den Teufel noch einmal, lassen Sie mich los, Jungfer! rief er ängstlich, „ober ich komm' zu spät und bann abe Zipfelmütze! — Nein nein! Sie dürfen mich nicht verlassen, ich suhle, mir wird übel! jammerte sie. „Hebel ober nicht übel!" schrie er und riß sich gewaltsam los; er sprang auf eine Erhöhung und sah sich um und sah die Läufer schon im vollen Renw>n weit den Berg hinunter. Nun setzte er zum Sprung an, schaute sich aber im selben Augenblick noch einmal nach Züs um Da ah er sie, wie sie am Eingänge eines engen fchamgen Waldpsabes sah und lieblich lockend ihm mit den Händen winkte. Diesem Anblicke konnte er nicht widerstehen, sondern eilte, statt den Berg hinunter, wieder zu ihr hin. Als sie ihn kommen sah, stand sie auf und ging tiefer in das Holz hinein, sich nach ihm umsehend; denn sie dachte ihn auf alle Weise vom Laufen abzuhalten und so lange zu vexieren, bis er zu spät käme und nicht in Seldwyl bleiben könne. Allein der erfindungsreiche Schwabe änderte zu selber Zeit seine Gedanken und nahm sich vor, sein Heil hier oben zu erkämpfen, und so geschah es, bah es ganz anders tarn, als die listige Person es honte. Sobald er sie erreicht und an einem verborgenen Plätzchen mit ihr allein war fiel er ihr zu Füßen und bestürmte sie mit den feurigsten Liebeserklärungen, welche ein Kammacher je gemacht hat. Erst suchte sie ihm Ruhe zu gebieten* unb, ohne ihn fortzuscheuchen, auf gute Manier hinzuhatten, inbem sie alle ihre Weisheiten und Anmutungen spielen lieh. Als er ihr aber Himmel unb Hölle vorstellte, wozu ihm fein aufgeregter und gespannter Unternehmungsgeift herrliche Zauberworte lieh, als er fie mit Zärtlichkeiten jeder Art überhäufte und bald ihrer Hande, bald ihrer Fühe sich zu bemächtigen suchte und ihren Leib und ihren Geist, alles was an ihr war, lobte und rühmte, daß der Himmel hatte grün werden mögen, als dazu die Witterung und der Wald so still und lieblich waren, verlor Züs endlich den Kompaß, als ein Wesen, dessen Gedanken am Ende doch so kurz sind als seine Sinne; ihr Herz krabbelte so ängstlich und wehrlos, wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt, und Dietrich besiegte es in jeder Weife. Sie hatte ihn in dies Dickicht verlockt, um ihn zu verraten, und war im Handumdrehen von dem Schwabchen erobert; dies geschah nicht, weil sie etwa eine besonders verliebte Person war sondern weil sie als eine kurze Natur trotz aller eingebildeten Weisheit doch nicht über ihre eigene Nase wegsah. Sie blieben wohl eine Stunde in biefer kurzweiligen Einsamkeit, umarmten sich immer aufs neue unb gaben sich tausenb Küßchen. Sie schwuren sich ewige Treue und in aller Aufrichtigkeit und wurden einig, sich zu heiraten auf alle Fälle. Unterdessen hatte sich in der Stobt die Kunde von dem seltsamen Unternehmen der drei Gesellen verbreitet unb ber Meister selbst zu seiner Belustigung die Sache bekanntgemacht; deshalb freuten sich die Seldwyler auf bas unverhoffte Schauspiel und waren begierig, die gerechten unb ehrbaren Kammacher zu ihrem Spaße laufen und ankommen zu sehen. Eine große Menschenmenge zog vor das Tor und lagerte sich zu beiden Seiten der Straße, wie wenn man einen Schnelläufer erwartet.