SiehenerAmilienölütter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger )ihrgang l93l Freitag, den y.Zanuar Hummer 3 Auf der Rückseite eines Kalenderblattes. Von Edmund Finke. Die Tage fliehen langsam dahin ganz ohne Freude, ganz ohne Sinn, und läge nicht wo ein kleines Leid gleich einer Krone für dich bereit, damit du unter der pruntenden Last die selige Würde des Schmerzes hast, was tätest du nur mit deiner Welt? du, einsam ans User der Zeit gestellt, ein schwanker Schatten ein schillernder Schein — statt Erz und Ausbruch und Frühlicht zu sein. 0 zweifelnder Mensch, die Zett ist ein Spiel, das den tändelnden Händen der Götter entfiel; nimm deine gleißende Krone aus Leid und wirf sie zurück in die Ewigkeit! Wir sind! das ist alles! Werk und Tat, Erde und Weib und das Kind und die Saat, . was jeder an Haß und Hohn erlitt, hell schwingt es im Aufschrei des Lebens mit: O Erz, o Glück, o heilige Kraft, die am Leide nicht leidet, sondern schafft! Oie Brüder Voisin. Von Fred Walker. Antoine Voisin war ein kleiner Rcgierungsbeamter aus der Umgebung von Paris. Sein Leben war ausgefüllt von seinem Beruf, den Familiensorgen und der Liebe zu seinem kleinen Garten, in dem er jede Stunde seiner freien Zeit verbrachte, um bunte Zierpflanzen zu ziehen. Voisin galt bei seinen Vorgesetzten als tüchtiger, pflichtbewußter Beamter und die Nachbarn priesen seine Biederkeit. Sämtliche verheiratete Frauen des kleinen Ortes beneideten Madame Voisin um ihren Gatten. Wie verwundert aber wären alle diese Leute gewesen, wenn sie gemuht hätten, wie es um Herrn Voisins Innenleben stand. In den Stunden des Alleinseins, wenn er sich mit seinen Heckenrosen beschäf- tigte, seltene Tulpenzwiebeln umsetzte oder seine Rhododendren beschnitt, lebte er in einer eigenen Welt. Niemand ahnte auch, daß Herr Voisin von seinem spärlichen Gehalt schon seit vielen Jahren monatlich einen kleinen Betrag beiseite legte, dah er auf Wein, Tabak und andere Freuden verzichtete, um endlich in den Besitz jener Spmme zu kommen, die ihm den Traum seines Lebens verwirklichen sollte. Fünfzehn Jahre hatte er so gespart und eines Tages sah Voisin fiebernd vor Erregung im Expreß Paris—Monte Carlo. An einem heißen Augustnachmittag, die Stadt war wie ausgestorben und die meisten Hotels hatten geschlossen, betrat Voisin die Räume des Kasinos. Ein freundlicher Herr in schwarzem Anzug, den er stotternd und verlegen nach tausenderlei Dingen fragte, führte ihn zu einer Kasse. Hier gab man Herrn Voisin für die Ersparnisse von 15 Jahren verschiedene runde und viereckige Marken. Der zuvorkommende Begleiter führte ihn noch zu einem der Spieltische und überließ ihn dann seinem Schicksal. Voisin starrte auf die kleinen Quadrate des grünen Tuches und sah verständnislos dem Spiel zu. Neben ihm stand eine elegant gekleidete Dame, die ihn aufmunternd anlächelte. Da besann sich Voisin, daß er hergekommen war, um das Glück zu versuchen, gab sich einen Ruck und schob sämtliche Jetons auf eines der grünen Felder. Er hatte keine Ahnung, was nun geschehen würde, und in seiner Hilflosigkeit blickte er verlegen auf seine Nachbarin. Erst jetzt bemerkte er, dah sie große, dunkle Augen hatte, die whe die Steine leuchteten, die sie um den Hals trug. Und ihr Mund war so rot, wie die schönste der Tulpenblüten aus seinem Garten. Auch Herr Voisin lächelte ihr jetzt freundlich zu und merkte nicht, daß ihn die Leute verwundert ansahen ... Der Croupier schichtete Berge von Banknoten vor Voisin auf. Viermal hintereinander war die Nummer 17 gekommen, auf die Herr Voisin gesetzt hatte und jedesmal ließ der Croupier für ihn das Maximum stehen. Nach dem vierteninal erhoben sich die Croupiers und erklärten, daß das Spiel an diesem Roulettetisch für einige Zeit unter- brachen würde. Herr Voisin hatte die Bank gesprengt. Als Herr Voisin starb, h nterließ er seinen beiden Sahnen, die er in tiefster Abscheu vor dem Spiel erzogen hatte, ein großes Vermögen. Glückliche Spekulationen hatten seinen Gewinn von eirft noch beträchtlich vermehrt. Herr Voisin glaubte, die Gewißheit mit sich ins Grab zu nehmen, daß die Kassen des Kasinos von Monte Carlo keinen Franken der Beute Wiedersehen würden. Wer die Familie Voisin gekannt hatte, war daher sehr überrascht zu hören, daß ein Jahr nach Lern Tod ihres Vaters Hektor und Charles in der weltbekannten Stadt der Spieler auftauchten. Nun, die Leitung des Kasinos hatte jenen Tag nicht vergessen, an dem das seltene Spiel des Zufalls die weiße Kugel viermal zugunsten eines einzigen auf Nr. 17 fallen ließ. Man empfing die Brüder Voisin daher mit ausgesuchtester Höflichkeit und einer stillen Hoffnung. Aber welche Enttäuschung! Die beiden hatten sich ein teuflisches System ausgedacht, um die Bank zu verhöhnen: Wenn Hektor den höchsten Betrag auf Rot setzte, belegte sein Bruder mit der gleichen Summe das schwarze Feld. Auf der einen Seite zog die Bank das Geld ein, auf der anderen mußte sie den gleichen Betrag wieder auszahlen. Manchmal variierten die Brüder dieses Spiel, aber ohne einen einzigen Franken dabei zu riskieren. Die Brüder Voisin waren bald populär, und gespannt warteten die Besucher des Kasinos auf den Ausgang dieses originellen Zweikampfes. Würde Hektor oder Charles zuerst dem magischen Zauber des Roulettetisches unterliegen? Die Croupiers sahen mit stoischem Gleichmut diesem Spiele zu, und die Direktion des Kasinos zeigte sich den Brüdern gegenüber stets von der zuvorkommendsten Seite. Jeder Mensch hat Nerven, das Roulette dagegen war eine Maschine. Für Fachleute war das Ende mit Sicherheit vorauszusehen. * Diese Gesch.chte erzählte eines Tages Herr Berange, einer der Direktoren des Kasinos, dem Oberinspektor Jollivet der französischen Geheimpolizei. Dieser war, nachdem er eine Woche lang als stummer Beobachter das Leben und Treiben in den Spielsälen studiert hatte, bei der Direktion erschienen, um sich über die Brüder Voisin zu informieren. „Hm .. .". sagte er nachdenklich, als Herr Berange feine Mitteilung beendet hatte, „höchst merkwürdig in der Tat ... Sie sind also überzeugt, daß sich wirtlich alles so verhält?" „Gewiß, Herr Oberinspektor." „Wäre es möglich, mit den beiden Herren bekannt zu werden?" Direktor Berange schien unschlüssig, ob er dem Wunsch des Detektivs entsprechen sollte. Dann besann er sich jedoch und gab telephonisch Auftrag, die Brüder Voisin zu ihm zu bitten. „Ich weiß nicht, was Sie vorhaben", bemerkte der Direktor, „aber .ich bitte Sie, auf die Tradition des Kasinos Bedacht zu nehmen. Wir haben bestimmt keinen Grund, die beiden Herren als angenehme Gäste zu betrachten, aber was bedeutet diese kleine Episode für uns?" „Sie haben recht!" stimmte Jollivet zu, „der ungeheure Strom des Goldes kann auch durch die Brüder Voisin nicht zum Stillstand kommen, er könnte höchstens etwas abgelenkt werden." Bevor Direktor Berange noch eine Antwort geben konnte, betraten zwei äußerst korrekt gekleidete, jovial aussehende Herren das Bureau, „Verzeihen Sie die Störung", entschuldigte sich sehr höflich der Direktor und stellte ihnen Oberinspektor Jollivet, jedoch unter Hinweg- lassung seines amtlichen Titels vor. „Ich habe von Ihnen gehört, meine Herren", sagte dieser sehr freundlich, „ja, ich bewunderte Sie sogar. Eine erstaunliche Leistung, auf diese Art den Versuchungen des Spieles zu w'derstehen." Hektor lächelte selbstgefällig: „Sind Sie Journalist, mein Herr ...?" „Nein", entgegnete Oberinspektor Jollivet mit undurchdringlicher Miene, aber zu meinem Beruf gehört es trotzdem, mich für alles zu interessieren." „Und was interessiert Sie so sehr an uns, mein Herr?" entgegnete Hektor merklich kühler. „Die Jetons, die Sie in der Tasche haben" antwortete Jollivet und sprang auf. Mit einem Griff hatte er aus Hektor Voisins Rock eine Handvoll jener kleinen, runden und eckigen Blättchen gezogen, die allein in der Spielbank von Monte Carlo so hohen Wert besaßen. Die beiden Brüder waren aufgesprungen, und auch Herr Berange schien ihre Partei ergreifen zu wollen. „Was soll das heißen?" rief der Direktor wütend aus. Oberinspektor Jollivet nahm eine der beiden Marken und reichte sie Herrn Berange. „Lassen Sie dieses Jeton prüfen — es ist eine vorzügliche Fälschung. Die Brüder Voisin schienen plötzlich großes Interesse für die Tür des Bureaus zu haben, aber das freundliche Lächeln des Oberinspektors war verschwunden und mit einer ruhigen, aber sehr energischen Geste hinderte er die beiden Herren, sich seiner Gesellschaft zu entziehen. ♦ Als Oberinspektor Jollivet einige Zeit später, nachdem tatsächlich festgestellt worden war, daß die Brüder Voisin um ungefähr eine Mil- Hon Franken falsche Jetons bei sich gehabt hatten, den Direktoren eine i Erklärung abgab, lauschte alles mit gespanntester Aufmerksamkeit: Schwester! Es ein und trinkt. Charlotte Glas, betrachtet es einen zimmer der Kaiserin. , ....... Napoleon hatte Charlotte zu einem Sessel gesuhrt und richtete einige oberflächliche Fragen an sic. Da trat ein Lakai ein, der ein Tablett mit Gläsern und einen Krug Orangeade trug. „Wäre mein Sohn nicht noch ein Kind, ich „mürbe ihn nach Mexiko an 'die Spitze der sranzösischen Armee senden." Der Diplomat gab schonungslos zur Antwort: „ „Majestät, danken Sie Gott, daß der Kronprinz noch ein Kmd ist. Ihr Plan wurde zunichte. Angesichts der Gefahr eines durch Preußens Uebermut zerrütteten Europas hatte sie verstanden, hatte sie Der« ^Aber Charlottens Ankunst, ihr Elend, ihre oerftörte Stimme, ihre hilflosen Gesten peitschten ihren Stolz. Sie trat zu Napoleon und bat zitternd: , . _. _ .... „Kann man denn nicht noch einen Versuch machen? Die Cxpeditions- armee noch einige Zeit drüben lassen?" . „ „Ich kann nicht, ich habe dem Staatsrat mein Wort gegeben. schützt die Kaiserin Eugenie. . Napoleon tritt an den Wagen, um Charlotte beim Ausstelgen behilflich zu fein. Sie war groß, gut gewachsen, ein rundes, naives Gesicht, ihre braunen Augen glänzen wie die eines Vogels. Em Kleid aus schwarzem Taft, Spitzenmantille, weißer Hut. Sie scheint erregt Zwei kleine Hofdamen, braun, häßlich, begleiten sie. Die Fürstlichkeiten betreten die Schloßtreppe, gehen in das Arbeits- Marschall Bazaine behauptete, von Ihnen den Befehl erhalten zu haben, den Rückzug vorzubereiten. Wir konnten es nicht glauben. Das ist nicht möglich. Ober, wenn Sie es getan haben, so kennen Sie unsere Lage nicht. Ich bin hier, um Sie barüber aufzuklären. Er gibt Dinge, die nur unter vier Augen ausgesprochen werden können. Ueberbies trauen wir dem Marschall nicht, weder Max noch ich. Seit seiner An- kunst in Mexiko hat er sich gegen uns gestellt ..." Liebe Schwester, Bazaine hat nichts anderes getan, als sich an die Weisungen zu halten, die ich ihm geben mußte, blutenden Herzens geben mußte. Gebieterische Gründe zwingen mich, meine Truppen zu- rückzurusen." ... , ™ . Das ist nicht möglich, Sire! Sie werden uns nicht in dem Moment aufgeben, wo sich unser Thron nach so viel Anstrengungen zu festigen Eugenie fuhr ihn an: „Warum stört man uns? Was machen Sie hier? .Halten zu Gnaden, Majestät, Fräulein Bouvet hat mich beauftragt, die Erfrischung Ihrer Majestät der Kaiserin von Mexiko zu reichen; Majestät ist, wie man uns sagte, gewohnt, täglich um x:-‘" Orangeade zu nehmen." ..Schön," Eugenie nimmt das Tablett entgegen und füllt selbst sie der Besucherin reicht. Charlotte schreckt zurück, sagt ablehnend: „Nein, ich danke, ich habe keinen Durst." „Aber da Sie es doch gewohnt sind — bitte, liebe ist so heiß! Ich werde auch davon trinken." Eugenie schenkt sich ebenfalls ein Glas wendet kein Auge von ihr. Sie hebt ihr Augenblick... , „Man muß das da trinken, nicht wahr?" fragt sie auf eine sonderbare Art. Achselzuckend teerte sie das Glas auf einen Zug. Napoleon und Eugenie sehen sich erstaunt an. Sie wischt die Lippen mit dem Taschentuch, das sie in ihrer Hand zerknüllt, wendet sich bann erst an ben Kaiser, als fürchte sie, er würbe früher nicht sprechen. Sie beginnt, jede Silbe einzeln betonenb: „Sieber Herr unb Bruder, ich komme, um Ihre Absichten Maximilians wegen zu ersahren. Niemanb in Europa weiß von meiner Reise, Weber ber Kaiser von Oesterreich, noch meine Eltern ..." „Marschall Bazaine mußte Ihnen jagen ...*, setzt Napoleon ein — Charlotte unterbricht: , Ich habe vor ungefähr einem halben Jahr schon von dieser feit« ssamen^Gefchichte gehört und mich mit den Brudern Voisin beschäftigt, ^roei Gauner von ganz großem Format, meine Herren! „2[ber es ist doch Tatsache, daß der alte Voistn die Bank gesprengt hat!" warf Direktor Berange ein. ,rt Gewiß" fuhr ber Oberinspektor fort, dieser Teil ber Geschichte ist vollkommen wahr, boch meine Nachforschungen haben ergeben, daß die Brüder bas ererbte Vermögen in waghalsigen Spekulationen unb tn privaten Klubs verspielt hatten. Es war wirklich eine wunderbare 3bee, diese originelle Spielweise zu erfinden. Sie diente natürlich nur dazu, die falschen Ietons unauffällig gegen die echten umzutaufchen. .Aber, wie konnten Sie dies vermuten?" »ÄÄ « KÄS'ÄS» 2 » cÄSÄrÄ-Ksä“ ZL srM'is —---------- I ist bedroht. Preußen hat Oesterreich bei Sadowa besiegt. Morgen wird rtfatih hi» £#ihMtdfltatiDtt einer Kaiserin I vielleicht Frankreich von einem vereinigten Deutschland angegriffen. Ich ©I. Q.IPUO/ OIC A,eiveuefiailPli vihvi 3»« I I nlu& schon jetzt alle meine Kräfte um mich sammeln, und ich wurde mein Von Octave Aubry. k | Land verraten, ließe ich die Veteranen ber Krim unb Italiens sich in einem enblosen Felbzug aufopfern." Wie ein Kind hob Charlotte bie Arme bittenb zum Kaiser empor: , Das ist nicht möglich", wiederholte sie. „Sie kennen die Wahrheit nicht. Bazaine täuscht Sie. Er hat Mexiko versengt und verheert. Er hat tausende von Republikanern ohne Urteil erschießen lassen. Er hat unfern Namen verhaßt gemacht, hat Ihre Fahne besudelt." Napoleon antwortete mit Würde: Es ist keinem Menschen gegeben, was immer seine Verbrechen sein mögen, die Fahne Frankreichs zu bejubeln. Ich werbe alle Hanblungen Napoleon III. hatte ben Erzherzog Maximilian von Oesterreich zur Annahme ber mexikanischen Kaiserkrone zu bewegen vermocht, unter Hinweis auf bie Hilfe, die bas französische Heer, das seit 1861 unter dem Marschall Bazaine in Mexiko stand, der Herrschaft Maximilians gewahren würde. Im Mai 1864 war Maximilian mit feiner Frau, der belgischen Prinzessin Charlotte, in Veracruz gelandet. Einem glänzenden Empfang folgte eine Enttäuschung nach der anderen. Dem Präsidenten Iuarez gelang es, alle Par- lllUytii, „n v***”*“—v- u- - - — . , < rf„ teien auch ben Klerus, gegen bie brohenbe Frembherrfchaft I des Marschalls Bazaine einer genauen Untersuchung unterziehen lassen, -u vereinigen, auch Bazaine, ber offenbar selbst ehrgeizige 1 und, bas verspreche ich Ihrer Majestät, ist er solcher Ausschreitungen Pläne hatte, zog sich vom Kaiser zurück unb räumte auf ben I fcfjulbig, so wirb er sogleich bei feiner Rückkehr vor e«n Kriegsgericht Druck ber Vereinigten Staaten später ganz Mexiko. Maxi- I gestellt werben. Sie sollen Genugtuung erhalten, liebe Schwester, volle milians Frau die Kaiserin Charlotte, wollte Napoleon, den I und ausreichende Genugtuung. Aber denken Sie auch daran: der Mar. wortbrüchigen Verführer, an seine Pflicht erinnern und begab I schall ringt mit einem hinterlistigen und blutgierigen Feind, er mußte, sich deshalb im Juli 1866 nach Paris. In St. Cloud wurde I leider, im Interesse seiner Soldaten, rücksichtslos vorgehen sie von dem französischen Kaiserpaar empfangen, aber Napo- I „Er hat uns verhaßt gemacht unb bas wirb uns Unglück bringen, tote leon, ben bie preußischen Siege in Böhmen heftig beim- I werben es sehen ..." „ „ . , .... ruhiqten, zeigte kein Interesse mehr an bem Schicksal seines I Ihre halberstickte Klage klang so traurig, daß es Eugenie fröstelte.. Schützlings. Als Charlotte auch beim Papst Pius IX. in Rom I Charlotte riß von ber Mantille, die sie auf den Knien hielt, kleine keine Hilfe fand, brach bie Unglückliche, bie ihrem eigenen I Stücke ab. Der Kaiser wollte sprechen. Die Arme hielt ihn mit einer Ehrgeiz nicht mit Unrecht bie Hauptschuld an dem für ihren I Geste zurück. , ,, . , Gatten so tragisch verlaufenen Abenteuer beimaß, in Wahn- I „Wenn Sie Ihre Regimenter zurückziehen, so sind wir verloren, sinn zusammen. Die standrechtliche Erschießung Maximilians | Iuarez hat das ganze Land aufgewiegelt. Selbst die Geistlichkeit unter« durch die Soldaten Iuarez' hat bie unglückliche Fürstin mit stützt ihn jetzt fast überall, biefelbe Geistlichkeit, bie uns bet unserer An- Bewußtsein nicht mehr erlebt. Erst 60 Jahre später erlöste I tun(t in Prozession unter einem Traghimmel empfing. Unsere Solbaten ber Tob bie 80jährige Kaiserin im Schlosse Bouchout in ihrer I werben in ben Hinterhalten ber Jnbios aufgerieben. Da ist fein Strauch, belgischen Heimat. I kein Felsen, hinter bem sich nicht Rebellen verbergen. Wir haben kein Zj.rrl«™ ift W-. 8-6« T,-pp- MM. Sh-L"n«L ÄSfluV»”Ä‘"nuf tun Charlotte, Kaiserin von Mexiko, zu empfangen. Die Hitze ist iah I ) • umkommen (offen? Sie Sire haben uns nach Mexiko ge» menb. Ein kleiner Sonnenschirm aus grüner Selbe mit losem Besatz | $ { ^jnb ber gedrängt hat, die Krone anzunehmen. Sie haben ihm Ihren Beistand versprochen, ben uneingeschränkten Beistanb, bis zum Enbe. Wir finb nach biefem verfluchten ßanbe gereift, wo selbst bie Weihen wilbe Herzen bekomme«. Wir hatten zu Ihnen Ver- Zwei I trauen. Wir haben uns getäuscht." 1 Napoleon schien erschüttert. Nur ein Zucken bes Munbes verriet ab unb zu seine Bewegung. Er konnte nicht nachgeben. Der mexikanische Krieg war — sein Vetter, Prinz Napoleon, wieberholte es bei jeher Gelegenheit, hatte es Eugenie ins Gesicht geschrien — ein Fehler gewesen, ber ein Kaiserreich kosten konnte. Er mußte diesen Bankrott liquidieren, dabei der Welt gegenüber bas Gesicht wahren, unb von ber Zeit, von glücklicheren Ereignissen bie Wieberherstellung bes geschwächten I Prestiges erwarten. ., , ,, ......I Sein Herz würbe von ben beweglichen Bitten dieser Unglücklichen r I durchbohrt. Aber er gab nicht nach. Eugenie wlchte es. Sie wußte, wie diese Stunde I notwendig es war, für Frankreich, für bas .Kaisertum, daß sich die I tlaffenbe Wunbe von Mexiko enblich schlöße. S i e hatte biesen Krieg ge« I wollt Ihre romantische Phantasie hatte barin bas Gegenstück zu bem Aben- ein Glas bas teuer gesehen, bas einst ben Karavellen bes Cortez eine Welt erschlossen ' I hatte Hartnäckig hatte sie alles aufgeboten, bas ungewisse Unternehmen I zu einem Erfolge zu führen. „Das wirb ber größte Gebanke unserer I Regierung sein unb ich, ich habe ihn gehabt!" wieberholte sie zu Pauline 1 non Metternich. Selbst nach bem Bekanntwerben ber ersten Rückschläge hatte sie sich nicht gescheut, bem Gesanbten ber Vereinigten Staaten ein bei und Die Ca- Lucia. Erzählung von Ernst Zahn. (Schluß. 3n der Küche stand ein Eierkuchen bereit. „Wir wollen essen", sagte Lucia. Aber Giorgina murmelte etwas davon, daß nicht mehr Zeit sei. Marco hatte nicht gegrüßt. Er nahm Giorginas Handkoffer, als habe er allein das Recht. ... ~ . Giorgina wandte sich zur Nona, sagte ihr leichthin einen kurzen Dank und ein „Auf Wiedersehen". Dann folgte sie Marco, der schon hinab- gegangen war. Lucia ging ihnen nach. , Die Nona aß ihren Eierkuchen. Sie war ärgerlich, aber ihre Gedanken hatten nicht mehr viel Leben. Sie grübelte nicht lange, was geschehen fei. einer Toten. „ „ m . (Aus dem beim Verlag A. Fayard & (So., Paris Leipzig, erschienenen Buche Aubrys über Napoleon III. vom Verlag genehmigte deutsche Uebertragung besorgte mille Recht.) „Einen Teil wenigstens, Louis!" Auch sie, die sich nicht zu beugen verstand, flehte. Der Kaiser schien einen Augenblick zu zögern. Er preßte, Bangigkeit im Herzen, die Handflächen gegeneinander. Dann faßte er sich wieder. Kriegsminister Randon hat mir gesagt, daß mir in diesem Augenblick, im Kriegsfall mit Preußen, zwei preußischen Korps immer nur ein Korps entgegenzusetzen hätten. Bazaines Truppen müssen vor Ablauf von drei Monaten hier sein. Und während dieser drei Monate sind mir jedem Zufall ausgeliefert." „Drei Ätonate", flüsterte Charlotte. Ihre Augen werden glasig. Eugenie schlug die Hand vors Gesicht, um diesem Blick nicht begegnen zu müssen. „Wir werden also sterben, weil Sie es haben wollen." „Nach all diesen Kämpfen ist Ihre Enttäuschung sicherlich grausam, aber im Alter des Kaisers Maximilian darf man nicht verzweifeln. Warum versteift er sich auf eine jo Übermenschliche Aufgabe? Ich bitte ihn, Mexiko gleichzeitig mit den französischen Truppen zu verlassen." Sie schüttelte einige Male verneinend den Kopf. „Maximilian wird sterben. Er wird nicht fliehen wollen, ein Habsburger flieht nicht." „Das ist keine Flucht, sondern ein Verzicht auf ein Reich, das zu gründen unmöglich war. Europa wird einem so klugen Entschluß, der viel Blut und Tränen ersparen wird, nur beipflichten." Brüsk bricht Charlotte in Lachen aus: „Blut, Tränen, ah, ah, sie werden noch vergossen werden, und diesmal durch Ihre Schuld. Viel, viel Blut. Möge es auf Ihr Haupt kommen." Sie war aufgesprungen, Eugenie eilt entsetzt auf sie zu, will sie bei den Händen nehmen. „Ich leide wie Sie, meine liebe, arme Freundin, haben Sie doch Mut ..." Charlotte stößt sie zurück, so heftig, daß Eugenie fast hinfällt. „Ich will Ihr Mitleid nicht!" Sie wendet sich an den Kaiser, der die Schultern hängen läßt: „Ich bedauere, hierhergekommen zu sein, in diesen Palast meiner Familie. Wie konnte ich vergessen, wer ich bin, wer Sie sind? Das Blut der Bourbonen fließt in meinen Adern, ich habe es entwürdigt, habe einen Bonaparte angefleht. Einen Abenteurer!" Noch ehe der Kaiser und Eugenie sie halten können, fällt sie hin, wälzt sich auf dem Boden, mit zuckenden Gliedern, windet sich in Krämpfen und schreit. Napoleon will um Hilse eilen. „Nein, nein", ruft Eugenie, „warte!" Sie hat ein Fläschchen Kölnischwasser, das sie immer bei sich trägt, entkorkt, und kniet neben Charlotte nieder, versucht, ihre Schläfen mit einem Taschentuch anzufeuchten. Die Unglückliche schlägt um sich. Dann wird sie plötzlich steif, bewegt sich nicht mehr. Sie atmet schwach, mit offenen Augen, aber man sieht nur das Weiße. „Hilf mir doch", sagt Eugenie. Zu zweit tragen sie sie auf ein Ruhebett. Eugenie öffnet Charlottes Kleid. „Jetzt rufe und laß' uns allein, das ist besser." Der Kaiser öffnet die Tür. Fräulein Bouvet und die beiden fjof-- tarnen, die den Lärm gehört hatten, treten zitternd ein. „Rasch einen Arzt", schreit Eugenie. „Doktor Semeleder muß im Schloß sein. Wasser, Riechsalz!" Unterstützt von Gräfin bei Barrio, einer der Mexikanerinnen, reibt sie Charlotte energisch. Fräulein Bouvet bringt Riechsalz. Man hält es der Kranken unter die Nase. Sie niest, wird von einem heftigen Zittern geschüttelt. „Manuelita", sagt sie zu Frau von Barrio, „bist du s? Verlaß mich nicht." Sie sieht Eugenie schaudernd an. Als sich die Kaiserin mit einem Glas Wasser in der Hand über sie beugen will, sähet sie wütend auf. Mit beiden Händen schleudert sie das Glas von sich, das auf das Kleid der Kaiserin fällt, auf dem Teppich zerbricht. „Laßt mich in Ruh', Mörder! Ihr seid Mörder! Weg mit euren Die drei anderen hatten einen seltsamen Weg zum Bahnhof, wo der Zug schon wartete. Keines sprach ein Wort. Marco und Giorgina waren in ihrem Innersten viel mehr aufgewühlt, als sie sich merken ließen. Droben auf der Alpe hatte der Hirt dem Mädchen eine süßschwere Stunde gemacht. Er warf ihr vor, daß sie ihn hintergehe, weil sie nun so plötzlich fort wolle. Sie hatte ihm ein Recht auf sich gegeben, ohne es zu wollen, noch zu bedenken. Leichtfertig wie sie war, hatte sie sich zuweilen von seiner herrischen Leidenschaftlichkeit mit fortreißen lassen. So waren' sie weiter miteinander als Lucia ahnen konnte. Nun wollte er wissen, warum sie nicht dableibe, wann sie wiederkommen und was in Zukunft fein werde.Dah sie bei der Nona und Lucia nicht bleiben mochte, begriff er auf ihre Erklärung hin. Aber was sie fonst sagte, genügte ihm nicht. Sie wollte, wie sie ihm zubilligte, einmal mit einer Freundin auf einer Tour wieder auf die Alpe kommen und bann sollte er sie in Bellenz besuchen, so oft er wolle unb könne. Da sprach er von Heirat. Es müsse doch seststehen, baß sie sich nicht wieder verlieren könnten. Sie machte wie plötzlich ernüchtert eine zurückschreckende Bewegung, was ihn erst recht in Aufruhr brachte. Er umklammerte ihre Hände mit zitternden Fingern: „Nimm dich in acht!" drohte er. Da gefiel ihr fein Ungestüm, und sie be° fchwichtigte ihn, indem sie seine Zärtlichkeit bewußter erwiderte als bisher. Sie verloren sich in ihren Liebkosungen. Aber auf dem Weg zum Bahnhof wurden sie wieder nüchtern und dachten nach. Marco würdigte Lucia weder eines Wortes noch eines Blickes. Sie war in feinen Augen schuld an Giorginas Abreise. Er vergaß, welche Freundschaft ihn mit ihr verbunden. Aber auch seine Zweifel an Giorginas Aufrichtigkeit, an ihrer Ausdauer waren jetzt wieder wach. Wie war es möglich, daß sie vor der Zeit von ihm ging: Giorgina ihrerseits legte die Hand an die Stirne. Sie war jetzt noch mehr froh als vorher, fortzukommen, nicht mehr nur ihrer Gastgeber, sondern auch Marcos wegen. Er war zu ungestüm! Es schmeichelte ihr zwar, daß er ihr so ganz verfallen war. Manchmal reute es sie auch ein wenig, das Abenteuer schon zu beenden. Dann aber mußte sie fast lachen, daß Marco meinte, sie müßte seine Frau werden, sie, die Giorgina Bianchi und der Hirt, der nicht einmal ein Haus hatte! In diesem Augenblick und da sie ihrer eigenen Herkunft so sehr bewußt war, gingen ihre Gedanken nach Hause zurück. Heute abend würde sie wieder in der Wirtschaft des Vaters stehen! Die Bekannten würden kommen, die Kurmacher! Giuseppe Rossi, der Leutnant, und der Advokat Peretti! Sie freute sich. Sie würden sagen, daß sie zu lange fort geblieben, nie mehr soweit fort dürfte. Hm, es war doch ein vergnügtes Leben daheim! Sie ging jetzt wie auf Flügeln. Und als sie in diesem Augenblick in Marcos finsteres Gesicht sah, lachte sie hell aus; er erschien ihr ganz komisch. Sie standen jetzt vor dem Zuge. „Warum lachst du?" fragte Marco in scharfem Ton. „Weil ihr Gesichter macht, als gingt ihr zu meinem Begräbnis", antwortete sie. Dann trat sie aufs Trittbrett. „Addis", fagte sie zu Marco, drückte feine Hand unb sah ihn mit ihren mertroürbigen Augen an, daß ihm war, als lege sie bie Arme noch einmal um feinen Hals. „Ich komme halb", sagte er mit erstickter Stimme. „Abbio Marco", sagte auch Lucia. Er horte es nicht. . Sie zog mit ihren kleinen Händen mühsam ihren kurzen Körper auf ben Wagen hinauf. Sie war gayz betäubt unb verloren. Nur, bah sie bald zurückkommen werbe, fühlte sie. Da pfiff ber Zug schon. Lucia sah, wie Giorgina unb Marco mit ben Blicken aneinanber hingen. Auch schien ihr, als murmle ber Hirt, als der Zug sich in Bewegung setzte, ein „Dio mio" durch bie Zähne. Aber auf ber ganzen Fahrt waren bie zwei Madcken schweigsam. Giorgina schmollte mit Lucia, auch flogen ihre Gebanken schon alle ihrem 3“U an bemfelben Abenb kam Lucia zurück. Sie führte ihren Koffer, eine grüne Holzkiste bei sich, statt bes »ünbels. Sie hatte Bianchi, dem Wirt, gesagt, baß sie nicht bleiben könne. Keine Erklärungen hatte sie gegeben, noch sich irgenbeinem Zureben zugänglich gezeigt, doch zu warten, bis Ersatz gefunden wäre. Auch daß Bianchi grob wurde und ihr die Auszahlung ihres Lohnguthabens verweigerte, machte ihr keinen Eindruck. Sie schleppte selbst ihre Kiste aus dem Hause. Beim Hinweggehen sah sie Giorgina mit dem Leutnant Rossi vor der Tür der Wirtschaft stehen. Er hielt ihre Hand in der feinen und sie schmachteten einander an. Lucia dachte an Marco. Das Herz krampfte sich ihr zusammen. Sie konnte es nicht erwarten, bis sie wieder in Marogno war, obgleich sie nicht wußte, was sie da wollte. Die Nona lag schon zu Bett, als sie ankam. Sie entdeckte ihre Rückkehr erst am nächsten Morgen. Sie war überrascht und stellte sie AUk tRebe. Ich bleibe nicht mehr bei dem Bianchi", war die Antwort. Die andere ließ sich daran genügen. Vielleicht war sie froh, daß das kleine Ding wieder da war. Aber sie schalt sie doch eine dumme Pute. Davon daß Lucia sich anderswo einen Dienst suchen könnte, war indessen keine Rede. Lucia dachte auch nicht an so etwas. Sie hatte die Welt satt, in die sie doch eben erst ihre kleine Nase gesteckt hatte. Sie war ohne irgendeine Hoffnung zurückgekommen. Wie ein geschlagenes Hundlem hatte sie einzig das Bedürfnis, sich in bie Stille zu verkriechen Seit Tagen klang ihr unaufhörlich bas Wort Marcos von ihrer Mißgestalt in ben Ohren. Sie hatte nie in bie Zukunft gebucht, nie etwa gar Marcos wegen sich irgendwelche Hoffnungen gemacht, aber sie hatte sich bem unbestimmten Glücksgefühl überlassen, baß er ba unb gut zu ihr war, hatte sich in bie Kameradschaft mit ihm eingelebt unb sie sich ohne es zu wissen, zum Hauptzweck unb zur Haupifreube ihres Lebens werben taffen. Nun war bas vorbei. Alles schien ihr grau unb öde. Sie war "vr froh, bah sie bie Giorgina nicht mehr sah, bie ihr Marco gestohlen, unb daß dieser selbst sich nicht zeigte. Dann begann sie ein großes Reinemachen im Hause. Den ganzen Tag scheuerte sie von den Kammern im Dach bis hinunter zum Flur. Unb als sie bamit fertig war, hob sie an im kleinen, mauerumschlossenen Garten bas Untraut auszurotten. Sie war immer fleißig, aber nie orbentlicher gewesen, als es die Art ihres Volksschlags Gifttränken!" Eugenie, in eine Ecke geflüchtet, ringt nach Atem. Charlotte beginnt zu meinen, lautlos, große, dicke Tranen über- Suten die Wangen, netzen den halbentblößten Busen. Sie macht keine croegung mehr. Dieser stille Tränenstrom ist erschreckender als die Nervenkrise vorher. Dann sinkt sie plötzlich ohnmächtig in sich zusammen. „Lassen wir sie einen Augenblick", sagt Eugenie. Sie kann nicht mehr, sie setzt sich, gibt auch den drei Frauen Zeichen, sich zu setzen. Sie verharren in Stille, als wachten sie keil, und sie erreichte, daß sie nachts todmüde war, logieioj em,a,iiei unu vor' dem Morgen nicht wieder aufwachte. Ein paar Tage später kam Marco über sie, ais sie tm Garten war. Mit der lautlosen Plötzlichkeit, die seine tuchumwickelten Fuße zulietzen, erschien er an der Mauer, legte die Arme darauf und sah dem rodenden Mädchen zu. Die Stetheit feines Blickes schreckte sie auf. Aber sie lieh ihn stehen, arbeitete weiter und dachte nur, daß er ein eigentümlich abgezehrtes Gesicht habe, wie ein Hungernder. Da fragte er mit einer Stimme, die hohl klang: „Was weißt du verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und »erlag: Brühl fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei.«. Lange. Dieben. 01ei Sie wußte, wen er meinte, und er tat ihr leid. „Ich bin nicht mehr dort im Dienst", antwortete sie. Er schwieg und starrte ins Leere. Sie bückte sich wieder nach dem Grase. . Einige Minuten blieb alles so still, daß sie das Summen der Mucken hörten. . .... . Q„ Dann fragte Marco: „Sind dort viele, die ihr schon tun? SJiele!" sagte Lucia mit gesenktem Blick. Sie wußte, daß sie ihm weh tat und litt darunter: aber sie dachte, daß sie ihm eigentlich die Wahrheit über Giorgina noch viel deutlicher sagen sollte. Wieder trat eine Pause ein. Marco trat durch die Maueröfsnung in den Garten. Es schien Lucia, als ginge ein eigentümliches Schlenkern durch (eine Gestalt, so als wisse er nicht, was er mit seinen Gliedern beginnen solle. „Ist sie — hat sie Liebhaber?" setzte er setzt stockend sein ^Sas Mitleid wallte in Lucia auf. Sie nahm seine Hand wie sie das früher getan. „Mache dir das Herz nicht schwer", sagte sie. „Sie ist so. Sie braucht Abwechslung." , . Er ließ sich einen Augenblick lang ihre Zutunlichkeit gefallen, empfand sie vielleicht sogar ohne es zu wissen als etwas Wohltuendes. Aber auf einmal machte er seine Hand frei und ging. Sie sah ihm erstaunt nach. Er wendete sich dorfauswarts nicht dem Wea nach der Alpe del Bosco zu. Wo er wohl hinging, dachte sie, und sie hatte Angst um ihn, so viel Angst, daß sie vergaß, wie sie eigentlich keine Ursache mehr hatte, sich um ihn zu kümmern. Den ganzen Tag besah sie eine tiefe Unruhe. Sie wachte über dem Weg nach der Alp, aber sie sah Marco ihn nicht gehen. Es ließ ihr keine Ruhe. Gegen Abend stieg sie diesen Pfad hinan: sie mußte wissen ob Marco oben war. Es war ihr, als könne er sich ein Leid angetan haben. Sie fühlte, daß er von der Giorgina wie besessen war. . Schon von ferne hörte sie das Meckern der Ziegen, die gemolken sein wollten. Beim Eintritt in die Alp fand sie die ganze Herde um die Hütte versammelt, zu welcher der Hirt sie immer um die Abendstunde m t seiner Schrillpfeife herunter lockte. Marco der Hund, saß daneben und verwandte kein Auge von den Tieren. Ader als er Lucia kommen sah, stieß er ein kurzes Bellen aus und tarn auf sie Zugefprungen. Sie streichelte seinen Kopf und wußte, daß Marco, der Mann, nicht da war. Ihr Herz war hart in ihr von Sorge. Abn fie trat in die Hütte, holte Melkstuhl und Kessel und molk die Ziegen. Sie kannte alle Arbeit genau, denn sie hakte ja dem Kameraden oft geholfen. Marco tarn nicht » . , L k , ,,, . . Sie aber blieb in der Hütte. Er konnte die Herde doch nicht ganz im Stich lassen, dachte sie. Dann fiel ihr ein, daß er nach Bellenz gefahren ^'"Sie"laß lange wach und sah die Sterne hoch über den Bergen wandeln. Auch als sie sich aufs Heu legte, schlief sie nicht. Marco, der Hund, aber träumte neben ihr und bellte leise im Schlaf. .. Der Tag war noch morgenkühl, als Marco zuruckkam. Sein Haar war so wild wie sein Blick. Er sah aus wie einer, der von vielen Fausten gestoßen worden und ganz betäubt ist. Etwas wie eine instinktive Angst um die Herde, die er im Stich gelassen, hatte ihn unterwegs befallen und er war den letzten Teil des Weges gerannt. Er war aber nicht erstaunt, als er Lucia sah. Sie hatte ihm ja immer geholfen. Doch war sie ihm kaum mehr als ein Lamm in der Herde, die da weidete. Wie em Blitz durchfuhr es ihn, daß sie ihn mit einem schönen mitleidigen Gesicht ansehe. Aber es drang nicht bis in die Tiefe seiner armen Seele Sie wünschten einander guten Tach Lucia berichtete kleinlaut, daß gemolken fei und sagte, er m-ge die Milch forttragen Da stellte er seine Tanke vor die Hütte und schüttete die Milch hinein. Er war müde Lucia Jat), daß er sich mit Mühe schleppte. Aus einmal richtete er glanzlose ^Hast du gewußt, daß es so etwas gibt, so etwas Falsches? fragte er. Sie erhob sich von dem Stein, auf dem fie faß und trat neben it)n. „Quäle dich n cht so!" bat sie leise. „So einer wie du, dem die Mädchen nur so nachlaufen." ... Er verzog den Mund. Die Schmeichelei hatte ihn vielleich früher gefreut Jetzt war ihm nicht ums Lachen. Aber er dachte, ob sie sich auch unter die Mädchen zähle, von denen fie sprach, und bann rührte ihn wieder ihre Schönheit. Es dünkte ihn, als müßte es einem wohltun, ihre Hände zu nehmen. Im nächsten Augenblick jedoch gewahrte er ihren lächerlichen Wuchs, und fie rückte ihm wieder ganz fern. Er nahm die Tanse auf den Rücken und stieg schwelgend an der Berglehne hm nach der Sennerei, wo er die Milch abzuliefern hatte. Lucka sah Ihm nach. Ihr Herz war schwer wie der Stein, auf dem s Er^ kam nach zwei Stunden zurück. Sein Blick glühte jetzt und er taumelte zweimal vor Erschöpfung. „Du mußt dich legen", sagte Lucia und richtete ihm m der Hütte bas Heu unb bie Decke. ..... v Er folgte ihr fast willenlos. „Sie sagt, ich sei — ich könne — ber Vater Bianchi gebe seine Tochter keinem Schafhirten", sprach er, als er sich streckte. „Das wußte ich doch", antwortete Lucia. Da grub er sein Gesicht ins Heu und stöhnte. Aber er fand keine Ruhe. Lucia war hinausgcgangen. ~ Am späten Nachmittag kam er zu ihr, die an einem Felsen stand unb mit einem Zicklein spielte. „Tue mir einen Dienst", sagte er. Sie sah ihn an und wartete, was er begehren werde. „Sage dem Pedrazzini, daß ich fort bin." Sie konnte ihn nicht bitten, nicht zu gehen, obgleich es ihr das Herz zerriß Sie dachte, es werde ihn doch nicht kümmern. Und fie antwortete: Ich will es ihm sagen." Aber dabei wußte sie noch immer nicht recht, was er eigentlich im Sinne hatte und meinte nicht, daß der Abschied so "^r'aber suchte tn der Hütte seine Habe zusammen unb steckte alles in einen Sack, ben er über die Schulter warf. Dann trat er wieder vor bie Tür Sein Blick fiel auf ben Hund. Sein ganzes Elend kam über ihn. „Santo Dio", fluchte er aus der Not feines Herzens heraus. Er konnte aber ben Hund nicht mitnehmen bort, wo er hin wollte Die kleine Lucia vergaß er roieber ganz. Erst, als et schon ein paar Schritte gegangen war, ah er sie, das seltsame, kleine Gewächs ganz verschüchtert drüben stehen, und wurde noch einmal von ber stillen Anmut ihres Gesichtes betroffen. In all feiner inneren Zerrissenheit zürnte er ber Schöpfung, bie unter ihr Haupt einen mißgestalteten Körper gestellt. Er wußte nicht, baß er zürnte und roantm er es tat. Es war ein Aussiackern seiner alten Zuneigung zu der Kameradin: aber bie größere Leibenfchast, die in ihm war flutete barüber hin. Ohne ein weiteres Wort schritt er alpausroarts. ßueia saß und faltete bie kleinen Hände. Ihre Sippen zuckten. Und eine neue Qual bedrängte sie. Es fiel ihr zum erstenmal ein, daß sie ja bie Giorgina nach Marogno bi Sopra gebracht, also eigentlich an allem schuld war An sich selbst dachte sie jetzt kaum mehr, sondern nur an Marcos Armut. Allmählich erinnerte sie sich ihres Auftrags. Der Tag war schon vorgerückt und ber Großbauer Pedrazzini, ber Vorsteher ber Alpgenofsen- chaft wohnte weit. Sie machte sich auf ben Weg. Sie fror, als fie so ging, obgleich es warm unb schön war. Das tarn aus ihrem Herzen. Der Alpvorsteher ließ ein Donnerwetter los begleitete fie aber unb trieb selber bie Herbe ab. Er wollte fie ohnehin nach einer anberen Weide senden, sagte er. Marco, ber Hund, ging nicht mit bem Fremden. Er schaute ben Schafen unb Ziegen nach, wie sie mit einem Hupfen, ein Tier nach dem anderen, hinter den Saum des Alpbodens hinabtauchten, wo der Weg plötzlich'steil sich senkte. Er schien zu ahnen, bah etwas Besonderes ge- schchen sei: benn er winselte leise. Dann toanbte er ben Kopf nach Lucia um, bie einige Schritte ab von ihm ben Abzug ber Herbe ebenfalls beobachtet hatte. ■ , „ . Sie fühlte auf einmal, baß sie und ber Hunb auf ber weiten Hochfläche allein waren. Eine Empfindung unenblicher Leere ergriff sie. Ein Winbzug kam und strich über die Alp. Lucia schauerte in sich zusammen. , . ... , Da berührte eine kühle Nase ihre Hand. Marco, ber Hunb, stieß sie an, als ob er fragen wollte, was nun werben solle Sie steckte bie Finger in sein Halsbanb unb schritt nut ihm fort. Er ^Sie"stteaen langsam nach Marogno bi Sopra hinunter. Lucia dachte, wo Marco wohl hingeraten sei. Dabei kam ihr von Zeit zu Zeit ein Schluchzen in bie Kehle, bas sie verbiß, weil sie bas Weinen nie gelernt hatte und nicht einmal klar darüber war, wie ungüickl ch sie war. Aber der Hund war ihr lieb. Es war ihr ein Trost, daß er da war. Die Nona murrte, als sie heim kam. Ob sie meine, fie tonne bald kommen und bald fortbleiben, wie es ihr beliebe, keifte sie. Und sie stieß sie vor ein Bündel dürre Bohnenstauden, von denen sie die Fruchte pflücken sollte. Aber im Grunde war sie froh, daß sie wieder da war. Selbst gegen ben Hunb hatte sie nichts elnzuwenden, obschon sie spater dann und wann zankte, er fresse mehr, als sie aufzubringen vermochte. Der Alltag ging hin. Das Dörsleln war tobeinsam. Erst im Winter kamen Leute zurück. Lucia betätigte sich in Haus unb Garten. Sie war eine große Arbeiterin, trotz ihrer kurzen Arme. Fegen unb kochen holzen und waschen, jeder Tag hatte (ein Werk. Die Nona murrte und zankte dazu und sagte doch nie ein Wort von einem neuen Dienst für Lucia. Wenn fie fort gewollt hätte, würbe es ihr vielleicht bie Zunge unb bas ^^Luna'höA^ eines Tages, daß Marco, ber Hirt, bei feinen Eltern In Val Berfasca gewesen unb bann nach Amerika gereist sei. Armer Marco! buchte sie. Dann vernahm fie auch, daß bie Giorgina Bianchi mit bem Advokaten Peretti versprochen fei. Aber es hieß, man wisse nicht, ob es eine Heirat gelte. , . n m s Im Spätherbst kam ein Maler ins Dors. Der sah Lucias Gesicht unb gab es einer Madonna, die er für bie große Kirche einer Stabt zu malen hatte Es war so lieblich, baß die Kirchenbesucher es anstaunten unb aus der Andacht Gottes in bie bes Menschleins fielen. Der Maler sagte benen, bie bas Bild lobten: „Wenn ihr mißtet, auf was für einen Körper der Kopf mit biefem Antlitz faß: Unmöglich!" — Manchmal an Sonntagen stieg Lucia mit bem Hunde Marco nach der Alpe del Bosco. Sie lag verlaßen. Aber Lucia lieh sich ins Gras nieder. Der Hund tarn, und fie faßte mit ihren kurzen Armen feinen großen, gelben Kopf. Sie war nicht unglücklich. Sie liebte bas Tier. Es war nie weggelaufen. Es folgte ihr auf Schritt und Tritt. Es schlief vor ihrer Tür Und sie hakte keine Wünsche. Sie brauchte sich auch vor Marco, oem Hund, nicht zu schämen, daß sie fast ein Zwerg war Wenn Marco der Mann, ihr einfiel, ging über ihre dumpfe Seele eine leise Sehn acht. Aber das war nur, wie wenn ein Windlein über einen stillen Waldsee lauft. (Die Erzählung erschien in ber Novellensammlung „Das Licht" von Ernst Zahn bei ber Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart.) war Jetzt aber bemächtigte sich ihrer eine Art Fanatismus ber Sauber- feit, und sie erreichte, daß sie i.achts todmüde war, sogleich einschiies unb vor dem Morgen nicht wieder aufwachte. .