SiehenerMimeMMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1931 Montag, den 8.Iuni Nummer ^4 Eine kleine Nachtmusik. Von Adolf Georg Bartels. Der Wind strich seinen Bogenstrich lieber das Waldorchester, Da neigte jede Blume sich Und tanzte mit der Schwester. Die Birken geigten süß und bang, Die Eichen dröhnten Baß, Der Buchen Cello weich erklang. Es wiegte sich das Gras. Der Wind, die Bratsche unterm Kinn, Strich in die Nacht beglückt. Er rauschte über alle hin Und führte sie geschickt. So, jubelnd über Wald und Tal, Sprang's aus den Musikanten, Ein seliger, klingender Wasserfall Von sprühenden Diamanten. Der Himmel aber, leuchtend, stand, Gold in die Nacht gezogen, Als der Fermate übers Land Hoch ausgewölbter Bogen. Ausflug nach Potsdam. Von Wilhelm H a u s e n st e i n. Sanssouci steht über den Steintreppen des Schloßgartens wie eine Krone. Sanssouci ist nicht ein hohes Gebäude: es ist flach gestreckt, nur Erdgeschoß; darum sitzt es wie ein Diadem über dem emporstrebenden Gcsüge der Freitreppen. Sanssouci ist goldgelb an den Wänden, und in den steinernen Rahmungen um die mit Ocker bemalten Binnenflächen ist es grau: und flrau sind die entblößten Steinfiguren, die mit athletischen Sklavenkräften das Gemäuer sichern und bas Dach tragen — wie auf herrschaftlichen Befehl eingespannt in die niedrige Front. Das Eirund der Dachkuppel über der Mitte ist vom Alter lichtgrün beschlagen; rechts und links ist die Deckung des Daches schwarzes Grau. Weiß gestrichen schweifen sich und kreuzen einander die hölzernen Fechterstäbe. So steht das Schloß, das behauptet, keine Sorgen zu kennen, in der Höhe droben. Lichtgrau leiten die Steine der Treppen hinauf und herab — auf beiden Seiten begleitet vom dunklen, schweren Olivgrün der kugelig und kegelig gestutz- ten Barockbäume und von dem matten Schimmer der Treibhausfenster, die in einer sanften Frühlingssonne blinken wie Milchopal. Vor meinen Füßen hier unten ist das Parkwasser noch gefroren, und die Farbe des Eises ist tot; aber der Bach ist liebenswürdig geschlungen wie ein langsamer und empfindsamer Gedanke, wie ein suchendes Gefühl; über ihm hangen, goldig und rosalila widerglanzenb gegen die niedergehende Sonne des Nachmittags, die Zweige der Weide, in denen die erneuernden Säfte des frischen Jahres schwellen und treiben. Singvögel versuchen eingeschlafene Stimmen; die Amsel formt in starker Kehle den ersten Schrei, dessen unfaßliche Musik die Wonnen eines kommenden sommers schluchzend anmeldet; die Sandwege unter meinen Sohlen sind hell und leicht. . Man kann im Freien sitzen, kann mit Ruhe hinaufsehen und fast schon mit Behagen. Wie schlicht ist das Maß dieses Schlosses dort oben; wenn rin König bescheiden ist, bann wohnt er so. ... unb wenn er eine persönliche Natur hat, bann hinterläßt er einem Schloß unb einem Gefüge von Freitreppen unb einem Park bas Erbe einer Atmosphäre, wie biete hier ist. Denn ganz gewiß: sie ist — man wirb ihrer inne bis zu biefem Tag; sie ist so wesentlich, baß sie beinahe Zestalt hat, wie bas Gebaute, wie bas körperlich Geformte; man tmpfinbet ihre Gegenwart unb Dauer in ben Nerven, in ben Poren, um Augen unb Schläfen... Das Zebernholz an ben gerunbeten Wänben i»er Bibliothek, bie Flöte vorhin unb gar bie weißen Rokokokurven bes Sterbestuhls: wie überzeugte alles — wie war es unmittelbar einleuchtend, unwiberlegt; unb so ist bas ganze Schloß, ber ganze ©arten, so illes bis herein in meinen empfangenben unb leise roägenben Blick. In der Stabt Potsbam versuche ich, zu erster Verstänbigung, den Anschluß an heimatliche Vorstellungen: Potsdam erscheint mir einigermaßen wie Mannheim, wie Ludwigsburg, wie Erlangen. Barock, selbst schon beruhigt, selbst schon halb klassisch gebändigt, leitet zu einer unbedingten Klassik über, bie feit bem späteren achtzehnten Jahrhunbert ein wieber- kehrenbes Beispiel ber Enthaltung, ber roürbigen Zucht ber Tugenb, mit einem Worte: ber „Norm' gab. Wie ist biefe preußische Spielart des Klassischen auf ben Geist ber Bescheibung gestellt — aber wie menschlich auch ist biefe Spielart! Wie sehr ist sie, auch sie, eine Form des „Humanio- ren" I Wollte Gott, wir hätten in unserer Freiheit soviel menschliche Dichtigkeit und Würde wie jene „Untertanen", denen wir unser Mitleid allzu großartig schenken, müssen besessen haben... Die Straßen sind teer unb rein, unb auch barutn entsteht bas Bild einer ruhigen Klarheit. Die Häuser haben zwei Stockwerke, zuweilen drei. Hinter ben Winterfenstern, zwischen zwei Scheiben, zwischen ber Wärme alter Oefen (bie sicherlich aus kaum verzierten ^weißem Porzellan sinb) und ber nach- winterlichen Kühle ber freien Luft, treiben bie Hyazinthen ihre rahm- weißen Wurzeln ins Wasserglas hinab — oben gedeckt mit den vertrauten spitzen Papiermützchen. Auf der Straße kommt eine alte Frau daher — etwa die Witwe eines schlichten Beamten ober Kaufmanns. Sie trägt eine schwarze Samtjacke unb einen schwarzen Samthut — Stücke einer abenteuerlich fernen Mobe, bie aus Sparsamkeit und Not und abseitiger Beharrung weiter- getragen wird. Die Häuser sind weiß unb grau; zuweilen sitzt Rosa ober Ocker bazwi- schen. Das Graue gibt ben Nenner: Lichtgrau, Rauchgrau, Graphitgrau —> Grau in allen Abwanblungen. Sparsam sinb Zierstücke bes späten achtzehnten unb frühen neunzehnten Jahrhunderts über bie Fronten ausgeteilt: jene senkrechten Steinbänber mit Rillen unb korinthischen Häuptern, jene Bänber, bie man Lisenen nennt; Wanbpfeiler, Halbfäulen — vollrunbe Säulen auch, die aber nie ben Charakter ber lleppigteit, fonbern immer ben Stil bes Ernstes unb ber Mäßigung an sich tragen. Hin unb roieber hebt sich bie wohnliche Schönheit eines barocken Knickbaches in ber Weise bes Mansard. Da und bork sitzt eine Muschel nach bem Geschmack bes Rokoko — aber schier unmerklich; mitunter trägt eine Hausstirne ein Steinschilb, bas nach ber mit Asymmetrien fpielenben Laune bes mittleren achtzehnten Jahrhunberts geschnitten und geschwungen ist unb von zwei nackten Steinbübchen wappenmäßig gehalten wirb. Ein andermal sitzen steinerne Schädel von Widdern unb Ochsen an ben Häuserfronten, und zwischen ben Schübeln laufen steinerne Trauerflore, bie ben Ernst ber strengen Trophäen ins Unheimliche kehren... Die Luft bes Tobes weht her. Auf Steinobelisken sitzen mit gemenbeten Hälsen preußische Abler. Ein Haus von ber Würbe letzter Einfachheit bes Klassischen trägt ben Namen: „Königliches Witwenhaus". Die Wanb ist so wenig ins Profil »orgebitbet, baß es als eine bare Fläche anmutet, lieber dem Tor steht bie Zahl 1827; es ist eine Zahl im Gefolge ber Befreiungskriege. * Potsbam ist so „nieberbeutsch", baß man versucht wirb, es „nieber« limbisch" zu nennen. In bieser Stabt gibt es Silber, bie in Hollanb und Flanbern zu Hause zu [ein scheinen. Unb nicht nur Bilder, sondern auch Verfassungen des Wesens überhaupt. Es ist fünf Uhr; ein Glockenspiel hebt an, wie es nur je in Flandern angehoben hat von einem Beifried her. Aber freilich spielt es hier einen protestantischen Choral, und dies, gerade dies, ist unterscheibenb-merkwürdig. Das Protestantische unb bas Soldatische... Da ist eine herrliche Straße; weithin geht sie,' langsam, besonnen, zu beiden Seiten eines recht niederländischen Kanals, ben ein Kaigemäuer aus moosigem Backstein einfaßt; zwischen bem Kanal unb ben Häusern geht je eine schöne Baumreihe mit: Adagio. In Leyden könnte es kaum anders fein, ober in Seift, ober im Haag unb in Amsterbam. Nur baß bie herrliche Straße hier ben unerbittlichen solbatijchen Namen trägt. Er steht an einem anti- kischen Hause mit hoppelten Säulenstellungen unb lautet hart: „An ber Gewehrfabrik". Dies ist Potsbam — es ist aber auch klassisches Potsbam, unb ich konnte mir benten, baß bie Allee schon in ben Tagen Scharnhorsts und Gneisenaus so geheißen hat. Unb wie bem sei: auch bas Nieberlänbische verbleibt. Das Nieberlänbische — bas ist: bie Zeichnung laubloser Bäume von ben stillen Häuserwänben; bie Spiegelung bieser graphisch gegitterten Zweige unb Aeste im Wasser bes Kanals, bas zwischen abenblichem Rosa unb verschüttetem Olivschwarz spielt; bie Ruhe ber Situation, bas Maßstäbliche des gesamten Anblicks; bie leise, schlichte Abgestanbenheit — um nicht zu sagen: Verstorbenheit. Zwischen ben Bäumen stehen einige Platanen, mit bem rauchgrauen Rinbenschorf zwischen bem Blaßgelb bes geschälten Stammes — unb mit einem Male muß ich, heftig fortftrebenb, jäh entfrembet, an ben Silben benten... Aber wieder ist Niederland da, und wieder finde ich mich, neu angezo- aen, im Niederland, in Potsdam. Ich stehe auf einer barocken Brücke und fahle den Abend schwerer und kälter werden. Aber noch enthalten bie Milchglaskugeln über den barocken Tragfigurinen aus altem Stein kem Lampenlicht; sie stehen weiß und mild im vergehenden Rosa und Gold des schönen Abends... Man läuft und läuft — und schließlich findet man von ungefähr das brandrote Viertel, das im echtesten, unmittelbarsten Sinne des Wortes holländisch ist. Reihenweise, alle gleich, stehen Ziegelhäuser, wie sie sonst nur irgendwo in Holland stehen; sie sind rot vom Backstein, und der Backstein ist noch einmal mit roter Oelsarbe überfangen, die nur um so röter brennt, je weißer die Fugen mit Kalk nachgezogen sind. So rot, brandrot, blutrot, stehen diese einfachen holländischen Hauser da — und zugleich ganz ruhig; sie stehen mit den phlegmatischen Giebelkurven des barocken Holland, mit stiller Standfestigkeit, mit einer unabänderlichen Einheit und Gleichheit des Wesens. * Die Garnisonkirche, ockergelb, mit grauen Trophäen und grauen Flammenvasen aus Stern, trägt an der Stirn die Inschrift, die folgt: „Anno 1735 Friedrich Wilhelm König in Preußen hat diesen Thurm nebst der Guarnison Kirche zur Ehre GOTTES erbauen lassen". Heber diese Inschrift, in der die Art dieser Stadt mit lateinischer Kürze und Festigkeit, aber gleichwohl nur zu einem Teil bezeichnet ist, rieseln die Töne des Glockenspiels herab. Vorhin sangen sie in der Glockensprache: „Lobe den Herrn..."; jetzt singen sie: „lieb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab".- ■ , Der Küster ist bereit, noch in der späten Stunde die Gruft des Königs, der diese Kirche bauen ließ, und seines Sohnes aufzuschließen, Friedrichs, dem Napoleon, als er mit seinen Offizieren barhäuptig vor deM Sarg stand, den Ruhm der Größe sicherlich nicht weigerte. Wie nobel ist der weltgeschichtliche Augenblick: die Ehrerbietung dieses Kaisers vor diesem König in der Prunklosigkeit einer Gruft, wo der unscheinbare Zinksarg des zweiten Friedrich ohne Postament auf dem nackten Boden liegt — bescheidener als der Sarg seines Vaters, der doch ein Zuchtmeister in der Enthaltung gewesen ist... Dieser Zinksarg ohne Verzierung, kurz, klein: man fühlt in ihm das letzte Schweigen des Menschen, dem in üppigem Jahrhundert die bescheidene Herrlichkeit von Sanssouci nicht nur genug, sondern der Inbegriff alles Wünschenswerten gewesen ist. * Inmitten der Stadt, an einem Platz, der die Einfachheit eines antiken Forums besitzt, erhebt sich die Nicolaikirche wie ein preußisches Gleichnis des Pariser Pantheons. Das Stadtschloß um das Viereck des Hofes, terrakottafarben mit grauen Haufteinlifenen und grauem Dachschiefer, verleugnet nicht die Einfachheit der preußischen Klassik, und das antikische Haus der Stadtsparkasse gegenüber antwortet mit der kargen Pracht der Halbsäulen im nämlichen Geist. Man geht durch die Dämmerung; zur Rechten bleibt der Exerzierplatz, den das Schloß erblickt — und die Havel mit ihren Uferbäumen und ihrer weichen Kurve und ihrer malerischen Atmosphäre ähnelt so sehr der Seine- landschaft vor Paris, daß man die Watteaus und Lancrets und Paters des Herrn von Sanssouci ein zweitesmal begreift und nun vollends natürlich findet. Oie ältesten Germanen. Von Dr. Johannes Bühler. Heber die Ur- und Frühgeschichte des Germanentums werden jetzt wieder kühne, z. T. phantastische Theorien aufgestellt, die in wissenschaftlichen Kreisen heftig umstritten sind. Da ist es gut, sich vor Augen zu führen, was man wirklich an gesicherten Erkenntnissen aus dieser Epoche weiß, die vor jener liegt, in der zuerst das volle Licht der Geschichte auf dieses Volk fällt. Eine vortreffliche Zufammenfassung der Tatsachen gibt Johannes Bühler, dem wir das große Ouellenwerk „Deutsche Vergangenheit" verdanken, in dem Einleitungsabschnitt seines soeben im Insel-Verlag zu Leipzig erscheinenden Buches „D a s erste Reich der Deutschen . lieber dem Ursprünge der Germanen liegt Dunkel. Wohl leuchten manche Sterne daraus, da ein Wort, ein Zauberspruch, dort ein Fund in tiefer Erde, in feuchter Höhle, hier eine uralte Sage und dann die Berichte der Griechen und Römer, aber all das sendet dem Sprachforscher, dem Anthropologen, dem Archäologen und dem Historiker doch nicht so viel Licht, daß er auf geradem Wege sein Ziel, eine sichere und umfassende Erkenntnis vom Werden und ersten Wachsen der Germanen, erreichen könnte. Selbst auf grundlegende Fragen, wie die nach der Heimat der Jndogermanen, der großen Völkerfamilie, der die Germanen angehören, nach den ältesten Sitzen der Germanen, nach ihrer Stammesgliederung, nach der Herkunft und dem Sinn ihres Namens geben die Fachgelehrten infolge des unzureichenden und vieldeutigen Materials die widersprechendsten Antworten. Aber all die Schwierigkeiten waren besonders für deutsche und skandinavische Männer der Wissenschaft stets nur ein Ansporn zu rastloser Weiterarbeit an der Ur- und Frühgeschichte der Germanen. Manch schönes Ergebnis lohnte die Mühe. So konnte, wenn auch noch viele Lücken offen bleiben, eine Fülle von Einzeltatsachen festgestellt werden, und zudem ließ sich die Gesamtentwicklung des germanischen Volkes in manchen wesentlichen Zügen aufzeigen. Das Wichtigste hiervon sei kurz wieder- gegeben. Keinem Zweifel unterliegt die Existenz der von der Nordsee bis Indien verbreiteten indogermanischen Völkersamilie. Als deren Stammland nehmen die Forscher, die ihre Schlüssel vorwiegend aus der Sprachvergleichung ziehen, das südliche Mittelasien an, während die Archäologen, die von den Ausgrabungsfunden ausgehen, der Ueberzeugung find, daß das Kernland der Jndogermanen im nördlichen und mittleren Europa zu suchen ist. Von hier aus sollen dann der Süden Europas, weitere Gegenden am Kaukasus, in Vorder- und Mittelasien in den indogermanischen Kulturkreis einbezogen worden sein. Nachdem die archäologische Beweisführung durch die neuesten Sprachforschungen in manchen Punkten bestätigt worden ist, darf man nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft die Auffassung, Nord- und Mitteleuropa sei das Entstehungsgebiet des Jndo- germanentums, wohl als die wahrscheinlichste bezeichnen. Als die ältesten indogermanischen Mittelpunkte sind nach dieser Hypothese, für die viele und gewichtige Gründe sprechen, der nordische Kulturkreis in der Norddeutschen Tiefebene und in Skandinavien sowie der an der Donau mit dem nördlichen Alpenvorlande zu betrachten. Die Trager des zweiten waren die Kelten, die des ersten die Germanen. Beide Volker- ämilien sind rassisch miteinander verwandt, doch stellt keine von ihnen, auch nicht in ihren Anfängen, eine reine Rasse dar. Entstanden ist die germanische Völkersamilie wahrend der jüngeren Steinzeit, also etwa in der Zeit von 3000 bis 2000 v. Ehr.; es dauerte dann Jahrhunderte, Jahrtausende, bis die Germanen allmählich das ganze Gebiet des heutigen Deutschland besetzten. Bis gegen Dortmund drangen sie bereits im achten Jahrhundert v. Ehr. vor, im fünften kamen sie bis Köln und im vierten und dritten nach Trier. Die bei Cäsar erwähnten Stämme der Belger und Treuerer scheinen Mischvölker von Kelten und Germanen gewesen zu fein, so daß also hier die germanische Welle zunächst zum Stehen gekommen war. Auch Teile von Mitteldeutschland waren lange Zeit zum großen Teil im Besitze der Kelten. Sie verließen erst zur Zeit Cäsars die Maingegenden, und die Germanen rückten nun bis zur Donau vor. Im Osten bildete noch lange Zeit das Erzgebirge die Grenze gegen die Kelten. Von der germanischen Völkerbewegung der ältesten Vorzeit geben hauptsächlich die archäologischen Funde Ausschluß, die auch die früheste germanische Kulturentwicklung mit ihren Anregungen vom Westen und von den Kelten wenigstens in ihren Hauptzügen erkennen lassen. Zu diesen oft nur allzu spärlichen und vieldeutigen Zeugnissen treten dann allmählich Nachrichten der antiken Kulturwelt über die im Norden Europas hausenden Stämme. Länger schon als tausend Jahre v. Ehr. hatten die Phönizier mittelbare und unmittelbare Beziehungen zum Norden Europas. Sie waren durch den Zinn- und Bernsteinhandel angebahnt. Aber die phönizischen Kaufleute hatten nicht die Spur wissenschaftlichen Sinnes, der den Dingen um ihrer selbst willen nachgeht und gewissenhaft weitergibt, was er darüber erfahren. Diese Händler suchten im Gegenteil die an sich schon ganz unklaren Begriffe, die man über den kalten düsteren Norden hatte, noch mehr zu verwirren. Es sollte eben jeder Konkurrenz die Lust vergehen, in tollem Wagen selbst diese grauenvollen Länder auszusuchen. Was nur orientalische Phantasie und Verschlagenheit an Groteskem und Schauer- vollem ersinnen konnte, fabelten diese geschäftstüchtigen Krämer über die unwirtlichen Gegenden und ihre wilden Bewohner zusammen. Die Berichte der älteren griechischen Literatur über den Norden Europas stützten sich ausschließlich auf solche phönizische Angaben. So unterhaltsam sie zu lesen sind, so viel dichterische Phantasie und Gestaltungs- krast dahintersteckt, so wertlos sind sie für die Geschichtswissenschaft. Verlässige Nachrichten über Land und Leute jener fernen Regionen erhielt die antike Kulturwelt erst um die Mitte des vierten Jahrhunderts v. Ehr. durch den Griechen Pytheas von Maffilia, der die Ergebnisse seiner Forschungsreise nach Britannien und dem Wattenmeer an der deutschen Nordseeküste in einer Schrift „Peri Okeanu" niedergelegt hat. Ist auch dies Werk selbst verloren gegangen, so wurde es doch von antiken Schriftstellern vibl benützt, wodurch manche wertvolle Nachricht des Pytheas erhalten geblieben ist. Der Borstoß der Kimbern und Teutonen um die Wende des zweiten zum ersten Jahrhundert bis in die Provence und an den Pol lenkte die Aufmerksamkeit der Römer ein für allemal auf den germanischen Norden; den „kimbrischen Schrecken" sind sie nie wieder ganz losgeworden. Seit dieser Zeit fliehen die germanischen und römischen Quellen reicher über die Germanen... An die Erklärung des Wortes Germanen ist schon ein ungeheurer Aufwand von Gelehrsamkeit vertan worden. Soviel sich sehen läßt, bleibt es bei Hampes Wort: „Die Deutungsversuche für den Namen Germanen kommen nicht zur Ruhe, so wenig aussichtsvoll es auch ist, sür irgendeine Erklärung allgemeine Zustimmung zu finden." Aber mag die ursprüngliche Bedeutung und Entstehung noch so unsicher fein, für uns bleibt es die Hauptsache, daß unsere Ahnen ihrem Namen schon sehr bald, gleich bei ihrem Eintreten in das volle Licht der Geschichte, einen ganz bestimmten Inhalt gegeben haben: den Kelten und Römern ward er der Inbegriff des Furchtbaren, wie die antiken Schriftsteller übereinstimmend bezeugen. In der späteren Römerzeit trat dann der Gesamtname der Germanen hinter dem der einzelnen Stämme immer mehr zurück. Die Entwicklung zu einem besonderen Volkstum vollzog sich bei den Germanen nicht auf einer einheitlichen nationalen Grundlage, sondern innerhalb einer Gruppe mehr ober minder selbständiger Stämme. Wohl schon von allem Anfang an waren die Germanen in Stämme gespalten, einzelne reichen vielleicht sogar in die vorindogermanische Zeit zurück. Es ist äußerst schwierig, die sriiheste germanische Stam.nesgliederung festzustellen, zumal, da sie mannigfachen Verschiebungen unterworfen war. Manche Stämme zerfielen „bei starkem Anwachsen und Ausbreitung über größere Gebiete in selbständige Teile, wie wir es z. B. bet den Goten beobachten. Anderseits erfolgt ihr Wachstum oft nicht nur durch Geburtenüberschuß, sondern auch durch freiwilligen ober erzwungenen Zufammen- fchiuß Außenstehenber, so bei den Sachsen und Franken, ober durch bte Aufnahme von Unfreien in ben Volksverband, wie mehrmals bei den Langobarden. So verwischt sich der älteste Charakter der Stämme als eines Kreises von Blutsverwandten mehr und mehr, und sie entwickeln sich zu rein politischen Gebilden" (Much). Dazu gingen wohl manche Stämme oder Stammesteile in anderen Nationen auf, wenn sie losgelöst von ihrer Heimat, z. B. im keltischen Gebiet, den Zusammenhang mit ben übrigen Germanen verloren. Auch die innergermanischen Wanderungen brachten manche Veränderungen mit sich. Die älteste, genauer erkennbare Teilung der Germanen ist die zwischen West- und Ostgermanen. Die Gliederung der Westgermanen in die drei iroßen Gruppen der Herminonen, Ingwäonen und Istwäonen ist mehr f ine kultische als politische. Verschiedene der überlieferten Stammesnamen »oben sicher einen frühen Ursprung. George Stephenson — der Bater der Eisenbahn. Zu seinem 150. Geburtslage. Von Gustav Stange. Nachdruck verboten. Eisenbahn und Post, diese beiden lebenswichtigsten Verkehrseinrich- !,ingen, können in diesem Jahre rückblickend zwei Menschen ehrend preisen ds die Bahnbrecher für ihr Werden, Aufsteigen und den Stand, den sie etzt auszumeisen haben. Hat der deutsche Generalpostmeister Heinrich i o n Stephan vor 100 Jahren den ersten Atemzug getan zu einem geben, das nur der Post galt, die er zur Weltmacht erhob, so ist der rsindungsreiche Brite George Stephenson der Mann gewesen, der vor 150 Jahren von einem Höheren zum Wohltäter der Menschheit destellt wurde: Stephenson ist der Vater der Eisenbahnlokomotivenl In Northeumderland, hart an der schottischen Grenze, bei Newcastle in Ty ne, liegt in der öden Grubengegend ein armseliges Dörfchen Wylam, rnb etwas abseits von diesem Flecken des Elends finden wir sehr bald iin zweistöckiges Häuschen, das äußerlich so dürftig und unansehnlich Die nur möglich hergerichtet ist, drinnen ober in Reinheit und Sauberkeit länzt: hier hat die Wiege des Arbeitersohnes George Stephenson gestanden, der am 9. Juni 1781 geboren wurde. Sein Vater Robert und seine Jiutter Bella, die Tochter des Färbers Carr aus Ovingham, hatten kaum das liebe Brot, hatten weder Geld, die zersprungenen Fensterscheiben «parieren zu lassen, noch stand es in ihrem Vermögen, ihre 'Kinder zur Schule zu schicken: alles, was George Stephenson der Welt wurde, machte ir aus sich selbst. Schon mit acht Jahren wurde der etwas zum Träumen neigende, t!>er sonst sehr hellhörige und aufgeweckte Junge zum Mitverdienen nigehalten. Bei einer Witwe hütete er für ganze zwei Pence auf dem Aauerngiitchen die Kühe und entlastete nicht unwesentlich damit den elter- l chen Haushalt. Ein Bächlein floß in der Nähe der Viehweide. George deute sich ein primitives Mühlrad und benutzte als bewegende Kraft den Dampf! Durch die hohlen Stengel des Wasserschierlings leitete er den Dampf, den er durch Anzünden von Steinkohlen in möglichst verschlossenem Raum aus Lehm erzeugte, und entpuppte sich in kindlichem Spiel bereits als künftiger Meister der Technik. Allein, gut Ding will Weile haben: er avancierte äußerst bescheiden wm Hirten zum Pferdeführer beim Pflügen. Hart war diese Arbeit für Jen schwächlichen Knaben, aber sein Gehalt erhöhte sich auf vier Pence! Doch rastlos strebte er weiter und sagte sehr bald dem freien Leben auf lern Lande, wo er nach Herzenslust und mit wahrer Leidenschaft das Sogeöeben in den Nestern belauschte, für immer lebewohl, um an den lästigen Platz zu treten, wo er weltbedeutend werden sollte und wollte. Ja, auch wollte! Denn der Knabe war trotz aller Bescheidenheit doch hmerlirt) so fest auf fein Lebensziel eingestellt, daß er unbeirrt feinen itorsatz in die Tat zu wandeln bewußt sich mühte. Born Kohlenfortierer zum Antreiber des „Maschinenpferdes" und »eiter zum Gehilfen seines Vaters stieg er auf; mit 14 Jahren wurde er pleiter Heizer bei einem Taglohn von einem Schilling, etwa einer Mark, und mit 15 Jahren überflügelte er als „Mafchinenbursche" feinen Bater, ls?n „alten Bob", der rasend stolz auf seinen wackeren Sohn war. Zwölf Schillinge Wochenlohn holte er sich von der Zahlstelle, und im Ton Echslen Glücks rief er prophetisch-fubelnd seinen Arbeitskollegen zu: „Nun iin ich für mein ganzes Leben ein gemachter Mann!" Und er hielt Wort! Nach mancherlei Mühseligkeiten und Widerwärtig- kiten meisterte er das Schicksal. Freilich ging es nicht im Saufeschritt, i- kletterte hübsch bedächtig Sprosse um Sprosse empor; aber als Direktor ter großen Kohlenwerke des Lord Ravensworth bei Darlington durfte ir am Abend seines Daseins von sich sagen: Ich habe es geschafft! Aus eigenen Kräften konnte er es natürlich nicht, denn so naiv -war er teftimmt nicht wie der Alte Dessauer, der einmal gesagt haben soll: „Ich r ufj eine Eisenbahn haben und wenn sie hundert Taler kostet!" Mit hundert Talern war nichts getan, das wußte der Arbeitersohn ganz genau; «□er auch hier zeigte er eine glückliche Hand: er wußte die Männer zu fmben, die nach und nach Interesse für feine kühnen und kostspieligen S läne zeigten und auch das notwendige Kapital in die Sache zu stecken ragten. Allerdings hat er da manches bittere Wort einstecken und manche kalte Schulter sehen müssen! Die einzelnen Phasen feines Empordringens mit all den Enttäuschun- ' k!»n, die die Elemente ihm nicht ersparten, und all den trüben Erfahrungen, die er mit Neidern und Ignoranten, sogenannten Fachleuten und zurückhaltenden Kapitalisten, machen mußte, wollen wir überspringen, um damit leuchtender sein Hauptwerk vor uns nicht erst entstehend, son- d rn entstanden zu sehen: es ist seine nicht zusällig ersundene, sondern Planmäßig erdachte und gefertigte Lokomotive. Am 27. September 1825 wurde die Strecke Stockton bis Darlington eröffnet. Der erste Zug bestand aus einer Lokomotive, sechs kohlen- und Niehlbeladenen Wagen, einem Personenwagen für das Direktorium, 21 Hoffagierwagen und noch sechs Kohlenwagen, insgesamt also 34 Wagen, und durchfuhr die 15 Kilometer lange Strecke in 65 Minuten! Seinen glänzendsten Sieg über Material und Menschen erfocht er aber bei dem p attischen Austrag eines Wettbewerbs auf der zweiten Strecke Man- difter—Liverpool mit „The Rocket“, feiner „Rakete", die mit einer Ttundengeschwindigkeit von 55 Kilometern die gestellten Bedingungen um ein Vielfaches übertraf. Das war eine Großtat, deren enormen Wert wir i«3t erst so richtig zu ermessen vermögen — sie brachte ihm klingenden Lohn und endliche Anerkennung! Viele Geister haben sich vor ihm mit dem Problem beschäftigt, Zug« auf glatt gewalzten eisernen Schienen dampfgetrieben laufen zu lassen — aber allen, selbst einem an sich hochverdienten James Watt, fehlte es an Beharrlichkeit und Können. Der „Kohlengräber von Killingworth", wie man ihn eine Zeitlang hämisch herabfetzte, der sich die Groschen sauer vom Munde absparte, um erst einmal feinen Namen schreiben zu lernen, der Schuhe und Uhren reparierte und als Damenschneider fungierte, der eine patentierte Sicherheitslampe gegen schlagende Wetter konstruierte, er hatte das tückische Chat-Moor, hatte Ebene und Hügel' bezwungen, er ist der Schöpfer der Eisenbahn geworden! In seinem Sohne Robert, der ihm am 16. Dezember 1803 zu Wilmington geboren wurde, sand er einen würdigen Erben. hatte ihn studieren lassen, um ihm ein leichteres Fortkommen zu gewährleisten. Der Sohn hat es dem Vater durch die Tat gedankt; er entwickelte sich zu einem Baumeister ersten Ranges: die Tyne- und die Britanniabrücke sind fein Werk und haben ihn berühmt gemacht. Goethe hat nie eine klare Stellung gegenüber der Eisenbahn eingenommen; er drückte sich recht gewunden und sichtlich ablehnend aus, wenn er Zelter 1825 schrieb: Er sehe in ihr „die Fazilitäten der Kommu-. nitation, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren". Auch Grillparzer und Justinus Kerner gewannen ihr keinen Geschmack ab; aber wir wissen es jetzt, daß der Mann, der zu Tapton House bei Chesterfield am 12. August 1848 nach einem Leben aufreibender Mühen, aber auch reichen Segens starb, recht behalten hat, wenn er kühn feinen Mitarbeitern bei einem einfachen Mittagessen weissagte: „Die Zeit wird kommen, wo man billiger mit dem Dampfwagen als zu Fuß reifen kann. Ich weiß es wohl, man wird fast unübersteiglichen Hindernissen begegnen, doch was . ich gesagt habe, kommt, so wahr ich lebe!" Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) „Ich konnte den Verräter nicht länger ertragen, Pescara! Mit jeder Miene, jeder Bewegung hat mich der Hochmütige beleidigt! 'Nichts als Hohn! Seine Kälte verachtet mich, und feine Verbeugungen spotten meiner. Ich möchte wissen, woher er das Recht nimmt, auf mich herabzusehen. Ich stehe über ihm, trotz feiner hohen Geburt, denn meine Ehre ist rein, und ich bin ein treuer Knecht meines Königs, den (einigen aber hat er verraten! Er ist gezeichnet, und sein glattes Gesicht garstiger als meine Wunde hier! Doch nicht alle Fürsten verachten mich, es gibt deren, die meinen Wert kennen. So dieser verständige Moncada, mit dem ich gereift bin. Der wenigstens hat mich [elftes Vertrauens gewürdigt." Pescara wurde sehr ernst. „Leyva", sagte er, „Ihr gebet mir die Genugtuung, daß ich Euch immer für voll genommen habe. Ich frage nicht nach der Geburt, sondern ich nehme den Menschen, wie ich ihn erprobe. Habet Ihr mich je hochmütig gesehen oder kleindenkend erfunden? Du hast nichts gegen mich, Alter", sagte er zutraulich, „wir kennen uns." Er suchte mit den hellen, grauen Augen die des Mitfeldherrn, der sie ihm aber, den Kopf senkend, hartnäckig entzog. „Nichts", murrte Leyva, „außer daß Ihr Freundschaft haltet mit dem andern. Doch ich habe Eile: Erlaucht schickt mir die Instruktionen nach. Ich besitze dergleichen gerne schriftlich. Leyva tut feine Pflicht. Zählt darauf!" Der Feldherr ließ ihn gehen und streichelte nachdenklich den feinen Kopf feines Windspieles, das ihm denselben in die Hand zu legen gekommen war. Dann trat er in sein Gemach zurück, wo er Bourbon und Del Guasto in einem aufgeregten Gespräche fand, wohl über den Kanzler, denn sie deutete mit den Blicken in der Richtung der Turmgemächer. Der Feldherr lächelte, „Herrschaften", sagte er, „Ihr habet heute morgen eine wunderbare Rede belauscht, und — noch wunderbarer — diese Rede hat mich nicht verführt, aber Euch, meine Zeugen. Meine Treue blieb fest, und die Eurige wurde erschüttert, wie ich glaube: ein Triumph, den der Kanzler nicht beabsichtigte, der ihm aber schmeicheln darf." Jetzt wendete er sich mit veränderter Miene gegen Del Guasto: „Don Juan, ich sah Eure Augen habgierig nach Beute flammen. Danket es mir, daß ich Euch nicht zu Worte kommen und Euern Herrn, den Kaiser, verraten ließ. Denn gerade Ihr, Don Juan, müsset der Majestät unverbrüchliche Treue halten, wenn Ihr nicht ein Verbrecher werden wollet. Treue am Fürsten ist die einzige Tugend, deren Ihr zur Not sähig seid, und der letzte Ehrbegriff, der Euch übrigbleibt. Sie wird Eure Unerbittlichkeit adeln, wenn Ihr diese gegen Abfall und Empörung ausübet, und Eure grausamen Triebe werden der irdischen Gerechtigkeit dienen. Nehmet das als meinen wohlgemeinten Rat, und nun gehet und vermeidet heute die Augen Donna Viktorias. Euer Anblick ist ihnen verhaßt, sie können einen Mörder nicht ertragen." „Einen Mörder?" Don Juan lehnte sich auf. „Einen Mörder. Kennet Ihr Euer Opfer noch nicht? Ich nenne es Euch: es ist Julia, die Enkelin meines Numa Dati, gestorben in Rom am gebrochenen Herzen, und Ihr seid es, der sie umgebracht hat. Ihr geschah wohl, aber das mindert Euren Frevel nicht im geringsten. Fürchtet nicht, daß sie Euch erscheinen werde, sie ist versenkt in die Ruhe und überläßt Euch den Furien Eurer Seele, zu früher oder später Reue." Del Guasto erbleichte. Nicht seine Tat erschreckte ihn, aber der furchtbare Richterernst des Feldherrn, dessen vernichtende Strafgewalt von jenseits des Grabes Zu kommen schien. Er entwich bestürzt vor den Blitzen dieses Auges. „Familienangelegenheiten", bemerkte Bourbon. „Aber weißt du, Ferdinand, daß der Kanzler mich mehr, als du denkst, begeistert hat? Trotz feiner Schmähungen — er ist der einzige, dem ich nichts übelnehme — war er auf dem Wege, mich völlig zu betören, ober Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Berlag: Brühl',che Univerf itäts-Duch. und Steindruckecei. A. Lange, Gießen. vielmehr, du hast mich gehört, da du sagtest, ich sei dein zweites Ich, und du würdest mir Mailand geben. Du hast dich über mich lustig gemacht, und ich Stumpfsinniger habe den Spaß nicht verstanden." „Vergib, Karli Ich war neugierig, ob der Kanzler seinem Herzog Treue hielte. Aber, glaube mir, Karl, auch dir bleibt nichts als die Sache des Kaisers. Der Niedergang Italiens ist unaufhaltsam, es unterhöhlt sich selbst. Besieh dir doch die Sache: Italien bietet sich mir flehend und bedingungslos, mit einem Schein von Wahrheit und Größe, und zugleich zieht es mir mit vollendeter Tücke den Boden unter den Füßen weg, um mich zum Sprung über den Abgrund zu zwingen. Ich begreife bet solchen Gerüchten und Verleumdungen, daß mir Madrid einen Aufseher und Belauschet: sendet. Aber warum meinen Feind? Warum Moncada? Zwar, er wird mir nichts anhaben, und ich werde mein Tagewerk zu Ende bringen, und dir, Karl, werde ich geben, was ich kann, mein Amt und meine Nachfolge... Nicht wahr, Karl, du bist gerecht in Italien? Du quälst es nicht? Du drückst es nicht über das Maß? Das gelobst du mir. Obwohl sie es nicht um mich verdient haben. Ich kenne dich: du gehst menschlich mit ihnen um." „Ausgenommen mit dem Heiligen Vater, der schlecht von mir gesprochen hat. Aber, Ferdinand, was redest du? Du erschreckst mich! Wir sind gleichen Alters, und eine Kugel kann mich vor dir ober uns beide zusammen niedörstrecken. Dieser Moncada ist Mer dich gekommen wie ein Frost, ich sah dich zusammenschauern. Was liegt zwischen Euch?" Jetzt ging die Sonne unter, und es klopfte leise an der Türe. Der eintretende Ippolito wendete sich flehend gegen seinen Herrn: „Erlaucht lasse Madonna nicht warten. Die Tafel drüben ist gedeckt, und Madonna steht harrend auf der Terrasse, wenn sie nicht die Stufen herabsteigt." „Gehe, mein Kind, und sage ihr, ich komme." „Das tue ich nicht", versetzte Ippolito mit anmutigem Trotze, „sonst läßt sich Erlaucht mit Hoheit wieder in ein endloses hochpolitisches Gebrach ein, und die süße Frau wird vergessen." F Der Feldherr litt den Knaben neben sich, und die Unterhaltung mit dem Herzog fortfetzend, um dessen Schulter er vertraulich den Arm geschlungen hatte, bediente er sich der spanischen Sprache, von welcher er wußte, daß sie von dem Pagen nicht verstanden wurde. „Was zwischen mir und Moncada liegt, Karl? Etwas Entsetzliches, ein Verdacht, der für mich eine Wahrheit ist, für welchen ich aber keinen Beweis habe als meine Ueberjeugung. Ich glaube, ja ich bin gewiß: dieser Mensch hak meinen Baker umgebracht." Er glättete die Locken des Kindes, das mit unschuldigen Augen zu ihm emporblickte. „Er war nach der Wende des Jahrhunderts und ich wie dieser hier, jedenfalls nicht älter. Mein Vater, ein guter Feldherr und ein besserer Mann -als ich, ein treuherziger Mann, ging in Sendung des damaligen Vizekönigs, des großen Gonsalvo, der später den spanischen Undank so grausam erfuhr, nach Barcelona, wo der alte Ferdinand eben Hof hielt. Dort erblickte er den letzten Sprossen unser? neapolitanischen Fürstenhauses, jenen unglücklichen Jüngling, der unter dem argwöhnischen Auge Ferdinands welken mußte, mit einem unfruchtbaren Weibe verheiratet. Arglos und unklug, wie der Vater war — ich sage dir, es gab feinen schüchtern Mann — ließ er sich mit dem entthronten Prinzen in ein teilnehmendes Gespräch ein und besuchte ihn dann zuweilen im Palaste. Das reichte hin, ihn dem Könige verdächtig zu machen, und dieser Verdacht genügte, um ihm das Leben abzusprechen. Ich erzähle dir die Sache, wie ich-ste nachher erforscht und zusarnrnen- gebracht habe, da, bei reiferm Verstände und erlangter Menschenkenntnis, die Vergangenheit Sinn und Bedeutung für mich gewann. Es ist höchst - wahrscheinlich, daß der König selbst sein Opfer bezeichnete, wenn auch nur mit einem halben Wort ober einer kurzen Gedärbe. Die Ausführung seines geheimen Spruches aber übernahm ein junger Mensch, ben er um sich hatte unb von dem es hieß, baß er fein natürlicher Sohn fei. Der junge Moncada, kein anderer, begegnete meinem Vater, der von dem Prinzen zurückkam, in einer Galerie des Schlosses unb stieß ihn nieber. Kein Zweikampf, sonbern ein Meuchelmorb, benn die Rechte des Vaters war durch eine alte Verwundung gelähmt. Und Pescara fiel unschuldig, [o wahr ich dich umschlungen hatte, denn nichts tag dem Redlichen ferner als Intrige und Verschwörung. Ist das nicht verrucht? Und vielleicht glaubte der junge Moncada eine Pflicht zu erfüllen unb als guter Christ zu hanbeln, ba er bem Wink einer Königsbraue gehorchte. Ist bas nicht abscheulich? Wäre so etwas bei euch möglich, Karl?" „In Frankreich? Je nachdem. Doch nein, so einfach nicht." „Nach Jahren, ba ich meine ersten Sporen verbient hatte, treffe ich den Moncada im Zelte meines Feldherrn und Schwiegervaters, des Fabricius Colonna. Er umarmt mich, nennt mich feinen jungen Helden, ben aufgefjenben Stern und die Hoffnung Spaniens, unb fein Bück gleitet mit ruhiger Beobachtung über meine Züge. Er versichert mir, ich gleiche meinem Vater, ben er gekannt habe, unb bas Blut erstarrt mir in ben Abern, benn ich hatte bie Gewißheit, baß mich der Mörder Pescaras liebkofend in ben Armen hatte." „Du ließest ihn gehen?" • „Am Abenbe jenes Tages ging ich, ihm das Leben zu nehmen ober ihn das meinige nehmen zu lasten. Er war verfchwunden. Ich konnte ihn nicht verfolgen. Wo hätte ich die Zeit dazu genommen, immer im Zelte unb in der Mitte der Entscheidungen, wie ich lebte? Aber der Geist des gemordeten Vaters folgte mir überall. Später erfuhr ich, der Verhaßte habe sich in irgendeine Kartause geworfen, um eine Sünde zu büßen. Dann ist er jenseits des Meeres, in Kuba, wieder ausgetaucht, wo ihm König Ferdinand reiche Besitzungen verlieh, und hat ben kühnen Cortez nach Mexiko begleitet. Ich bente, um ben ehrgeizigen Eroberer zu überwachen: benn Moncaba lebt in ben Gebauten unb Plänen feines Balers unb ist im Zusammenhänge mit jener fanatischen spanischen Partei am kaiserlichen Hofe, welcher bie Burgunber unb Nieberlänber glücklicherweise bie Waage hatten, lieber das Meer zurückgekehrt, hat er sich ein Verdienst daraus gemacht, durch sein verborgenes Wirken Neuspanlen der Krone erhalten zu haben, unb steht in halb gefürchtetem Ansehen, auch bei dem Kaiser, seinem Neffen. Jetzt ist er in Italien, um mich zu unterjochen oder zu verderben. Das ist Moncada." „Weiht du, Ferdinand", sagte Bourbon, der aufmerksam gelauscht hatte, „ich hätte dir längst gern einen Gefallen getan. Räche ich dir ben Vater und schaffe dir zugleich den Feind vom Halse? Nicht durch Meuchelmord, bas ist nicht meine Art, sondern in geregeltem Duell, zu welchem ich schon einen Anlaß finde. Ich gefährde mich nicht, denn, ohne dir nahe- zutreten, du gibst zu: wir Franzosen fechten besser als ihr Spanier. Du bleibst außer Spiel, unb mich schützt meine fürstliche Geburt. Willst du? Ich bin zu beiner Verfügung." Da antwortete Pescara mit fast verklärten, bläulich schimmernden Augen: „Nein. Es ist zu spät. Ich denke jetzt anders und gebe den Mörder der ewigen Gerechtigkeit." Bourbon bückte erstaunt. Pescara aber nahm Ippolito an der Hand und sagte: „Nun dürfen wir Madonna Viktoria nicht länger warten lassen." Er gab dem Herzog den Vortritt. Auf der Wendeltreppe fragte er den Knaben: „Die Herrin ist dir schon so lieb, die du heute zum ersten Male gesehen hast?" „Sie war gleich so gütig", erwiderte Ippolito, „unb ihr sah bie Schwester ähnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll", — helle Zähren riefelten ihm über die Wange —> „weil sie, wie mir der Großvater erzählte, in einem römischen Kloster ist unb dort die Gelübde abgelegt hat. Unb sie war sonst so fröhlich, bie Julia, aber freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte bas, während sie ins Freie traten. „Ich flehe, mich der erlauchten Frau vorzustellen", bat der Konnetabek. »Jüngst fand ich, ein Buch öffnend, bie Natur habe das Herrlichste gebildet und bann die Form zerbrochen, damit Viktoria Colonna einzig bleibe. Ihr gönnet mir den Anblick?" Sie beschritten ben langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorwärts strebende weibliche Gestatt riß sich von einem Manne los, der ihr zu Füßen lag. In demselben Augenblicke schrie Ippolito: „Dort ist der böse Zauberer, er will der Herrin ein Leides tunl" unb eilte spornstreichs Donna Viktoria zu Hilfe, während der Kanzler von den Knien auffprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand. ’ Die Befreite eilte bem lächelnben Gemahl mit schnellen Füßen entgegen unb mit einem so jungen unb kräftigen Erröten, baß Pescara sie niemals schöner gesehen zu haben glaubte. Während ihr Gewand noch flog, sagte bie nicht einmal außer Atem Gekommene: „Ein Flehender hat mich überfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu führen: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen, da er sich in Zweifel und Erwartung -verzehre." „Er hat feine Fürbitterin gut gewählt, Madonna", versetzte der Feldherr, „aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, bah ich Euch die Hoheit Bourbon vorstelle." Äiktoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Ausdruck frauenhafter Teilnahme nicht. Der Herzog ließ nicht im geringsten merken, daß ihn der kniende Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig unb hielt sich fein unb stolz aus Rücksicht für Pescara unb im Bewußtsein feines schmachvollen Ruhmes, bas ihn nie verließ. Er berounberte die Schönheit Viktoriens, ohne fein dunkles Auge auf ihrem Antlitz ober ihrem Wüchse ruhen zu lasten. Er schmeichelte nicht, er streute keinen Weihrauch, sonbern er sagte einfach: „Ich freue mich, Mabonna Viktoria zu erblicken, bie Gattin meines Freunbes, bes Marchese, unb hulblge ihr nach Gebühr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken gehend in ein leichtes unb gefälliges, aber unbebeutenbes Gespräch, und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schieb unten an der Treppe bes LaNbhauses mit ruhiger Höflichkeit. Viktoria, so bescheiben sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewöhnung, denn ihr pflegte von den Berühmtheiten der Zeit auf das übertriebenste gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und belächelte ihre Enttäuschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon wachsenden Dämmerung. Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Viktoria ließ es sich nicht nehmen, selbst bem Gemahl bie Speisen vorzulegen, er aber rächte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Früchten unb Naschwerk erblickte er eine von seinem Zuckerbäcker kunstvoll geformte Mandelkrone. „Siehe ba", scherzte er, „etwas für meine ehrgeizige Viktoria!" Er bot sie ihr, bereu Herz zu pochen begann. Sie erhoben sich und betraten bas Nebenzimmer, bas eine schwebende Ampel gleichmäßig erhellte unb in seinem noch frischen Schmucke schimmern ließ. An den Wänden liefen Kinder mit Blumenkränzen, während das Lattenwerk der Decke in feinen Feldern grau auf Goldgrund gemalte Heroenbüsten zeigte, eine willkürlich gewählte Gesellschaft, auf den vier ampelhellen Mitelfeldern: Aeneas, König David, Herkules und Pescara. Das ganze Gerät war ein Ruhebette, dessen Rücklehne in ihrem Kasta- nienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug: „Hier muß man plaudern." „Wie kommt es", fragte Viktoria, sich neben Pescara nieberlaffenb, „daß mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen Eindruck macht, daß er mich — geradeheraus gesagt — abstößt?" „Der Arme!" scherzte Pescara. „Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der garstige Leyva unb bie schöne Viktoria fühlen sich gleicherweise von bem Kapetinger beleibigt, der sich doch gegen beideunsträflich benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muß sich etwas zwischen ihn und jeden andern, wer es sei, einschleichen, unb ich glaube wohl, dieser entstellende Dunst unb verhäßlichenbe Nebel ist ein Verrat ober welchen Namen man dem Abfall von seinem Könige geben will." Eine leichte Blässe überzog bas Antlitz Viktorias. (Fortsetzung folgt.)