GiehenerKimilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Zreitag, den 8. Mai Nummer 3b Adelaide. Von Friedrich M a t t h i s s o n. Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, Mild vom lieblichen Zauberlicht umflossen. Das durch wankende Blütenzweige zittert, Adelaide! In der spielenden Flut, im Schnee der Alpen, In des sinkenden Tages Goldgewölken, Im Gefilde der Sterne strahlt dein Bildnis, Adelaide! Abendlüfte im zarten Laube flüstern, Silberglöckchen des Mais im Grase säuseln, Wellen rauschen und Nachtigallen flöten: - Adelaide! Einst — o Wunder — erblüht auf meinem Grabe Eine Blume der Asche meines Herzens, Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen: Adelaide! Die Schöne an der Rheinebene. Bon K. fy. Ruppel. Copyright 1930 by I. L. A. Wien. Eine Nachts bricht die Blüte in den Apfelbäumen aus. Abends vielleicht sah man noch die Knospen, am obern Rand schüchtern ein wenig geöffnet, einen kleinen duftenden Kreis, in dem zart und bebend, ergriffen vom Wunder seiner Wcltbegegnung, der Blütenkern stand, umgeben von den feinen Gitterstäben der Staubgefäße, und über dem Ganzen war, fast merkbar, eine Spannung, «ine leis« und heimliche Erregung wie vor einem Fest. Und nachts bricht das Fest aus ... Es scheint merkwürdig, daß die meisten Blüten über Nacht kommen. Aber zweifellos ist darin eine tiefe und geheime Vernunft wie in allen Wundern. Die Stunde des Blütenaufbruchs ist ein« beginnliche, schöpferisch Weltstunde. Die Natur liebt es nicht, ihre Anfänge zu zeigen. Die jungen Tiere kommen in der Nacht zur Welt, und zu der Dunkelheit des Himmels suchen die trächtigen Mutter noch den dunkelsten Winkel des Stalles ihrem Geheimnis hingegeben und ihrer Not. Jede Art des Zur- weltkommens ist eine Sache der Einsamkeit, darum kommt auch die Blüte in der Nacht zur Welt. Aber sie bleibt nicht lange verborgen, wie gesagt, sie macht aus ihrer Geburt sofort ein Fest, sie durchleuchtet die Nacht mit ihrer Farbe, sie illuminiert die Bäume mit Millionen von weißen Lichtern und verströmt ihren Duft in den leisen Morgenwind, der sich in die Luft mengt, kaum merkbar und mit einer ganz geringen Süße. Von diesem Blütenwunder, das sich durch Monate hindurch fast alle Tage erneuert, bekommt die Bergstraße ihr verführerisches und ermüdendes Wesen. Es beginnt im Februar mit den Mandelbäumen, die ihr zartes und etwas verlegenes Rosa schüchtern zeigen, dann bricht die strahlende Parade der Kirschblüte herein, die einen weißen Staub wie zcrsprühenden Schaum von Wellenkämmen über die Abhänge breitet, die Aprikosen- und Pfirsichbäume folgen ihr mit einer sehr vornehmen Blüte, die etwas gebrechlich und äußerst zart in der Form ist, ober von einem adeligen, strahlenden Glanz der Farbe, durchsichtig und von innen leuchtend. Und dann, nach einer Pause, kommt das schäumende rotgetupfte Weiß der Apfel- und Birnenbäume mit dem verwirrenden und erschlaffenden Zauber seines Duftes. In dieser Zeit wird die Bergstraße eine kampanische Landschaft. Wer einmal mehrere Jahre den Frühling dort mitgemacht hat, kann verstehen, weshalb sich die Pumer und Feldherr Hannidal in Süditalien „verliegen" mußten: dem süßen, ermüdenden und bestrickenden Klima ist nicht zu entrinnen, es lahmt einfach die Entschlußkraft, die dazu gehört, um sich aufzumachen unter einen Strich klaren, kaltem Windes. , Die Bergstraße von Darmstadt bis Weinheim etwa, ist die Fruhl,ngs- landschaft Deutschlands. Sie ist nicht charaktervoll wie der Harz seelisch reich wie das fränkische Land oder von komischer Romantik erfüllt wie die Sächsische Schweiz. Ihre Wirkung geht ganz auf die Sinne, sie ist weich und sehr weiblich: sie hat sich völlig von den Menschen bezwingen lassen, ihre Schönheit bedenkenlos preisgegeben, aber adlig wie ste ist und von höchster Anmut, trägt sie die Dörfer und Städtchen, die Landhäuser und Villen, Bahnhöfe' und Hotels wie einen kostbaren Schmuck. Es gibt keine zweite deutsche Landschaft, die so unverschlossen wäre wie die Bergstraße; von allen Seiten ist sie begehbar und befahrbar, und längs der großen Eisenbahnlinie Frankfurt—Basel liegt sie völlig offen. Es gibt dort alle Arten von Straßen, vom simplen Feldweg bis zur gendarmenbewachten, benzinüberwölkten Landstraße, aber merkwürdigerweise empfindet man dort den Einbruch der Zivilisation noch nicht störend, im Wesen der Bergstraße ist ein mondäner Zug, der, ausfallend genug, ihr allein eignet und von dem man in dem morgendlich klaren und hellen Odenwald, dessen westlicher Ausläufer sie doch ist, keine Spur findet. Das Offene und Uebersichtliche der Bergstraße macht es fast überflüssig, sie zu durchwandern, und es gibt genug landschaftliebende Menschen, die der Bergstraße gegenüber so gleichgültig bleiben wie bei einer Frau, an der kein Geheimnis mehr ist. In der Tat ist es möglich, im Kraftwagen zum Beispiel die Bergstraße von Darmstadt bis Heidelberg gut genug kennenzulernen; denn sie hat reine Silhouetten, kaum eine Tiefenwirkung. Gewiß gibt es dort Täler von einer fast beispiellosen Lieblichkeit wie das Stettbacher oder Balkhäuser Tal bei Jugendheim, aber sie öffnen sich alle nach der Rheinebene zu wie die sanften und freundlichen Berge, deren Anstieg ausnahmslos von da beginnt. Auf diesen Hängen wächst auch etwas Wein, aber Trauben kommen erst im Herbst, und die Bergstraße erfüllt sich im Frühling, darum ist auch dieser Wein das sauerste Gewächs in dem süßen Land, keiner, der einem die Lippen zusammenzieht, Gott bewahre, ein wenig säuerlich nur. Sauer wird er erst durch die Umgebung, und wüchse er statt zwischen Auerbach und Bensheim etwa bei Wurzen in Sachsen, man würde ihn für schieren Nektar trinken. Ueberhaupt ist einem der Ertrag der Bergstraße, sofern man nicht davon lebt, ziemlich gleichgültig, sie ist eine Gegend, in der die Blüte eine Art l’art-pour-l’art-(3rünbjag ist — la vie en fleurs, das übrige fällt gar nicht ins Gewicht. Ein Blütenland, ein Frühlingsland... Wer sich müde und abgespannt fühlt, soll nicht an die Bergstraße fahren. Es kann leicht sein, daß sich die Ermüdung dort festsetzt, und man hegt sie dann, zärtlich und mitleidig, vielleicht noch ein wenig ironisch wie eine vornehme Krankheit, bezaubert und eingeschläfert von der weichen, streichelnden Luft. Dagegen kann jemand, der aus einer starken Spannung kommt, dort jene sehr erquickende und heilsame Ermüdung finden, die dem Körper wohltut und den Geist gerade so weit entrückt, daß er in Form und Farbe und Bild der Landschaft die Begrenzung des Wirklichen erkennt. Dann beginnt die leise Verwandlung, die die Erscheinung und die Dinge identisch macht, die Frageluft aufhebt und jene Ruhe gibt, die es möglich macht, in einem heraldisch blauen Himmel kein Gleichnis mehr, sondern nichts als ein Farbenwunder zu sehen. Oie Abenteuer des Kochs Assad. Legende von Selma L a g e r l ö f. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. In Kairo in Aegypten lebte vor mehreren hundert Jahren «in armer Koch, namens Assad. Er war der wohlmeinendste Mensch, den man nur treffen konnte, und da er überdies sehr geschickt in seinem Fach war, hätte man erwartet, daß er in irgendeinem vornehmen Haus angestellt würde, wo man feine Diener jahraus jahrein behielt und ihnen einen guten Lohn zugestand. Aber so kam es keineswegs. Zu Anfang feiner Laufbahn bekam der Koch allerdings einige vortreffliche Stellen, aber er verlor sie gleich wieder. Und immer ging es auf dieselbe Weise zu. Der arme Koch, der eine alte Mutter und eine junge Frau zu erhalten hatte, sah sich genötigt, mit immer schlechteren und schlechteren Posten vorlieb zu nehmen und schließlich mußte er sich bequemen, bei Said Esfendi zu dienen, einem alten Geizhals, der sein Vermögen durch Wucher und Sklavenhandel erworben hatte und in dem denkbar schlechtesten Ruf stand. Dieser Man war wie alle anderen überglücklich, als er merkte, daß sein Koch Speisen bereitete, wie sie einem Großvezir angestanden hätten. Er wußte, daß Assad unzählige Male den Herrn hatte wechseln müssen, aber er gelobte sich selbst, daß er nie die Dummheit begehen würde, ihn zu entlassen. Das Unglück wollte es jedoch, daß in Said Effendis Haus zwei Backofen waren, der eine war neu errichtet und wurde jeden Tag benützt, der andere hingegen war so alt und zersprungen, daß er gar nicht mehr in Gebrauch genommen wurde. Kein Koch in Said Estendis Diensten hatte ihn auch nur eines Blickes gewürdigt, aber Assad war noch nicht lange im Hause, als er in diesen alten Ofen guckte, der dicht vor der Küchentüre stand und einem hohen weißen Bienenkorb ähnelte. Er fand ihn bis zum Rande mit Kehricht und Fetzen angefüllt, und da er ein überaus ordnungsliebender Mann war, geriet er ganz außer sich. „Mag fein, daß dieser Ofen hier nicht mehr benützt wird", sagte er, „aber cs ist doch auf jeden Fall ein Backofen- und es ist eine wahre Schande, daß man ihn als Mistkiste benützt. Said Effendi wäre mit Recht erzürnt, wenn er einen solchen Unfug entdeckte. Kaum war er auf dem warmen Sandbett eingeschlummert, als er im Traum sah, wie die Türe der Grabkammer sich öffnete und ein kleiner buckliger Alter auf der Schwelle erschien. Seine Gedanken waren so klar, als wenn er wach gewesen wäre, und er entsann sich sofort, dah der fromme Mustafa Halil bei Lebzeiten bucklig gewesen war. Er zweifelte also keinen Augenblick, dah es der Heilige selbst war, der sich ihm schlafen. „Ich muh mich niederlegen und ein Weilchen ruhen", dachte er. „Es hat ja keinen Zweck, in der Dunkelheit ^zu arbeiten. Sowie ich mich Seltsamerweise schien Mustafa Halil im höchsten ®rab gereizt zu fein. Er schwang einen langen Wanderstab durch die Lust, sein alter Kopf wackelte vor Erregung und aus seiner Kehle drang em Heulen, das nicht drohender hätte klingen können, wenn ein Lowe oder eine Hyäne es ausgestohen hätte. „Was soll das heißen, Wanderer, daß du den schützenden Sand von meiner Wohnstätte entferntest? „Damals, als der Weg zu meinem Grabe noch offen und leicht zu befahren war , fuhr der Heilige fort, „war es ein Zufluchtsort für eine Schar roher Räuber. Diese Gottlosen machten mein Haus zum Schauplatz ihrer Trinkgelage und Ausschweifungen. Nun seit der barmherzige Sand den Weg hierher schwerer zugänglich gemacht hat, kann ich in Ruhe schlummern. Glaubst du, ich wünsche mir, dah der frühere Zustand wieder eintrete? Glaubst du es wäre mir nicht am liebsten, wenn der ganze Bau vom tooni) bedeckt wäre? O du Missetäter! Ich sehe kein anderes Mittel zur Verhinderung deines bösen Vorsatzes, als dich unter dem Sande zu begraben, so daß du nie mehr das Licht des Himmels.schauen kannst.' Kaum war dies gesagt, als der entsetzliche Alte sich über den Träumenden beugte und Saud über ihn zu schütten begann, ohne dah dieser imstande war, ein Glied zu rühren, um dem sicheren Tode zu entgehen. „Was um Himmels willen soll ich tun?" dachte der Koch. „Wie wird es mir ergehen? Mustafa Halil wird sicherlich seinen Vorsatz ausfuhren und mich lebendig begraben." Wie um die Gefahr noch furchtbarer zu machen, erschienen in diesem Augenblick drei neue Personen, zwei Männer und eine Frau auf dem Platze vor dem Grab, alle drei mit riesengroßen Schaufeln bewaffnet. Mit flatternden Gewändern eilten sie zu Assad heran, kreischend vor Freude über das Unglück, das ihm zugestoßen war. „Erkennst du mich, du Ungetüm von einem Koch?" rief die Frau. „Ich bin jene Fatima, die einst das Unglück hatte, dich im Hause zu haben. Mein Sohn hatte eine schwere Ohrenerkrankung gehabt, doch sie war schon fast ausgeheilt, als du dir herausnahmst, ihm eine furchtbare Ohrfeige zu versetzen. Da kam das Uebel wieder, und jetzt ist er für fein ganzes Leben taub. Ich will gerne behilflich fein, dich zu begraben." Und sie begann den auf dem Boden ausgeftredten Träumer tn rasen- der Eile mit Sand zu überschütten. Der arme Assad, der ein guter, mitleidiger Mensch war, konnte nicht umhin, Schmerz über das Unglück zu fühlen, das er angeftiftet hatte. Er wurde von solcher Reue befallen, I daß er beinahe den Tod zu verdienen glaubte, der ihm drohte. „Laß mich auch bei diesem guten Werke mit helfen", sagte der andere der Neuankömmlinge. „Du kennst mich doch, Freund Assad, ich bin Selim Bey, dein erster Herr. Eines Tages war ich sehr betrübt, weil mein bester Freund mich betrogen hatte, ich gedachte mich mit Wein zu berauschen, um seine Missetat zu vergessen. Aber du hieltest mich ab. Mein Zorn wurde nicht gestillt, und als ich ihm das nächftemal begegnete, schlug ich ihm eine tätliche Wunde. Nun wage ich mich nicht mehr in Kairo zu zeigen. Ich bin ein vogelfreier Wüstenräuber geworden, und I all das ist deine Schuld." ' Damit schleuderte Selim Bey mehrere Schaufeln Sand auf den | Liegenden. I „Nein, überlasse auch mir etwas von der Arbeit", rief Said Effendi, I der der dritte im Bunde war. „Du heuchlerischer Schurke, du hattest I natürlich den Schuldschein entdeckt, der im Backofen versteckt war. Das Feuer legtest du nur an, um zu bemänteln, daß du ihn gestohlen hattest. I Du Betrüger mit deinem scheinheiligen: ich dachte, ich glaubte — ich I werde dir schon einiges für das Denken geben!" I ,Du sollst wenigstens nie mehr Gelegenheit haben, dich in das zu mischen, was dich nichts angeht", zeterte die Witwe und warf gleichzeitig I eine große Schaufel Sand dem Träumer auf Brust und Schultern. Dieser, der fühlte, wie sich der Sand über ihm häufte, ohne daß er I auch nur einen Finger zur Gegenwehr rühren konnte, sah ein, daß sein letztes Stündlein gekommen war. Sein Wille arbeitete, so daß der Schweiß ihm aus allen Poren drang, seine Muskeln spannten sich, aber I es kam zu nichts. Er vermochte weder um Gnade zu bitten, noch zu entfliehen. Das Blut stockte ihm in den Adern, die Brust vermochte sich I nicht mehr zu heben und zu atmen. Der mehlfeine Sand füllte seine Augen, seine Nasenlöcher, seine Ohren und seinen Mund. In wenigen Augenblicken mußte er erstickt fein. In diesem Moment der Berzweiflung hörte er Mustafa Halila Stimme: „Genug jetzt, Freunde", sagte er. I „Euer armer Diener hat jetzt seine Lektion bekommen, und ich glaube, I wir können ihn laufen lassen. Sein Baker, der fromme Koch Suffuf, war I einer meiner treusten Anhänger, und ihm zuliebe habe ich versucht, seinem Sohn zu einem bißchen gesundem Menschenverstand zu verhelfen. Als dies gesagt war, merkte der Träumende zu seiner unsäglichen Erleichterung, wie der Sand von seinem Körper entfernt wurde. Die I Brust konnte sich wieder zum Atmen heben und die drückende Last, die auf ihm geruht hatte, hörte auf, ihn zu beschweren. Er konnte sich wieder frei umsehen. Die drei Rachsüchtigen waren verschwunden. Nur Mustafa Halil neigte sich über ihn: „Vergiß nie die Lehre, die du heute erhalten I hast", sagte er in ernstem Ton. „Wenn du in Versuchung kommst, dich in fremde Angelegenheiten zu mischen, so wiederhole dir immer selbst diese Worte: Man soll nie denken. Aber glaube nur ja nicht, mein Sohn, daß ich dir damit alles Denken verbieten will. Merke dir nur, daß, wenn ein Unglück eintrifft, wenn ein Haus brennt, wenn eine Brücke I einstürzt, wenn zwei Schiffe zufammenstohen, dies meistens daher kommt, I daß irgendein wohlwollender Mensch da war und .gedacht' hat. Vor derlei I will ich dich lehren, dich in acht zu nehmen. Erfülle deine Pflicht, tue, mit bitl" ... v Der Koch wich dem Stock aus und näherte sich der Ture. Hier blieb er jedoch stehen, um an den Lohn zu erinnern, den er noch zu fordern I hatte Aber Said Effendi, der gleich allen wirklichen Geizhälsen fein Geld und feine Wertpapiere nicht feiner Kaffe anzuvertrauen wagte, sondern I sie an allen möglichen und unmöglichen Stellen verwahrte, hatte vor I ein paar Tagen einen Schuldschein auf ein paar tausend Zechinen in I den alten Backofen gesteckt, und als er nun hörte, daß der Mann, der I die Ursache war, daß dieses Geld verloren ging, noch Ansprüche aus I Lohn erhob, geriet er vor Erbitterung ganz außer sich- Said Effendi sah in seinem Zorn so furchtbar aus, daß der Koch I nicht wagte, ihm Trotz zu bieten. Er stürzte auf die Straße hinaus und I lief noch lange immer weiter und weiter, aus Furcht, daß der Herr feine I Diener auf ihn hetze. Endlich wagte er stehen zu bleiben, und als er I sich nun klar darüber wurde, was ihm geschehen war, ergriff ihn die düsterste Hoffnungslosigkeit. Er erinnerte sich der reichen Kaufmannswitwe Fatima, die ihn ganze drei Monate in ihrem Dienst behalten hatte. Sie war eine freigebige I und kluge Herrin gewesen, und er hatte gehofft, fein ganzes Leben lang I bei ihr bleiben zu dürfen. Aber einmal hatte er zufällig entdeckt, daß I ihr kleines Söhnchen sich in feine Speisekammer schlich und seine Honig- I kuchen und verzuckerten Früchte stahl. Er hatte es bedauerlich gefunden, I daß der Sohn einer so vortrefflichen Mutter sich Unarten angewöhnte, I die für feine Zukunft gefährlich fein konnten, und eines Tages erteilte I er ihm eine recht ernstliche Züchtigung. Aber da war die Witwe so zornig I geworden wie vorhin Said Effendi. Sie hatte seine Erklärungen gar I nicht anhören wollen, sondern ihn sofort weggejagt. Er dachte ferner an Selim Bey, feinen ersten Herrn, der ihn aus I seinem Hause getrieben hatte, weil er ihn an das Verbot des Prophe- I ten, Wein zu trinken, erinnert hatte. Er dachte an all die anderen, dis I ihm wegen Dingen gezürnt hatten, die er aus reinem Wohlwollen unter- I nommen hatte. ,Mllbarmherziger!" rief er aus, „warum verfolgst du mich in dieser I Weise? Du verfolgst mich härter, als wenn ich gestohlen ober gemordet l hätte. Laß dieses Staubkorn, das nun zu dir ruft, doch wenigstens wißen, 1 was es verbrochen hat." Und er ging geradeaus weiter. Er ließ das Stadttor hinter sich, und nachdem er durch einige Friedhöfe gewandert war, kam er in die weite I Sandwüste, die sich auf dieser Seite bis zur Stadt erstreckte. Bald stand I er auf der großen Karawanenstraße zum Roten Meer, die sich hier zwischen niedrigen, mit Flugsand bedeckten Hügeln dahinschlängelte. Aber beim Anblick dieser Hügelkette erwachte eine Kindheitserinnerung in dem verzweifelten Flüchtling. Es kam ihm in den Sinn, wie er und fein Vater eines schönen Morgens zwischen diesen Hügeln gewandert waren, um Mustafa Halils Jahrestag zu feiern. Auf dem Wege hatte der Vater ihm von dem alten Mustafa erzählt, der einmal ein sehr heiliger Mann gewesen war, viele Wunder gewirkt und eine große Schar von Derwischen um sich versammelt hatte. Das Grab des Heiligen, ein kleiner, weißer, kuppelbedeckter Bau, hatte so versteckt zwischen den Flugsand- hügelchen gelegen, daß sie es kaum finden konnten, aber als sie glücklich hingekommen waren, hatten sie gesehen, daß eine große Menschenschar sich dort versammelt hatte, und das Fest war in vollem Gasige gewesen. Jetzt, wo er sich traurig und erbittert über die tiefen Furchen der Karawanenstraße schleppte, sagte er plötzlich zu sich selbst: „Es ist wahr, daß Mustafa Halils Derwische tot sind, und ich glaube kaum, daß nunmehr jemand daran denkt, seinen Jahrestag.zu feiern, aber das hindert nicht, daß er noch heute im Besitz feiner Macht ist, und vielleicht könnte er mir die Aufschlüsse geben, die ich brauche, er erinnert sich vielleicht noch, daß mein Vater einer seiner getreuesten Anhänger war." Ohne Zögern verließ er die Karawanenstraße und schlug den Weg durch die Hügel ein. Das Glück war ihm hold, so daß er nach kurzem Suchen das kleine Heiligengrab erreichte. Cs sah wirklich aus, als fei Mustafa Halil vollkommen vergessen. Der Flugsand hatte sich unbehindert vor den Wänden aufgehäuft, der Gehpfad war ganz verschüttet und die beiden Treppenstufen, die zu der Grabkammer hinaufführten, waren kaum mehr sichtbar. Als Assad dieser Vernachlässigung gewahr wurde, geriet er so außer sich, daß er ganz vergaß, an seine eigene Not zu denken. Augenblicklich machte er sich daran, mit den Händen den Sand vom Gehpfad zu entfernen. „Wenn dies so weitergeht", dachte er, „ist ja bald das ganze Grab versandet, und man wird es nicht von einem gewöhnlichen Flug- sandhügel unterscheiden können." Es war eine schwere, langwierige Arbeit, die der Koch begonnen hatte, und er war kaum zu den beiden Treppenstufen vorgedrungen, als die Sonne ganz plötzlich im Westen versank und die Dunkelheit sich beinahe unmittelbar darauf auf die Erde heradfenkte. Der Koch, der nach einem so anstrengenden Tage recht müde war, empfand sofort heftige Lust, zu aus dem Herd und steckt7 es in den Backofen. All der Plunder, der sich seit Jahren da angehäuft hatte, fing sofort Feuer und verbreitete habet einen schweren übelriechenden Rauch. Als Said Effendi einige Stunden spater aus (einer Kammer trat, um die Abendkühle im Hof zu genießen, lag dieser unangenehme Rauch noch in der Lust. Er wollte sehen, woher er kam und begab flch.Iosort >n den Küchenflügel, um dort zu fragen. Noch bevor er die Kuchenture erreicht hatte, sah er jedoch, daß Funken und Rauch aus dem alten Backofen stoben, und im nächsten Augenblick stand er wutbebend vor dem Koch fragte ihn, wie er sich unterstehen konnte, in dem ausgemusterten Ofen Feuer anzuzünden und befahl ihm, unverzüglich sein Haus zu ""^Aber Herr", sagte der Koch, der geglaubt hatte, dem alten Herrn eine Wohltat zu erweisen, „der Backofen war doch voll Kehricht, und ich 6l3CJDlan soll nie denken", rief Said Effendi und hob den Stock. „Hinaus Die Knochenreste des Pithekanthropus wurden 1891 von dem holden wie» mit k er. wich :r im leinet 3 bet ihm 3t jii alter euien, ' eine «6 bu 5, nks . suhr bubet, getagt lietijer llaubft liaubjl 6anb : Ven raben, Iräu= biejet [geben, e wirb führen ter zu tänner groben Affnb n war. 3rau. ufe zu t, boch siircht- ist et >ich zu rufen- r, mii- ,lüi zu {fallen, anbete t Selim Ü mein jein zu ,. Mein gegnete, nehr i" en, unb mf de« affenbi, hutiefi ot. W h°»4 . - uh Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) Da die Kargheit und der Undank des Kaisers weltbekannt sind, zog sie den Schluß, daß er seinen Feldherrn nicht zufriedenstellen und dieser anderwärts einen Ersatz suchen werde. Jetzt verbindet die öffentliche Meinung diese beiden Dinge: unfern schon durchschimmernden patriotischen Bund und einen möglichen größern Gewinn des Pescara. So wird sein Uebertritt glaubwürdig, bevor er sich vollzieht. Nur ist es dienlich, daß dieser begründeten allgemeinen Ansicht durch eine geschickte Hand eine überzeugende Gestalt und durch eine geläufige Zunge eine für ganz Italien verständliche Sprache gegeben werde. Nun ist seit kurzem ein wanderndes Talent unter uns aufgetaucht, ein vielversprechender junger Mann, der sich hoffentlich noch an Venedig fefseln läßt —" „Einen Fußtritt dem Aretiner! Er hat mich schändlich verleumdet ..." — „Ein göttlicher Mann! Er hat mich den ersten Fürsten Italiens genannt!" riefen Guiceiardin und der Herzog miteinander aus. „Ich sehe", lächelte Nasi, „daß der Mann auch hier nach seinem Werte gekannt ist. Seine Briefe, an wahre oder erfundene Personen, in tausend und tausend Blättern ausgestreut, sind eine Macht und beherrschen die Welt. Ich will ihm eine sehr starke Summe senden, und ihr werdet euch über die Saat von schönfarbigen Giftpilzen verwundern, die über Nacht aus dem ganzen Boden Italiens emporschießt: Verse, Abhandlungen, Briefwechsel, ein bacchantisch aufspringender, taumelnder Reigen verhüllter und nackter, drohender und verlockender Figuren und Wendungen, alle um Pescara sich drehend und um die Wahrscheinlichkeit und Schönheit seines Verrates. So bildet sich eine unüberwindliche allgemeine Ueberzeugung, welche den Pescara zu uns herüberreißt und ihn zugleich — da liegt es — am kaiserlichen Hofe so gründlich und endgültig untergräbt, daß er zum Verräter werden muß, er wolle oder nicht." „Nichts da, Exzellenz!" rief der Kanzler aus dem Dunkel. „Ihr verderbt mir das Spiel! Der Befreier Italiens soll sich in voller Freiheit entscheiden, nicht als das Opfer einer teuflischen Umgarnung ..." „Du bist prächtig, Kanzler, mit deinen moralischen Skrupeln!" unterbrach ihn Guiceiardin. „Wisse, auch Mein Herz empört sich und nimmt teil für den unrettbar Ueberlifteten! Aber ich heiße den Menschen schweigen und handle als Staatsmann. Das Mittel der Exzellenz ist ohne Vergleichung unter alle dem, was heute abend gefunden wurde, das Ruchloseste, aber auch das Klügste und Wirksamste. Erst jetzt wird die Sache wahrhaft gefährlich für Pescara, und fein Verrat wahrscheinlich. Ans Werk." „Er ist unter uns und lauscht!" schrie der Herzog nut gellender Stimme, daß alle zusammenfuhren. Ihre Blicke folgten seinem geängstigten. Der Mond, der als blendende Silberscheibe über den Horizont getreten war und seine schrägen Strahlen in das kleine Gemach zu werfen begann, spielte wunderlich auf der Schachpartie. Viktorias her- vorguellendes Auge blickte erzürnt, als spräche es: Hast du gehört? Pescara? Welche Verruchtheit! Und jetzt fragte es angstvoll: Was wirst du tun, Pescara? Dieser war bleich wie der Tod, mit einem Lächeln in den Mundwinkeln. Zweites Kapitel. In der weiten hellen Fensternische jener edeln vatikanischen Kammer, an deren Dielen und Wänden Raffael die Triumphe des Menschengeistes verherrlicht, saß ein Greis mit großen Zügen und von ehrwürdiger Erscheinung. Er sprach bedächtig .zu dem emporgewendeten, mit dunkelblonden Flechten umwundenen Haupte eines Weibes, das zu seinen Füßen saß und mit einem warmen menschlichen Blut in den Adern ebenso schön war als die Begriffe des Rechtes und der Theologie, wie sie der Urbinate in herrlichen weiblichen Gestalten verkörpert. Der betagte Papst mit feinem langen gebückten Rücken und in feinem fließenden weißen Gewände ähnelt einer, klugen Matrone, welche lehrhaft mit einem jungen Weibe plaudert. eine Entdeckung Aufsehen erregt, welche in einer bei der chinesischen {Stabt Chou Kou Tin, etwa fünszig Kilometer südwestlich von Peking, gelegenen Höhle gemacht wurde. Nachdem 1829 zwei, verschiedene Individuen angehörige Zähne und Unterkieferbruchstücke dort ausgegraben waren, wurde im vorigen Jahre ein bis auf den größeren Teil der Gesichtsknochen erhaltener Schädel bloßgelegt, der mit anatomischen menschlichen Merkmalen solche von Menschenasfen verband. Erhöhtes i Interesse gewinnt dieser Fund dadurch, daß der Schädel nach Messungen von Elliot Smith ungefähr gleiche Läng« und Höhe ber des viel besprochenen Pithekanthropus von Java ausweist und ihm in dieselbe Formenreihe zu gehören scheint. iX * 11 & * was dir aufgetragen ist, und fei gewiß, daß sogar Mohammed, Allahs Prophet, einen Anhänger, der schlicht und fromm seinen Befehlen gehorcht, den vielen vorzieht, die klüger sein wollen als er selbst." Als der Koch Assad am nächsten Morgen erwachte, erinnerte er sich ..haargenau an den furchtbaren Traum, der ihn in der Nacht geguält hatte. Und von diesem Tage an, erzählt die Geschichte, hörte Koch Assad auf, sich ungebeten in fremde Angelegenheiten zu mischen. Er befaßte sich nur damit, was zu feinem Berufe gehörte und wurde so ein fo gesuchter Koch, daß eine Beförderung die andere ablöste und er schließlich «ine Stelle als Meisterkoch in der Küche des Sultans selbst bekam. • (Autorisierte Uebersetzung von Marie Franzos.) Von den Llrahnen der Menschheit. Von Dr. (Emil Carthaus. Vor noch nicht langer Zeit hat in den Kreisen der Anthropologen des 3« .ichzeit'S ern. daß daß daß ich, °b' noO ,chi- Ite wenige« weislu«g sagt« «■ ata* [fut,®0 gliche« ßaft m erhalt 2« ti dem Tierreich herausgebildet hat, dcchin ausgesprochen, daß schon während der Miozänperiode, zu Anfang der jüngeren Tertiärzeit, Hominiden auf der Erde gelebt haben müssen. Und wenn auch der amerikanische Palcion- thologe Osborn auf Grund eines nicht in jeder Hinsicht einwandfreien Fundes, nämlich des sogenannten Eoanthropus glaubt, daß die erwähnte Abzweigung erst in der Pliozänperiode, also in einem späteren Abschnitt der jüngeren Tertiärzeit vor sich gegangen sei, so ist doch nicht anzunehmen, daß in der mittleren Diluvialperiode, als der wirkliche Mensch schon lange existiert«, noch Uebergangsformen vom Menschen zum Tiere auf der Erde lebten. Ist es doch eine bekannte Tatsache, daß gerade solche Uebergangsformen bei geringer geographischer Verbreitung sehr bald wieder von der Weltbühne verschwinden. Man weih nicht recht, was man dazu sagen soll, daß mit d«n Schädel- knochen des Pithekanthropus zusammen auf Java und China (mehr ober weniger von ihnen entfernt liegend) menschenartige Knochenreste gesunden wurden, welche tierischer oder menschlicher als die Schädel erscheinen, also sehr wohl verschiedenen Individuen angehören könnten. So besitzt der mit dem Schädeldach vom Pithekanthropus zusammen gefundene Oberschenkelknochen von Trinil ein mehr zum Menschlichen neigendes Gepräge als dieser selbst; der mit dem Schädel des Pithekanthropus zusammen unweit Peking gefundene Unterkiefer, aber mehr tierische, den Affen zukommende anatomische Züge. Und auch der dem Schädel des englischen Eoanthropus angeblich zugehörige Unterkiefer zeigt Schimpansencharakter, während er selbst dem Typus der heute noch lebenden Menschen angehört. Mag man nun über die Zusammengehörigkeit dieser Schädel und Knochenreste denken, wie man will, so scheint mir doch in dem umstrittenen Pithekanthropus von Java und dem wohl als eine Variation oder Lokal- form anzusehenden Pithekanthropus der Höhle von Chou Kou Tin schon wegen seines geringen geologischen Alters, das in den verschiedensten Weltgegenden eifrig gesuchte Verbindungsglied zwischen dem Menschengeschlecht und dem Tierreich nicht gesunden. ländischen Militärarzt (Eugen Dubois auf Java gefunden. Lange glaubten viele Anthropologen, es mit dem vielgefuchten Zwischenglied zwischen Mensch und Menschenaffen (dem „missing link“) zu tun zu haben. Man war zu dieser Annahme um so mehr geneigt, als sich in der aus vulkanischem, durch einen Lahor- oder Schlammstrom verschleppten Material bestehenden Ablagerung, die einen Teil des Schädels vom Pithe- konthropus barg — von diesem allerdings fünfzehn Meter entfernt und nicht in gleicher Höhe mit ihm liegend — auch ein Oberschenkelknochen ranb, der durchaus menschlich erscheint. Namhafte Anatomen, worunter Virchow, Waldeyer und Vollmann, erklärten den gefundenen Schädelrest für tierisch, und Virchow sprach sich sofort dahin aus, daß der Oberschenkelknochen einem ganz andern Individuum als das Schädel- druchstück angehäre. Da dieses auf ein Schädeloolumen von 850 ccm schließen lieh, daß des größten Menschenaffen aber einen Inhalt von 600 ccm und das der Menschen einen von 1230 ccm umfaßt, so glaubte Dubois in den menschenähnlichen Knochenresten das „missing link“ zwi- ' d)en Tierwelt und Menschheit wirklich aufgefunden zu haben. Er gab diesem Urahn der Menschheit deshalb den Namen Pithekanthropus erectus, d. h. aufrechtgehender Affenmensch. Als aufrechtgehend bezeichnete er ihn im Hinblick auf den zu dem Schädelknochen gehörenden Oberschenkelknochen, der nur von einem wie Menschen ausrechtgehenden Jndi- oibuum herrühren kann. Vertreter der natürlichen Entwicklungslehre wie Häckel, Schwalbe, Manouvrier und Verneau, die eine Entstehung der Menschheit aus den Affen verwaichschaftlich nahestehenden Eieren auf natürlichem Wege, also ohne schöpferische Eingriffe, anneh- men,~ pflichteten der Duboisschen Ansicht bei. Lubbock, Turner, Ranke, Topinard und andere Anthropologen erklärten dagegen, die gefundenen Knochenreste des Pithekanthropus als einem Hominiden I cmd nicht einem Anthropoiden zugehörig, d."h. einem Lebewesen, welches > «um Menschengeschlecht, nicht aber zu den menschenähnlichen Affen zu rechnen fei. Bei der weitgehenden Meinungsverschiedenheit hatte man nun viel liu wenig Gewicht auf die genauere Feststellung des geologischen Alters der vulkanischen Gesteinsschicht gelegt, in der die Knochenreste gefunden cuurben. Auf Grund der aus dieser Schicht ausgegrabenen Ueberrefte von Dickhäutern, Wiederkäuern und anderen Tierarten glaubte Dubois, daß ne schon in der späteren Tertiärzeit zur Ablagerung gekommen sei. Das große Interesse an der Pithekanthropus-Frage veranlaßte nun eine wissenschaftlich sehr regsame Frau, die Witwe des bekannten (Erlanger Zoologen Prof. Selenka, unter beträchtlichen Geldopfern eine Expedition ins Leben zu rufen, um durch Ausgrabungen in großem Umfange nn der Fundstätte des Pithekanthropus genauere Feststellungen über fein geologisches Alter zu machen und weitere Knochenreste von ihm aus- liufinben. Auf Befürwortung der Preußischen Akademie der Wissenschaften spendete auch die Stadt Berlin einen ansehnlichen Geldbetrag für Die Expedition. Als Geologe und wifsenschaftlicher Leiter der Unternehmung kam ich «U dem (Ergebnis, daß die Pithekanthropusschicht nicht der Tertiar- ormation, sondern der folgenden Diluvialperiode zuzurechnen und erst gegen Mitte dieser verhältnismäßig jungen Erdenzeit abgelagert worden isst. (Einige Altersbestimmungen, welche mit den von der Expedition zutage geforderten zahlreichen Tier- und Pflanzenresten durch Spezialisten auf Wvlogischem und botanischem Gebiet vorgenommen wurden, schienen für «in größeres als mitteldiluviales Alter der Pithekanthropusschicht zu prechen. Da nun aber, wie gesagt, feststeht, daß die unweit Peking gefundenen menschenähnlichen Knochenreste derselben Formenreihe wie Der Pithekanthropus angehören, spricht auch dieser Fund für kein höheres geologisches Alter als das von mir angenommene. Mit Ueberbleibfeln des Pithekanthropus zusammen lagen nämlich in der Höhle bei Chou Kou Ain Knochenreste von Huftieren, Dichhäutern, Nagern, Raubtieren, welche deutlich bas mittelbiluoiale Alter biefer Höhlenablagerung erkennen lassen. Die Feststellung ber Erbenzeit, in ber ber Pithekanthropus gelebt hat, fst besfjalb anthropologisch von großer Wichtigkeit, weil eine ganze Reihe »cm Tatsachen bafür spricht, baß eine Abzweigung ber Hominiden als Urahnen des Menschengeschlechtes von den Menschenaffen und den ihnen mehr oder weniger nahestehenden Zierformen schon während der Tertiar- !' eit erfolgt fein muß. Bisher hat sich die Wiffenfchaft auch unter der sinnahme, daß sich das Menschengeschlecht ohne besonderen Eingriff aus zu tun ist. (Fortsetzung folgt.) Noch nicht gar lange mochte Viktoria auf ihrem Schemel gesessen haben, denn der Heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befinden ihres Gatten, des Marchese von Pescara. „Die Seitenwunde von Pavia macht sich nicht mehr fühlbar?" sagte er. Der Marchese ist völlig geheilt , erwiderte Viktoria unschuldig. „Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde. Er wird Eure Heiligkeit begrüßen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glückselige — sie sprach es mit jubelnden Augen — „auf unserer Meeresinsel vereinigen wird. Aber er selbst verweigert sich denselben für einmal noch, weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch trüber sei als fonft — so schreibt er —, sondern weil er gerade jetzt das Heer ungern verlasse. Der Mörder", sagt« sie lächelnd, „beschäftigt sich nämlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und einem neuen Manöver. Das brächte er nun gerne erst zu einem Ergebnis. So hat er mich, die er anfänglich hier in Rom überraschen wollte, in sein Feldlager nach Novara beschieden, und ich reise morgen, nicht im Schneckenhaus meiner Sanfte, sondern im Sattel meines hitzigen türkischen Pferdchens. Hätte ich Flügel! mich verlangt nach den Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener berühmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und jo bin ich zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei Ähr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Besuches." So redete Viktoria auswallend und überquellend wie ein römischer Brunnen. _ e r _ Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, daß Pescara sein Tun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er liebte. Nur mit dem Unterschiede, daß der jung« Pescara im entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke hervorsprang, während Clemens unentschlossen, über sich selbst zornig, in der {einigen verborgen blieb, weit er aus greisenhafter Uberklugheit den Moment zu ergreifen versäumte. Er schärfte, in einem andern Bild« gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem Aerger die allzu feine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und tastete. „Einen Urlaub hat der Marchese verlangt?" verwunderte er sich. „Ich dächte, seinen Abschied? Achilles zürnt im Zelte, so hörte ich." „Davon weiß ich nichts, und das glaube ich nicht, .Heiliger Vater", entgegnete Viktoria und warf mit einer stolzen Gebärd« das Haupt zurück. „Warum seinen Abschied?" „Nicht wegen einer rosigen Briseis, Madonna", antwortete Clemens । ärgerlich mit einem frostigen Scherz«, „sondern geprellt um einen erbeuteten König und um die Türme von Sora und Carpi." Damit spielte der Papst auf zwei bekannte Tatsachen an. Der Vizekönig von Neapel hatte bei Pavia, Pescara zuvorkommend, den Degen des französischen Königs in Empfang genommen und damit die Ehre vorweggenommen, die erlauchte Beute nach Spanien führen zu dürfen. Und dann hatte der Kaiser Sora und Carpi den begehrlichen Colonnen, den eigenen Verwandten der Viktoria geschenkt, nicht seinem großen Feldherrn, welcher ebenfalls einen Blick danach geworfen. Viktoria errötete unwillig. „Heiliger Vater, Ihr denkt gering von meinem Gemahl. Ihr stellet Euch einen kleinen Pescara vor: gebet mir ■ Urlaub, damit ich reise und mich überzeuge, daß Euer Pescara nicht । mein Pescara ist. Ich habe Eile, vor den wahren zu treten." Sie erhob sich und stand groß vor dem Papste, aber schon verbeugte sie sich wieder tief mit demütiger Gebärde, um seinen Segen flehend. 'Da bat er sie, sich wiederum zu setzen, und sie gehorchte. Clemens durfte sich die Gelegenheit nicht entrinnen lassen, Pescara durch den geliebten Mund seines Weibes zum Abfalle zu bereden. Daß aber mit Anspielungen und Vorbereitungen bei der Colonna, wie er sie vor sich sah, nichts getan wäre, begriff er leicht: entweder würde sie sich gegen das Zweideutige aufbäumen oder es als etwas Unverständliches und Richtiges unbefehen in den Winkel werfen. Er mußte dieser wahren und auf Wahrheit dringenden Natur die Sache in klaren Umrissen vorzeichnen und in ein volles Licht stellen, damit sie dieselbe ihres Blickes würdige. Das ging ihm gegen seine Art, und er tat einen schweren Seufzer. Da fand er eine Auskunft, die nicht ohne Geist und List war. Er fragte Viktoria mit einer harmlosen Miene, während er die Hand mit dem Fischerring auf ein in_ blauen Samt gebundenes Buch mit ver- goldenen Schlössern legte: „topinnft du wieder etwas Poetisches, geliebte Tochter? Wahrlich, ich bin ein Verehrer deiner Muse, weil sie sich mit dem Guten und Heiligen beschäftigt. Und ich liebe sie insbesondere, wo sie moralische Fragen stellt und beantwortet. Aber das schwerste sittliche Problem hast du noch in keinem deiner Sonett« behandelt. Weißt du, welches ich meine, Viktoria Colonna?" Diese wunderte sich nicht über den plötzlichen Einfall des Heiligen Vaters, weil sie hier auf dem eigenen Boden stand und, bei ihrem schon gefeierten Namen, Gelehrte und Laien wohl nicht selten ähnliche Fragen an sie richten mochten. Sie fühlte sich und erhob den schlanken Leib kampflustig, während sich ihre Augen mit Licht füllten. „Der größte sittliche Streit", sagte sie ohne Besinnen, „ist der zwischen zwei höchsten Pflichten." Jetzt hatte der Heilig« Vater Fahrwasser gewonnen. „So ist es", bekräftigt er mit theologischem Ernste. „Das heißt: scheinbar höchsten, denn eine der beiden ist immer die höhere, sonst gäbe es keine sittliche Weltordnung. Ich flehe zu Gott und seinen Heiligen, daß sie dir dei- stehen und dich die höhere Pflicht erkennen lassen, damit du sie der geringem vorziehest, du und dein Gatte, denn siehe, dieser große und schwere Kampf wird an euch herantreten." Viktoria erblaßte, da ihr die akademische Frage plötzlich in das lebendige Fleisch schnitt, der Heilige Vater aber redete feierlich: „Höre mich, meine Tochter! Alles, was ich dir jetzt zu jagen habe, ist auch dem Marchese gesagt, den meine Worte durch dich erreichen. Vernimm es: der Heilige Stuhl trennt sich zu dieser Stunde von der Kaiserlichen Majestät und bietet ihr die Spitze. Ich handle so als Fürst und als Hirte. Als Fürst: weil heute die Schicksalsstunde Italiens ist. Lassen wir sie Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. verrinnen, so verfallen wir itallenischen Fürsten all« auf Jahrhunderte hinaus dem spanischen Joche. Frage, wen du willst, so urteilen alle Einsichtigen. Aber auch als höchster Hirte. Ersteht in jenem rätselhaften Jüngling, der Völker in feinem Blut und auf feinem Haupte Kronen vereinigt der alte Kaisergedanke, so ist die ganze leidenvolle Arbeit meiner heiligen Vorgänger umsonst gewesen, und die Kirche wird durch die neue Staatskunst enger gefesselt und tiefer gedemütigt, als von den eisernen Fäusten jener fabelhaften germanischen Ungetüme, der Salier und der Staufen. So steht es. Blieb dir fremd, was Italien mit Furcht und Hoffnung erfüllt?" , m. Der Marchese will es nicht glauben , sagte Viktoria, nut einem schnellen Erröten. Der Heilige Vater lächelt. „Heiligkeit vergesse nicht", lächelte sie ebenfalls, „ich bin eine Colonna, das ist eine Gibellinin. „Du bist eine Römerin, meine Tochter, und eine Christin", wies sie Clemens zurecht. „ . m Es entstand eine Pause. Dann fragte sie: „Und Pescara ? „Pescara", anwortete der Papst und dämpfte die Stimme, „ist eher mein Untertan als derjenige des Kaisers. Denn er ist ein Neapolitaner, und ich bin der Lehensherr von Neapel. Glaube nicht, Viktoria, daß ich leichthin rede. Wie dürfte ich es, da ich das Gewissen der Welt bin? Wahrlich, ich sage dir: in schlaflosen Nachten und bekümmerten Früh- stunden habe ich mein Recht auf Pescara geprüft. Meiner politischen Vernunft mißtrauend, habe ich die zwei größten Rechtsgelehrten Italiens zu Rate gezogen, AccoUi und ... hm ... den zweiten." » Der Papst zerdrückte den Namen klüglich auf der Zunge, da ihm noch zur rechten Zeit einfiel, dieser zweite Rechtsgelehrte, der Bischof von Cervia, genieße des Rufes der schamlosesten Käuflichkeit. „Beide" — Clemens klopfte mit dem Fischerring auf das blaue Buch — „stimmen zusammen, daß Pescara, nach strengem Rechte betrachtet, viel mehr mein Mann sei als der des Kaisers, und beide erinnern mich daran, daß ich überdies, kraft meines Schlüsselamtes, jetzt, da der Kaiser mein Feind wird, die Macht besitze, den Marchese eines Eides zu entbinden, den er einem Feinde des Heiligen Stuhles geschworen hat." Der Papst hatte sich langsam erhoben. „Und jo tue ich!" sagte er priesterlich. „Ich löse Ferdinand Avalos vom Kaiser und zerbreche seine Treue. Ich ernenne den Marchese von Pescara zum Gonfalonier« der Kirche und zum Feldherrn der Liga, welche die heilige heißt, weil Christus in der Person seines Nachfolgers an ihrer Spitze steht." Der Papst hielt inne. Jetzt hob er die recht« und die Unke Hand in gleicher Höhe, als hielten sie eine Krone über dem Haupte der Colonna, die, von Staunen überwältigt, auf die Knie sank, und sprach mit lauter Stimme: „Die Verdienste meines Gonfaloniere um mich und die heilig« Kirche voraus belohnend, kröne ich Ferdinand Avalos Marchese von Pescara zum Könige von Neapel!" Die junge Königin erbebte vor Freude. Sie glaubte eine Krone zu verdienen. Sprachlos, mit brennenden Wangen empfing sie den Segen. Dann stand sie auf und ging, in gemessenen, aber eiligen Schritten, als könne sie es nicht erwarten, dem erhöhten Gemahl seine Krone zu bringen. , , , Der Heilige Vater, selbst aufgeregt, folgte ihr so hastig, daß er beinahe einen Pantoffel verloren hätte. An der Schwelle erreichte er sie und wollte ihr den Band von blauem Samt bieten. „Für den Marchese', sagte er. Da erblickte er hinter ihr Guicciardin mit Moräne, die vielleicht em bißchen an der Türe gehorcht hatten. Viktoria mit strahlenden Augen voll glühender Wonne erschien dem Kanzler als ein solches Wunder, daß er fast von Besinnung kam. Rasch gesammelt aber flehte er den Papst an: „Die Heiligkeit mache mich Unheiligen bekannt mit der himmlischen Viktoria!" worauf Clemens ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter gab und ihn mit den Worten vorstellte: „Der Kanzler von Mailand, ein Weltkind, auf das sich der Heilige Geist herabzulassen beginnt!" Dann wisperte er Mktorien ins Ohr: „Morone, Buffone." Dies« verschwand in der Verwirrung ihres Glückes, während der Papst in der feinigen das wichtige blaue Buch zurückbehielt, denn er war noch ganz berauscht von der kühnen symbolischen Tat, zu welcher ihn der Anblick der schönen Frau hingerissen hatte. Nun fühlte er doch, daß er das Gleichgewicht verloren: er wies mit einer Handbewegung de" Besuch des Florentiners und des Lombarden ab und trat in die Rof- faelifche Kammer zurück. Die beiden nicht Empfangenen sahen sich einen Augenblick an, dann ergriff Guicciardin lachend den Arm des Kanzlers und zog ihn fanft« gestufte Treppen hinunter in die vatikanischen Gärten, deren Schatten- gänge sie nicht akrfzusuchen brauchten, denn der Himmel hatte sich mit schwarzen Wolken bedeckt. „Eigentlich", plauderte Guicciardin, „mag ich den Alten leiden. So fein er spinnt und so bedacht er redet, ist er doch innerlich ein leidenschaftlicher, ein zorniger Mensch wie ich, und jetzt aufgeregt, weil er der Colonna unsere gefährliche Heimlichkeit geoffenbart hat. Du in deiner Verzückung hast es freilich nicht gesehen, wie er ihr die Gutachten des Accolti und des Angelo de Cefis in die Hand drücken wollte. Zwei käufliche Schurken, die den Meineid mit Bibelstellen belegen! Uedrigens ist es ein starkes Ding, daß Clemens in seinen alten lagen so Kühnes und Folgenschweres unternimmt, und noch mehr, er unternimmt es mit tiefem Mißtrauen gegen sich selbst, ohne Glauben an seinen Stern, denn er hält sich heimlich für einen Pechvogel. Das ist schlimm. Da war denn doch der Leo ein anderer, immer strahlend und triumphierend, und darum immer glücklich, während die gegenwärtige Heiligkeit, wie sie mir neulich im Tone des Jeremias prophezeite, die ewige Stabt schon geplünder- und aus diesen Dächern" — er wies auf den Vatikan — „Rauch und Flamme steigen sieht. Dennoch beginnt er den Kampf gegen den Kaiser, und das rechne ich ihm hoch an, ob es ihm auch zuerst um fein Florenz