GietzeimZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 195| Montag, den 7. Dezember Nummer 96 Advent. Von Martin Wels«. Kranz aus grünen Zweigen hält Lichter rot und weiß. Leuchten in die dunkle Welt Einem Kind zum Preis. Einem Kind, das arm und bloß In der Krippe lag, Das der finstre Erdenschoß Sandte in den Tag. Lausche, Mensch, und gib dich ganz Frommem Zauber hin, Weihnacht naht, ihr milder Glanz Strahlt seit Anbeginn. Der Weihnachtsmann. Erzählung von Marie Hensel. An jenem Wintermorgen hatte es angefangen. Heinrich saß beim frühstück in dem behaglichen Gästezimmer seiner Schwester, das ihn, der durch den Krieg Heimat- und berufslos geworden war, nun schon so lange beherbergte. Wie immer um diese Stunde empfing er den Besuch seines Freundes und Neffen Rudi. Er stand vor ihm in seinem blauen Wintermäntelchen, das Ränzchen auf dem Rücken, und sein hübsches frisches Jungengesicht strahlte. Gestern abend spät war nämlich der Weihnachtsmann dagewesen — leider, leider hatte der Onkel ihn nicht mehr getroffen (ach, es war sein Schicksal immer, erst zu kommen, wenn der große Mann eben das Haus verlassen hatte!), und nun mußte dies Ereignis noch einmal gründlich von allen Seiten beleuchtet werden — Wie kam er an? — Wie klopfte er? — Wie sprach er? — Was hatte er an? '— Rudis Bericht war lebhaft, oft von mimischen Darstellungen unterbrochen. Schon auf der Treppe hatte er gestrampelt wie hundert Bären, und dann hatte er dreimal an die Türe geklopft, ganz stark: „Wart mal, Onkel, ich mach' es dir mal vor!" —' und dann wäre er hereingekommen, riesengroß. „War er größer als ich?" (Es kitzelte den Onkel, diese Frage zu stellen.) „Wie du?" Rudi lachte einfach Hohn. „Biel großer, er ging ja beinah nicht durch die Tür, und weißt du, was er auf dem Kopf hatte? So was, wie du immer unter dem Schreibtisch hast — sieh mal, hier", und er zog den Fußsack seines Onkels hervor und zeigte ihn triumphierend. Sein Gesicht blieb völlig arglos. „Leg ihn nur wieder hin", sagte Onkel Heinrich und staunte innerlich: „Welcher Glaube, — durch nichts zu erschüttern!" „Paß mal auf, Onkel, jetzt bin ich noch mal der Weihnachtsmann (weißt du, nur im Spaß!) und du mußt mal ich fein." Rudi stampfte wie im höchsten Zorn auf dem roten Teppich hin und her, das Apfel- gesichtchen in furchterregenden Falten zufammengezogen. „Sind artige Kinder hier?" brummte er, den Onkel durchbohrend anblickend. „Ja", sagte dieser zaghaft. — „Kannst du auch beten?" brummte er wieder, aber dieser Teil seiner Rolle war dem Onkel peinlich. „Nein, Rudi, beten tut man nicht im Spaß, das hat der liebe Gott nicht gern. — Hat er dir denn viel mitgebracht?" — „Ja, furchtbar viel, aber jetzt ist schon beinah alles weg! — Wieviel Uhr ist es, Onkel Heinrich?" — „Du hast noch eine Viertelstunde Zeit." Rudi setzte sich auf seinen angestammten Platz, die kleine Truhe unter dem Fenster, und nach der Erregung trat nun eine besinnliche Stille ein. — Die Sonne durchleuchtete Rudis blonden Schopf, man hörte wieder die zart summende Stimme des Wasserkessels im Ofen, man roch den feinen herben Duft des Alpenveilchens auf dem Frühstückstisch. Sorgfältig strich der Onkel sich ein Honigbrötchen nach dem andern, und Rudi träumte. — Seine Augen hatten sich jetzt im inneren Schauen erweitert, seine Stimme klang seltsam verändert, als er begann: „Weißt du, im Himmel, da hat der Weihnachtsmann ein ganz kleines blaues Häuschen und einen großen Obstgarten drum rum, da wachsen all die roten Aepfel drin, die er nachher den Kindern bringt. Und Nußbäume hat er auch, weil er doch auch Nüsse bringen muß. Und dann hat er viele Bienen, die machen ihm den Honig für all die Honigkuchen. Da arbeitet der Weihnachtsmann den ganzen Sommer furchtbar fleißig in seinem Garten, und wenn die Aepfel reis sind, dann kommen all die kleinen Engel angeflogen und helfen ihm die Aepfel abzunehmen. Er braucht gar nichts zu machen, die Engelchen fliegen einfach oben um die Baume und pflücken im Fliegen alles ab, und wenn sie ganz viel in >yren weißen Hemdchen haben, daß es ihnen zu schwer wird, bann fliegen fie herunter zum Weihnachtsmann, der steht da und sammelt alles in die großen Körbe und trägt sie in seinen Obstkeller. — Und bann vor Weih, nachten, ba fängt er an zu backen, aber ba bürfen bie kleinen Engel noch nicht helfen, da sind sie noch zu klein dazu und naschen auch zu viel. Da backt der Weihnachtsmann ganz allein in seinem Häuschen, den ganzen Tag und die ganze Nacht." Rudi verstummte einen Augenblick, ganz vex- sunken in den Anblick unendlicher Berge verschiedenartigster Weihnächte. Plätzchen. „Und bann an einem Abenb packt er seinen Sack voll und nimmt seinen bieten Stock unb seine große Mütze, unb bann sucht er sich ein kleines Loch im Himmel, bas macht er sich mit bem Stock noch ein bißchen großer, unb bann setzt er sich einfach auf seinen Stock unb hurrah! — saust er burch bie Wolken auf bie Erbe runter!" „Rudichen, ich glaube, bu mußt jetzt gehen." Es war fast schabe zu stören, aber Pflicht ist Pflicht. Rubi kehrte mit erstaunlicher Schnelligkeit in bie Wirklichkeit zurück, schulterte sein Ränz. chen und verabschiedete sich. „Aus Wiedersehen, Onkel Heinrich!" Die Tür schloß sich hinter ihm, der Onkel zündete sich eine Zigarette an> lehnte sich in seine Sofaecke, und feine Augen nahmen einen ähnlichen Ausdruck an, wie die feines Neffen vorhin. Wie hübsch er das erzählt hatte von dem Weihnachtsmann in seinem blauen Häuschen, — natürlich mußte es blau fein! Besonders gut hatte ihm die himmlische Apfelernte gefallen, mit den kleinen Engeln, die um die Obstbäume flattern. Nun ging der kleine Neffe an seine Arbeit, und der lange Onkel saß wieder einmal in unbestimmtes Sinnen verloren, wie ihm das jetzt so ost geschah, ba keinerlei Verpflichtung mehr feine träumerische Seele in wohltätigem Zwang hielt. Er war Offizier gewesen, warum, bas wußte N'cmand mehr so recht. Es lag in der Familie, unb er hatte sich nicht gewehrt. Auch war seine Erscheinung, sein Auftreten, seine Führung als Offizier ohne Zabel gewesen, und im Kriege hatte er bewiesen, daß es >hm keineswegs an persönlichem Mut fehlte, wenn es darauf ankam. Ein Spielverderber war er ebenfalls nie gewesen, sogar ganz ungewöhnlich beliebt bei seinen Kameraden, — man konnte sagen, daß er keinen Feind hatte. Unb doch unterschied er sich gänzlich von allen anderen — es war nicht recht zu fassen, worin es lag —, es war so, als ob eine dünne durchsichtige Hülle ihn umgäbe unb von ber übrigen Welt abschlösse. Freundlich blickten seine blauen Augen daraus hervor, freundlich war er überall dabei, — unb boch nicht dabei; bie Hülle umschloß ihn, war sein Schutz unb feine Qual. Die Feinfühligen unter seinen Kameraben empfanden wohl, daß etwas Schmerzliches an diesem ewig heiteren, liebenswürdigen Kameraden war, aber ba er nicht nach Teilnahme zu verlangen schien, so bekümmerte sich auch niemanb weiter darum. Denn die Welt gibt selten mehr an Mitgefühl, als unbedingt gefordert wird. Dagegen trug jedermann seine Nöte zu ihm, — er hatte eine so große Geduld beim Anhören unb ein so warmherziges Verstänbnis und half und tröstete weniger durch Worte ober gar Ratschläge als durch die reine, unverdorbene Seelenluft, bie ihm eigen war. Man hatte sich gewöhnt, ihn als heimlichen Dichter anzusehen, was er immer wieder verschämt abwehrte. Aber soviel war offenbar: während er seinen Beruf zwar ordentlich, aber ohne wirklichen Eifer, vor allem ohne bie geringste Beimischung von Ehrgeiz ausübte, erwachte immer ein besonderes Feuer in ihm, wenn es etwas galt, was fernab vom Ernst des Lebens lag. „Wirklich ernst wird er immer nur, wenn er Spaß macht", hatte ein Freund von ihm gesagt. Eine Aufführung, ein Gedicht, eine Verulkung, ein Fest, — all dergleichen wurde unweigerlich in seine Hände gelegt, und er entwickelte bann soviel Phantasie, so viel heitere, spielerische Laune, so viel nachhaltigen Eifer, ja unter Umftänben sogar List unb Verstellung, baß er jebem solchen Unternehmen zu unerwartetem Erfolg verhalf. Danach sank er wieder in seine gewohnte stille, ein wenig träge Alltagsverfassung zurück, tat seinen Dienst schlecht unb recht unb faß in seinen Mußestunben in ber Sofaecke, träumenb unb rauchend. So saß er auch jetzt. Eigentlich war es eine Stunde, wie er sie liebte, — bie Warme, bie bem Ofen entströmte, bie schrägen Sonnenstrahlen, bie ben letzten Winkel bes Zimmers freundlich belebten, bie altvertrauten Mahagonimöbel mit den grünen Bezügen (sie stammten aus seinem Elternhaus) alles wollte ihn mit Behagen umfangen. Und boch: wie lange fällte bas eigentlich noch gehen, baß er hier Tag für Tag unb stunden- lang faß unb Zigaretten rauchte? War bas menschenwürdig? Zwar bie äußere Nötigung, seine Lage zu oeränbern, war gering: seiner Schwester die Kriegswitwo war, fiel er nicht zur Last, sie liebte ihn, unb er nahm ihr allerhand ab und erheiterte fie, — Rubi würde sogar ernstlich betrübt fein, wenn er fortginge; auch fehlte es ihm keineswegs an Geld, um ohne weiteren Erwerb fein Leben zu fristen. Aber es war doch unwürdig! Die Welt war aus den Fugen, in feinem armen Vaterlande kribbelte und wuselte es wie in einem Ameisenhaufen, den rohe Fußtritte zerstört haben, — ging ihm denn das gar nicht zu Herzen? Doch, sehr. Es war kein Abend, an dem das Schicksal seines Volkes ihn nicht lchmerzlich beschästigte, aber sein Wille blieb gelähmt, er fühlte nicht den leisesten Antrieb, sich da hlneinzustürzen, mitzuschafsen, mitzuhelfen. Wie schon hundertmal ging er von neuem die Reihe der Berufe durch, die wohlmeinende Freunde ihm vorgeschlagen hatten, — nein, es paßte ihm keiner. Auch der Ossiziersberuf hatte ja im Grunde nicht für ihn gepaßt, aber da war er eben hineingestohen worden, als er noch halb ein Kind war. Nun stieß ihn nichts von außen und nichts von innen, und so sah er denn, ein Mann auf der Höhe seiner Schassenskraft (er lächelte schmerzlich) in der Sofaecke, rauchte, träumte und war traurig. Seinen Kameraden ging es zum Teil nicht viel anders, aber sie strengten sich doch wenigstens an, schrieben Briese, machten Reisen, stellten sich vor, ober sie waren zum mindesten verbittert, — aber auch das war er nicht einmal. Er war gar nicht verbittert, dessen war sein Gemüt nicht fähig. Er war nur traurig und dachte: „Hätte doch der Krieg mich verschlungen wie so viele andere. Dann hätte ich einen rühmlichen Abgang gehabt, — aber so — ich passe nicht in die Welt. Gott weih, wie es weiter gehen soll!" Die graue Düsternis, die er so gut kannte, umhüllte ihn dichter, und um ihr zu entgehen, zwang er sich, an Rudis Morgenbesuch zu denken, als an etwas Freundliches und Lichtes. Aber auch das freute ihn nun nicht mehr, alles verfchattete sich wieder in unbestimmter Traurigkeit. Da plötzlich erhob ein kleiner Wih in feinem Innern das Haupt, sah ihn frech an und piepte: „Werde doch Weihnachtsmann!" Er lachte kurz auf und wollte eben denken: „Ja, in solcher jenseitigen Welt, da fände sich allenfalls ein geeignetes Pöstchen für mich." — Aber mit einem Male ging eine merkwürdige Veränderung mit ihm vor: das Lächeln erstarb, seine Augen öffneten sich starr zu unnatürlicher Gröhe, auch sein Mund öffnete sich rund, tief holte er Atem, und dann tarnen folgende merkwürdige Worte aus seinem Innern: „Warum eigentlich nicht?" Es erwies sich nun, wie tief und richtig die Worte seines Freundes waren, wie wirklich alles, was anderen nur ein Spaß wäre, von ihm ernst genommen wurde. Dieser abenteuerliche Gedanke, der jedes anderen . Mannes Hirn nur sekundenlang als kleiner witziger Einsall beschäftigt hätte, begann in ihm zu gären und alles in Wallung zu bringen. So stark wurde die Erregung feines Innern, daß es ihn aus seiner Sofaecke auftrieb, mit leidenschaftlichen Schritten begann er im Zimmer auf und ab zu gehen, machte sich sinnlos am Ofen zu schaffen, blieb am Fenster stehen, ohne übrigens von der strahlenden Winterwelt draußen das Geringste zu bemerken, und von Minute zu Minute wurde sein Gesicht mehr von innerlichem Leben durchqlüht. Der winzige Keim entfaltete sich, wuchs und gewann Farbe und Gestalt mit schier unglaublicher Schnelligkeit. Das blaue Häuschen in der Einsamkeit, umgeben von Obst- und Nußbäumen, die Bienen und viele buntfarbige Sommerblumen zu ihrer Speise, das Backen im Winter, und bann die geheimnisvollen weihnachtlichen Gänge zu den Menschen, zu den Kindern — war das alles nicht zu verwirklichen auf Erden so gut wie im Himmel? Hatte er nicht Geld genug für diesen Plan und dazu noch alle seelischen Vorbedingungen? — die scheue, verschwiegene Menschenliebe, das seine Verständnis für Kinder, die Liebe zur Natur, den Hang zur Einsamkeit und Absonderung, die Freude am Romantischen, — alles, alles stimmte! Und war der Weihnachtsmann etwa in diesen harten und trüben Zeiten überflüssig geworden? „Ganz im Gegenteil", sagte er plötzlich laut und überzeugt in die Stille feines Zimmers hinein. Es kam ihm nun so vor, als wenn schon seit Jahren alles auf diesen Lebensberuf hingezielt hätte. Immer hatte er in befreundeten, mit Kindern gesegneten Häusern den Weihnachtsmann machen müssen, und mit bescheidenem Stolz erinnerte er sich, wie die Eltern jedesmal nach einem derartigen Besuch des Lobes voll gewesen waren. Er verstand es, in den Kindern jenes geheime übersinnliche Grauen zu erwecken, ohne sie doch zu verstören; seine tiefe Weihnachtsmannstimme führte sie in die Welt der Wunder, erregte und beruhigte zugleich. Noch gestern beim Abendbrot hatte feine Schwester zu ihm gesagt: „Du bist der geborene Weihnachtsmann!" Nun also, hatte er denn nicht recht? Ja, es war klar, keineswegs nur Neigung und Freude am Absonderlichen wiesen ihn auf diesen Weg, — die einfachste Verminst, ja sogar die Pflicht sprach dafür, daß er Weihnachtsmann wurde! Einen Augenblick mußte er lachen bei dem Gedanken, daß Freunde ihn fragen würden: „Nun, was bist du geworden?" Und er dann der Wahrheit gemäß antworten müßte: „Ich bin Weihnachtsmann geworden!" Aber felbstverftändlich würde er so nicht antworten, nein, dies mußte sein allereigenstes, liebevoll gehütetes Geheimnis bleiben. In den Augen der Welt würde er einfach ein kleiner Siedler und Obstzüchter sein, wie es deren jetzt so viele gab. Mit aller Sorgfalt wollte er den weihnachtlichen Goldglanz, der um fein Haupt wehte, verbergen! Er stand nun schon eine Weile am Fenster, blicklos hinausschauend in jenem wunderbaren Zustand von Erhabenheit, den er so oft durchlebt hatte, wenn irgendein Einfall, ein Gedicht, ein kleines Theaterstück sich glücklich in ihm zu formen begann. Nur daß die Wonne des Schaffens und Bildens ihn nie [o stark, fo restlos erfüllt hatte, wie jetzt. Kein Wunder, alles Bisherige war ja auch Stückwerk gewesen, mar nur so nebenher gegangen, nun endlich, spät genug, aber nicht zu spät, hatte er das gefunden, was feinem ganzen Leben Inhalt geben konnte, — endlich hatte er feinen Beruf gefunden. „Ich werde Weihnachtsmann!" flüsterte er glückselig. (Fortsetzung folgt.) Mozart und wir. Eine Betrachtung am 140. Todestage. Von Dr. Adolf Raskin. Mit zehn Jahren ist Mozart in ganz Europa berühmt — mit 36 Jahren stirbt er in Armut. Sein Schicksal erfüllt sich auf merkwürdige Weise: je älter er wird, um so kleiner ist seine Gefolgschaft. Die Musik- liebhaber rücken von ihm ab, weil er ihnen zu „modern" wird. Seine Stellung als kaiserlicher Komposiieur gibt ihm „zuviel für das, was er leistet und zu wenig für das, war er leisten könnte". Was er ohne Auftrag komponiert, bringt nichts ein, und Aufträge gibt man lieber einem Komponisten, der „verständlicher und angenehmer schreibt". Schicksal eines modernen Musikers, möchte man sagen — wenn sich da nicht gleich ein Dutzend „Auch-Moderner" von heute auf Mozart berufen würde. Mozart frönt ein musikalisches Zeitalter: die Musik des Rokoko, die galante, formvollendete, formachtende Ablösung des musikalischen Hochbarocks. Er steht zwischen Bach, dem Hochmeister des Barocks, und Beethoven dem Hochmeister der Klassik. Unterirdische Fäden und überirdische Klänge verbinden seine Musik mit Bach, der 1750, also sechs Jahre vor Mozarts Geburt, starb und mit Beethoven, der als 22jähnger, ein Jahr nach Mozarts Tod, von Bonn nach Wien übersiedelt. Zwischen Bach und Beethoven, zwischen der objektivierenden Fuge Bachs und der subjektivierenden Sonate Beethovens, zwischen der absoluten unpersönlichen Bachschen Form und dem urgewaltigen persönlichen Beethoven- schen Ausdruck, zwischen Tonschöpser und Tondichter steht Mozarts Werk auf der Grenze zweier abgrundtief getrennter Welten: Mozart, ber Schwebend-Leichte, der Gottlich-Spielende, der Melodienzauberer. Bach läßt Linien sich ballen und verströmen, Bach staut die Bewegungsenergien der Tonfolgen und läßt sie über breite und enge, hohe und niedrige Stufen verrauschen. Wie das Wasser von den großartigen Terrassen der barocken Gartenanlagen ergießen sich seine Tonströme durch die kunstvollen Anlagen seiner Fugen und Toeeaten. Beethoven ertrotzt von der Musik den Ausdruck des Einzelmenschen, den Ausdruck des seelischen Kampses, den Ausdruck des modernen Dramatikers. Seine Sonaten und Sinfonien find Bekenntnisse eines Individuums, sind weltanschauliche Auseinandersetzungen, sind Kämpse, Siege und Niederlagen. Beethoven legt den wichtigsten Grundstein für die Ausdrucksmusik des 10. Jahrhunderts. Er schafft das mufikalifche Symbol für dieses Jahrhundert des Individualismus — er, der rhythmisch markante Dramatiker, er, der „Tondichter". Mozart schwebt zwischen beiden über dem Abgrund, der sich aus- tut zwischen einer untergehenden und einer neuwerdenden Welt. In Mozart stießen Abenddämmerung und Morgengrauen ineinander. Mozart ist die wundersame, ruhevolle, Schönheit atmende Nacht, der Sonnenwende, und da ist die Melodie das Wesentliche, die Fülle der Melodien das Geniale und die überirdische, von Kampf und Opfer unberührte Schönheit das Absolute, das Ewig-Gültige. Mozarts Musik ist restlose Hingabe an das Schöne, ist köstliche Andacht nach dem Naturereignis Bach, ist Verklärung der gegenständlichen Form, ist Ruhe vor dem Sturm der Beethovenschen Revolution. Zwischen den gegensätzlichen Wirklichkeiten Form und Kampf schwingt die unwirkliche Melodie Mozarts. Aber wir würden Mozarts Größe nur halb begreifen, würden wir nicht in feinem Schaffen die geheimen Kräfte spüren, die ihn mit der Urwelt Bachs und dem Dämon Beethovens verbinden: leise schwingt der Klang des uorübergegangenen Erlebnisses durch die Mozartsche Tonwelt und es droht in ihr das kommende Ereignis. Diese Universalität, dieses Anknüpfen an das Vergangene, dieses Ahnen des Kommenden, dies alles erst erhöht die Einmaligkeit dieser Erscheinung, die sich in 36 Jahren erfüllen konnte. Die einen sagen ihm nach, seine Musik sei nicht kämpferisch, — und sie wissen nicht, daß sie damit erst recht die Größe dieses Wunders „Mozart" anerkennen. Andere sagen, er habe die Dekadenz seines Zeitalters künstlerisch geformt, musikalisch gestaltet — und sie haben Recht. Wieder andere sehen in ihm den Wegbereiter der Zukunft, den Ahnherrn Beethovens — und auch sie sind nicht im Unrecht. Aber: wer einseitig Wurzel oder Wipfel oder Stamm oder Blattwerk eines Baumes betrachtet, ohne das Ganze zu sehen, der kann nie begreifen, was der Baum bedeutet. So steht Mozart zwischen Abend und Morgen. Und die Tage, die er trennt, waren lange und Helle Tage der deutschen Musikgeschichte. Eben wieder ist ein solcher Tag zur Neige gegangen und Nacht scheint über uns zu sein. Viele haben in der Dunkelheit den Weg verloren und irren über Brachfeld und fruchtbares Land. Wer der Mozart dieses lieber- gangs sein wird, das wagen wir heute nicht zu entscheiden. Als „modern" verschrien zu fein, das allein kann nicht genügen, den Anspruch zu erheben oder gar zu begründen. Aber dieses eine muß gesagt werden: im ewigen Wandel der lebendigen Dinge sind wir wieder dort angekommen, wo aus Abenddämmerung und Morgengrauen der neue Tag geboren werden soll. Es gilt, die Zeichen der Zeit nicht falsch zu deuten. Die Wandlung, die wir heute erleben, ist ähnlich jener Wandlung, die sich zu Mozarts Zeiten vollzog — nur die Vorzeichen haben sich verkehrt. Nach Mozart bricht sich der Individualismus, der Subjektivismus Bahn und bestimmt das musikalische Schassen des 19. Jahrhunderts. Die in Beethoven freiroerbenben Energien haben sich erschöpft. Der Wille zum „subjektiven Ausdruck" hat in dem Schassen der nachbeethovenschen Generationen seine Erfüllung gefunden und die Musik im Impressionismus, bann im Expressionismus unb schließlich im anarchischen Atonaiismus an die äußersten Grenzen der musikalischen Bezirke geführt. Wir sind muten in der „Umkehr". Wir suchen zurück und vorwärts zugleich — die Musik „wandelt" sich wieder zum objektiven Ausdruck, zu einer überpersonlichen, formgebundenen, der Eigengesetzlichkeit des Absolut-Musikalischen unterworfenen Musikanschauung, und wir dürsten uns glücklich schätzen, wenn uns dieser schmerzhaste liebergang durch einen Mozart versüßt mürbe, von einem Mozart, den Max Reger so inbrünstig herbeisehnte, als er sagte: „Gott möge uns einen Mozart senden, der tut uns so bitter not . man dann an das Wort Fontanes bcnft: sic wirklich vorhanden und durch; doch schreckt sie nicht alles daran setzt, nie zur den Lebensformen anderer Das neue Berlin. Von Karl S ch e s s l e r. Karl Schefsler, der vor 20 Jahren mit seinem Buch „Berlin, ein S t a d t s ch i ck s a l" so viel Aussehen erregte, hat ein neues Buch über Berlin geschrieben, das soeben bei Bruno C a s s i r e r in Berlin erscheint: Berlin, Wandlungen einer Stadt (Preis --eb. 12 Mark, mit 80 Abbildungen — 490). Nach tiesfchürfenden Betrachtungen über die historische Stadt zeichnet er hier das neue Berlin, das „in den verslossenen beiden Jahrzehnten zwar älter, aber auch srischer, starker und selbstbewusster, zwar materiell armer, aber reicher im Willen, zugleich weltstädtischer und der Gesinnung nach deutscher geworden ist". Wir geben als beste Empsehlung für das aufschlußreiche und anregende Buch hier eine» Teil des Schlußabschnittes wieder. Das republikanisch und demokratisch gewordene Berlin hat sich auch äußerlich sehr verändert, sind es ist nicht nur die Veränderung, die in allen Großstadtstraßen Deutschlands zu konstatieren ist, die sich in der Zunahme der Lichtreklame, im Verschwinden der Pferdefuhrwerke, in der Herrschaft des Autos, in der Steigerung und Regelung des Verkehrs ausdrückt. Das Straßenbild sieht psychologisch, so möchte man sagen, anders " ' ‘ Straßenbild ^Das^hängt nicht zuletzt mit der starken Hinneigung zum Sport zusammen. Er ist den Berlinern in vielem ein Ersatz für den TOthtmi6mu5 oder doch für das, was körperbildend in der Ausbildung des Soldaten war Nur daß nun in Freiheit getan wird, was ehemals Drill war. Die neue Stadt ist durchsetzt mit ueuangeleglen guten Sportplätzen. Man sieht die Iuaend endlich wieder spielen, sich ihres Körpers freuen und harmlos wetteifern. Der Einfluß auf die Kärperbildung ist unverkennbar: ine chnaen Berliner werden schlanker, die Bierbauche verschwinden mehr ünb3 mehr. Alles in allem erscheint das neue Berlin weniger provmz- mäbia als das Berlin vor dem Kriege. Das ist allerdings erkaust durch ein/ Dezimierung der konservative!» gefellfchastbildenden El^nentc. Die alten führenden Familien find zum größten Teil untergetaucht. An ihre Stelle find neue Reiche oder eine neue Schicht von rücksichtslos strebenden getreten. Wodurch Berlin nicht eben feiner geworden «st. Die Raffe hat sich durch die simwälzungen der letzten fünfzehn Jahre wieder immer." Berlin übertreibt feine Vitalität; doch ist nicht uiiterzukriegen. Die Armut blickt überall mehr Trotz der allgemeinen Armut — die „Poverteh" zu werden — nähert sich Berlin Groß- und Hauptstädte. Ein Symptom ist, daß die großen Blerhauser, die einst von einer ins Riesenhafte angeschwollcnen Provinzgesinnung errichtet worden sind, ebenso verschwinden wie die sogenannten „Wiener Cafes" An ihre Stelle tritt ein Lokal, das eine Mischung von Konditorei und Restaurant ist und das den Speise-Casäs ähnlich wird, wie man sie in Paris, Kopenhagen, Brüssel und in Ita ien findet Wenn auch noch keine Ordnung in die Essenszeiten gebracht ist — die alten Gewöhnungen sind noch zu stark —, so wird doch Nicht mehr so turbulent gearbeitet, das Wochenende, die Arbeitspause um den Sonntag herum, setzt sich mehr aus. Es sind die Uniformen verschwunden, die früher das beherrschten, der Offizier gibt nicht mehr den Ton an; fodann ist es mit Augen zu sehen, wie das Bürgertum zerrieben wird und wie die Macht an eine noch ziemlich gestaltlose Masse gefallen ist. Das Strahenbild ist schnell und grünbtid) demokratisiert. Dazu gehört auch eine sieberorgnni- salion, eine gewisse unsichere Hast und ein dem Hypertrophischen zuneigender Amerikanismus. Dazu gehört es, daß sich die Entivicklungen in Vorstößen und Rückschlägen vollzieht, daß Hausfe und Baisse sich, nicht nur an der Börse, schnell und jäh ablösen. Ein überreges Interesse für alles, ein stetes Aufnehmen und Wiederfallcnlaffen der Eindrücke gehört zu der Zirkusluft dieser wieder einmal gewandelten Reichsweltstadt. Es gehört zum neuen Stadtgefühl, daß von 1924 bis 1930 etwa 135 000 neue Wohnungen für eine halbe Million Menschen in der Hauptstadt eines besiegten und tributpflichtigen Landes erbaut worden sind, daß zur selben Zeit aber in gewissen Gegenden des Westens jedes dritte bessere Haus zum Verkauf oder zur Vermietung angeboten wird, daß überall anspruchsvolle Neubauten, vor allem von Geschäftshäusern entstehen, während von den alten Stuckfassadcn die Gipsornamente herunlersallen und kein Geld vorhanden ist, sie vom Maurer und Maler in Ordnung bringen zu lassen, daß viele Läden ausgebrochen worden sind, daß man zugleich aber auch durch blinde Ladenfenster in leere, uiwermietbarc Verkaufsräume blickt, daß die Kaushäufer voll sind und in Licht glanzen wie zu Zeiten des Reichtums, die Einzelläden aber nicht mehr bestehen können und das Aufkommen von Massenartikeln dulden müssen, deren Einheitspreise die alte verderbliche deutsche Devise zu Ehren bringt: billig und schlecht. r _ , Hier sitzen charaktervoll verarmende Mieter in zu großen Wohnungen, die sie nicht losschlagen können, dort verlangen immer noch Hunderttausende vergebens nach Kleinwohnungen; hier regt sich in immer neuen Formen unterdrückte Unternehmungslust und brütet oft Wunderliches aus- dort steigt die Zahl der Arbeitslofen gerade in der Reichshauptfladt ins Beängstigende. Die Zeitungen schreien viermal am Tag mit ihren aufreizenden Schlagzeilen. Hastig greisen die Passanten danach: aber nad) einer Stunde haben sie die Sensationen schon wieder vergessen. Trotz politischer Provokationen, trotz Ausruhr, Totschlag, Verleumdung und Demonstrationsradau wird in einem tieferen Sinne die ruhige, skeptische Vernunst des Berliners nicht ersck)üttert. Er fällt aus alles eigentlich herein auf feiner Suche nach Illusionen, aber es dauert nie lange. Nad) kurzer Zeit tut er den Zeitirrtum, die Zeitmode mit einem Witzwort wieder ab. Immer noch und mehr denn je ist Berlin die Stadt der Kritik und der Selbstkritik. Es ist immer noch nicht genug Charakter im Positiven da, im Negativen aber ist er vorhanden. Immer noch und mehr denn je erweist das Stadtindividuum Berlin sich als Autodiktat. Wobei man dann an das Wort Fontanes denkt: „Autodidakten übertreiben vergröbert, das Profil ist derber geworden. Was dann im Gefolge hat, daß fick) die neue Großstadtbevölkerung um Berlin nicht gerade zärtlick) kümmert und unberührt zusiehl, wenn »vertvolle historische Baudenkmale ohne Not abgerissen oder wertvolle alte Bäume und Baumreihen gefällt werden, wo die Verkehrspsychose es gebietet. Diese Verkehrspsychose ist nur ein Symptom. Sic weist auf den Umstand hin, daß selbst diese neue, zur Zeit bankrotte, immer aber noch höchst verwegene Großstadtgesellschast in allem über ihre Verhältnisse lebt. Selbst die an sich bewunderungswürdige Bautätigkeit ist im Grunde über den Verhältnissen Groß-Berlins. Eine Folge dieser immer noch vorhandenen Prahlerei ist, das; alles scheinbar zufällig entsteht, sprunghaft und willkürlich. Das Entscheidende ist aber, daß in der Abfolge des Zufälligen etwas wie eine unsichtbare Methode ist. Diese Methode ist Instinkt für die Zeit. In ihm ist eine Kühnheit, die, trotz allein, immer wieder imponiert; es ist sogar eine gewisse leichtsinnige und etwas alberne Genialität darin. Woher es kommt, daß der Geist Berlins für die großen sozialen und wirisd;aftlichen Umwälzungen, die ja erst begonnen haben, iind die sicher noch manches Jahrzehnt beschäftigen werden, ein Uhrzeiger ist, aus den die ganze Welt aufmerksam blickt. Man kann sich heute zur Not jede deutsche Stadt ausgeschaltet denken, als sei sie nicht vorhanden, ohne daß das Ganze des Reiches dadurch in der Wurzel erschüttert würde; Berlin allein kann man sich nicht wegdenken ohne Katastrophe und Zu- (ammenbrud). Bis zu gewissen Graden ist jetzt — jetzt erst — Berlin identisch mit dem Begrifs Deutschland geworden. Bevor es geschehen konnte, muhte es erst ganz schlimm kommen ... Was früher ein Nachteil war, die relativ geringe Bedeutung des Historischen in Berlin, das erweist sich nun fast als ein Vorteil. Berlin kann ungehinderter als andere Städte in seine Zukunstsmission hineinwachsen, es ist sozial weniger gehemmt. Berlin geht, wie sich deutlich zeigt, voran in der Auflösung, in der 'Auflockerung der Großstadt zugunsten einer neuen Bildung, die man als Stadtland bezeichnen könnte. Aus der Stadt tvill eine Stadt-Provinz werden, die Stadt (rijirft sich an, aufzugehen im großen Ganzen des Landes, ja des Reiches. Nicht, um sich selbst auszugeben, sondern um eine neue Periode der Geschichte einzuleiten, in der das ganze Reich mit großstädtischem Geist erfüllt werden soll. Dagegen sträuben sich jetzt noch alle konservativen Instinkte, und darum ist Berlin im Reiche heute fo verhaßt wie nur je in früheren Jahrzehnten. Als Störenfried, als Unruhestifter, als beständig vorwärts drängendes Lebens- clemenl. lieber die Unbeliebtheit geht Berlin aber so unsentimental hinweg, wie es stets über Abneigung hinweggegangen ist. Es lebt weiter „nach dem Gesetz, wonach es angetreten", es fährt fort, immer zu werden und niemals eigenttid) zu fein, und es versetzt den nachdenklichen Betrachter damit in eine Verwunderung, die in einer kritischen Weise tätig macht, die keine konventionelle Beurteilungsweise erlaubt und die eine Ehrfurcht vor dem Walten und den Wegen der Natur in der Weltgeschichte zurückläßt. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Da gibt’s gar nicht so viel zu erzählen, gnädige Frau. Berus wie jeder andere. Er verliert viel von seinen Geheimnissen, wenn man erst mitten drin steht." „'Aber wir müssen doch jetzt wenigstens wissen, was Gertie zu tun hat." „Zu lernen, gnädige Frau, zu arbeiten. Das dürfte wohl die Hauptsache fein." Isa sah zwisd)en Büchner und Vater Rose. „Ich soll Sie von Gertie grüßen, Herr Rose." Sie lehnte sich etwas zu ihm hin und sprach verhalten, „sie hat es mir aufgetragen, als sie absuhr, und hat es mir dann wieder geschrieben. Wenn auch nicht direkt, aber ein Gruh ist es doch." Er griff nad) der Karte, las. „Das gute Mädel", sagte er. Mehr Worte wechselten sie während des Essens nicht, denn Mutter Rose hatte Büchner ganz mit Beschlag belegt, sie fragte pausenlos, und er muhte antworten. Und tat es. Tat es liebenswürdig und überlegen. Nur Isa sah wohl, dah manchmal ein Lächeln sich um feine Mundwinkel legte. Aber er hatte für jedes, was Mutter Rose wissen wollte, eine Auskunft bereit und glättete ihre Erregung. Er sprach für Gerste, er lobte, er sagte ihr eine große Zukunft voraus, er schilderte Weimar und das Goethe-Theater. „Rührend ist er", dachte Isa, „rührend gut." Immer wieder sah sie ihn an. „Dah er seine Zeit so opfert, daß er sich freigemacht hat, um Roses hier zu Helsen, denn einen anderen Grund kann sein Kommen doch nicht haben. Es ist wirklich gut von ihm." Wie es bei Tisch gewesen, so war es nachher. Mutter Rose und Büchner sprachen. Man sah nun im Herrenzimmer auf den Ledermöbeln vor dem Kamin, in dem das Gasfeuer brannte. Nur einmal griff Vater Rofe ein: „Jetzt hole 4d) aber die gute Flasche, die ich Ihnen versprochen habe." Er ging und kam mit hauchdünnen Römern wieder, goh einen bernsteinfarbenen Wein ein, dessen Tropfen wie Oel an den Gläsern hingen. „Und nun wollen wir auf ©erlies Zukunft trinken." Sie fließen an. Das feine Glas fang in Hellem Ton. „Auch auf die Ihre", sagte Büchner leise, als er mit Isa anstieh, „auch Ihre Stunde wird kommen." Isa trank, sie fühlte, der Wein war edel und schwer, von einer herben Sähe; ein voller, weicher Dust flieg aus dem Glase, fast betäubend. Büchner nahm nur einen kleinen Schluck auf die Zunge, bann setzte er ab. „Donnerwetter!" sagte er ehrlich. „Donnerwetter, das ist ein Wein." Wieder hob er das Glas zum Munde, schlürfte, ließ den Wein unter die Zunge gleiten. Ehrlich freute sich Vater Rose. „Ich hab's ja gemuht, daß Sie was von Wein verstehen würden. Angesehen hab' ich es Ihnen." Er zeigte Flasche und Etikett. „1921er Hallgartener Schönhell Riehling Auslese. Sonst gar nicht eine so große Lage, aber 1921 ist sie geworden: wunderbar^ Dann saßen sie wieder, und das Thema war weiter: Gertie. Aber Isa wurde nicht gefragt. Sie war fast traurig: „Warum bin ich eigentlich hier?" Sie trank, der Wein tat ihr gut. Als sie dann aufvrachen, wollte Vater Rose seinen Wagen kommen lassen. Aber Büchner lehnte ab. „Wenn es Ihnen recht ist, gnädiges Fräulein, gehen mir bis zur Untergrundbahn, es ist ja nicht weit, und ich würde gern noch ein bißchen laufen. Man hat so wenig frische Luft." So schritten sie nebeneinander durch die spärlich beleuchteten Villenstraßen. Die Bäume in den Gärten hinter den Gittern hatten fast schon alle Blätter abgeworfen. Es war herbstlich kühl, aber windstill. Und lautlos, ganz ungewohnt lautlos für den Großstädter. Sie schwiegen anfangs. Dann fing Büchner an, von Roses zu sprechen. „Jetzt habe ich fast Sorge um Ihre Freundin, die Welt ist doch der unseren zu fern." .Kommt es darauf an?" „Zum Teil, gewiß. Man muß schon ein ganz großes Talent sein, um seine Umwelt ganz vergessen zu können." „Haben Sie eine Umwelt vergessen müssen, Doktor Büchner?" „Ja, auch ich. Wenn es beim Mann auch nicht diese Rolle spielt. Mein Vater war Universitätsprofessor in Bonn. Er ließ mich studieren, ich sollte esine Laufbahn einschlagen. Mich packte die Literaturgeschichte, zuerst Shakespeare, dann Hebbel, dann Grabbe. Grabbe besonders. Und nun war der Schritt zur Bühne nicht mehr wett. Vater tobte. Da hab' ich's wie die kleine Gertie gemacht, ich bin ausgerissen. Aber ich weiß, daß ich damals meinen Eltern sehr weh getan habe. Deshalb kam ich heute auch zu Roses." „Leben Ihre Eltern noch?" fragte Isa und empfand: „Ist es nicht eigentlich merkwürdig, daß ich das alles noch nicht weiß? Daß wir heute eigentlich zum erstenmal persönlich miteinander sprechen?" „Vater ist tot", antwortete Büchner. „Er hat mir zuletzt recht gegeben. Als der Erfolg da war. So ist es ja meist." „Und Ihre Mutter?" „Mutter ist in Bonn geblieben. Sie ist am Rhein zu Haus und kann sich nicht trennen. Das geht den Menschen dort meist so. Von ihr habe ich wohl den Tropfen leichteren Blutes, das zum Theater gehört. Von ihr wohl auch die Zunge für Herrn Roses guten Wein. Aber so ganz versteht sie mich heute noch nicht. Sie ist nur beruhigt, weil ich nicht mehr selbst spiele. Regisseur ist für sie mehr, fast so viel wie Privatdozent." „Möchten Sie denn wieder auftreten?" Plötzlich blieb er stehen. „Ob ich wieder austreten möchte? Ja — ja. Sofort, sage ich Ihnen. Was ist denn Regie führen? Ein Vermitteln, ein Eintrichtern. Wie der Lehrer mit dem Stock. Eine Halbheit. Notwendig, weil es nur allzu wenig wirkliche Künstler gibt. Und wenn mal, wie hier in Berlin, welche zusammenkommen, weil sie dann an verschiedenen Strängen ziehen und nun unter den Hut gebracht werden müssen. Regie ist auch Kunst. Aber spielen ist mehr." „Und warum ...?" „Warum ich nicht mehr auftrete? Weil mir das Letzte doch fehlt, Isa, der große Funke. Weil ich zwar weiß, wie es gemacht werden muß, aber es dann nicht selbst geben kann. Es ist ja nicht so leicht, wie sich's die Leute im Parkett denken. Schwer ist es, verflucht schwer." Er schritt wieder aus, jetzt schneller. Kaum, daß sie folgen konnte. Sie wußte, er läuft sich jetzt eine Last vorn Herzen. Ein paar Lichter mehr blitzten auf, der Bahnhof der Untergrundbahn war da. Als sie auf dem Bahnsteig standen, der zu der späten Stunbe fast leer war, fragte Isa: „Und glauben Sie, daß ich es kann?" Seine Antwort kam nicht gleich; bann sagte er: „Glauben — ja. — Aber wissen — nein. Das entscheidet sich erst, wenn Sie oben stehen." Wieder war eine Pause. „Vielleicht schon früher", setzte er dann hinzu. Der Zug rollte ein. Er war halb voll. Eine lustige Gesellschaft, die wohl von einem gemeinsam verlebten Fest kam, füllte den Wagen mit Lärm. So schwiegen die beiden. Vom Bahnhof Wittenbergplatz waren es nur wenige Minuten bis zur Keithftraße. „Sie waren gestern nicht bei Pistorius", sagte Büchner. „Ich konnte nicht." „Ihnen fehlte die Partnerin; ich kann's mir denken. Cs schadet auch nichts. Lassen Sie den Unterricht ruhig ganz fallen. Was sollen Sie unter den Menschen dort. Neunzig Prozent Talentlosigkeit. Das hält sie nur auf. Ich gebe Ihnen morgen etwas anderes und lasse Ihnen Zeit. Sie studieren's durch. Dann werden wir sehen." Sie standen vor dem Haus. Er schloß auf, ließ sie ein. Die Treppen stiegen sie hinauf, erst Isa, er folgte. Die Flurtür kam, die Halle. „Gute Nacht", sagte er. Sie hielt seine Hand: „Was werden Sie mir geben?" Er antwortete nicht, sah sie nur an. Gerade über ihnen brannte eine Ampel mit hellem Licht. „Wissen Sie eigentlich, daß Sie sehr schön sind, Isa?" fragte er. Sie stand erstarrt, schloß die Augen, wartete. Sie fühlte, wie er ihre Hand losließ, hörte, daß er ging. Seine Tür fiel zu. Die Augen riß sie auf. Noch immer brannte das Licht über ihr. Sie wollte sich vorstürzen, zur Tür hin, zu seiner Tür, rufen: ,Küß mich — nimm mich." Sie fühlte plötzlich, zum erstenmal ganz klar: ich liebe ihn. Aber sie wandte sich um. Wie sie es gewohnt war, griff sie nach dem Schalter, löschte die Flamme und ging in ihr Zimmer. Hinten am Flur neben der Großmutter. Gertie hatte sich im Prinzenhof da» Wecken auf 8 Uhr bestellt. Als es klopfte, war sie sofort wach, rief froh „herein", bestellte sich ihr Frühstück aufs Zimmer. Dann fuhr sie mit beiden Beinen zugleich aus dem Bett, lief ans Fenster. Draußen kam zwar erst der Morgen herauf, aber der Himmel war klar. Bald würde die Sonne scheinen — auch das noch! Nein, war das Leben schön. Schnell war sie in den Kleidern. Es gab ja so viel zu tun an diesem ersten Weimarer Morgen: vor allem die Zimmersuche; die wollte sie möglichst schnell erledigen. Das Dach über dem Kopf, das Heim, das sie sich selbst schasste. Das Frühstück kam. Der Kaffee war gut, die Brötchen frisch. Sie aß und dachte dabei an den vergangenen Tag. Richtige Freundschaft hatte sie mit Queis geschlossen; er hatte sie noch über den Gutshof geführt, durch alle Ställe: Kühe, Schweine, Pferde, Schafe. Ihr war das alles neu und fremd gewesen. In der großen Schmiede, der eine Motorschlosserei für alle Kraftzüge, Kraftpflüge und Traktoren angeschlossen war, hatte sie sich schon eher zurechtgefunden; und ganz vertraut schienen ihr die Fabrikanlagen; die erinnerten an Vaters Betriebe. — Es war mit ihrem Aufbruch später geworden, als sie eigentlich beabsichtigt hatte. Bretthauer hatte sie in der großen Limousine nach Weimar gefahren. Queis hatte sich entschuldigt, daß er sie nicht selbst brächte, aber es läge zuviel Arbeit auf seinem Schreibtisch. Ganz zum Schluß waren sie noch in die Garage gegangen, wo ihr Roadster nun stand und auf Einlösung wartete. „Darf ich ihn auch mal benutzen?" hatte Queis gefragt, und sie hatte gelacht: „Aber gewiß, er steht zu Ihrer Verfügung. Hoffentlich besuchen Sie mich oft mit ihm in Weimar." Richtig: den Scheck, den ihr Queis gegeben, mußte sie auch abheben und sich selbst ein Konto bei der Bank einrichten. Das Geld würde schon eine Weile reichen. Sicher fühlte sie sich. Froh war sie. Die Arbeit winkte. Der Erfolg würde kommen. Sie zog einen leichten Mantel an, zog einen Kappenhut über den Kopf, nahm ihr Stöckchen und stiefelte los. Halb neun: Weimar war noch verschlafen, die Straßen ruhig. Es war wohl doch noch zu früh zur Zimmersuche. So pendelte sie zum Marktplatz; da stand eine Säule mit Anschlägen. Als erstes suchte Gertie natürlich das Goethe-Theater, den Spielplan. Sie las: für eine Woche war er festgesetzt mit ständig wechselndem Programm; natürlich, es konnte ja nicht anders fein, hier waren Serienvorstellungen, wie in Berlin, unmöglich. Und bann staunte sie: „Krankheit der Jugend" — „Oktodertag" — „Die erste Mrs. Selby" — Grabbes „Don Juan und Faust" — der dicke Fleischmann hatte allerlei auf dem Repertoire; er war ernst zu nehmen. So ein klein wenig Angst befiel sie: in so etwas wird er mich nun auch hineinstecken; da heißt es, sich zusammennehmen. Sie umrundete den Marktplatz, sah, ob irgendwo ein Schild: „Zimmer zu vermieten" hing, sand aber nichts, geriet suchend in eine Nebenstraße und stand nun plötzlich vor dem gewaltigen Bau des Schlosses. Er überraschte sie in seiner Größe, solche Ausmaße hatte sie im kleinen Weimar nicht vermutet. Und nun nahm sie dies Weimar gefangen und zog sie in seinen Bann. Ehe sie recht wußte, wie und warum, stand sie auf der Jlmbrücke, sah, wie das Wasser durch den alten Bogen rauschte; sie schritt die ausgetretene Steintreppe hinab, ging zwischen Ellern und Buchen das Ilmtal hinauf. Sie hatte ja so viel über Weimar gelesen; hier mußte doch Goethes Gartenhaus fein. Ein weiter Wiesenfleck öffnete sich: richtig: da stand es ja. Ein Weg sührte hin, sie folgte ihm säst hastend und machte dann ehrfürchtig am kleinen Holzgattertor halt. Also das war es: Goethes Gartenhaus. Dann muhte ja da drüben das Haus der Frau von Stein liegen; er hatte es doch sehen können von seinen Fenstern. Die Ilm war zwischen ihnen beiden geflossen, Nebel hatten über dem Talgrund gelegen. Ader es war ja so lange her; die Bäume am jenseitigen Uferhang waren gewachsen, hatten das Gegenüber getrennt. Und die Menschen waren gestorben: mit ihrer Liebe und ihren Versen. Richtig feierlich war Gertie zumute, als sie weiterschritt. Und jetzt kam sie ans Goethe-Theater. Ganz klar war ihr nun: Goethe — das verpflichtet. Längst schien die Sonne hell und warm ins herbstliche Ilmtal, färbte alles Laub golden und jede Stimmung rosig. Sie half Gertie auf ihrer großen Entdeckungsreise: zum Römischen Haus, zum Shake- spearedenkmal; die Hänge hinauf und hinab, immer Goethe im Sinn und die große Zeit: Schiller, Herder, Karl-August, Anna-Amülia, die Goechhausen. Und dann querten plötzlich die Ratsmädel ihren Sinn, so wie sie sie kannte, von der Böhlau her. Dann marschierte August, der Sohn auf — und bann erst die Mutier: Christiane. Das gab ihr einen kleinen Stoß: war es nicht unrecht, daß sie ihrer so spät gedacht, eine Frau, ein weibliches Wesen müßte eigentlich früher an die Brave denken. Aber da schob sich schon wieder Frau von Stein dazwischen, denn ihr Haus, unverkennbar, lag am Rande des Jlrnparkes, und da lief auch die schmale Gasse, die Goethe so ost gegangen, vom Frauenplan zu ihrer Tür. Rechts und links standen in ihr noch die gleichen Häuser wie damals, klein, verwinkelt; nur ein wenig schiefer waren sie wohl geworden. Langsam schritt Gertie die Gasse hinauf. Wenn man hier ein Zirnrner- chen fände, das müßte eigentlich schön [ein, so mitten im Klassischen. Aber bann schüttelte sie doch den Kopf: nein, nein, das ging nicht: die Fenster waren zu niedrig und man hockte zu dicht bei dicht; wenn einer hier Kohl kochte, duftete die ganze Nachbarschaft. Bei aller Ehrfurcht, bei aller Liebe — nein. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck unb Verlag: Vrühl'fche UniversitätS-Buch» und Steinbtuderei, Lange, Gießen.