SiehenerZamilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang IM Montag, den 7. September Nummer 70 -=======-------- ■ — Schicksal. Von Wilhelm Raabe. Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück, Mußt du ein andres wieder fallen lassen; Schmerz wie Gewinn erhältst du Stück um Stück, Und Tiefersehntes wirst du bitter hassen. Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören; Mit Trümmern überstreuet sie das Land, Und was sie hält, wird ihr doch nie gehören. Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sein Herz ein Kinderherz im heft'gen Trachten. Greif zu und halt! ... da liegt der bunte lanb: Und klagen müssen nun, die eben lachten. Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz, So mußt die schönste Pracht du selbst zerpflücken; Zerstören wirst du selbst des Lebens Glanz Und weinen über den zerstreuten Stücken. i»n Wilhelm Raabe. Zu feinem 100. Geburtstage. Von Dr. Kurt Wasserfall. Als Wilhelm Brandes am 15. November 1910 am Grabe Wilhelm Baabes den abgeschiedenen Dichter Deutschlands Gewissen nannte, fand r damit das rechte Wort für die Tatsache, daß unser Volk in jener Ltauerftunbe einen seiner deutschesten Dichter zu Grabe trug. Waren es :uch damals schon Tausende und aber Tausende, die sich dessen bewußt aarcn, so vermochte doch erst später die große Not, die über uns kam, weiteren Tausenden und aber Tausenden den Weg zu einem Dichter zu -ahnen, für dessen Werke man unmittelbar vor dem Feinde, in den Lazaretten und in der leidgeprüften Heimat nicht weniger nun ein ganz anderes Verständnis hatte, als in jenem scheinbar gesicherten und elbst- -iefälligen Wohlbehagen eines materialistischen Zeitalters. Und heute, da i ie Zeiten nicht besser geworden sind, da unser Volk mehr denn ,e gezwungen ist, wieder einmal in sich hineinzuhorchen, um das Schicksal, i. m die Zukunft zu befragen, beginnt die Erkenntnis zu dämmern, daß in Wilhelm Raabe überhaupt einer der größten Dichter und geistigen Führer unseres Volkes lebte, dessen Werke jetzt nicht wie die so vieler l?iner einstmals laut gerühmten Zeitgenossen der Vergessenheit verfallen, bnbern heute und morgen zu leben und zu wirken recht eigentlich erst niheben. So erscheint es fast als von schicksalhafter Symoolik, daß gerade in diesen schwärzesten Tagen der Nachkriegszeit sich der Geburtstag Wilhelm Raabes zum 100. Male jährt, daß aller Not zum Trotz unter der Schutzherrschaft unseres Reichspräsidenten v. Hindenburg em De - "al für den Dichter geschaffen werden konnte und am September m Braunschweig feierlich enthüllt wird, daß somit gerade heute bas deutsche Solt wieder auf einen Mann mit aller Deutlichkeit hmgewiesen wird •on dem Walter v. Molo jetzt im Hinblick auf den Gebenktag eben o happ wie zutreffenb sagte: „Er gehört zu den größten Deutschen, aus tonen Genesung wachsen kann." Es ist nicht möglich, das Lebenswerk des Dichters in wenigen Worten «schöpfend zu erörtern, ja auch nur in seiner Bedeutung ""d !°men Wer In hinreichend zu umreisten. Wir müssen uns hier mit einigen Anbeu- Imgen begnügen und können im übrigen bemjenigen der bisher an '• aabe vorub erging, nur sagen: Nimm und lies selbst! Für den, der sich ‘Hann näher mit Raabe befassen will, liegt schon heute unter der reichen Literatur über den Dichter manches ausgezeichnete Werk bereit. „Im engsten Ringe, im stillen Herzen, weltweite Dinge!" In18 Ban- i der Rutsche Mensch, die deutsche Seele, da- deutsche Volk — bas ist Wilhelm Raabe unb sein tn bitteren Kämpfen, «ber auch in genial-stetigem Vorwärtsschrerten errungenes Lebenswerh den tiefwurzelnden, aus sich selbst heraus m die 3^"« fo’totrtentwn Poften seiner Dichtung erscheint Raabe als der Deutsche schlechthin, .vergesse ich bein, Deutschland, großes Vaterland so werbe meiner I echten vergessen" ruft er als junger ©tubent in semem ersten Werke, H „Chronik der Sperlingsgaffe" aus. Und sein letztes Buch „Hastenbeck k»gt als Motto das Wort des Freiherrn vom Stein. „Ich habe nur Vaterland, das ist Deutschland". Welches feiner vielen Bücher wir auch zur Hand nehmen, deutsches Leben in jeder nur möglichen Erscheinungsform irdischen Daseins unb menschlichen Kämpfens erfüllen jebe Seite, jebe Zeile. Deutsch zu fein war Raabes inneres Gesetz, nach bem er angetreten war, unb er betrachtete es als seine große Aufgabe, den Geist zu erhalten unb seinem Volke roieber und wieder zum Bewußtsein zu bringen, ber immer bort lebte unb wirkte, wo bas beutsche Volk sich treu blieb unb seine Siege erfocht. So hat man ihn, ber bem oberflächlichen, materialistischen Zeitgeschmack zum Trotz unerbittlich seiner inneren Be- rufunb verhaftet blieb, mit Recht als einen treuen Eckehard ber deutschen Seele bezeichnet. Das wollte Raabe fein, das war er und das wird er feinem Volke bleiben. Raabes Bücher ergeben einen Längsschnitt ber beutschen Geschichte. Jrn dreizehnten Jahrhunbert spielen bie „Härnelschen Kinber", im fünfzehnten „Des Reiches Krone". Eine lange Reihe von Erzählungen führen von ber Reformation bis zum Siebenjährigen Kriege. Jknmer wieder schildert Raabe bie Zeit vor unb nach ben Befreiungskriegen. Die Epoche vom Wiener Kongreß bis Seban unb barüber hinaus in bie letzten Jahrzehnte bes neunzehnten Jahrhunberts erleben wir in breitem Aufriß. Alles das, ob es sich um mehr oder weniger ferne Zeiten ober um die Gegenwart hanbelt, erscheint in ben lebenbigen unb leuchtenben Farben eines wirklich erlebten unb greifbaren Ledens. Raabes Einfühlungsvermögen in ben Geist vergangener Zeiten ist fast ohnegleichen. Aber die Schilberung historischer Vorgänge ober bes historischen Milieus ist ihm niemals Selbstzweck, immer stehen im Mittelpunkt ber deutsche Mensch, bas Werben unb Wachsen des beutschen Volkes und seine Schicksale. Meist geht bie Historie Hanb in Hcmb mit einer ebenso treuen landschaftlichen unb örtlichen Schilberung. Doch ist auch biefe Schilberung nicht Selbstzweck. Nur weil bie Oertlichkeit, bie Lanbschaft so eng mit bem Fühlen unb Hanbeln seiner Gestalten verwebt ist, führt ber Dichter uns Stäbte unb Dörfer so eingehenb vor Augen, baß jene Stabt, bieses Dorf uns lieb unb vertraut werben, als wären wir gerabe bort ober bort zu Hause. Zwar spielen die meisten raabischen Dichtungen auf bem nieber- sächsischen Boben seiner engeren Heimat. Aber anbere Werke führen in anbere deutsche Gegenben. Mit Recht würbe Raabe niemals als ein Hei- matbichter empfunben ober bezeichnet. Er gehört allen beutschen Stämmen, wie beren Geschicke unb Eigenart sich in seinen Büchern in tausend Abwandlungen spiegeln. Unerschöpflich ist ber Reichtum an Gestalten, bie als wirkliche, echte Menschen im wahren Sinne bes Wortes in .Raabes Werken leben. Da finb sie alle: Fürst unb Felbherr, Minister, Bankherr unb Gutsbesitzer, Offizier unb Künstler, Aerzte, Pastoren, Professoren, Schulmeister, Beamte, Hanbwerker, Bauern unb Arbeiter unb so fort, all bas Volk, „bas mit feinen Hänben zum Fortbeslanb ber Welt hilft". Kein Berufs-, kein ßebensftanb, ber nicht Beachtung finbe. Welche Fülle wunbervoller Frauen- unb Mäbchengestalten, mögen sie rechte Mütter unb Bräute fein ober in bie Irre gehen! Alle sind es beutsche Menschen, erscheinen einzeln aber stets in scharfer inbivibueller unb oft unvergeßlicher Ausprägung. Alle zusammen ergeben ein Bilb bes beutschen Menschen, wie es in dieser Vollkommenheit kaum jemals gezeichnet wurde. „Alt geworden zu sein unb seine Ideale hochzuhalten und seinen Opfermut dafür zu erweisen, das macht ben Heros, ben Menschheitserlöser", sagt Raabe in ben „Gebauten unb Einfällen". Er selbst, zu immer höherer Weisheit sich emporringenb, hat viel von biesem Erlöser- tum an sich, bas bie besten Kräfte ber beutschen Seele zum Einsatz im Lebenskampf immer roieber mobil macht. Doch gerabe dieses will in seinen Büchern erlebt, will in seiner Gemeinschaft errungen sein. Und hier ist der Punkt, wo der Leser, der „spannende Unterhaltung" sucht, sich enttäuscht abroenöet und dem Glücklicheren das Feld überläßt, der zur inneren Vertiefung die Zeit sich gönnend in Raabe den treuen Lebensführer findet. Die äußere Spannung spielt in Raabes Werken nur selten eine besondere Rolle, dafür gehören feine Bücher aber zu jenen, bie einem ans Herz wachsen unb vor benen man — nach einem Worte bes Dichters — „in ben großen Krisen bes Lebens keinen Ekel empfindet". Je mehr das deutsche Volk im Suchen nach Wegen aus ber geistigen Not und dem Wirrsal unserer Zeit zu seinen Quellen zurückkehren wird, in um so weiterem Umfange wird es in Raabe einen feiner großen Weisen erkennen, wie sie jedes Volk nur wenige hat. Mit visionärem Blick sah der Dichter all die geistig-seelische Not kommen, bie uns beherrscht unb die in weitem Maße ja auch schon zu seiner Zeit bestand. Für sich und Tausende fand er den Weg zur Selbstbefreiung unb zur Ueberroinbung jeber Not. „Man muß mit Raabe-Augen sehen lernen", bekannte einer seiner Leser, „bann betrachtet man bas Leben von einer höheren Warte ..." Ober wie eine Lehrerin schrieb: „Auch für bie glühenbste Stirn hat bas Schicksal ein kühlend Mittel, bas habe ich an mir erfahren, als ich ... zum erstenmal ein Buch von Wilhelm Raabe in bie Hand bekam". Raabe weiß den Blick zu öffnen für das Wesen und die Wahrheit die hinter der „Wirklichkeit" stehen und deren Erkenntnis Mut zum Kampf und Kraft zur Ueberwindung des Leides geben. „Die Welt hat einAi Kern sie hat einen süßen Kern, nur aber die Zunge oder was sonst zu der gehört, hat nichts damit zu tun, darauf schmeckt man sie nicht". Wer sich an Hand der Raabeschen Bücher zum Verständnis und zur Bejahung dieses Wortes hindurchringt, für den ist der Dichter zu einer unerschöpflichen Quelle inneren Reichtums geworden, den zwingen feine Werke, sich immer tiefer in sie hineinzulesen, dem offenbaren sie immer neue Schönheiten und Lebenswunder. Streben nach innerer Freiheit ist das höchste Ziel der Raabeschen Kämpfer, das deutscheste in ihnen wie im Dichter selbst. „Frei durchgehen! Ist das nicht das größte Wort, das in diesem in Stricken und Banden liegenden Menschenleben gesprochen werden kann?" Ja, Raabes Bücher zielen darauf hin, Menschen zu gestalten, die innerlich frei durch diese Welt hindurchgehen, die in der bittersten Not noch ein Lächeln finden, weil in ihnen Kräfte lebendig geworden sind, die nicht in dieser Welt wurzeln. Hierzu will Raabe dem einzelnen helfen, um des Ganzen willen, dem immer seine tiefste und letzte Liebe gehört. So kennzeichnet er den Typ eines neuen Adels, hier wird er zum- großen nationalen Erzieher, der einem Goethe, Schiller, Kant und Fichte auch im Vorbild seines eigenen tapferen Lebens würdig zur Seite tritt. Immer wieder erhebt Raabe die Forderung, die er als die Voraussetzung für jede fruchtbare Zukunft des deutschen Volkes ansah und die in seinen Werken immer und immer wiederkehrt: S e l b st b e s i n n u n g! Nach seiner innersten Ueberzeugung konnte eine wirkliche Einigung des deutschen Volkes sich nur von innen heraus vollziehen, und er erkannte, daß vieles bei der Gründung des Reiches ungelöst blieb. Mit Grimm sah er in den ersten Jahrzehnten des neuen Kaiserreiches den Materialismus fast auf der ganzen Linie siegen. Der Geldsack war im deutschen Volke aufgegangen und „es hatte fast den Anschein, als sollte dies der größte Gewinn sein, den das geeinte Vaterland aus seinem großen Erfolge in der Weltgeschichte hervorholen könnte!" Aber Raabe ließ sich nicht entmutigen. Immer wieder zeichnete er seinem Volke den deutschen Menschen, dem die Zukunft gehört, sofern es für uns eine Zukunft noch geben soll. Immer wieder mahnte er zur Besinnung auf jene Kräfte, die das deutsche Volk durch alle Jahrhunderte hindurch aus tiefster Not heraus immer wieder zur Freiheit und Höhe führten. Aber — und das ist das Wesentliche — Raabe mahnt nicht nur; vertraut mit allen unserer Nöte, führt er uns selbst mit sicherer Hand in die Rüstkammer der deutschen Seele und entläßt uns — sofern wir Art von seiner Art sind — mit all den Waffen, deren wir bedürfen, dessen unser Volk bedarf, um sein Dasein auf Erden aus der Mitte heraus von Grund auf neu zu bauen. „Im engsten Ringe, im stillen Herzen, weltweite Dinge!" Raabe ist wahrhaftig alles andere als der behagliche Gestalter „schnurriger Käuze" und die großväterliche Verkörperung deutscher Gemütlichkeit. Sein Volk hat es ihm nicht leicht gemacht. „Wenn ein Franzose so das innerste französische, ein Engländer das innerste englische Wesen gekannt und beschrieben hätte, wie ich das deutsche, wie würden denen ihre Völker mit Jauchzen zugefallen sein! Die Deutschen wollen von dem, was sie selbst haben, nichts wissen. So habe ich einen schweren Kampf durch mein ganzes schriftstellerisches Leben führen müssen — gegen Frankreich selbstverständlich — gegen Kalifornien, gegen Norwegen usw. usw., Rußland, gegen alles, was dem deutschen Volke weit her, also desto sympathischer ist ..." Aber Raabe wurde nie müde, um sein Volk zu ringen, wie er trotzig den Glauben an eine deutsche Zukunft sesthielt. Und wie er selbst schrieb: „Nur diejenigen Kunstwerke haben Anspruch auf Dauer, in denen die Nation sich wiederfindet", so wußte er, daß sein Werk diesen Anspruch hatte und daß seine Zeit kommen würde. Sie ist schneller gekommen, als der Dichter selbst es dachte. Die große Gemeinde der Freunde Wilhelm Raabes ist, wie der Absatz seiner Bücher beweist, von Jahr zu Jahr gewachsen. Und wie heute Selbstbesinnung die große Parole ist, die allein nur zu den gesunden Quellen unseres Lebens zurückführen kann, so bedürfen Gegenwart und Zukunft mehr denn je der geistigen Waffen, die kaum irgendwo so für uns und kommende Generationen zum Zugriff bereit liegen wie in dem großen, reichen, einzigartigen .Lebenswerk Wilhelm Raabes. Oer Prophet hinter der Ladenscheibe. Auch ein Beitrag zum Raabe-Jubiläum. Von Max I u n g n i ck e l. In einem kleinen Nest bummelte ich herum. Das weite, grüne, schwere Land blühte bis in die Stadt hinein. Die Sonne meinte es gut, lag blitzend in den Fensterscheiben und blieb glücklich versonnen über den Kastanienbäumen stehen. Es hatte den Anschein, als ob die Kastanienblüten wie Lichter brannten. Und dazu hinkte vom dicken Kirchturm eine alte Glocke wie eine greife Magd, die ihre Arbeit längst getan hat und sich nun ein bißchen umständlich ergeht, aus der Stadt heraus, ins Freie. Fest und schmiedeeisern hingen Über Gasthaustllren und über manchen Läden die alten Wirtshausfchilder und die rostigen Gildenzeichen. Und da stehe ich schon vorm Laden eines Buchhändlers. Ein kleiner, bescheidener Laden. Der Mann hat Briefpapier und Glückwunschkarten und Butterbrotpapier und noch viel mehr, was man in Schreibstuben braucht. Das steht groß an der Gingangstür. Aber im Ladenfenster, da hat er was anderes. Mir ist's, als ob der Mann das Glück seines Herzens hinter die Ladenscheibe gelegt hat. Da ist zuerst ein Bild von Wilhelm Raabe. Um das Bild herum stehen sie gereiht, all die Bücher, die der Raabe-Wilhelm geschrieben hat. Immer mit jenem Dichterblick, der die Wurzel der Landschaft, das Lächeln der Käuze und die Schlichtheit wahren Menschentums belauschte, Da stehen sie alle, von der „Chronik der Sperlingsgasse" angefangen. Sie stehen da in allen möglichen Ausgaben: kleine Berge, von deren Gipfeln man die Schönheit und das Wundersame deutschen Wesens er. spähen kann. Stehen da wie feste Wachttürme der deutschen Seele. Und in ihren Kreis hat der Buchhändler zwei irdene Vasen gestellt. In die Vasen hinein dicke Fliederzweige. Weihen und blauen Flieder. Man hatte die Empfindung, den Fliederdust durch die Scheibe zu spüren. Und in der Mitte der Blumenvasen ein harter, erdiger Feldstein. An den Feldstein gelehnt eine gewöhnliche Postkarte. Raabe hat sie geschrieben. Und er schrieb klar und fest, daß es geradezu in die Augen springt: „Auf Deine Zugehörigkeit zu dem ehrbaren, tapferen, arbeitsamen, in seinen Grundfesten nimmer zu erschütternden Volke der Deutschen wünsche ich Dich hiermit noch einmal eindringlichst aufmerksam zu machen. Gedenke zu jeder Zeit, welch eine uralte, erstaunliche Ehre Du auf dieser völkerwimmelnden, völkerschaffenden, völkervernichtenden Erde mit zu bewahren, vermehren und verringern vermagst! Dein Wilhelm Raabe." Vielleicht war der Buchhändler ein Freund des alten, weisen Dichters Er hat ihm da, aus dem Glück seines Herzens, hinter seiner Ladenscheibe, ein Gedächtniseckchen zurechtgemacht. Einen Dichter-Altar. Oder spürt der Buchhändler die deutsche Not und den Niederbruch der Zeit bis in feinen Schlaf hinein? Und im Traum wurde er von Wilhelm Raabe besucht. Und der alte Raabe wies ihn auf das Wort, das er ihm einmal geschrieben hatte, und das der Buchhändler, in guten Tagen, verkramt hatte. Und nun ist es wieder da. Und er redet so ein« dringlich und mahnend wie ein Prophet, der den Untergang sieht. Und ist doch so fest wie ein Anker im Sturm und so tief wie ein Brunnen, auf dem die Sterne liegen. In der Herbstschen Weinstube. Eine Raabe-Erzählung. Von Eberhard Meckel. Regen trieb durch die engen und winkeligen Gaffen und über die abendlich stillen Plätze, ein breiter und herber Wind fuhr dazwischen und warf die Tropfen an die leise klirrenden Scheiben der Straßenlaternen. Spärlich und trüb erhellten ihre Strahlen nur ihre nächste Umgebung und gaben glänzende Flecken auf das grobe Kopfsteinpflaster unb liefen unruhig über die weite erste Auskragung am Fachwerk der alten Häuser hinauf. Aber sie gelangten nicht weit, höchstens zur halben Höhe, kaum zur zweiten Auskragung. Von dort ab lag die ganze Stadt mit ihren Dächern im regnerischen Dunkel. Nur ab und zu brannte hinter den Fenstern ein Licht. Sonst war alles öde und wie ausgestorben. Mächtige und heimliche Wächter, verloren sich die vielen Kirchtürme unwirklich und grau in die neblige Nacht: Braunschweig. Ein junger Mann tastete sich, um nicht allzu sehr durchnäßt zu werden, seit geraumer Zeit dicht an den Häusern entlang und weiter die engen Gassen auf und ab, am Rand der Plätze vorbei. Suchend hob er oft den Kopf und sein Blick schweifte an den Hausreihen hin und den hier und da angebrachten Schildern. Manchmal mußte er in der Dunkelheit herantreten, um die Inschriften zu sehen. Enttäuscht ließ er immer wieder im Lesen davon ab, denn jedesmal waren es die üblichen Ankündigungen der Handwerker und Läden. Endlich aber, nach einem weiteren Umher- suchen und noch ein paar kleineren Irrwegen über einen Platz, wo der Wind die Blätter herbstlich durcheinander wirbelte — als er das Suchen beinahe schon aufgeben wollte, weil auch niemand kam, den er nach dem Weg hätte fragen können — fand er doch dorthin, wohin er wollte: Mit einfachen geraden Buchstaben leuchtete es ihm durch das Vorbeiglitzern der Regentropfen im Schein einer Laterne matt von einer Tür auf der anderen Straßenseite entgegen: „Herbst'sche Weinstube". Eilig flüchtete er sich vor dem Regen, der plötzlich wieder mit größerer Heftigkeit einsetzte, hinüber in den Eingang. Erst zögernd noch, öffnete er bann mit plötzlichem Entschluß bie Tür unb trat ein in ben Gastraum. Eine wohltuenbe Atmosphäre umfing ihn. Unter ben Schirmen brannte ein ruhiges gebämpftes Flammenlicht, so ruhig, wie es im Augenblick im Raume war, als er hereinkam. Gleich barauf aber Hub bas Sprechen roieber an. Es waren nur wenig Gäste an ben Tischen verteilt. Der junge Mann, ber erst unentschlossen baftanb, setzte sich, obwohl sonst auch noch genug freier Platz war, zu zwei alten Männern an ben blankgescheuerten Tisch in einer Ecke. Es war ihm lieber, in Gesellschaft zu fein, als allein zu sitzen. Außerdem verfolgte er ja feine besondere Absichten, wenn er hierher gekommen war, unb konnte sie vielleicht besser verwirklichen... Bald kam er mit ben beiben Männern — bieberen Bürgern, wie es schien — ins Gespräch. Er war noch naß vom Regen, unb man sprach über bas Wetter, unb daß es boch ein schlimmer unb nasser Herbst sei bieses Jahr. Dabei sah sich ber junge Mann, nachdem er sich hatte Wein geben lassen, in dem Gastraum um. Hierher also, buchte er unb betrachtete genau Wänbe, Möbel unb Menschen, hierher also soll er an jebem Abend kommen. Unb ber junge Mann meinte damit Wilhelm Raabe, ben Dichter, von bem er kannte, was er geschrieben hatte. Er liebte vieles bauen sehr, baß er selbst in ber Beschäftigung bamit für fein eigenes Leben, bas er mit eigener künstlerischer Arbeit auszufüllen gebuchte, einen reichen Gewinn erfahren hatte. Unb er war besfjalb entschlossen, auf ber Durchreise hier in Braunschweig einen Abenb zu bleiben, in ber Hoffnung, vielleicht ben verehrten Dichter zu sehen. Ihn in seiner Wohnung uufzusuchen, hatte er nicht gewagt. Aber bei ben Srtunbigungen, bie er überall ein« gezogen hatte, brachte er in Erfahrung, baß Raabe fast jeden Abend m ber Herbstschen Weinstube anzutreffen fei. Er hielt Umschau, baß er ihn vielleicht entberfte. Er kannte ihn zwar vom Ansehen nicht, buch war er gewiß, ihn aus ben ersten Blick zu erkennen. Drüben an einem langen Tisch saß eine ganze Gesellschaft von Männern, bie sahen alle so nach Künstlern aus. Unb einer in ihrer Mute, ganz besonbers, mit einer orbentlichen Haarmähne unb einer großen Wenn über stiller Heide ... Von Wilhelm Raabe. Wenn über stiller Heide des Mondes Sichel schwebt, mag lösen sich vom Leide Herz, das im Leiden bebt. Tritt vor aus deiner Kammer und trage deinen Schmerz, trage des Weltlaufs Jammer der Ewigkeit ans Herz! Das Ewige ist stille, laut die Vergänglichkeit, schweigend geht Gottes Wille über den Erdenstreit. In deinen Schmerzen schweige, tritt in die stille Nacht! Das Haupt in Demut neige! Bald ist der Kampf vollbracht. Schweige in deinem Schmerze, geh vor aus deinem Haus und trag dein armes Herze an Gottes Herz hinaus! Weil nicht im dunkeln Walde, zwischen den Tannen nicht; über die Blumenhalde trag deinen Schmerz ins Licht! Wenn hinter dir versunken,, was Ohr und Auge bannt, dann hält di« Seele trunken das Firmament umspannt. Wie aus dem Nebelkleide der Mond sich glänzend ringt, so aus dem Erdenleide aufwärts das Herz sich schwingt. O Heide, stille Heide, wie sehnet sich hinaus zu dir das Herz im Leide, gefangen Herz im Haus! Lorenz Scheibenhari. Erzählung von Wilhelm Raabe. Mit Genehmigung der G. Grote'schen Verlagsbuchhandlung in Berlin*. (Nachdruck verboten.) Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Amen! f Nun hab' ich begonnen mit Hilfe dessen, der mich bis hieher geleitet und geführet hat dieses hohe Alter durch so viel Schrecknisse und in Fährlichkeiten, wie sie wohl selten einem Menschenkind auferlegt werden, und sitz' nun schon viel Jahr' lang fest in diesem alten Lehnstuhl und höre die Uhr hinter mir picken und ticken, immer dem dunklen Grab zu. So will ich denn, dieweilen der Kopf noch klar und die Hand noch zu brauchen ist, meine Schreiberskunst wieder hervorsuchen und ungefüge niederfetzen, was ich in der Erinnerung behalten hab' aus dem konfusen Chaos, der Wüstenei meines Lebens. Brauch' mich nicht umzuschauen nach der Uhr hinter mir, um die Tageszeit zu wissen: die Helle Sonn' trifft ja mein altes Gemässen, was ich aufgehängt habe an der Wand neben mir; da wird es bald vier auf dem Kirchturm schlagen, und es hat ein Recht dazu, denn schon schallte aus der Neckenschenke die Sonntags- musika und das Gejauchz des Sonntagstanzes bis in mein Stüblein herüber, und dort über die Wiese streicht ein selbstvergessen verliebt Pärchen dem Frauenholz zu. Nun kann ich wieder einmal das Haupt auf die Hand stutzen und wegschauen über mein holländisch Papier und den Tisch und durch das Fenster, und an der Feder kauen, und hineingucken in den blauen Himmel. _ v ... 's ist doch etwas gar Schönes um die Jugendzeit, wenn man nicht zu fürchten braucht, daß im nächsten Augenblick die Holckefchen Reiter aus den grünen Sträuchern vorsprengen oder eine streifende Schwedenschar einem den Weg verlegt! „Versäumet die Maienblumen nicht!" saget der weise König Salomo. Gott gefegne dir deine Zeit, du junges Geschlecht, du, welches die ausgehende Sonne stehest und nicht bei niederfallender Nacht in die Welt gekommen bist. Ja, ja, alles hat seine Zeit: Pflanzen und Ausrotten, Heilen und Würgen, Bauen und Brechen, Sieben und Hassen, Friede und Streit — und uns ist das letztere vor allem zugefallen — Gottes Wille geschehe! Ich bin geboren in der alten Stadt Braunschweig, an der langen Brücke, wo der Wipperturm stehet, am siebenten Äprilis, Montags nach Judica', im Jahre eintausendfünfhundertundfünfundneunzig, und war das schier ein betrüblich' Omen, denn an selbigem Tage Hub sich ein heftiges Schneien an, das währete Tag und Nacht, immer zu, immer zu, daß tue Menschen in ihren Häusern verschüttet wurden, das Wild in den Wäldern und Gehölzen erstickte und die Vögel den Leuten in die Häuser flogen. Das dauerte bis Palmarum, da ging dieser groß« unerhörte Schnee durch Gottes Schickung weg ohne Regen und zog der Frühling ein, wie der Herr Jesus Christus am Palmsonntag in das jauchzende Jerusalem. * Diese Erzählung ist dem bei Grote erschienenen Novellen-Bande „Halb Mär, halb mehr" entnommen: kart. 1,20 Mk., geb. 2,20 Mk. reiten Schleif«, der auch so gegen sechzig Jahre fein mochte, wie der dichter Raabe es war, das mußte er wohl fein, [o wie er den Mittelpunkt des Tifches bildete. Der junge Mann wandte sich an den neben ihm fitzenden der beiden Nänner und fragte ihn, was das wohl für ein Mann [ei. Es müffe doch Dotjl ein ganz berühmter fein. Ob es nicht vielleicht der Dichter Raabe väre? Er erhielt erst keine Antwort, denn der Gefragte tränt bedächtig lein Glas leer, wischte dann mit Umstand seinen grauen Bart ab, bis r schließlich lächelnd sagte, ja, da habe der junge Mann nun recht geraten, do fei der berühmte Dichter Raabe, der mit der Künstlermähne und dem chwarzen Samtrock mit der breiten Krawatte. Und der andere bestätigte liefe Worte kopfnickend. — Also, das ist er nun, freute sich der junge Rann, und schaute unverwandt hinüber zu dem andern Tisch, wo eifrig isputiert wurde. Ein paar Worte fing er auf, als er angestrengt hin- > erchte, und es schien danach ein Hohes Gespräch im Gange zu sein über He Kunst im Allgemeinen und Besonderen. Der junge Mann sah auch, □ie alle mit Andacht auf die Worte des Mannes hörten, den man ihm cis den Dichter Raabe bezeichnet hatte. Ein großer Mann ist das doch, 'achte er voll Bewunderung. Vielleicht wußten die beiden Männer neben ihm noch einiges über Raabe zu erzählen? Er begann also das Gespräch ’cn neuem, und erzählte den beiden, daß er eigens zu dem Zwecke, Raabe zu sehen, einen Abend in Braunschweig geblieben sei, und ließ lud; durchblicken, daß er sechst ein wenig ein Dichter (ei. Die beiden litten blickten ihn daraus, wie es ihm vorkam, staunend an. Und der ■eben ihm saß, rückte sogar ein wenig von ihm ab und sagte, wobei er fischen den Worten den Wein aus dem Olafe schlürfte, ja, ja, mit dem Didjten, das fei doch eine eigene Sache. Aber es gäbe wohl wenige Dichter und sie ließen sich nicht so leicht finden. Auch was der Raabe icschrieben habe, es wäre ja wohl ganz schön und gut, er kenne die -Zücher natürlich auch ein wenig, doch im Grunde fei es ein merkwürdiger verschrobener Mensch, den niemand richtig lesen und verstehen wolle. ?abei blinzelte er mit den Augen zu dem langen Tisch hinüber. Aber der junge Mann verteidigte seinen Dichter. Er dachte innerlich, □as das doch für spießerhafte Alte neben ihm feien. Sie sahen aber auch aus! Der erste war der Typ des echten freundlichen und gutmütigen ZÜrgers, und der zweite, mit feinem weißen Bart und den glatt angekleb- len Haaren, obwohl er hager und schmal war, stand ihm nicht nach. Die tertörperte Gemütlichkeit und Biederkeit ging von ihnen aus mit tleim bchen und beschränkten Ansichten. Und der junge Mann wollte in ihnen len Typ des deutschen Weinphilisters erkennen, den seine lugendlich ingeftümen Gedanken verächtlich abtaten. Welch ein Gegensatz zu dem inberen Tisch, wo offensichtlich ein lebhafter und großzügiger Geist |, erbebte Dort drüben, ja, das war doch etwas anderes! Begierig und mit lern einzigen Wunsch, dabei zu sein und mitzutun, konnte der junge Nann seinen Blick nicht davon lasfen. Nach einer Zeitlang, nachdem sie noch schweigend dagesessen und ihren Nein getrunken hatten, standen die beiden alten Manner auf. 301)11611 hre Zeche grüßten den jungen Mann freundlich und wünschten ihm noch ■in gutes (Ergebnis feines Braunschweiger Aufenthaltes und gingen zur -laststiibe hinaus, unbemerkt von den anderen. (Ein Mädchen räumte ach ihrem Fortgang die Gläser und die Weinkanne von dem Tisch ab. Der junge Mann fragte, ob es sich nicht machen lasse, daß er an dem indem Lisch sitzen könne. Er wolle so gern, fugte er leise hinzu, den Dichter Raabe kennenlernen, den Mann da mit den langen Haaren u lern Samtrock, wie ihm sein Nachbar hier vorhin gesagt hatte. Aber da □t das Mädchen sehr verwundert und gab zur Aiitwort das («' Oar "l$t ter Dichter Raabe, das sei doch einer der Herren Schauspieler vom Thea- icr. Und der Herr Raabe habe doch den ganzen Abend zusammen mit lern Herrn Rentier Tellgmann an seinem Tisch hier gesessen. Wie der junge Mann das hörte, glaubte er feinen Ohren nicht zu trauen, faß eine Zeitlang wie betäubt da und begriff rate es tfm iefchehen war Erft allmählich suchte und ordnete er in sich zusammen, aas dieser plötzliche Sturz aus allen Himmeln in ihm durcheinander «ebracht hatte. Der alte Mann neben ihm war Raabe gewesen und er träte ihn für einen Spießbürger angesehen! Wie war nur em solcher örtum möglich! Natürlich, jetzt sah er es plötzlich, der Mann da an lern großen Tisch, der konnte ja gar nicht dem Menschen eustp"cheN' d-r Äche Sachen schreiben konnte, solche stillen unb humorvollen Ge dachten n allem ihrem Ernst und ihrer Gläubigkeit. Bescyamt stellte stch der junge Mann vor, wie der Alte neben ihm ausgesehen d°"e, unb er erin- rerte sich an feine Augen. Nein, wenn er nur ein wenig mehr verstanden tötte 'zn'sehen und nicht so nach den äußeren Dingen gegangen war«, lütte er an diesen klaren und tiefen Augen erkennen muff , 61 itnem gewöhnlichen Menschen zum Sehen dienten. Und so gütig hatten ie ihn angeblich, als die beiden fortgingen! Er holte sich in der Erinnerung jedes Wort des Gespraches Zusa - ; «en, das er vorhin mit den vermeintlichen Spießbürgern geführt ha - Ös er herein gekommen war, naß vom Regen und m t . Atzenden über das Wetter zu sprechen begonnen, hatte, wie fagte bod) la der eine, von dem er nun wußte, daß es Raabe - J ingesähr gesagt, es sei eine döse Zeit, ein trauriger S) f, । liefen Wochen fiele ber Vorwinterregen herab °uf d,e Stadt. slötzlich besann sich der junge Mann, daß er diese Wor l ) m Wusses daß Raabe einmal ähnlich gesagt hatte m einemi feinetc , las vielleicht für ihn das schönste mar, bas er m dieser Art kannte,am Umfang der „Chronik der Sperlingsgaffe ftanben f , . , & 1 fiele Male gelesen. - Wie saß dieser große Dichter doch einfach uno ^scheiden und ohne viel Worte unter den anderen. Als er bann aufbrach, währenb bie Gesellschaft an cm, migen^ immer lauter unb heftiger ins Gespräch unb ins P Gefühl, großen Dinge ber Kunst geriet, verließ er bie Weinstube mit b laß etwas in feinem Herzen sich geroanbelt l)abe u h ®irten sehr lern erfahren, was mit bem Leben unb dessen echten Wirten j«yr iufammenljängt. Lag ich in einer gar behaglichen Wieg', denn ich war das einzige Söhnlein und Goldkind, und hatte mein Herr Vater eine besuchte Baderstube und gute Nahrung und galt viel in der Bürgerversammlung. Da wuchs ich fröhlich und gedeihlich auf und lernte laufen und sprechen, und die Buchstaben lehrte mich mein fromm Mütterlein. Es war damals ein guter Flor in den Städten — der jetzt weggefegt und weggewischt ist durch die grausamen Kriege, als wäre er nie dagewesen — und Handel und Wandel, Ueppigkeit und Pracht herrschten hinter den hohen Wällen und Mauern, von welchen die gewaltigen Geschütze grimmig in die Welt hinausschaueten, als wollten sie sagen: Trutz Fürst, trutz Kaiser! Hinter uns das Geld, hinter uns die Macht! Aber es saß auch meistens ein böser Wurm in all der Herrlichkeit: die Geschlechter im Rat drückten den gemeinen Mann, die Zünfte waren unzufrieden, und die Geistlichkeit, herrschsüchtig vor allen, schürte bei jedem Hader und Streit innerhalb der Ringmauern die Flamme und goß Del ins Feuer — das war das Allerschlimmste! So war es auch in Braunschweig, und in dem Sturm, welcher das Gemeinwesen bis zum tiefsten Grund erschütterte, ging es auch mit meinem ruhigen Vaterhaus zu einem betrübten Ende, als ich kaum die ersten Höslein aufgetragen hatte. War mein Vater, der Bader Martin Scheibenhart, ein sinnierender Mann, hager, gelb von Gesicht, mit zusammengewachsenen Augenbrauen und schmalen Lippen. Das Haupt trug er stets zur Erd' gesenkt, als suche er etwas Verlorenes. Freilich er suchte auch ein verlorenes Hohes, Herrliches — die verschwundene, teure, deutsche Bürgerfreiheit, und ist es ihm auch wie allen denen gegangen, die es je wagten, Leib und Seele, Gut und Blut an etwas zu fetzen, was ihrer Zeit, den kleinen Menschlein ihrer Zeit zu hoch war. Das Grab hat er gefunden, der Tod durch Henkers Hand ist fein Teil gewesen. Gott gebe ihm eine fröhliche Auferstehung und führe ihn droben zu den Geistern, zu denen er gehört! Es war dazumalen eine seltsame Zeit für die Stadt. Sie war reich, überreich, und doch fühlten sich die Leut' nicht sicher, nicht behäbig in ihrem Flor und ihrer Herrlichkeit. Von Wolfenbüttel aus drohete der Herzog, und oftmalen ritten feine Knechte mit den Reitern der Stadt zusammen, und das Lechelnholz hat manchen freudigen Reitersmann vom Roß sinken sehen in den blutigen Tod. In der Stadt selbst aber war es gar unheimlich; es wurde viel gemunkelt von heimlichen Bünden und Verschwörungen wider den Rat; es hieß, eine andere Lilienvente sei wieder auferstanden, diesmal aber gegen die Geschlechter und nicht gegen den äußeren Feind. Die Hauptleute der Zünfte hielten heimliche nächtliche Versammlungen und hatten großen Anhang, und manch schnöd' Wort und Werk warfen sie dem Rat entgegen, und blieb alles hängen wie Kletten in der Peruck'. — In dem Hinterstübchen unsers Hauses, das im Sommer die Bohnenblüte fast ganz verhing, faßen sie oft genug, die matfern Männer, senkten die Köpfe über alte Pergamente und Papiere und forscheten, wie es in alten Zeiten gehalten worden sei, und berieten in dunkler Nacht, während mein’ Mutter Wacht im Vorderhaus hielt, der Gemeinde Wohl gegen die Pfaffen und den Rat. Aber am 17. September 1604 ist das Gericht der Gewalthaber angegangen; auf dem Hagenmarkt, da haben sie den Braband gevierteilt; „wie einen Salmenfisch" — da hat der Stadt Todschuld gen Himmel gestunken, und die Junker haben ihre Rache gesättigt und sind nach ihres Herzens Lust durch bas Blut der VolkMänner gewatet. Meines Vaters Haupt ist mit vom Gerüst gerollt, und meine Mutter und ich find bei Straf' des Staupbesens aus der Stadt gewiesen, auf Nimmerwiedersehen. Unser Gut aber ward konfisziert, und am zehnten November desselbigen Jahres der Ungnade geleiteten zween Ratsdiener mein weinend Mütterlein und mich, einen neunjährigen Bub, aus dem Aegidientor bis an der Stadt Grenzpfahl, gaben meiner Mutter einen Laib schwarzen Brotes, mir einen gewaltigen Backenstreich zur Erinnerung und ließen uns allein in dem Regen- und Schneewetter, welches der Wind von den fernen Harzbergen hertrieb. Heulend über die böse Behandlung der rohen Ratsknechte zog ich fort an der Hand meiner Mutter, die unter dem andern Arm ihr kleines Bündel trug, dem Blocksberge entgegen, den ich fo oft von meines Vaterhauses Bodenluke an- geschauet und angestaunt hatte. Der Wind ging scharf über die Stoppeln und ein Zug schreiender Krähen flog über uns, ebenfalls dem Süden zu; aber schneller als wir, die wir auf dem grundlosen Wege fast stecken blieben, kamen sie vom Fleck. Mein' Mutter wollt' und mußt' aber vor Dunkelwerden Wolfenbüttel noch erreichen, tröstete mich so gut es anging, und bald hatten wir auch das Lechelnholz und die Spitze des Schloßturms der fürstlichen Residenz und Festung vor uns. Letztere ward uns von Zeit zu Zeit durch eine schwarze Rauchwolke verdeckt, die gern zum Himmel aufgeftiegen wäre, wenn sie nicht der Sturmwind Gottes immer wieder zur Erde und uns gerade entgegengepeitscht hätte. Meiner Mutter Augen wurden trocken bei dem Anblick dieses Qualmes, sie zog mich fester an sich und die Krähenfcharen über uns mehrten sich und wurden lebendig und luftiger, je näher wir dem Rauch kamen. „Sie brennen wacker heut wieder!" sagte ein Bauer, der uns begegnete. ,Hilfe Gottes, wo kommen die Unhulden und Hexen all zutage!" Jetzt trug uns der Wind von Zeit zu Zeit einen Gesang entgegen, dann wieder einen abgerissenen Trommelwirbel — nun stiegen wir den Hügel hinan, dicht an der Erde her ward uns der stinkende Qualm entgegengetrieben, daß mir uns umdrehen muhten, um Atem zu schöpfen. Jetzt hatten wir die Höhe des Weges erreicht — und ich schrie auf, barg das Gesicht in der Schürze meiner Mutter, fchauete wieder hin und barg wiederum das Gesicht! Bin nach der Schlacht von Lützen todwund auf dem Felde gelegen gewesen, zehn Schritte von dem toten Schwedenkönig Gustavus Adolsus, inmitten von viel Tausend toten und wunden Menschen. In dieser bösen Nacht tarn dieses Schauergesicht meiner Jugend mir wieder in den Sinn, und die Schrecknisse um mich her verblaßten davor, und tunnf ich nachher im Wundfieber einfchlafen. Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Bering: Brühl Eilenden Schrittes, ohne sich umzusehen, zog mich meine Mutter vorüber an der Hexenbrandstätte, mitten durch die mit wilden Gesichtern, starren Augen, offenen Mäulern gaffende Menge, mitten durch die Reiter' die wehende Asche und das Geheul der Menschenfackeln. Ich hörte wie der Mutter Zähne zusammenklapperten und wie sie das Vaterunser verkehrt und durcheinander hermurmelte. Als wir durch die Menge waren fastete sie mich plötzlich auf den Arm, stieß einen Schrei aus und lief mit mir, fo schnell sie es vermochte, hügelab, den Weg hinunter der Stadt im Tal zu. Diese Stadt, die sich da ganz stattlich ausdehnte, war die Residenz seiner Fürstlichen Gnaden des Herzogs Heinrich Julius, die Festung Wol- senbüttel, und als wir an das Tor kamen, trat eben ein Zug heraus: vorauf Reiter und Trabanten, dann ein sechsspänniger vergüldeter Wagen, zu dessen Seiten Pagen gingen, und das Volk umher neigete sich, schwenkte die Hüte und rief Vivat. Eine schöne Frau beugte sich vor, und als sie mich und meine Mutter erblidete, winkete und lächelte sie mir zu, und nahm meine Mutter das für ein günstig Vorzeichen. Nun zogen wir durch das dunkele Tor in die Stadt hinein, in welcher meine Mutter einen Unterschlupf zu finden hoffte, denn die geflohenen Volks- freunde und die Witwen und Waisen der Hingemordeten wurden dazumal gut genug empfangen von den Herzoglichen, sintemalen der Rat zu Braunschweig bas Bluturteil dahin ausgesprochen hatte, die Gerichteten hätten dem Fürsten die Stadt überliefern wollen. War aber nichts daran; aber nichts in der Welt gehet über einen guten Grund! Nun lebte damals in der Heinrichsstadt ein alter Herr, bei welchem mein seliger Vater einst wohl gelitten war; hieß mit Namen Franz Algermann und war des großen Celleschen Superintendenten Urbani Rhegii Enkel und den Braunschweigern spinnfeind. An diesen war meine Mutter heimlich von guten Freunden gewiesen, und haben wir auch einen echten Samaritaner an dem alten Landesfiskal gefunden, der uns viel Wochen lang atzete und beherbergte und zuletzt meiner Mutter einen guten Dienst bei der Herzogin Elisabeth verschaffte. Ich aber ward auf die Schul getan, wo ich viel tolle Streiche trieb, jedoch des Lateins ein wenig lernte, und als im Jahr 1605 der große Zug der Fürstlichen gen Braunschweig abging, und der UeberfaU des Aegidientors geschah, wobei die Bürger fo gut schlugen und Herr Jürgen von der Schulenburg die Stadt rettete; da lief die Schul' und ich mit bis ans Lechelnholz und horcheten dem Geschützdonner. Ward aber ein groß Lamento, als uns der Magister Rollwedel da fand und uns weidlich zurück ins Loch prügelte. War jedoch ein noch größer Lamento in Wolfenbüttel, als die Kriegerscharen zurückkehrten mit blutigen Köpfen. Zwölfhundert von ihnen lagen erschlagen und zweihundert waren gefangen und die mächtige Belagerung, die dann anging, half auch nichts gegen die Bürgermacht und den eisernen Sinn und Arm der Städter. Im Jahr 1610 übertrug ich des Virgilius zweites Buch von der Zerstörung Trojas in teutfche Verse und ward wacker ausgelacht, aber Herr Franciscus Algermann schüttelte bedachtsam sein Haupt, fastete mich bei der Schulter und schob mich in sein Studierzimmer. Da drückete er mich auf einen Sessel an seinem großen, grünen Schreibtisch und fagete: „Bürfchlein, jetzt ist's Zeit, etwas anderes anzufangen, schreibst eine gute Hand, nun schreib hier. —" Da wies er mir Papier, Tinst und Feder und mußt ich eine Relation über einen höhnischen Streich der Fürstlichen gegen die Bürger von Braunschweig abschreiben. Hatten sie nämlich der Stadt zum Tort ihr einen Schlagbaum vor dem Michaelistor am hellen lichten Tag vor der Nase und unter dem Geschütz weggenommen, ihn nach Wolfenbüttel ge- führet, einen Arm über dem Teiche am Dammtor daraus gemacht und einen Korb daran gehänget, in welchem man die Gartendiebe zu taufen pfleget. Weidlich rieb sich Herr Algermann die Händ', als ich ihm die Reinschrift vorlegte und war damit mein Schulleben zu Ende gekommen, und ich aus einem wilden Schulbub ein sittsamer Schreiber geworden bei meinem Wohltäter und Ernährer. Da hab' ich in der großen, kühlen Stub’ auf der Fürstlichen Kanzlei manch schönen Sommertag verkritzett und sehnsüchtig nach dem blauen Himmel da draußen gestarrt; aber es war nicht anders, ich mußte mich drein schicken. Hei, was war der alte Algermann ein seltsam Männlein! Heut noch seh' ich ihn da sitzen zwischen seinen Haufen von Pergamenten und Papieren und actis, die große, zerbissene Schwanenfeder in der Hand, ein silbern Krügelein voll Bier zu seiner Linken! Wie greinte und grinste er selig, wenn ein luftig Stücklein gegen die „Stadt" ausgeführet war, oder er eine bissige Epistel loslassen konnte gegen sie. „Wartet, ihr städtischen Füchse — ihr Gottesschinder — euch wollen wir ausschmauchenl —" Drehete sich aber die Sache, kamen die Bürger oben auf und kriegten das Heft in die Hand, dann hättet ihr die Wut des Mannes sehen sollen. Wie schlug er auf den Tisch! wie zerstampfte er giftig die Feder, daß die Tinte umherspritzte! „Das ist wieder eine feiste Lüge! — Reineckenkünste! — Große stinkende Landlüge! — Höllenbrut! — Judasnestl — Dar nenn’ ich macchiavellisch!" hieß es dann, und stundenlang grollst und donnerte es wie ein grausamlich Gewitter, daß dem Rat zu Braunschweig wahrlich das rechte Qbr gellen mußt', ob der Verwünschungen, zwei Meilen Weges ab. S)ab‘ da mancherlei zu hören gekriegt, was in keinem Buche stehet! Im folgenden Jahre 1611 fiel etwas auf mich, wovon ich bis dahin auch nichts geträumet hatte: das wurde mir der wahrhafte Kummerftrick für mein ganz Leben! Ach Sufanna, Sufanna Rodin! Da war vor dem Neuentor eine Schenke „zum springenden Roß" und ein Garten, wo die lustigen Gesellen und des Herzogs Soldknechte Kegel schoben und Bier tränten, an den Feiertagen und an den Werkeltagen. Ging ein hölzern Gitter um Gärtlein und Haus, und zur Rechten führte die Heerstraße daran vorbei, über den Damm, den Graben und über die Zugbrücken in das Neuetor. _______________________________(Fortsetzung folgt.)____________ _ 'sche TlniversitätS-Duch- und Steindruckerei. N. Lange, Gießen.