Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 6| Zreitag, den r. August Jahrgang 1951 Nach der Mahd. Von Leo Sternberg. Die kurzen Wiesen, kaum gemäht, haben sich schon wieder mit Blumen besät: Scabiosen, Blutknöpfen und Dorant. Wie das ewig schaukelt in diesem Windeslandl Es ist ein Brausen, wie an der See. Ich atme Thymian, Minze und süßen Klee. Und Schmetterlinge, klein und groß, wirst der Wind von Schoß zu Blumenschoß. Von Spiräen und Halmen, um die sich die Feldwinde dreht, und zartem Mandelduft bin ich umweht. Schwalben flitzen flach übern Wiesengrund; ich sitze auf einem goldnen Garbenbund. Auf hohen Wagen, die drüben die Straße ziehn, gebettet, — winken Schnitter und Schnitterin. Sie lagern auf Garben, die ihr Leben sind, und lassen mir Falter und Blumen und Schwalben und Wind. Seltsamer Fischzug. Von Gustav W. E b e r l e i n , Rom. Wir standen um den großen Rochen herum und fragten ihn, wie das zugegangen sei. Ob er das Schiff am Klüverbaum herumgezogen oder das ausgesetzte Boot zerschlagen oder nur das Retz zerrissen habe. Man iraat so jungenhaft, ohne es zu merken, vor einem Riesenrochen fallen die^Jahre ab, bis man wieder angclangt ist bei dem Abenteurerbuch für die reifere Jugend. Man versucht in da- Maul M schauen, das menschenverschlingende, und ist entrüstet, daß der Kerl bloß lacht. Alle Rochen lachen und plustern dabei die Nasenflügel auf wie schmpPische Madel. Man versucht mit dem Finger die giftigen Haken des Drachenschweifes zu zählen worauf die Eingeborenen ent etzt wegstieben und ein Matrose mit einem Beil gelaufen kommt, der das Anhängsel abhaut, das boot« Um'Senerft kann das Ungeheuer auf einen Karren geworfen werden, acht Mann braucht es dazu, und es sieht aus, als ob eine Regendecke über die beiden mächtigen Räder herabhange. Alles Rochen, nichts als Rochen eine Fuhre voll Rochen und doch nur ein einziger. Dann kommen die Haie daran. Harmlose Dinger dagegen. Werden in Stücke zerschnitten, in Körbe verpackt, nach Rom abgeschoben, das Kilo b^Roch°ein^paar^ pezzi grossi, ein Schwertfisch, ein unförmiger Karpfen, der natürlich anders heißt, des Hammers greuliche Ungestalt, lauter so Zeug, wie es der Taucher damals gesehen haben will, um einem deut scheu Dichter zu einem schonen Stoff zu verhelfen. Das ist nicht- sur die Mischer, einen Mondfisch schleudern sie vor Wut aus die Steine daß er platzt. Nur die rote Seele darin ist brauchbar, wie bei den Seeigeln Endlich kommt sie, die krutta del mare. d,e Meeresfrucht, die volk-- bcglückende: Polypen und Tintenfische und Krebse und Kroppzeug bis bcrunter zur singernagelgroßen Brut. Alles für die Stadter Brauchbare wird säuberlich geschlichtet und geschichtet, d>e morgenrotfarbenen Fischchen Kopf an Kopf, wie die Zigarren in den modernsten runden Behältern, Karren um Karren führt ab? Schiffe, Steine und Menschen triefen, leben stinken ... dis auch für die Fischer selber der, große Augenblickeintritt das Herfallen über den Abfall. Mehr tonnen sie sich nutzt telften für d e eigene Nahrung. Was tufs, wunderbar muß f° ein Krebs schmecken der Ring an Rmg zusammengesetzt ist, wie ein breiter Reißverschluß sieht er aus, und Ring für Ring abgebissen wird, bet lebendigem Leibe. strahlen Mann und Knabe. Wie Assen sehen die kleinen Schiffsjungen aus, wenn sie ausentern, das Tau zwischen der großen Zehe und den übrigen, um droben auf d.r schwankenden Mastspitze das Segel zu befestigen. erwachsenen F,sicher sind zu schwer für solche Kunststücke, die Fremden schütteln denKopf über so einen Leichtsinn. Aber wer soll denn sonst machen, was gemacht werden muß? Und die Kerle kriegen doch em paar fingerlange pischsetzlinge 5Um6inmnl, sagte ich, einmal möchte ich so etwas zu gerne mitmachen so einen Fischzug, meine ich, ob das wohl möglich fei? Der Mann spuckt die Kreb-zangen aus, und es. wäre schon, wenn er italienisch spräche. Warum, grunzte er auf phönizisch, solle das - er gebrauchte eine griechische Wendung — nicht möglich sein? Morgen, das war arabisch, ginge es doch wieder, es klang sizilianisch, hinaus. Ein Päckchen „Macedonia", das muhte sardisch ober korsisch fein, ecco, und dann ’njiamo — herrlich, das war italienisch: andiamo! Gehen mir! Zwei Stunden vor der Morgendämmerung glitten die Paranze aus dem Hafen. Fröstelnd hockte ich auf einem jener gerollten Dinge, die von den Landratten zum Entsetzen der Matrosen Seile genannt werden, denn zum erwärmenden Herumgehen war das Deck zu eng und zu schmierig. Die Mannschaft unterhielt sich mit den anderen Barken durch einen dunklen Wechselgang, während die Netze ausgeworfen wurden. Es scheint, daß Rhythmus und Tonfall ein ganz bestimmtes System bilden, damit man sich nicht gegenseitig ins Gehege kommt. Als die Sonne aufging, hatten wir die flache Küste abgekratzt. Ein paar Langusten waren das magere Ergebnis. Wie gut würde jetzt so ein heißer Espresso (Kaffee) tun, drüben an der Bar! Aber wir dürfen nicht mit leeren Körben nach Anzio zurückkehren. Das Städtchen lag da zum Verlieben — ach, wie viel ist dort schon geliebt wordenI Zwei Meeresungeheuer gebar es aus seinem Schoße, Nero und Caligula. Die Wogen branden über eine Mole, die aus nichts anderem als den Trümmern antiker Landhäuser besteht, die Brandung spült noch immer durch drei Zimmer des kaiserlichen Palastes, ohne die Wände sprengen zu können. Deutlich zeichnen sich die Gewölbe ab, wo der Apollo von Belvedere gesunden wurde, der borghesische Fechter, das Mädchen von Antium — und wir würden uns freuen über ein paar Tintenfische. Die Sonne wird warm, die Sonne wird heiß, die Netze schleppen faul und einschläfernd. Baden jetzt, baden —I Aber ich darf mich nicht lächerlich machen, sah man je einen Fischer baden? Schön, tue ich Schuhe und Strümpfe ab, kremple die Hosen hoch, helfe mit ziehen, ziehen, ziehen. Per bacco, ist das auf einmal schwer! Die vier Männer werfen sich einen vier andere herbeiholenden Blick zu, den ich deute: Hai ober Rochen? Mein Herz fängt zu pumpern an wie bamals über bem Karl May, nein, bem Kapitän Maryatt, wie war bas doch eigentlich — jetzt glitzert's auf — Dunnerkiel! Diamine, bloß ein Schweinsfisch. Wie schnell man bas Fluchen lernt. Caramba! Vielleicht sprechen sie boch spanisch. Das Netz wird immer schwerer, ist fast oben und kein Rochen hat es zerrissen. Wir werden nicht von einem Ungetüm gezogen, niemand steht mit bem Beil bereit, um im kritischen Augenblick zu kappen. Eine tote Last ist ber Rest. Porcamad — ein ganz unb gar verbotener Fluch. Mamma mia! Das ist ja-- Santo Dio!!! Ee — ooo! Ee— oooooooo! Hupp, hupp — Donnerwetter, Donnerwetter! Das ist eine anfora, ein halbmannshoher irdener Krug, ein antikes Stück! lieber unb über außen mit Muscheln besetzt, innen voll Muscheln — gerabe vor bem Palast bes Ehrenbürgers von Anzio, vor bem Hafen Neros! Die acht Männer werfen sich einen Blick zu, ben ich beute: Golb ober Dreck? Mein Herz fängt an zu pumpern wie damals über Troja. Fische, was Fische! Jetzt nichts als heim, heim! Wir müssen aber warten, bis die ganze Flottille geankert hat, denn wir sind eine Genossenschaft. Gerechte Verteilung muß sein, da ist nichts zu machen. Ehe nicht alle versammelt sind, darf niemand die Hand in den Krug stecken. Gemeinsam muß ber Schatz an ben Brunnen getragen, gemeinsam bie Amphora entleert werben. Sechs Mann schleppen sie, vierzig umbrängen sie, vierhunbert überkugeln sich — am Hasen ist es tebenbig geworden, alles läßt die Arbeit, sagen mir: die Beschäftigung — im Stich, Kinder kreischen, Mädchen lachen, Fremde staunen, ich will auch dabei sein im Triumphzug, habe ich nicht ein Recht darauf, habe ich nicht mitgefischt? Ich haue um mich wie die andern, ich lache und schreie, schrecklich, wie so etwas ansteckt. Das Fischen ist eine mühselige Geschichte, die Schatzfischerei aber eine spannende Angelegenheit, eine Lotterie, ein Wettbewerb, ein Rennen um — ja, um was wohl? Um alles ober nichts. Denn bie Amphora hat nur einen mäßigen Wert, vielleicht kauft sie bas Museum für 40 Lire ober ein spleeniger Frember für 500 Mark — wenn aber was brinnen ist? Ein Haufen Golb? Gott, ber Nero hat so unglaublich viel Gelb gehabt! Er wirb sich nicht lumpen lassen. , . So, nun steht sie unter dem Brunnen, das Wasser gurgelt hinein, nun ist sie voll. Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt. Ecco — umgestürzt! Sand fließt heraus wie gelber Tee, Muscheln kollern nach, eine phantastischer als die andere. Das sind die schillernden Zackengeb übe, wie sie am Kai feilgehalten werben für bie Fremden, bie getigerten unb geparbel« ten bie roten, schwarzen, gezähnten unb verbuckelten unb porzellanglatten, per'lmutterschimmernben Dinger, runde, lange, ovale, es will sich nimmer erschöpfen und leeren, ein riesiger Muschelsack ift das. Und die meisten sauber wie aus dem Laden, hohl, ausgestorben, tausend Jahre haben sie Zeit gehabt, in den Krug hineinzukriechen, darin zu leben und zu vergehen, Generation über Generation, wie die Menschen in Rom, tausend und nocheinmal tausend Jahre ... Aber manche sind jung eingezogen und darin gewachsen, gewachsen, bis sie größer waren als der Ausgang, es gab kein Zurück mehr, in klösterlicher Klausur mußten sie warten bis zum Tode. Jetzt greifen harte Finger in den irdenen Schlund und holen sie in Stücken heraus. Und immer aufgeregter werden die raubenden Fäuste und immer enttäuschter die Gesichter der Umstehenden. Zum Schlüsse kam noch einmal Sand, der zwar golden aussah wie das, was der Goldmacher von München zuwege brachte, jedoch keineswegs wertvoller war, dann schwieg die Amphora. Um so deutlicher sprachen sich die Leute über den alten Geizkragen von einem Nero aus. Ich durfte mir eine Muschel auswählen. Wenn man sie so ans Ohr hält, wie jetzt, während ich schreibe, wird man jung, wie damals bei Kapitän Maryatt, und hört das Meer und sieht den Rochen... Friederike Kempner. Eine unfreiwillige Humoristin. Von Conrad W a n d r e y. Seit geraumen Jahren suchte ich nach dem Buch, aber nie wollte es glücken. Selbst öffentliche Bibliotheken hüten ihr einziges Exemplar mit Argusaugen und gaben jeden Bestellzettel mit zwei Nullen zurück, was bekanntlich heißen soll: nicht vorhanden. Doch nun hat es der Zufall endlich gut gemeint. Eine aufgelassene Privatbücherei spielt mir die Geschichte der Friederike Kempner in die Hand, jener braven, für alles Gute, Wahre und Schöne poetisch entflammten schlesischen Rittergutsbesitzerstochter, der Paul Lindau 1873 in seiner „Gegenwart" den Weg zu einem seltsamen Ruhm geebnet hat. Friederike war damals schon vierzig Jahre und hat schwerlich geahnt, welch reges Interesse ihre Verse erwecken würden. Aus allen Gegenden Deutschlands erhielt sie bald Zuschriften, mit der Bitte um mehr, der sie mit rasch sich folgenden Neuauflagen, gerührt und wahrhaft beglückt über die dargebrachte Sympathie einer liebenswürdigen Leserschaft, dankbar und reichlich entsprach. Die Breslauer Studenten schickten gar einen vergoldeten Lorbeerkranz, um den Pegasus des resoluten Fräuleins zu neuem Fluge zu spornen. Doch das war schon kein ehrlicher Beifall mehr, wenn auch ohne jene anonyme Feindschaft gemeint, über die Friederike später zu klagen hatte. Die jungen Leute werden ihre Bierzeitungen mit den Perlen dieses Liederfrllhlings aufgefüllt haben, und es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich das homerische Gelächter vorzustellen, das die niederschmetternde, völlig ahnungslose Komik der Friederike Kempner bei den schalkhaften Lorbeerspendern ausgelöst haben muß. Alle Komik beruht auf einer Unstimmigkeit, auf dem Gegensatz etwa zwischen Realität und Idee, Mensch und Situation, Inhalt und Form. Bei der Kempner fließt die Heiterkeit aus dem grotesken Mißverhältnis zwischen ihrem ernsten und ehrlichen dichterischen Wollen, ihren Gefühlen und Stoffen auf der einen Seite, und ihrem künstlerischen Können, vielmehr ihrem Unvermögen auf der anderen. Sie bleibt kraß dilettantisch im sprachlichen Ausdruck, der den menschlichen Inhalt dichterisch erst beglaubigt. Daß sie Not auf Gott, Blick auf Stück, mit auf sieht reimt, daß sich zum Herz immer wieder der beliebte Schmerz findet, will noch nichts sagen. Das leisten sich mittelmäßige, langweilige Dilettanten auch und bis auf den heutigen Tag. Selbst das Herumschneidern an den Sprach- silben gibt Friederike noch keinen Vorsprung, wenn ihr etwa ein Reim auf „Meer" fehlt und dann „Die Gestalten, bleichen, matten, Rücken immer, immer näh'r." Dieses „Matten" für „Ermatten" könnte sogar Jahrzehnte nach Friederike als „sprachschöpferisch" gefeiert worden sein. Hier spielt immer noch Bewußtsein mit, einem Unvermögen aufzuhelfen. Drollig wird die Sache erst, wenn kein Zwang mehr oorliegt und die Sprache dieser unglücklichen Liebhaberin trotzdem ein Bein stellt: „O erkläret mir das Rätsel Der umringenden Natur." Besser kann es Pallenberg auch nicht, aber die Kempner bleibt toternst bei einem solchen Vers. Oder das „Edelweiß": „Von den höchsten Bergen Kommst du so weit her! Weiße samtne Blume Interessiert mich sehr." Friederike will die Teilnahme ihrer Leser für das Edelweiß gewinnen, aber die bösen Studenten haben sich sicher nur für ihr lyrisches Interesse daran interessiert. Auch ihre innige Tierliebe rührt mehr an die Lachmuskeln, als an die Herzen. Vom Elefanten fing sie: „Das gute weife edle Vieh, Dem Sklavendienste beugt sich feine Weisheit nie, Stolz denkt es an das heimatlich Gebiet, Sanft duldend, was im Ausland ihm geschieht." Der Elefant im Ausland. Da mühte doch eigentlich Karl Valentin neidisch werden. Und dieses Unglück passiert ihr ausgerechnet in dem Gedicht ohne „r", einem sehr langen Gedicht, das seinen artistischen Ehrgeiz darein setzt, eitel Wohllaut auf deutsch zu flöten. „Arglos und harmlos durchs Leben hin, arglos und harmlos ich glücklich bin." Sie ist felsenfest überzeugt, daß nur Inhumanität und Unverstand ihre Poesie bekritteln können. Sie wirft allen Neidern den Fehdehandschuh zu, daß es seine Art hat, und ruft die Menschheit zum Schutz der verleumdeten Kunst auf. Eines ihrer köstlichsten Gedichte entstammt diesem Groll: „Kennt ihr sie nicht, die böse, bunte Schlange, Die vom Gebüsch die Ferse sticht? Sie schleicht verderbend auf dem Gange Und tretet nie vors Angesicht. Ihr Weg ist Mord, allein, ganz ungefährdet Vergiftet fie aus dem Versteck — Horch, zischend sie im Staube sich gebärdet: O Menschen, schasst das Monstrum weg!" Und röchelnd bleibt es auf der Strecke, mitsamt der deutschen Grammatik, denn noch nie wurde das Verbum „treten" so bezwingend gebeugt... Was die Kempner auch anrührt, es wird nicht gerade zu Gold, aber meist zum Quell einer zwerchfellerschütternden Heiterkeit. Amerika hat ihr inneres Auge so gesehen: „Amerika, du Land der Träume, Du Wunderwelt, so lang und breit: Wie schön sind deine Kokosbäume Und deine rege Einsamkeiti" Kürze ist des Witzes Seele, und diese vier Verse sind mit vier dicken Bänden von Upton Sinclair noch nicht ausgewogen, so wenig, wie die klischeehafte Gesellschaftspsychologie der Pariser Romanware gegen die entwaffnende Originalität des Eingeständnisses aufkommt: „Ihr wißt schon, wenn ich meine, Die Stadt liegt an der Seine. Entschieden ist s die schönste Stadt, Die man wohl nie gesehen hat." Manchmal schwillt Friederike der dichterische Kamm. Dann tritt sie mit Goethe in die Schranken und Gumppenbergs „Teutsches Dichterroß" bekommt einen gesährlichen Rivalen: „Kennst du das Land, wo die Lianen blühn Und himmelhoch sich rankt des Urwalds Grün? Wo Niagara aus dem Felsen bricht Und Sonnenglut den freien Scheitel sticht?" Dahin, dahin, möcht' man mit dir, o Friederike ziehn! ... Auch Schillers „Handschuh" gibt sie ein Pendant, nur geht es da tragisch aus. Die Tochter des „Tierbändigers" steckt bei einer Schaustellung den Kopf in den Rachen der Riesenschlange, bekommt ihn aber nicht mehr heraus, weil das Luder zubeißt: „Nun öffnet der Bändiger den riesigen Mund, Sein stierer Blick sprüht funkelnden Glanz: Nur rund um den Hals, da ist es wie wund. Johanna ist tot, doch sie i st ganz!" Und jetzt bestreite man einem das Recht, diese Strophe als Musterbeispiel in eine Aesthetik zu setzen, nach der alle Kunst „versöhnen" und das Krasse „mildern" soll. Auch sozial hat sich Friederike Kempner mit dem gleichen, durchschlagenden Erfolg versucht. „Helfen möcht ich, lindern, retten, Glück an dieses Weltall ketten. Rosig bilden sein Geschick!" Einmal reicht sie, durch den Scheintod eines Kindes erschreckt, dem alten Kaiser Wilhelm eine Denkschrift ein über die Notwendigkeit einer längeren Frist vor der Bestattung. Ihre Bitte sand das Ohr der Majestät geneigt. Aber als Lyrikerin steuert sie dasselbe Thema wieder mit vollen Segeln in die Klippen einer gefährlichen Ulkstimmung: „Ein Leichenhaus, ein Leichenhaus, Ruft sie mit vollem Halse aus!" Und wettert gegen den dummen Brauch: „Daß man mit uns zu Grabe rennt, Als wenn man's nicht erwarten könnt'!" Man glaubt ihr den guten Willen, wenn auch immer wieder mit Tränen in den Augen, die weiß Gott nicht aus Rührung kommen, sondern von der Tücke des Objekts hervorgereizt werden, dem Sprachmaterial, das all ihre edlen Absichten zunichte macht: „Schön ist nur das Große, Reine: Meer und Feuer, Sonnenschein — Schön ist auch Vergißmeinnicht Und ein treues Augenlicht, Alles Gute, Freie, Biedre, Aber alles andre Niedre Häßlich, scheußlich, ekel ist: Duftig nimmer ist der Mist!" Hat die Frau trotz unsrem Lachen und unsrer ästhetischen Besserwisserei nicht doch recht, wenn ihr auch kein Gott gab, zu sagen, was sie empfindet? Sie hätte uns noch manches zu sagen, wenn der gute Wille für das mangelnde dichterische Können gelten dürste. Etwa dies: „Parteilichkeit, Parteienhaß, Das schaut so grün und wird so blaß, Von Schlang' und Nesseln ein Gewühl! Welch unnatürliches Gesühl! O kurze Zeit, des Lebens Zeit, Noch kürzer durch Parteilichkeit In Konsession und Politik: Parteienhaß hat keinen Schick!" Ja, es ist schon so, recht behält die Frau, auch wenn sie die tollsten lyrischen Böcke schießt. An ihren Nachruhm hat Friederike fest geglaubt und den Spöttern entgegengerufen: „Mitwelt, deine Schuld bezahlend. Gräbt die Nachwelt einst mein Bild in Erz!" Daraus ist nun freilich nichts geworden. Die Dichterin ist längst vergessen. Aber man sollte sie mit einem Auswahlbändchen wieder lebendig folqenben Tage an die Stelle zurück und fand einen zerschmettert. Auf seiner Oberfläche bemerkte er eine rachen. Das wäre zwar eine andere Art Nachruhm, als sich das harmlose c e Fräulein vorgestellt hat, aber gewiß kein schlechter. Denn Humor b-ibt eine wesentliche deutsche Angelegenheit, und der unfreiwillige ist r-lleicht der allerbeste. Launen des Blitzes. Von Dr. Karl Erich Krack. Aus einer der letzten Statistiken des Wetterbüros in Washington geht hievor, daß in den Vereinigten Staaten jährlich etwa 500 Menschen vom Kitz getötet oder tödlich verletzt und noch reichlich ebensoviel mehr o'er weniger schwer durch die Himmelselektrizität an ihrer Gesund- Iit geschädigt werden. Die Vorsicht und die besonderen Erfindungen, ,rd) sich der Mensch vor dem zuckenden Himmelsftrahl zu schützen sucht, 6 unvollkommen und werden es wohl immer bleiben. Die Erforschung 7 atmosphärischen Elektrizität, ihres Ursprunges und ihrer Verände- vngen ist eins der wichtigsten, aber auch der liickenhastesten Kapitel der tätigen Kunde von den Eigenschaften des Luftmeeres, und ehe dieses ipitel nicht vollständig geschrieben ist, wird sich auch der Gang der S Witter und damit der Eintritt der Blitzerscheinungen und ihrer Folgen Acht enträtseln lassen. Franxois A r a g o , der berühmteste französische Physiker der ersten Hlste des 19. Jahrhunderts, hat es versucht, die Blitzerscheinungen einzu- trlen, und seine Gruppierung hat bis auf den heutigen Tag eine gewisse Lltung behalten. Er unterscheidet Linienblitze, Flächenblitze uid Kugelblitze. Zwischen den ersten beiden Arten ist allerdings eine Kennung unmöglich, weil ein Flächenblitz, der von uns nicht als Strahl Iiirhrgenommen wird, sondern eine größere Fläche des Himmels gleich- Dißig erhellt, nichts anderes sein kann als ein Linienblitz, dessen eigent- lihe Bahn entweder durch Wolken oder durch eine zu große Entfernung mserem Auge unsichtbar gemacht wird. Der Zickzackblitz, die Form, in k- der Linienblitz noch immer symbolisch in der Hand alter und neuer r Sitter dargestellt wird, ist eine Fabel, da es in Wirklichkeit einem Blitz- sliulste nur selten und lange nicht in der früher vorgestellten Regelmäßig- lit einsallen wird, eine Zickzacklinie zu beschreiben. Dieser Irrtum ist niwiderleglich aufgeklärt worden, seitdem die photographische Platte das . Blb von Blitzen in vollenbeter Klarheit verewigt hat. Aus ben Blitz- piotogcaphien wissen wir, baß ber Blitzstrahl wohl niemals aus einer ein- jiicn Lichtlinie besteht, sonbern baß er ein System vieler, oft mannigfach »irästelter Linien barstellt, bie im wesentlichen einen gekrümmten Ver- nif nehmen. Die Photographie eines Blitzes kann am ehesten mit bem Silbe eines Fluhsystems verglichen werben. In ber „Electrical World“ ist unlängst die ausführliche Beschreibung ei- es Blitzes gegeben worden, der unweit Philadelphia von einem Land- h«us aus photographiert worden war. Die photographische Platte, die irr einige Sekunden belichtet wurde, zeigte einen Blitz, der aus vierzehn Dtnetnanber getrennten Strahlen bestand. Die Beleuchtung der Landschaft dirch die elektrische Entladung war so groß, daß die Umrisse der Bäume Ad Gebäude auf der Platte scharf erkennbar abgebildet waren, obwohl tis Gewitter in dunkelster Nacht niederging. Aus allen beobachteten Be- kgungen war die Folgerung zu ziehen, daß die vierzehn Blitzstrahlen nt)t gleichzeitig, sondern in kurzen Zeitabständen hintereinander nieder- jqangen waren. Solche verwickelten Blitzerscheinungen dürften gar nicht sc selten sein. Eine ganz eigenartige Blitzsorm ist zweimal von Professor R i g g e n - t: ch aus Basel beobachtet worden, die deshalb eine Erwähnung ver- ii nt, weil sie die Zusammensetzung eines Blitzes aufklärt. Auf der betref- i 'eiben Photographie war neben einigen gewöhnlichen Blitzen auch ein crahl zu sehen, der in lauter Punkte aufgelöst schien, so daß er das Missehen einer weitläufigen Perlenschnur hatte. Da, wo bie Lichtpunkte ; tif bem Bilbe am weitesten auseinanberlagen, betrug ber Abstanb ziem- ,Hli^ genau ein Millimeter, unb wenn bie Entfernung bes Blitzes vom HStanborte bes photographischen Apparates auf einen Kilometer geschätzt Ii’ii rbe, so hätten die einzelnen Blitzfunken einen wirklichen Abstand von |itöa 8 Meter gegeneinander besessen. Solche Perlenschnurblitze irb öfter beobachtet worden, und sie stellen wohl gewissermaßen die Ur- Min des Blitzes bar, ber eigentlich aus einer dichten Folge einzelner hinten entstanden zu denken ist. , Noch wunderbarer in ihrer Erscheinung unb in ihren folgen ftnb die ^Selblitze, die eigentlich überhaupt die unheirnllchste Naturerscheinung ic,'stellen, die aus dem Bereiche der Atmosphäre bekannt ist. Mit den iirienblitzen haben sie so wenig gemein, daß es überhaupt fraglich erschei- "ei kann, ob man sie noch als Blitze bezeichnen soll. Es sollen hier einige |H beglaubigte Beobachtungen von Kugelblitzen wiedergegeben werden, üii merkwürdiger Kugelblitz ist vor zwei Jahren von der Physikalischen Seilschaft in Genf beschrieben worden. Die Beobachtung stammte von fiimgen Offizieren, die am Abend eines ungewöhnlich schwülen August- b-es durch das Broyetal geritten waren. Sie bemerkten Blitze am ^rizont und hörten das Rollen des Donners. Nach einigen warmen 8mdstößen fiel der Regen in Strömen nieder, Blitz und Donner naher- j ft sich, und bald befanden sich die Reiter mitten im heftigsten Gewitter. Nichts von der Straße zog sich ein Metalldroht von ziemlicher -Lide, der Uf Uebertragunq elektrischer Kraft diente. Plötzlich würbe bie Aufmerk- :Mikeit bes einen Oifiziers burch ben Glanz einer stark leuchtenben Kugel ' aizezogen, bie burch die Luft auf den Draht zuzuschweben schien. Er i bannte, da er von der Erscheinung der Kugelblitze gehört hatte, sofort ssif Gefahr und brachte durch Zurufe die Pferde seiner Begleiter zum Mlehen. In bem selben Augenblicke hatte bie Feuerkugel ben -i ragt ffs'-icht, unb nun stob ein Regen von Funken von bem Draht aus na-y |R metallischen Gegenstänben: auf bie Säbelscheiben, ben Befcistag ber s M'kchirre, bie Steigbügel usw., worauf eine heftige Detonation erfolgte. [ verspürten eine sehr starke Aufregung, wahrscheinlich infolge ber i (! ktrizität, vielleicht auch nur aus nervöser Erschütterung. Drei von ihnen ^zten vom Pferb, konnten aber bald wieder auffteigen Einer der 4»3iete kehrte am folgenden Tage an die Stelle zuruck und fanb ir' Leitungspfähh. zerschmettert. Auf seiner Ooerflache bemerkte er eine schraubenförmige Furche mit Spuren von Verlochlung unb großen aus- gerissenen Splittern. Am Fuß bes Pfahles zog sich ein Graben hin, ben der Regen zu einem Strom angescywellt hatte, unb biefem Umftanbe hatten es wahrscheinlich bie Männer zu verbanken gehabt, baß bie elektrische Entlobung sie nicht mit größerer Gewalt getroffen hatte. — Die Physiker haben oerfchiebentlich versucht, Kugelblitze künstlich zu erzeugen, unb sind auch zu anerkennenswerten Ergebnissen gelangt. Die Zeitschrift „Electricity“ brachte unlängst eine Mitteilung unter der Ueberschrist „Die Odyssee eines Blitzstrahles" und berichtete batin über ein Ereignis, von bem ein Oebäube in Kalifornien betroffen worben war. Dort schliig ein Blitz zunächst in einen hohen Baum auf bem Gehöft ein, sprang bann auf bas Dach bes Hauses über unb schmolz bie Nägel im Gebälk. Von bort ging er an bem Fensterrahmen ber Dachstube hinunter, zersplitterte besten Holz unb brang in fünf kleinen Löchern, bie ausfafjen, als ob sie von Gewehrkugeln herrührten, burch ben Mörtel ber Wand unb bas Mauerwerk ins Innere. Dann steckte ber Blitz bie Fenstervorhänge bes Zimmers unb ein barin befinbliches Bett in Branb. Dann teilte sich der Blitz. Der eine Strahl beschädigte bie Fensterläben, riß bie Tünche von ben Wänben herunter, schmolz einige Nägel oberhalb bes Türrahmens unb ben Draht einer Portiere unb ging bann unter ber Vorbertreppe in ben Boben. Der anbere Strahl verboppelte sich nochmals. Der eine Teil riß einen Fensterrahmen ganz heraus, verfolgte bann bie Weißblechbekleibung eines Torweges abwärts, riß in biefem bas Pflaster unb einige Latten auf unb ging enblich in ben Boden. Der andere Teil vergnügte sich unterboten noch in einem Wanbschranke, wo er einige Mester unb Gabeln anfchmolz unb sie, soweit sie aufeinanber lagen, fast miteinanber verlötete. Schließlich sprang er auf die Ecke des Hauses über unb zerstörte bort noch bas Gebälk. Von all ben gesammelten Beobachtungen über ben Verlauf von Blitzschlägen sind einige besonbers beachtenswert. Man unterfcheibet bekanntlich im allgemeinen „kalte" unb „warme" Schläge, aber biefc Praxis ist wahrscheinlich ebenso wertlos wie unbegrünbet. Unmittelbar zünbet ein Blitz vermutlich überhaupt nicht, selbst nicht in ganz leicht entzünbbareu Stossen wie z. B. in trockenem Holz. Die Entzünbung geht vielmehr, wenn sie erfolgt, von solchen Stoffen aus, bie burch bie starke Hitzewirkung bes Blitzes zur Rotglut ober zum Schmelzen gebracht werben. Daraus ergibt sich bie Lehre, baß Holzbächer nicht mit Eisenteilen versehen, noch weniger Strohbächor burch Anwenbung von Draht befestigt werben sollen. Außerbem ist noch ein anderer Irrtum zu bekämpfen, nämlich die verbreitete Ansicht, daß sich der Blitz immer die höchstgelegenen Punkte suche. Dies ist im Gegenteil selbst bann nicht immer ber Fall, wenn biefe Punkte reichlich mit Metall ausgeftattet sinb. Die größte Anziehungskraft übt vielmehr nach ber bisherigen Erfahrung ber wasserreiche Boben aus, namentlich wenn er außerbem eisenhaltig ober mit einem Netz von eisernen Röhren burchzogen ist. Ein Haus, bas auf wasserarmem Boben steht, wo ber Grunbwasserspiegel wenigstens 20 Meter tief liegt, ist am besten ganz ohne Blitzableiter zu lasten, zum minbesten muh bie Leitung bis in bas Grunbwasser hinuntergeleitet werben. Finbet der Blitz keine große Verschiedenheit in der Wasterverteilung, so wird er allerdings wohl meist den höchsten Punkt zuerst treffen. Oer Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35. (Fortsetzung.) Der Große Kurfürst, der mit einem Bleistift spielte und in ziemlich nachlässiger Haltung auf seinem Präsidentenstuhl saß, fing fein Verhör folgendermaßen an: „Wir wollen jetzt deutsch mit dir reden, lieber Borst. ',Ja", erwiderte Borst bescheiden. Der Große Kurfürst sah seine Beisitzer erstaunt an.. „Was sagtest du eben?" . Ich sagte: Ja. Ich wollte auch bitten, daß ihr Deutsch mit nur redet, weil ich Französisch ober Englisch so schwer verstehe Ich bin ja erst kurze Zeit hier, unb in ber Staatsschule haben wir Griechisch unb Latein Se^3ft ber Kerl eigentlich so bumm ober tut er nur so?" fragte der Große Kurfürst ganz verwundert. Borst schlug beschämt die Augen nieder. „Er ist so", entgegnete er leise. Aergerlich warf der Große Kurfürst den Bleistift auf den Tisch. Der Tisch war etwas mit Vogelschmutz verunziert, denn er stand zu jeder Jahreszeit festgenagelt unter der Birke. Wir können hier in unserm Gericht auch Leute wegen Schwachsinns bestrafen oder wir können die Leitung im Walde bitten, Schwachsinnige auf bie ' Schulen für geistig Zurückgebliebene zu schicken, wohin sie gehören." Der Große Kurfürst setzte sich ganz steif unb richterlich in feinem Sitz auf. „Dein Schwachsinn, mein Junge, ist. ein trüber Wein, ben bu uns zu trinken gibst, unb ein elenber Tobak." Borst war jetzt gerabezu entrüstet. „Ihr glaubt wohl auch, baß ich Wein getrunken unb geraucht habe, weil ich bas bem Wachtmeister gesagt Habel Ich bin doch mit bei ter Bande gewesen, bis wir den Wagen abgerollt haben! Wie kann ich denn da in der Zwischenzeit betrunken geworden sein?" Borst war in feinem gerechten Zorn so unehrerbietig, die Arme empört in die Seiten zu stemmen. Er sah vor dem Richtertisch wie ein rebellisch gewordener Pilz aus, der da unten irgendwo an den Fußen bes Tisches aus bem Walbboben heroorftieß unb gebeihen wollte. Der Große Kurfürst unb alle Richter sahen ihm scharf ins Gesicht. „Du bist boch in ben Unterrichtsstunden gar nicht so idiotisch , sagte Hornbostel plötzlich. , . „Wir lassen uns doch von dir nicht dumm machen , rief Luders mit Zornesadern auf der Stirn, und er hieb mit der Faust auf den Tisch. Neppert aber zeigte zwischen den grauen Augen zwei senkrechte Falten, die so groß waren wie die Anführungszeichen unserer Schrift. „Mir geht das hier alles zu sehr durcheinander. Das ist kein gut geleitetes Verhört" . „Also!" sagte der Kurfürst energisch. „Wir fangen letzt an! Und ich wünsche jetzt nur Antworten zu hören, wenn ich frage, — hörst du? „Ich habe jede Frage genau beantwortet", sagte Borst. Er zog ein großes buntes Bauerntaschentuch aus der Hosentasche, und er schneuzte sich wie ein Mann, der enorm viel Schnupftabak in der Nase hat. Mit äußerster Verwunderung und Mißbilligung sah man ihm jetzt zu, was für ein neues Schauspiel er mit diesem Taschentuch ausführte. Im Zuschauerraum lachte man sogar, denn Borst kam mit seinem riesigen Tuch so wenig wieder in die Hosentasche zurück, wie nur je irgendein Clown im Zirkus. Immer hing ihm noch ein roter Zipfel da heraus, über den er leicht hätte stolpern können. Immer wieder versuchte er, den Rest seines Taschentuches in die Hosentasche zu stecken, und immer wieder riß er mit dem Handballen einen Teil davon heraus. „Aus welchen Gründen bist du in der Samstagnacht vom Detachement Reppert ohne Erlaubnis deines Führers verschwunden?" fragte der Große Kurfürst streng. „Hier ist ein Brief", sagte Borst. Wieder zog er sein Taschentuch aus der Hose, preßte es zwischen seinen gerundeten Händen wie einen Schneeball zusammen und wischte sich verlegen di« Nase. Der Große Kurfürst war nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Aber jetzt war er geradezu sprachlos über diese neue Unterbrechung seines Verhörs! Der Mund stand ihm weit offen, als werde er sogleich seine eigene riesengroße Verwunderung darin verschlucken. „Ein Brief?" stotterte der Häuptling. Und sogar Reppert wiederholte fassungslos, und Lüders und Hornbostel: „Jetzt plötzlich ein Bries?" „Den soll ich abgeben", sagte Borst, und er blickte glutrot tor Stolz ijur ©citc. „Hast du deine Verteidigung schriftlich ausgeschrieben?" fragte der Kurfürst. Borst murrte. „Der Brief ist von Daniela." Die Jungens in der Arena sprangen auf. Sie stellten sich breitbeinig hin, die Fäuste an den Schenkeln. „Von Daniela?" riefen die Richter ungläubig. „Er ist an den Großen Kurfürsten", sagte Borst gleichmütig, als wäre dies die selbstverständlichste Sache von der Welt. Auch Borsts Richter waren jetzt aufgesprungen. Nur der Große Kursürst zeigte noch soviel Würde, sitzen zu bleiben. Langsam entfaltete er das Schriftstück. Er las es bedächtig und genau, ungefähr wie ein alter Bauer, der einen Brief bekommen hat. Er las es zwei-, dreimal. Dann aber hob er die gebietende Hand. „Es ist «in Brief von Daniela an die Tertia. Ich lese ihn euch vor. Die Knaben im Halbkreis und die Richter hoben die Gesichter zum Himmel, damit ihre Aufmerksamkeit durch nichts abgelenkt werde, — so groß war ihre Erwartung. Sie hielten die Fäuste immer noch an den Schenkeln in der Anspannung ihres Wesens. Der Häuptling aber las mit einer Stimme, als lese der Apostel des Herren den Urchristen eine Epistel vor: „Ihr seid alle Soffern und Idioten! Ohne Borst säßet ihr jetzt im Loch. Borst steht unter meinem Schutz. Wer Schülergericht über Borst abhält, wird von mir und Meleager und Atalante eigenhändig und eigenmäulig abgerieben. Ich verbiete das Schülergericht. Borst hat freien Zutritt zu meinem Zelt. Ich, Daniela." Eine tiefe Stille war entstanden. „Lies noch einmal!" riefen die von der Arena. Und der Große Kurfürst las noch einmal die Botschaft, die mit den evangelischen Worten begann: „Ihr seid alle Kaffem und Idioten." Nachdem der Große Kurfürst zum zweiten Male den Bries gelesen hatte, senkten alle Jungens tief ihre Stirnen. Und wiederum schwiegen sie tief. In diesem Augenblick war es, wie gewöhnlich, der Große Kurfürst, der als erster feine Fassung zurückgewann. Er hob die gebietende Hand. „Posten!" Der Posten trat hervor. „Das Gericht berät. Bringe Borst bis zur großen Eiche. Sobald Lüders mit dem Desching schießt, bringst du Borst zurück." Der Posten tat, wie ihm geheißen war. Aber er berührte Borst mit keinem Griff, sondern er ging ehrerbietig hinter ihm drein. Borst sah die Welt vor lauter Aufregung zerrissen und zerklüftet vor feinen Augen. Wie er an der großen Eiche angelangt war, erschrak er, denn ihm war, als stände er vor Danielas Rotbuche, die, mit zerspaltener Krone, in vielen flammenden Teilen geradeswegs in den Himmel rage. Nach fünf Minuten ertönte der Schuß aus Lüders Desching, und wiederum geleitete der Posten Borst zurück. Niemand vom Gericht saß noch auf seinem Sitz. Alle standen auf ihren Füßen. Borst aber trat mit niedergefchagenen Augen vor das Gericht hin, und mit einem leisen Seufzer, der wi« ein verstümmeltes „Ach!" klang, blieb er vor seinen Richtern stehen. Der Große Kurfürst senkte das gelockte Jmperatorenhaupt. „Bist du deshalb vorhin unpünktlich gewesen, weil du bei Daniela warst?" fragte er mit leiser Stimme. „Ja", antwortete Borst ebenso leise. „Dann ist deine Strafe aufgehoben", flüsterte der Häuptling. Er hob das Gesicht. „Ich glaube, es ist Zeit, daß wir jetzt gehen." Er machte eine Handbewegung, als lasse er Borst den Vortritt. Borst zögerte. Er wußte nicht, was er zu tun hatte. Dann ging er, schlotternd vor Stolz und Angst, voran. Sämtliche Tertianer folgten ihm, wie sie vorhin im Schlafsaal Mer- ander Kirchholtes gefolgt waren. Die Senatoren gaben Borst, dem pater patriae, das Geleit zum Herd seines Hauses. Im Verlauf ber nächsten Tage zeigten die Tertianer sich enttäuscht, daß die Angelegenheit mit Daniela keine rechten Fortschritte machen wollte. Die Zeit drängte. Es wurde schon wieder etwas von einem neuen Fall von Tollwut gefabelt, der sich diesmal in der Gegend der Stadt zugetragen haben sollte. Falk behauptete, daß der Fellhändler Biersack diese Gerüche ausgesprengt habe. Falk kam häufig an den Nachmittagen, die Tertianer zu besuchen, worauf bann, je nach ber verfügbaren Zeit, lange ober kurze Palaver abgehalten wurden. Allmählich richtet« sich der Haß der Tertianer auf diesen Fellhändler. Sie waren in Hinsicht auf ihn zum Aeußersten entschlossen, um die Maßregeln des Oberamtmannes abzuwenden, auf den er den größten Einfluß hatte. Nichts wollten die Tertianer unversucht lassen, um den großen Schlachttag zu vermeiden und die Tiere auf friedlichem Wege zu retten. Die Lage der Tertia war durchaus schwierig. Sie hatten die Kriegserklärung der Sekunda, sie mußten also damit rechnen, daß diese Klasse ihnen hinter der Front zu schaffen machen würde. Und Daniela verhielt sich weiterhin im höchsten Grade feindselig. Die Tertianer konnten sich zwar der geheimen Sympathie einiger . junger Lehrer erfreuen, hierfür gab es allerhand Anzeichen; jedoch die älteren und also die einflußreicheren zeigten sich ablehnend, warnend und ihren Plänen feindlich gesinnt. Was aber ber höchste Gott in seinem Eich- walbe für Erwägungen anstellte, was er buchte, sann unb beschloß, das war völlig in Dunkel gehüllt. Der Olymp schwieg, er zeigte ben Sterblichen seine Absichten nicht. So waren bie Tertianer unter Umständen genötigt, einen Zwei-, einen Drei-, sie wußten nicht einen Wieviel-Frontenkrieg zu führen. Einige unter ihnen murrten über die Führung. Sie fanden, daß der Große Kurfürst alles laufen ließ, wie es laufen wollte. Sie fanden, daß er Borsts Beziehungen zu Daniela nicht weiter ausgenutzt hatte. Sie fanden, daß es jetzt an der Zeit war, eine Abordnung zu Daniela zu schicken, um sie mit allen Mitteln zu versöhnen. Es gab sogar einige Jungens, — aber das waren nicht die stärksten Charaktere und nicht bie mafjgebenben in ber Banbe, — bie zwischen ihren Zähnen etwas davon murmelten, der Große Kurfürst solle eine neue Häuptlingswahl anordnen, dann würde man Daniela als Feldhaupimann auf dem Schild erheben. Jetzt, am Tag vor der Schlacht, wo alles so verzweifelt hinsichtlich der diplomatischen Situation der Tertia stände, sei es wichtiger, Daniela zum Häuptling zu haben, deren Ansehen sowohl bei der Sekunda wie bei den Lehrern und vor allen Dingen bei der höchsten Person bedeutend wäre, als den Großen Kurfürsten, dessen Klugheit und Redegewandtheit der Bande im Augenblick nicht weiter von Nutzen fein könne. Es war eine gefährliche Spaltung, die da entstand, sie konnte zur Zersetzung der ganzen Klasse führen. Die schwachmütigen Parteigänger einer zweiten Häuptlingswahl gewannen saft stündlich neue Anhänger. Für die Gegner bieses Gedankens, für die patres, — (das waren diejenigen Jungens, die schon seit der Sexta Bürger des Schulstaates waren unb seine Griinbung unb ersten Anfänge mitgemacht hatten, für Reppert also, für Lüders, Hornbostel, Känigsmarck und Bamberger), — für alle diese stand es fest, daß Daniela persönlich diese neuen Strömungen beeinflußte und lenkte. Nur Otto Kirchholtes, der ebenfalls zu den patres gehörte, gab keinerlei Meinung zum besten. „Wir hätten Danielas Brief in den Wind blasen sollen!" rief Lüders heftig aus. „Was haben wir jetzt davon, daß wir uns so schimpslich vor ihr gebemütigt haben? Einen Spisn von ihr im eigenen Lager! Den Burschen ziehe ich bemnächst an ber Eiche hoch, gerabe vor Danielas Nase!" , . Unb Lübers kaute gewaltig an seinem Gummi. Er pflegte immersorl zu kauen, bei Gemütsaufwallungen sogar mit rasenber Heftigkeit. Man hatte beobachtet, baß er auch im Schlase, vermutlich bei zornigeren Kriegerträumen, bie Kaumuskeln in Gang zu setzen pflegte. Die anbern von ben patres waren nicht ber Ansicht, baß Borst für Daniela spionierte. Besonbers Otto Kirchholtes wandte sich gegen dicstn Gedanken. Dennoch betrachteten sie alle ben Kleinen vom Tag bes Sdjm lergerichtes an mit einer Art von höflichem Mißtrauen. Augenscheinlich war ber Junge boch gar nicht so dumm, wie er sich stellte. Die Worte in Danielas Brief hatten sie recht stutzig gemacht • „Ohne Borst säßetsM jetzt im Loch!" Hatte Borst sie in jener Nacht durch seine eigenmächtige Entfernung aus der Schlachtfront wirklich gerettet? War er etwa gescheiter gewesen als sie alle? s Wohin man nur blickte: Zerklüftungen, Zweifel, Mißtrauen uno Zwietracht! Dies war die Sage am Dienstag, drei Tage vor der Entscheidungsschlacht. . . Die Lehrerschaft schien es zu allem Ungemach nach daraufhin angelegt zu haben, bie Tertia in biefen Tagen völlig zur Verzweiflung $u treiben. Möglicherweise war bie Tertia nur ein Abbild der Kämpfe, die sich a n ö innerhalb des Kollegiums abspielten. Es waren Anzeichen da, die Ben Klügeren aus ber Banbe zu benken gaben. Vielleicht mürbe dort oben um bas Urteil bes Zeus gekämpft, wie hier unten um ben Bogen ber Daniela. (Fortsetzung folgt) Verantwortlich: Dr. Sans Thhriot. - Druck unb Verlag. Drühl'sche Universitäts-Buch- unb Steinbruckerei. R. Lange, Gießen.