Ajtrch ntdi[ ;i,, an^e et jjj "de aus d« lub=r. 3eblt ■r mar. °r »üchuet! Ie.6 Fräule» einet W \ °nMchi ■ I", es mit) "d Ha h ■ Sin Heines „3d; glaubt, f den Sain hielt in ta die beton» lie anbere ji dem Pelz )i : ittuftrierten nler bet Ifc wenn es |eii e weniger ji tut in Beck he Zeitschch er, das gq Kreton. & eie gern. & cht. Er h» mal am log r. War's i|r in Sachen ta morgen ei» nd etwas li :t der 61* bauerte N wenn er w ." Er IP»» Und Helsen t»«k tlci1*' „6 geK worden w , Mutier m e noch R b hinten R iq Säufer® irben n* - 3 Sie nur I? nn geben « das M - h°"-L rübergehen igenfli* ast nut 2 eereE nb billig* ■i( die , - bem (,n । "ki»1"' «K 15e, ’u til!' w i ' »ii 5?> GiehenerZamilienbMek Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1951 Freitag, den 6. November Nummer 87 An die Geliebte. Von Eduard M ö r i k e. Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt, Mich stumm an deinem heil'gen Wert vergnüge, Dann hör' ich recht di« leisen Atemzüge Des Engels, welcher sich in dir verhüllt, Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt Auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge, Daß nun in dir, zu ewiger Genüge, Mein kühnster Wunsch, mein einz'ger, sich erfüllt? Bon Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn, Ich höre aus der Gottheit nächt'ger Ferne Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen. Betäubt kehr' ich den Blick nach oben hin. Zum Himmel auf — da lächeln alle Sterne: Ich knie, ihrem Lichtgesang zu lauschen. Intermezzo in Wien. Von T. von Schlieben-Crosta. (Nachdruck verboten.) Als die ersten Häuser von Wien tief unten sichtbar wurden, überfiel die Baronin H. jene leise Unruhe, die man empfindet, wenn man eine einstmals vertraute Stadt nach sehr langer Zeit wiedersieht. Das Flugzeug sank nieder wie ein großer, majestätischer Bogel. Boys bemächtigten sich des Handgepäcks, die Baronin stieg in eines der wartenden Automobile. „Hotel Imperial." Lim Empfangsbureau begrüßte sie der Direktor. Die Baronin dankte lächelnd. Sie ging, mit weitausholenden Schritten zum Lift. Ihre Figur war schlank wie die eines jungen Mädchens und um sie war etwas von der natürlichen Einfachheit großer Damen. Man brachte ihre Koffer. Sie packt« einige Toilettegcgenftünde aus, reinigte ihr Gesicht mit Creme, wusch sich, stellte das Bild ihrer beiden Jungens auf den Nachttisch und klingelte dem Stubenmädchen. „Bitte, Lieb«, seien Sie so gut, noch ein Extrakissen, und ich gehe jetzt fort, die Fenster können offen bleiben." Als die Baronin wieder auf dem Kärntner Ring stand, schlug irgendwo eine Uhr sechsmal. Sie ging über den Schwarzenbergplatz (ob noch die große Leuchtfontäne funktionierte?) und den Rennweg zur Salesianergasse, wo ihre Eltern damals gewohnt hatten. Das Haus sah noch genau so aus, ein wenig vernachlässigt, wie diese S, arme Stadt. Sie blickte gerührt umher, als erwarte sie jeden iblick ihre armen Eltern aus dem Torbogen treten zu sehen. Ihr Herz bewegte sich in wunderlich sllß-schmerzendem Rhythmus. Irgendwo hier in der Näh« mußte auch die Deutsche Botschaft fein und die feudalen Palais der Strohgasse. m Sie schlenderte die Straße herunter und machte dem Beloederepark einen Besuch. In den beiden Gartenpalästen waren jetzt Museen untergebracht. „ Auf der herrlichen Fassade des Oberen Belvedere lag die blasse Sonne des Spätnachmittags und ließ den Stein golden rötlich schimmern. Hinter der hohen Mauer ahnte man das Kloster der Salesianerinnen und die Türme ihrer Kirche stachen graziös in den kristallklaren Herbsthimmel. Die Baronin ließ sich auf einer Bank nieder. Schön war es hier, das Belvedere, das war wohl echtestes Wien. Der Kies leuchtete. Bunte Blätter wirbelten ziellos und müde durch die Luft. Ein Herr kam langsam vorüber, blieb stehen. Er war sehr groß und schlank, und als die Baronin sein Gesicht sah, wich bas Blut aus ihrem Herzen. Die Welt versank. Es war alles wieder ein Traum... Sie suhlte ihre Hand «mporgehoben, zwei Lippen brannten auf ihrer kühlen, duftenden Haut, und eine liebe, längst vergessene Stimme |prad). „Sie haben sich gar nicht verändert. Oder doch. Sie sind noch schöner geworden, erkennen Sie mich noch nach soviel Jahren, Eglantme. Die schöne Fran fühlte ihre Zähne leise auseinanderschlagen. „Natürlich erkenne ich Sie, Rainer. Setzen Sie sich doch. Sie glaubte, vor Erregung müsse ihr das Herz zerspringen. ... „Ich habe nie ausgehört, Sie zu lieben", sagte der Mann und sein hübsches, braunes Gesicht färbte sich dunkler. „Sie sind immer der zauberhafte Traum meines Lebens geblieben. Aber Sie haben sich nie etwas aus mir gemacht. Die Baronin betrachtete ihn mit einem entsetzten Lächeln. „Wie können Sie das sagen. Sie haben es nur nie bemerkt." Sie stand auf und zog den Silberfuchs zurecht. „Wenn Sie Lust haben, können wir zusammen essen. Ich bin allein in Wien." Und mit einer gewissen Hast fügte sie hinzu: „Ich reise morgen abend schon weiter. Uebrigens haben Sie sich inzwischen verheiratet, Rainer?" „Nein. Und Sie?" „Oh, ja. Mein Mann ist Diplomat wie mein Vater. Ich habe schon zwei große Jungen. Der älteste ist fünfzehn, ein bildhübscher Bub. Er ähnelt mir ein ganz klein wenig." Sie lächelte mit wehmütiger Koketterie zu ihrem Begleiter herüber und dachte: Mein Gott, wie habe ich mir einstmals gewünscht, an der Seite dieses Menschen durchs Leben zu gehen. „Hch bin auch schon sechsunddreißig." Er nickte: „Ja, es ist wohl siebzehn Jahre her, feit Ihre Eltern Wien verlassen haben. Sie waren damals auch gerade achtzehn wie üch." „Neunzehn", verbesserte die Baronin. „Nein", beharrte Rainer. „Wir waren doch gleichaltrig und ich bin jetzt fünfunddreißig." Die Mundwinkel der schönen Frau zitterten und sie glitt mit einer etwas^ hastigen Bemerkung über ihren Irrtum hinweg. „Sie mögen recht haben, Rainer. Ich habe mich wohl verrechnet." „Wissen Sie noch, wenn wir uns heimlich auf der Treppe trafen? Sie wohnten unter uns, und wir hatten schreckliche Angst vor Ihrem Herrn Vater." Die Baronin sah mit grausamer Deutlichkeit jene längst versunkene Zeit vor sich. „Das alte liebe Haus in her Salefianergaffe. Jetzt wohnen ekelhafte Schieber dort. Die alte Gräfin im Parterre vermietet Zimmer. Wissen Sie noch, wir versteckten unsere Liebesbriefe unter dem Läufer vor Ihrer Tür." Die Baronin dachte: Ich muß irgendetwas tun. Ich sage sonst eine Dummheit. Sie winkte einem Taxi. „Wir wollen zur Siebensterngasse fahren, ich möchte so gern wieder einmal bei Schöner essen." Als er ihr beim Aussteigen half und sie den zärtlichen Druck seines Arms verspürte, dachte sie: Jetzt bin ich im Paradies meines Lebens. Er flüsterte ihr zu: „Habe ich schon daran gedacht, Ihnen zu sagen, daß ich Sie anbeie, Eglantine?" Er besprach sorgfältig mit dem Oberkellner die Zusammenstellung der Speisen. „Sie aßen doch immer so gern Sachertorte zum Nachtisch." „So? Sachertorte?" Sie legte ihr Zigarettenetui auf den Tisch und schob es nervös hin und her. Es trug in der Ecke ein kleines M aus Brillanten. „M“ sagte Rainer. „Warum? Sie heißen doch Eglantine? Eglantine, der schönste Name. So blond, wie Sie selbst." Sie log und fühlte sich flammend rot werden. „Ach, eine Freundin hat es mir geschenkt. Es ist ihr Monogramm. Und erzählen Sie mir, lieber Rainer, was machen Sie?" „Automobilvertretung", erklärte er kurz. „Wir machen jetzt alle solche Sachen. Der Erwin ist Versicherungsbonze geworden, die Mizzi tippt auf der englischen Botschaft, die Rita ist vor die Hunde gegangen und der Ferdi hat sich das Leben genommen. Es sind halt die Zeiten, von denen wir sagen, sie gefallen uns nicht." Seine immer luftige Stimme wurde ernst. „Und Sie, Eglantine? Sind Sie glücklich geworden?" Sie wich feinem Blick aus. „Nun ja. Was man landläufig so glücklich nennt." Sie lachte, laut und künstlich, was sie sonst niemals tat. Er bestand darauf, sie müßten noch nach Schönbrunn fahren, zum Kaiserstöckl. Sie tanzten sogar ein paar Mal und die Baronin konnte nicht hindern, festzustellen: „Ach, Rainer! Einen Mann wie Sie hätte ich heiraten sollen, der jung ist, der sieht, daß ich ein M auf dem Zigarettenetui habe und der mir sagt, daß er mich anbetet." Als sie im rumpelnden alten Taxi durch die Mariahilferstraße zur Stadt hineinfuhren, küßte er sie, und sie dachte: Meine Seligkeit ist kurz, aber sie ist größer denn alle Seligkeiten. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, seine Arme wiegten sie in den Himmel. „Siebes. Das Leben ist schnell vorbei. Wir müssen geizig sein mit der Zeit. Was liegt daran, daß du ein paar Tage später nach Italien kommst. Wahrscheinlich sehen wir uns nie wieder im Leben. Ich mach« mich morgen frei und wir fahren nach dem Semmering. Wir werden auf den Pinkenkagel gehen und roten Riebiselwein trinken. Wir werden jung Fein und glücklich. Du begehst doch feine Untreue. Denke doch, ich habe Md) schon geliebt, als ich siebzehn Jahre war. Denke, was ich um dich gelitten habe. In ein Crziehungsinftitut nach Tirol haben sie mich geschickt, sind ich habe nie aufgehört, dich zu lieben. Ist es nicht Schicksal, daß wir ists jetzt im Belevederegarten getroffen haben?" Die schöne Frau streichelte das Gesicht des Mannes neben ihr. „Ja, Eglantine war nicht immer gut. Du darfft ihr nicht böse sein, der armen 0 glantine." Und dann sagte sie und ihre Stimme klang wie verweht: „Ich liebe dich sehr, mein Freund." Vor dem Imperial, als sie Abschied nahmen, küßte er ihre Hand. Und sie sagte in dem Wunsch, es ihm leichter zu machen: „Morgen nachmittag, wenn du aus dem Dienst kommst. Lieber, sage ich dir, ob wir vielleicht doch noch nach dem Semmering fahren. Sie sah ihn lange und gedankenvoll an, als müßte sie sich sein Gesicht einprägen für den Rest ihres Lebens. Dann ging sie in ihr Zimmer hinaus. Und sie schlief in dieser Nacht tief und glücklich. Mit dem Frühstück brachte ihr der Zimmerkellner einen Strauß dunkel- roter Rosen und einen Brief. „Habe ich dir schon gesagt, Eglantine, daß ich dich anbete?" Darunter hatte er nachträglich und wohl im letzten Augenblick geschrieben: „Mein Gott, Eglantine! Erinnerst du dich an all das von damals?" Eine große schmerzliche Zärtlichkeit erfüllte das Herz der Baronin. Sie fuhr zu der Prinz-Eugen-Straße, wo Rainer ein möbliertes Zimmer bewohnte. Unterwegs hatte sie einen Berg von jenen kleinen roten Rosen gekauft, die man crimson ramblers nennt. Einen Riesenstrauh stellte sie auf seinen Schreibtisch und schrieb auf einen kleinen Zettel: „Weißt du nod)? Wir hatten eine Laude davon." Dann gab sie der Wirtin das Zigarettenetui mit dem M aus kleinen Brillanten und schärfte ihr ein, es gehöre dem Herrn, ja, sie habe ganz richtig verstanden. * Den ganzen Rest des Vormittags irrte die Baronin in der Stadt Wien umher, sie passierte dreimal den Graben und sie fuhr auch zum Belvederepark. Ueberall aber erinnerten sie tausend Dinge an ihre armen Eltern, an Rainer und auch an Eglantine. Gegen ein Uhr kam sie ins Hotel zurück und sagte zu dem Direktor: „Ich werde nickst den Nachtzug nehmen. Geht nicht in einer Stunde etwa ein Flugzeug, irgendwohin. Ich will nur fort." Denn die Baronin fühlte, noch einmal würde sie nicht stark genug sein, ihr Schicksal in der Hand zu behalten. Dann suhr sie in ihr Zimmer hinauf. Und sie telephonierte, daß man ihr die Rechnung heraufschicken solle. Dann packte sie ihre Sachen ein und verschloß die Koffer. Das letzte, was sie in Wien noch tat, das tat sie für den Mann, den sie als junges Mädchen einmal sehr geliebt hatte, den sie jetzt noch liebte. Und sie schrieb: „Mein lieber Freund! Ich habe getan, was Ihre Erinnerung tat, ich habe Sie betrogen. Eglantine ist längst tot, und ich bin nur Maria, ihre ältere Schwester. Wir waren uns immer sehr ähnlich und die Jahre haben das ihre getan, Sie zu täuschen. Damals, als wir noch so lächerlich jung, und halbe Kinder waren, damals lebte ich für Sie nur im Schatten Cglantines. Und Sie haben nie zu bemerken geruht, daß ich ein wenig in Sie verliebt war oder vielleicht auch mehr. Sie haben um Eglantine gelitten, mein Freund, und ich um Sie! Wir sind demnach quitt. Ich habe meine Rache genommen, indem ich mir vierundzwanzig Stunden lang einbilden durfte, von Ihnen geliebt zu werden. Sie sehen, ich will mich nicht mit fremden Federn, d. h. guten Motiven schmücken. Aber ein ganz klein wenig, glauben Sie mir, leitete auch mich der Wunsch, dankbarer zu sein, als Eglantine es zu ihren Lebzeiten war. Wenn es mir gelungen ist, Ihnen ein paar glückliche Stunden zu geben, wird mir das, im ernstesten Sinne des Wortes, eine unendliche Freude sein. Die arme Eglantine hat sich alles genommen, was sie haben wollte (vielleicht ist es Ihnen ein Trost, mein Freund: S i e waren nicht darunter) und sie ist in dem geendet, was die Menschen als Elend und Misere bezeichnen. Ich habe nichts von dem bekommen, was ich mir wünschte, und die Menschen rechnen mich zu den glücklichen ihrer Geschwister, weil ich eine gewisse Dosis von jenem Opiat erhalten habe, das sie „äußere Ehren" nennen. Ich fahre zu meinem Mann, mein lieber Junge, ich gebe Ihnen die Genugtuung (ich kenne doch die Männer) zu sagen: den ich nicht liebe. Aber ich füge hinzu: den ich achte. Und das ist wohl alles, was man vorn Leben und von einem Ehemann erwarten darf. Mich erwartet ein Programm, von dem ich mir vormache, daß es eine Aufgabe ist. Doch wenn man sich nicht ein wenig selbst betrügt, wo bliebe dann das seelische Gleichgewicht? Noch eins, mein lieber Rainer. Sie haben sich nach einer Erfüllung gesehnt, die Ihnen Eglantine schuldig geblieben ist. Die Eglantine der vierundzwanzig Stunden hat das Gleiche getan. Ich gebe Ihnen Ihre Sehnsucht zurück. Sie sollten mir dafür dankbar sein. Denn ein Leben ohne Sehnsucht hat keinen Wert mehr. Ich bitte_ Sie um Verzeihung, wenn ich Sie gekränkt haben sollte. Und wenn Sie sehr böse sind, lesen Sie meinen Brief noch einmal durch. Bierundzwanzig Stunden später. Vielleicht werden Sie dann finden, daß ick; recht hatte. Sie haben mir das herrlichste Erlebnis meines Daseins geschenkt: Die Illusion, so geliebt zu werden, wie Sie Eglantine liebten. Denn, denken Sie: So arm ist mein Leben. M." Oie Entschwundene. Von Gottfried Keller. Es war ein heitres, golbnes Jahr, Nun rauscht das Laub im Sande, Und als es noch in Knospen war, Da ging sie noch im Lande. Besehen hat sie Berg und Tal Und unsrer Ströme Wallen; Es hat im jungen Sonnenstrahl Ihr alles wohlgefallen. Ich weiß in meinem Vaterland Noch manchen Berg, o Liebe, Noch manches Tal, das Hand in Hand Uns zu durchwandern bliebe. Noch manches schöne Tal kenn ich Voll dunkelgrüner Eichen; — O fernes Herz, besinne dich Und gib ein leises Zeichen! Da eilte sie voll Freundlichkeit, Die Heimat zu erlangen — Doch irrend ist sie allzu weit Und aus der Welt gegangen. Vom schauspielerischen Schaffen. Von Dr. Paul Landau. Die ersten Premierenschlachten dieser mit viel Früchten und Hoffen begrüßten Theatersaison sind geschlagen. Der faszinierende Zauber schauspielerischer Kunst, der uns für kurze Stunden die Wirklichkeit vergessen läßt, wirkt von neuem mit voller Stärke auf uns ein, und wir fragen erstaunt, welch besonderen Kräften der Mime seine Macht verdankt. Wenngleich über jeden geistigen Zeugungsprozeß ein Schleier des Geheimnisvollen und Unbewußten gebreitet ist, so liegen doch die Verhältnisse bei der Schöpfung des Schauspielers noch besonders dunkel und kompliziert. Er ist zugleich reproduzierender und produzierender Künstler; sein Material, das er formt, ist kein objektiver Stoff, sondern seine Persönlichkeit, sein Körper selbst; er kann sein Werk nicht fertig aus sich Herausstellen für alle Ewigkeit, sondern muh es stets von neuem gebären. Das Problem des schauspielerischen Schaffens ist daher eines der schwierigsten und anziehendsten auf dem Gebiete der Psychologie des genialen Menschen; es ist vielfach, von den Künstlern selbst und den Aesthetikern, erörtert worden, wobei sich die Meinungen oft direkt widersprechen. Wie jedem Beruf, der alltäglich ausgeübt werden muß, haftet auch der Schauspielkunst etwas Mechanisches, Handwerksmäßiges an. Der Mime, der ein paar Monate hindurch Abend für Abend in denselben ober in ganz ähnlichen Rollen beschäftigt ist, wird vielfach automatisch seine Aufgabe erledigen, den eingeübten Part gleichsam von selbst sich abrollen lassen. Aber er ist bann auch kein Künstler mehr, kein Schöpfer. Bei unserer Betrachtung kann es sich nur um ben bebeutenben Schauspieler handeln, der wirkliche Schönheitswerte schafft und von dem jeder echte Komödiant ein Stück in sich haben muß. Phantasie und Berstand, bas sind bie beiben Mächte, bie, wie bei jeder künstlerischen Leistung, so auch bei der des Schauspielers die eigentlich hervorbringenden Gewalten barstellen. Sein erstes, funbamentaies Erleben finbet ber Bühnenbarsteller natürlich im Versenken in bas Drama. Schon hier zeigen sich bebeutenbe Unterschiebe bes Einbrucks. Der bentenbe Schauspieler, bei bem bie Reslektion überwiegt, wirb nur ganz vage, verschwommene Vorstellungen haben; wir wissen bas von Seybelmann, von Kainz u. a. Er muß erst alle möglichen Zugänge zu bem Werk unb ber Gestalt suchen, langsam in bie Stimmung unb bie Details einbringen; bas ist bann nicht selten bie Arbeit eines Gebens. Aus stets neuen Nuancen setzt sich das Mosaik des Spiels zusammen. Solche Schauspieler sind halbe Gelehrte, Riesen an Fleiß, Meister der beherrschten Technik, die auf ihrem mühevollen Wege langsam unb hartnäckig zu ben Gipfeln ihrer Kunst aussteigen, ein Ekhof, Seybelmann, Dessoir, Lewinsky, Kainz, Oscar Sauer. Ganz anbers stehen bie „Lieblinge ber Phantasi e", schon beim ersten Einleben in ihre Aufgabe, bem Werke gegenüber. Auch sie sind nicht etwa mühelose Improvisatoren, denen alles auf den ersten Wurf glückt, aber es drängen sich ihnen sogleich sinnlich blutvolle Gestalten ihrer Einbildungskraft auf, mit denen sie sich immer mehr befreunden, bis diese zu ihrem „zweiten Ich" werden. Rellstad hat uns den dämonischen Ludwig Devrient so im inneren Zwiegespräch mit einem neuen „Seelenbruder", einer neuen Rolle, geschildert. Ueberall, in der Kneipe unb auf ber Straße, zog er bas Buch aus ber Tasche unb rebele auf biefen „verrückten Kerl", ber fein eigen werden sollte mit allen Fibern unb Fasern, wie auf einen leibhaftigen Kumpanen, ein. Und bald ging dann mit ihm selbst eine merkwürdige Verwandlung vor; Haltung, Gebärden, Sprachton erhielten eine völlig andere, charakteristische Prägung; er machte dem „tollen Burschen", den er vor seinem geistigen Äuge sah, nach und so redete er, lebte er, wühlte er sich in bie Rolle hinein. Bei allen großen Schauspielern, beren ©runbtalent ein heißer Drang zum Kopieren ist, kann man biefe Art bes Schaffens beobachten; sie ahmen ihre inneren Gesichte so lange nach, bis sie in ben Körper biefes imaginären Wesens hineingeschlüpft sink». So schufen Schröber, Döring unb Matkowsky, unb wenn sie sich nebenbei noch in tief- mb hoffen über |djau> :t oergeffen mir fragen ntt. Weaa- Zeheimms- äüniffe bei kompliziert ; sein Mo- Persönlich s sich her- uem gebö- eines der jologie des t und den rett wideret auch der Der Mime, en oder m (eine Aus- * abrollen Net- 8h zchausprelk jeder echle rftanb, i«8 ng, !° «“* aalten M- enbarfteller bedeutende r bei dem mene 8®' in Ka>" der Sei*" en; das M i Nuanre" ■ sind W, if die am pfeln 'd"' Fß e ®1 n finnige ©rubeleien über das Stück versenkten, so siegte im entscheidenden Augenblick doch die Gewalt des Phantasiebildes, das sich ihnen unvergeßlich eingeprägt hatte. Noch stärker lebt das intuitive Element in Künstlern, die schon bei der Lektüre des Werks von dem Rausch des Schaffens unwiderstehlich ergriffen werden. Von der großen Heroine Charlotte Wolter erzählt man uns, in welch wilder Erregung sie beim ersten Studium der Rolle gewesen fti. „Plötzlich springt sie auf; sie beginnt zu agieren, zu spielen. Die Handlung zieht an ihrer Seele vorüber; ihre Gebärden verraten, daß sie alles durchlebt. Sie leidet unter dieser Quat des Fühlens, des Ausdruckenmüsfens, Tränen rollen über ihre Wangen, aber noch scheint sie sich nicht im Mittelpunkt der Handlung zu fühlen. Da plötzlich sprühen und blitzen die Augen, die Gebärden werden befehlend, drohend; jetzt zuckt sie auf, der Körper krampft sich zusammen; der Mund öffnet sich und qualvoll langsam entringt sich ein markerschütternder Schrei ihrer Brust — dann sinkt sie ermattet und laut schluchzend aufs Sofa. Lange meint sie und heftig, bis die Krise vorüber ist. Aber den innersten Ge- sühlsgehalt der Rolle hat sie sich nun für immer erobert." Es folgt nur noch die verstandesmäßige Ausgestaltung und Durcharbeitung. Roch momentaner war das Erfassen der Grundstimmung bei M i 11 er w u r z e r. „Ich versenke mich mit aller Sammlung in die darzustellende Dichtung", erklärte er. „Wirkt sie überhaupt auf mich ein, so befällt mich bald ein eigener Zustand, in dem ich die Gestalten, die ich darftellen möchte, leibhaft, greifbar, in allen ihren beschriebenen und nicht beschriebenen Lebensformen nicht vor mir sehe, sondern in mir. Was ich sein soll und wie ich es sein soll, das steht eigentlich mit einem Schlage vor meiner Seele." Solche Künstler haben dann jähe Visionen, in denen plötzlich eine Gestalt völlig fertig vor ihnen auftaucht. Mitterwurzer sah so den Mephisto, dessen Bild sich ihm nie vorher klar gezeigt, als triumphierend stolzen Fürsten der Hölle, während er auf einer amerikanischen Gasispieltournee in Milwaukee zu Mittag aß; die Schroeder-Devrient den Romeo i in aller heldenhaften Anmut, als sie nach der ersten Aufführung erschöpft und zitternd auf dem Sofa lag. Es gibt Künstler, die den stärksten Impuls des Schaffens erst auf den Proben empfangen, in der anregenden Bühnenatmosphäre. So hat Kainz manche Idee aus den zufälligen Kombinationen und Situationen der Probe geschöpft. Ueberhaupt spielt die äußere Umwelt, die Kulissenluft, spielen Kostüm und Publikum eine große Rolle im Schaffen des Schauspielers. Seydelmann fühlte sich haltlos ohne seine raffiniert ausgeklügelte Maske, und Matkowsky konnte nur ganz Held fein in Stulpenstiefeln, mit dem Schwert in der Faust. Die Requisiten find ein beseelendes, der Applaus ein anfeuerndes Moment. Von der ganzen Umwelt geht eine suggestive Wirkung aus, deren der Schauspieler bedarf, Am sich völlig einzufühlen in die Seele seiner Rolle. Aus dem Phänomen 6er Hypnose hat man dann überhaupt das Rätsel der schauspielerischen „Transfiguration" erklärt. Max Martersteig führt in einem interessanten Buche die wundersame Verwandlungsfähigkeit, die dem großen Schauspieler eigen ist, auf eine Art Selbsthypnose zurück, wobei der Künstler unter dem Eindruck einer ästhetischen Suggestion sein Jchgefühl i nufgibt und ganz in dem Geist und Wesen seiner Rolle aufgeht. Die Schilderungen mancher Künstler, so M i 11 e r w u r z e r s , der Düse, lassen wirklich auf einen solchen Zustand schließen. Von Fleck wird berichtet, er habe bei seinem Spiel nicht selten einem Nachtwandler geglichen: Christine H e b b e l schilderte ihrem Gatten ihre Empfindungen als Lady Macbeth: „Mir war während des ganzen Stückes, als wenn cch die Augen nicht auftun könnte". Es ist also eine sehr komplizierte Mischung von Bewußtem und Unbewußtem, von hypnotischen Zwangs- vorstellungen und reflektierenden Gedankengängen, die im Schauspieler während des Schaffens wirksam sein muß. Rur so lassen sich auch die gegensätzlichen Antworten erklären, die immer wieder auf die Fragen gegeben worden sind: Soll der Schauspieler über der Dichtung oder in ihr stehen, muß er die Leidenschaften des Wesens, das er darstellt, mit- ! ühlen ober nicht? Im wesentlichen werden diese Fragen durch die Scheidung von vornehmlich reflektierenden und visionären Schauspielern schon beantwortet. Lei Künstlern, in deren Schaffen die Gedankenarbeit überwiegt, also bei Persönlichkeiten wie etwa I f f l a n d oder Talma oder von den Modernen Emanuel Reicher, wird gar leicht ein Ueberlegenheitsgefühl L iber den Dramatiker sich geltend machen. Bei Seydelmann wie Mains hatte man stets den Eindruck, daß sie souveräne Herrscher über I hren Stoff, also auch über die Dichtung waren. Ein Fleck oder Mat- F awsky dagegen ging ganz im Drama auf, tauchte unter in der Stim- I Nungssphäre, die ihn umflutete. Dieses Ausgehen im Geist der Dichtung, I t ie[es ekstatische Sichselbstvergessen und Mitfühlen ist nun von den einen I Us notwendig für den genialen Mimen, von andern aber als seiner | 1 »würdig erklärt worden. R i c c o b o n i, dem auch Lessing zustimmt, | «klärt es für ein Unding, daß der Komödiant, der genau wisse, daß alles r rur Schein fei, wirkliche Empfindungen habe. Sainte-Albine hält t (ine „glückliche Raserei" für unerläßliche Bedingung; ein Schauspieler, E 'er nicht selbst gerührt sei, könne nicht rühren. Diderot hat in seinem 1 '«rühmten „Paradox über die Schauspieler" jeden „fühlenden Mimen" ’t innen Stümper genannt, und der ältere Coque 1 in hat sich ihm I "»geschlossen: als Anfänger sei er einmal hinter den Kulissen vor Rührung jt chnmächtig geworden, aber das fei eine „Jugendeselei" gewesen und jetzt 5 öiütbe er sich schämen, wenn ihm so etwas passiere. Demgegenüber wird 1 ffns aber von manchen der größten Schauspieler erzählt, daß sie ganz I JJ. den Empfindungen ihrer Rollen aufgingen. Wandelte Fleck am i ('argen eines Tages, an dem er abends den Lear oder Macbeth spielte, I surch die Straßen Berlins, bann tag etwas so imponierend Maiejtatisches 1 !*.. seiner Haltung, baß sich die Leute zuflüsterten: „Der Fleck ist schon l ; eilig vom Kopf bis zur Zeh". Rach dem Spiel war der sonst sanfte, || tustnutige Mann häufig noch so in seiner Raserei, daß er sich zu Oe- II Jalttätigteiten hinreißen ließ. Ludwig Devrient konnte Osters den II j«ar nicht zu Ende spielen, weil das Gefühl, das ihn dabei zerwühlte, Wsime Brust zu sprengen drohte. Caroline Bauer berichtet, daß er ein- beim Todeskamps auf der Bühne wirklich in Ohnmacht fiel und. mühsam zum Leben erweckt, verwundert sagte: „Ich dachte doch, ich sei gestorben". Rossi wütete als Shylock und Othello hinter den Kulissen fort. Anderseits konnte S a l v i n i mitten aus einem heftigen Streit als Othello auf die Bühne treten, mit einem Schlage völlig verwandelt. Er meinte, er könne jeden Augenblick jede Szene spielen, ohne das Geringste dabei zu fühlen. „Ich habe es ja früher empfunden, als ich die Rolle studierte! Da vollkommen, bis zum körperlichen Schmerz. Aber seitdem ich sie beherrsche, kümmere ich mich um das nicht mehr; seitdem habe ich alles am Schnürchen." Wie in jeder Kunst, so müssen auch im Schassen des Schauspielers die Sphären des Bewußten und Unbewußten sich in einem glücklichen Gleichgewicht befinden, Phantasie und Verstand eine harmonische Vermählung eingehen und jene wundersame „Traumklarheit", jene „ahnungsvoll dumpfe Hellseherei" erzeugen, aus der allein das Schöne und das Große geboren wird. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zobeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Fünf Minuten später saßen sie bei Tisch und futterten alle drei mit gutem Appetit: Tomatensuppe, Schnitzel mit Blumenkohl und einen Reispudding. Gut und duftig war es, die Lina unten in der Küche verstand ihr Handwerk. Auch über Schnitzel und Reispudding hinaus; sie brachte ein Diner zu fünf Gängen für dreißig Personen allein zustande, wenn Roses Gäste bei sich sahen. Prominente aus den Reihen der Lebensmittelindustrie, ebenso wie Prominente aus den Reihen der Kunst und der Wohltätigkeit, denn Mutter Bertha, geborene Lemke, fröhnte gern ein bißchen einem kleinen Mäzenatentum. Sie liebte es, wenn ein Professor an ihrem Flügel saß und eine Sängerin von Ruf daneben stand und Straußsche und Brahmssche Lieder zum Besten gab. Ober wenn eine Ministersgattin a. D. aus ber Kaiserzeit bei ihr bie Vorstanbssitzung bes Frauenvereins zur Beseitigung bes Kinberelenbs abhielt. Sie liebte bas, unb Vater hatte für biete Schwäche immer eine offene Hand. Sie aßen, unb bas Hausmäbchen, bie fixe Agnes im schwarzen Lüster- kleibchen mit bem Hamburger Häubchen auf bem kurzen Blondhaar, mußte die Schüsseln dreimal anbieten. Viel gesprochen wurde nicht. Vater war müde. Mutter hatte nichts zu berichten. Und ©erlies Welt war den Eltern im Grunde fremd, bie Welt, von ber sie wußten: Tennis, Hockeyklub, Segelsport, Eislauf, Tanztees. Von jener heimlichen Welt bes Kulissenzaubers erfuhren sie ja nichts. Heule bekam aber Gertie plötzlich einen Schreck. Vater fragte: „Wo warst du denn heute nachmittag?" — „Im Hockeyklub", antwortete sie. — Er stutzte. „So? Ich ließ dort anrufen, es hieß, du seist nicht da. Ich wollte dich bitten, in die Stabt zu kommen." Sie sah zu ihm hinüber: nein, es war kein Verbacht in seinem Gesicht. So fragte sie harmlos: „Um wieviel Uhr war es denn. Satt’?" — „So gegen vier." — „Ach, da war ich schon mit Isa Weiher zum Tee ins ,Union' gefahren. Wir haben da ein bissel getanzt." Vater Rose ließ sich zum zweitenmal den Reispudding reichen, aß bedächtig seinen Teller leer und nahm dann den Wortwechsel wieder auf: „Komm nachher auf ein paar Minuten in mein Zimmer, Gertie, ich habe etwas mit dir zu besprechen." Fast ernst klang es, und nun blieb doch in Gertie eine Angst: hatte Vater Verdacht, spürte er ihr nach? Mit nicht ganz reinem Gewissen ging sie nach dem Essen in Vaters Arbeitszimmer. Der saß schon wieder an seinem Schreibtisch unb hatte ein Aktenbünbel vor sich: Zahlenkolonnen, Berichte. Wie fast an jedem Abend. Er wandte sich um, drehte den eichenen Sessel ihr zu unb beutete auf eine Ecke im Klubsofa. „Da fetz' bich hin, Kinb." „So ernst, Satt'?" Gertie machte ihr unschulbigstes Gesicht. Er hatte ein Schmunzeln. Grübchen tieften sich in seinen Backen. Das sah so lieb aus, bah Gertie ihm einen Kuß gab. Run war ihr wieber leicht. „Ernst, Kinb, nein. Aber boch wichtig. Was schenken wir Muttern zum Geburtstag?" Ja, richtig: Mutters Geburtstag ftanb bevor. Gertie hatte es fast vergessen. Nun ließ sie sich schwer in bie Polster fallen, baß sie wippten. „Ja, Vati', was nur?" „Deshalb wollt' ich bich eben heute in der Stadt haben. Mal ein paar Läden abfahren. Es wird immer schwerer. Glaubst du, daß Mutter sich noch über was aus der Porzellanmanufaktur freuen würde?" „Es steht boch schon alles voll, Satt’." „Oder vielleicht einen neuen Ring?" „Sie kann ja gar nicht alle tragen, bie sie hat." „Siehfte, das mein’ ich auch. Aber wie wär’s mit ’ner Bronze?" „Wohin denn stellen, Satt’?" „Ja, wohin stellen? Aber wie wär' es, wenn du dich für sie malen ließest?" „Das geht doch nicht in zehn Tagen." „Na, bann wenigstens photographieren. Recht groß unb einen schönen Rahmen brumrum. Was bentft bu? Uns fehlt eigentlich ein gutes Bilb von bir." Nun lachte Gertie. „Ach, Satt’, das laß man lieber. Ich mit meiner Stupsnase unb ben Schweinsäugelchen. Nee — nee, lieber nicht. Wenn ich rede, geht ja mein Gesicht noch. Aber so auf ’ner Platte, so starr unb steif, bas ist nichts. Ich muß lachen, Satt’, bann ist mein Gesicht sogar ganz nieblich. Ich kenn’ mich boch. Ader ich kann euch doch nicht immer vom Bild aus angrinsen. Mir fällt schon was anderes für Mutter ein; laß mich mal nachdenken." So war es eine Weile still zwischen ihnen. Sater steckte sich eine neue Zigarre an, eine von den dicken schwarzen, die der Sanitätsrat auch verboten hatte. Gertie ging im Zimmer auf und ab. nahm sich eine Zigarette aus dem Kristalltasten mit dem Silberdeckel, paffte ein paar Züge, warf den Rest in die Aschenschale. „Solche moderne, schwere Pariser Halskette könnte Mutter gebrauchen. „Die trägst du doch nachher." „Wenn schon. Mutter freut sich trotzdem. — Und dann vielleicht eine kurze Pelzjacke, wie sie jetzt getragen werden. Mutter hat nur Mäntel. Vater nickt. „Ja, ja, das ginge." Und dann: „Ach weißte, Gertie, früher, da war das so leicht. Wie wir noch in der Alten Jakobstraße wohnten. Da machte Mutter ein Armband Spaß oder eine nette Nippesfigur oder ein neuer Stuhl. Ich weiß noch, wie ich ihr die Nähmaschine schenkte, die auch stopfen konnte. Das war damals etwas ganz Neues. Und den ersten echten Teppich, die kleine Brücke, die jetzt ober auf dem Flur liegt. Das war immer Freude. Und abends, wenn wir den Laden zugemacht hatten, legten wir dich ins Bett und gingen ins Theater. Immer ins Theater an Mutters Geburtstag; das war eine alte Regel. Ins Schauspielhaus meist; sie schwärmte doch für Matkowsky und die Lindner, für Christians und die Rosa Poppe. Das war 'ne Zeit, Gertie, das war 'ne Zeit ..." Ganz versonnen sog Vater an seiner Zigarre. Und Gertie dachte: „Vielleicht habe ich daher den Schuß Theaterblut. Weil Mutter für Matkowsky schwärmte, wie ich zur Welt kommen sollte." Und dann hatte Vater wieder sein Schmunzeln und seine Grübchen. „So leicht war damals das Schenken. Und so schön. Glaub' mir, Kind, die Welt ist nicht schöner, wenn man alles hat, alles haben kann. Wem noch viel zu wünschen bleibt, der hat den besten Teil erwählt. Nur tüchtig muh er sein, damit die Wünsche näher rücken." Wieder führte er die Zigarre zum Mund und stieß eine dicke Wolke vor sich. „Also gut: Pariser Kette und Pelzjacke. Sag' mir, wenn du nächster Tage Zeit hast, es mit mir zu besorgen. Und denk' dir noch ein bißchen mehr aus. Muttern muß doch einen einen schönest Tisch haben, sonst schämt sie sich vor ihren Gästen. Und nun geh, Mädel, ich hab' noch zu tun."--- * In Peters Kasse war einmal wieder Ebbe, völlige Ebbe. Auch die letzte Mark war entschwunden. So saß er erst zwei Tage zu Hause, schmökerte sich von einer Mahlzeit zur anderen durch und wartete. Von irgendwoher würde schon Hilfe kommen. Ein Freund würde anrufen, ein Vetter, der Verständnis hatte und ihm unter die Arme griff. Aber der Fernsprecher schien eingerostet zu sein. So blieb ihm nichts anderes übrig, er mußte zu Großmutter gehen. Etwas brauchte er doch: ein paar Mark für die Elektrische, für Zigaretten. Er liebte diese Gänge nicht, er schämte sich. Großmutter hatte dann immer so müde Schritts, wenn sie zu dem kleinen Schrank ging, in dem sie ihre Kassette verwahrte. Aber es half doch nichts, er mußte wenigstens das Notwendigste haben, die paar Mark. So schlich er den Korridor hinab, stand noch eine Weile vor Großmutters Tür, ehe er auf die Klinke drückte. Die alte Dame hob den Kopf, als er eintrat. „Ich weiß schon, Peter, warum du kommst. Ich habe nichts für dich. In diesem Monat nichts mehr, Peter. Es langt gerade fürs tägliche Essen. Kein Pfennig ist übrig." „Und Onkel Joseph, Großmutter?" „I ch bettle nicht, Kind." Großmutter legte einen scharfen Ton auf das „Ich". Peter biß sich aus die Lippen. Aber er gab die Hoffnung noch nicht aus. „Kann denn Geheimrat Dannegger uns nicht helfen? Er war doch Vaters Freund?" Da stand die alte Dame auf und trat dicht an ihren Enkel heran. „Ja, er war deines Vaters Freund, Peter. Und deshalb würde ich ihm zu allerletzt schreiben. Freundschaft ist etwas sehr Heiliges, auch über den Tod hinaus. Außerdem ist Dannegger ein Mann der Arbeit, er würde wohl wenig Verständnis für deine Lage haben." Den Kopf senkte Peter. „Ich kann doch nichts dafür, Großi. Ich hab' doch versucht ..." Und schon wurde die alte Dame wieder weich. „Ich weiß ja, Peter, ich weiß ja. Aber ich kann dir heute nichts geben. Es ist ja schon der fünsundzwanzigste. In fünf Tagen kommt Geld; du mußt warten, Peter." Sie hob die Hand und strich ihm über den Kopf. „Armer Peter." In dem Augenblick schlug die Klingel der Vordertür an. Sie horchten beide auf. Dann sagte Großmutter: „Geh, Peter, mach' auf. Minna ist aus. Und Isa stst auch fortgegangen. Es wird die Post sein, wer sollte sonst zu uns kommen?" Es war Gertie Rose. Fest und vertraut trat sie ein. Sie kannte ja jede Ecke in der Wohnung. Kameradschaftlich streckte sie Peter die Hand hin. „Tag, alter Freund. Ist Isa da? Wir wollten ein bißchen proben. Eigentlich hatten wir uns schon früher verabredet, aber ich hatte mit Vater in der Stadt zu tun. Sie sah ihn an. „Nanu, was machen Sie denn für ein Gesicht? Mal wieder alle Felle fortgeschwommen? Ja, man hat so seine Tage. Also: wo ist Isa?" „Ausgegangen." Fast barsch stieß er das Wort heraus. „So ausgegangen. Schade. Wann kommt sie denn wieder?" „Weiß nicht." Da stellte sich Gertie sehr aufrecht vor Peter hin. Von oben nach unten sah sie ihn an. „Weiß nicht. Sie scheinen überhaupt nichts zu wissen, mein Verehrter. Auch nicht, wie man sich gegen junge Damen benimmt. Weiß nicht! Ist das ein anständiger Ton? Wie? Wollen Sie Ihre schlechte Laune vielleicht an mir auslassen? Was? Das gibt es nicht! Dafür bin ich nicht zu haben, verstehen Sie?" Sie wartete einen Augenblick, ob er etwas entgegnen würde. Doch er schwieg. Da wandte sie sich zur Tür. „Sagen Sie bitte Isa, daß ich dagewesen wäre. Und im übrigen: Guten Tag." Sie ging an ihm vorüber und nahm die Klinke in die Hand. „Gertie!" Leise, bittend sagte er es. Sie wandte sich um. „Was gibt's noch?" „Seien Sie nicht böse. Ich hab's nicht so gemeint." Wieder stand sie vor ihm. War schon halb versöhnt. „Böse sein. Ist ja Quatsch. Ich bin nie böse. Das müßten Sie doch langsam wissen, Peter. Ich werde mir mit Bösesein die Zeit verelenden. Das wäre ja gelacht. Aber Sie sind schlechter Laune. Das ist auch solch Unsinn. Launen! Gibt's bei mir nicht. Kommen Sie mit, Peter. Die Sonne scheint. Ich habe meinen Wagen unten. Wir fahren nach Wannsee oder an den Stölpchen- see, setzen uns ins Freie, trinken ’ne Tasse Kaffee. Man muß die schönen Herbsttage nutzen. Draußen vergehen die schlechten Launen. Los, los, ziehen Sie sich den Mantel an." Er zog die Schultern hoch. „Sehr lieb von Ihnen, Gertie. Aber ich kann leider nicht mitfommen." Ungläubig sah sie ihn an. „Sie können nicht? Sie haben keine Zeit? Was ist denn los? Peter Weiher hat keine Zeit? Das gibt’s doch gar nicht.” lieber sein Gesicht ging ein schmerzliches Lächeln. „Zeit hab' ich schon. Mehr Zeit als mir lieb ist. Aber ..." Er stockte. „Was — aber ..." Ungeduldig fragte sie es. Er zögerte. Zögerte eine ganze Weile. Dann brachte er es doch über die Lippen. „... aber kein Geld. Ich müßte ..." Wieder war das Stocken da. — „Was müßten Sie?" „Ich müßte Sie anpumpen." Jetzt war sie still. Stand starr. Dann kam plötzlich Leben in sie. Sie riß sich die Kappe vom Kops, als ob sie sich Luft machen müßte. Auf die Tür zum Salon ging sie zu, öffnete sie. „Kommen Sie, Peter. Mit Ihnen muß ich mal reden, deutsch reden. Aber nicht hier auf dem Flur. Da könnten es Fremde hören/' Gehorsam ging er ihr nach. Drinnen faßte sie ihn am Jackettknopf. „Was haben Sie da gesagt, Peter, was? Anpumpen müßten Sie mich? Mich anpumpen? Schämen Sie sich denn nicht? Wann wollen Sie mir das Geld wiedergeben?" Ganz kleinlaut war er. „Wenn ich etwas verdient habe." „Wenn Sie etwas verdient haben. Eine schöne Redensart, Herr Peter von Weiher. Wie alt find Sie eigentlich? Fünfundzwanzig, was? Und was tun Sie? nichts — wie?" „Sie wissen doch, was ich alles schon versucht habe." Immer noch hatte sie den Rockknopf in der Hand, zog und schüttelte an ihm. „Jawohl, Peter: versucht —• versucht. So eine verfluchte Redensart. Versucht in höchst aristokratischen Berufen: Andern Leuten Autos anschmieren. Herumlungern in Hotelhallen, um Kunden zu fangen. Betteln gehen: Lieber Vetter, kauf' mir doch was ab. Sind das Versuche für einen Mann von fünfundzwanzig Jahren mit einem Kopf? Oder sind Sie vielleicht dumm?" Er stand still und rührte sich nicht. „Ich glaube — nein." „Ich glaube auch nein. Sie könnten, wenn Sie wollten. Jawohl, Sie könnten. Aber Sie sind auf dem falschen Weg, Peter, auf einem ganz falschen Wege. Haben Sie eigentlich schon einmal darüber nachgedacht, daß es eine Schande ist, wie Sie als gesunder junger Mensch Ihrer alten Großmutter auf der Tasche liegen? Ihre kleine Pension auffressen — jawohl ausfressen! Hier wird deutsch gesprochen. Eine Schande! Soll ich da vielleicht Mitleid mit Ihnen haben? Werfen Sie doch einmal die Vorurteile Ihres Standes über Bord. Arbeiten Sie wirklich. Tasten Sie nicht herum, sondern packen Sie zu. Verlangen Sie, daß ich Achtung vor Ihnen habe? Weil Sie der Herr von Weiher sind? Nee, mein Lieber. Kein Mensch wird auf die Dauer Achtung vor Ihnen behalten, das können Sie mir glauben. Auch die nicht, die Sie jetzt noch im Union zum Kaffee einlaben. Gehen Sie hin, brechen Sie sich die polierten Nägel ab, schuften Sie sich die schmalen Aristokratenhände blutig. Werden Sje Arbeiter. Dann werde ich Achtung vor Ihnen haben. Und wenn Sie dann zu mir sagen: „Gertie, mir geht's dreckig, ich brauche Geld", bann pumpe ich Ihnen jebe Summe." Hastig hatte sie gesprochen. Die Worte hatten sich fast überstürzt. Jetzt stand sie da mit fliegendem Atem; alles Blut war ihr ins Gesicht gestiegen, ihre kleinen, dunklen Augen blitzten. Er sah sie an, bewundernd. „Sie sind hart, Gertie. Aber Sie haben wohl recht." Sofort sprudelte sie weiter: „Und ob ich recht Ijabe." Dann wurde sie ruhiger. „Ich mein’ es doch gut mit Ihnen, Peter. Arbeiten muß der Mensch, sonst verkommt'er, und Sie sind auf dem besten Wege zu verkommen. Reißen Sie sich zusammen. Wer Slrbeit sucht, findet sie. Was soll denn aus Ihnen werden, wenn Ihre Großmutter mal die Augen zumacht? Wollen Sie später Isa ausnutzen, die sich dann vielleicht schon hochgearbeitet hat? Wollen Sie dann die Schwester anbetteln, ihr ihren Verdienst aus der Tasche ziehen? Oder wollen Sie ewig auf Vettern und Freunde spekulieren in dem Gefühl: die lassen einen Weiher nicht verkommen. Donnerwetter: Ihr Name verpslichtet! Arbeiten Sie. Arbeit schändet nicht, auch wenn man ein Herr von Weiher ist." Sie streckte ihm die Hand hin. Er schlug ein, hielt ihre Rechte fest, blickte sie an. Senken mußte er die Augen, denn er überragte sie um Haupteslänge. „Ich dank« Ihnen, Gertie. Es ist gut, wenn man einmal den Kopf gewaschen bekommt. Das klärt. Sie sollen von mir hören. Aber vergessen Sie nicht, daß es sehr leicht ist, so zu sprechen, wenn man selbst im warmen Nest sitzt." Jetzt hob sie den Kopf zu ihm, sehr frei, sehr stolz. „Gut, Peter. Ein Vorwurf ist des andern wert. Auch Sie werden von mir hören. Auch ich werde arbeiten. Trotz des warmen Nestes, wie Sie es nennen." Ihre Hand zog sie aus der feinen. Schnell war sie aus dem Zimmer. Er hörte die Flurtür ins Schloß fallen. Langsam ging er zum Fenster, sah, wie sie aus dem Hause trat und in ihren Wagen flieg. Der Motor sprang surrend an, sie rollte davon, schnell, weit über Stadtgcschwinbigkeit. Er mußte lächeln: er verstand, daß man in solcher Stimmung viel Gas gab. Der Wagen entschwand hinten an der Kurfürstenstraße. Peter drehte sich um und ging mit festem Schritt durch das Eßzimmer zur Großmutter. __________(Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl’sche Universitäts-Duch. und «Steinbruderei. JL Lange, Gießen.