GietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |93( Montag, den 6. Juli Nummer 52 11 —— ■ ii.r. ■■ ■■ — Hypenons Schicksalslied. Von Friedrich Hölderlin. Ihr wandelt droben im Licht Auf weichem Boden, selige Genien! Glänzende Götterlüste Rühren euch leictst, Wie die Finger der Künstlerin Heilige Saiten. Schicksallos, wi« der schlafende Säugling, atmen die Himmlischen; Keusch bewahrt In bescheidener Knospe, Blühet ewig Ihnen der Geist, Und die seligen Augen Blicken in stiller Ewiger Klarheit. Doch uns ist gegeben. Auf keiner Stätte zu ruhn, Es schwinden, es fallen Die leidenden Menschen Blindlings von einer Stunde zur andern, Wie Wasser von Klippe 3u Klippe geworfen, Jahrlang ins Ungewisse hinab. Der schönste Brief. Von Bruno Frank. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. Der schönste Brief, der mir bekannt ist, stammt von Iwan Turgen- ,'s, ganz kurz vor seinem Tode hat er ihn an Tolstoi geschrieben. Er ...niet: „Bougival, den 27. oder 28. Juli 1883. Lieber und guter Lew Nikolajewitsch! Lange habe ich Ihnen nicht geschrieben, denn ich lag und liege offen gesagt auf dem Sterbebett. Gesund werden — kann ich nicht, und es lohnt gar nicht, daran zu denken. Ich schreibe Ihnen eigentlich nur, um Ihnen zu sagen, wie froh ich war, Ihr Zeitgenosse zu sein, und um Ihnen meine letzte, aufrichtige Bitte vorzubringen: Mein Freund, kehren Sie zur literarischen Tätigkeit zurück! Diese Ihre Gabe stammt doch auch daher, von wo alles andere kommt. Ach, wie wäre ich glücklich, könnte ich glauben, meine Bitte werde so auf Sie wirken!! Ich bin ein verlorener Mensch. Die Aerzte wissen nicht einmal, wie sie meine Krankheit nennen sollen, „nevralgie stomacale gout- teuse"..Jch kann weder gehen noch essen noch schlafen, was soll ich denn noch! Es langweilt sogar, das alles zu wiederholen. Mein Freund, großer Schriftsteller der russischen Erde — erhören Sie meine Bitte!" Welches Verlangen erwecken diese Zeilen! Wie aller Sehnsucht wert ist die Lebenslust, in der allein ein solcher Abschiedsgruß erklingen konnte. Renan, einer aus dem Pariser Freundeskreis, dem Turgenjesf angehörte, hat einmal das neunzehnte Jahrhundert gepriesen als eine milde und schöne Zeit, als das rechte Klima für ein Erblühen der Künste und der Wissenschaften, dem gewiß eine rauhere Periode folgen werde. Ach ja, die ist ihm gefolgt. Das neunzehnte Jahrhundert, diese Abschiedsstunde der alten Kultur, erscheint-dem rückwärts gewandten Blick des durch Sumpf und Feuersbrünste Gejagten als ein Paradies des Friedens und der Weisheit. Die Literaturkenner von der ganz strengen Observanz stellten Turgen- jeffs Sarg nicht in ihr Pantheon. Er gilt ihnen nicht für ein Genie, nur für einen Talentmann. Tatsache ist, daß er dem abgründigen Genie Rußlands, daß er Dostojewski aufs äußerste zuwider war: ja Dostojewski erschien eines Tages unvermutet bei Turgenjesf, klagte sich vor dem Erstaunten einer Schandtat an und erklärte: por einem Menschen wie Turgenjesf sich zu erniedrigen, dies habe ihm der Himmel als härteste Buße auferlegt. Turgenjesf fügte sich vortrefflich in den Kreis bedeutenden Schriftsteller ein, mit dem er in Paris lebte: Flaubert, Gautier, Zola, Goncourt, Zaine, Renan, die der gleichen seelischen Zone angehor- ten, und die ihn alle liebten. „Le doux geant“ nannten fie 'hn. Sem Wesen war Humanität, Humanität gegründet auf Kenntnis des menschlichen Herzens und auf skeptischen Sinn für Tatsachen. Sich selbst zu sehen, wie man ist, den Menschen zu sehen, wie er ist, nicht an wüste und irre Träume sich hingeben, sondern wahr, gütig und furchtlos im Dasein zu stehen — einer Periode wie der unfern darf darin getrost ein Ideal gezeigt werden. Einer Periode, deren typischer Mensch sich unbeschreiblich häßlich ausnimmt, nämlich zugleich platt, gierig und von Phrasen betrunken. Phrasenloser, unpathetischer kann nichts sein als der Brief des ster- benden Turgenjesf. „Ich lag und liege auf dem Sterbebett" — das ist ihm schon zu viel, zu lapidar, und er fügt dieses rührende „offen gesagt" hinzu, ein verkleinerndes Verlegenheitswort, eine Art Entschuldigung dafür, daß er sich selbst in so ernster, eindrucksvoller Situation zeigen muß. Seine Krankheit muß grauenvoll gewesen sein, eine allgemeine Entzündung der Nervenhaut mit nie aussetzenden, marternden Schmerzen. Aber kein Wort von diesen Schmerzen! Er fängt wohl an, seinen Zustand zu beschreiben und ironisiert ein wenig die Aerzte, aber sogleich bricht er wieder ab: „es langweilt sogar, das alles zu wiederholen". Tolstoi müsse das langweilen, meint er damit. In seinem skeptischen Wissen um die Kluft zwischen Individuum und Individuum vermeidet er es, das Empfinden des andern länger als einen Augenblick in Anspruch zu nehmen. Aber er weih auch, daß es jedermann beleidigt, sein Mitgefühl und Zartgefühl in Zweifel gezogen zu sehen. Darum redet er Tolstoi an dieser Stelle nicht an, läßt das Pronomen weg und spricht im allgemeinen. Dieses Pronomen,' das gar nicht dasteht, dürste an sittlicher Schönheit und Würde ungefähr alles aufwiegen, was heutzutage in einem ganzen Jahr in Europa öffentlich geschrieben und geredet wird. Und nun das Bekenntnis von der Hand des Todgeweihten, „wie froh ich war, Ihr Zeitgenosse zu sein!" Welch verehrungswürdige Urbanität, welche Höflichkeit des Herzens mar nötig, um eine solche Wendung zu finden! Klingt sie nicht und soll sie nicht klingen, als blicke der Ver- löschende auf fein Dasein zurück, überschlage die Freuden, die es ihm gewährt hat, und finde als höchste die Lektüre von „Krieg und Frieden" vnd „Anna Karenina". Auch den Abgewandten und Starren muß ein solcher Liebesgruß, aus solchem Munde, aus solcher Stunde, bewegen. Und darauf zählte Turgenjesf. Sein zärtlich begeisterter Dank ist nur der Eingang zu einer Bitte: „Mein Freund, kehren Sie zur literarischen Tätigkeit zurück!" 1877 war die „Anna Karenina" erschienen. Bald darauf trat in Tolstois Leben der Umschwung ein, er sagte seiner bisherigen Existenz, der Welt und der „parasitären" Literatur ab, er widmete sich theologischen Studien, Übersetzte das Evangelium. Kein Zweifel, es ist eine Art von erhabener List im Spiel, wenn Turgenjesf so bittet. Einen Sterbenden, sagt er sich, wird der fromm gewordene Tolstoi am ehesten hören und erhören. Aber daß ihm dies wichtig ist, daß er mit feinen versagenden Kräften dieses flehentliche Verlangen niederschreibt: „Ach, wie wäre ich glücklich, könnte ich glauben, meine Bitte werde so auf Sie wirken!" Er ist ein Ungläubiger, er weiß, daß alles für ihn zu Ende ist, wenn ihn der Erdboden deckt, aber es ist ihm nicht gleichgültig, ob dann auf dieser Erde noch das Schöne entsteht. Er tut nicht, wie es später einmal widerliche Mode geworden ist, als sei Kunst, als sei Dichtung dem Leben gegenüber ein Nichts, besten sich der Urheber wohl gar zu schämen habe. Daß das Wahre und Bedeutende sich mehre auf Erden, bleibt die Sorge feines Herzens, welches bald nicht mehr schlagen wird, und daß Rußland diesen Schatz mehren helfe — bas ist ber Patriotismus biefes Kosmopoliten. „Mein Freunb, großer Schriftsteller ber russischen Erbe!" Zum verurteilten Sokrates tritt am Vorabend der Hinrichtung ein Freund ins Gefängnis und findet ihn eifrig bemüht, auf ber Leier eine Melobie zu erlernen. Wie benn, Sokrates, ruft ber Freunb, morgen sollst bu sterben und lernst heute noch ein neues Lieb? Und Sokrates antwortet: Wann soll ich es benn lernen, du Lieber? — Dies ist Geist vom Geist unseres Briefes. Aber nachdem der verurteilte Turgenjesf den andern gebeten hat, er möge doch seinem Genius den alten Weg wieder «erstatten, fügt er eine Begründung, eine Aufmunterung hinzu: „Diese Ihre Gabe flammt doch auch daher, von wo alles andere kommt." Das ist etwas Unsterbliches. Turgenjesf hat „Väter und Söhne", „Dunst", „Das adelige Nest" geschrieben, und feine frühen Schriften haben in Rußland die Aufhebung der Leiheigenschaften vorbereitet — aber diesen kleinen Satz sollte man nicht vergeßen über jenen Taten. Man sieht den Leidenden, wie er Tolstoi an seine Verantwortung mahnen will, an die Verpflichtung, die ungemeine Talente auferlegen, man sieht, wie er fast schon im Begriff ist, diese ehrerbietige Mahnung in eine religiöse Formel zu kleiden, man spürt, wie er, der furchtlos und glaubenlos Sterbende, es verwirft, auch zu erhabenen Zweck nur im mindesten zu heucheln und von Dingen zu reden, von denen wir schlechterdings nichts wißen können, — und es entsteht diese behutsame und meisterliche Wendung. Dieser große Mensch und Schriftsteller schont den andern, der glaubt ober inbrünstig doch glauben möchte, und er selber bleibt wahr, wahr wie ein Mann und wie ein Weiser. Nein, Humanität ist kein leeres Wort. Laßt euch nichts weismachen von den Maulaufteihern dieser trübseligen Epoche, von den Amokläufern, Wa! bem5'©elfte "dienen und an Geister nicht glauben — es ist ja doch nichts Besseres gelehrt worden, seitdem diese Erde sich dreht. 730 Tage ohne Regen. Das Land der trockenen Iltisse. Von Norbert Jacques. In dem kleinen Ort De Aar in der Kap-Kolonie geht die Abzweigung von der südafrikanischen Bahn nach dem ehemaligen Deutschen Sudwest- asrika ab. Zu deutscher Zeit bestand diese Verbindung noch nicht. Damals endigte die Bahn aus deutscher Seite in Kalkfontein. Der Krieg hat sie,erst gebaut. Sie ermöglichte General Botha, die 5000 Deutschen mit seinen 60 000 Soldaten rasch einzudecken und den Krieg ziemlich unblutig an Menschen- ober gewaltig an Geldopsern zu Ende zu bringen Diese Bahn bringt mich durch die Hintertür in das frühere deutsche Schutzgebiet. Sie ist wie alle afrikanischen Bahnen schmalspurig, und w>- überall in Afrika kann man in jedem Wagen der dre, Klassen nachts die Banke zu Betten umwandeln. In dem kleinen Speisewagen aber trisn sich im Verlauf der Reise, die zwei Nächte und zwei Tage dauert, alles, was rnitsährt. Gleich hört man deutsch sprechen. Die Stewards antworten deutsch. Das „Afrikaonsch" der Buren, ein verbastardetes Holländisch, und weniger häufig Englisch mischen sich mit ein, und am Tisch V1™ immer Menschen der drei Sprachen bereit zur Unterhaltung und 3um Frobenius hat seine Zimbabwe-Forschungen beendet. Einer seiner Mitarbeiter reift mit mir. Er hat fronbierjmb den Meister verlassen, bessen Arbeitsweise ihm allzu kühn mit Jahriausenben unb Kombinationen spielte. Zwei junge Buren, nette Burschen, nach Winbhuk fahrenb, teilen ben Tisch mit uns. Der bänische Konsul aus B. ist unser fünfter Mann. Man sieht ja an ben Kosterzetteln, woher unb wohin, ist rasch bekanm, unb ber Konsul, ein Mann von Bilbung und Welt, von fließend leichten Manieren, schleppt mir aus dem Zug alles herbei, wovon er glaubt, es habe mir etwas zu sagen. Durch seine deutsche Frau hat er viele -oe Ziehungen zu Deutschland. , , , Wir haben in Upfnngton uns mit Pfirsichen unb Trauben beloben, bie bort aus einem vorn Oranjefluh genähten Boden reifen, und käme einige Stunden später an einem Schild vorbei, das schon in ber WM steht: „Boundaries, Cape Colony, South West Africa“. Die alte deutsty Grenze, jetzt bie bes Manbatsgebietes Sübwestasrikas, bas ber Subotru irischen Union überlassen würbe. <•( Nakop, bie Grenzstation, ohne Formalitäten unb ohne Uniform, » > um zu bekräftigen, was S in u t s einmal sagte: „Manbat, da-s ist v selbe wie Annexion!" Das Wort erregt noch heute die Südwest-Deutschen. 200 Grad Kälte ... 3n der Hexenküche der modernen Wissenschaft. Bon Jlles K a c z e r. Nach einem kurzen Spaziergang durch diese Hexenküche, das Laboratorium eines grohen wissenschaftlichen Institutes in Dahlem bei Berlin, führt mich der erste Assistent bes Prosessors, Dr. Springer, in sein Arbeitszimmer. „ , , Wir haben schmutzige Hänbe bekommen , sagt er lachelnb, „mochten Sie" sich waschen? Wasser ist leiber nicht ba, aber hier ist etwa; in ber Flasche, was bie Hänbe noch besser reinigt." . Er nimmt eine Thermosflasche vom Regal, gieht zuerst über seine Hänbe unb bann auch über meine. Komisches Wasser. Ich fühle es kaum. Meine Hänbe sind gar nicht nah geworben, nur auf dem Boden rollen einige Silberkllgelchen dampfend und zischend auseinander. Wie ich genauer hinsehe, ist auch der Boden nicht nah. ' , Was für ein sonderbares Wasser hoben Sie über meine Hande gegossen, Herr Doktor? Man spürt nichts, man sieht nichts, es ist weder kalt noch warm." - , „ Der Chemiker lacht laut auf: „Weder kalt noch warm? Ich kann Ihnen versichern, daß es kalt ist. Eine solche Kälte haben Sie in ihrem ganzen Leden noch nicht gespürt." „Minus 40 Grad?" frage ich erstaunt. „Mehr!" „Fünfzig?" „Noch mehr! „Hundert?" v Er winkt ab: „Noch viel mehr. Erraten werden Sie das aber nie. Wenn Sie Interesse daran haben, kann ich Ihnen die Temperatur mit einem Spiritusthermometer vormessen. Ein Ouecksilberthermometer würde hier vollkommen versagen, denn Quecksilber friert zwischen minus 40 bis minus 50 Grad. Diese Flüssigkeit, die Sie jetzt Gelegenheit hatten kennenzulernen, hat eine Kälte von bald 200 Grad. Genauer gesagt, etwas mehr als 190 Grad." „Gestatten Sie die naive Frage: So kalt und nicht gefroren? „Wenn es gefroren wäre, wäre es noch viel kälter." „Ja, was ist es dann für ein ungewöhnlicher Stoff?" „Es ist kein ungewöhnlicher Stoff. Ohne ihn könnten Sie gar nicht leben." . Ich zerbreche mir den Kops. Was soll das sein? Ohne was soll ich nicht leben können? Ich denke an Blutstoffe, Eiweiß, Plasma, Eisen, Hydrate. Der Doktor lächelt: „Strengen Sie sich nicht an. So werden Sie nie daraus kommen. Das, was Sie hier gesehen haben ist nichts anderes als flüssige Lust." Ich bin sprachlos. „Natürlich, richtige flüssige Lust. Wir verwenden sie hier bei hunderten von Vorgängen unb Versuchen. Sie ist uns säst unentbehrlich, benn wenn man etwas gründlich kühlen will, greift man nur zu dieser Thermosflasche. Da ist ja Kälte genug. Sehen Sie bitte, hier haben wir flüssigen Chlor. Das alte Laboratorium gab sich große Mühe, dieses Element slüssig herzustellen, denn es bedarf dazu großer Kältegrade. Wir sammeln einfach die Chlorgase bei diesen großen Kältegraden unb bas Chlor schlägt sich als Flüssigkeit nieber. Unb bei Hunderten von anberen Experimenten, wo man mit Eisbeuteln ober Ammoniak nicht zuwege kommt, greift man einfach zu diesem Mittel. Es ist bereits in allen größeren Laboratorien zum Hausmittel geworden, denn Lust braucht man nicht von irgendwo zu bestellen, Lust ift überall vorhanden." Jetzt werde ich erst recht neugierig. Wie kommt die Lust in die Thermosflasche? „Das ist sehr einfach, sie wird hineingefüllt. Sie wollen aber wohl wissen, wie sie flüssig wird. Genau so einfach. Wir pressen die Lust so lange bis sie schließlich zu Wasser wird." Der Doktor führt mich in den Keller, wo große Maschinen surren unb brummen. Ein Maschinist steht vor zwei Tanks unb erklärt mir sreund- Dann würde er ein zweites Mal nicht abfütlen. Ueber die Hande genössen geht es noch. Das ist ein harmloser Witz des Chemikers. In desi Poren liegt eine warme Luftschicht, die die Gefahr der Verbrennung ausschließt. Aber ein Schluck durch die Kehle, das wäre nicht zu empfehlen. Ein ganzes Leben lang schlucken wir Lust und wenn wir einmal nicht mehr schlucken, dann ist es aus mit uns. Aber diese flüssige Lust zu schlucken wäre unfehlbarer Tod. Stellen Sie sich vor, der menschliche Körper hat eine Temperatur von plus 37 Grad. 3/ zu 190, das wäre ein Unterschieb von 227 Grab. Die Revolte, bie beim Anpassen ber beiden Temperaturen entstünde, könnte kein einziges Lebewesen aushalten. Nun führt mir Dr. Springer einige kleine Experimente mit diesem Lustwasser vor. Er giesst eine Glasschale damit voll. Man sieht ^ine nierb würdige bläuliche Flüssigkeit. Aber nur im ersten Airgenblick, denn schon nach wenigen Augenblicken beginnt die volle Schale rapid abzunehmen Bald ist nur noch die Hälste da, ein Drittel. Als noch etwa ein Fünftel übrig ist, sagt Dr. Springer: „Jetzt passen Sie auf, bas ist nur noch reiner Sauerstoff." Er nimmt die brennende Zigarette aus dem Mund und hält sie an die Flüssigkeit. Die Zigarette flammt auf rote eine Fackel. Die Schale platzt. Das Sauerftosswaffer rollt rote rasend über ben Tisch "H^tTgtufelt einem in bie,er Hexenküche. Kommt bas durch die magischen Attraktionen des Chemikers? Dr. Springer zeigt lächelnd auf das Zimmerthermometer. Die Temperatur hat sich von 20 Grad auf 10 ©rod abge- kühlt. Er macht das Fenster auf. Warme Luft, diesmal nicht fluffig, strömt herein. Jetzt werden wir das Quecksilber beftrafen, weck es im Thermometer (o gefallen ist." Er nimmt von einem Regal eine Flasck)« mit Quecksilber und gießt etwas von dem dickflüssigen Metall in eine Schale. Darüber tröpfelt er etwas Luftwasser, holt eine Zange und zieht damit das stem- hart gefrorene Quecksilber heraus. r „ Ich fasse das gefrorene Metall an unb denke an die grausigen Geschichten aus dem zaristischen Rußland. Was ich jetzt vor mir habe hoben bisher nur bie zu Zwangsarbeit Verurteilten in ben sibirischen Quecksilber- Bergwerken erlebt und auch da nur an den kältesten Tagen der strengsten Winter. Da konnten sie bas Quecksilber mit ber Hacke losschlagen. Nun erklärt mir Dr. Springer die Einzelheiten über die Erzeugung der flüssigen Lust. Die Luft wird einsach aus dem Roum herausgesaugt, aus dem Keller ober wo bie Maschine gerabe steht. Natürlich muß man barauf achten, baß Fenster offen finb, sonst bekommt ber Mafchinift Atembeschwerben, ba ber Raum infolge bes starken Saugens sosort luftleerer wird. Ein Unglück könnte freilich auch dadurch nicht entstehen, denn die Fenster würden sosort platzen. Ein Vacuum, bas heißt ein luftleerer Roum kann in einem geschlossenen Zimmer mit flachen Scheiben praktisch gar nicht entstehen. Die Lust von außen würbe sofort wie eine kräftige Faust bie Scheiben einbrütfen. . o Wozu biefe flüssige Luft sonst noch verwanbt wirb? Zum Sprengen von Felsen, ©ebäuben, alten Mauern, Schornsteinen usw. Wie mm versichert wirb, ist diese Art der Sprengung viel wirksamer und gefahrloser als die Sprengung mit Ecrasit oder Dynamit. Bei Ecrasit oder Dynamit besteht die Gefahr, daß unverbrauchte Patronen Zurückbleiben, die bei den Ausräumungsarbeiten explodieren und großes Unheil anrichten können. Bei ber flüssigen Luft ist bas vollkommen ausgeschlossen, ba sie bie Tendenz hat, sich ber Atmosphäre sofort anzupaffen. Sie perbampft schon nach wenigen Sekunben und keine Spur bleibt mehr übrig... den Deitstänzern und heulenden Derwischen irgendwelcher Bekenntnisse! ihr sein, einsach sein, milden Herzens sein, heiter und gelassen bleiben Leiden und Gefahr, das Leben lieben unb ben Tob nicht furchten, lich bie ganze Anlage. „In biesem großen Tank sammeln wir die gepreßte Lust, in dem kleinen die flüssige. Die Preßluft wird in großen Eisenflaschen ausbewahrt und verschickt, die flüssige Luft in Jfolierkannen." Der Doktor läßt eine Kanne bringen unb stellt sie unter ben Hahn des kleinen Tanks. Zischend fließt die eiskalte Flüssigkeit („wir haben keinen anderen Vergleichsausdruck für diese Kälte", sagte Dr. Springer) in bie Kanne. Der Mann, der vor ber Kanne steht unb ber Chemiker werben ganz von weißem Dampf umhüllt. Als bie Kanne zugeschraubt wird, ist der Nebel im Nu verschwunden. „Das kommt von dem großen Temperaturunterschied. Hier im Keller haben wir etwa 20 Grad, der Unterschied beträgt also 210 Grad." Der Chemiker läßt die Kanne hinaus ins große Laboratorium bringen. Drei Chemiestudenten kommen mit ihren Thermosflaschen. Sie brauchen gerade etwas Lustwasser. Man steckt eine Glasröhre, die an dem einen Ende gegabelt ist, in die Kanne. Ueber die beiden Gabelenden werden Guminischläuche gezogen. Dann bläst der eine Student durch den einen Schlauch unb ber anbere hält feine Thermosflasche unter bas zweite Enbe. Im Nu ist seine Flasche gefüllt. Er kann zu feinen Apparaten gehen unb weiter arbeiten. Für biefe Leute ist ber ganze Vorgang etwas Alltägliches. Für mich ein großes Wunber. „Könnte der junge Mann nicht etwas verschlucken?" frage ich vorsichtig. „Ausgeschlossen, das läßt die Konstruktion der Pumpe nicht zu. „Unb wenn es boch einmal der Fall wäre?" rmomttii lutifilkt Snrüta das [leit figert 8t be, W .ucdfilbn- streaßn t. Erzeug« usgefoii?, muß iw nijt W luftleere beit« Ü luftleerer n prattifi te triftig Sprengt i mir w jefa|# r Spn* )ie bei $i! >n tön®1 e bie I» mpft * ! Änd, '«5.5« rennuna empfej, 1 einry 8uit j« !Wch täte ein r beibti en.“ t biefent ne mtr[, nn sch,, inehme« Sünftel nur nad) m Diimi ie gartet Den Ii|| moifön Zimm rab abgt frechen Augen durch den ganzen Wagen nach Ohren suchten. Er schrie auf „Afrikaansch", und es war oft zu hören: „Die Duitschersl" das hieß die Deutschen. _ , , „Sie haben Glück", sagte der Konsul. „Jetzt erleben Sie auch gleich am ersten Tag in Südwest etwas von der Politik. Es ist der Abgeordnete M. des Parlaments in Windhuk." Der Schweizer seufzte: „Ich wollte, die Deutfchen hätten wieder das Land. Es war anders als jetzt." ' Am nächsten Morgen war draußen noch immer dieselbe Landschaft von Steinen, Sand und Dürre. Einsame Maulesel bekrochen sie, nach Futter forschend. Einsame Berge aus nacktem Gestein standen umsprüht von dem Zauber und Rätsel des afrikanischen Lichtes. Die Flüsse und Bäche stossen von dürrem Sand, zahllos die Erde durchfurchend, stumpf auf Wolken wartend, und boten dem fremden Auge in einer hexenhaften Unheimlichkeit das Unvermögen dar, ihren Zweck zu erfüllen. Gegen Abend, als wir uns Windhuk näherten, bezog sich der Himmel mit schweren Wolken, und hinter einem Felsengebirge sah man im Sonnenuntergang sich Wunder und Segen eines schweren Regens vollziehen. Gott wird der Welt freundlicher gesinnt in diesen Landstrichen. Wohl sind nach wie vor die Flüsse trocken, aber die Steppe hat etwas von dem letzten Regen ausgenommen und läßt Grasbüschel und Laub an den Akazien grünen. Viehherden pressen sich in Kralen oder verlieren sich dem Wasser und Futter nach weit über das Land. Die Berge sind ein steinerner Zauber, blau, wie ein Märchen, entsteigen sie dem steinichten Land. Marmor, Halbedelsteine und Erze dringen aus ihnen sichtbar ins Licht des Tages. Höhlen bewahren uralt« Erzählungen — wie die Buschleute erzählen — mit Zeichnungen von Jagden, Schmausen und Tänzen, Menschen und Tieren ... Kuduhirsche und Gazellen wechseln zum Wasser, das der Farmer hinter einem Damm aufgefangen hat. Der Leopard jagt sie. Ein Löwe hat ein Rind geschlagen... Vielleicht denkt der Farmer an die weich geschwungenen, in fettem Grün prangenden Auen des Bodensees ... vielleicht aber auch an die unermeßliche Freiheit der afrikanischen Steppe. Der Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35. II. Noch zur Zeit der Abendkapelle ahnte niemand im Schulftaat, daß die Tertianer eine ganz große Angelegenheit vorhatten. Nur ein Umstand wurde allgemein beachtet, bald aber wieder vergessen. Der Große Kur- ürst nämlich schickte zu dem Mexikaner Pedro Caballero, einem Jungen I der Untertertia. (Wir nennen die unfern der Kürze halber Tertianer, obwohl es sich um Ober-Tertianer handelt. Sie waren aus allen Schulgattungen des Landes zusammengestellt; sie waren aus allen Bevolke- rungsschichten gesammelt, — Söhne ganz armer, mittel-armer klem- I bürgerlicher, wohlhabender und reicher Eltern, — und sie befanden sich I auch in mancherlei unterschiedlichen Lebensjahren. Da waren kaum B>er- I zehnjährige, wie Borst, und andere, wie Lüders, die hart an sechzehn I streiften!) Diesem Pedro nun legte man einen Zettel vor, auf den man I einen Satz wie aus der Fibel aufgeschrieben hatte. Pedro Caballero las ihn nut funkelnd-spöttischen Augen. Aber der Spott verging ihm, denn der Große Kurfürst war ihm gegenüber von einer geradezu drohenden I Höflichkeit. , ... , „ , . _ ... I „Wir möchten dich nur bitten, uns diese fünf Worte ms Spanischs I zu übersetzen! Aber richtig!" Pedro leckte die Bleistiftspitze mit der breiten mexikanisch wilden Zunge I ab und schrieb den verlangten Satz darunter. Er veränderte noch zwei 1 iirt ere . ig, ns . W aber * , auert« .: t ; aiE! (bjiwij* n Siii* batl"ir: mit |e» Draußen ist Wüste. Man versteht zunächst nicht, daß Menschen auf i vn Besitz solchen Landes eisersüchtig jein können. Trostlos ... trostlos ... Jin rötlicher Sand, den die Kalaharisteppe vom Norden herdrangt, ist Zon einem fluchenden Himmel statt mit Regen mit fauftbuten Sternen äberaossen worden. Eine Glutflut steigt von ihnen auf, bie der Zug in eine Fahrt hineinreißt und in die Abteile füllt. Selbst die Zugluft ist I cnqend wenn man den Kopf durchs Fenster steckt. Steingebirge, knö- | ■bern häufen totes Gebein der Jahrtausende auf. Ich grabe mich in die Landkarte. Ueberall find Flusse mit Namen >i ihr eingezeichnet. Wir Überqueren sie, streifen sie. Aber es schwimmt nur trockner Sand in ihnen. Einer heißt: Fischsluß. Ein anderes Sirom- □ett ist wie von unsichtbaren, erstarrten Wasserkatastrophen zu Trümmern von sandumwelltem Gestein zerspengt. .. Mer in vielen Namen treten wie zu einer Beschwörung das Gespenst nid die Sehnsucht der Gegend auf: Kalkbrunnen, Kockeiquelle, Neubrun- nen Seeheim. . Wo aber ist das Wasser, das diese Quellen, Brunnen und' Seen speist? Eine kleine Euphorbienart: Milchbüsche genannt wie mus der Erde ragende Bündel magerer grauer Finger. Niedrige Aloe- valmen mit aufgequollenen, kurzdicken Stämmen vereinen sich ab und zu zu einem schütteren, gnomenhaften Wald. Trotz der Dürre sollen sie lausend Jahre alt werden. Ein graues, beinloses Grün gespenstert aus Milchbusch und Palme über die Erdhaut aus Sand und Stein. Und immer »Dieber die vergeblichen Gräben der entleerten Betten von Bächen und Flüssen. Man nennt sie hier „Riviere", ein Wort, in Sudwest so häufig zu hören wie bei uns in der Inflationszeit das Wort: Kurse. I Wenn es regnet", sagt der deutsche Farmer an unserm Tisch, bann ,inb"sie so voll Wasser, daß sie die Bahn hier kaputtreihen. Bis zum Meer . kommen sie nie. Sie versickern und verdunsten... Aber es hat seit zwei Jahren hier nicht mehr geregnet... seit siebenhundertdrelhlg Tagen! Ein« Station: Einsam. Zwei, drei Weihe mit großen Filzhuten Eine uerreilenbe Farmersamilie. Hellhäutige Hottentotten eilen aus Hutten herbei, die wie Hausen von Lumpen und Blechstücken aussthen. Die Weiber tragen über den Kopf aufgetürmte Tücher und lange, hoch in »er Taille geschürzte Kleider, die eine Karikatur der «uropaiscyen Mode der siebziger Jahre sind. Ihre Kinder betteln am Speisewagen um Brot, lärmend balgen sie sich um jedes Stück, das hinausfliegt. Weshalb gibt man einem Schwarzen nie etwas in die Hand? Immer wird es vor ihm auf den Boden geworfen. Ein Mann steigt zu uns. Ich höre bald em Gespräch übet Rinder, bie einer in der Nahe hat. „Was fressen sie denn, wenn es zwei Jahre nicht mehr geregnet hat?" frage ich. . „Ah, sie haben genug bei mir!" antwortet er. Es wird mir erklärt, daß" kommt ein Regen, er ein rasches, wildes Wachstum von Grasbüscheln aus dem scheinbar toten Boden treibt. Das Gras trockne hier im Süden in den Büscheln zu Heu und bewahre jahrelang Nahrkrast für ine Tiere Landeinwärts gebe es auch, manchmal Akazienbusche, die gutes Worte. , ....... „So ist es besser", sagte er und, nachdem man ihm vielmals mit Blicken aus wahrhaft eiszeitlich drohenden Augen gedankt hatte, schritt er in feinem schlendernden Cowboygang davon. Doch im Rücken spurte er einen ganzen unmexikanischen Schauder. „Es nutzt mir gar nichts, daß ich der Stärkste in meiner Klasse bin. Wenn ich ein Wort nur von dieser Uebersetzung verrate, so werde ich am nächsten Frei-Nachmittag fünfzig Minuten lang hintereinander verhauen." Eine halbe Stunde später schickte bie Obertertia einen außerordentlichen Bevollmächtigten zur Unterfetunba, ber für eine wichtige und unaufschiebbare Arbeit um den Schlüssel zum chemischen Laboratorium bitten sollte. Wenn es sich um die Obertertia handelte, pflegte die Unterfetunba gern Schwierigkeiten zu machen. Denn die Untersekunda war pedantisch, korrekt, streng sachlich und gerecht. Sie tat sich auf diese Charakterelgen- schäften etwas zugute. Sie zeigte sich also bereit, den Schlussel ö^m Laboratorium herauszurücken, wenn man ihr angeben wurde, welch eine unaufschiebbare Arbeit man dort noch am Abend zu verrichten hätte. Die Tertianer zeigten wiederum dieselbe verdächtige Höflichkeit wie zuvor. „Wir wollen einen blutroten Kleister aufrühren, der uns ein- ^Die"untersekunda wußte nicht recht, ob das wörtlich ober bildlich iU verstehen war. Es war eine Antwort wie aus der Offenbarung Jo- Hannis. Mißmutig sah man sich das Gesicht des Abgesandten an. Gern ging man einem Konflikt mit der Tertia aus dem Wege wenn er nicht unbedingt nötig war. Man rückte also mit dem Schlüssel heraus, wobei man mit gerunzelter Stirne bemerkte, daß man jede Verantwortung ablehnen müsse, salls Dr. Wunder später schelten werde. Dann senkte sich Dunkelheit über das Land. Die letzten Spaziergänger und Liebhaber der Frühsommernächte wurden von den Präfekten in die Betten getrieben. Bald lag tiefe Stille über dem Haus, über dem Guts- Hof und den Aeckern unten, und über den Lehrerhäusern oben im Walde. Doch den Feinfühligen unter den Schülern war es nicht verborgen geblieben, daß irgendeine Spannung in der Luft lag und daß sie wieder einmal von der Tertia ausging. Nur war es noch ungewiß, ob sich die Explosion schon morgen oder erst in den nächsten Tagen entladen werde. Man sprach darüber, zumal in den Sälen der Untertertia. Laub hätten... ^ ... » ., a, m u t, t Man trinkt Bier. In Gibeon hält der Zug längere Zeit. Am Bahnhof ist ein Friedhof, in dem deutsche und südafrikanische Soldaten zusammenliegen. Es hat ein ernstes Gefecht hier stattgefunden, 1915. 3m Zuge sitzt, spricht, trinkt Deutscher, Bur, Engländer zusammen. Der Sand, den die fahrenden Räder aufreißen, filtert herein, gewürzt mit der trocknen Glut. Ferne Staubhosen lösen sich aus der Erde und steigen geneigt und drehend verschwedend wie spiritistische Erscheinungen. „Dustdevils nennt sie der Engländer - Staubteufel... Ab und 8u fiefct man eme kleine Herde von Springböcken davonjagen und wieder stehenbleiben und sich vorwitzig „Ich habe wieder was für Sie gefunden , sagt der ^."^^"DraÄn mich zu einem Tisch, an dem ein alter Mann bei einer Flasche „Draten- berg" einem der in Transvaal wachsenden weißen Weine, sitzt. iä iss iwu™ vtJÄS' formt hier im Süden an der Grenze der Kap-Kolome. Er 'f e,n zer, der aus St. Gallen kam. Er spricht von feiner Farms) 3um erstenmal begreife ich die für europäische Augen kaum faßbaren Ausmaße afrikanischer Farmen. Er besitzt dreihigtausend Hektar Land. Das sind neunzigtausend bayerische Tagwerk, und bei uns am Bodensee konnte man gegen fünfzigtausend Stück Großvieh darauf halten. (Sem Schwiegersohn, em hundert Stück Kleinvieh, und er löst aus dem Verkauf von Milch und Butter 1500 Mark im Monat. Davon bestreitet er die Ausgaben und Dom Rest lebt er Denn an den Verkauf von Vieh ist fetzt nicht zu denken. Bei der Dürre ist es zu mager, und in Südafrika, basber e>"ö'ge Abnehmer ist, hat es dies Jahr Regen gegeben; das V>eh ift dort fett, und XTtS’.Ä'Ä MU« -- <». fr«»». einem Mann zusammengekommen, der lange vor des Entdeckung durch den Deutschen Stauch dort von dem Vorhandensein von Diamanten wußte. Es war ein englischer Schiffskapitän, der auf der Reede bei Angra Peguena dem späteren Lüderitzbucht, ankern mußte, um einen fÄlGann an'ßanb zu bringen. Sie haben diesen mder. Sand aeieat da sie sahen daß es zum Sterben kam. Und im Todeskampf yar der Steuermann mit beiden Händen sich tief in den And verkralll un darin herumgeschlagen, bis man ihm die Hande '" die Taschen tmang um ihnen Rübe xu geben. Als man ihn nachher zum Begräbnis ricyie und aus oa fand' man in den Taschen Dianmantem Der Kapllan wall nach London fahren, um Kapital aufzutreiben, und ^t dem Farmer Anteile angeboten. Aber der hat sein Gluck nicht zu nutzen verstanden u muß nun bis zum Verrecken im Sande Kühe Ssshen, wie er sich aus drückte, indem er [eine erste Flasche Wem leerte un z entstanden Es war in dem kleinen Speisewagen em großer Krach entstanden, der unser Gespräch störte. Eine rostige tnattenge roanbte Rucken überschrie den Lärm des 3uges trnmer Pn0“ernn^re•ti[^.d,lä™^°tl)e mich um und sah einen abgemngerten alleren Mann, pathet ch armend, in eine Gruppe von Sitzenden hineinschreien, wahrend zugleich sei I gfrj * te 'M Als alle schon im ersten Schlaf lagen, richtete Pedro Caballero sich in seinem Bette aus und rief prophetisch: „Es geht noch heute nacht los!" Die Schüler grunzten ihm eine Antwort entgegen, die Zweifel ausdrücken sollte. Dann wurde eine Zeitlang alles still. Doch etwas später richtete der eine oder der andere sich wieder halb in seinem Bette auf. Sie hörten unten im Gutshof ein Motorrad, das auf der Straße nach Maineweh davonsuhr. Einige Obertertianer und viele Sekundaner hatten Motorräder, und die Primaner, diese göttergleichen Heroen auf Erden, hatten sogar Miniatur-Autos, ebenso Alexander Kirchholtes, der Präfekt der Obersekunda. Aber da ihre Phantasie nun einmal rege geworden war, so glaubten die Halbschläser der Untertertia, daß sie jetzt Repperts schwere Maschine hörten. -In der Tat, Reppert und Borst hatten sich aus dem Schlafsaal davongeschlichen. Nun sausten sie mit fünfzig Kilometer Geschwindigkeit in der Nacht davon. Sie hatten ihren Beiwagen neben sich, der mit geheimnisvoller Fracht beladen war: geschlossene Eimer, zentnerschwer, gefüllt mit blutroter Farbe, die einen Geruch verbreitete, als jage da ein gespenstiges Heer von Malern durch die Nacht. Borst saß auf dem Sattel hinten. Er hielt den starken, schlanken Leib des Jungen vor ihm umklammert. Er war jeden Augenblick in Gefahr, herunterzupurzeln, so schnell ging die Fahrt, so holprig war die Landstraße, so schwach waren seine Arme und — das Schlimmste von allem — so elend fürchtete er sich. Er machte überhaupt da in der windigen Juninacht hinter Repperts Rücken ein ganz kläglich-verdutztes und zergrübeltes Gesicht. Durchaus nämlich konnte er nicht begreifen, weshalb man gerade ihn unter fünfundzwanzig Tertianern zu diesem nächtlichen Patrouillenritt mit zinnoberroter Farbe auserwählt hatte. Nicht, daß er es nicht wunderschön gefunden hätte, aber das Wunderschöne trat doch nicht in jedem Augenblick dieser Fahrt in Erscheinung. Bon zwanzig Minuten fürchtete er sich mindestens neunzehn entsetzlich. Er war der Kleinste von allen, der Jüngste, der Schwächste und der Ungeschickteste von allen, und, was beinahe das Schlimmste war, er befand sich nicht länger als ein halbes Jahr im Schulstaat. Er bekam deshalb auch stets die lächerlichsten Aufgaben zugewiesen, wie zum Beispiel heute nachmittag: Posten stehen, während alle andern schliefen! Im allgemeinen konnte Borst sich nicht beklagen. Man verachtete ihn keineswegs, obwohl man es doch beobachten konnte, daß er gern vor jedem Regenwurm davongelaufen wäre. Man sah nur so über ihn hinweg. Einige nannten ihn „Kleiner", wenn überhaupt sie ihn irgendwie nannten. Es klang nicht zärtlich, — oh, durchaus nicht! — aber Borst hätte doch manchmal geradezu meinen mögen, wenn er das Wort hörte. Er war ja nun einmal der Kleinste, da war es doch schön, daß man ihn so nanüte. Borst biß die Zähne zusammen. Er hatte fürchterliche Schmerzen körperlicher Art zu all seiner Angst und Not zu erleiden. Es war ihm nämlich von Reppert, als ob dies die selbstverständlichste Sache in Welt sei, ein ausgebogenes Holzstück auf die Schultern gebunden worden, mit zwei starren Hebeln rechts und links, an denen wiederum je ein kleiner geschlossener Eimer voll Farbe hing. Das Ganze war ein verrostetes und verbogenes Gerät, wie sie es im vergangenen Winter benutzt hakten, als sie den Schwimmteich ausgegraben und einen Teil des schwarzen Moores in solchen Eimern zu einer Kute hingetragen hatten, die aufgefüllt werden sollte. Das harte Holz auf den Schultern preßte den kleinen Borst wie ein Gummimännchen zusammen, er sah auf dem geisterhaften Motorrad, als habe er furchtbare Leibfchmerzen. Zudem rann ihm feuchte Farbe, die des abends^noch im Laboratorium her- gestellt worden war, wie dunkel schimmerndes Blut an den nackten Beinen hernieder. Obwohl er doch ganz genau wußte, daß es eben nur zinnoberrote Farbe war, so konnte er sich von dem Gedanken nicht befreien, daß er auf dieser Motorradtour nach Maineweh langsam verblute. Er schielte herunter, er sah in dem dahinströmenden Rot den Vorboten furchtbarer Ereignisse. Er hätte etwas darum gegeben, wenn Herr Falk heute nachmittag nicht in das Lager gekommen wäre und wenn er weiterhin solch lächerlich beruhigende Posten hätte bekleiden dürfen wie den, die Faulheit der Tertia im Walde zu bewachen. Dann aber fiel ihm etwas ein: der kleine Pudel-Schnauzer, der ihm immer so freundlich zu folgen pflegte, obwohl er gar nicht Borst allein gehörte, sondern der ganzen Klasse. „Du mußt nicht immer so tun, als ob Josua dir allein gehört!" hatte ihm einmal warnend einer von der Bande gesagt. „Du halt nur einen sechsundzwanzigstel Anteil an Josua!" Borst aber dachte in diesem Augenblick an den ganzen, unteilbaren und einigen Hund Josua, dessen Leben bedroht war, wie das Leben aller Hunde und Katzen im Lande ringsum. Und plötzlich hatte er keine Schmerzen und auch keine Aengste mehr. Dennoch sehnte Borst sich danach, daß Reppert ein einziges ausmunterndes Wort zu ihm sprechen möge, das hätte ihm die Not gelindert. Aber er wußte es, daß er hier, wie immer, ganz auf sich selber gestellt war. Es würde Reppert gar nicht im Traume einfallen, Ermahnungen von sich zu geben, wie zum Beispiel: „Halte dich ja gut fest, daß du nicht herunterfällst!" oder tröstende Fragen: „Tut es dir weh?" Wenn er eben das Unglück hätte, herunterzufallen, so würde Reppert auch kein großes Aufhebens davon machen. Waren Reppert und Borst zwei Jungen gewesen, die zehn Jahre früher gelebt hätten, wären sie vor zehn Jahren diese Landstraße hier entlang gesaust, so hätte Reppert ihm Ermahnungen, vielleicht auch Tröstungen zu teil werden lassen. Aber das konnte Borst nicht wissen: wie in den letzten Jahren der Menschheit die Furcht abhanden gekommen war; sie hatte keine Todes- und keine Unsallsfurcht mehr, diese Menschheit, — die Alten kaum noch und die Jungen schon gar nicht mehr. Vorst umklammerte feine Eisenstangen, an denen die Töpfe hinge« und Repeprts Rücken, dessen Wirbelsäule wie die Wirbelsäule eines zum Sprung ansetzenden Raubtieres erzitterte. Reppert kämpfte mit den Hindernissen einer nächtlichen Straße, die durch Wälder und Dörfer, übet Brücken und Bahngeleise, bergauf und bergab führt. Und et kämpfte auch seinen stillen Kampf mit der Angst des Burschen dort hinter ihm, der sich ungeschickt an ihm festhielt und die Eimer schwappen Netz. Eine« Jungen wie Reppert konnte man in der ganzen Welt suchen, nirgendwo anders als in Deutschland würde man ihn finden! Er wollte nämllch alles organisieren. Jeder Raubzug in der Nacht, jeder Sport, jede Euh deckungsfahrt, jede Schnitzeljagd oder friedliche Aufstöberung eines Fuch» baues, — alles mußte organisiert werden. Sogar der Kleine dort hinter ihm sollte organisiert werden. Reppert fand, daß Borsts Kräfte bisher für die Tertia brach gelegen hätten, er wollte zusehen, was man am ihm herausziehen könne, und deshalb hatte er ihn, den Untauglichste« von allen, zu dieser Fahrt auserwählt. Während er nach Maineweh fuhr, war dies sein einziger Gedanke: „3n Zukunft muß das alles besser organisiert werden." Kurz vor Maineweh machte er halt. Er leuchtete das Kartoffelfeld zur Linken ab. Er suchte einen Weg durch die Aecker. Sein Lichtstrahl fiel auf ein trübseliges Haus, auf das herzbeklemmende erste Haus einer Stadt, ein verfallenes, einstöckiges Mietshaus. Die Radlampe beleuchtete die fensterlose, schwarze Rückwand, die öde war wie die Welt vor dem ersten Schöpfungstage. Dorthin leitete Rep- pert sein Gefährt, während er laut und heftig mit seiner Hupe Zeichen gab. Alsbald flammte in einem Fenster zur Seite ein winziges Licht auf, das nur mühselig gegen das Dunkel des Hauses ankämpfte. Reppert drehte sich um. „Hast du Farbe verschüttet?" Borst war gar nicht mehr imstande, eine vernünftige Antwort zu geben. Er glitt halb besinnungslos von seinem Sitz herab und ließ das Holz von feinen Schultern fallen, wohin es immer mochte. Reppert sah sich kopfschüttelnd Borsts blutigrote Beine an, und dann prüfte er, was noch an Farbe in Borsts Eimern übriggeblieben wäre. „Du hast unfern Weg verraten", sagte er, — übrigens ohne Strenge. Er fügte hinzu: „Das nächste Mal werden wir das besser organisieren!" Da er noch warten mußte, so schien er zu einem Gespräch mit dem keuchend im Kartoffelfeld hockenden Borst geneigt zu sein. „Es muß nämlich im Verlauf der nächsten Tage nach der Arbeitsstunde noch dreimal soviel Farbe herbeigeschafft werden", sagte er und nun erst zog er die Stirn in strenge Falten. „Herr Falk darf keine in der Stadt kaufen. Herr Falk darf sich Überhaupt nicht bloßstellen. Das könnte ihm seinen Posten kosten ... Diese Schufte!" Das Letzte war eine freundliche Anrede nach der Richtung der Stadt hin. Jetzt hörten sie den Schritt gedämpfter Holzpantinen. Reppert ging voraus. „Guten Abend, Herr Falk. Wir müßen schnell machen, denn dec Kleine da muß ins Bett. Wieviel Uhr ist es?" „Halb zwölf." „Also dann bitte los!" III. Die Tertia hatte eine der großartigsten Erfindungen gemacht, die je in den Gehirnen von Knaben entstanden war. Um sich Straffreiheit für ihre Verbrechen zu erwirken, zeigte sie sich musterhast in den Unter- rcchtsstunden. Schläfrig blinzelnd hatte der Große Kurfürst den Grundsatz ausgestellt: „Man muß arbeiten!" Reppert hatte diesen Gedanken sofort zum Gesetz erhoben. Er entwarf einen Arbeitsplan für die ganze Klasse. Er organisierte den Schutz der Schwachen. Wer in irgendeinem Fache bewandert war, hatte die Verpflichtung, den Zurückgebliebenen Nachhilseunkerricht zu erteilen. Die Begabten, die nur während eines Bruchteils der Arbeitsstunde mit ihren Aufgaben beschäftigt waren, hatten die Pflicht, sich denjenigen sogleich zur Verfügung zu stellen, die ihre Studien noch nicht beendigt hatten. Jedermann gab mit Strenge darauf acht, daß keiner zurückblieb. Man hielt wöchentlich eine Volksversammlung ab, an der ein jeder teilzunehmen hatte. Es war eine Zusammenkunft, bei welcher die Schüler, als seien sie ihre eigenen Lehrer, über sich selbst berieten. Sie stellten ihre eigenen Fehler fest. Beispielsweise trat einer hervor und sagte: „Ich habe nichts kapiert, was Br. Wunder von der Jonentheorie erklärt hat! Wer kann mir helfen? Oder: „Ich habe geschlafen, als von Opitz die Rede war! In welchem Buch kann ich das nachlesen?" All dies geschah nicht aus Freude an der Tugend des Studiums, lon- dern aus ungezügelter Herrschsucht. Sie wollten die ersten im Schul- staate sein und eine fast unbeschränkte Macht und Wirksamkeit in den Freistunden ausüben. Am Morgen nach der nächtlichen Motorfahrt verbreitete sich im Erziehungsheim das Gerücht, daß einige Jungens der Obertertia — man nannte sechs oder sieben —, in der Nacht ausgebrochen und erst gegen Morgen in das Schulheim zurückgekehrt seien: Mr. Graig, der englische Lehrer, sprach während der Unterrichtsstunden in der Obertertia in der ihhs eigentümlichen gewundenen Art von gewissen Schülern einer gewissen Klasse dieses stolzen Schulstaates, die mit übermüdeten Gesichtern und vor Schlaslosigkeit schweren Gliedern zu den Unterrichtsstunden kämen. Ruhelos ließ er seine wasserblauen Augen nach oben schweifen, obwohl sie an den Wänden und an der Zimmerdecke ebensowenig einen festen Punkt der Betrachtung sanden wie in den Gesichtern der Knaben Mr. Graig schloß seine Ausführungen mit kleinen Fußstößen gegen die „Leitung", indem er etwas von den verbrecherischen, ewig straflos einhergehenden Lieblingen dieser Anstalt in seinen blonden George-V.-VoU- bart hineinmurmelte. (Fortsetzung folgt.) Derantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Derlag: llSrühl'jche HniDerlität^'Sucfc- und Steindruckerei. R. Lange, Gießem