GießenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Irhrgang <931 Freitag, den 6. Marz Nummer 19 Volksweise. Don Leo Sternberg. Der Schnee ist geschmolzen — und bist mir noch treu. Die Buchfinken fliegen mit Hälmchen von Heu. Der Klang deiner Stimm« wird welcher inr März. Ein Jahr ist vergangen — neu schmilzt dir mein Herz. Lang drückte mein Schatten sich mit mir umher. Nun mag er mich suchen: die Wege sind leer. Im Goldstaub der Hasel geherzt du, gehegt ... — 0, daß mir der Falke mein Böglein nicht schlägt! Hangen und Bangen. Eine Seegeschichte von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski. (Nachdruck verboten.) Der junge Marineoffizier mit rötlichem Haar und stahlgrauen Augen trug noch kein Jahr die Epauletten, hatte noch kein Gefecht mitgcmacht, und doch prangte an seiner Brust schon ein Orden, der ebensoviel gilt wie die höchsten Kriegsauszeichnungen: die Rettungsmedaille. Auf die Frage des Hausherrn erzählte er seine Tat mit dem Freimut eines Mannes, der eine wackere Tat vollbracht hat, militärisch kurz und schlicht, mit einem leichten Einschlag von Humor, ohne Prahlerei, aber auch ohne affektierte Bescheidenheit. Die Anwesenden hörten hinter seinen Worten das dunkle nordische Meer aufrauschen, suhlten sich von herbem Salzhauch umweht, genossen diese Erzählung mit Spannung und Gruseln Sein Schiss, ein kleiner Kreuzer, war abends spät aus der Heimfahrt von einer Hochseeübung, und er stand träumend an der Reling, als der Schreckensruf „Mann über Bord!" ihn elektrisierte. Ohne sich zu besinnen, wie von einem inneren Kommando getrieben, war er nachgesprungen. Aber es hatte lange gewährt, bis das Sch.ff stoppte und achtern lief, bis der Scheinwerfer ihn und den schon bewußtlosen Matrosen in sein Lichtnetz einsing und das Rettungsboot beide im letzten Moment aus der Dünung ausftfchte. Er hatte sich schon für verloren gehalten. „Aber komisch", sagte er, „der einzige Gedanke, der mir noch ausschoß, war das Bedauern, daß ich meinen letzten Schmöker, einen Reiseroman, nun nicht zu Ende lesen könnte und das Ende nicht mehr erfahren würde." Lachen und Bravorufe mischten sich bei diesen letzten Worten des jungen Offiziers, und der Hausherr sagte, ihm die Hand drückend: „Dies Lachen wird Ihnen gewiß mehr Spaß machen als der Beisall von Leuten, die selbst nur zusehen, wenn einer ins Wasser fällt. Ich habe so etwas auch mal erlebt; allerdings hätte das Nachspringen in diesem Falle nicht genützt. Sie als Marineoffizier werden das ja am besten beurteilen können — wenn Sie soviel Zeit haben, die Geschichte mit anzuhören. Sie spielte allerdings nicht im nächtlichen Dunkel der Nordsee, sondern am hellen lichten Tage im griechischen Archipel." Der junge Offizier nickte mit höflicher Berbeugung, und der Hausherr, ein älterer Mann, der weit in der Welt herumgekommen war, begann: „Wir hatten die französischen Ausgrabungen auf Delos besucht, die berühmte sagenhafte Geburtsstätte des Apollo und der Diana im Acgäi- fchcn Meer, jetzt ein ödes Felseneiland, das der Berg Kythnos wie ein großer grauer Maulwurfshaufen überragt. Damals, im Frühjahr, wucherte roter Mohn und gelbe Arnika, grüne Reseda und indigofarbenes Gurkenkraut darüber hin, aber der heilige See war nur noch eine grüne Sumpflache, und statt der leuchtenden Tempel und Marmorhallen sah man nur Trümmer und ein einziges unzerstörtes, weißleuchtendes Haus: das kleine Museum, die Beinkammer antiken Lebens, mit der Wohnung des alten Kustoden, der oft monatelang auf dieser wüsten Insel hauste wie ein zweiter Robinson. So benutzte er gern die Gelegenheit, als wir Delos verließen, um im Schlepptau unseres Dampfers in seinem Segelboot — selbstredend gerefft — in ein paar Stunden nach i der volkreichen Insel Mykonos zu fahren und wieder mal unter Menschen zu sein. Es war eine herrliche Fahrt durch die blaue Flut, aus der bisweilen Delphine hervorsprangen, zwischen der Jnselflur der Kykladen, deren edel geformte. Felsprofile in verschiedener Ferne, teils sich überschneidend wie Theaterkulissen, im blauen Duft auf uns zuschwammen. Wir saßen auf Deck in bequemen Strohstühlen oder lagen auf Klappstühlen, sahen rechts weitab das gewaltige Naxos vorllberziehen, links in größerer Nähe das langgestreckte Tenedos auftauchen und im Borbllck Mykonos mit feinen Hellen Häusern und dunklen Olivenhainen, dukch die klare Luft meilenweit erkennbar, immer größer emporwachsen. Rückwärts war das Inselchen Delos schon winzig klein, so klein wie die Nußschale von Schiff, die im Kielwasser unseres Dampfers hinter uns hertanzte und tief in den Logenschaum der Schiffsschraube eintauchte. Die beiden Männer darin, der alte Wächter und sein rüstiger Sohn, wurden von diesem künstlichen Seegang kräftig geschüttelt, während wir in rascher, ruhiger Fahrt durch das spiegelglatte, blaue Meer schnitten. Der Genuß wäre vollkommen gewesen, hätten nicht ein paar Reise- genossen sich wieder bemüht, ihn zu verderben. Ein Philologe deklamierte und erklärte die berühmte Horaz-Ode auf das römische Staatsschisf ... Und eine hysterische Dame, die uns schon oft durch alberne Fragen und Ausrufe zur Verzweiflung gebracht hatte, rief mit schriller Fistelstimme dazwischen: .Gott, das ist hier so schön, daß man nur Goethe oder Wilhelm Busch zitieren sollte! Plötzlich ertönte noch ein anderer Ruf; ein Menschenschwarm lief am Heck zusammen, beugte sich über die Reling und schrie durcheinander. Auch wir stürzten hin und sahen — wohl schon hundert Fuß hinter uns — das gekenterte Segelboot im Kielwasser schwimmen und zwei Manner sich an den Kiel klammern. Das Boot war der Schraube zu nahegekommen und umgeschlagen, und, um das Unglück vollzumachen, war auch das Schlepptau gerissen. Es zuckte wohl manchem in den Beinen, hinterherzuspringen und den Alten zu retten, aber sofort sagte man sich: Hier hilft nur ein Boot! ,Gin Boot runter!' klang's aus zehn Kehlen. Endlich verlangsamte der Dampfer seine Fahrt. Die griechischen Matrosen stürzten nach einem Rettungsboote und knoteten an den Stricken herum, während andere sich hmeinskhwangen und die Ruder ergriffen. Das alles währte wahrscheinlich nur eine Minute, doch es kam uns wie eine Stunde vor Der Dampfer hatte inzwischen gestoppt, und das Boot schoß an seinen kreischenden Taljen ins Wasser hinab, klatschte auf und war im Nu vollgelaufen. Es waren aufgeregte griechische Handelsfahrer. Zum Glück hing das Book noch in den Tauen; sonst hätte die Rettungsaktion bei ihm anfangen müssen. Mit starkem Ruck wurde es noch eben über Wasser gehoben und sestgemacht; dann stürzten die Matrosen an Steuerbord und machten das andere Boot flott, indes die Fahrgäste wild durcheinander liefen. Die einen folgten mit fiebernder Unruhe dem Losknoten, Herablassen und Abstoßen des Bootes; andere liefen zum Heck und starrten dem Segelboot nach, das nur noch ein kleiner brauner Punkt in dem Kielwasser war ... War es schon zu spät? Hatte der Alte schon die Kräfte verloren und war untergegangen, bevor das Rettungsboot endlich nahte? Das waren furchtbare Augenblicke menschlicher Hilflosigkeit und Angst, bei manchen wohl auch gemischt mit geheimer Scham und Selbstvorwürfen, nicht doch hinterdrein gesprungen zu sein, auf die Gefahr hin, zu ertrinken, ohne dem Alten zu helfen, nur um sein eigenes Gewissen zu retten. Doch das Schlimmste war die hysterische Dame. Sie schrie und jammerte mit verstörter Miene und krampfhaften Reflexbewegungen Dann rief sie nach ihrem Gatten: „Adolf! Adolf! Bist du auch nicht nachge- sprungen?" Umsonst versicherte man ihr, er sei noch an Bord. Sie glaubte es erst, als ein Herr ihn aus seiner Kabine heraufholte, um ihr den Mund zu stopfen. Es war ein würdiger Professor in reiferen Jahren, der gewiß keinen Rettermut aufgebracht hätte. Doch damit in diesen Minuten des Schreckens auch die Komik nicht fehlte, warf sie sich ihm schluchzend an den Hals wie einem Geretteten ... Derweil hatte das zweite Boot die Riemen eingelegt und fuhr auf die Gekenterten zu, so schnell es vermochte. Alle unsere bangen Blicke ruhten aus ihm, wie um es zu beflügeln, es noch schneller vorwärts zu treiben. Der Dampfer fuhr jetzt mit Volldampf rückwärts und näherte sich der Stelle des Unglücks. Die Barke flog dahin; noch zehn Meter. Endlich war das Segelboot erreicht. Ein Herr, der ein Fernglas vor Augen hatte, rief: .Sie haben den einen — sie haben beide!' Alles atmete auf. Der angstvollen Stille, die nur das Gekreisch der hysterischen Dame unterbrochen hatte, folgte lauter Applaus. Man hatte sich bisher geduckt, sich in sich zusammengekrochen; jetzt drehte man sich freudig dem Nachbar zu, als wollte man ihm die Hand fchüttcln, ihm gratulieren. Das Rettungsboot wurde mit Jubel empfangen. Der Sohn des Wächters stand frohgemut in feinen triefenden Kleidern da; aber Eine Frage nun für den Psychologen: was lichen Zettel: letzte herrliche Geste eines Kiinstlers, der die Furcht Deich- siegt, indem er sie belauscht, die Freude, und sind diese Notizen nur ein Nebenbei, gleichsam genuß des zu rasch verrauschten Gesellschaftsspiels? Oder geh: geht er in bi und sinnlose Leben eines Snobs fünfzehn Jahre lang bloß aus innerer Freude, und Nnd biete Notizen nur ein Nebenbei, gleichsam ein Nack Eine Frage nun für den Psychologen: was ist hier das Primäre? letzte Bewegung ist Beobachtung Auf dem Nachttisch des To en w Führt Marcel Proust der Lebensunfähige und Kranke, dieses läppische schmutzt von umgesturzten Medizmen, findet man emensolch halbjestr Bloh ein einziger, kleiner Zug unterscheidet ihn von den andern. Jeden Abend, wenn er nach Hause kommt und sich ins Bett legt, unfähig zu schlafen, schreibt er Zettel aus Zettel voll mit Notizen über das, was er beobachtet, gesehen und gehört. Allmählich werden diese Aufzeichnungen ganze Stöße, die er in großen Mappen bewahrt ganz wie Saint Simon, scheinbar ein flacher Höfling am Hose des Königs, heimlich aber Darsteller und Richter einer ganzen Epoche, so verzeichnet jeden Abend Marcel Proust all das Nichtige und Flüchtige des „tout Pans , um vielleicht einmal das Ephemere ins Dauerhafte zu gestalten. Marcel prousts tragischer Lebenslauf. Von Stefan Zweig. Er ist geboren um den Ausgang des Krieges, am 10. Juli 1871.in I Paris Sohn eines berühmten Arztes, einer reichen Bucgersfamilie. Aber weder die Kunst des Vaters, noch feine Millionen vermögen ihm die Kindheit zu retten: mit neun Jahren hört der kleine Marcel für immer auf gesund zu fein. Zurückkehrend von einem Spaziergang m Bois de Boulogne überfällt ihn ein asthmatischer Krampf und diese suichterlichen I Anfälle zerpressen ihm die Brust ein Leben lang bis zum letzten Atem- I zuqe. Fast alles bleibt ihm feit feinem neunten Jahre verboten. Reisen muntere Spiele, Beweglichkeit, Uebermut, kurz alles, was man Kindheit nennt. So wird er früh schon Beobachter, feinfühlig, zartnervig, leicht I irritiert, ein Wesen von unerhörter Reizbarkeit der Nerven und Sinne. ! Er liebt leidenschaftlich die Landschaft, aber nur selten darf er sie sehen und niemals im Frühling: da sticht der feine Staub der Poren, die Schwüle und Trächtigkeit der Natur zu schmerzhaft in die zu zarten Sinne Er liebt leidenschaftlich Blumen: aber er darf ihnen nicht nahen. Ein Besuch in einem Salon, wo Buketts auf einem Tische stehen, wirft ihn für Tage ins Bett zurück. So fährt er manchmal in verscylosfenem Wagen hinaus, um hinter gläfernen Fenstern, die geliebten Farben, die atmenden Kelche zu sehen. Und er nimmt Bücher, Bucher, um von Reifen zu lefen, von den ihm nie erreichbaren Landschaften. Einmal kommt er bis nach Venedig, ein paarmal ans Meer: aber lebe der Reifen kostet ihn zuviel Kraft. So schließt er sich fast vollkommen ein in Pans. Um so delikater wird seine Wahrnehmung alles Menschlichen. Der Stimmsall eines Gespräches, die Agraffe im Haar einer Frau, die Art, wie jemand sich an einen Tisch setzt und davon aufsteht, haken sich mit I unvergleich'icher Festigkeit in seinem Gedächtnis fest. Das mintiofcfte Detail fängt fein immer waches Auge zwischen zwei Wimperschlagen em, alle Wendungen und Stockungen eines Gespräches bleiben ihm unverstelU im Ohr. So kann er dann in feinem Roman später einmal das Gespräch des Grafen Rorpois auf hundertfünfzig Seiten festhalten und es fehlt kein Atemzug darin, kein Zögern und kein Uebergang. Urfprünglich haben ihn die Eltern zum Studium und zur Diplomatie bestimmt, aber an feiner schwachen Gesundheit scheitern alle Vorsatze. Schließlich, es eilt nicht, die Eltern find reich, die Mutter vergöttert ihn — jo verschleudert er seine Jahre in Salons, führt bis zu feinem fünf- unddreißigften Jahre eigentlich das finnlofefte Schlenderleben das je em großer Künstler geführt. Durch fünfzehn Jahre kann man Nacht für Nacht unverweigerlich in jedem Salon, ja selbst in den sonst unzugänglichsten, diesen zarten, scheuen, immer in Hochachtung vor allem Mondänen erschauernden jungen Menschen amüsiert ober gelangweilt finden. UeberaU lehnt er in einer Ecke, duckt er sich in ein Gespräch und seltsamerweise duldet auch die hohe Aristokratie des Faubourg Saint Germain den namenlosen Eindringling: dies ist eigentlich für ihn fein höchster Triumph. Denn äußerlich hat der junge Marcel Proust keinerlei Qualitäten. Auch sein literarisches Gepäck legitimiert ihn nicht, sein kleines Bändchen „Les plaisirs et les jeux", hat trotz einer Gefälligkeitsvorrede von Anatole France weder Gewicht und Erfolg. Berühmt ist er einzig im Hotel Ritz, und zwar durch feine Einladungen und feine phantastischen Trinkgelder. Seine eigenen Einladungen sind von kulinarischer Erlesenheit: aus den verschiedensten Geschäften der Stadt läßt er alle Spezialitäten zusammenholen, die Trauben von einem Geschäft der rive gauche, die Poulards aus dein Earlton, die Prnneurs eigens von Nizza sich senden. Jedem Gaste ladet er noch diejenigen Personen außerdem ein, die jener zu sehen, die er kennen zu lernen wünscht, bindet und verpflichtet die Menschen dermaßen ununterbrochen durch Artigkeit und Gefälligkeiten, ohne jemals selbst eine zu Fünfzehn Jahre lang führt fo ein hoher Geist, einer der stärksten Gestalter unserer Epoche, ein derart sinnloses Leben tagsüber ein Kranker, im Bette liegend, abends tm Frack von Gesellschaft zu Gesellschaft eilend, seine Zeit vertrödelnd mit Einladungen und 'Briefen und Veranstaltungen, der überflüjfigfte Mensch in diesem täglichen Tanz der Eitelkeiten, überall gern gesehen, nirgends wahrhaft bemerkt, eigentlich nur ein Frack und eine weiße Binde zwischen andern Fräcken und weißen Binden. Grelles i Salons einzig wie ein Chemiker ins Laboratorium, wie ein Botaniker lebensgierigen Greifes , Lwions nnz'g ^Unauffällig Material zusammenzucaffen für ein grobes einmaliges Werk. — Wahrscheinlich war beides in ihm so genial, Jo magisch gemengt, daß niemals die reine Natur des Künstlers In ihm »um Austrag gekommen wäre, hätte nicht das Schicksal harter Hand ihn plötzlich aus der lässigen Spielwelt der Konversation gerissen und tn die verhangene, nur von innerem Lichte manchmal erhellte Sphäre der °^Denn^p"tzücht°änbert sich die Szene. 1903 stirbt seine Mutter und kurz darauf stellten die Aerzte die Unheilbarkeit fernes Leidens fest, das sich immer mehr verstärkt. Mit einem Äuck reißt letzt Marcel Proust fein Leben herum. Hermetisch schließt er sich ein in seine Klause am Boulevard Haußmann, über Nacht wirb aus dem gelangweilten Flaneur und Faulenzer der erbittertste pausenloserste Arbeiter, den unsere neue Literatur kennt. Heber Nacht wirst er sich herum von zerstreuender Gesellig. feit in die aUereinfamfte Einsamkeit. Tragisches Bild dieses großen Dichters: immer liegt er im Bett, den ganzen Tag, immer ist ihm mit, immer friert fein magerer, ausge- hufteter, von Krämpfen geschüttelter Körper. Er hat im Bett dre, Hemden auseinander an, dicke Handschuhe an den Händen, und friert doch und friert, im Kamin brennt Feuer, nie wird das Fenster geöffnet, denn schon die paar erbärmlichen Kastanienbäume mitten im Asphalt tuen ihm weh mit ihrem schwachen Geruch (den keine andere irdische Brust in Paris fühlt als die feine). Wie ein Kadaver verkrümmt liegt er immer, immer im Bett, atmet mühsam die dicke, überfüllte, von Medizinen vergiftete Luft. Erst spät abends rasst er sich auf, ein bißchen Licht, ein bißchen Glanz, ein paar aristokratische Gesichter zu sehen. Der Diener zwangt ihm den Frack an, schlägt ihn ein in Tücher, und hüllt Jemen dreimal umkleideten Körper (selbst im Frühjahr) in Pelze. So fahrt er ins Ritz, um mit ein paar Menschen zu sprechen, gierig, funkelndes Leben zu sehen. Vor der Tür wartet sein Fiaker, wartet die ganze Nacht und führt bann ben Todmüden wieder ins Bett zurück. In Gesellschaft g ht Marcel Proust nicht mehr, ober doch, ein einziges Mal noch: er braucht für seinen Roman das Detail der Haltung eines vornehmen 2lriftotratcn, roic er ein Zimmer betritt. So schleppt er sich, alles staunt, noch einmal in einen Salon, um ben Herzog von Sagan zu beobachten, wie er sein Monokel trägt. Und einmal nachts fährt er hin zu einer berühmten Kokotte sie zu fragen, ob sch ben Hut noch habe, den sie vor zwanzig Jahren getragen, er brauche ihn für die Beschreibung der Odette. Und ift dann ganz enttäuscht zu hören, wie sie ihn auslacht, sie habe ihn langst ihrem Dienstmädchen geschenkt. , . . _ Aus dem Ritz bringt den Erschöpften der Wagen nach Hause. Der Diener hüllt ihn ein, führt ihn ins Bett. Und dort, das Tablett flach vor sich hingehalten, schreibt er an seinem weitmaschigen Roman „ah recherche du temps perdu“, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zwanzig Dossiers sind schon dick gefüllt mit Entwürfen die Sesstl und Tische vor feinem Bett selbst an gehäuft mit Zetteln und ^jern. Manch- mal besucht ihn ein Freund; gierig fragt er ihn aus um alle Details der I Gesellschaft, tastet mit allen Fühlern der Neugier noch hinüber in bie ver- lorene, mondäne Welt. Wie Jagdhunde hetzt er feine Freunde herum um über diese und jene Persönlichkeit bis auf das kleinste informiert ju fein und alles, was man ihm zubringt, notiert er mit nervöser Gier. Und bas Fieber zehrt immer heißer an ihm, immer mehr verfallt und vergeht dieses arme fiebernde Stück Mensch Marcel Proust, immer mehr weitert sich und wächst das groß gestaltete Werk, der Roman, oder viel- mehr die Romanreihe „a la recherche du temps perdu 1905 ist das Werk begonnen, 1912 hält er es für vollendet. Nun quält ihn die Frage nach dem Erscheinen. Marcel Proust, der Vierzigjährige, ist I vollkommen unbekannt, nein, ärger noch als unbekannt das heißt, er Hai im literarischen Sinn einen schlechten Rus: Marcel Proust das ist ja der Snob aus den Salons, das mondäne Schriftstellerchen. Auf ger ab ein I Wege hat er also nichts zu hassen. So versuchten Freunde aus gesell- schastlichcm Wege das Erscheinen zu ermöglichen, em hoher Ar.stokral ladet AndrL Gide zu sich, den Leiter der „Ncuvelle Revue Frangaise . und übergibt ihm das Manuskript. Aber die „Nouvelle Revue Frangaise I (ebendieselbe, die dann Hunderttausende Franken an diesem Werk ver- dient) weist ihn glatt zurück, eben der „Mercure de France und Ollen- darf. Endlich findet sich ein neuer mutiger Verleger, der es wagen will, aber doch dauert es noch zwei Jahre, bis 1913, ehe ebr erste Band des großen Werkes erscheint. Und gerade wie der Erfolg die Fluge! fpreizen will, kommt der Krieg und schlägt ihm die Schwingen nieder. Nach dem Kriege, als fast schon fünf Bände erschienen sind beginnt Frankreick,, beginnt Europa dieses eigenartigste epische Werk unserer I Zeit zu bemerken. Aber was der Ruhm rauschend dann „Marcel Proust nennt das ist damals längst nur mehr bas abgezehrte, fiebernbe, unruhige Fragment eines Menschen, ein flüchtiger Schatten, ein armer Kranker, dessen ganze Krast sich zusammenstrasst, um nur noch das Erscheinen | seines Werkes zu erleben. Noch immer schleppt er sich abends ins Ritz, dort am Tische ober hineingedrückt in die Portiersloge feilt er me I Korrekturen der letzten Druckbogen aus, denn zu Hause, im Zimmer, im Bette fühlt er schon das Grab. Aerzte will er nicht mehr sehen sie I hoben ihn zu lange gequält und niemals ihm geholfen, so verteidigt er sich allein und so stirbt er endlich am 18. November 1922. In den letzten Tagen noch, schon ganz von der Vernichtung geMb wirft er sich dem Unausweichlichen entgegen mit der einzigen Waste des Künstlers: mit der Beobachtung. Er analysiert feinen eigenen Zustand heldenhaft wach bis zur letzten Stunde und diese Notizen de- eigenen Sterbens sollten dienen, um den Tod {eines Helden Vergotte tn den Korrekturbogen noch plastischer, noch wahrhastiger zu machen, um I zu versuchen, einige allerintimste Details darzutun, jene letzten, die o Dichter nicht wissen konnte, die nur der Sterbende weiß. Noch seine der Alle, der sich mit der Verzweiflung eines „ _ an das Kielholz gekrallt hatte, lag, ohnmächtig vom Schreck und vom Wasierschlucken, im Boot, wie der Matrose, ben Sie gerettet haben. Bis Mykonos tarn er wieder zu sich, während sein Boot tn gekentertem Zustande hinter uns hertanzte. o „Ich mar“, schloß der Erzähler, „also nur ein müßiger Zuschauer dieser Rettung, kein Retter wie Sie, und doch habe ich wahrscheinlich mehr Angst ausgeftanben als Sie, ber sich beherzt ins Wasser warf und angesichts des Todes nur bedauerte, feinen letzten Roman nicht zu Ende gelesen zu haben. Ich mochte Ihnen vorher kein Kompliment machen: nehmen Sie diesen Unterschied als Kompliment anl Dort, wo die hellenische Aus Akragas stammte Empedokles, von dem Aristoteles behauptete, daß er die Redekunst erfunden habe. Wer die Bauern Siziliens auf dem Nlarkt die Händler in ihren Läden, die Barbiere vor ihren Kunden uno Eieltre der im Zwiegespräch belauscht hat, wird verstehen, warum Aristoteles einen Mann aus Akragas für den hinreißendsten Bolksredner feiner Zeit gehalten hat. Das gedruckte Wort ist in diesen Gegenden noch wir- kungsws wie vor Jahrtausenden, denn wer kann lesen? Aber unbeschreibliche Herrlichkeit der Landschaft, Pracht und Zauber großer Kulturen die auf diesem gesegneten Fleck Erde rasch einander folgten und m teinander stritten, haben eine liebenswürdig begabte Bevölkerung mit einem Schönheitssinn ausg.stattet, der bei jeder Redewendung zu erkennen ist und gefangen nimmt. Damit fall nicht gesagt werden, daß nun alles in Sizilien schön sei. Wandert man von Akragas noch weiter hinunter zum Meer, so gelangt man zu einem ungemütlichen, jchmutz gen Hafen der nach dem größten Sohn der s>^en griech schen Kolonie genannt' ist und also Porto Empedocle heißt. Verfallende Hauser, dem Einsturz nahe, sind von ihren Bewohnern verlassen; holprige Straßen, Sturm über Sizilien. Don Dr. Hermann Budzislawski. Schön ist der schneereiche Winter der sog. gemäßigten Zone, in der wir leben. Loch wenn der Februar vorüber ist, erwacht die Sehnsucht nach dem Frühling, und wer es kann, entschließt sich gern, dem Wunder der erwachenden Natur entgcgenzureijen. In drei Tagen und zwei Nächten hat man es geschafft, erlebt man den Frühling ,n Sizilien, während Deutschland noch vielfach in Eis und Schnee gehüllt ist- Aber es kann auch anders kommen. Man kann auch zitterno vor Kalte in eurem Haus mit Steinfußböden sitzen, in einem Zimmer ohne Zentralheizung, ohne Kachelofen, sogar ohne Kamin, kurzum, in einem Hotel von Palermo, und durch das schlecht schließende Fenster zuschauen, wie die schweren Wolken von dem Schirvlko, dem rasenden Südwind, über den H mmel gesagt werden. Die Lust ist schw^, von Wasserdampf gesättigt, kaum zu atmen. Der Regen flutet wie ein Sturzbach. Wer es wagt, ohne Schirm über die Straße zu gehen, ist in einer Minute bis auf die Haut elende Gasthäuser, Lagerplätze, die gelb vom Schwefelstaud find, denn Schwefel wird in diesem Hasen vorwiegend vers. achtet — das ist Porto Empedocle, jener Ort, der jetzt vom Sturm besonders heimgesucht wurde, und dessen Steingerüll, das die Einwohner für einen Strand halten, wie Kanonenkugeln vom aufgeregten Meer gegen die Stadtmauer geschleudert wurde. Eine Sage berichtet, daß der Philosoph und Dichter Empedokles auf schreckliche Weise grstorben sei. Er soll sich in einen Krater des Aetna orstürzt haben. Die grausame Naturkraft, die ihn tötete, hat saft ununterbrochen Siziliens Binger bedroht, ihre Häuser vernichtet, ihre Kunstwerke zeisisrt, und man muß sich wundern, daß aus der einzigartigen Insel, die das Mittelmeer in zwei Teile gliedert, trotz Erdbeben, Sturmfluten, Orkanen, trotz Kriegen, Revolutionen und Räuberbanden soviel Wunderbares erhalten geblieben ist. Unter den Städten, die vom Orkan heimgesucht wurden, nennt man auch diesmal Messina, die Stadt des Erdbebens, in der im Dezember 1908 80 000 Menschen den Tod sanden, wo seitdem kleinere Erdstöße alle paar Wochen gespürt worden ssi d, und wo es heute leider keine Schönheiten mehr zu zerstören gibt. Man hat die Stadt wiederaufgebaut, und wer sich ihr vom Meer nähert, glaubt das Werk der Erneuerung voll- endet. Aber an den Abhängen des Gebirges liegen noch die Schutthaufen, und an manchen Stellen stehen die vor mehr als 20 Jahren errichteten Baracken in denen heute noch Menschen leben, die das Entsetzen von 1908 nicht vergessen haben. Einstöckig, höchstens zweistöckig sind die neuen Häuser, die einen häßlichen Kolonialstil zeigen und durch maurische Bogen an die Sarazenenzeit erinnern sollen. Der Tourist besucht Messina nur al« Durchgangsstadt, um nach Taormina, nach Katania oder noch den Trümmern von Syrakus zu gelangen, dieser Weltstadt des Altertums, die heute ein Ruinenhausen und ein verödeter Ort ist. Und wenn er Gluck hat sieht er auch in dieser Jahreszeit Sizilien schon in dem Sonnenglanz, der mit einiger Sicherheit kaum vor dem Äpril zu erwarten ist. Oie drei gerechten Kammacher. Erzählung von Gottfried Keller. (ftoriiepung.: Als sie eine gute halbe Stunde dahinzogen, machten sie halt au feiner anmutigen Anhöhe, über welche ein Kreuzweg ging, uno setzten sich unter einer Linde in einen Halbkreis, wo man einer weiten Aussicht genoß und über Wälder, Seen und Ortschaften wegsah. Zus öffnete ih.en Beutel und gab jedem eine Handvoll Birnen und Pflaumen, um sich zu erfrischen, und sie saßen so eine geraume Weile schweigend und ernst, nur mit den schnalzenden Zungen, wenn sie die fußen Fruchte damit zerdrückten, ein sanftes Geräusch erregend. Dann begann Züs, indem sie einen Pslaumenkern sortwarf und die davon gefärbten Fingerspitzen am jungen Grase abwischte, zu sprechen: .Lieben Freunde! Sehet, wie schön und weitläufig die Welt ist, ringsherum voll herrlicher Sachen und voll Wohnungen der Menschen! Und dennoch wollte ich wetten, daß in dieser feierlichen Stunde nirgends in dieser weiten Welt vier so rechtfertige und gutartige Seelen beieinander verfammelt sitzen, wie wir hier sind, so sinnreich und bedachtsam von Gemüt so zugetan allen arbeitsamen Hebungen und Tugenden, der Eln- aezoaenheit, der Sparsamkeit, der Friedsertigkeit und der innigen Freundschaft. Wieviele Blumen stehen hier um uns herum, von ollen Arten, die der Frühling hervorbringt, besonders die gelben Sch-üsselblumen, welche einen wohlschmeckenden und gesunden Tee geben; aber sind sie gerecht oder arbeitsam? sparsam, vorsichtig und geschickt zu klugen und lehrreichen Gedanken? Nein, es sind unwissende und geistlost Geschöpfe, unbefeelt und vernunftlos vergeuden sie ihre Zeit, und so idjon fie sind, wird ein totes Heu daraus, während wir in unserer Tugend ihnen so weit überlegen sind und ihnen wahrlich an Zier Gestalt nichts nach- aeben denn Gott hat uns nach seinem Bilde geschossen und uns seinen göttlichen Odem eingebtafen. O, könnten wir doch ewig hier so sitzen in diesem Paradiese und in solcher Unschuld; ja, meine Freunde, es ist mir so als wären wir sämtlich im Stande der Unschuld, aber durch eme sunden- lose Erkenntnis veredelt; denn wir alle können, Gott sei Dank, lesen und schreiben und haben alle eine geschickte Hantierung gelernt. Zu vielem hätte ich Geschick und Anlagen und getraute mir wohl, Dinge zu verrichten, wie sie das gelehrteste Fräulein nicht kann wenn ich über meinen Stand hinausgehen wollte; aber die Bescheidenheit und die Demut sind die vornehmste Tugend eines rechtschaffenen Frauenzimmers, und es genügt mir zu wissen, daß mein Geist nicht wertlos und verachtet ist vor einer höheren Einsicht. Schon viele hoben mich begehrt, die meiner nicht wert waren, und nun auf einmal sehe ich drei würdige Junggesellen um mich versammelt, von denen ein jeder gleich wert wäre, mich zu besitzen. Bemesset darnach, wie mein Herz in diesem wunderbaren Ueberflusse schmachten muß, und nehmet euch jeder ein Beispiel an mir und denket euch jeder wäre von drei gleich werten Jungfrauen umbluhet, die sem begehrten und er könnte sich um deswillen zu keiner hinneigen und gar keine bekommen! Stellt euch doch recht lebhaft vor, um jeden von euch buhleten drei Jungfern Bllnzlin und säßen so um euch her gekleidet wie ich und von gleichem Ansehen, so daß ich gleichsam vern-unsacht hier^vorhanden wäre und euch von allen Seiten anblickte und nach euch schmoch- Die wackeren Gesellen hörten verwundert auf zu kauen und studierten mit einfältigen Gesichtern die seltsame Aufgabe zu losen. Das Schwab- lein kam zuerst damit zustande und rief nut lüsternem Gesicht „Ja, werteste Jungfer Züs! wenn Sie es denn gütigst erlauben, so,s-hc> ich S,e nicht nur dreifach, sondern verhundertfacht um mich Herumschweben und mich mit huldreichen Aeuglein anblickten und mir tausend Kußlem an- ^^^Nicht doch!" sagte Züs unwillig verweisend, „nicht in so ungehöriger unb übertriebener Weife! Was fällt Ihnen denn ein unbescheidener Dietrich? Nicht hundertfach und nicht Kühlein anbietend habe ich es erlaubt, sondern nur dreifach für jeden und in züchtiger und ehrbarer Manier, daß mir nicht zu nahe geschieht!" du.chnäßt. ~ , ... U)or drei Jahren ist es mir so ergangen. In Palermo war es nicht auszuhalten, vielleicht war es in dem deinen Bad Mondello bester, das von der Hauptstadt Siziliens nur durch den schönen Tafelberg, den Monte Pellegrino getrennt ist? Tatsächlich, als ich in Mondello aus der Straßenbahn stieg, schien die Sonne. Ein Apfelsinenbauer, bei dem iw wohnen wollte, schwor, daß nun das gute Wetter, der wahre Frühling beginne. „La pioggia 6 stanca", sagte er, „der Regen ist müde . Skeptisch, wie Nordländer nun einmal sind, meinte ich, daß es in Palermo um diese Zeit manchmal regne. „Ja, in Palermo! ', erwiderte der Bauer mit einer Geringschätzung, die nicht zu vermuten war, und die sich cf enbar auch auf bas" Klima der benachbarten Stadt bezog. Merlwur- biaerroeife regnete es die folgenden Tage auch in Mondello, kurz ent- jch offen wurde dieser Versuch, den Frühl.ng zwei Monate vor seiner Zeit zu erleben, an dem ungeeigneten Ort abgebrochen, um im Süden Siziliens wieder aufgenommen zu werden. Dort, in der unbeschreiblich sch men Eriechenstadt ©irgend, konnte man einen Sonnentag verbringen, über blühende Wiesen wandern, ein strahlend blaues Meer unb darüber einen tiefblauen H.rnrnel sehen. Aber bann brauste der Schirokko mit einer Gewalt, die durch kein schützendes Gebirge gehemmt war, mit einer Kraft ohnegleichen von Afrika her über das Mittelmeer, rüttelte an bem alten Gemäuer ber Stadt, deckte hier einen Dachgarten, dort eine Terrasse ab, zerrte an allen Türen und ließ drei Nächte die Fenster klirren, bis dem Reisenden, der die friedliche Wärme des Südens gesucht hatte, tue Lust verging unb bie Flucht nach einem behaglicheren Ort fortgesetzt wurde. In Taormina hatte der Wettergott endlich ein Einsehen. Die Reisenden, die in diesen Tagen auf Sizilien weilten haben noch fdiLmmcre Erfahrungen gemacht. In Palermo sind ganze Stadtieile uber- fdiroemmt zwischen Palermo und Messina hat der rasende Sturm Brucken zerbrochen, der Eisenbahnverkehr ist eingestellt, stockt übrigens much auf den anderen Linien Siziliens, die Wafferohre sind zerstört, und in Gir- genti ist das Unheil vorläufig noch gar nicht zu überfein Gerade dieser Ort ist den Unbilden der Witterm g besonders ausgesetzt, ba er über 300 Meter hoch auf einem Hügel über dem IDleer liegt und nach Süden zu völlig ungeschützt ist. Den Sizilienreisenben wird dringend empfohlen diese Stadt aufzusuchen; nicht wegen des schonen Domes, der aus dem 14 Jahrhundert stammt, nicht wegen der bizar empo.steigenden, vielfach gekrümmten Straßen, ber schönen Patrizierhäuse^ sondern wegen der antiken Tempel, die man erreicht, wenn man non ©irgend aus ein paar Stunden nach dem Meer zu wandert. Doch die Zahl der Reisenden, die von Palermo aus noch fünfeinhalb Stunden quer durch Sizilien an die Südseite fahren, scheint nicht allzu groß zu sein. Beweis: man wird in ©irgend nicht angebettelt, und auch sonst ist die Fähigkeit der Bevölkerung, die Fiemden „au-zuschlachten", bisher nur gering entwickelt. Aber es ist seltsam genug, daß es Menschen gibt bie bis Palermo er Taormina vordringen und auf den Besuch von ©irgend, verzichten. Man spart eine Reise nach Griechenland! jetzt die Ruinen griechischer Tempel stehen, erhob sich einst 0>e ueuemiV Kolonie Akragas, die vor 2600 Jahren gegründet wurde. Da steht der Tempel der Konkordia, ein griechisches Bauwerk von überragender Schönheit, ausgeglichen in seinen Proportionen und so gut. erhalten wie das Theseion in Athen, aber wie fern anderer gried) scher Tempel außer diesen beiden. Dor zweieinhalb Jahrtausenden hat man ihn errichtet vor anderthalb Jahrtausenden wurde er in eine Kirche umgewandelt, vor anderthalb Jahrhunderten hat er seine ursprüngliche Form wiedereihalten. Kein Zaun umg bt ihn, kein ^^er eihebt em Ein r,tts- gclb, jeder darf sich nach Belieben am Fuß der dorischen Säulen meberraffen und den Blick über Siziliens Berge unb über bas weite Meer schweifen lasten. Die übrigen Tempel von Akragas, bie in unmittelbarer Nähe liegen, sind nicht (o gut erhalten. Doch vermitteln auch sie einen Eindruck von bem Charakter der Stadt, die sich einst an dieser Stelle „Ja", rief jetzt endlich Jobst und zeigte mit einem abgenagten Virnen- stiel um sich her, „nur dreifach, aber in größter Ehrbarkeit sehe ich die liebste Jungfer Bünzlin um mich her spazieren und mir wohlwollend zuwinken, indem sie die Hand aufs Herz legt! Ich danke sehr, danke, danke ergebenst!" sagte er schmunzelnd, sich nach drei Seiten verneigend, als ob er wirklich die Erscheinungen sähe. „So ist's recht", sagte Züs lächelnd, „wenn irgend ein Unterschied zwischen euch besteht, so seid Ihr doch der Begabteste, lieber Jobst, wenigstens der Verständigste!" Der Bayer Fridolin war immer noch nicht fertig mit seiner Vorstellung, da er aber den Jobst so loben hörte, wurde es ihm angst und er rief eilig: „Ich sehe auch die liebste Jungfrau Bünzlin dreifach um mich her spazieren in größter Ehrbarkeit und mir wohllüstig zuwinken, indem sie die Hand auf —" „Pfui, Bayer!" schrie Züs und wandte das Gesicht ab, „nicht ein Wort weiter! Woher nehmen Sie den Mut, von mir in so wüsten Worten zu reden und sich solche Sauereien einzubilden? Pfui, pfui!" Der arme Bayer war wie vom Donner gerührt und wurde glühend rot, ohne zu wissen wofür; denn er hatte sich gar nichts eingebildet und nur ungefähr dem Klange nach gesagt, was er von Jobsten gehört, da er gesehen, wie dieser für feine Rede belobt worden. Züs wandte sich wieder zu Dietrich und sagte: „Nun, lieber Dietrich, haben Sie's noch nicht auf eine etwas bescheidenere Art zuwege gebracht?" — „Ja, mit Ihrer Erlaubnis", erwiderte er, froh, wieder angeredet zu werden, „ich erblicke Sie jetzt nur dreimal um mich her, freundlich, aber anständig mich an- fchauend und mir drei weiße Hände bietend, welche ich küsse!" „Gut denn!" sagte Züs, „und Sie, Fridolin? sind Sie noch nicht von Ihrer Abirrung zurückgekehrt? Kann sich Ihr ungestümes Blut noch nicht zu einer wohlanständigen Vorstellung beruhigen?". — „Um Vergebung!" sagte Fridolin kleinlaut, „ich glaube jetzt drei Jungfern zu sehen, die mir gedörrte Birnen anbieten und mir nicht abgeneigt scheinen. Es ist keine schöner, als die andere, und die Wahl unter Ihnen scheint mir ein bitteres Kraut zu sein." „Nun also", sprach Züs, „da ihr in euerer Einbildungskraft von neun solchen ganz gleichwerten Personen umgeben seid und in diesem liebreizenden Ueberflujse dennoch Mangel in euerem Herzen leidet, ermesset danach meinen eigenen Zustand; und wie ihr an mir sähet, daß ich mich weisen und bescheidenen Herzens zu fassen weiß, so nehmet doch ein Beispiel an meiner Stärke und gelobet mir und euch untereinander, euch ferner zu vertragen und, wie ich liebevoll von euch scheide, euch ebenso liebevoll voneinander zu trennen, wie auch das Schicksal, das eurer wartet, entscheiden möge! So leget denn alle eure Hände zusammen in meine Hand und gelobt es!" „Ja, wahrhaftig", rief Jobst, „ich will es wenigstens tun, an mir foll's nicht fehlen!" und die andern zwei riefen eiligst: „An mir auch nicht, an mir auch nicht!" und sie legten alle die Hände zusammen, wobei sich jedoch jeder vornahm, auf alle Fälle zu springen, so gut er vermöchte. „An mir soll es wahrhaftig nicht fehlen!" wiederholte Jobst, „denn ich bin von Jugend auf barmherziger und einträchtiger Natur gewesen. Noch nie habe ich einen Streit gehabt und konnte nie ein Tierlein leiden sehen; wo ich noch gewesen bin, habe ich mich gut vertragen und das beste Lob geerntet ob meines geruhsamen Betragens; denn obgleich ich gar manche Dinge auch ein bißchen verstehe und ein verständiger junger Mann bin, so hat man nie gesehen, daß ich mich in etwas mischte, was mich nichts anging, und habe stets meine Pflicht auf eine einsichtsvolle Weife getan. Ich kann arbeiten, so viel ich will, und es schadet mir nichts, da ich gesund und wohlauf bin und in den besten Jahren! Alle meine Meisterinnen haben noch gesagt, ich sei ein Taufendmensch, ein Ausbund, und mit mir sei gut austo'mmen! Ach! ich glaube wirklich selbst, ich könnte leben wie im Himmel mit Ihnen, allerliebste Jungfer Züs!" „Ei!" sagte der Bayer eifrig, „das glaub’ ich wohl, das wäre auch keine Kunst, mit der Jungfer wie im Himmel zu leben! Das wollt' ich mir auch zutrauen, denn ich bin nicht auf den Kopf gefallen. Mein Handwerk versteh' ich aus dem Grund und weiß die Dinge in Ordnung zu halten, ohne ein Unwort zu verlieren. Nirgends habe ich Händel bekommen, obgleich ich in den größten Städten gearbeitet habe, und niemals habe ich eine Katze geschlagen oder eine Spinne getötet. Ich bin mäßig und enthaltsam und mit jeder Nahrung zufrieden, und ich weiß mich am Geringfügigsten zu vergnügen und damit zufrieden zu sein. Aber ich bin auch gesund und munter und kann etwas aushalten, ein gutes Gewissen ist das beste Lebenselixir, alle Tiere lieben mich und laufen mir nach, weil sie mein gutes Gewissen wittern, denn bei. einem ungerechten Menschen wollen sie nicht bleiben. Ein Pudelhund ist mir einst drei Tage lang nachgefolgt, als ich aus der Stadt Ulm verreiste, und ich mußte ihn endlich einem Bauersmann in Gewahrsam geben, da ich als ein demütiger Handwerksgesell kein solches Tier ernähren konnte, und als ich durch den Böhmerwald reifte, sind die Hirsche und Rehe auf zwanzig Schritt noch stehengeblieben und haben sich nicht vor mir gefürchtet. Es ist wunderbar, wie selbst die wilden Tiere sich bei den Menschen auskennen und wissen, welche guten Herzens sind!" „Ja, das muß wahr sein!" rief der Schwabe, „seht ihr nicht, wie dieser Fink schon die ganze Zeit da vor mir herumfliegt und sich mir zu nähern sucht Und jenes Eichhörnchen auf der Tanne sieht sich immerfort nach mir um, und hier kriecht ein kleiner Käfer allfort an meinem Beine und will sich durchaus nicht vertreiben lassen. Dem muß es gewiß recht wohl sein bei mir, dem lieben guten Tierchen!" Jetzt wurde aber Züs eifersüchtig und sagte etwas heftig: „Bei mir wollen alle Tiere gern bleiben! Einen Vogel fjab’ ich acht Jahre gehabt, und er ist sehr ungern von mir weggestorben; unsere Katze streicht mir nach, wo ich geh' und stehe, und des Nachbars Tauben drängen und zanken sich vor meinem Fenster, wenn ich ihnen Brosamen streue! Wunderbare Eigenschaften Haden die Tiere je nach ihrer Art! Der Löwe folgt gern den Königen nach und den Helden, und der Elefant begleitet den Fürsten und den tapfern Krieger: das Kamel trägt den Kaufmann durch die Wüste und bewahrt ihm frisches Wasser in seinem Bauch, und 6er Hund begleitet feinen Herrn durch alle Gefahren und stürzt sich für ihn in das Meer! Der Delphin liebet öie Musik und folgt ueu Sch.ften, und der Adler den Kriegsheeren. Der Affe ist ein menschenähnliches Wesen und tut alles, was er die Menschen tun sieht, und der Papagei versteht unsere Sprache und plaudert mit uns, wie ein Alter! Selbst oie Schlangen lassen sich zähmen und tanzen auf der Spitze ihres Schwanzes; das Krorodil weint menschliche Tränen und wird von den Bürgern dort geachtet und verschont; der Strauß läßt sich satteln und reiten wie ein Roß; der wilde Büffel ziehet den Wagen des Menschen und das gehörnte Renntier seinen Schlitten. Das Einhorn liefert ihm das fajnee» weiße Elfenbein und die Schildkröte ihre durchsichtigen Knochen - " „Mit Verlaub", fügten alle drei Kammacher zugleich, „hierin irren Sie sich gewißlich, das Elfenbein wird aus den Elesantenzähnen gewonnen, und die Schildpattkämme macht man aus der Schale und nicht aus den Knochen der Schildkröte!" Züs wurde feuerrot und sagte: „Das ist noch die Frage, denn ihr habt gewiß nicht gesehen, wo man es hernimmt, sondern verarbeitet nur die Stücke; ich irre mich sonst selten, doch fei dem wie ihm wolle, so lasset mich ausreden: nicht nur die Tiere haben ihre merkwürdigen von Gott eingepflanzten Besonderheiten, sondern selbst das tote Gestein, fo aus den Bergen gegraben wird. Der Kristall ist durchsichtig wie Glas, der Marmor aber hart und geädert, bald weih und bald schwarz; der Bernstein hat elektrische Eigenschaften und ziehet den Blitz an; aber dann verbrennt er und riecht wie Weihrauch. Der Magnet zieht Eisen an, auf die Schiefertafeln kann man schreiben, aber nicht auf den Diamant, denn dieser ist hart wie Stahl; auch gebraucht ihn der Glaser zum Glas- schneiden, weil er klein und spitzig ist. Ihr sehet, liebe Freunde, daß ich auch ein weniges von den Tieren zu sagen weiß! Was aber mein Verhältnis zu ihnen betrifft, fo ist dies zu bemerken: Die Katze ist ein schlaues und listiges Tier und ist daher nur schlauen und listigen Menschen anhänglich; die Taube aber ist ein Sinnbild der Unschuld und Einfalt und kann sich nur von einfältigen, schuldlosen Seelen angezogen fühlen. Da mir nun Katzen und Tauben anhänglich sind, fo folgt hieraus, daß ich klug und einfältig, schlau und unschuldig zugleich bin, wie es denn auch heißt: Seid klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben! Auf diese Weise können wir allerdings die Tiere und ihr Verhältnis zu uns würdigen und manches daraus lernen, wenn wir die Sache recht zu betrachten wissen." Die armen Gesellen wagten nicht ein Wort weitet zu sagen; Züs hatte sie gut zugedeckt und sprach noch viele hochtrabende Dinge durcheinander, daß ihnen Hören und Sehen verging. Sie bewunderten aber Züsis Geist und Beredsamkeit, und in solcher Bewunderung dünkte sich keiner zu schlecht, das Kleinod zu besitzen, besonders da diese Zierde eines Hauses so wohlfeil war und nur in einer rastlosen Zunge bestand. Ob sie selbst dessen, was sie so hoch stellen, auch wert seien und etwas damit anzufangen wüßten, fragen sich solche Schwachköpfe zu allerletzt oder auch gar nicht, sondern sie sind wie die Kinder, welche nach allem greifen, was ihnen In die Augen glänzt, von allen bunten Dingen die Farben abschlecken und ein Schellenspiel ganz in den Mund stecken wollen, statt es bloß an die Ohren zu halten. So erhitzten sie sich immer mehr in der Begierde und Einbildung, diese ausgezeichnete Person zu erwerben, und je schnöder, herzloser und eitler Züsens unsinnige Phrasen wurden, desto gerührter und jämmerlicher waren die Kammacher daran. Zugleich fühlten sie einen heftigen Durst von dem trockenen Obste, welches sie inzwischen aufgegessen; Jobst und der Bayer suchten im Gehölz nach Wasser, sanden eine Quelle und tranken sich voll kaltes Wasser. Der Schwabe hingegen hatte listigerweife ein Fläschchen mitgenommen, in welchem er Kirschgeist mit Wasser und Zucker gemischt, welches liebliche Getränk ihn stärken und ihm einen Vorschub gewähren sollte beim Laufen; denn er wußte, daß die andern zu sparsam waren, um etwas mitzunehmen oder eine Einkehr zu halten. Dies Fläschchen zog er jetzt eilig hervor, während jene sich mit Wasser füllten, und bot es der Jungfer Züs an; sie tränt es halb aus, es schmeckte ihr vortrefflich und erquickte sie. Und. sie sah den Dietrich dabei überquer ganz holdselig an, daß ihm der Rest, welchen er selber krank, so lieblich schmeckte wie Zyperwein und ihn gewaltig stärkte. Er konnte sich nicht enthalten, Züsis Hand zu ergreifen und ihr zierlich die Fingerspitzen zu küssen: sie tippte ihm leicht mit dem Zeigefinger auf die Lippen, und er tat, als ob er danach, schnappen wollte und machte dazu ein Maul wie ein lächelnder Karpfen; Züs schmunzelte falsch und freundlich, Dietrich schmunzelte schlau und süßlich; sie saßen auf der Erde sich gegenüber und tätschelten zuweilen mit den Schuhsohlen gegeneinander, wie wenn sie sich mit den Füßen die Hände geben wollten. Züs beugte sich ein wenig vornüber und legte die Hand auf seine Schulter, und D'etrich wollte eben dieses holde Spiel erwidern und fortsetzen, als der Sachse und der Bayer zurückkamen und bleich und stöhnend zuschauten. Denn es war ihnen von dem vielen Wasser, welches sie an die genossenen Backbirnen geschüttet, plötzlich elend geworden, und das Herzeleid, welches sie bei dem Anblicke des spielenden Paares empfanden, vereinigte sich mit dem oben Gefühle des Bauches, so daß ihnen der kalke Schweiß auf der Stirne stand. Züs verlor aber die Fassung nicht, sondern winkte ihnen überaus freundlich zu und rief: „Kommet, ihr Lieben, und setzet euch doch auch noch ein bißchen zu mir her, daß wir noch ein Weilchen und zum letzten Male unsere Eintracht und Freundschaft genießen!" Jobst und Fridolin drängten sich hastig herbei und streckten ihre Beine aus; Züs ließ dem Schwaben die eine Hand, gab Jobsten die andere und berührte mit den Füßen Fridolins Stiefelsohlen, während sie mit dem Angesicht einen nach dem andern der Reihe nach anlächelte. So gibt es Virtuosen, welche viele Instrumente zugleich spielen, auf dem Kopfe ein Glockenspiel schütteln, mit dem Munde die Panspscife blasen, mit den Händen die Gitarre spielen, mit den Knien die Zimbel schlagen, mit dem Fuß den Dreiangel und mit den Ellbogen eine Trommel, die ihnen auf dem Rücken hängt. (Schluß folgt.) ^verantwortlich: Or. Han SThyriot. — Druck undDerlag:Brühl'scheUniversitätS-Buch-undSkeindru cker ei. R. Lange,Gießen.