GiehenerKmiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 195(Montag, -en 5. Oktober Nummer 78 Herbst. Von Max Dauthendey. Es liegt ein Rebel im Morgen wie Schnee, Er tut den Blättern an den Birken weh. Sie fallen gelb und flattern still, Ein jedes Blatt zur Erde will. Wir gehen hinter flatternden Blättern drein, Sie fliegen ins Unbekannte hinein. So folg' ich blindlings, Liebste, deinem Schritt — D, nimm mich auch einst zum Sterben mit. Alte Liebe. Novelle von Alfred B o cf.*» Der Hackepitfcher, feines Zeichens Zimmermann, trat in das Kram- lädchen des Me'fters Allerhand und rief: „Ich krieg ihn an der Brust und schleif ihn nach, bis die Bürsten ausgehen!" „Wen?" fragte der Meister. „Den Trittchesmacher, de» Garstvogel, den Lumpes, den Schuhspitzengucker!" Der Meister zuckte die Achseln und sagte: „Wann zwei Prozessen, haben die Advokaten das Fressen. Alleweil fliegt dir der Geifer, später tut's dich vielleicht gereuen. Laß die Sach mit deinem Nachbar ruhen und vergleich dich." Das Gesicht des Hackepitschers färbte sich dunkelrot. „Ehnder ich mich vergleich, häng ich mich an meinem Mehlkrappen auf!" Er verlangte ein Päckchen Knaster, bezahlte es und entfernte sich. „Zwei Krakeeler, der eine nicht besser wie der andre!" sprach der Meister bei sich, warf die Nickel, die er vereinnahmt hatte, in die Kasse und ging in sein Ladenstübchen, wo er Rechnungen herauszuschreiben begann. Der längste Tag war ihm zu kurz. Er war. Krämer, Landwirt und Butterhändler, neuerdings hatte er sich um die Vertretung einer Feuerversicherungsgesellschaft beworben und hatte sie erhalten. Im Dorf sagten die einen, deren Neid den Tüchtigsten benagte: „Der Meister Allerhand — das war sein Dorfname, eigentlich hieß er Ludwig Schacfsler — hat nicht so lang Ruh, als ein Huhn einen Kern aufhebt, kann nicht genug erkrimmen und erkratzen!" Die andern — ihre Zahl war nicht eben groß — ließen ihm Gerechtigkeit widerfahren und meinten: „Er ist nicht auf den Kopf gefallen, hat's im Griff wie der Apotheker den Kasten, und was er ansaßt, wird zu Gold!" Obgleich Meister Allerhand der letzte war, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, erkannte er dankbar an, in welch besondrem Maße ihm seine Frau, die Marie, eine treue Mitarbeiterin war. Sie stammte von Kirtorf, wo ihr Vater eine bessere Gastwirtschaft betrieb. Von vier Kindern, die ihre Mutter zur Welt gebracht hatte, war sie, die Marie, allein am Leben geblieben: ein zartes, empfindliches Mädchen, aber neunmalgescheit. Bei einer Schulprüfung gab sie dem Kreisschulinspektor so erstaunlich gute Antworten, daß dieser sie über die Maßen lobte. Im Oberstock ihres väterlichen Hauses hatte für längere Zeit ein Geometer wegen Vermarkung der Eigentumsgrenzen Wohnung genommen. Er erteilte seinen Gehilfen mathematischen Unterricht, wobei auch die Marie zugegen war. Vieles, was da vorgetragen wurde, prägte sich ihrem Gedächtnis ein. Sagte her Geometer, die Marie müsse von Rechts wegen Lehrerin werden, erwiderte ihr Vater mit der ganzen Würde des wohlhabenden Mannes: „Die Marie braucht nicht Lehrerin zu werden. Der sorg ich für einen Mann!" Und das gichtbrüchige Rikelchen, das nach dreißigjähriger Dienstzeit im Haus das Gnadenbrot aß, fügte hinzu: „Armer Leute Rinder und reicher Leute Kinder kommen schnell unter!" Nach ihrer Konfirmation half die Marie der Mutter in der Wirtschaft und bei der Wartung des Viehs. Als sie im Winter einma den Dreschflegel schwang, verlor sie den Atem und es wurde ihr blümerant vor den Augen. Derlei schwere Arbeiten überstiegen ihre Kräfte. Dessenungeachtet entwickelte sie sich zu einem schmucken, wohlgestalteten Mädchen, das die Blicke der Burschen auf sich zog. Beim Bleigießen am Neujahrsabend wurde offenbar, daß ihr Zukünftiger ein Kramer war. Und siehe da! eines Tages führte eine Handelsangelegenheit den Ludwig Schaeffler nach Kirtorf, wo er der Marie Bekanntschaft machte. Rasch auskeimende gegenseitige Neigung ward weder durch Wort noch Benehmen verrateii. Aber bald danach erschien ein Verwandter des Kramers als Freiersmann und leitete die Verhandlungen ein, die dann zum günstigen Abschluß führten. Von der Hochzeitsfeier und den damit verbundenen Schmausereien wurde monatelang in Kirtorf gesprochen Em mit der Ausstattung der Marie hochbepackter Kammerwagen stellte die blühenden Verhältnisse des Bauern zur Schau, lieber den Honigmond hinaus lebten die jungen Eheleute zärtlich wie die Turteltauben. Das Geschäft vergrößerte sich. Was darin unternommen wurde schlug zum Guten aus. Trotz alledem ließ die Marie bisweilen die Flügel hängen. Mutterglück, so schien es, war ihr versagt. Wenn gegenüber die Skech- mannsgritt ihr Jüngstes in Schlaf wiegte und fang: „Schlaf, Kindchen, schlaf, Zuckerchen wollen mir holen, Zucker, Rosinen und Mandelkern Essen die kleinen Kinder gern", bann traten der Schaesslersmarie die Tränen in die Augen. Die Armut saß bei den Stechmanns hinter der Tür, und der Kindersegen machte sie reich. Im Haus des Krämers gab's Zucker, Rosinen und Mandeln in Hülle und Fülle, aber es war kein Herzblättchen da, das danach verlangte. Die Marie war bis in die Seele krank. Ihren Schmerz zu lin- bern, sprach ihr Mann, wührenb er feine eigne Enttäuschung verbarg: »Was einem bestimmt ist, muß man tragen!" Doch fanb er selbst bei solchem Sprüchlein nur schwachen Trost. Enblich nach sieben langen Jahren warb ihr heißer Wunsch erfüllt, sie gab einem kräftigen Bübchen bas Leben. Der glückliche Vater brückte ber Kinbfrau ein Golbstück in bie Hanb. Die ganze Gefreunbschaft stellte sich ein, ben neuen Erbenbürger zu beschauen. Die junge Mutter bot ihm bie Brust, bie Nahrung mar reichlich unb gut. Als über bes Jakäbchens Gesicht zum erstenmal ein Lächeln glitt, meinte die Marie, das Herz müsse ihr vor Freude zerspringen. Die Pflege des Kindes nahm sie fortan derart in Anspruch, daß fse wenig Zeit hatte, sich um das Geschäft, und was drum und dran hing, zu kümmern. Ihr Mann trug doppelte Arbeitslast. Die Jahre flitzten hin. Schon warf das Jaködchen den Hampelmann unb bas Rappelchen als müßiges Spielzeug beiseite. Der Großvater aus Kirtorf erschien und schenkte dem Enkelchen ein Abc-Buch, eine Schiefertafel mit Griffel und Kästchen. Dann kam ein wichtiger Tag: das Jaköbchen machte ben ersten Gang zur Schule. Die Marie ftanb an ber Tür unb schaute ihm nach. Ihr Mann trat herzu unb sprach: „Dein Schnuckesi ist ins Dicke gewachsen. Das Stillsitzen wird ihm komisch vorkommen. Der Schulmeister tut ihm sehr nötig. Das Bürschchen hat schon seine Mucken. Du hast's arg verwohnt, hast ihm zuviel Willen gelassen!" Der Marie stieg die Rote ins Gesicht und sie sagte gekränkt: „Ich habe doch nur das eine Kind!" Indes der Kleine lernscheu auf ber Schulbank herumrutschte, gab er als Spielratz ben Kameraben Nüsse zu knacken unb mar vornan, menn es galt, im Dorf jemand einen Schabernack anzutun. Schalt der Vater: „Der Kerl ist dem Teufel aus der Kietze gehüpft!" nahm ihn seine Mutter in Schutz und sagte: „So’ein Bub ist mie ein Faß voll Most, das muß oertoben. Aus Most wird Wein!" Dem Meister Allerhand ging ber Vutterhanbel burch ben Kopf. Von Molkereien unb Genossenschaftswesen mußte man bamals noch nichts. So botsich dem Unternehmungslustigen Gelegenheit, feine Butter in großen Mengen zu verkaufen und beträchtliches Gelb zu verdienen. Hebet die Kreise Hünfeld unb Schlüchtern behüten sich feine Geschäftsreisen aus. Den Kramlaben bürste er mit vollster Ruhe seiner Frau überlassen. Die Marie kannte sich in allen Artikeln aus unb verstaub es, mit ber Kunbschast umzugehen. Dabei führte sie gemissenhaft bie Bücher, unb es mar eine Lust zu sehen, mie sie Überall peinlich Ordnung hielt. — Es schlug zmei. Der Meister Allerhand Halle ein Dutzend Rechnungen geschrieben. Ein paar säumigen Zahlern hatte er mit Klage gedroht. Er kannte sie aus dem Sack. Das waren Geizkragen, die sich von ihrem Geld nicht trennen konnten. „Eh, daß du sie als Kunden verlierst", riet feine Frau, „hab Geduld!" Gewiß, lange geborgt, war nicht geschenkt. Aber je länger man borgte, beftomeniger kriegte man roieber. Die Marie, die den Fußboden auf dem Lager gescheuert hatte, trat in das Ladenstübchen. „Gut, daß du kommst", rief der Meister Allerhand, „ich muß gleich nach Strebendorf. Ich bin am Abend wieder daheim." Er erhob sich und griff zu Mütze unb Stock. „Wo strunzt bann ber Jakob wieder herum?" fragte er, schon auf der Schwelle. „Er ist nach dem Essen mit dem Wellersheinrich unb bem Stech- mannslipps fortgemacht", ermiberte bie Marie unb setzte hinzu: „Man meint, bu tätft ihm seine Ferien nicht gönnen!" „Der hat bas ganze Jahr Ferien!" brummelte ber Meister und ging. Die Marie schüttelte ben Kopf. Ihr Mann unb sie waren immer einig, nur wegen bem Jaköbchen tarnen sie hintereinander. Daß der Jung ein bißchen ausschierig war, gestand sie zu, aber er war von Herzen gut. Wenn sie ihn, was nicht oft geschah, durchgewamst hatte, tat’s ihr hinterher leib unb ihr Zorn wandelte sich in Liebe unb Zärtlichkeit. Mochte ihr Mann auch scherbeln und schimpfen, sie, bie Mutter, kannte ihr Kind am besten. — Die drei Unzertrennlichen, der Wellersheinrich, der Ctechmannslipps und das Jaköbchen, zogen im Gänsemarsch durch die Ziegelgasse. Der Lipps an der Spitze sang: „Aus der Stube, aus dem Haus, Bauer, schaff den Dreck heraus, Nimm ein Metzer, schab ihn ab, Gibt's ein' guten Schnupftabak!" Vor dem Gehöft des Kappepeters lag dessen Pinscher und ließ sich von der Sonne bescheinen. Der Jakob kniete nieder und kommandierte: „Gib's Pfötchen!" Der Hund hatte keine Lust, seine Künste zu zeigen. Order pariert oder nach Spandau marschiert!" rief der Jakob und begann das Tier zu zausen. „Pah acht", warnte der Lipps, „der Kappepeter kommt!" Der Jakob stand gemächlich auf. „Och der! Vor dem fürcht ich mich nicht. Der geht noch nicht mit dem Stecken bei ein tot Hinkel!" Die Buben setzten ihren Weg fort und hatten das Dorf bald hinter sich. Der Jakob, den der Mutwille kitzelte, versetzte dem um drei Jahre älteren Wellersheinrich einen derben Puff. Alsbald entwickelte sich zwischen den beiden eine regelrechte Rauferei. Der Lipps riß sie mit den Worten auseinander: „Sackermenter, habt doch Ruh!" Die Eintracht war schnell wieder hergestellt. (Fortsetzung folgt.) Rings um den Berg Soracte. herbstliche Fahrt In Italien. Von Gustav W. Eberlein, Rom. Als die Wasser abzogen, blieb auf der leergeschwemmten Campagna ein vorsintflutliches Wesen zurück. So ein grausliges Untier, nackt und schuppig, oben zackig, wie ein Riesenkamm, der von der Nasenspitze bis zum Schwanzende läuft. Man kriegt eine Gänsehaut, wenn man das bloß sieht. Eine Panzerechse? Ein Basilisk, ein Drachenmammut, ein Kammolch- kaimansaurier, mit einem Wort: ein „Urviech"! Nicht leicht begreiflich, warum der Münchner so etwas „grüabig" findet. Die Türme des Kölner Domes find, glaube ich, an die 160 Meter hoch, aber man müßte wohl vier oder fünf aufeinanderstellen, um dem Tierchen ins Maul schauen zu können. Im Kensingtonmuseum haben sie etwas Aehnliches, einen großgeratenen Jguanodon, wenn ich nicht irre, oder einen Brontosaurus, jedenfalls mußte ich vom linken Eckzahn bis zum letzten Schwanzknorpel eine halbe Minute marschieren, macht vierzig Meter. Sein Zeitgenosse in der Campagna aber ist hundertzwanzigmal oder hundertvierzigmal so lang, man kann es nicht so genau ausrechnen, weil kein Parkettboden herumläust. Schrecklich einsam steht er da in der Wildnis. Und das ist der Soracte. Jeder klassische Romfahrer erkennt ihn sofort und begrüßt ihn als einen lieben Bekannten, wenn er sich auch nicht mehr genau erinnern kann, ob ihn nun eigentlich Horaz oder Ovid besungen hat. Alt ist er aus jeden Fall. Und wenn sie keine Seilbahn hinaufbauen, wirkt er noch in hundert Jahren echt antik. Vorläufig hat es noch keine Gefahr. Der Verkehr meidet den Berg. Das Bähnchen nach Civitacastellana schlägt einen großen Bogen, sowie er auftaucht. Die Wege und Straßen biegen ab, wenn sie nicht über- hauvt vor Schrecken aufhören. Älso fahren wir wenigstens rundherum. Da ist die Tiberina, die Straße tiberauswärts, die sich nach Möglichkeit in die Flußwindungen hineinkuschelt. Schafherden werden hier häufiger gesichtet als Automobile. Nachts bleibt man mit dem Wagen regelmäßig in ihnen stecken, Tausende von rätselhaft phosphoreszierendgrünen Scheiben glimmen auf, die Augen, und schon staubt und drängt und slllchtet es, ein zäher Strom aus Wolle, den kein Scheinwerfer zu durchdringen vermag. Die Hirten, phantastisch sehen sie aus in ihren Fellen und Räuberhüten, hauen mit Stangen hinein, wie es trifft, die Hunde findet man hundert Meter weiter zurück im Graben liegen, als ginge sie die Wiederherstellung der ösfentlichen Ordnung nichts an. Ist man glücklich oder wagenverschunden hindurch, kommt der zweite Ueberfall: Leuchtkäferchen in sternenhaften Mengen. Es ist gut, geradeaus zu starren, über die Motorhaubennaht hinwegzuvisieren ins schwarze Zentrum der. Nacht, wie über Kimme und Korn. Das Korn ist mein Wappentier, und dieses Eberlein, getreulich nachgebildet seinem großen und berühmten Florentiner Bruder am Basar, wo man die „Florentiner" nach Gewicht kauft, schaut so sicher und gemächlich in die Fahrtrichtung, daß man auch in diesem Feuerzauber nicht vom Wege abkommt. Jetzt aber ist es Herbst, der klassische römische Herbst, und die Sonne strahlt. Wildromantische Schenken, denen die Reisenden vor dreißig Jahren noch in weitem Bogen ausgcwichen wären, wie die Eisenbahn dem Soracte, fliegen ganz traulich vorbei, Burgruinen, in denen es seinerzeit gewiß nicht weniger lebhaft zuging, benehmen sich direkt malerisch und zuweilen reitet ein Mädchen vorüber und zeigt seine Film- und Mundwasserzähne. Alles reitet. Auf Esel, Maultier und Pferd. Der Bauer geht nicht, er reitet über Land. Wie seit Urzeiten. Von den Reittieren sieht man den Kopf, bei holzbeladenen Eseln meist nur die hübsch ausgefütterten Augen, die Hufe und manchmal den Schwanz — alles übrige bedeckt die Last oder die Familie, doch werden neben Kindern, die vor und hinter der Mutter auf dem geduldigen Rücken ihrer 1 PS herumkullern wie die unfrigen in der Kinderstube, auch Einzelreitcr bemerkt. Die Last besteht in diesen Tagen ausschließlich aus zwei riesigen Bottichen, zwischen denen der Winzer thront. Thront, man kann nicht anders sagen: das ist seine Hoch-Zeit, sein Herbst, sein Reich. König der Reben, herrscht er wochenlang unumschränkt. Alle Mühsal haben die oft kiloschweren grappoli, die Trauben aus herzkirschen-großen, goldenen Früchten vergessen gemacht. Für ein paar Kupferstücke darf man so tief hineinlangen in den Tragbottich, wie man will. Hundert Zinnen hemmen plötzlich die Fahrt. Graues Mittelalter. Bis zur Erfindung des Kraftwagens ist hier wohl selten oder nie ein Fremdling hergekommen. Mit Ach und Krach durch das schmale, düstere Tor, Türme und Menschen staunen uns an. Aber es find nur ein paar wackelige Alte, die den Weg kennen — wer die Arme noch rühren kann, ist draußen ... droben ... herrlich, diese Weite der weisenden Arme! In der Campagna besteht die Landschaft noch nicht aus eingezäunten Besitztümern. Wir steigen, steigen, durch Olivenhaine, durch steinuber- säte 'Bergflächen, nun schaut der Kühler geradewegs ins Blaue und man meint, der Wagen müsse hineinfallen — wenn der Soracte nicht wäre. Da steht es, das hemmende Ungeheuer, und die Straße ist zu Ende. Traut sich nicht weiter. Umkehr. Durch Hohlwege, über Täler hinweg, in deren tiefster toofjle die Reben stehen wie Unkraut, sogar in fußbreiten Felsklüften gedeihend — so stark ist die Sonne des Sommers. Dann ein kleiner See, der über Nacht entstanden ist. Geschenk der Urmutter, der immer noch gebärenden Erde. Ein dumpfes Rollen, Schwefelgestank — und ein paar Aecker waren verschwunden, vom Teufel verschluckt, wie die Bauern meinen, ein tektonisches Ereignis zweiten Grades, wie die Wissenschaftler sagen. So etwas gehört ja im Süden nicht zu den seltenen Ereignissen. Der Soracte freilich ist nicht hohl und hat keinen Feuermagen, er besteht aus mas- swem Fels. Noch einmal zwanzig, dreißig Kilometer hinauf, hinunter, hinüber, einem Büffel fast zwischen die zwei Meter klafternden Hörner gefahren, durch ein vor Wein wie ein Betrunkener riechendes Städtchen, dessen einzige Straße nichts anderes ist als eine maßlos steile Rutschbahn, über Steppe und Weide, Paß und Tiefe, dann mit einem Sprung aus der staubigen auf die geteerte, die Staatsstraße — wir sind auf der anderen Seite des Soracte. Da sieht er wieder ganz anders aus, aber ein zackiger Saurier bleibt er doch. Picknick unter Oliven. Bis San Oreste hinauf, sagt ein Mädchen, das ein schwarzes Ferkel in den Armen wiegt, könne man schon fahren. Fahren wir. Hupp — hupp. Die heroische Landschaft sinkt rechts herunter wie fallende Schleier, weitet sich größenwahnsinnig, links krachen die Schuppen des Ungetüms. Kalkweiße Steine sind das. Nur zu, hinauf, an ein Wenden ist ohnehin nicht mehr zu denken. Seine Flanken blitzen unter der Sonne wie der Bauch eines Fisches. Der Leid könnte nicht kahler sein. Brav hält sich der Wagen. Noch ein Huphupp über Schotter oder Moränen — da sitzen wir auf dem Rücken des herrlichen Scheusals, zwischen zwei Zacken seines Kammes und können nun auch auf die andere Seite hinunterschauen. Grausig und grandios. Die Ortschaft ist so, wie sie unter diesen Urweltumständen sein kann. Die Kinder klettern in Heller Begeisterung über Trittbretter und Kotfänger herein, fchauen sich mit hemmungslos ausbrechender Neugierde die fremde Frau an und brüllen los: Evviva! Evviva! La maestra, eccola! Buon giorno, Signorina, buon giorno! Für die neue Lehrerin wird sie gehalten. Nun ja, wer sollte auch sonst nach San Oreste kommen? Von dem bewohnten Buckel des Berges führt ein Saumpfad den Kamm hinauf. Ganz so streng, wie es von unten aussieht: ein Bein links gegen die Provinz Latium, ein Bein rechts gegen die Provinz Umbrien, müsse man den Grat rittlings hinaufrutschen — ganz so streng wird es also nicht genommen. Oden, wo es nicht mehr weitergeht, nichts als Luft um sich, Blau und Violett, Hausen Mönche. Man sieht, daß die Leute von der Fremdenindustrie nichts verstehen, sonst würde ein Aussichtsturm dastehen. Rucksack, Wandern, Aussichtstürme, das sind alles unbekannte Begriffe für den Italiener. Daß ich nicht mit der Pointe schließen kann, ich sei mit dem Auto bis auf den Gipfel des Soracte gefahren, ist zwar bedauerlich, aber schön. Weinerntezeit. Von Dr. Kurt Haack. „Windumemcmoth", Weinlese-Monat — so normte Karl der Große den Oktober, als er die lateinischen Monatsnamen durch deutsche ersetzte, und auch heute noch wird er häufig als Weinmonat bezeichnet, weil zu dieser Zeit der große Augenblick der Lese gekommen ist, da das glühendp Sonnengold seine köstliche, der Rebe gespendete Gabe aus der treuen Hut der Traube entläßt und nur noch im Abglanz des Weines roeiteb leuchtet durch die Geister der ZechK und die langen Winternächte. Auch Heuer ist wieder der Monat des Weins und der Weinernte von Host nungen und Befürchtungen, ob wir einen guten Tropfen vom Herbst erhalten werden, begleitet. Was Jahrhunderte vor uns gepflanzt, gepflegt, veredelt, ernten wir dankbar und gedenken der Kulturbedeutung, die diesem edelsten Naß in der Geschichte der Völker zugefallen, der segnenden und heilenden Wirkung des Weins, die die Griechen in dem tiefsinnigen Mythos vom Dionysos symbolisierten und der der alte Voltaire einmal in einem Bries an d'Alemdert mit den Worten Ausdruck verliehen hat: „Ich kenne nichts Ernsteres hienieden als die Kultur der Rebe." . Die Vitis vinifera L., der edle Weinstock, der wildwachsend auch m Teilen des südlichen und mittleren Europa verbreitet ist, gehört einem uralten Pslanzengeschlecht an, das schon in der Miocänzeit die Brauu- kohlenwälder durchrankte, und kommt durch seine üppige Entfaltung m den Ländern südlich des Schwarzen Meeres und des Kaspischen «ces der Pflege des Menschen am meisten entgegen. „ So sucht man denn in den Wäldern am Fuße des Kaukasus die Urheimat des Weinstocks, ohne daß sich aber dafür eine bestimmte ncuur^ eichtliche Tatsache angeben ließe, und ebensowenig verrät uns li hickste den Namen des Volkes, das zuerst die wilde Rebe 0U5.(y Wald in den Garten holte, sie durch kluge Erziehung veredelte, ihr Saft ausprehte, die Gärung abwartete und dann den jungen Wein in den tönernen Krug oder den Leberschlauch füllte. Im alten Babylonien, im alten Aegypten war jedenfalls die Weinkultur schon voll entwickelt, Palästina und Syrien galten lange als die besten Weinländer, und die Seefahrer des Altertums, die Phönizier, waren es dann, die die Kenntnis der wunderbaren Erfindung weithin nach dem Westen trugen. Den Griechen der homerischen Zeit ist der Wein schon etwas so Altvertrautes, daß sie seinen Ursprung, wie alles Gute im Leben, einem lehrenden und schassenden Gott zuschrieben. Unermeßlich reich war die Bedeutung, die des Dionysos Gabe im Leben der Hellenen errang. Vor ihrem edel heitern, ferurig erregenden Geiste ist gleichsam die ganze griechische Kultur durchdrungen. Auf ihren frühesten Seefahrten nach Westen müssen die Griechen den dämonischen Trank auch an die Küsten Italiens getragen habens bereits die Gesetze Numas bestimmten, daß man nur Wein von beschnittenen Reben den Gottern opfern dürfe. Aber erst nach den punifchen Kriegen wurde der Weinbau in ganz Italien allgemein; der alte Cato, der nach dem schönen Worte des Horaz „seine Tugend oft am Weine angewärmt", erklärte den Weinbau für die vorteilhafteste Art der Bodenbenutzung und förderte die Veredlung der Reben. Unterliessen hatte jedoch die Weinkultur längst begonnen, über die Grenzen Italiens vorzudringen. Den ersten Weinstock auf gallischem Boden pflanzte ohne Zweifel ein Maffiliote, denn die Weine von Massilia werden schon früh genannt und waren lange Zeit die berühmtesten. Im ersten Jahrhundert der römischen Kaiserzeit ist das heutige Frankreich bereits ein bedeutendes Weinlund mit eigenen Trauben- und Weinsorten, mit Ausfuhr und Verpflegung nach Italien. Die Konkurrenz war damals sogar so groß, daß Domitian, um dem Mutterland das Monopol des Weinhandels zu erhalten, befahl, die Weinberge in den Provinzen zur Hälfte auszuroden. Dies Edikt hob im Jahre 280 Kaiser Probus wieder auf, ein geborener Ungar, der als ein großer Gönner des Tokayers zu einem wahren Weinheiligen geworden ist. Auch an den Ufern des Rheins und der Mosel grünten nun schon die Reben und die schwellende Traube spiegelte sich im kristallklaren Wasser der deutschen Ströme, wie Ausonius in seinem lieblichen Moselgedicht singt. Die Germanen hatten sich gegen die Einfuhr des berauschenden Getränks durch römische und gallische Händler nicht lange gesträubt. Bei Tacitus erscheinen die Stämme Germaniens als eifrige Abnehmer der Hausierer und Schankwirte (caupones), obwohl sie nicht immer den besten Tropfen bekommen haben mögen, denn „caupo" bedeutet nach lateinischen Glossen: einer, der Wein mit Wasser mischt, aus Wein Wasser macht. Mit dem Segen des Weines haben wir also gleich zuerst auch den Unsegen des „Weinpantschens" kennengelernt. Im zweiten christlichen Jahrhundert widmete sich dann der Germane selbst der Pflege des Rebenbaues, und feine herrlichen Weinberge überstanden die Stürme der Völkerwanderung. Reiche Fürsorge ließ Karl der Große dem Weinbau angedeihen. In seinen Kapitularien gibt er bis ins Kleinste gehende Anordnungen, wie die Reben zu pflanzen, die Weinberge zu besorgen, die Beeren zu behandeln und zu pflücken seien, und ein Beispiel für feine praktische tätige Art ist die Entstehung des edlen Ingelheimers, den er zu pflanzen befahl, als er von feiner Pfalz aus die befruchtende Kraft der Sonne auf den gegenüberliegenden Hügeln beobachtete. Auch die frommen Apostel der Deutschen waren Missionare des Weinbaues, so der hl. Gallus in der Schweiz, der hl. Urban in Schwaben. Roch heute gilt der hl. Urban den Winzern als der Wettermacher und fein Tag, der 25. Mai, ist für die Weinernte von besonderer Bedeutung. Durch die frommen Mönche erhielt der Weinstock seine höchste Veredlung und allgemeine Verbreitung, denn er lieferte ihnen den Abendmahlswein und auch manch guten Trunk. Gegen Ende des 11. Jahrhundert pflanzten Benediktermönche auf dem Johannisberg die Perle aller Rheinweine, 1177 legten die Insassen der Cisterzienser Abtei Eberbach den Weingarten an, dem der köstliche Steinberger entstammt. Im alten Wormser Klostergarten, an der Liebfrauenkirche, wächst van altersher die milde, gefeierte Liebfrauenmilch, an den Wänden des Schlosses der Bischöfe von Würzburg der berühmte feurige Stein- ober Leistenwein, noch heute in den altertümlichen Bocksbeutel- stafchen gereicht. Das alte Wort vom Klosterwein, dem vinum theo- logicum, als dem besten gilt nach immer. Und wie manche Weinforten, fo sind auch die Formen der Weinernte trotz vieler technischer Vervollkommnungen im Laufe der Zeit sich ähnlich geblieben. Schon auf den lebensvoll farbigen Bildern an den Wänden ägyptischer Gräber und Tempel sehen wir, wie die dunkelblauen Trauben von fleißigen Winzern gelegen, in Körbe geschüttet und gefoltert werden, wie der Wein filtriert, eingekocht, in weithalsige Amphoren gehüllt, gefpunbet, versiegelt unb etikettiert wirb. Richt m in ber aussührlich schildern die Weinlese griechische Vasen, und ein intimes Bild der Rebenkultur tritt uns aus jenen Reumagener Marmorskulpturen entgegen, die als Grabmonumente reicher römischer Weinhändler aus der Stätte des alten Novomagus, unweit Trier, ausgegraben wurden. Da tanzen Winzerinnen mit wallenden Schleiern, mächtige Trauben in dc« erhobenen Rechten, beim Fest der Weinlese; Arbeiter umwinden unter Aussicht eines Handlungsdieners tönerne Weinkrüge nut Strohgeflecht. Ein ähnliches Treiben entfaltet sich auf mittelalterlichen Miniaturen. Hier tritt auch immer wieder beim Keltern eine Unsitte hervor, die fckwn Karl der Große streng verboten hatte: das Zertreten der Trauben mit bloßen Füßen. Aber noch im 13. Jahrhundert klagt Petrus de Crescentius über die gleiche Unmanier und befcheidet sich mit der Forderung, die nackten Füße sollten wenigstens rein fein, bie Steiferer bürsten nicht aus bem Kelterraum aus- und einlaufen. Solche schlimmen Mißbräuche traten jedoch nur vereinzelt auf: im allgemeinen ward die Weinlese als ein ernstes, in frommem Sinn geübtes Geschäft angesehen, mit dem sich manch bedeutungsvoller Brauch und geweihte Sitte, geboren aus bem Glauben an bas Walten höherer Machte, verknüpften. Der eigentlichen Ernte ging stets eine feierlich stille Zeit voraus in der niemanb, selbst nicht ber Besitzer, bas Gehege ber friebooll reifenben Reden betreten bürste. Man erzählte sich wohl, wenn die Rebe blüht. steige Karl der Große aus dem Grabe, um den Weingärten Segen zu spenden, wie er es dereinst getan; niemand dürste ihm begegnen bei diesem fruchtbringenden Gang. Piel ward um den Beginn der Lese gestritten, bis dann schließlich der Anfang von der hohen Obrigkeit, vom Fürsten oder Abt oder auch vom Bürgermeister und Rat, sestgesetzt wird. Früh am Morgen verkündete nun ein Glöckchen den Anbruch des lang ersehnten Tages. Zur feierlichen Eröffnung der Lese schnitt ein Kind oder der Hausvater die ersten Trauben mit einem „Gott walt's"; dem hl. Urban ward wohl auch ein Erstlingsopfer dargebracht. Besonderer Spott richtete sich gegen den Arbeiter, der die meisten Trauben hatte hängen lassen. Er ward für jede Traube mit einem Schlage bestraft. Die eigentliche Lustbarkeit wurde aber erst beim Einfahren des letzten Fasses entfesselt; man schmückte es mit Blumen unb Bänbern unb Tannenzweigen; ein Jüngling mit bunter, schellenversehener Mütze, in ber Moselgegend Bacchus genannt, saß vorn barauf, hinten ein weißgeklei- betes unb verschleiertes Mcibchen, mit Weinreben im Haar, Herbstmuck genannt, bas ben zu beiben Seiten bes Fasses schreitenben Winzern unb Winzerinnen ben jungen Wein in einem Pokale barbot. Die Leser trugen fröhliche Derkleibungen; sie setzten wohl auch einen „Weinhansel", eine Puppe aus Stroh unb Weinstäben mit einer Zipfelmütze, auf bas Faß ober trugen einen mit bem Traubenkranz geschmückten Hahn voraus, ber bem Weingutsherrn mit fröhlichem Spruch überreicht würbe. Manche von biefen Sitten hat sich noch heute erhalten; unb noch herrscht bie gleiche Fröhlichkeit unb Ungebunbentjeit, die sich in alter Zeit nach harter, schwerer Ernte beim Weinlesefest entfaltete. Erinnerungen eines alten Leiters. Von Dr. Anton Mayer. Als mich mein Vater zum erstenmal auf einen Gaul stülpte, war ich sieben Jahr: aber es war kein Pony, das ich reiten sollte, sondern ein ausgewachsenes großes Pferd mit schmalem Rücken, gütigem Alterstemperament unb noch leiblichen Gängen. Es hieß Caesar, unb gehörte in bie Reitbahn bes längst seligen Hemmerling, eines seltsamen Kauzes, ber im Sommer eine Sepenbance seines Berliner Institutes in Herings- borf unterhielt; in jenen Tagen lag ber Babeort noch wirklich am Meer, unb war noch nicht in einem Wust monbäner Tanz-, Kintopp- unb anderer Vergnügungsstätten untergegangen. Mein Vater nahm seine gute englische Stute, bie er bamals besaß, für ben über ben ganzen Sommer ausgedehnten Aufenthalt in Heringsdorf mit; nach einigen in der Bahn absolvierten Stunden ritt ich auf dem braven Caefar, dem ein Kinderfattel aufgelegt worden war, tapfer mit, am Strand entlang und durch die schönen Wälder, welche von Hemmerling — manchmal begleitete er uns — besonders bei unsicherem Wetter bevorzugt wurden, weil es, nach feiner mystischen, aber streng festgehaltenen Meinung „in ber Heibe nicht regne" — wie er auf biefen Gebanken gekommen war, hat nie jemanb ergrünben können. Pferbe und Hunde haben mich durch meine Jugend begleitet, bis ich im zweiten sächsischen Husaren-Regirnent als Fahnenjunker eintrat, und nun der Ernst ber kavalleristischen Ausbilbung begann. Die alten Rekrutenböcke hatten zum Teil schauberhast harte Gänge unb zerschnitten dem unglücklichen Reitadepten mit ihren scharfen Rückgraten beim Auf- Decke-Reiten fast den Leib; mein Rittmeister, ein äußerst mäßiger Reiter, von dem der Wachtmeister meinte, in Hannover auf Reitschule „habe er nur Bahndienst" gemacht (b. h. nicht selbst geritten, jonbern die Bahn sauber gehalten, also die berühmten Aepfel beseitigt usw.) — dieser Rittmeister sah mit Behagen zu, wie wir uns abquälten, unb machte sich ein Vergnügen baraus, mir immer noch schlechtere Pferbe zuzu- weisen. Run — auch bas ging vorbei, schließlich würbe man Offizier unb konnte sich nun von ganzem Herzen bem geliebten Sport, ber eigentlich unter bie Kunstarten zu rechnen, von ganzem Herzen roibmen. Äller- bings bürste man sich etwa beim Schwabronsexerzieren nicht allzu selbstvergessen mit feinem Pferbe reiterlich beschäftigen, sonst konnte es wohl vorkommen, baß ein Signal überhört ober falsch ausgesührt würbe, eine große Sünbe, bie mir einmal einen herrlichen „Anpsiff" zuzog, als mein Rittmeister — nicht ber eben erwähnte —, auf meine Musikliebe an- fpielenb, mir roütenb zurief: „Herr Leutnant! Von Wagner jeben Ton unb von Signalen teene Ahnung!" Eine ganz ausgezeichnete Ausbilbung erhielt ber junge sächsische Kavallerieoffizier auf ber Reitschule in Dresben, zu ber jeber Leutnant nach etwa einjähriger Dienstzeit tommanbiert würbe. Man würbe heftig „rangenommen": bas tägliche Reitpensum beftanb aus bem Chargen- pferb, bas ebenso wie bas „Stammpferb", Stammbulle genannt, auf Decke geritten würbe, das eigne Pferd wurde auch auf Sattel ohne Bügel mehr oder weniger gemeistert. Vom Oktober bis Mai blieb dies unverändert — natürlich bekamen bie Tiere nur eine Trense ins Maul. Wir bekamen einen Ball in bie Hanb, ber mit einer Schnur an ber Uniform befestigt war, unb nun ging es los, burch ben Sprunggarten, kreuz unb quer über ben Platz — nur ber Tetenreiter hatte bie Zügel in ber Hanb, alles anbere spielte Ball unb vergaß darüber völlig, daß man auf bem Pferbe faß. So bekamen wir halb Losgelasfenheik unb ganz unabhängigen Sitz — zwei ber wichtigsten Dinge, bie es für ben Reiter gibt. Auf ber Charge lernten wir bas Zureiten: benn diese Tiere waren „alte Remonten", also fünfjährig, und noch sehr wenig geritten. Das eigene Pferd wurde zu Geländeritten benutzt, die sich in der Dresdener Heide mit ihren steilen Hängen und tiefen Schluchten, wie dem bekannten Priesnitzgrund, manchmal ganz schwierig gestalteten — vor allem ohne Hügel und auf Trense. Aber auch diese Hebung war ausgezeichnet, wir lernten, vom Bügel ganz unabhängig zu werden — natürlich wurde immer ohne Bügel englisch getrabt — unb konnten biefe, als wir sie im Mai bekamen, absolut nicht halten. Den brei genannten Pferben schloß sich bann, nach einiger Zeit, noch ein Schulpferb an; bie Reitschule besaß, nach Wiener Vorbild, Lippizaner, auf denen bie Gänge ber hohen Schule mit viel Mühe unb Schweiß begossen würben — es war wirklich kein reines Vergnügen, auf ben nur auf sehr starke Hilfen reagierenben Tieren eine Passage ober Mg Zie ein kostbarer Blau- Chef zum Frühstück Eierbrötchen unterm ich jetzt. Zigarette? Jl5 ÄIJ Ngli in Am 'S gen W übe eben 601 «loi »er ss Seb. krer ein ... es ist nur gut, daß er später bedeutend bessere Kritiken bekommen hat als an jenem Morgen! Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei. X Lange, Dieben. spanischen Tritt herauszuquetschen. Aber alle diese Mühen fanden ihre herrlichste Belohnung: nämlich in dem idealsten Kommando der Welt, im sechswöchigen Herbstaufenthalt aus der Domäne Mühlbach bei Großenhain zum Jagdreiten hinter den Hunden der 'Meute, die der „Großenhainer Hetz-Klub" besaß. Die sorgloseste und schönste Zeit aller längst vergangenen sorglosen und schönen Tage: jede Woche drei Jagden über prachtvolles Gelände, aus guten 'Pferden über schwere Sprünge — niemand, dem nicht dies höchste reiterliche Glück zuteil geworden, weiß, welch unbeschreibliches Hochgefühl, welch wunderbare Lebensfreude den Galoppierenden über das bunte Land trägt, ihn, der, ganz der Bewegung des sich streckenden und wieder sich straffenden Pferbeleibes hingegeben, in der Tat die höchste Vereinigung mit der Natur, der Kunst überlegenen Reitens, dem Licht, dem Wind, der Weite und der Freiheit feiert! Gewiß, ein Tier soll sterben, damit wir uns freuen, der Eber hat keine Chance zu entkommen, kann sich aber zum Schluß wenigstens wehren; der Fuchs hat einige Möglichkeit, sich zu retten, und von allen Hirschen, die ich bei Großenhain mitgehetzt habe, ist nicht ein einziger gestellt worden: sie haben die Hunde völlig ausdistanziert und die meisten Reiter auch. Das Bild der ziehenden Jagd, die gefleckten Hunde, die Pikörschimmel, das rotröckige oder uniformierte Feld — die hellblaue sächsische Kavallerie —, die fairen Hindernisse, wie der große Kalkreuther Graben, lichte Breite etwa 5 Meter, ober bie große Abelsdorfer Hecke, und schließlich das Küree und die Verteilung der Brüche, am Abend aber das Jagddiner im roten Frack: es war unbeschreiblich schön ... fuchs. „Gut, daß du um diese Zeit kommst. Da ist der fort und die andern sind an ihrem Mittagstisch." „— und du langst deine Thermosflasche und die ' Pult vor. Das mußt ich doch noch. Deshalb komme Jetzt darf man doch hier eine rauchen?" i» Lei ügeno tante. Mer °>in j * i :s Hai Wn kleines draußen in Britz ... Sie sah nach der Armbanduhr. „Ich muß jetzt fort. Aber wenn du erlaubst, Hannah, hol ich btd) bald einmal nach Geschäftsschluß ab —, wir kaufen uns was Gutes zu Futtern und fahren zu dir, packen aus, rücken den Tisch an dein Schlafsofa und elfen halb vorn Teller und halb aus der Tüte. Ist dir s recht? ..." ■ „0 danke. Die ist besser als dem Kassierer seine mit dem Pappmund- ftück und als die zurückgesetzten Türken, die einem unser Hersteller anbietet, wenn er sicher ist, daß der Chef nicht reinkommt." „Ich weiß, die, bei denen immer erst eine Reklamerasierklinge raus» fällt." Sie lachten. Hannah bewunderte die Silberdose, auf der Manons Namenszug eingraviert war. Der Gast fetzte sich an Hannahs Platz und legte die Hände auf die Tasten der Schreibmaschine. Stattlich und starr saß das schöne Geschöpf da, das blasse Gesicht mit dem in der Mitte gescheitelten Haar geneigt. Etwas Feierliches ging von dieser unbestreit- baren Schönheit aus. '21m Rande einer Unendlichkeit schien sie zu verweilen wie eine Feuerbach-Gestalt, während sie sich nur sanft an der Maschine aufhiett, deren neues System sie interessierte. Hannah war einen Augenblick in das Nebenzimmer an das Fenster nach der Straße gegangen, um das Auto anzusehn, das den Überraschenden Besuch gebracht hatte. Besuch im Büro. Von Franz Hessel. (Alle Rechte im Rowohlt-Verlag.) ,Manon! Du? — darf man denn noch du zu Ihnen sagen?" it» i?Un „Aber Hannah, ich bitte dich! —" Sie schloß die Kollegin von ehedem in die Arme, und Hannahs Wange streichelte ein kostbarer Blau- Viele berühmte Reiter jener Tage kennenzulernen, war mir vergönnt: vor allem James F i 11 i s, den unvergleichlichen, den besten Reiter aller Zeiten. Unser Regimentsadjutant, der ungewöhnlich reiterlich talentiert war, wurde ein Jahr ä la suite gestellt und reiste mit Fillis, um feine Methode zu studieren: aber so begabt er auch war, erreicht hat er den Meister nicht. Fillis besuchte einmal unser Kasino, und ich glaube nicht, daß jemals irgendein Mensch auf der Welt mit größerer Ehrfurcht behandelt worden ist. Seine Vollblüter gingen die phantastischsten Schulgänge — Galopp auf drei Beinen z. B. — und waren ebenso zuverlässig im Gelände, letzte und feinste Produkte der Reitkunst darstellend. Auch den Champions der Rennbahn, die in jenen Jahren berühmt waren, kam ich nahe, da ich selbst ritt: Martin Lucke, meinem Vetter, Otto Suer- mondt, der mich einmal unsäglich stolz machte, als er mich in Mannheim nach einem Rennen, in dem ich ohne Bügel den zweiten Sieger geritten hatte, da mir die Riemen gerissen waren, zum Essen einlub: der beste Herrenreiter den jungen Leutnant! Fritz Königs- Schmidt-Pauli, Schmidt- „Das großmächtige Cabriolet da unten, das kenn ich noch. In dein hat dich deiner damals abgeholt, geraubt. D ich grolle dir noch. Früher hattest du kein Geheimnis vor mir gehabt. Und von dieser Affäre habe ich erst erfahren, als alles schon abgemacht war." „Du mußt verstehn, Hannah. Ich war abergläubisch. Ich getraute mich nicht, davon zu sprechen, eh ich meiner Sache sicher war. Und dann kam es doch schneller, als ich vermutet hatte. Ja, das ist sein großer Wagen, in dem ich ihn nachher aus seinem Bureau holen soll. Er hat Amerikaner zum Frühstück im Bristol, und da muß ich mit." „Natürlich, wenn man fo herrlich Englisch kann wie du. Du bist \ so lebenstlug." „Ach, Hannah--Ich habe übrigens einen eigenen Wagen, einen kleinen Zweisitzer, den ich selbst fahre. In dem hol ich dich bald einmal ab, wenn du magst und wir sausen die Avus hinunter oder nach Schildhorn, immer durch den Wind, daß du rote Backen bekommst, mein Liebling!" „Das wäre reizend von dir." „Noch lieber möchi ich mal wieder einen Abend mit dir allein in die Zelten in eins der Lokale, wo im Saal getanzt wird, und wir lassen uns ansprechen, wie damals von den Kommis im Stehkragen." „Würde dir so was heute noch Spaß machen?" „Vielleicht noch mehr als früher. Oder du, i : lassen uns mal wieder einladen von eurem kleinen Lektor in sein Möbliertes zu Tee und Studentenfutter, Mandeln mit Rosinen in Knisterpapier, dann lieft er uns aus den Gedichten vor an die Schauspielerin, an der et jo wacker gelitten hat. Wen liebt er denn jetzt außer dir?" „Mich hat er nie geliebt. Du warst seine letzte Schwärmerei. Er war ganz verstört, als dein Gewaltiger dich so plötzlich entführte." „Was Schwärmerei betrifft, so hab ich mich eigentlich mehr für den Lehrling Eduard interessiert, der immer rote Ohren bekam, wenn man ihm nah ins Gesicht redete." „Das kannst du gleich geliefert bekommen." Der junge Lehrling trat gerade ein, machte eine erschrockene steife Verbeugung und fetzte sich an seinen Platz. Da lag Manons goldene Puderdose mit dem Kettchen, an dem der Lippenstift hing. Damit fing er verstohlen an zu spielen. Als Manon herübersah, ließ er die Finger davon. Aber bann durfte er den kleinen Bleistift, den sie ihrem Täschchen entnahm, mit der Anspitzmaschine behandeln. Das war gar nicht leicht. Die Maschine war mehr für große Bunt- und Schwarzstiste bestimmt, wie sie im Bureau gebraucht werden. Eduard machte es sehr geschickt und wurde gelobt. „Nun muß ich noch schnell einen Augenblick zu den Packern gehen. Ist da noch der sreche Karle, der so reines Neuköllnisch redet?" Ja, der war noch da. Sie blieb eine ganze Weile fort, und dann hörte man sie nebenan mit dem Kassierer reden, der ihr von Frau und Kind berichtete und ihr fein berühmtes Joghurt anbot. Wenn man täglich davon nahm, konnte man hundert Jahre alt werden. Schrecklicher Gedanke! Inzwischen war Herr Kuhnolt, der Hersteller, eingetreten und erfuhr von Hannah, wer nebenan sei. „Die besucht uns? Ist sie nicht froh, unsre Atmosphäre los zu sein? Sie hat doch jetzt alles, was das bewußte Frauenherz träumt, Badezimmer mit Kristallflaschen, Zofe, Schrankkoffer, Golk und was weiß ich. Sie will sich wohl ein bißchen weiden an unferm Elend?" „Nur nicht so bitter, Herr! Das Frauenherz braucht noch ganz andre Dinge, um glücklich zu sein!" „Nun, wenn etwa der Herr Direktor in Privat langweilig sein sollte, so wird es doch in seinen Salons nicht an eleganten jungen Herren mangeln. Ist unsre schöne Manon denn schon Frau Direktor?" „Fragen Sie sie selbst. Da kommt sie." Er fragte nicht, war vielmehr erfreut, als sie mit ihm an den Regalen entlangspazierte, sich alte und neue Mappen zeigen ließ und Zeitungsausschnitte, Inserate und Zahlenreihen betrachtete als guckte sie in Märchenbücher. Dann setzte sie sich an Herrn Kuhnolts Platz und ließ sich seine Entwürfe für Buchumschläge zeigen. „Eigentlich sind Sie doch ein Künstler. Herr Kuhnolt", sagte sie, während er hinter ihr stand und den Duft ihres Haares einatmen mußte oder durfte. Sie legte sich im Stuhl zurück und seufzte: „Ach Kinder, schön ist es bei euch in der Schule. Ihr sagt doch hoffentlich noch .Schule" wie zu meiner Zeit." An der Schaltertür erschien der Briefträger mit dem dicken Leder- kasten vor dem Bauch. „Morgen, Herr Lechner", rief Manon. Bringen Sie uns Geld ober wollen Sie was haben?" „Schönes Fräulein roieber im Haus? Das is recht. Also von Ihnen will ich was haben, aber — keen Jelb." „Hier am Schalter, Herr Lechner, vor allen Leuten?" „Mir genieren bie Zuschauer nid)." Er strich sich ben Felbwebelbart und machte Plinkeraugen. Dann lieferte er feine Packen ab unb grüßte militärisch. Aus bem Hof scholl ßeiertaftenmufit heraus. Hannah unb Manon gingen ans Fenster unb lehnten Arm an Arm. „Du hast nasse Augen, Manon. — Kummer?" „Ach wohl eher — Heimweh nach bem allen ba. Das ist so — so musikalisch. Nachher, um brei, kommt ber Chef unb bann gibt es das Diktat und seine Witze. Und um fünf ist Schluß. Und am Samstag schon um zwei. Und der länge Sonntag morgen. Und ein Zimmer, wie dein m a r ck und sein Bruder Walter, _ , , . Benecke, Herr von Bachmayer, der Gardehusar ... viele Namen, viele Gestalten steigen auf, die heute vergessen sind: Major Kimmerle, Kommandeur der Münchener Reitschule, der mich einmal bei der Morgenarbeit beinahe umbrachte, weil ich eines seiner Pferde, das bezeichnend „Athlet" hieß und ein greulicher „Puller" war, — kein Mensch konnte es halten — nicht über 1500 Meter konterte, also landgsam galoppierte, sondern mit dem Biest über 4000 Meter rettungslos durchging —, so grob ist mir weder vorher noch nachher jemand geworden! Durchgehen — einer der ersten deutschen Lyriker, Reserveoffizier bei meinem Regiment, damals Rennstallbesitzer, brachte zu seinen Uebungen immer feine Vollblüter mit und ritt sie vor dem Zuge; bei einer Schwadrons- Besichtigung vor den „hohen Vorgesetzten" ritt er als Führer des Teten- zuges zu schnell im Galopp, mißverstand die leisen verzweifelten Zurufe des Rittmeisters, ritt schneller und schneller, bis schließlich die ganze Schwadron in hoffnungslosem Karacho um den Exerzierplatz brauste. Schließlich „gewann" aber der Vollblüter des späteren Dichters doch, löste sich im Derbytempo von der Schwadron los unb platzte schließlich wie eine Bombe in ben Kreis ber erstarrt zusehenben Generalität hin-