Eichener ZamilieiilMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Zreitag,-en 5.3uni Nummer^ Abendlied. Von Gottfried Keller. Augen, meine lieben Fensterlein, Gebt mir schon so lange holden Schein, Lasset freundlich Bild um Bild herein: Einmal werdet ihr verdunkelt sein! Fallen einst die müden Lider zu. Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh; Tastend streift sie ab die Wanderschuh, Legt sich auch in ihre finstre Truh. Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn, Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn. Bis sie schwanken und dann auch vergehn. Wie von eines Falters Flügelwehn. Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld, Nur dem sinkenden Gestirn gesellt; Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, Aon dem goldnen Ueberfluß der Welt! Oer Apfel vom Baum der Erkenntnis. Erzählung von Albrecht Schaeffer. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. Ein König in Persien, der dem Tode erlag, bevor er einen männlichen Erben zeugte, hinterließ eine einzige Tochter von großer Schönheit namens Gülnore. Nun sollte nach dem Gesetz die Krone mit der Hand der Prinzessin demjenigen gehören, der in gefährlichen Kampfspielen sich als der Erste an Kraft und Kühnheit erwiese. Das Schicksal aber wollte es, daß, als diese Turniere vollzogen wurden, vier Ritter verblieben, die ununterscheidbar waren an 2(rm= und Herzkraft. In ihrer Ratlosigkeit nun erinnerte sich die Prinzessin eines frühen Wortes ihrer lange verstorbenen Mutter: daß sie dem Ruf ihres Kindes aus der Seligkeit folgen würde, wenn er aus einer großen Not zu ihr dränge. Also ging Gülnare bei Nacht in die Einsamkeit des Gartens, und sie hatte kaum den Namen der Toten gerufen, so quoll ein Schein aus dem Dunkel und die Verstorbene stand vor ihr in blühender Gestalt, als ob sie lebte, an ihren Busen mit den Armen drückend vier schimmernde Aepfel. Ich kenne, sprach sie, deine Verlegenheit, mein Kind. Nimm diese Aepfel an dich, die sie dir lösen werden. Es sind Früchte vom Baum der Erkenntnis, und alle sind sie von gleicher Krast: jeder verzehrt den, der ihn verzehrt, wenn er nicht berufen ist. Wie kann ich aber, sprach die Tochter, sich fassend, vier Männer vergiften? Du sollst es nicht tun. Weil sie vielleicht dir nicht glauben würden, so laste jeden geheim, daß niemand es weiß, in eine Kammer gehen, nachts, und ich werde selber hineingehen zu jedem, ihm einen Apfel hinlegen und ihm sagen, daß er essen mag, wenn er sich berufen glaubt, und sterben wird, wenn er es nicht ist. borgens komme ich dann zu dir und führe dich hin. Die Mutter lächelte, nickte und schwand. Und am Morgen nach der Nacht, in der die vier Ritter die Kammern betreten hatten, erschien die Mutter ihrer Tochter, und sie gingen zur ersten. Sie war ganz leer: der Apfel hatte seine Kraft bewährt, und die Mutter sagte: Dieser war rasch wie ein Held. Nicht einen Nu kamen ihm Zweifel an seiner Berufen« heit; er griff zu, atz und wurde verzehrt. Sie betraten die zweite Kammer, in der nichts war wie in der ersten. Dieser, sprach die Mutter, wurde bleich: aber er erwürgte seine Zweifel mit der Schlinge des Hochmuts, aß und wurde verzehrt. Leer m>ar auch die dritte Kammer. Wenn du, sagte die Mutter, das Antlitz von diesem gesehen hättest, als er ah, so hattest du das deine darin gesehn wie im Spiegel. Zum König war er daher nicht berufen. Komm in die letzte Kammer! Gülnare aber zauderte vor dieser Tür, und über ihrem pochenden Herzen schwebte der Name Justus zu ihren Lippen. Oeffne, sagte die Mutter und löste sich in ein Lächeln auf. Die Tür fprang auf, im Lampen- schein erblickte Gülnare auf dem Tisch einen Apfel, der keine Spur eines Bisses zeigte, im Schatten aber stand ein Mensch an der Mauer, bleich und mit brennenden Augen. Er sagte: Du, Gülnare, wirst es in alle Ewigkeit Feigheit nennen, und ich habe doch im Kampf nicht norm Tode gezittert. Aber, er stockte und sprach: ich wußte nicht und ich weiß nicht, Ob ich berufen bin. Er senkte den Kopf und schritt an ihr vorüber. Niemand im Lande sah ihn mehr. Die Prinzessin versuchte umsonst in der nächsten Nacht, ihre Mutter zu sich zu rufen. Weil nun ihre Ratgeber das geheimnisvolle Verschwinden der vier Prinzen so erklärten, daß es ein Zeichen Allahs an Gülnare fei, ihre Hand demjenigen zu reichen, der nach den vieren sich als der beste gezeigt hatte, so folgte sie schweren Herzens und unüberzeugt. Sie behielt auch recht» denn jener wurde in der Brautnacht ermordet, noch ehe er sie zu feinem Weibe machen konnte. Es war eine Verschwörung, aber die Mörder wurden uneins; es währte nicht lange, so stand das ganze Reich in Flammen des Bürgerkriegs. Da erschien in einer Morgenfrühe, als Gülnare nach einer verzweifelten Nacht Kühlung im Garten suchte, ein Fremder vor ihr, bärtig, verwildert, in Felle gekleidet; aber eine Stimme ihres Herzens sagte ihr, ehe sie ihn erkannte, daß es Jussuf war. Ich bin es, sagte er; ich bin gekommen, denn mich jammert das Land. Hast du den Apfel noch, so will ich jetzt essen. Ich will ihn holen, antwortete Gülnare leuchtend, denn ich habe ihn noch. Sie ging, aber nach hunöekt Schritten versagte ihr Herz. Sie blieb stehen und sprach bei sich selben Ich kann ihn nicht töten. Ich glaube, — aber oh, daß ich wüßte! Die Not ihrer Völker stieg vor ihr auf, sie lief unwissend im Garten umher, und auf einmal sah sie auf einer Wiese einen sehr schönen Apfel liegen, und Apfelbäume waren darüber. Sie hob ihn auf; er glich jenem andern wie ein Zwillingsbruder, und sie dachte; diesen will ich ihm geben, Allah wird richten. Wenn es aber mißlingt, so bleibt mir noch immer der echte. Und sie sandte die Schicksals-Frucht durch den Gärtner zu Jussuß weil sie fürchtete, baß ihr Auge sie verraten könnte. ♦ 1 t Einige Monde waren vergangen, seitdem Jussuf die Aufstände niedergeschlagen und den Thron bestiegen hatte, da fragte Gülnare ihn in der Dunkelheit einer Nacht, in seinem Arm bei ihm liegend: Jussuf, bist du nun glücklich? Er sagte: Ich bin es; dennoch fehlt mir mitunter eins. Was ist das? fragte sie. Ich sehne mich oft, erwiderte er, noch einmal einen Äpfel von solcher Säße zu speisen wie jenen Apfel. Denn er war über alle Massen. Wie seltsam, dachte Gülnare, denn sie wie er überlegte sich nicht, daß jener Apfel allerdings unvergleichlich an Wohlgeschmack sein mußte. War er doch nach dem ersten Bissen, der dem Todbereiten das Leben verbürgte, die erste Speise des süßen Ledens. Dann aber beschlichen trübe Gedanken die Königin. Sie erinnerte sich, daß Jussuf nach den Schlachten und Mühsalen der Reichsordnung sich einem sorglosen Leden und dem Dienst seiner Liede mehr hingegeben hatte als dem der Völker. Deswegen hatte sie auch nach seinem Glück gefragt, und deswegen dachte sie nun: Cs war nicht der echte Apfel; wie kann ich wissen, ob er wirklich berufen ist? Sie erbebte vor der Ungewißheit der Zukunft; Mißtrauen vergiftete ihre Seele; ihre Liede sogar schien ihr welk in der Brust. Als sie nach einiger Zeit spürte, daß Jussuf schlief, löste sie sich von ihm, ging hin, wo der Apfel lag, nahm den unwelkbaren aus der Truhe und brachte ihn Jussuf. Sie schauderte, aber sie weckte ihn, zeigte ihm den Apfel und sprach: Ich habe dich betrogen. Ich liebte dich und gab dir einen unechten Äpfel. Dies ist der echte. Er blickte sie schwermütig an und sagte: Das hättest du nicht tun sollen. Dann funkelte sein Auge, und er fragte: Und warum tust du es nun? Gülnare verbarg ihr Gesicht und gab keine Antwort. Sie fühlte den Apfel aus ihren Fingern genommen und hörte ihn sprechen: Ich werde essen, wie ich damals aß,' obwohl es schwerer ist heute. Tu es nicht! schrie sie auf. Sie sahen sich lange an; bann lächelte Jussuf und fragte: Glaubst du, Gülnare, daß ich es bin? Heute wie damals, sagte Gülnare. Darauf aß er. An seinen Knien hingestürzt, hörte sie ihn nach einiger Zeit sprechen: Es ist sonderbar. An den Geschmack jenes irdischen Apfels erinnert dieser himmlische nun nicht. Aber er erinnert mich an jenen Augenblick, in dem ich schwor, daß mir von Stund an das Leben heilig sein und verflucht jeder Augenblick sein solle, den ich nicht verbrächte wie jenen: als ob er mein letzter fein könnte. Ich habe, sprach er, davoneilend, viel nachzuholen. Da erfuhr Gülnare, daß sie Jussuf verloren hatte an das Land, und sie lächelte unter Tränen, indem sie sich sagte: Es ziemt sich auch mir, zu opfern. * Aber nach Jahr und Tag, als Justus, tödlich erschöpft von der Last feines Königtums, zum erstenmal wieder an ihrem Busen entschlafen war, trat ihre Mutter aus der Nacht hervor in höherem Glanze und sprach zu ihr freudevoll: Nun sei gesegnet, mein Kind. Ihr seid ein Paar geworden und euer wert, und nun darfst du die Wahrheit erfahren. Jener Apfel, den du im Garten fandest, war der echte Apfel. Ich selber legte ihn hin. Denn Gott läßt seiner nicht spotten und seiner Erwählten. Glaubst du, daß Jussuf nicht wahrlich zu wittern vermochte, daß der Apfel echt sei, und daß er anders die Königs-Kraft aufgebracht hätte, die Gott verlangte? Auch du, meine Tochter, hast gegelaubt; dann aber hast du Erkenntnis gewollt, die es im Himmel gibt, aber nicht auf Erde. Oder, sprach himmlisch blickend die Mutter, da du inzwischen geprüft wurdest, hast du sie nun? Bleib Erde, liebe Erde! Mit Verlassenheit hast du gezahlt, nun schlase in Frieden bei ihm, der dich roieberfanb. Die entscheidende Wendung, die Kant im Kampfe gegen den Naturalismus dadurch vollzog, daß er ihin nicht auf dem Boden der Wirklich- keitsbetrachtung entgegentrat, sondern Recht sowohl wie Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis weise selbst auswies, hat dazu geführt, daß bei dem Aufkommen des Neukantianismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Erkenntnistheorie völlig die übrigen Problemkreise der Philosophie zurückdrängte. Das minderte die Bedeutung der Philosophie für das allgemeine Geistesleben; denn diese immer stibtiler werdenden erkenntnistheoretischen Untersuchungen wurden in steigendem Maße zu einer Angelegenheit lediglich für „Fach"philosophen. Aber diese Entwicklung war nicht im Sinne Kants, für den die Erkenntnistheorie seiner „Kritik der reinen Vernunst" nur das Eingangstor in sein philosophisch-anthropologisches ^System bedeutete. Auch hat die neueste Oer Einsiedler. Bon Joseph von Eichendorfs. Komm, Trost der Welt, du stille Nachti Wie steigst du von den Bergen sacht, die Lüfte alle schlafen, t ein Schiffer nur noch, wandermüd^ singt übers Meer sein Abendlied zu, Gottes Lob im Hafen. Die Jahre wie die Wolken gehn und lassen mich hier einsam stehn, die Welt hat mich vergessen; da tratst du wunderbar zu mir, wenn ich beim Waldesrauschen hie gedankenvoll gesessen. O Trost der Welt, du stille Nacht! Der Tag hat mich so müd' gemacht, das weite Meer schon dunkelt. Laß ausruhn mich von Lust und Not, bis daß das ew'ge Morgenrot den stillen Wald durchfunkelt. Entwicklung unserer deutschen Philosophie wieder aus jener Verengung zur Erkenntnistheorie herausgeführt. Aber die Entdeckung der grund- leaenden Wichtigkeit der Erkenntnislehre durch Kant und die von ihm ausgebildete „transzendentale" Betrachtungsweise besteht m >hr«r grund- iätzlichen Bedeutung für uns ungemindert fort, ja, ste ist dadurch, daß Heinrich Rickert die „transzendentale" Untersuchung so erfolgreich auch auf die historischen Wissenschaften ausgedehnt hat, in ihrer Tragweite noch klarer gestellt worden. Nicht minder besteht für uns fort die Aufgabe, zur Wahrung der Selbstersassung unseres „geistigen" Wesens mit den Ansprüchen des Naturalismus zu ringen, der immer wieder das relative Recht natur wissenschaftlicher Betrachtungs- und Forschungsweise zum absoluten und einzig gültigen emporzusteigern geneigt ist. So ist es durchaus im Sinne Kants wenn in den letzten Jahren neben der naturwissenschaftlichen Psychologie eine geisteswissenschaftliche sich entwicke l hat. Auch fuhren w r nur das Werk Kants fort, wenn wir der naturalistischen Einseitigkeit des historischen Materialismus", der „Rassetheorie", des landläufigen „Monismus", der Geschichtsphilosophie eines Oswald S p en gl er entgegentreten. In Spengler tritt uns zugleich em Vertreter der vielgestal. tigen, hauptsächlich von Nietzsche angeregten „Philosophie des Lebens entgegen, die meist auch in naturalistischer Enge ausgestaltet wird,. sofern man in „Leben" lediglich den Naturprozeß, das Biologische, die Vitalität erblickt und in den „geistigen" Funktionen und der von ihnen geschaffenen Kultur nur so etwas wie eine „Steigerung" des Lebens anerkennt. Alle diese modernen und modernsten Auswirkungen naturalistischer Betrachtungsweise (der übrigens auch Freud und seine Junger in weitem Umfange verfallen sind), können nur durch eine tiefblickende philosophische Anthropologie im Geiste Kants auf ihr berechtigtes Maß zuruckgefuhrt werden. Ein — hauptsächlich für die Bolkserziehung bedeutsamer — Kampf- genösse des kantischen Idealismus in der Abwehr des Naturalismus (und seiner naivsten Form: des Materialismus) ist von jeher die von den christlichen Kirchen gepflegte Philosophie gewesen. Freilich die Kampfgenossenschaft bedeutet niemals durchgehende Uebereinstimmung der An- schauungen. So hat denn insbesondere die katholische Neuscholast;. in Kant der die Kraft ihrer „Gottesbeweife" einer scharfen Rtiht unterzogen hatte, lange Zeit wesentlich nur ihren Gegner erblickt; erst neuer- dings beginnt man auf dieser Seite auch die tiefe Uebereinstimmung gewisser Ärundpositionen und die gemeinsame Kampfessront gegen Naturalismus und Materialismus zu würdigen. Bei dem neuerlichen Erstarken der Kirchen und ihres Einflusses auf Schulen und Universitäten, wird es auch für die Zukunft eine bedeutsame Aufgabe der Erben kantischen Geistes bleiben, die Grenzen zwischen wissenschaftlich-philosophischem Erkennen und Wissen einerseits und religiösem Glauben anderseits klar herauszuarbeiten und die Selbständigkeit und Freiheit des Philosophw- rens gegenüber auch den bestgemeinten Uebergrisfen kirchlicher Autoritäten zu wahren. Noch eine andere Form idealistischer Welt- und Lebensbetrachtung ist neuerdings mächtig erstarkt, deren Uebereinstimmungen mit kantischem Idealismus nicht Hinwegtäuschen dürfen über tiefreichende Verschieden- heit. Es ist die neuromantische I n t u i t i o n s Philosophie. Schon Kant hatte in seinen alten Tagen gegen den schwärmerischen Ueberschwang der Romantiker und den von ihnen in der Philosophie erhobenen „vornehmen Ton" anzukämpfen. Solcher Kampf ist auch heute wieder notig geworden; glaubt man doch auch in den Kreisen unserer Neuromantikek in der „Intuition" (oder im „Gefühl") ein „höheres" Erkenntnisorgan zu besitzen und ist doch schon ein vielgenannter Philosoph, Martin Heidegger", dazu gelangt, dem Satz der Identität für das phüo- sophische Denken die Geltung abzusprechen. So gilt es darzutun, daß es nur einen Erkenntnisweg gibt, den der Wissenschaft, und daß auf ihm Sinnlichkeit (d. h. die Fähigkeit anschaulich Gegebenes zu erleben) und V e r st a n d (d. h. die begriffliche Bearbeitung und Deutung des Gegebenen") gemeinsam die Erkenntnis zu erringen haben. Nicht minder gilt es klarzustellen, daß Versuche sich vom Satz der Identität zu emanzipieren, Widersinn ergeben und daß tieffinnig klingendes, dunkles Gerede etwas anderes ist als rechtschaffenes Philosophieren in kritischem Geiste. Was die Reinheit der Philosophie sowohl in der kirchlichen wie in der ncuromantisch-intuitionistischen Richtung bedroht, das sind vor allem religiöse Tendenzen und der für diese charakteristische Drang nach einem Absoluten, Unendlichen. Aus diesem erwächst auch die Neigung, all das, was der Mensch aus sich vermag in Erkenntnis, in Sittlichkeit und auf den anderen Kulturgebieten, geringschätzig, ja verächtlich zu beurteilen, weil er immer im Bereich des Endlichen verbleibt. Die dadurch genährten Minderwertigkeitsgefühle bereiten aber lediglich den Boden für neue Eroberungszüge kirchlicher Autoritäten. Auch im Kampfe gegen diese Bedrohung unseres autonomen Geisteslebens — die verstärkt wird durch die heute Mode gewordene „dialektische" Theologie — werden wir auf Kant zurückgehen müssen. Er hat die Unabhängigkeit des Sittlichen von Religion und Kirche, er hat das Wesen ethischer Autonomie ein für allemal klar herausgearbeitet; er hat dem Menschen Selbstvertrauen und die rechte Selbstschätzung gegeben; er hat ihn gelehrt, frohe Zuversicht auf das, was zielklares und zähes Wollen in der Selbsterziehung erreichen kann, zugleich aber auch Bescheidenheit und ehrliche Selbstkritik im Lichte jener „regulativen" Ideen, an denen wir uns immer orienti er« n können, die zu erreichen uns aber in unserer Endlichkeit nie beschieden ist. Sie stellen für uns das Absolute, das Unendliche dar. Religiöse und romantische Sehnsucht möchte das Absolute erstiegen und träumt wotst gar, es erreicht zu haben. Kritische Besonnenheit klärt darüber auf, daß diese Ideen gerade dadurch das menschliche Geistesleben lebendig uns wach erhalten, daß sie unerreichbar sind und so dem, der „immer strebend sich bemüht", für alle Zeit Aufgaben stellen. * Vgl. meine Auseinandersetzung mit diesem über den Begriff de« „Nichts" in meiner Zeitschrift „Philosophie und Leben" (Leipzig, Meiner), Hest II und IV, 1931. Kant und unsere Zeit. Können wir heule noch Philosophie treiben? Von Dr. August Messer, o. ö. Professor der Philosophie an der Universität Gießen. Es war nicht lediglich ein theoretisches Interesse .ein reines Streben nach Erkennen und Wissen, was Kant antrieb stch um die PrMeme Gott Freiheit und Unsterblichkeit zu mühen und insbesondere auch das Wesen und die Tragweite der menschlichen Erkenntnis in seiner nun 150 übrigen „Kritik der reinen Vernunft" zu untersuchen. Bei lenen drei Problemen schien es sich ihm auch nicht nur zu handeln um rem „jenseitige" Fragen, vielmehr schien ihm von der Stellungnahme zu diesen Grundfragen abhängig zu fein di? EntscheidkUtg über das e'sse. Wesen und die sittliche Würde des Menschen. Wenn heute philosophische Anthropologie wieder in den Mittelpunkt des Interesses getreten ist, so wird sie.gut tun, sich an Kant zu orientieren, denn auch schon sein Nachdenken kreist um die Frage, was denn eigentlich der Mensch sei..Und zwar drängt ihn zu diesem Forschen hauptsächlich die Befürchtung, daß echt menfchliches Geistesleben durch die schon in seiner Zeit immer mächtiger werdende naturalistische Weltanschauung aufs ernsteste bedroht sei. Mit der feit Kopernikus, Galilei und Kepler stets sieghaft vorwärts dringenden neueren Naturwissenschaft war es gegeben, daß die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise immer mehr als die einzig wifsen- schastliche galt, die auch geeignet sei, nicht nur über die äußere Natur, sondern auch über den Menschen selbst, ja sein Seelen- und Geistesleben erschöpfende und endgültige Aufschlüffe zu geben. So hatte sich Natur- wissenschaft zum philosophischen Naturalismus ausgestaltet und unter dessen Einfluß neigten viele dazu, jene Fragen nach Gott, Freiheit, Unsterblichkeit unter Berufung auf „die Wissenschaft" zu verneinen und im Menschen lediglich ein Naturprodukt zu sehen, vielleicht komplizierter als die Tiere, doch ihnen im Wesen gleich. Das aber erschütterte Kant im Innersten; hierdurch sah er seine heiligsten, sittlichen und religiösen Ueberzeugungen bedroht. Zugleich war er selbst viel sehr Naturforscher, als daß ihm hatte der Gedanke kommen können, die Fähigkeit der Naturwissenschast und ihrer Methoden, wirkliche Erkenntnisse zu gewinnen, zu bestreiten oder auch nur anzuzweifeln. Darum mußte sich für ihn die Frage so gestalten: was bedeutet eigentlich die Erkenntnis der Naturwissenschaft (und der — ihr Dienste leistenden — Mathematik)? Stellt sie — wie der Naturalismus ohne weiteres annahm — eine wirklich erschöpfende, die Wirklichkeit in ihrem tiefsten Grunde, in ihrem „An sich" erschließende Einsicht dar? Ist dies der Fall, so ist vor allem menschliche Freiheit nicht zu retten, denn Naturwissenschaft sieht ja in der Notwendigkeit alles Geschehens ihr oberstes Gesetz! Stellt sich aber die Ueberzeugung von der Freiheit als ein philosophisch unhaltbares, naives Vorurteil heraus, dann erscheint auch die menschliche «itt- lichkeik, in der man den eigentlichen Vorrang des Menschen vor dem Tiere erblickt, als ein Wahn. Diese innere Not, dieser Zweifel am Menschenwesen führt Kant in die tiefgründige Untersuchung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnis hinein, die in der „Kritik der reinen Vernunft" vorliegt. Ihr Ergebnis ist für ihn: die mathematische Naturwissenschaft erfaßt nicht das „Ding an sich", sie erbringt nicht letzte, abschließende Wirklichkeitserkenntnis/ Somit bleibt zu Recht bestehen und auch vor der Vernunftkritik gültig der Glaube an die menschliche Freiheit und damit an den Beruf des Menschen zur sittlichen Persönlichkeit zu werden. den billigsten laufe und der die Deutschen wurden die natürlichen Seen, die der Shannon bildet, in Staubecken umgewandelt, der Fluh wurde in zwei Teile zerlegt, und nun stürzt die eine Hälfte bei Ardnacrusha etwa 30 Meter durch die Turbinengänge in die Tiefe, während die andere Hälfte durch Schleusen in einen Kanal geleitet wird, der der Schiffahrt dient. Auch auf den Lachsfang muhte Rücksicht genommen werden, da diese Fischerei am Shannon sehr lohnend ist. Wie stets bei solchen Bauten, verteuerten unvorhergesehene Zwischenfälle die Anlagen, und aus den fünf Millionen Pfund, die ursprünglich vorgesehen waren, wurden nun sechs Millionen. Eine Million Pfund — das find' 20 Millionen Mark, die die deutsche Firma nachsorderte, die aber die Iren nicht bezahlen wollten. Um diesen Betrag geht nun ein Prozeh, und das ifb der peinliche Abschluß eines mit großen Hosf- Oie Versuchung des Pescara. Novella ngn Kntu^x Meyer. (Fortsetzung.) Jetzt drängte sich Viktoria flehend an die linke Seite ihres Helden, der unter dem Drucke des Frauenleibes einen körperlichen Schmerz zu empfinden schien. Um ihn zu verbergen und zu verwinden, tat er ein paar Schritte vorwärts. Die dreie standen vor den spielenden Lichtern des Brunnens. „Schönste Frau, mich hat herzlich verlangt, Euch wiederzusehen", sagte der Feldherr, „und da bist du ja, meine Seele!" Er blickte ihr in die strahlenden Augen. „Aber deine edeln Lider sind ja noch ganz bestäubt von der Reise. Dein Tuch!" Sie gab es ihm, der es netzte, und schloß die Augen, während er ihr Stirn und Lider und Wange wusch und badete. „Ich erinnere mich deiner Enkelin ganz wohl, Ruma, obwohl ich sie kaum gesehen habe. Tiefblaue Augen und kastanienbraune Haare, wie diese da, nicht wahr, und Julia heißt sie? Was ihre Sache betrifft, die dünkt mich schwer tragisch. Nicht daß ich anstünde, den Bösen, den du kennst, Viktoria — auch ich kann ihn nicht anders nennen —, zur Ehe mit ihr zu zwingen, er würde sich fügen, ohne Zweifel, denn er ist mein Geschöpf, und ich habe Macht über ihn. Aber ich frage mich, ob es gut sei, die Verschmähte an einen Herzlosen und Grausamen zu fesseln, der freilich durch seine Vermessenheit und Begabung in der Welt die höchsten Stufen erreichen wird. Und sie selbst? Wird sie es verlangen? Glaubst du, Viktoria? Hat sie es verlangt, die sich dir in Rom zu Füßen geworfen hat, wie ich vermute, da du sie kennst?" „So tat sie", sagte Viktoria mit flehender Stimme. „Ertrug sie deinen reinen Anblick? Und im Ernst, du willst sie dem Manne geben, der sie verschmäht? Wenn sie mein Kind wäre, ich vergrübe sie ins Kloster. Ihr aber seid menschlich und barmherzig, Madonna. Und wer weih, vielleicht liebt sie ihn noch, oder liebt und haßt ihn zugleich — ich verstehe das nicht. Doch ich will mich ihrer annehmen, sie habe die Wahl." Jetzt öffnete der Arzt den welken Mund. „Arme Julia! Welche Wahl! Selig, daß sie ihrer überhoben ist!" „Wodurch?" fragte Pescara. „Durch eine dunkle, aber weise Gottheit." „Ich verstehe", sagte der Feldherr rasch, „sie lebt nicht mehr. „Du sagst es, Herrlichkeit." „Sie hat sich ein Leides getan?" wehklagte Viktoria. „Da sei ihr Schutzengel davor!" „Wer weiß es? Als sie in ihr Kloster zurückkam, nachdem sie sich Euch geoffenbart, ist sie gestorben. Ihr Geständnis muß sie getötet haben, und der Anblick Eurer Reinheit, Madonna, wie die Herrlichkeit es gewollt hot. Vielleicht ein Herzschlag, vielleicht — das willige Mädchen ist mir in meiner Apotheke oft mit Verständnis und Geschick beigestanden." Jetzt urteilte der Feldherr: „Das bleibe unberedet. Sie ist eingegangen in den Frieden und steht jetzt in Dienst und Pflicht einer heiligen Macht, die unserer erbärmlichen Gerechtigkeit spottet." Viktoria weinte, und der Greis flehte: „Ich kann nicht mehr! Es fei gut!" „Ja, es ist gut", schloß der Feldherr. . Dann bot er Viktoria die Hand und sagte leichthin: „Edle Fram ich habe Euch und mir, solange wir zusammen sein dürfen, ein helleres Haus gerüstet als dieses alte Schloß mit seinen plumpen Deckenbalken, diese Wohnung des Verrates, denn auf feiner Zugbrücke wurde der Mohr aus- geliefert. Sehet Ihr dort bei den Pinien die anmutige Baute, Madonna? Die habe ich Euch bestimmt: sie ziemt Eureix klaren Handel." Sie durchschritten den Park und langten am Fuße der drei Treppen an, wo der greise Arzt stehen blieb, Atem schöpfend und den Feldherrn zurückerwartend. Da Viktoria die dritte Treppe erstieg, erblickte st« zwe, nungen begonnenen Unternehmens. Die irischen Zeitungen haben über die Streitigkeiten berichtet, die englische Presse hat diese Vorgänge kommentiert, manchmal sehr kritisch, da man es in England nicht gern gesehen hat, daß der große Bauauftrag nach Deutschland gefallen ist. Dennoch wäre es verkehrt, wollte man aus diesem Prozeß schließen, daß nun die freundschaftlichen Gefühle der Iren für die Deutschen abgekühlt worden seien. Die beiden deutschen Ingenieure, die sich als letzte Vertreter der Baufirma noch im Werk befinden, können sich über ihre Behandlung keineswegs beklagen, und jeder Deutsche, der durch Irland reist, wird immer wieder mit freundlichen Worten auf die Großtat hingewiesen, welche die deutschen Techniker am Shannvnsluß vollbracht haben. Das Volk kümmert sich nicht um Prozesse, sondern sieht auf die Leistungen. Und es freut sich, daß die deutfchen Schiffahrtsgesellschaften ihre Dampfer Corks Hafen Cobh und das schöne Galway in Westirland anlaufen lassen, bevor die große Reise über den Atlantik angetreten wird. Denn diese Dampfer bringen Touristen, und die Touristen bringen Geld. Irland aber ist arm und versucht, von Dingen zu leben, die es gibt: von der Kraft der Wasser- Schönheit der Natur. Beide Quellen des Reichstums helfen erschließen. Wie sollten sie da nicht gern gesehen sein? Deutsche Kraft durchströmt Irland. Besuch im größten Elektrizitätswerk Großbritanniens. Von Dr. Hermann Budzlslawski. Um das von deutschen Ingenieuren entworfene und von deutschen Arbeitern erbaute gewaltige Shannonwerk im Herzen Irlands ist viel gestritten worden. Von englischer Seite wurde der irischen Regierung vorgeworfen, daß sie eine deutsche Firma mit der Elektrifizierung Irlands betraute. Unser Mitarbeiter hat jetzt auf einer mehrwöchigen Studienreise Gelegenheit gehabt, die mächtigen Anlagen zu besichtigen, um deren Bezahlung zur Zeit ein Prozeß gesührt wird. Hochspannungsleitungen durchlaufen ganz Irland. An mächtigen Masten hängen die großen Isolatoren, die aus sechs Übereinander gestülpten weihen Glocken zu bestehen scheinen. Um das Porzellan winden sich die Drähte, die wie Schlagadern das Land durchziehen und sich in ein Netz von Kapillargefäßen verzweigen. Das Herz, das den Strom des Ledens in diese Drahtadern pumpt, das Herz ganz Irlands, liegt drei Meilen von der Hafenstadt Limerick, bei dem Dorf Ardnacrusha, das sich letzt zu einer Stadt entwickelt. Es ist ein Fabrikgebäude, das in Deutschland nicht auffallen würde, keineswegs so groß, daß man von außen eine Bedeutung erkennen könnte. Wieviel Menschen arbeiten dort, damit In Dublin und in Cork die Lampen brennen, damit die Fabriken Strom lind alle irischen Gasthäuser Licht erhalten? In drei Schichten sind es zusammen etwa 30, die Männer, die die Fußböden scheuern und die Maschinen blitzblank putzen, schon mitgerechnet. Um den Betrieb aufrecht- zuerhalten, würden sieben Mann genügen, notfalls zwei in jeder Schicht lind ein Betriebsleiter. Aber 2500, manchmal 3500, ja bis zu 4000 Menschen wurden dreieinhalb Jahre beschäftigt, das Shannonwerk aufzubauen. Und noch ein paar hundert Arbeiter mühten sich viele Monate in deutschen Fabriken, um die Turbinen, die Generatoren, die Schaltanlagen igerzustellen. Nun genügt eine Handvoll Menschen, das Ganze in Gang iu halten. Höchster Triumph der Technik, Gipfel der Rationalisierung, !»ie darin besteht, durch menschliche Arbeit die menschliche Arbeit über« slüssig zu machen! Tag und Nacht zittert der Boder, in dem Maschinenbaus. Mag glc-übt, Ws dem Deck eines Schiffes zu stehen. Die Maschinensäle sind fast leer. Oie Generatoren sind in mächtige Eisenhüllen eingeschlossen, damit kein Schmutz einbringen kann, und die gewaltige Bewegung in den Turbinen lind den übrigen Maschinen ahnt man nur am Zittern und Stampfen !»es Bodens. Wenn etwas in Unordnung gerät? Eine Maschine nicht mehr richtig läuft? Keine Gefahr, der beschädigte Teil der Anlage bleibt von i