GiehenerZamilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Montag, den 5.Januar Kummer 2 Oie drei Könige. Von Peter Bauer. Am Himmel ihrer Träume stand der Stern, Bis sie in heiliger Nacht ihn selber sah'n. Da reisten sie, wie sie im Traum getan. Beglückt, zu dienen heimlich einem Herrn. So fanden sie, aus Welten fremd und fern, Den einen Weg. Stumm strahlten sie sich an Und fühlten sich vom gleichen Glanz umfah'n. Die Herzen brannten, und sie eilten gern. Bald war der Wind voll Sang und Saitensxiel. Schneeflocken dufteten wie Blütenfall. Die Vogel zwitscherten vom dürren Ast. Dann sahen sie herzklopsend sich am Ziel: Da st: ,tb besternt der weißverwehte Stall, Sie traten ein und knieten: Gottes Gast. König Kaspar. z Erzählung von Paul B u s s o n. Copyright 1930 by I. L. A. Wien. Das war ein weiter Weg gewesen. Von der. Pöllwiese auf den Habichtskogel, von dort durch die Brunnstube zum Zöhrerwald, dann übers Gereuth zu den Vibergräbcn. Und zürn' Schluß kannte ich mich nicht mehr aus und war froh, als ich auf der anderen Seite ins Tal kam und den Steig nach Edlau fand, bloch immer fiel der Schnee in großen Flocken, ließ Hang und Steige unter weißen Daunen verschwinden und verwandelte Strauch und Baum in sonderbare hockende und verhüllte Gestalten. Als ich bas Haus des mir bekannten Pfarrers erreichte, mischte sich schon ein weiches Dunkelgrau ins vergehende Licht des Tages. Und so war das freundliche Angebot eines Nachtlagers hochwillkommen, um so mehr, als eine Fahrgelegenheit vor dem nächsten Morgen nicht zu bekommen war. Als ich in der behaglichen warmen Stube des Pfarrherrn saß, war es draußen ganz finster geworden, und ich dachte mehr als einmal daran, wie es wäre, wenn ich nun noch da oben am Kreuzbrückenschlag oder in den nassen Bibergräben ginge. Dann kam mir das gewölbte Zimmer im uralten Hause noch einmal so freundlich vor. Die Stieglitze im Käfig schliefen, die brave Steinöllampe sang leise, und hinter dem Gitter des gewaltigen Kachelofens sprangen rote und gelbe Feuerkoboide mit Schnalzen und Krachen um die Holzscheiter. Die Schwarzwälderuhr mit den bleiernen Tannenzapfen tickte, und hinter jeder flüchtigen Viertelstunde schrie ein kleiner, frecher Kuckuck her, der seinen Schnabel wippend aus dem offenen Türlein streckte. Ich kannte diese Stube gut, kannte die Heiligenbilder und das schöngeschnitzte, altersblanke Kreuz im Winkel, den festen, grätschdeinigen Tisch und die bequemen, eigenartigen Stühle. Und draußen trieb der Wind die Flocken ans Fenster. „Heut' ist so eine Nacht wie dazumal", sagte der Pfarrer zu mir. „Ja, damals bin ich vierspännig in die Stadt eingezogen, wie es mir gsweissagt worden war. Da schauen Sie halt! Nach dem Essen erzähl ich Ihnen die ganze Geschichte", fügte er hinzu, als die Wirtschafterin mit dem einfachen Mahl ins Zimmer trat. Als die Teller wieder abgetragen waren, ging der alte Herr wählend zu einem Wandbrett und brachte eine Pfeife mit, auf der fehr schön in Farben und Gold die heiligen drei Könige abgebildet waren. Ich sah gleich, daß dies ein echtes „Meißner Köpfet" war, sehr fein und unter der Glasur bemalt. Und auf der Rückseite stand in zierlich feiner Schrift: „Melchior und Balthasar ihrem lieben König Kaspar zur Primizfeier". Wir tränten aus geschliffenen Stutzen einen guten, leichten Wein, und um die grüne Lampenglocke zogen blaue Rauchringel. „Sind beide schon tot", sagte der weißhaarige Greis und nickte. „Der Doktor Steinbichler und der Fleidinger. Ist schon sehr lange her. Buben waren wir halt damals und die Pfeife haben mir die Freunde geschenkt, wie ich ausgeweiht worden bin. — Aber jetzt will ich Ihnen die Geschichte erzählen. Also: Einmal hat mir eine Zigeunerin aus der Hand gedeutet, wie ich ein kleiner Knirps war, und die hat zu meiner Mutter gefagt, ich würde einmal in einem vierspännigen Wagen in die Hauptstadt einziehen. Geglaubt hat meine gute Mutter das wohl nicht, aber so einen gewissen Stolz hat sie doch darüber gehabt. Wir waren fehr arm, meine Mutter und ich. Der Vater war Drechsler gewesen, hatte sich beim Drehe» mit dem Geißfuß an der linken Hand verletzt, und gleich war Blutvergiftung dazu gekommen. So hat er sterben müssen, wie ich noch in den Windeln war. Und die Mutter hak mich und sich halt so durchgebracht, wie es eben gegangen ist und bis ich den Freiplatz im bischöflichen Seminar hab bekommen. Der Tag und dann später die Primiz, das war wohl ihre größte Freud I Bis dahin hat sie sich aber schwer geplagt und abgerackert und manche Bitternis hinuntergeschluckt und viele heiße Tränen Wie ich in die Schul gegangen bin, hab' ich schon ernstlich dazugeschaut, daß ich was verdien und ihr ein bißerl helfen kann, hab' Botengänge getan für die Bauern, Vieh gehalten, im Frühjahr Veigerl gesucht und de» Frauen verkauft, die zum Markte fuhren, hab' Maikäfer gefangen für die Gemeinde, tausend Stück um einen alten Kreuzer, Reisig gesammelt und was sonst noch ein Abc-Schütze leisten kann. Einmal, am Tag vor Dreikönig — das ist jetzt, ja, neunundfünfzig Jahre ist es her, sind meine zwei Kameraden, der Fleidinger Matthies und der Steinbichler Johann gekommen und haben gefügt, ich soll mit Ujnen als Heiliger Dreikünig Sternsingen geh'n. Und weil ich gekrauste Haar hab, soll ich den Mohrenkönig, den Kaspar, machen. Ich war gleich voller Freud dabei und hab die Mutter so lange gebettelt, bis sie mir das Mitgehn erlaubt hat und mir ein weißes Uebergewand und eine Krone aus Goldpapier hergerichtet hat. Und am Dreikönigtag haben wir uns im Stadel vom Stembichlerbauern angezogen. Der Matthiesl hak den goldenen Stern von Bethlehem gehabt und der Johannes den Sack in i den wir die Sachen hineintun wollten, die wir bekommen würden, denn das Sternsingen war damals ein recht einträgliches Herumwandern voii Hof zu Hof, und die Leut' waren nicht karg gegen die singenden Buben. Der Johann hat sich noch einen langen Bart aus Flachs umgebunden und wir haben noch recht gelacht über ihn. Mir haben sie das Gesicht und dw Hände recht mit Ruß eingerieben, damit ich einem Mohrenkönig gleichscyau. Und bann sind wir fort, sind in die Häuser und haben schön gesungen. Wach aus, wach auf, mein lieber Christ, Und horch, was nun geschehen ist: Für alle Sünder und alle Frommen Ist der Herr Jesus zur Welt gekommen Als armes Kindlein auf dürrem Stroh, Und doch find Maria und Josef so froh. Zu ihm weist uns in weiter Fern' Ein schöner, goldener Himmelsstern. Und wie halt das Liedei weitergeht. Ueberall haben uns die Bauern freundlich aufgenommen, und bekommen haben wir grab genug: Silber- sehner und Zwanziger, Kletzenbrot, Mehl, Schmalz, Gebackenes und Geselchtes. Der Sack ist immer schwerer geworden und wie es zu dämmern angefangen hat, haben der Matthiesl und ich gemeint, jetzt wär's recht zum Heimgehn. Aber der Johann hat gesagt, daß wir noch nicht beim ' Ueberbacher waren, bei einem großen Bauernhof, der allein auf der Höh' steht, und daß wir dort am meisten bekommen und dazu der Ueberbacher beleidigt wäre, wenn die Sternfinger überall gewesen wären, nur bei ihm nicht. So sind mir hin und haben wirklich eine Menge gekriegt, und die Bäuerin hat uns wollen über Nacht behalten, weil es zum Stürmen und zum Schneien angefangen hat. Aber wir haben uns nicht gefürchtet und sind wieder davon. Aber draußen wir es ärger geworden, als wir uns gedacht hatten Der Sturm hat uns den dicken Schnee ins Gesicht getrieben, so daß wir nichts mehr gesehen haben. Und der Johann hat zum Weinen angefangen und den Sack nicht mehr tragen wollen. Wir haben uns auch im Wald gar nicht mehr ausgekannt, wo wir find. Ich hab dem Johann den Sack abgenommen, und bann hält' ihn sollen ber Matthiesl nehmen. Immer dunkler ist es geworben, und auf einmal bin ich ausgerutscht, und, hui, ist es mit mir auch schon über einen steilen Hang hinuntergegangen. Wie ich wieder aufgestanden bin und mich zusammengeklaubt hab', war von meinen Kameraden nichts mehr zu sehen. Da hab' ich voller Angst gerufen und gepfiffen, aber Antwort ist keine gekommen. Zuerst habe ich geweint, aber bann habe ich doch eingesehen, baß bamit nichts getan ist. De» Sack habe ich auch nicht liegen lassen wollen. Dann bin ich aufs Geratewohl weiter unb habe fo beiläufig die Richtung zu finben versucht. Aber wie ich unten im Tal war unb mich umgefchaut habe, so weit bas im Schneefall möglich war, ist mir alles wildfremd erschienen. Schließlich habe ich eine breite Straße gefunden und bin auf ihr fort« gegangen. Alles war still, der Wind hat aufgehört, und nur die Flocken haben ganz fein gesungen. Eine Zeitlang ist ein Fuchs neben mir gelaufen. Ich habe ihn im Dunkeln ganz gut gesehen und feine Augen haben grün und rot geleuchtet. Ich weiß nicht, wie lange ich mit meinem Sack bafjergeftolpert bin. Aber schließlich habe ich meine Füße gar nicht mehr gespürt unb habe mich niedergesetzt zum Rasten. Unb auf einmal habe ich einen hellen Stern gesehen, unb der ist immer näher gekommen, immer näher und so groß geworden wie die Sonne. Und mit ihm find die heiligen drei Könige gekommen, denen er voraus geleuchtet hat. Sie waren prächtig gekleidet in Samt und goldene Tressen unb trugen funfelnbe Kronen auf bem Kopfe. Und einer rauchte aus einer langen Pfeife. Sie schüttelten mich unb fragten mich, woher ich sei, aber ich konnte nicht reden. Andere leuchteten ihnen dazu mit großen Sternen, die sie in der Hand hielten. Und dann nahmen sie mich, wickelten mich in Ist Igor Stramin machen kann. , , ., m , „Nach dem Krieg, bereits zu Anfang der Revolution, habe ich Rußland verlassen, da ich im Chaos kein Betätigungsfeld für meine Kunst sah. Seitdem führe ich das rastlose Leben eines amerikanischen Virtuosen. Im nächsten Jahre trete ich in den Bereinigten Staaten als Pianist die dreizehnte Konzerttournee an. Hoffentlich wird sie mir denselben Erfolg bringen, wie die bisherigen Rundreisen. Mein Leben ist sehr unruhig, denn ich bin feit Jahren unterwegs, und ich schlafe mehr in der Eisenbahn als in meinem Heim. In der Nähe von Paris besitze ich ein kleines Haus, in dem ich mich ausruhe, wenn ich einmal Zeit habe. Wie schön wäre es, wenn ich nur für mich spielen könnte! Wenn ich keine Konzerte zu geben brauchte, um meine zahlreichen Verwandten zu unterstützen! Wie ich vor kurzem hörte, wurden meine symphonischen Werke auch m Moskau aufgesuhrt, mit großem Erfolg. Trotzdem fallen weitere Aufführungen von der Sowjetregierung verboten worden sein, da ich als angeblicher Weißgardist auf der schwarzen Liste stehe. Ich beschäftige mich aber keineswegs mit Politik und bin in meinem Innern, obwohl ich jetzt über ein Jahrzehnt im Ausland lebe, Russe geblieben. Bei meinen Konzerten spiele ich hauptsächlich klassische Werke aller Meister, mit Vorliebe den großen Deutschen Bach und den vollständig internationalen Liszt." Rachmaninow, Komponist und Klaviervirtuose. Ein Interview mit dem berühmten Musiker. Von Dr. Alexander v. Andreewsky. einer Provinzstadt nach Moskau, bekam dort eine Stellung als Kontrabassist im Orchester, heiratete später eine der reichsten Frauen Rußlands, siedelte nach Berlin über, studierte bei Nikifch, kehrte nach Nuhlano zurück und organisierte sein eigenes Orchester, mit dem er Reisen durch das ganze Land unternahm. Er mietete sich ein Wolgaschifl, quartierte dort fein Orchester ein, probte während der Fahrten und gab in zahlreichen Wolgastädten Konzerte. Leidenschaftlich setzte sich Kussewitzky sur deutsche Musik ein und scheute sich nicht, auch im Kriege deutsche Komponisten aufzuführen. Als der Polizeimeister von Moskau gegen die Aul- führunq einer Beethovenfchen Symphonie Einwände erhob, entgegnete ihm Kussewitzky: „Wissen Sie denn nicht Exzellenz, daß van Beethoven ein holländischerKomponist gewesen ist?" Der Polizeimeister gab sich mit dieser Erklärung zufrieden und genehmigte das Programm. Nach dem Umsturz juiu HCrtluctl Vut , wurde Kussewitzky von der Sowjetregierung mit diktatorischen Vollste hat sonst nichts aus der machten ausgestattet und zum Direktor der Moskauer Hochschule ernannt.. ' Er zog es aber vor, Rußland zu verlassen, und ging mit seinem Kontrabaß in der Hand über die Grenze, was der Grenzwacht keineswegs aus- fiel. Im Kontrabaß hatte Kussewitzky die wertvollen Juwelen seiner Frau versteckt. Heute ist er Dirigent in Boston, wo man ihn sehr verehrt. Wir beide haben in Moskau wohl niemals geahnt, daß wir eines Tages in der Neuen Welt eine neue Heimat für unsere Kunst finden werden. Schiffe am laufenden Band. Womit sich die modernen Schiffskonsirnkleure befassen. Von Heinrich Hauser. Moderne Schisse und moderne Navigation sind in kurzer Zeit seit 1914 in ihren Umrissen und Einzelheiten fast vollkommen verändert worden. Angenommen, der Kapitän und die Besatzung der „Titanie" — 1912 das modernste Schiss der Welt — hätten heute noch einmal ein großes Schiss über See zu sichren, sie würden es kaum zu handhaben verstehen. Zu schweigen von den „alten roettergefurdjten" Seeleuten der Segelschisse (sie sterben aus wie ihre Schisse); die würden bet der Art, wie heute durch Nebel, Verkehr und schwieriges Fahrwasser mit voller Geschwindigkeit gefahren wird, in Angst und Schrecken leben, weil sie die Hilfsmittel nicht kennen, die trotzdem Sicherheit verbürgen. Der Schiffbau befindet sich in einer so rapiden Entwicklung, daß man fast von einer Revolution reden kann. Das hier folgende ist ein Versuch, die neuen Bauideen und die neuen Formen zu analysieren. Die neue Linie. Noch vor ungefähr zwei Jahrzehnten war die Silhouette etwa eines Passagierdampfers bestimmt durch die etwas schräg nach hinten geneigten Masten und Schlote, durch einen Rumpf, der vorn und hinten aufgebogen strömen. Rein äußerlich ist der Künstler eine ausfallende Erscheinung; er ist groß und hager, und sein Gesicht, eine charakteristische Maske des Don Basilio, des unsterblichen Musikus aus dem „Barbier von Sevilla", trägt zugleich die tatarischen Züge seiner Urahnen. „Ich bin als Sohn eines Gutsbesitzers geboren", erzählt Rachmaninow, „und auf dem Land ausgewachsen. Ich hätte ein guter Landwirt werden können, wäre ich nicht von frühester Jugend an der Musik verfallen gewesen. Moskau, wo ich studierte, war das Zentrum der russischen Kunst und Kultur. Alles, was heute Namen und Klang auf dem Gebiet der russischen Kunst hat, ist in Moskau aufgewachsen. Dorthin kamen auch die hervorragendsten Künstler aus dem mittleren und dem westlichen Europa, S a r a j a t e, Hans o. Bülow, Joachim und viele andere. Bülow war regelmäßig Gast in den Philharmonischen Konzerten. Einmal dirigierte er eine Symphonie, deren Komposition Brahms gerade erst vollendet hatte. Es ist ja bekannt, daß sich Hans v. Bülow nach seinem Bruch mit Wagner stark für Brahms einsetzte. Dem Moskauer Publikum, zu dem auch ich gehörte, sagte die fremdartige Musik nicht zu, und keine Hand rührte sich, als die Symphonie beendet war. Hans v. Bülow wandte sich sarkastisch lächelnd an seine Zuhörer und sagte: „Ich sehe, meine Herrschaften, daß Sie dieses großartige Werk nicht verstanden haben. Ich will es Ihnen noch einmal Vorspielen." Er drehte sich um und spielte die Symphonie da capo. Diesmal brach ein Sturm des Beifalls im Saale aus." „Ich erinnere mich noch sehr gut an die Anfänge Stanislawskys. Als Sohn eines reichen Finanzmagnaten — er hieß damals übrigens noch Alexejew — hätte der junge Mann die traditionelle Pflicht gehabt, wie alle jungen Leute feines Standes, Karten zu fpielen, und nicht etwa Theater. Unzählige Witze wurden in der Moskauer Gesellschaft über diese Leidenschaft für die Bühne gemacht. Ich erinnere mich an eine Dilettantenvorstellung im Klub der Literaturgefellfchast, bei der ein junger, hoch- gewachsener Mensch eine komische' Rolle in einem belanglosen Lustspiel zum Besten gab. Dieser Dilettant war der Mann, der später das russische Theater zu einem Weltfaktor der Kunst erheben sollte: Stanislawsky. Auch Schaljapin sang zu Anfang seiner Laufbahn in Moskau, ohne viel beachtet zu werden. Man machte sogar seinem Intendanten Vorwürfe, einem so unbedeutenden Künstler das hohe Gehalt von 6000 Rubeln im Jahr zu bezahlen! Schaljapin eroberte sich in der Tat seinen Weltruf weiche Decken, und ich hörte eine wunderfchöne himmlische Musik von silbernen Glocken und schlief wieder ein ... Da schauen Sie halt? Na ja, so ist es mir damals vorgekommen. In Wirklichkeit waren es luftige Studenten in bunten Flausrocken und mit goldgestickten Zerevifen, die zum Stiftungsfeft ihres Korps in voller Wichs eine Schlittenfahrt gemacht hatten und nun zurückkamen; zum Gluck sah mich einer am Wege hocken und ließ anhalten, fonst wäre ich wohl gotts- jämmerlich erfroren. So aber bin ich, da sie von mir nichts erfahren konnten, im vierspännigen Schlitten des Seniors in die Stadt eingezogen, freilich im Schlaf. Aber die Weisfagung ist doch auf folche Art in Er- Ist Igor Strawinsky, der international gewordene Russe, ein Vertreter der modernen Richtung in der Musik, so ist Sergej Wassiljewitsch Rachmaninow im Gegenteil der Hüter der Tradition. Er knüpft in seiner Musik an den raffinierten Salonmenfchen Tschaikowsky an. Sein Russentum ist nicht so urwüchsig wie die barbarische Kraft eines Muss orgsky, dessen Meisterwerk „Boris Godunow", zu Lebzeiten des Komponisten mißverstanden und verhöhnt, heute zmn unentbehrlichen Bestandteil im Opernspielplan der ganzen Welt gehört. Dennoch ist Rachmaninow echter Russe; die Weichheit, die melancholische Schwärmerei seiner Kompositionen konnte nur einer slawischen Seele ent- burd) feine zähe Arbeitskraft. Seine Masken, die heute weltberühmt find, haben sich allmählich aus der gewöhnlichsten Schablone entwickelt. Spater, als Schaljapin der große Sänger geworden war, hatte die Moskauer Intendanz mit ihm nicht wenig Sorgen. Einmal hatte er einen Streit mit feinem Regisseur, schminkte sich während der Vorstellung ab, in der er die große Attraktion war, und fuhr nach Haus. Der Intendant raste ihm nach und bat Schaljapin flehentlich, sofort zurückzu kehren, was er schließlich auch tat. Das Publikum hatte inzwischen ruhig aus den guten Ablauf der Verhandlungen gewartet." Eine andere bemerkenswerte Persönlichkeit tm Moskauer Leben war , der "Dirigent Kussewitz! y", berichtet mir dann Rachmaninow. „Mit SE» s ««ää | haben, sie wüßten nichts von mir, ich sei ihnen auf einmal verschwunden. In der Nacht sind noch die Männer nach mir suchen gegangen, und wie sie in der Früh zurückgekommen sind, ist der Bürgermeister zu meiner Mutter gegangen und hat gesagt: „Gott tröste dich, Drechslerin, dein Bub ist wohl schon in der ewigen Glückseligkeit und tut beten für dich! Und ich war derweil in der Stadt, habe mir’s gut gehen lasten und gar nicht gewußt, wo ich die schönen und guten Sachen alle hintun soll, die mir die Studiosen geschenkt hatten. Ich habe auch mein Lebtag nichts über die Studenten kommen lassen. Am andern Tag haben mich zwei im Schlitten zurückgebracht, und ich habe bann mit dem Johann und bem Matthiesl redlich geteilt. Sind auch beide schon tot und in der ewigen Ruhe! Aber die Mutter! Der habe ick) wohl Schmerz und Kummer genug bereitet in derselben Dreikönigsnacht. Gesagt hat sie kein Wort, wie ich gekommen bin, nur so ein bissel mit den Lippen gezittert hat sie und mich an sich gedrückt — lange Zeit. Freilich — f" V Welt gehabt als mich!" Der Pfarrer stand auf und nahm ein vergilbtes Lichtbild von feinem Schreibtisch — das Bild seiner längst verstorbenen Mutter. Ich sah bas vergrämte, früh verblühte Gesicht einer Bauersfrau. Es war ein gewöhnliches Gesicht. Aber von ihm schien ein Leuchten auszugehen, bas sich int gütigen Antlitz des Pfarrers widerspiegelte. Vielleicht sah er auf dem demütigen Scheitel dieser armen Frau auch eine Krone, eine Krone aus strahlendem Himmelsgold, geziert mit den blutroten Rubinen aufopfernder Liebe, schöner und kostbarer als aller Glanz dieser irdischen Welt. „Kurz vor bem Krieg war ich Dirigent an ber Moskauer Hofoper. Zwischen Moskau und Petersburg bestand stets eine gewisse Rivalität; die joweit ging, baß man manchem Petersburger Künstler, ber in Moskau austrat, einen bösen Streich spielte, — ganz abgesehen bavon, daß Petersburger Lieblinge in Moskau stets kühl empfangen wurden. Deshalb wollte die berühmte Wagnerfängerin Litwin niemals in Moskau auftreten. Als ber Helbentenor ber Petersburger Oper, Jerfchow, in Moskau gastierte, würbe ihm in der Pause eine Limonade gereicht. Im nächsten Akt versagte ihm die Stimme und er brach ohnmächtig auf der Bühne Der letzte noch lebende große russische Komponist alter I zusammen! Die Limonade hatte feine Stimmbänder gelähmt. Demselben Schule, Sergej Rachmaninows befindet sich zur Zeit auf einer Sänger gürtete man in gehaffiger Weife einen Dolch statt eines Degens Europatournee. Bei feinem Aufenthalt in Berlin hat er un- um, als er in Gounods Margarethe auftreten sollte. Nun zog der ferem Mitarbeiter Unbekanntes aus feinem inhaltsreichen I Sänger in der Duellszene mit Valentin recht pathetisch den Degen mid Leben und über seine Begegnungen mit anderen großen Künst- I hielt nur einen kurzen Dolch in der Hand. Das Publikum brach in Ge- Fern enählt lächter aus, die Rache ber lieben Kollegen war vollkommen." Denselben 0 J ' Streich hat man übrigens auch einmal Leo Slezcik gespielt, allerbings in einer anberen Oper. Es hanbelt sich offenbar um einen bewährten Theatertrick, mit bem man einen Sänger auf häßliche Art lächerlich war (wie man das am deutlichsten beim einfachen Kahn sieht), und durch ein eingezogenes Heck, oft sogar noch durch einen schrägen Steven, grade Schlotes grade Masten und ein Heck, das bis zur Wasserlinie fast grade hinunterläuft. Vielleicht aber hat es überhaupt keine Masten mehr, sondern statt dessen irgendwelche Gitterkonstruktionen, keine Schlote mehr, weil es ein Motorschiff ist, und keine sanfte Wölbung im Rumpf, die inan den „Sprung" nennt, sondern ist flach wie ein Plättbrett. Dafür hat es dann möglicherweise einen dicken Bauch aus Schlingertanks. Ja, es find in den Augen des Seemanns sowohl wie in denen der Marinemaler und anderer Laien die neuen Schiffe meistens nicht so schön wie die der guten alten Zeit, weil all das Neue seine endgültige Form noch nicht gefunden hat oder weil wir erst mit neuen Augen sehen lernen müssen. Oel und Kohle. Für den Augenblick noch — wir wollen nicht mit den Erfolgen rechnen, die ein oder das andere Kohleverflüssigungsversahren in Zukunft haben kann — entscheidet sich der Kampf zwischen Oel und Kohle rein nach der Wirtschaftlichkeit. Die mehr idealen Vorteile des Oels: Sauberkeit, Staub- und Rußfreiheit werden im allgemeinen überschätzt. Oel staubt zwar nicht, bildet aber flockige Rückstände, die sehr viel unangenehmer sind als Ruß, weil sie bei Reinigungsversuchen rettungslos verschmieren. Der Kampf wird also auf den Linien des Weltverkehrs nach den Lagerstätten von Oel uni) Kohle entschieden werden. Im Kampf zwischen Kohle produzierenden Ländern wird es rationeller sein, die Schisse mit Kohle zu befeuern, zwischen kohlearmcn und erdölreichen Ländern mag das Oel gewinnen. Maschinen. Kolben-Dampsmaschinen, Dampfturbine und Dieselmotor bestehen als Triebmaschinen gegenwärtig nebeneinander. Es wird außerordentlich viel darüber geredet und geschrieben, welchem der drei Systeme die Zukunst ^ren soll. Man muß da sehr vorsichtig (ein: aus dem, was eben über und Kohle schon gesagt wurde, geht hervor, daß Dampf und Diesel mindestens noch eine ganze Weile nebeneinander bestehen werden. Die Kolbenmaschine hat bei ihren vielen Vorzügen nur den Nachteil eines schlechten Wirkungsgrades. (In neuerer Zeit hat man sie u. a. durch Hochdruckkessel sehr verbessert.) Die Turbine wurde in ihrem Siegeslauf zur See vielfach durch ihre eigene Geschwindigkeit gehemmt: sie läuft um ein mehrfaches schneller als die Schraube, die sie treiben soll. Es muß also ein vermittelndes Getriebe zwischen die beiden eingeschaltet werden. Auch müh die Schraube sich (beim Manövrieren) manchmal rückwärts drehen, eine Bewegung, die bei der Kolbenmaschine ohne weiteres möglich ist, die aber der Turbine Schwierigkeiten macht. Der Dieselmotor scheint dem rauhen Schiffsbetrieb jetzt vollkommen gewachsen zu sein. Man betrachtete ihn lange Zeit mit Mißtrauen. Bei hoher See unterliegt die Schiffsmaschine ganz enormen Schwankungen der Belastung, weil die Schraube bald ganz aus dem Wasser taucht und dann natürlich wie rasend läuft, bald in Tiefen taucht, wo der hohe Wasserdruck ihre Drehzahl stark verlangsamt. Es ist klar, daß eine Dampfmaschine solche Schwankungen besser erträgt als ein Explosionsmotor. Schiffe ohne Seekrankheit. An neuen Schiffen fallen sie als besonders häßliche Bäuche auf: das find Schlingertanks. Ein System, das bis zu einem gewissen Grade (durch Gewichtsausgleich mit Wasser) das seitliche Schlingern des Schiffes verhindert. Solche Fahrzeuge als „Schiffe ohne Seekrankheit" zu bezeichnen, ist nicht ganz richtig. Abgesehen davon, daß das „Stampfen" (Schaukeln in der Längsachse des Schiffes) erhalten bleibt, unterliegen begabte Personen der Krankheit auch bei vollkommen ruhiger See. Trotzdem bedeuten diese Tanks eine große Verbesserung. Merkwürdig oft werden „Schlingertanks" mit „Tankdampfern" verwechselt. Tankdampfer sind Spezialschifse zur Beförderung von Flüssigkeiten, und zwar meist von Oel. Ihre Maschine liegt hinken, um Feuersgesahr möglichst zu vermeiden. Schiffe in Masscnsabrikalion. Die Amerikaner haben zuerst Schiffe fabriziert. Im Gegensatz zu dem gesamten übrigen Schiff„bau", der in seiner Individualität so weit ging, daß selbst sogenannte „Schwcsterschifse" niemals völlig gleich ausfielen. Amerikanische Schisse sehen meist häßlich aus; sie sind eckig und plump, oft ohne Masten und flach, ohne „Sprung"; man erkennt sie daran schon auf mehrere Meilen. Schuld an der Häßlichkeit sind gewissennaßen wir. Denn der U-Boot- krieg veranlaßte erst die Amerikaner dazu, Schisse wie Autos upd Kragen- knöpfe zu fabrizieren. Da war es billiger und einfacher, auf schöne Wölbungen zu verzichten. Es kam ja auch gar nicht darauf an, den U-Booten besonders elegante Schisse vor die Rohre zu legen. Moderne Navigation: Der Kreiselkompaß. Auf eine populäre Darstellung seiner Wirkungsweise fei hier verzichtet. Populäre technische Beschreibungen gehen meist an den interessantesten und hübschesten Einzelheiten aus Gründen der Verständlichkeit vorbei. Es genügt zu wissen, daß ein Kreisel, den man mehrere tausend Mal in der Minute drehen läßt, sich aus den exakten Norden einstellt. In der Praxis nimmt man meist nicht einen, sondern drei solcher Kreisel. Die Anlage ist ziemlich umsangreich und tief im Bauch des Schiffes untergebracht; sie heißt „Mutterkompaß". Die Kompasse, die auf der Brücke stehen, sind ihre „Töchter". Solche Anlagen, die sehr teuer sind, verwandte man zuerst nur auf Kriegsschiffen. Heute ist jeder große Passagierdampfer damit ausgerüstet. Aus Frachtdampfern ist der Kreiselkompatz noch nicht eingeführt. Die Vorteile des Kreiselkompasses, dem alten Magnetkompaß gegenüber, sind schon sehr bekannt: die Magnetnadel 3eigte nicht die wahre Nordrichtung, sondern nur die Richtung des magnetischen Nordpols an, die von der des geographischen verschieden ist, außerdem besaß jeder Kompaß einen reinen persönlichen Fehler. Das wäre alles nicht so schlimm gewesen, wenn diese beiden Fehler sich stets gleich geblieben waren; sie sind aber an jedem Ort der Welt verschieden, andern sich mit der Zeit und mit der Ladung. Ja, aus Kriegsschiffen konnte man es erleben, daß die Magnetnadel jedesmal in die Richtung schielte, in die eins der großen Geschützrohre grabe geschwenkt wurde. Der eiserne Steuermann. Seit einigen Jahren fahren große Schisse mit unheimlicher Geschwindigkeit durch die Welt, ohne daß ein Mensch sie steuert. Passagiere erleben es bei Besichtigung der Brücke immer wieder staunend und beinahe mit Entsetzen, daß das Steuerrad sich ganz von selbst hin und herbewegt, während der Steuermann, ober wer es sonst sein mag, spazieren geht. Das hängt auch mit dem Kreiselkompaß zusammen und eignet sich nicht für Beschreibungen ohne Bilder. Es ist ein magnetisch elektrischer Apparat, der in Verbindung mit dem Kreiselkompaß das Schiss auf jedem gewünschten Kurs in grader Fahrt erhält. Bei ruhigem Wetter und auf weiter See, wo tagelang der gleiche Kurs gesteuert wird, arbeitet der Apparat vorzüglich und besser als der Mensch. Bei sehr rauher See und bei häufigem Kurswechsel muß aber der Mensch wieder den Apparat ersetzen. Denn der Apparat kann nicht denken. Selbst bei sehr schwerem Wetter und hoher See halten Wellen, die ein Schiff aus seinem Kurs werfen, einen bestimmten Rhythmus ein. Ein Mensch erkennt die kommende Bewegung schon vorher und richtet sein Steuern danach ein: er gibt beispielsweise vor einer anrollenden Welle, die das Schiss nach rechts aus feiner Richtung werfen wird, dem Steuer eine ausgleichende Linksbewegung. Die Maschine aber arbeitet blind, sie korrigiert, ohne den Rhythmus der Störungen zu erkennen, und überlastet daher oft die Rudermaschinerie. Ebensowenig ist sie natürlich dort zu brauchen, wo nach Landmarken und nach dem Kommando eines Lotsen gesteuert werden muß. Lucia. Erzählung von Ernst Zahn. (Fortsetzung.) 2. Die zwei Mädchen hatten eine gemeinsame Stube. Und sie war schöner als Giorgina es erwartet hatte. Sie war wie eine Insel in dem schmutzigen und dunkeln Hause. Ihr kleines Fenster lag so, daß es zwischen zwei Nachbarhäusern hindurch noch eben ein winziges Stück Grün erblicken konnte, das zur Alpe des Marco gehörte. Auf dem Gesimse stand ein Rosenstock mit roten, schweren Blüten. Das große, breite Bett, in dem die Mädchen schliefen, hatte einen sauberen Bezug aus weiß und blauem Baumwollstoff. Hier fühlte sich Giorgina nachts recht wohl; denn sie meinte bann, 3Jlarco sei ihr ganz nahe. Und Marco bedeutete ihr die Freude von Marogno. Nicht daß sie ihr Herz ganz und gar dem Hirten verschrieben hätte, dafür hatte sie zu zahlreiche Anwärter auf dieses schon in Bellenz zurllckgelassen, allein sie dachte nicht mehr wie im ersten Augenblick daran, ihren Aufenthalt in Marogno abzukürzen, sondern sie lieh es sich da wohl gefallen, weil eben Marco da war. Am Morgen nach der Ankunft hatten die Mädchen den Hirten auf feiner Alpe besucht. Giorgina hakte dazu gedrängt, Lucia es weniger eilig gehabt. Sie ahnte, daß sie dabei eigentlich überflüssig sein werde. Ueber- slüssig war sie auch gewesen, Marco hatte dem Gaste seine ganze Zeit gewidmet. Lucia redete sich ein, daß dem so sein müßte, daß Marco ihr ja auch einmal alle die Berge erklärt, die man von der Alpe bei Bosco aus sah, daß er ihr die Höhle gezeigt, die in einem Felsen am Alpausgang sich befand und auch vor ihr feinen Hund allerlei Kunststücke hatte machen lassen. Aber sie war doch traurig; sie konnte sich über die Giorgina nicht mehr freuen, begriff nicht, warum sie sie so gern gehabt, hatte kein Vergnügen an ihrer Ferienzeit und sah den hellen, herbstlichen Himmel nicht mehr. Ihr Herz brannte sie. Und doch ging sie wieder und wieder mit zur Alpe. Giorgina wollte es so, und sie war ja noch immer die Tochter des Padrone. Die Alpe war ein Garten Gottes. Sie lag nicht (ehr hoch, sonst hätte Marco nicht alle Augenblicke im Dorf auftauchen können, allein sie lag hoch genug, daß die Tannen nur mit ihren Spitzen auf ihre grüne Fläche schauten und die Einsamkeit auf ihr Königin war. Ein Garten Gottes war die Alpe del Bosco. Selbst Lucia fühlte das noch und liebte das Kurzgras, das weithin vor ihren Füßen stand, von gelben und blauen und dunkelvioletten Blumen durchstickt. -Schmetterlinge, die beinahe noch farbiger als die Blumen waren, taumelten über bas weiße Felb wie vom Winde verbissene Blütenblätter, unb manchmal strich ber Winb selbst über bie kurzen buftenben Halme unb zog seltsame Furchen durch sie. Das war schön, dachte Lucia. Kleine Glocken klangen, merkwürdige, ganz tonlose, wie aus gebrochenem Metall und daneben silberne, feine, wie singende Kinderstimmen. Sie tönten urplötzlich an allen Ecken und Enden auf, wo man sie gar nicht vermutet hatte, und gaben jetzt nur einzelne Laute her und jetzt eine ganze Melodie, klangen bald wehmütig und bald ausgelassen, je nachdem die Schafe unb Ziegen, bie sie trugen, langsam meibeten ober in Sprüngen sich ergötzten. Das war schön, dachte Lucia. Jetzt kam Marco. Nicht Marco, der Mann, sondern Marco, der Hund, das große, gelbe, zottige Tier. Immer, sobald er Lucia erblickte, kam er über die Weide gelaufen, wedelte mit dem Schweife und legte den Kopf auf ihre Knie. Er machte sich mehr und mehr an sie heran und sah sie mit den großen, braunen Augen verlangend an, bis sie feinen Kops streichelte. Das war schön, dachte Lucia. Marco, der Hirte, aber und Giorgina streiften über die Alpe hin ober saßen hinter einem Steinblock. Sie konnten nicht bei Lucia sitzen; denn Marco hakte feinem Gaste immer noch so vieles Neue zu zeigen. Aber fie paßten zu ber Alpe. Lucia, obschon ihr Herz traurig war, sah mit einer Art Andacht ben zwei schönen Menschen zu, wie sie miteinanber wan- belten. In ben lässigen, freien Bewegungen ihrer Körper allein schon lag ein seltsamer Rhythmus, als wären sie immer so nebeneinanber geschritten. Sie fühlte, daß sie zueinander gehörten, und fie bewunderte ebenso die Giorgina unb ihre blassen, kühlen, weichen Augen, wie sie erst jetzt so recht ben Blick bafür bekam, bah Marco der schönste Bursche war, der ihr je Überwegs gekommen. Freilich stand, wenn sie Marco sah, eine im Hofe, oder sie schlenderte mit ihm noch über den einsnmen Wiesenpfod, der hinter den Steinhütten des Dorfes vorbeiführte. Jetzt tat Giorgina die Tür auf und schob sich mit einer mchren, schlangenhaften, aber anmutigen Bewegung herein. Sie hatte, wie Lucia bemerkte, ein wenig gerötete Wangen, so als sei sic rasch gelaufen, auch zitterte ihre Lippe wie in leiser Verlegenheit. Sie fühlte, daß sie für ihr Wegbleiben eine Erklärung geben sollte: allein, da sie von Marco nicht sprechen mochte, trällerte sie nur vor sich hin, bestrebt, zu beweisen, daß sie in einer Stimmung vollständigen Gleichmuts sei. Sie ahnte auch, daß sie in diesen Tagen die Zuneigung der kleinen Lucia eingebüßt, und daß sie dieser im Wege war. Die Herzlichkeit im gegenseitigen Verkehr, die Lucia und Giorgina in Bellenz, auf der Herreise und noch in der ersten Zeit ihres Aufenthalts zu Marogno gehabt hatten, war ihnen verlorengcgangen. Lucia freilich fühlte sich noch zu sehr als Dienerin, als daß sie unfreundlich geworden wäre; aber sie hatte ausgehört, mehr mit Giorgina zu plaudern als sie mußte und diese wiederum nahm sich die Mühe nicht, daran etwas zu ändern. Giorgina war eitel und oberflächlich. Sie hatte gegenwärtig wenig anderes zu denken, als daß es vergnüglich sei, mit Marco, dem Hirten, zu spielen. Höchstens, daß sie von der einen Spielerei aus an die verschiedenen Techtelmechtel sich erinnerte, die in Bellenz angesponnen blieben und diese je nach dem Grad der Zuneigung wertete, die sie just für Marco empfand. Lucia galt ihr innerlich nicht viel. Ihre Gutmütigkeit und Dienstwilligkeit hatten ihr gefallen, und so lange jene sie mit guten Worten und Taten umworben, hatte sie sich das lächelnd gefallen lassen, allein die eingetretene Kühle machte ihr keine weitere Beschwer. Auch jetzt schickte Giorgina sich nach Ueberwindung der flüchtigen Befangenheit an, sich zu entkleiden und tat, als wäre die andere Luft. Lucia aber verlor die Geduld. Warum erzählte Giorgina nicht, wie sie früher getan, von ihren Erlebnissen? Warum war sie falsch? In einem Gemisch von Zorn und Kummer fragte sie plötzlich: „Ist Marco unten gewesen?" Giorgina sah sie an und lachte halb dumm, halb hinterhältig. „Natür- lich", gab sie zurück. „Er ist jetzt immer bei dir", fuhr Lucia beharrlich fort. Als sie das sagte, empfand sie neben dem Schmerz, der sie brannte, etwas wie Ergebung, ja eine leise, wehmütige Freude. Am Ende, wenn Marco der Giorgina gut war, sie waren ein schönes Paar, sie paßten merkwürdig zusammen! Wenn jetzt die andere ihr gestanden hätte, daß sie den Hirten liebe, würde Lucia ihr vielleicht um jenes willen gut gewesen sein. Aber Giorgina zuckte mit der Schulter. Es war, als ob sie sagen wollte: Was schert mich Marco. „Er liebt dich", sagte Lucia erregt und mit ängstlichem Ernst. Wieder hob Giorgina die Schulter. „Das tun sie doch alle", prahlte sie, nun wirklich belustigt. Lucia ereiferte sich. „Das ist bei ihm anders", sagte sie. „Du kennst ihn doch nicht. Er liebt dich nicht so nur für einen Tag." „Ader für vierzehn", lachte die Giorgina auf. Vierzehn Tage wollte sie in Marogno bleiben! Lucia verstummte plötzlich. Zuerst war ihr ganz kalt. Dann packte sie heiße Entrüstung und zugleich ein heftiges Mitleid mit Marco. Sie nahm ihre Bluse, die sie schon ausgewogen hatte, vom Stuhl und näherte sich der Tür. „Wohin willst du?" fragte Giorgina. „Ich schlafe nicht mehr bei dir", sagte Lucia. Die Erklärung kam so plötzlich und war mit einem so stillen Ernste abgegeben daß die andere einen Augenblick lang nicht wußte, was sie sagen sollte. Dann aber half ihr der angeborene Leichtsinn über die Lage hinweg. Sie lachte auch dazu und legte sich ohne die Lucia zu Bett. Allmählich erst regte sich in ihr ein (eifer Aergcr, aber sie war zu faul, um den tieferen Ursachen von Lucias Wesen nachzuspüren. Sie beschloß nur, bald nach Bellenz zurückzukehrcn. Dort, so dachte sie, würde die Lucia bann schon wieder zur Vernunft kommen. Lucia aber legte sich in die Stube der Nona. Die Alte murrte, als sie zu ihr ins Bett kroch, und fragte, was ihr einfalle. . Lucia stieß ein heftiges „nichts" hervor und hatte nicht die geringste Furcht vor der Mürrifchheit der Großmutter. Die Nona wurde ganz wach von dem Ereignis. Sie erkannte die Enkelin kaum wieder. *'2lber bann umspannten zwei kurze Arme ihren Körper unb Lucia drängte sich gegen sie. Die ganze kurze Gestalt zitterte und zuckte. Und als sie mit der einen runzligen Hand nach dem Gesicht Lucias fastete, wurde sie naß von ihren Tränen. Die N«w erriet allerlei, vielleicht nicht alles richtig: aber sie stieß die Kleine nicht aus dem Bett, wie sie es in der ersten verdrießlichen Ueber- raschung beinahe getan hätte. Sie tätschelte sie vielmehr unwillkürlich aus den Kaps und begann etwas zu summen. Das war ein alten Wiegenlied. Sie Haffe es schon feit fünfzehn Jahren nicht mehr gefungen, feit die Lucia klein gewesen. Und sie wußte nicht mehr recht, wie es ging. 3. Giorgina sand am nächsten Morgen, daß es besser fei, mit ihrem Aufenthalt sogleich ein Ende zu machen; denn auch die Nona zeigte ihr saft etwas wie Feindseligkeit. Sie packte ihre Sachen. Frühstück hatte sie noch bekommen. „Ich fahre heim", sagte sie zu Lucia. „Ich fahre mit", entgegnete diese. Giorgina sagte nicht, ob ihr das passe. Sie ging aus dem Hause. Lucia sah sie nach der Alpe bet Bosco steigen. Ob sie am Enbe doch mit Marco einig würbe? buchte sie. Unb sie wartete ftunbenlang auf ihre Rückkehr. Mit ber Nona sprach sie nicht. Sie hatten nie gelernt, miteinander zu reden. Marco begleitete Giorgina, als sie um die Zeit des Mittagessens zurückkam. Inzwischen hatte auch Lucia ihr Bündel geschnürt. (Schluß folgt.) ganze Heerschar von Schmerzen in ihr auf. Sie erinnerte sich, daß sie sich wohl über das Mitkommen der Giorgina und die Heuntehr unb die Ferien gefreut, daß aber doch bas Eigentliche, bas Endziel ihrer Freude Marco gewesen, Marco, ber mit ihr gegangen, wie er jetzt mit ber an» beren ging, ber einmal in seiner Sternennacht auf ber Alp ihr zugeslustert hatte sie habe ein Gesicht wie die Madonna. Sie Haffe ihn em für allemal au ihrem König gemacht, unb nicht gebucht, baß sich etwas ändern konnte. Unb nun? Die beiben vergaßen ihrer. Giorgina war ja immer freunb= lich zu ihr. Sie sprach ihr nur nicht von Marco wenn sie allein beisammen in ihrer Kammer waren, unb es schien Lucia, bah sie ihr das boch schuldig gewesen wäre. Unb Marco tot erst recht, als fei nie etwas anberes als eine kühle Bekanntschaft zwischen ihr, Lucia, unb ihm ge- tücfcn. Einmal, als sie zu lange allein gelassen, schlenderte Lucia hinter den beiben anberen her. Sie hätte nicht gewagt, sich ihnen auszudrangen, allein sie hatte bas Bedürfnis, irgendwie und ganz von fern sich ihnen bemerkbar zu machen, damit sie wieder einmal ein Wort zu ihr sprachen. Das war auf ber Alpe. Marco unb Giorgina verschwanben hinter einem Lucia schritt über ben Mpgrunb. Mit den Holzpantoffeln zertrat sie bann unb wann eine Glockenblume ober eine Lichfnelke, aber wenn sie es gewahrte wich sie beiseite, als habe sie etwas Böses getan; Denn mit Wissen tat sie auch ben Blumen nichts zuleib. Sie tarn an den Felsblock unb hasste von jenseits bie anberen roieber erblicken zu können. Da horte sie plötzlich ihre Stimmen ganz nah. Sie blieb erschreckt und unschlüssig ftchcn Jene schienen sich zu necken, denn Lucia hörte Giorgina mit lachendem nein" unb „laß mich" sich Marcos erwehren. Aus einmal vernahm sie ihren eigenen Namen. Giorgina sprach ihn in ihrer seltsamen verhaltenen unb boch lockenden Art aus. „Lucia hat sich aus dich gefreut , sagte sie. Lucig tarn nicht von ber Stelle. Sie vernahm Marcos Antwort: „Sie ist ein gutes, kleines Ding." .. . , , „Es wäre manche froh, wenn sie so hübsch wäre , fuhr Giorgina fort. Der Kopf auf dem Körper. Unmöglich!" gab Marco zurück. Und Giorgina kicherte. „Wie eine Puppe, bie einen nicht zu ihr gehörigen Leib angenähf bekommen", meinte sie Lucia fühlte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht stieg. Sie hielt sich mit den Händen bie Ohren zu. Ja biefem Augenblick brach Marco, ber Hunb, hinter bem Felsen hervor unb sprang mit einem kurzen Bellen auf sie zu. Sie hatte vielleicht meinen wollen, aber bas Tier umwedelte sie; sie mußte es streicheln, und so war ihr nur sehr wirr zumut, als drehe sich die ganze Alpe mit ihr. Dann tarnen bie anderen. Sie schienen zu ahnen, daß sie etwas von dem Gespräch erhascht haben könnte. Sie waren verlegen. „Setz dich zu uns", sagte Marco gnädig. Sie gehorchte, ohne zu wissen, was sie tat. Ader es war merkwürdig, als sie neben ben anberen am Fels saß, vergaßen sie ihrer wieder und Marco spielte mit Giorginas aschblondem Haar. _ .. .. Lucia drückte zweimal heimlich eine Trane aus, die ihr ins ^Marco e5 „ichf. — Ein anderer Mensch, ein anderes Mädchen in Marogno bi Sopra, bas war ein Ereignis gewesen! Unb biese Giorgina! Es war nicht wie ein Blitz in ihn hineingesahren. Aber seif er sie zum erstenmal gesehen, hafte es von seinem Herzen aus ihn mit seltsamer, rinnenber, fteigenber Wärme burchströmt bis in jede Pore. Jetzt sprühte in ihm schon aus schwelender (Blut zuweilen eine Flamme. Er saß neben Giorgina und sah über die grüne Alpe. Zuweilen tat er einen schrillen Psiss, wenn eine ber Ziegen sich zu entfernen schien ober bie grauweiße mächtige Herbe der Schafe sich der Alpseife zu sehr nahte, wo ‘bie Grasebene in jähem Felsobsfurz münbete. Der Hunb setzte in großen Sprüngen hinüber und trieb bie Tiere zurück. Marco sah gedankenlos zu aber daneben lauschte er mit allen Sinnen nach ber hinüber bie an seiner Seite sah. Er tändelte mit ihrer Hand, mit ihrem Haar, bem er bie Nadeln entnahm, daß bie Flechten sich lösten. Unb zuweilen schob er einen Arm um ihre Hüfte unb zog sie näher an sich heran. Giorgina lachte viel, ein leises, lorfenbes Lachen. Sie blickte ihm oft plötzlich gerabe unb mit Bebeutung in die Augen, unb wenn feine Finger sich um bie ihren schloffen, gab sie den Druck bewußt und mit einem redenden Zögern zurück. _ Es war ein Sviel, das sie miteinander trieben. Aber Marco geriet immer mehr in Eifer, während Giorgina nur ihr Augenblicksgefallen daran hatte iund es fertig brachte, sich bann unb wann plötzlich nach Lucia umzubrehen, als ob sie sie neckisch fragen wolle, was sie zu allem sage. ■ „ , ,, ... Die kleine Lucia saß auf Kohlen. Nie in ihrem Leben hafte sie sich fo wenig zu benehmen gewußt. Zuletzt, als sie es nicht mehr aushielt, sprang sie auf, stammelte etwas davon, daß sie heim müsse und ging, ohne sich ein einziges Mal umzusehen, dem Alpausgang zu. Dabei war ihr, als tändelten noch immer bie beiben anderen neben ihr unb in ihren Ohren ober vielleicht mehr in ihrer armen flatternden Seele tönte bas Wort Marcos nach: Der Kopf auf bem Körper! Unmöglich! An biefem Adenb suchte Lucia zum erstenmal in bem Spiegelscherden, ber in ihrer Stube hing, mehr als nur ihr Gesicht zu sehen. Sie maß ihre Arme, sie schritt in ber Kammer auf unb ab, in bie Giorgina noch nicht getreten war, unb suchte sich zu vergewissern, ob sie wirklich ein zwergenhafter Mensch sei. Sie erwachte zum Bewußtsein ihres Körpers. Was bie Spötteleien ber Wirtsgäste zu Bellenz nicht vermocht, das bewirkte jetzt der Kummer über Marcos Ausspruch. Sie dachte über sich selbst nach unb belog sich nicht. Sie sah, daß alles so war, wie Marco sagte ja es schien ihr viel schlimmer. Sie kam sich unsagbar häßlich vor. In diesem Augenblick hörte sie Giorginas Schritte. Sie kämpfte mit bem Weinen. Aber bann nahm sie sich mächtig zusammen. Sie wußte wohl, woher die andere kam. Marco stand ja jetzt jeden Abend bei ihr unten Verantwort!«vr. Han« CTr : ■" Druck i '? ?rl--a Vrühl'sche Universitäts-Bucb- und Eieindruckerei. V. Lange, Gießen.