GiehMlZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Freitag, den 4. Dezember Nummer 95 Knecht Rupprecht. Von Theodor Storm. Von drauß vom Walde komm ich her; Ich muß euch fugen, es weihnachtet sehr! Allüberall auf den Tannenspitzen Sah ich goldene Lichtlein sitzen; Und droben aus dem Himmelstor Sah mit großen Augen das Christkind hervor. Und wie ich so strolcht durch den finstern Tann, Da rief's m.ch mit Heller Stimme an: „Knecht Rupprecht", rief es, „alter Gefell, Hebe die Beine und spute dich schnelll Die Kerzen fangen zu brennen an, Das Himmelstor ist aufgetan, Alte und Junge sollen nun Von der Jagd des Lebens einmal ruhn; Und morgen flieg ich hinab zur Erden, Denn es soll wieder Weihnachten werden?" Ich sprach: „O lieber Herre Christ, Meine Reise fast zu Ende ist Ich soll nur noch in diese Stadt, Wo's eitel gute Kinder hat". „Hast denn das Sacklein auch bei dir?" Ich sprach: „Das Säcklein, das ist hier: Denn Aepfel, Ruß und Mandelkern Fressen fromme Kinder gern". „Hast denn die Rute auch bei dir?" Ich sprach: „Die Rute, die ist hier: Doch für die Kinder nur, die schlechten. Die trifft sie auf den Teil, den rechten". Christkindlein sprach: „So ist es recht; So geh mit Gott, mein treuer Knecht". Von drauß vom Walde komm ich her; Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Run sprecht, wie ich's hierinnen find! Sind's gute Kind, sind's böfe Kind? Leben in Einsamkeit verbracht. Von Anton Schnack. Hog Island, das Richard Hardy dreizehn Jahre bewohnte, gehört zum Crozzet-Archipel, der taufend Kilometer von der letzten festen menschlichen Ansiedlung entfernt, fast in die unruhige, ewig stürmische Packeisgrenze der Antarktis hineinragt. Die Meergebiete dieses südlichsten indischen Ozeans waren fürchterlich. Die Insel war eine uralte oerwetterte Steinbarriere, an die der Ozean ununterbrochen brüllend ankochte. Von Ende Mai ab bis in den Dezember hinein beschlug sich ihr Gestein mit Eis. Schnee bedeckte Ihre vulkanischen Urschründe. Bitteres, wüstes Gestrüpp, Flechten und blaues Moos wuchsen auf ihr. Der Baum mar dort aus- gestorben. Richard Hardy, schrullenhaft und voller Verachtung, ein Leidenschaftlicher der Einsamkeit, tat mit dem erften Schritt auf den Strand der Insel ein Leben hinter sich, ein gegeißeltes, trauriges Leben, das ihm nur Betrug, Haft, Kummer und Schande gebracht hatte. Damals, als er mit einem kleinen Boot vom Schiff abstieß, war er fünfundfünfzig Jahre alt, von mittlerer Statur, die er durch einen sehr geraden Gang größer zu machen schien. Er hatte dichtes, schwarzes Haar, das nach her linken Kopfseite hinstrebte, widerspenstig und ungeordnet. In fein Gesicht mit den kühlen Augen war von ehedem eingezeichnet: der Stein, die Kälte, das Schweigen und äußerste Einsamkeit. Der Mann hatte auf den Meeren gelegen, Jahr für Jahr, war auf den unglaublichsten und schmutzigsten Kähnen gewesen und hatte zuletzt in Walfischkocheroien sich ganz unempfindlich gemacht. Plötzlich marterte ihn nur der eirie Gedanke: vollkommene Ruhe zu haben. Ruhe und sonst nichts mehr. Ruhe vor Behörden, Kapitänen, Schissen, Hafenkneipen, Weibern und Sorgen. Ruhe vor dem Slang der Matrosen und der Musik der Tingeltangel. Gerade Musik haßte er besonders. Man hatte ihm, als ihn in Australien die Gesellschaft für Schiffbrüchige für den Dienst auf der Insel anwarb, eine Geige angeboten. Zum Zeitvertreib, zum Spielen und zur Erlösung von der Sehnsucht. Er schaute nur verächtlich auf sie. Er kam sich auf der Insel wie der erste Mensch im Paradiese vor. Endlich war er allein und er kniete sich auf den Felsen und betete. Mit Befriedigung betrachtete er oft die Weltkarte, die in feinem Blockhaus hin; vor seinem Auge lagen winzige Punkte, Riesenstädte, Anhäufungen von Menschenunrat und Torheit, London lag daraus, Kapstadt, Buenos Aires, Sidney, Bombay und hundert andere mehr. Er lächelte, weil sie ihn nichts mehr angingen. Er freute sich, daß er ihnen entronnen war und sie me mehr sehen würde. Richard Hardy hatte sich in den dreizehn Jahren Steine nach verschiedenen Farben gesammelt und sie gezählt. Sie gingen in die Tausende. 3n ein dickes Buch, mit fetten Fingerabdrücken an den Rändern schrieb er feine Funde. „Heute am 12. Mai, vor dem dritten Schneefall dieses Jahres, an der Südspitze einen gelben Ouarzstein gefunden. Er ist fast rund, makellos, einfarbig und zeigt nur in der Mitte einen dünnen faden- artigen Strich aus Schiefer. Dieser Strich ist schwarz und schimmert, senk- recyk unter die Wintersonne gehalten, fast blau." Ein andermal: „Die Brandung an der Eelipsebuchk hat vier längs« geschnittene violette Kiese herausgeworfen. Sie sind von mildem Schein- mir scheint zu Stein gewordene Blumenblätter. Wo mag die große Ader fein, von der sie die Meerkraft abgerissen hat?" Oder er schrieb hinein: „Rebel und Dunst feit vielen Tagen. Dahinter höre ich schwimmende Eisberge an die Steinriffe krachen. Ich wache. Ich bin ganz allein. Wissen das die Barbesucher von Sidney oder London daß unter dem eisigen 50. Grad südlicher Breite ein alter Mann lebt' allem, nur mit Stein, Fisch und Albatros; ein Mann, der sich geschworen hat, zu schweigen, den die Welt sicher für lächerlich hält und für einen gebet men Narren. Ich bin aber kein Narr; denn ich verdiene 25 Pfund tm Jahr und habe nichts zu tun als zu essen und zu warten bis Schiffbrüchige mich um Nahrung, Kleidung und andere Dinge bitten." Hardy liebte leidenschaftlich die paar Tage vor der Regenperiode, die ani?J}9s Dezember den Winter ablöste und bis in den Mai hinein rauschte, flutete und brauste. Diese Tage liebte er wegen der ungeheueren und grasgrünen Wetterleuchten, die von allen Himmeln ins Meer fielen und wieder zurückglänzten. Da hielt er sich fast die ganze Nacht im Freien auf; unterhalb seiner Blockhütte saß er an einem Felsengefchiebe öas wie ein riesiger Stuhl aussah und wo er mit einem Hammer Stufen ausgeschlagen hatte. Er erschien sich, hier sitzend, wie ein verschollener ©oöengott, dem die Anbeter fehlten. Er dachte sich: ich bin ein alter, meiner König, an den äußersten Rand der Welt gesetzt, um zu wachen. ., fahren war kein Schiffbruch mehr vorgekommen. Wer hier scheiterte, mußte warten bis der Proviantdampfer von Australien kam der die Proviantspeicher ausfüllte und ergänzte. Cs waren hier Mehl und Hafergrütze, Konserven, Pökelfleisch, Benzin, Leder, Reis, Bohnen Jiogel unb vieles andere mehr deponiert. Hardy kannte die Insel bis zum kleinsten Stein und Strauch; ihr Hauptteil bestand aus Urgestein das fürchterlich hart war. An der Westseite hatte sich Kalk darüber gesetzt Hier hinein waren auch die Lagerräume für die Depots einqefprenqt worben. Des Mannes Hauptarbeit bestaub darin, täglich die Aufdewah- rungsftatten zu kontrollieren, damit keine Feuchtigkeit sie verdarb. Es kam vor, daß im Winter auch die Spuren von Eisbären um die Depots herumliefen. Das waren Tiere, die von riesenhaften Eisschollen in strengen Wintern herübergetrieben wurden. Er sah sie nie. Die Bären verschwanden wieder hinter den Eisbarrieren. Hardy war begeistert von der Ungebundenheit seines Lebens. Auch ihn hatte das Aroma der Weltmeere entzückt. Er hatte eine genaue Liste aller Schiffe angelegt, auf denen er von Hafen zu Hafen gefahren war. Er kannte Südamerika, ganz Afrika, er war im indischen Archipel bekannt, er hatte sich auf dem Mittelländischen Meer und auf dem Allan- hfefjen Ozean herumgetrieben. In Europa hatte er, von der Schule in Manchester fortlaufend, seine ersten Seefahrten gemacht. Er dachte sich damals, lieber einmal ein Grab im Ozean als dreißig Jahre Magister oder Schuhmacher in einer englischen Kleinstadt. Es gab nichts Bezaubernderes für ibn als Schiffsbretter, Eifenstifte und Teer und bann die Finsternis der Meere unter sich zu haben. Tiefsinnig war er nicht, aber er war traft Veranlagung und Ersah- rungen frühzeitig mit den Menschen fertig. „Was brauche ich Umgang mit Menschen?", war oft seine Ueberlegung. Der Mensch hatte ihm zuviel Interessen, und er sagte sich immer wieder, da er ein eigentümlicher Beobachter war, daß nur noch die Steine, die Vögel, die Fische und Pflanzen ein Sein hätten. So tarn es, daß er sich um den einsamen Wachtdienst auf der weltverlorenen Insel bewarb. Einmal dort, sprach er kein Wort mehr. Denn er war der einzige Mensch auf der Stein- und Schneebarriere von Hog Island. So bildete er auch die eigentümliche, höchst verwunderliche und fast entsetzliche Gewohnheit des Nichtspr-chens heraus, die Hardy in den australischen und südafrikanischen Äüstenplätzen zu einem Spuk machte und ihm einen steinernen Ruhm gab. Keiner der Matrosen lächelte ober spottete über Hardy, ber für sie alle ein grausames unb schweres Leben ertrug. Jebes Jahr schickte bie Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ein Verproviantierungsschiff nach Hog Islanb. Das kam so: an ber westlichsten ber Crozzetinseln war ein Johr vorher, im Sturm eines Februarmorgens, bas französische Schiff „Tamaris geftranbef unb unterqegangen. Von ben sechsunbzwanzig Mann ber Besatzung reiteten sich breizehn. Diese breizehn, halbnackt, ohne Hilfsmittel unb Nahrung, sahen sich bem schrecklichen Leben auf dem unfruchtbaren unb vereisten Stein ausgeliefert. In ihrer Not fingen sie Advent. Von G. M i g e o b. Süßes Wissen von geheimen Wundern, die verschwiegen keimen! — Engel reichen leise — leise, gar geheimnisvoller Weise lächelnd sich von Hand zu Hand bis hinab zur Wintererde, bis zum Tag des heilgcn „Werde" sternenklar — ein Wiegenbnnd. der Koch des Walsängers: „Hier ruht Richard Hardy, ein Freund der Schiftbrüchigen." Sie nagelten die Tafel an eine Stange und steckten sie in die Erde. Sie tranken nach dieser bitteren Arbeit noch einmal Branntwein und gingen zum Strand, wo ihr Boot lag. Der Walfänger schaukelte sich daußen, vor der hohen Brandung. einen Albatros am Strand und banden ihm eine kleine Kupferplatte um den Hals. Auf dieser Kupferplatte stand: „Rettet sofort die dreizehn Monn des Schiffes Tamaris. Sie befinden sich ohne alles auf Crozett. Sie find in höchster Not!" el flog, durch die Kupferplatte am Hals verrückt gemacht. Der Bogel flog, durch die Kupferplatte am Hals verrückt gemacyi, in wahnsinniger Flucht davon. Fischer fanden ihn erschöpft und dem Tode nahe bei Freemantle an der Westküste Australiens. Er hatte 4000 Seemeilen zurückgelegt. Sie lösten die Platte vom Halse und lasen. So kam eine der unwahrscheinlichsten Rettungen zustande. Man nahm die Geschichte zum Anlaß, die gefährlichen Inseln des Crozzetarchrpels zu verproviantieren und von einem Monn betreuen zu lassen. Hardy kam als Wächter dorthin. Gleich im ersten Jahr schien Hardys Benehmen den Leuten vom Verproviantierungsschiff verwunderlich. Er erwiderte den Gruß und die Frage des Kapitäns und der Leute nicht. Weder die Fragen nach feinem persönlichen Ergehen noch nach dienstlichen Angelegenheiten. Hardy überreichte dem Kapitän nur ein großes Blatt Papier, das mit den Sätzen begann: „In den Magazinen von Hog Island fehlen ..dann kam die Aufzählung der Nahrungsmittel, der Brennstoffe, der Kleidungsstücke, der Handwerkszeugs, die für ihn oder für eine schiffbrüchige Mannschaft von Nutzen waren. Hardy überwachte schweigend die Ausschiffung und ordnete ohne Laut nur mit Gesten und Fingerzeigen, die Unterbringung an. Beim Abschied für ein Jahr legte Hardy die Hand an die Mütze, gab jedem die Hand und blickte jedem tief und fest ins Auge. Mehr Zeremonien gab es nicht. „Bleib gesund, Hardy', sagte der und jener. Und wieder machte der undurchdringliche Hardy die Bewegung an die Mutze, aber „danke" kam nicht über seine Lippen. ™ Was ihm vor allem den Ruhm eines großartig spleenigen Menschen nab, war der kaum ausgebildete Neuigkeits- und Wissenstrieb. Das verblüffte alle. Nicht sprechen wollen, das schien noch allen, die es erlebten ober baoon erfuhren, verständlich. Aber baß Hardy keine Briefe und Zeitungen las, schien vielen der Gipfel des Hochmuts oder geistiger Verfinsterung. „ , ,, _ ., James Franklin war der erste Kapltan, der es erlebte. Er war mit Hardy stillschweigend zum Blockhaus gegangen, um mit eigenen Augen die Lücken in den Depotständen nachzuprüsen. Bei dieser Gelegenheit hatte er Hardy auch viele Briese und Zeitungen gegeben. Hardy nahm den ganzen Stoß, Grüße, Erkundigungen, Geschwätz, Neugierde, auch den Pack Zeitungen nahm er und warf alles, ungelesen und unbesichtigt, vor den Augen Franklins in das Feuer. Der Kapitän war wie vom Schlag getroffen und schrie ihn an: „Aber Hardy, warum liest du nicht? Es sind vielleicht wichtige Dinge darunter!" Der aber schaute ihn an, als hätte er die unsinnigste Frage der Welt an ihn gerichtet. Er drehte sich um und deutete an die Wand,-wo auf einem Brett ein paar dicke Buchfolianten lagen, als wollte er damit jagen: „Genügt das nicht? Ist darin nicht alles, alle Weisheit, Sehn- such, alle Menschenqual, alles Wissenswerte und Wichtige!" Der alte Kapitän wußte nur etwas von der Bibel, Shakespeare und Milton, die beiden anderen Bände kannte er nicht. Die Kunde von der Begebenheit, überall weitererzählt, machte wie ein Abenteuerbericht die Runde von Schiss zu Schiff, von Walfänger zu Walfischfänger und von Kneipe zu Kneipe. Der Mann von Hog Island erwarb sich in Australien, in ganz Südafrika und in halb Indien einen Ruhm, von dem er, ganz im Gegensatz zu anderen Berühmtheiten, nichts wußte. Dreizehn Jahre hatte Hardy schon auf der Insel zugebracht. Er schlief viel, er schrieb in seine Bücher, er untersuchte täglich seine Depots, er ging auch manchmal auf den Fischfang und auf die Jagd nach Robben und Vögeln. Im vierzehnten Jahre seines Insellebens hatte Hardy eines Morgens nicht mehr die Kraft aufzustehen. Er wußte nicht, wie krank er war. Er hatte Fieber und spuckte Blut. In seiner Feuerstelle war die Glut ausgetzangen. Es war einer der wenigen kalten Sonnentage, nachmittags von einem schönen Sonnenball durchglüht, gegen die Dämmerung zu bekam das heraufziehende Gewölk Ränder von Rosa und Weiß. Tiefe Traurigkeit kam in das verwahrloste Gesicht des Mannes. Die Traurigkeit des allerletzten Gedankens, der nicht mehr weitergedacht werden kann. Tausende und Huiiderttausende von Aerzten laborierten in den Städten der Kontinente, klopften den Kranken die Brust ab, reichten ihnen Pillen und Tropfen oder schnitten mit Messern in ihren Gedärmen herum, lieber Hardy kam der Schatten des Unendlichen. Er richtete sich stöhnend, die schmutzige linke Hand wie einen Greifsuh von sich gestreckt, empor und hielt sich, ganz auf die Knochen der Rechten gestützt einen Augenblick. Vor ihm an der Wand standen die Bücher, die paar Freunde feiner Einsamkeit, die Bibel, Shakespeare und das „Verlorene Paradies" von Milton. Er kannte die Bücher nicht mehr. Sein Gesicht war eine leere, erschlaffte Maske. Er hörte auch nichts mehr. Dos Meer war wie immer unruhig und donnernd. Die Kalte kam in der Nacht zum erstenmal nach der Regenzeit mit bitterer Wildheit. Sein Körper, der eine Jacke aus Lammfell trug, wurde dürr und steif. Er fiel zurück auf fein Lager. — So fand ihn der Harpunift eines amerikanischen Walsängers, der zuerst in das Blockhaus von Hardy trat. Sie waren gelandet, da sie Mangel an Mehl hatten. Der Harpunist wagte, vom Geruch zurück- geschlagen, sich nicht weiter vor. Sie beratschlagten sich und tarnen zu dem Entschluß, die Hütte mit Fett und Iran zu überschütten, anzu- brennen und die Asche zu begraben. Sie nahmen die Mützen herunter und standen einige Augenblicke still. Vielleicht beteten sie. Vielleicht schauerten sie vor der unendlichen Einsamkeit, die ihnen aus dem Blockhaus entgegenwehte. Aber da es rauhe und entschlossene Männer waren, gaben sie sich nicht lange ihren Gefühlen hin. Sie tranken eine Lage Branntwein, schossen eine Salve aus drei Gewehren über das Blockhaus und zündeten es an. Es brannte bis zum nächsten Morgen. Was Asche war, kratzten sie zwischen den Steinen und Felsbrocken hervor. Sie gruben und hieben ein Loch in die Erde, die sie zwischen Zwei Felsadern sanden Auf eine Holztafel schrieb O Straßburg! Aus einem Notizbuch von Wilhelm Hausen st ein Lebendigkeit und Helle der Stadt sind offenkundig; Jovialität und Wendigkeit der Bewohner, ihre Heiterkeit, ihre Lust am Zweifel, ihre Ironie, ihr sinnliches und geistiges Behagen am Dasein sind immer da. So müßte man auch als Gast vergnügt durch die Gaßen und über die Plätze gehen. Wohl — und dennoch ist das Vergnügen me ohne eine dunklere Kehrseite (fo wie es Blätter gibt, die oben hell und unten dunkel sind): die Heiterkeit des Gastes ist nie ohne einen Unterton von Schwermut. Wie kommt es? Kommt es allein von der Erinnerung an traurige Lieder? „Zu Straßburg auf der Schanz, da fing mein Trauern an " Oder der Vers von den vielen Soldaten, ine in dieser Stadt begraben liegen ... Die Serie fingen sich immer ein wenig selbst mit, wenn man im Schatten der Lauben hinstreicht und, vorüber am Gutenberg, zum Münster einbiegt. Aber es geht gewiß nicht bloß um diese Erinnerung an Berse, die wir in der Schule mit zehn Jahren prigen mußten — angeweht von einer vorzeitigen Melancholie. Vielmehr ist es wohl so, daß sich auf diese Stadt der Hauch des Schicksals niedergeschlagen hat, eines mannigfach ernsten Schicksals, eines wechselvollen und gefährlichen, und daß dieser Hauch nun wie eine Patina geronnen liegt, die man zwar nicht sehen, aber spüren kann Ich sitze bei Doyen an einem kleinen runden Tisch, vor einer Pastete und einem roten Portwein, und es geht mir gut; aber inmitten pes Wohlbehagens bin ich beklommen. Ich sehe die Leute bet Olivier sitzen und die feinen süßen Sachen verzehren, und begegne ihnen aus per kleinen Estrade vor dem Carlton, wo sie sich mit einer am Spietz gebratenen Niere oder sonst was Gutem recht andächtig beschäftigen — dort an dem steinernen Halbrondell des Bahnhofsplatzes, das fernen provinzialen Reiz hat: aber inmitten ihres so natürlichen Straßburger Wohlbehagens scheinen mir diese Menschen, diese genießenden, lachenden, Witze werfenden Einheimischen doch ihr besonderes Zeichen zu tragen, das gröblich nicht zu faffen, ihnen selbst auch nicht bewußt, von einem heiklen geschichtlichen Klima hergekommen ist ... Nun — vielleicht ist diese vermeinte Wahrnehmung meine persönliche Hypochondrie? Aber wie dem sei: es ist wohl kaum zu leugnen, daß diese Stadt seit dem Kriege trüber geworden ist. Man ist etwas zu lässig in der Art französischer Mittelstädte — und auch dies gehört zur melancholisch-heimlichen Patina. Zu dieser Patina, über der e,n rech.er Straßburger Himmel so silbrig grau, so unendlich süß, so balsamisch und so verführerisch schimmert. . , ,, Es ist nicht etwa so, als ob die Stadt in der berühmten „wirtschaftlichen Hinsicht" lebloser geworden wäre. Die Geschäfte, höre ich, gehen nicht übel, und allenthalben, schon zwischen Rhein und Stadt, stoßt man aus neubauliche Kennzeichen wirtschaftlicher Betriebsamkeit. Aber gleichwohl, die Stadt wirkt nicht mit der Frische, in der wir sie, als mir jung waren und sie besuchten, zu sehen meinten; ach, blumig ist sic nicht — so blumig, wie sie uns, so scheint mir, ehedem einmal vor- fam Da steht sie: bezaubernd wie je, und wieder, wieder verhext sie mich; aber sie ist auch seltsam abgestanden. Ja. Wenn ich es nicht selber bin, der abgestanden ist. Was weiß ein Mensch? Zuerst zum Münster. Da ist es ausgesahren, mit einer steilen und unvergleichlich graziösen Gebärde aus dem Erdboden mitten in der Stadt Da hat es sich errichtet hoch hinauf, schlank wie eine feine Frau, gotisch strebend, als wolle er den Himmel treffen, und dabei, o Wunder, beständig und klassisch klar. Woher dieser Eindruck des Klassischen? Hat die Nähe des Lateinischen atmosphärisch herübergewirkt >n dies meisterliche Baubild, an dem Goethe den Geist der deutschen Baukunst aus exemplarische Weise begriff? , Und noch einmal wundert man sich, muß man sich wundern: blesma über das Rot des Steins. Das Münster ist rot, graurot, rosalila; rot wie der Vogefensandstein, wenn er alt geworden und von den Iayr- bunberten gleichsam umflort ist. O die e Kathedrale, diese Stirnseite, dies Münstergesicht ... Kann man anders hinschauen als mit dem Entzücken, auf dessen Grund die Iran« wartet, um aufzusteigen — ein Gleichnis der Beglücktheit und hunder - faltigen Trauer, die eins geworden find? . , . ... Fest steht die Fassade und leicht dabei, leicht wie ein schwebender Dichtergedanke. Reich steht sie und ganz deutlich; voll von Zierat u dennoch durchaus wesenhaft. .... «n,a Wie könnte ich darauf verzichten, den hundertmal gemachten Leg zu wiederholen: den Weg nach rechts hinüber, zu dem Seitentorm, den Standbildern der „Kirche" und der „Synagoge . Diese Cccletz verharrt in ruhiger und klarer Kraft und blickt mit der Wurde -wer unerbittlichen, ober noblen Siegerin zur Synagoge hinüber. Die Synag j steht tragisch beschämt, mit der Binde, die den Blick gefangen nimmt, und mit dem gebrochenen Stab des geschlagenen Glaubens, mit dem geneigten Haupt und dem hängenden Arm der Wehrlosen. Dazu mit einer Eleganz ohnegleichen. Aber diese damenhafte Eleganz ist in lauter vornehme Melancholie gefaßt. Die Seele des Standbildes der Synagoge ist lauter edle Schwermut. Ein Sieg und eine Niederlage. Wohl der Menschheit, wenn beide sich so ausdrucken — so menschlich und so ganz im Schatten Gottes ... Die Vollkommenheit der Figuren über den drei Fronttoren grenzt ans Unglaubliche. Ein Gesicht, die Mimik eines Gesichts kann nicht entschiedener sein als bei diesen Standbildern der Propheten, der klugen und der törichten Jungfrauen, des Fürsten der Welt und der Frau Sünde und dieser steinernen Mädchen mit den gesenkten Lanzen. Welche Energie des Lebendigen in Physiognomien, Gestaltung, Haltungen, Gebärden. Welche gespannte Fülle des Persönlichen in den bildnishaften Antlitzen, die herabkommen könnten und zwischen den wandelnden Kirchgängern könnten getragen werden. Aber immer ist das Persönliche, so wie der Himmel es will, da auch das Beispiel des Ganzen und Allgemeinen. Und noch: welche Zivilisation in diesen steinernen Erscheinungen (eine gleichsam gesellschaftliche Feinheit, an der, so meint man zu fühlen, auch der Westen mitbestimmenden Anteil hat); aber zugleich der vollendete Stil der G r ö ß e. Wie seltsam, daß die Steinsiguren, die um die Portale und darüber mit der Dichtigkeit einer Saat aufgegangen sind, fast schwarz erscheinen, bleigrau zum wenigsten und graphitgrau; der nachgedunkelte Ton des Steins hat den Erscheinungen einen doppelten Ernst auserlegt, und das an sich schon Einschneidende der Standbilder scheint sich und uns in diesem Schwarz noch einmal zu verpflichten. Innen mutet der Stein des Münsters manchmal um «inen Grad trüber an, als draußen; es ist ein Lilarot und Rotgrau, das den Zustand einer erlauchten Halbtrauer zu verewigen scheint. Man hat nun zwischen den Pfeilern des Mittelschiffs Gobelins auf- gchängt: Wirkteppiche des achtzehnten Jahrhunderts, die den Namen des Pierre Damour aus Paris tragen. Wie reizend der Name des Teppichmachers und wie erwärmend Farbe und Stoff des Gobelins, die in der Zeichnung zwar etwas banal find. Alles in allem würde ich mir dies Innere, gerade dies, freilich ohne Teppiche wünschen. Ich suche mir die romanische Größe des Chors, aus dem die Kirche wie aus einer geheimnisvollen Höhle hervorgetreten, wie aus ihrer Gruft auserstanden zu sein scheint, und folge dem Kaleidoskop der uralten Scheiben und lasse mich in den Bann der Rosette schließen, der schönsten, die es für mich; gibt. Sie ist das Rad der Unendlichkeit. * Draußen auf dem Platz sieht es ein wenig aus wie auf dem Frankfurter Römerberg; die geschnitzte Renaissance des Kammerzellhauses könnte dorthin versetzt werden, und man würde es kaum merken. Die Füße wandern, das Auge blickt, die Seele hebt ihre Fühler. Dies Straßburg aus rotem Haustein, aus grauem Putz, als altbraunen Ziegeln und aus grauem Schiefer. Die Häuser in der französischen Art des vorigen Jahrhunderts, vielleicht unter dem dritten Napoleon gebaut und mit Balkongittern geziert, die den unteren Teil der hohen schmalen Fenster sichern. Dächer nach der Art des Mansart, mit Kmestocken aus dem Barock des vierzehnten Ludwig, der diese Stadt genommen hall Das stattliche und gemütliche Barock des Palais Rohan, in dem d,e Pracht der Bischöfe residierte (jetzt ist ein Museum mit einem Konrad Witz darin) gelber Sandstein zur Ausnahme mit einem schonen Schieferdach, durch einen stolzen Hof isoliert, zwischen Münster und Fluß. Neben den qeschieferten Barockdächern uralte Spitzgiebel, hoch, eng, oder die Schuppen von Ziegeldächern, die über einer waagrechten etirnlime ausbranden wie Wellen. Gotische Staffelgiebel und der freiere gezierte Schwung der Renaissance. Alles ist beisammen, in unbefangener Mischung. Die Gassen biegen sich in die Rundheit der Stadt und laufen im Halbbogen und Überraschen von Perspektive zu Perspektive. Heber hohe Gartenmauern der Altstadt hängt das Grüne her. Straßburg ist wässerig: an der Jll stehen Fischer (einer schläft im Kahn unterm Regenschirm, der ihm tue Sonne abhält); am Ufer knien Wäscherinnen und fetfen unb reiben, Eneten und schwemmen; die Flut ist sommerlich trag, st.mmerl.ch trubgrun und lau Am Wasser der Jll der schwere romanische Körper der ^homa^kirche, deren schlichte Steinröte das triumphale Barock des Marschallsgrabes umheat der Gruft von Moritz von Sachsen. Und die schonen Platze Klebe?,' Broglie. Klares Barock aus rotem Sandstein: die Aubet e am Kleber und das Palais am Broglie, unb am Broglie auf ber Abschluß- feite auch die reine rote Klassik bes Theaters mit ben Säulen. Da haben sie ben Rheinbrunnen des Meisters Hildebranb weggetan; man faßt es nickt... Am Restaurant blühen Oleanber zartrot unb die Granatbaum- tben feuerrot in weißen Kübeln, unb bie Kellner haben lange weiße Schürzen an. An Jung-Sankt-Peter find wieberum die kluger. unb törichten Jungfrauen da — unb ungeheuer, erschreckend der drastische Ausdruck der Schadenfreude im (Befielt.einer von ben ersten, xurdj. ben romanischen Kreuzgang gehen und sich e.chch.eßem Ueberbensttllen Kreumana fliegen Rufe hin, tm reinsten elsässischen Dialekt. Drautzen mieber bie entzückende Balustrade aus dem Platz — und dann alles zum zweiten, zum dritten Male bis zu dem Abend. Wie könnte man Straßburg verlassen, ohne bei Valentin gegessen zu haben. Ein feines Essen, unb bes Zotzelbergers gedenkt mein (Baumen bis ,u diesem leider nur geschriebenen Augenblick... Alles tm Restaurant ist braunes Hol, mit Gold unb mit Spiegeln. An den spiegeln sitzen bronzene Lämvckenroieangeflogene Falter Von der Decke hangen Rena.ssance- lülter In bZ Spiegeln sieht man, wie ber eigene Kops vorn guten Eßen und Trinken röte? wird. Aus einem Tisch inmitten des Raumes steht das ßnfk hnr Atrntihiiraer __ eine üriQefd)nittene (Bdnfeteberpoftete. ffi’ÄTÄ ««*» gorb darum her Silberpapier unb eine breite »orte Fett Auf dem Bod n liegen dicke Teppiche, über die der schwere Kellner tonlos geht. An den Fenstern gehäkelte Vorhänge, von vorgestern. Gott sei Dank. Arie in) diese alte Unsachlichkeit liebe — ganz abgesehen davon, daß sie vermutlich tausendmal besser kocht als die neue Sachlichkeit. Hinter dem Pult mit Madame erhebt sich eine ganze Apotheke mit Gänseleberterrinen. In einem Spiegel ist ein großer Rosenstrauß gespiegelt, ein wenig leblos, ein wenig mechanisch, ein wenig traurig. Sehr traurig, wenn man ihn genau besieht... Zwei Stunden bis zum Zug. Was wird man treiben? Sich vor das Münster setzen, an der kleinen Kneipe mit den heraus» gestellten Efeuwänden, unb hinaufblicken bis über dem nächtlichen Gebirge ber Münsterfront bie Spitze sich zu neigen beginnt... Hinausschauen unb glücklich unb traurig sein. Unb an das Dächermeer denken, wie es einem entgegenbranbet, wenn man auf der Münsterplattform steht. Und jetzt — jetzt rollt ber mitternächtliche Zug über die Rheinbrücke. Sie bonnert wie ein Gewitter, unb aus ber Schwärze funkelt bas Wasser bes Stroms, bes teuersten, herauf wie taufend Blitze. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Cafpar von Zobelti tz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) In dem Augenblick öffnete sich die Wagentür und ein Herr sagte: „Na, ich glaube, bas macht ber Bretthauer boch besser, gnäbiges Fräulein." Sie blickte hin und sah: Leo Queis. Er stieg aus, kam mit ausgestreckter Rechten auf sie zu. Sie stand verdattert unb erstaunt ba, verblüfft. Und während er sagte: „Der Zufall regiert ..." dachte sie: „Jetzt mache ich das blödeste Gesicht unter der Sonne". Dann raffte sie sich auf: „Nun zitieren Sie bloß nicht weiter irgend was Klassisches, ich bin sowieso schon auf dem Wege nach Weimar." Woraus er: „Das heißt: vorläufig liegengeblieben." Bretthauer hatte sich unterbeffen ben Schaben angesehen; er redete nicht viel, sondern ließ schweigend den Wagen wieder herunter, fetzte ben Heber erst einmal richtig senkrecht unter die Achse und drehte ihn dann wieder hoch. Einen mißbilligenden Blick warf er auf (Bertie. Wenn sich die Weiber schon ans Steuer setzen! Die beiden ließen Bretthauer ruhig arbeiten und gingen ein Stück Chaussee talwärts, machten kehrt, schlenderten an dem Wagen vorbei bergan. Sie kamen schnell ins Erzählen: warum bes Wegs auf (Berties Seite, woher ber Zufall auf seiner. Sie hatte mehr zu berichten, sprach baher auch mehr: von ihrem Engagement, von Fleischmann unb mit einiger Berechnung von Isa; sie dachte, er würbe auf bas Thema „Isa" näher eingehen, es hätte sie interessiert, auch einmal ihn, ben Abgewiesenen, zu hören. Sie war ein weibliches Wesen. Aber er äußerte sich nicht zu dem Punkt, was sie wiederum verstand. Er war völlig auf das Gegenwärtige eingestellt, begrüßte die Nachbarschaft von Weimar unb Scherkalben; es fei eine Halde Autostunde; sein Hauptfinanzamt läge in Weimar, schon besfjalb sei er oft bort, ein höchst prosaischer (Brunb für einen solch poetischen Ort, aber schließlich sei der Geheimrat von Goethe auch schon immer um die Finanzen seines Herzogs besorgt gewesen. Nein — im Goethe-Theater sei er noch gar nicht gewesen, aber er hätte viel Anerkennendes gehört, zöge jedoch Berlin vor, das einen mit feinen Leistungen zu sehr verwöhnt habe; aber jetzt ... er würde natürlich zur Premiere kommen. Sie waren zu dem Wagen zurückgekehrt, Leo Queis ging mit Kennerblick um (Berties Roadster herum, den Bretthauer wieder auf feine vier Räder gestellt hatte. „Nettes, kleines Bing", sagte Queis, „sowas fehlte mir eigentlich. Selbstfahrer. Ich bin immer an meinen schweren Kasten gebunden." Da kam (Bertie ein Gedanke, er überfiel sie so plötzlich und so freudig, daß sie ihre Frage im Posaunenton herausstieß: „Wollen Sie ihn kaufen? Sie können ihn billig haben." Er unterbrach seine Wanderung, blieb vor ihr stehen, lachte. „Verrückte Idee." „Nein, gar nicht verrückt. Ich kann ihn in Weimar nicht gebrauchen. Ich bitte Sie: eine blutige Anfängerin mit ’nem Auto. Das ist doch von vornherein schief. Also: nie wieder dagewesene Gelegenheit; lassen Sie sich nicht entgehen; über den Preis werden wir uns schon einigen." So schnell war er aber nicht zu dem Geschäft zu bewegen. Dagegen schlug er vor: „Sprechen wir nach dem Essen weiter davon; ich habe Hunger, Sie sicher auch, und in Scherkalden steht das Mittagessen bereit. Darf ich Sie bitten, bei mir zu frühstücken? Mutter Brandei kocht nicht schlecht, unb es liegt fast aus bem Weg." (Bertie sagte ja. Man einigte sich: er setzte sich an das Steuer seines Mercedes, sie hockte sich neben ihn, und Bretthauer suhr ihren Roadster nach. Wieder ging es ins Tal hinunter, diesmal nach ber Ilm, mieber bergan, bann bog Leo Queis von der Chaussee ab und in einen Nebenweg ein, eine Weile querten sie Hochwald, als er sich öffnete, lag Scherkalben vor ihnen. . (Bertie wußte: ein Schloß, ein großer Gutshof, Brennerei, Kartoffelflockenfabrik, Sägewerk, Großtischlerei, Spänepresserei. Isa hatte ihr von allem erzählt, womit die Großmutter sie nach dem Queisfchen Besitz locken wollte; nun aber war sie doch erstaunt über bie Mächtigkeit ber Anlage: inbuftrialifierte ßanbroirtfdjaft, Fabrikschlote, Felbbahnan- schluß, Arbeiterkolonie. Sie hörte mit Schwatzen auf, sah sich nach rechts unb links um und war etwas benommen, als der Wagen etwas abseits der Betriebe in einem Park vor einem mächtigen, alten Schloßbau hielt unb ein alter Diener mit weißem Kaiser-Wilhelm-Bart bie breite Freitreppe herunterkam, um ben Schlag zu öffnen. Das hatte sie benn boch nicht erwartet. Sie kam sich plötzlich klein unb fchulmädchenhaft vor unb die väterliche Wohlhabenheit samt Konserven- und Schokoladenfabrik und der Dahlemer Villa sank in sich zusammen. Während sie ausstieg, ließ sie ihren Blick die Schloßfassade entlanggleiten: lange Fensterfronten, zweistöckig, Mansardendach, die Ecken betürmt, aber nicht etwa Zuckcrbäckertürme, sondern alte, massive Rundpfeiler, gebaut, um, wenn es not tat, auch eine Kugel abzuhalten. Ihr fiel das gotische Ehepaar im Naumburger Dom ein, das hatte wohl auch jo gehaust, und ihr Respekt wuchs. Sie schritt mit Queis die Treppe hinauf, hörte, wie er zu dem alten Diener sagte: „Noch ein Gedeck mehr, Berstel, das gnädige Fräulein bleibt zu Tisch." „Soll ein Fremdenzimmer gerichtet werden?" „Nein, das gnädige Fräulein fährt nachher weiter. Das Gepäck bleibt auf dem Wagen, den Bretthauer bringt." Sie kamen in eine Halle. Ein Mädchen in schwarzem Lüsterkleid und Hamburger Häubchen wartete, nahm Gertie Ledermantel und Kapp« ab, führte sie dann in ein Zimmer, wohl eines der Gastzimmer, drehte die Hähne der Wasserleitungen über einer eingebauten Waschschüssel auf, legte Handtücher zurecht, verschwand, kam wieder mit Seife, Kamm, Haarbürsten, knickste und verschwand aufs neue. Wieder sah sich Gertie erstaunt um: durchweg alte flandrische Möbel, ein Säulenbett, ein wunderbar geschnitzter Stollenschrank, Truhen, hochlehnige Stühle, auf dem Boden lange, echte Brücken. Sie trat an das Fenster: ein weiter Blick ins Land — erst eine große Rasenfläche, die sich gegen einen Buchenschlag senkte, dahinter Thüringens Berge. „Ist das schön", dachte sie und dann plötzlich: „Ist die Isa ein Schaf — Donnerwetter!" Und mit dem Gedanken hatte sie sich wieder, mußte lachen, eilte nun zum Waschtisch, steckte die Hände in das laue Wasser, wusch sich den Staub vom Gesicht, fuhr mit Kamm und Bürste über das Haar. Als es klopfte, stand Gertie vor dem hohen Spiegel zwischen den Fenstern und hielt ihre Taschenpuderdose in der Hand, dies goldene Etwas, das ihr auch so jammervoll klein in den Ausmaßen dieser Umgebung vorkam. Aber sie konnte doch schon ganz klar: .herein!" rufen und sich die Meldung: „Es ist angerichtet, gnädiges Fräulein!" gelassen anhören. Sie saß nicht mit Queis allein bei Tisch; es war da noch eine sehr schlanke, sehr große und sehr flach beabsatzte Hausdame, bis oben in stumpfes Schwarz gehüllt, die ihr als Fräulein Markus vorgestellt wurde, und die sie störend empfand. Der Diener mit dem weißen Bart stand vor der Anrichte, steif, stumm, nur mit den Augen winkend, ein anderer Diener, glattrasiert und noch sehr jung, reichte gemeinsam mit dem Mädchen im Lüsterkleid die Schüsseln. Nur einmal bewegte sich der Alte, als Queis sagte: „Bitte, etwas Fachinger", da nahm er die Flasche von der Anrichte hinter sich, kam leise und gemessen an den Tisch, schenkte erst Gertie und dann Queis ein. Das Fräulein Markus hielt die Hand über das Glas und sagte: „Ich danke". „Spinöse Wachtel", dachte Gertie und sah auf Queis; er tat ihr plötzlich leid. Es war ein wenig qualvoll, dies Esten zu brüt. Es wollte kein Gespräch in Fluß kommen. Dies Fräulein Markus wirkte eben wie ein Eiskübel; der Raum war zu groß«, die Dienerschaft erstarrt. Die Tradition lastete. Erst als sie in Leo Queis’ Arbeitszimmer saßen, in tiefen Sesseln um einen kleinen Rauchtisch, und Berstel geräuschlos den Kaffee servierte, sanden sie den kameradschaftlichen Ton wieder. Gertie entdeckte, daß auf Leos Schreibtisch eine gewisse geniale Unordnung war; Stöße von Papieren beiderseits der Schreibunterlage, Zigarettenschachteln, Zeitungen, Bücher in friedlicher Nachbarschaft; das tat ihr wohl; sie sah: hier wurde gearbeitet, aber nicht kleinlich, nicht so dressiert, wie sonst der Haushalt war, den bas Fräulein in Schwarz, gestützt auf bie Autorität bes Hausherrn, unter der Fuchtel hielt. Queis kam auf Peter zu sprechen. „Tante Treutsch sorgt sich um den Jungen", sagte er. Sofort nahm Gertie Peters Partei. „Sorge ist, glaube ich, jetzt nicht mehr nötig. Er wird sich schon durchbeihen. An ihm ist nur zuviel gesündigt worden. Auch von Ihnen, Graf Queis." Er war erstaunt. „Nanu? Wie kommen Sie auf bie Jbee?" „Sie haben Peter Weihers Schwächen auch immer unterstützt, ihn, wie alle seine Freunde, auf bem falsche» Gleis gelassen. Hunbert ober taufenb Mark schenken ist oft leichter als Arbeit geben unb Pflichtgefühl wecken. Der Kern in Peter ist gut, er war nur in Gefahr anzufaulen." Er sah sie an: Wie kgm dies junge Ding zu solcher Erkenntnis? „Sie haben recht, gewiß. Ich werde ihm nun auch weiter helfen." Da fiel sie ein. „Um Gottes willen, helfen Sie ihm nicht. Lossen Sie ihn sich nur allein helfen. Er muß sich jetzt schinden und muß Freude an diesem Schinden haben. Er wird diese Freude bekommen, sowie er die ersten Erfolge sieht. Aber selbsterrungene Erfolge müssen es fein, nicht Protektionserfolge." „Und Sie glauben, er wirb burchhalten?" sowohl, ich glaube es. Hält er nicht durch, so soll er vor bie Hunbe gehen. Jetzt hat er eine Chance. Vielleicht bie erste in seinem Leben überhaupt. Läßt er bie sich entgehen, bann habe ich mich getäuscht: bann taugt der Kern auch nichts." „Unb dann soll man ihn einfach fallen, abrutschen lasten?" „Ja!" Gertie sagte es fest, säst hart. Er horchte auf, hörte ben Ton wohl. „Würbe Ihnen bas nicht leib tun?" Einen Augenblick zögerte sie, sah burchs Zimmer nach ben Fenstern hin, sah durch die Fenster auf die blauen Berge. „Mir leid tun..." gedehnt sagte sie es, „gewiß, aber man soll in unserer Zeit Weichlingen nicht nachtrauern, sie schaden nur sich selbst und der Allgemeinheit. Sollen sie untergehen." Wieder hatte er nicht gleich eine Entgegnung. Er sah sie an, konnte sie unbemerkt ansehen, weil ihr Blick noch immer ins Weite ging. Was war das für ein Mädel? Sicher noch nicht zwanzig und sprach wie ein gereifter Mensch, war im Luxus ausgewachsen unb riß sich aus dem Luxus heraus, um Schauspielerin zu werden; hatte das vorhin auch „Arbeit" genannt, wollte ihr Auto abgeben, weil es nicht zu einer Anfängerin patzte, setzte sich für Peter Weiher ein, war aber ebenso bereit, ihn zugrunde gehen zu lassen, wenn er nicht tüchtig war. „Sie haben Peter gern?" fragte er. Gertie wandte sich ihm wieder voll zu. „Er ist Isas Bruder, und Isa ist meine Freundin." Da war wieder der Name. Ein Schatten flog über (ein Gesicht, sie sah es und faßte zugleich ben Entschluß, nun ganz ehrlich zu sein. „Hören Sie, Gras Queis", sagte sie, „Sie müssen mir mein Auto abtaufen. Ich brauche bas Gelb. Nein — nein, unterbrechen Sie mich nicht, ich werde Ihnen alles auseinandersetzen." Unb sie berichtete: vom Streit mit ihren Eltern, von ihren Plänen, von ihren Aussichten. „Ich werde ganz bescheiden in Weimar leben, aber es wird trotzdem mehr kosten als meine Gage. Ich werde Garderobe brauchen, davon hängt viel ab für eine Frau. Ich kann mich auch nicht mit äußeren Sorgen im Anfang herumschlagen, wenn ich geistig arbeiten soll. Und ich will nicht bei meinem Vater betteln gehen." Ruhig hatte er zugehört. „Gut", sagte er bann, „ich will Ihnen bas Selb borgen. Aber bet Wagen bleibt Ihnen. Keine Widerrebe. Sie lassen ihn als Pfand hier." ♦ Mutier Rose rief Isa an. „Wollen Sie nicht heute abend zu uns kommen? Wir möchten gern mit Ihnen über Gertie sprechen. Ja? Das ist lieb von Ihnen. Mein Mann holt Sie um halb acht ab. Er kommt ja fast bei Ihnen vorbei, wenn er vom Büro nach Dahlem fährt." Ganz kurz war das Telephongespräch, so kurz, daß Isa gar keine Zeit blieb, nein zu sagen. Und sie hätte es gern gesagt, denn sie hatte sich vor dieser Auseinandersetzung mit ©erlies Eltern, die ja unausbleiblich kommen mußte, schon von allem Anfang an gefürchtet. Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Don Gertie hattc sie nur eine Postkarte bekommen: „Gut gelandet. Schreibe vorläufig Weimar hauptpostlagernd, wenn Du was von ben Eltern hörst. Herzlick st Deine Gertie." Sonst nichts. Die Karte steckte sie in ihr Täschchen, als sie sich abends fertigmachte. Dann war sie ein wenig enttäuscht, als Vater Rose nicht im Auto saß. „Der Herr wäre verhindert, liehe sich entschuldigen", meldete der Chauffeur, „er führe direkt nach Dahlem " So stieg Isa ein endlos lang kam ihr heute der Weg vor. Sie mußte daran denken, wie oft fie ihn mit Gertie gefahren war: Den Hohenzollern- damm herunter, am Roseneck vorbei und bann links in bie Villenstraßen hinein. Gertie hatte immer geschwatzt unb gelacht; jetzt saß da vor ihr der Chauffeur und zeigte ihr seinen breiten Rücken, der große, geschlossene Wagen war ihr fremd, der kleine Roadster war ihr vertraut gewesen. Dann mußte sie im Salon auf Mutter Rose warten, ging unruhig zwischen ben neuen Chippenbale-Möbeln hin unb her. Stanb vor der Vitrine unb blickte auf bas viele Porzellan, auf bie Meißener Schäfergruppen und die Berliner Känigin-Luise-Tasse und sah eigentlich doch nichts. Und wußte auch nichts zu sagen, als Mutter Rose eintrat, brauchte auch nichts zu sagen, denn Frau Rose überschwemmte sie sofort mit einem Redestrom: „Ach, Kindchen, bas war doch nicht recht von (Bertie, so fortzulaufen. Das hatten wir boch nicht um sie aerbient. Alles haben wir für sie getan. Und nun dankt sie es so. Ich wollte es ja zuerst nicht glauben, als mein Mann mir es erzählte. Aber er hat wohl recht: Jetzt muß sie die Suppe allein ausessen, bie sie sich eingebrockt hat. Wenn wir nur erst wüßten, wie es ihr geht." Isa zog ihre Karte hervor. Sie wollte Frau Rose beruhigen. Aber bie Mutter war nur von neuem außer sich. „Sehen Sie, Ihnen schreibt sie unb uns nicht. Das tft boch unbankbar." Sie ließ sich in einen der Chippenbalestühle fallen, bie Kiffen quollen nach beiden Seiten auf. Die Karte hielt sie in ben Hänben, aber sie las nicht, sie sagte nur wieder und immer wieder: „So undankbar." Und Isa stand neben ihr und wußte nichts zu erwidern. Sie hatte Mitleid mit der Frau da vor ihr, aber auch das Gedenken an Gertie tat ihr weh. Es war schon eine verkehrte Welt. Draußen vor der Tür in der Halle, in der auch sie vor kurzem ihren Mantel abgelegt hatte, hörte sie Stimmen. Die Stimme bes Mädchens, bie Vater Roses und eine dritte, bie sie auch kannte. Aber ehe sie ben Gedanken zu Ende denken konnte: „Das ist boch nicht möglich, wie soll er hierher kommen?" hatte sich Mutter Rose erhoben. „Mein Mann soll mich nicht zu verzweifelt sehen. Zeigen Sie ihm die Karte, Isa, er wird sich sicher freuen. Gott, er vermißt ja Gertie auch so." Da traten sie ein: Vater Rose unb Doktor Büchner — Ulrich. Isa hatte ihn nicht wiedergesehen, seit sie ihm bie Hand geküßt, seit sie von ihm geflohen. Sie fühlte, wie ihr das Blut hochstieg. „Also bas ist Herr Doktor Büchner", sagte Vater Rose vorstellend zu seiner Frau und dann zu Isa: „Wie lieb von Ihnen, daß Sie gekommen, nun haben wir doch ©erlies Freunde zusammen hier." Er reichte Isa die Hand, und sie buchte: „Er spricht ja, als ob ein schweres Unglück geschehen sei", und weiter: „Wie kommt Büchner her, was will er hier?" Das Mädchen öffnete bie Flügeltür zum Eßzimmer. Die große Krone brannte mit allen Birnen, bie Wandarme neben bem Blumenstück über bem Büfett unb bem Stillcben über der Anrichte brannten. Es war sehr hell; viel zu hell, empfand Isa, und auch bie Tafel schien ihr für den kleinen Kreis viel zu festlich gedeckt: eine Schale voll Rosen in der Mitte und grüne Ranken bis zu ben Tellern; — und bas für Büchner und fie. „Nun müssen Sie uns viel vom Theater erzählen", sagte beim Niedersetzen Mutter Rose zu Büchner. (Fortsetzung folgt.) Derantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Der lag: Brühl'sche Univ er fitäts-Ducb-und kteindruckerestR. Lange, Gi eben.