»ölt b(J ^unbeitl !r»ällit| >e ®oftl “ knugl men. $1 AI wtinmi Er H »Kam», unreif« fjtnerteti >or 8«t : sich W mterabfi iu neue» h öiebei mit bei vor zwi bete b» entrifc aus bei fehl D ibe ihr« en. Ade, Zand bis kriegen n sie mit rteibiglei ter fc Droh«! jteintante iner nad) geblieben l faß ml wordem ;n tonn«, ich! mehl, jm Stoni | hatte, niemanb l n Sinnen ; tot fein, otn ei«! lenom* chlachO imandrei, ! 3eW g jage" wie lotter» n in » gesicht 1> inen »* SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Zreitag, den 4. September Nummer 69 3ur Warnung. Von Eduard ÜRBrite. Einmal nach einer lustigen Nacht War ich am Morgen seltsam aufgewacht: Durst, Wasserscheu, ungleich Geblüt, Dabei gerührt und weichlich im Gemüt, Beinah' poetisch, ja, ich bat die Muse um ein Lied. Sie, mit verstelltem Pathos, spottet' mein. Gab mir den schnöden Bafel einr „Es schlagt eine Nachtigall Am Wasserfall; Und ein Vogel ebenfalls, Der schreibt sich Wendehals, Johann Jakob Wendehals; Der tut tanzen Bei den Pflanzen Obbemeld'ten Wasserfalls —" So ging es fort; mir wurde immer bänger. Jetzt sprang ich auf: zumWeink Der war denn auch mein Retter. — Merkt's euch, ihr tränenreichen Sänger, Im Katzenjammer ruft man keine Götter! Das kleine Bonnei. Von Hans Leip. Ob einer ein Schifferklavier zu bändigen verstehe? — „Julus von Dalben!" — „Der? Seit wann?" — „Ich hab es selber gehört", sagte ich. Julus stand auf, weih im Gesicht. Er war aus Blankenese, begütert und nicht alt. „Schweig von dem kleinen Bonnet, verflucht, du und sie!" lachte er unsicher und ging davon. Also gut. Ich erzählte nichts, und wir tanzten nach den abgedroschenen Platten. Aber nun, da er.sich anderweitig verheiratet hat, ist es besser, alles klar zu stellen. Julus hatte sich nämlich damals verknallt in eine der Gondefros. Die Gondefrosfchen Töchter sind, nehmen wir an, alle blond wie Manila- Hans und schlank wie Schilf. Und wie Schilf ist auch, daß man sich manchmal fürchterlich dabei schneidet. Sie sind große Familie, uralte Segel- ceeberei, Salpeter, Zement, vormals Tee- und Sklavenhandel, die Gonbefros. Julus war Mitbesitzer einer netten Fischräucherei. Aber er pochte auf ein „von". Alle Blankeneser heißen mehr oder weniger „von". Es ist ein gewöhnliches Bauern- und Fischer-Von. Doch Herr von Dalben hielt eines für ungewöhnlicher. Er ließ ein Wappen in seine Briefbögen pressen (nicht auf die Umschläge, um sich nicht bei der Post zu blamieren). Und danach lud er „sie" schriftlich zum Segeln ein. Man muß es ihm lassen, er ist ein ausgeluvter Segler, der gute Julus, «nd seine Sloop ist eine der gelocktesten zwischen Hamburg und Helgo- cnb. Aber eines hätte er wissen müssen, man tauft sein Boot nicht von inetn Tag zum andern um; es bringt kein Glück. „Nasser Kater" war in annehmbarer Name für ein Boot. Aber als die schneeigen Schuhe b-er Gondefros übers Schanddeck ins Cockpit schritten, da stand am Spie- !°l mit frischer Farbe „Alwel". Und so hieß sie. Sie haben sonderbare tarnen, die Gondefros. Ihr Bruder beispielsweise hieß Pipp. Sie hatte hn kurzerhand mitgebracht. Er war zwölf Jahre. Mir war es gleich. Was ich dabei sollte? Ich sollte den Fock bedienen und so, damit er i d) ausgiebiger ihrem Anblick widmen könne; denn von Unterhaltung lunn bei Julus nicht viel die Rede sein, was er wohl wußte; daher gedachte er, mich als Spaßmacher zu verbrauchen. Auch sollte ich, er sagte 's mir hinter der Hand, und hinter der Hand sag ich es wieder, ich sollte iei Gelegenheit eine kleine Empfehlung feiner Person mit emflieh;n affen. Es war ein hübscher, heißer Tag, es brifte sanft achterlich, und wir wischten mit der letzten Ebbe elberoärts und kamen nach Glucksstadt, als et Wind schreckte und von Nord uns anhustete. Da zeigten wir, was wir tonnten, hüpften über den Schwell und kratzten mit drei Schlagen in Den Men. Aber als Julus auf den Streckbug über Stag ging, batlang ,m.ir hn „Ree!" weiß der Teufel zu schnauzig, und ich sah, wie sich Fräulein “-liDcls angenehmer Mund leicht spöttisch gegen mich hob. Somit fierte ich die Fockschot ein wenig spät, und wir schrapten um Fingersbreite an der Mole längs und nahmen ein dickes Stück Wasser über. Nun, an Julus schwappte es leider vorbei, der Knabe Pipp hatte sowieso nichts an, da er für ein zu erwartendes Jndianerfest „röten" wollte. Aber Alwel Gondefros' herrliche Beine, die traf es. Julus war sehr im Kragen, Schlips und Jacke. Sie zog die Schuhe über die bloßen Beine. Auf halbem Weg zum Essen meinte er, ob ich nicht lieber den ganzen Lunch ins Boot besorgen könne. Und man sah ihm an, daß er aus feiner puren Auffassung von Vornehmheit ihre mangelnden Strümpfe bedachte. Ich sagte ruhig und plump genug, wir sollten uns freuen, daß alle Leute uns mit einer Gondefros mit bloßen Beinen zu sehen kriegten, die hübscher seien als der teuerste Strumpf. Er wollte mich übertrumpfen und verglich sie mit der Fortuna, die oben auf der goldenen Kirchturmkugel statt des Gockels steht, und ich beneidete ihn schon, da aber entgegnete sie kühl, er verwechsle es hoffentlich nicht mit seinem Wappen. (Auf dem mar nämlich eine Dückdalbe, ein Anlegepfahl, und eine Möve darauf sitzend.) Und die Dame dort oben habe eine so unmoderne Figur, obwohl sie gerade Tennis mit dem Morgenstern zu spielen scheine, und überdies hießen nach Morgenstern alle Möven höchstens Emma. Nach so viel Geist und Schnippigkeit verstummten wir ein bißchen. Und nur der gute Junge Pipp half uns beim Essen darüber hinweg, indem wir uns in ein nachhaltiges Gespräch verwickelten über die in Jndianerrefervaten bevorzugten Automobilmarken. Julus war in sich gekehrt. Ich sagte, um Lust zu schaffen, wir würden, wenngleich schmerzlich, so doch es begreifen, wenn Fräulein Gondefros mit der Bahn, anstatt mit unserer schmutzigen Kuff nach Hause fahren würde. Julus (prang wie ein harpunierter Schweinsfisch in die Höhe. Aber die unendlich kühle und schöne Alwel winkte lässig ab. Sie denke gar nicht daran, wir und das süße Boot, das mache ihr wirklich Spaß. Somit feilten wir elbauf zurück, und Julus überließ mir gnädig die Pinne, um dem ungerührten Sgelweiß der Angebeteten die Grundlagen feiner Existenz zu unterbreiten. Ihre Hautschatten waren bronzen wie die Tönung kantonesischer Glocken, ihre Augen weit und silbergrau wie die Nordseekimm bei Westernwind. Die Sonne durchleuchtete ihre Gobbymütze und ihre dicken Schläfenhaare. Es war ein milder Tag voll Ausflugsdampfermusik und voll der großmächtigen Bässe abgesalzener Ueberfeer aus aller Welt. Aber unser Wind wurde flauer, und knups, schlief er ein. Pipp, der unverblümte Knabe, ritt auf der Großbaumnock seiner Vollendung als Rothaut entgegen, klimperte an der Dirk und flötete nach Taifun und Hurikan. Noch schob uns die Flut. Ich sah abwechselnd auf das verschämt killende Achterliek und auf Alwel, die verträumt dafaß, während Julus still und vergeblich nach Worten rang. Auf einmal schrie er: „Wir wollen Wein trinken, Wein, ich weiß ein molliges Lokal. Höher an den Wind, mein (Bott, wir kriechen ja wie im Sirup!" Damit war sein erkünstelter lieber« schwang auch schon verpufft, und er kratzte belämmert am Mast, mein Segeltalent in Zweifel ziehend. „Hissen Sie ein kleines Bonnet!" lächelte Alwel. „Die Gondefrosschen Kapitäne auf den Teeklippern Anno dazumal haben gute Erfahrungen mit kleinen Bonnets gemacht." „Hiß ein Bonnet!" grunzte Julus mich an, feine Verständnislosigkeit mit dem Brustton eines Hapagkommodores verdeckend. „Ay, ay!" erwiderte ich, ergriff, um etwas zu ergreifen, — denn Ich hatte auch keine Ahnung, — die [eibenen Strümpfe, die noch immer auf dem Kajütendach lagen, obwohl längst trocken, und schor sie an die Flaggleine. Die Wirkung war, daß wir uns allesamt mit Julus verkrachten; denn er versteht betreffs korrekter Haltung keinen Scherz. Indessen machten wir wieder Fahrt, obgleich achteraus, da der Strom gekentert hatte. Und im Nu saßen wir fest auf Meiers Sand, das nette Hochgebirge Blankenese vor der Nase. Wir hatten rund zehn Stunden Zeit. Es wurde Nacht. Alwel Gondefros wollte nicht im Boot bleiben. Sie ruderte mit ihrem Bruder auf die buschige Sandhöhe. (Nein, nach Hause fuhr sie nicht.) Sie nahm alle unsere Decken und Kissen mit und wollte baden. „Fahr' hinüber und sprich mit ihr!" sagte Julus endlich. „Dir ist wohl flau!” entgegnete ich. „Und du willst mich wohl als ein kleines Bonnet für dein Lebensschiff mißbrauchen!" Aber bann pfiff ich Pipp unb nahm das Beiboot und blieb danach drüben. Wir lagen still auf dem Rücken, nicht weit voneinander, sie und ich, unb blickten in bie Sterne unb bie Stromlichter. Pipp schlief. Aber Julus schlief nicht. Was er nie im Beisein anberer fertig gebracht hätte, er hatte eine Ziehharmonika hervorgezogen unb spielte herzzerreißend bie ganze Nacht. Daher eben weiß ich es. [riff das Zahnputzglas, ritzte die Haut, um dann die Bluts- , Wasser fallen zu lassen... Weiter kam er nicht. Das kleine nicht lange. tropfen ins Wasser fallen zu lassen... Weiter kam er nicht. Das kleine Mädchen, mißtrauisch geworden durch die Zuhilfenahme des Federmessers, heulte gleich beim ersten kleinen Schmerz laut los. Linkte hielt ihr den Mund zu, bedrohte sie mit dem Messer. Aber schon war es zu spat. Die Tür die er im Eifer des Gefechtes abzuriegeln vergessen hatte, wurde aufg'erissen. Don zwei Seiten herbeigestürzt, standen die Eltern der Kleinen aus der Schwelle. Sie sahen nur, wie der Junge das heulende Mädchen mit einem spitzen Gegenstand bearbeitete, hörten nur das jämmerliche Geschrei. „Eine Art von sadistischem Anfall", hörte Linkie seinen Onkel schäumend zum Vater sagen. Sadistischer Anfall — dieser lange, komische Ausdruck, der für ihn keinen Sinn hatte, belustigte ihn. Aber Er erklärte ihr am nächsten Tage: daß er sie liebte, hatte sie ihm ja oft genug schon selbst gesagt, er liebte sie aber so rasend, daß sie Blutsbrüderschast machen wollten. Blutsbruderschaft? Nichts JBofes ahnend zudem froh, ihn aufs neue demütigen zu können, ging die Kusin« daraus ein. Linkie triumphierte. Nun würde er sie einmal quälen; ein ganz klein bißchen, mit Feierlichkeit, mit einem kleinen Picken in den Oberarm. Noch am gleichen Nachmittag lief er, zitternd vor Lampenfieber, zu seinem Freunde Christoph, dem Mogler. Er bat ihn um Jem Federmesser und er möchte niemandem, niemandem je ein Wort davon sagen. Ein« Stunde nach Eintritt der Dunkelheit trafen sich di« beiden, Christoph übergab Linkie einen kleinen, dick umwickelten Gegenstand, und was die beiden redeten, wird ewig im Dunkeln bleiben. Dann kam der große Abend. Linkie klaute zwei kleine Stümpfe von den Weihnachtskerzen, und nach dem Effen, zu Haufe, ging die Zeremonie in der Plättkammer vor sich. Die Kerzen wurden angezündet, er entblößte ihren Arm, beschwörende Formeln murmelnd, zog Christophs Federmesser l)crvor rtMt> hio Amit um hnnn bi<> Bluis- „Grinse nicht! Du unverschämter Lausejunge, sch werde dir beibringen noch ..." Linkie wurde fürchterlich verhauen und dann ins Bett geschickt. Die Kusine durfte er zur Strafe nie mehr besuchen. Ihr wurde verboten, ihn fortan zu begrüßen, mit ihm zu spielen, m seiner Anwesenheit das Haus zu betreten. Als Linkie sich von feinen Prügeln erholt hatte und das erfuhr, war er ungeheuer erleichtert. Dann konnte und mußte er sie wohl nicht heiraten. Dann war er frei und „den Balg los. Zeit eines Lebens sprach er in Ausdrücken größter Hochachtung von Bluts- brüderschaft und ähnlichen Erfindungen. In der Klasse kam die Angelegenheit aus, als an Christophs Federmesser Blutflecken entdeckt wurden. Der — weit entfernt, jetnen Sreunb zu verraten — redete sich mürrisch mit Nasenbluten heraus. Aber Bill, der Dicke (der einzige, der schon Detektivheftchen gelesen hatte), gab sich nicht zufrieden, spürte nach. Seinen Quertreibereien war auch das hochnotpeinliche Verfahren zu verdanken, das man vier Tage später gegen Christoph einleitete und das einen so unerwartet rührenden und dramatischen Verlauf nahm. Mitten in der Anklage trat Linkie vor, von dem bisher in der Angelegenheit überhaupt nicht die Rede gewesen war. Er deckte den ganzen wahren Sachverhalt auf, dem auch sofort geglaubt wurde, weil alle, wie gesagt, Linkie als Ehrenmann, als Gentleman kannten. Christoph wurde mit Pomp freigesprochen und Alfred erklärte laut und feierlich Linkies Dazwischentreten als einen schönen Zug, wobei mehreren Insassen der Sexta, sogar Otto, dem seist verschwitzten Klassenprimus mit ben vielen Heftklammern, eine mannhaft unterdrückte Träne ins linke Auge stieg. Stranddistel. Von Rudolf Behrens. Wo das Land ins Meer stößt und die See den Strand zerreißt, liegt das Chamäleon unter den Landschaften, das Watt mit dem Dünenkranze auf dem Haupte. Die Gezeiten heben es im bunten Wechsel des Spiels bei Ebbe aus der Taufe, um es bei Flut wieder unter das Meer zu ducken. Keine andere Landschaft kann sich solcher Wandlung rühmen. In ihr liegt der Zauber, dem Wattenmeer und Dünen Farbenwechsel, Sonderheit und Verlassenheit verdanken. Solch schwankes Ufer verdammt zur Einsamkeit; denn wer möchte einen gefährlichen Rücken zum Wohnsitz wählen? Watten- und Düneneinsamkeit bergen Reiz und Oede. Diese ist schuld daran, bah sie nahezu kulturlos sind und bis heute roeber ihren Sänger noch ihren Maler gefunben haben. Durchwanbert man aber bas Watt ober durchkreuzt es auf einem kleinen Kutter, so erschließt sich einem, wenn auch nicht leicht, diese wechselblütige Landschast die an Farbenstimmung nicht hinter der Marsch zurucksteht und an Mannigfaltigkeit mit dem Meere wetteifert. Dieser amphibischen Landschaft nähern wir uns jenseits der Dünen- kette des natürlichen Grenzwaldes der Küste. Er ist bas Abbilb urewigen Kampfes der Elemente mit dem Leben. Hier ringen Land und Wasser um die Oberherrschaft und zeigen täglich das Spiegelbild gewaltiger Schop- fiingsperioden. Was die Tertiärzeit revolutionierend in Erbepochen schuf, Überflutung des gesamten Tieflandes zu einem großen Meere, Empor- steiqen der versunkenen Welt zu neuem Leben, das wiederholt sich in ununterbrochener Folge heute noch an den Küsten im kleinen. In diesen Kampf greift das Leben ein und streitet um seine Behauptung. Der Höllenrachen der Brandung speit den Sand ans Ufer und überläßt ihn dem Winde, der ihn zu Mauern und Buckeln, zu Hügeln und Rippen türmt. Strandhafer und Strandweizen stellen sich ihm entgegen und versuchen, ihn zu halten, indem sie ihn mit ihrem Wurzelwerk durch- dringen und so aus dem flüchtigen Nomaden einen seßhaften Landser machen. Oftmals werden sie verschüttet, doch immer schießen sie aufs neue durch den Sand. Ihre Bundesgenossen sind Sandegge und Salzmiere, Salzkraut und Meersenf. Die helfen ben Sieg über bie Naturgewalten gewinnen. Den Erstlingsbünen entwachsen weiße, graue unb buschige Wälle, jene Wandergesellen müdegeworbenen und bereits zur Kultur übergehenden Sandwehen, über die das Meer die Herrschaft verloren hat. In diesem Reiche herrscht die „Seemannstreue", bie Stranbbistel, als Zierbe ber „blonben Düne", wie ein nieberlänbisches Lied sagt. Ihre Blüte hat Himmelsblau getrunken, unb in ihren Blättern vereinigt si-Y Wattengrün mit Dünengrau und Sandweiß als Randleiste. Sie ist em echtes Seemannkind, dessen Antlitz so ernst ist wie feine Umwelt. „Seemannstreue" ist der Heimatgruß, ben ber Schiffer mit hinausnimmt auf [eine Meerfahrt, bas Willkommzeichen in ber Hanb der harrenden Braut, bie ben (Beliebten bamit empfängt, wenn er heimkommt. Si« ist der schönste Dünenftern unter den Blüten. Sein Leuchten ist leider im Verlöschen begriffen, so daß sich ber Staat genötigt sah, ihn vor dem Ban- balismus ber Menschen zu schützen. Die „Seemannstreue" umblühen Schafschwingel unb Dünenrose, Nackstkerze unb Silberweide. Ihnen begegnen von der Dunem eite her gepeitschte unb zersetzte Zwergbäume, flatternde Kiefernfahnen und versuchen, sich gegen die Seestürme zu behaiipten. So durchschreitet oer Wattenfreund mit wenigen Schritten eine ganze Welt vorn Urmeere uver Unland zur Kultur, von ber See über Watten unb Dünen zum wogenden 2[cbrcnfc(bc. .. m. Das Grenzlanb zwischen Erbe unb Wasser ist keine Heimat für Vierfüßler. Den Kaninchen und Hafen, sowie den Fuchsen wacht nur der Mensch das Feld streitig. Um so reichhaltiger tummeln fab bie Segelflieger in biesem Revier. Da lacht bie Silbermbue, da Wießt bie exe- schwalbe durch die Lust, da stelzt der Regenpfeifer und watschelt die Stoa ent«. Sie wechseln von der Düne ins Wattenmeer und zurück. Folge» wir ihnen in ihr Reich. Noch liegt es als einförmige Wasserwüste endlos vor uns. Jetzt beginn es zu fliehen. Schlick unb Sanbflächen bringen vom Meeresgrunbe am- In ben „Pielen" laufen die verlorenen Was!ermassen ber fliehenben se nach unb brausen durch die „Tiess". Das Watt ist frei, wir gehe 0 durch. Nur hüten mir uns, in die Prickenalleen zu geraten. Das 1 abgefteette Wasserstraßen für die Wattenjchiffahrt. Eine verwirrens Eine Handharmonika In einer lauen Nacht überm Wasser bei Schiffs- lichtern, bie vorüber in bie unbekannte Ferne gleiten, bas ist nicht ungefährlich für «in junges Mäbchen. Ich hörte es wohl, wie Alwel schwerer zu atmen begann. Oho, Sulus war boch ein raffinierter Hunb. Ob ich sie fragte? Natürlich! Jedoch der Mensch ist em bofes Tier von Jugend auf. Ich fragte sie, wie es sei mit ihr und daß ich, an der Flaggleine meines Daseins ihre kleinen seidenen Sachen in Ewigkeit als Nationale zu führen, als mein Ziel ansehe unb verrückt fei wie ein entseelter Hering... , . .. Sie weinte ein wenig an meinem Halse, bas schone Kirch. Es sei dies ber Ab schieb von uns allen, sagte sie. Denn bie anbere Woche, da fahre sie nach Makassar. Und ich solle es auch Herrn von Dalben mitte,len daß nämlich bie Gonbefros nicht gern in Hamburg-Altona unb Blankenese heiraten, solchem lieber in ber weiten Welt. Blutsbrüderschast. Von Hans Ammer. Also, das haben sie alle zugegeben, als sie davon erfuhren: Bill, der Dicke, hat es zugegeben (ber mit bem permutternen Taschenmesser wissen Sie) unb Alfred (dem man nachsagte, er kann« brennende Streichhölzer eine halbe Minute im Munde behalten), auch Christoph- Weltm.-st«>r ,m Mogeln beim Aufsagen von Gedichten, ja, sogar Otto, der ble,chverschwitzte Klassenprimus mit den vielen Heftklammern — fie alle haben e- 8U9Sinbtie'roar Kavalier, ganz sicher. Auch in diesem Fall muß er, ganz genau gewußt haben, was er anfteüte, das stand fest! Und überhaupt, wenn Mädels im Spiele waren, wußte man schon gar nicht mehr, woran war bie: Linkie hatte eine Kusine unb die war zehn Jahre, während er als Sextaner seine neun auf dem Buckel hatte. Und das war an und für' sich schon eine Gemeinheit. Schlimmer noch — er betrachtete es als Pflicht und Tatsache, mit der er sich abfinben mußte, das kleine verzogene Göhr eines Tages zu heiraten. Warum? Das hatte sich so ergeben an den vielen Nachmittagen, an denen die Erwachsenen, Linkies Eltern und bie des Mädchens, die Kinder zum Spielen weggeschickt hatten. Sehr wohl war Linkie bei dem Gedanken keinesfalls. Vor allem, weil er sich schon beim Spielen immer furchtbar mit ihr langweilt«. Denn richtig was mit ihr anzustellen, Streiche ober Fußballspielen — all das tonnte er nicht. Dazu war sie „nur ein Mäbchen", also zimperlich. Insgeheim erzählte er seinem Freunbe Christoph (bem Weltmeister im Mogeln beim Aussagen ber Gebichte), er hoffte, es sei noch sehr lang« bis zur Eheschließung. Aber er habe sein Kavalierswort gegeben, unb was [ei da zu tun? Da sei doch nichts zu machen, sagte Christoph, worauf Linkie ausspuckte. (Das tat er immer, wenn er wuterch war werk die Trapper es auch so machten, so erzählte wenigstens fein Wilbwestbuch.) Mit der Zeit merkte Linkie, daß das Mädchen die Situation auszunützen begann. Wenn mal rasch einer rüber zum Milchmann gehen muhte, bann sah ihn die Kusine spöttisch an, unb Linkie mußte sich trollen. Wenn es Mohrenköpfe gab, die beide so sehr gerne hatten — em rascher Tritt unter dem Tisch, ein süßschnäuziges „bitte Linkie, ach bitte, bitte“ und weg war Linkies, auch Linkies Mohrenkopf. Gab es ein Zirkusbillett, nur eins, und war die Kusine gerade in ber Wohnung, (o dauerte es keine zehn Minuten unb ber einsame Linkie zog heulenb mit wütendem Ritschratsch die Gardinen zu, um nicht zu sehen, wie das Mädel ihm von der anderen Seite der Straß« noch ein ironisches Kutz- händchen zuwarf, ehe sie verschwand. Immer mußte er zurückstehen. Handgreiflich konnte unb wollte nicht werden das verbot ihm seine Kavaliersehre. Unb, ba war nit^s zu machen, eines Tages mußte er sie ja boch heiraten. Da halfen keine Pillen. Das Mäbchen gewann immer mehr Macht über ihn. Das ging soweit, daß sie ihn zu allerlei zwang, unter dem Hinweis er mußte, weil er sie liebte. Unb was sollte Linkie barauf antworten? Um ihn zu quälen, erpreßte sie die Bekanntschasi seiner besten Freunde, vor allem Alfreds, unb zog sie ihm bann in so beschämenber Weise vor, daß ßmhe vor Wut beinahe heulte. Schließlich aber sann ber großzügige Linkie doch Fülle von Lichtern und Seezeichen bietet sich dem Auge, Leuchtbaken und Feuerschiffe, Tonnen und Pricken, Stangen und Dalben, Masten und Besen sind die Schriftzeichen der Schiffersprache. Jedes Verlesen kann Tod und Verderben bringen. Das mäandrische Labyrinth des Watten- ineeres strahlt alle Himmelsfarben zurück und gibt ihm durch erhöhte Leuchtkraft auch verstärkten Zauber. Zu diesem Zauber gesellt sich ein fremdartig anmutendes Leben im Wasser. Laichkraut, Seegras und Tang dringen als einzige Pflanzen ins Meer hinein. Um so reicher wimmelt es von Tierleibern aller Art, Fischen, Krebsen, Weichtieren, Stachelhäutern, Hohltieren und Urtieren. Alle kommen sie zum Vorschein, wenn das Wattenmeer zur Ebbezeit den Tisch deckt. Man sieht es an den Vogelschwärmen, die über ihn herfallen uni) ein reiches Mahl halten. Der Wattenfischer macht nicht schlechtere Beute. Ihm geht der Wanderbursche, der Stör, ins Netz; er sängt den Dorsch und zahlreiche Plattfische, auch Krabben und Krebse verschmäht er nicht. Den Wissenschaftler reizt insbesondere das niedere Leben, wie es Quallen und Polypen, Korallentiere und Leuchttiere bieten. Jedem gibt das Wattenmeer etwas aus seinem reichen Schatze, dem Fischer und Schiffer, dem Vogelfreund und Jäger, dem Pflanzenliebhaber und Natur- lchwelger. Am Rande des Stranddistelreiches wohnt auch der Mensch. Sein Haus ist seine Burg, die er gegen Wind und Wogenprall verteidigt. Er ver- ichanzt sich auf Halligen hinter Weiden und Buhnen, trotzt auf den Wersten Brandung und Springflut und versucht manchen harten Ausfall, um den Watien Schlick und Schlamm zu entreißen; denn nur aus hm wird Marschenland, das ihm Nährboden zu geben vermag. Vom Feft- ande aus dringt er mit Faschinen vor, riegelt Buchten ab und poldert Keuland. Was die Hände in jahrelanger harter Arbeit schufen, macht oftmals eine Sturmflut in einer Nacht zunichte. Die Wogen züngeln ju den Türen und Fenstern der Wersten hinauf, dringen durch Fugen anb Ritzen in die Häuser und jagen die zitternden Bewohner auf den Dachboden. Die Mauern beben und wanken von dem wütenden Wogen- gebell. Balken stürzen und die stolze Burg der Insulaner liegt in Trümmer. Alles verschlingt das Wellengrab. So gehen Leben und Land wieder verloren. Ein rauhes und hartes Geschlecht muß es sein, das sich immer aufs icue den Elementen entgegenstemmt und ohne das Meer nicht leben »ill. Doch aus den verwitterten Zügen lacht das blaue Auge und spiegelt treue und Güte, Liebe zur Scholle und Sehnsucht nach den Weiten des Meeres. Es strahlt wie die „Seemannstreue", die blaue Stranddistel aus >em Dünengesicht. Das Reich der Stranddistel ist auch sein Reich. Zwischen Wattenmeer und Dünen liegt sein Leben auf vorgeschobenem, nicht selten verlorenem Posten, stets bereit, in den Kampf der Elemente einzugreifen dns zum Unterliegen. Ein flüchtiger Blick über dieses Meerland läßt es karg und reizlos rscheinen. Erst im Verweilen vermag man auch seine Schönheiten, die tur ihm eigen sind und die keine andere Landschaft aufzuweisen hat, zu rsassen. Oer Kampf der Tertia. Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35. (Schluß.) Nicht eine Gestalt war Daniela, sie war hunderfältig geworden. Ihr 'urjes honigbraunes Haar flatterte mit süßen Düften >m Winde, steil prang sie vom Stand aus in die Lüfte, und mitten ins Getümmel der »einbe ließ sie sich wie eine fpeer-fchüttelnde Göttin herab. Dort schlug ic mit gewaltigem Speer rasend auf die Feinde ein. eie griff auch, cbalb sie Raum genug hatte, mit den herben Händen in den hawmono- ormigen Bügel ihres Bogens, sie schleuderte aus großer Nahe ihre Ichwirrenden Pfeile, und überall dort, wo ihre Gegenwart, ihre Bogen mb Pfeile, ihre Doggen, der wild gewürzte Heideduft ihres Korper.s oaren, da wichen mit offenen, blöd staunenden Augen und Mäulern die Lnötzingianer zurück, und die Knüppel entsanken ihren Händen. Borst aber ging feiner Kriegerin nicht von der Seite. Er überschätzte feine Kräfte aufs lächerlichste. Er, der Schwächste und Kleinste von allen, achte sich nur die Stärksten und Größten von Danielas Feinden aus tenen er gegen die Brust sprang. Er schien von der wahnwitzigen Luft Gefallen zu sein, nur das Unmögliche wagen zu wollen. Alexander Kirchholtes aber trieb die Feinde wie ein mit erhobenem »aut brüllender Löwe vor sich her. Es gab kern ehrbares Sch mpfwort les er den immer weiter Zurückweichenden Nicht entgegennef. Seine kwenhafte Empörung über die Schandtat der Knotzingianer brüllte er ^Und Reses^dreifache Bild: die hundertfältige Amazone mit chren Soggen; der kleine affenartige Knabe, der den Giganten an die Kehle drang; und der herakleisch brüllende Kirchholtes erfüllte die Feind« mit entsetzen und Furcht. _ , Plötzlich hatten sie keine Lust mehr am Kamps. Sie trollten sich davon, die einen langsam, die andern W»11! ' fetzen es zu, daß Daniela ihre Gefangenen mit kurzen rauhen -rnimph^ freien befreite Keine Schmachreden des ^"Händlers kem höhnisches Gelächter der zuschauenden Knaben vermochte die Knotzingianer zum imeiten Male ins Schlachtfeld zu treiben, wiederum den Kampf gege lie Bande zu wagen, deren Gesichter setzt nut einer neuen Wildheit Daniela und ihre Doggen, die ritterlich um die Errettung der Katzen nmpsten; die zu neuem Leben erwachte Lama und h ... ’ ( _s tzwarze Dogge; Josua, der Miniatursoxterner, und derlustikgak* inerenbe Peggy, sie alle trieben nach Haus, was noch zögerte, sich vom Schlachtfeld davonzumachen. ..... » «du Daniela an Hinter dieser Phalanx sammelten sich die lertmner. ftürmten ije iar Spitze, welche die Standarte der Bande ergriffen hatte, stürmten sie zum letzten Male. Sie riefen ihr Feldgeschrei aus bei Juninacht mit blutenden Lippen, die Stirnen übermütig und verwegen erhoben: „Es lebe der Hund! Es lebe die Katze!" Sie blieben Herren des Schlachtfeldes und seiner Beute. Dann aber brachen sie insgesamt keuchend zusammen. Nur Daniela stand in ihrer Mitte, stand aufrecht, mit der schön gekrümmten Hüfte des Bogenschützen, den Daumen der linken Hand im Bügel, die rechte Faust an der Sehne. Sie zielte. Ihren letzten Pfeil gab sie dahin. Droben, schräg zu ihren Häuptern, führte der Bauer das mähende Gespann. Zwei Stunden später waren ungehindert sämtliche Katzen der Stadt im Waldeszwinger der Tertia geborgen. Viele der Katzen lagen ermattet, mit zuckenden Läufen auf dem Boden. Andere bekämpften und befehdeten sich noch. Die meisten aber putzten sich, beleckten ihr Fell und ihre Pfoten, ober sie schauten verstört, menschenfeindlich, mit einem blutenden Irrsinn Im Hintergründe ihrer Augen, geradeaus in den Wald. XVI. Es war der letzte Sonntag vor den großen Ferien. Auf dem Gutshof, im Sonntagsmorgenlicht, vor der offenen Scheune Nr. 2, deren grünes Heu gletfcherhaft schillerte, stand der Doktor aus dem Eichenwalde, und hinter ihm standen die Lehrer des Schulstaates. Das Gesicht des Doktors war eckig, klar, scharf und gütig, wie das Gesicht der großen Deutschen vergangener Zeiten, die von den alten Meistern gemalt worden waren. Er war nicht hoch von Gestalt und nicht niedrig. Auf seinen starken Beinen ruhte sein starker Leib, wie ein Monument auf einem Sockel. „Wollt chr beim Sportfest gegen die Sekundaner spielen?" „Ja!" riefen die Tertianer über den Hof. „Trotzdem ihr alle Krüppel seid?" „Ja!" riefen die Tertianer, und sie schwenkten ihre Stöcke, mit denen sie herumhumpelten, oder sie schwenkten ihre bandagierten Pfoten. „Gut! — Es hat sich im Laboratorium nachträglich herausgestellt, daß die Tollwutdiagnose irrtümlich war! Ich habe dafür gesorgt, daß man den Kopf des Tieres nach Berlin schickt. Der Befund ist negativ! Ich bürge euch für eure Tiere!" „Hurra! Hurra! Hurra!" riefen die Tertianer, und der Ruf wurde sogleich von der Obersekunda, dann aber von der Prima, endlich von all den Kleinen bis herab zur Sexta ausgenommen. Die Sexta zumal konnte sich vor Begeisterung über die Sieger im Kampfe nicht beruhigen. Sie zerrissen ihre blauen Mützen und warfen sie als Fetzen in die Luft. Streng, feierlich, mit mißbilligend gerunzelten Brauen stand allein die Untersekunda auf dem Hof, und ihre strafenden Augen sahen den Gott auf Erden an. „Es tut mir leib, euch sagen zu müssen, daß unser Kamerab Knötzin- ger nach ben großen Ferien nicht mehr zu uns zurückkehren wird, ba fein Vater in einen andern Bezirk versetzt worden ist, wo er einen höheren Posten bekleiden wird." Schweigen, „Knötzinger hat bereits heute feinen Präfektenstern Zurückgegeben." Der Große Kurfürst erhebt den Arm. Er erhält das Zeichen, sprechen zu dürfen. „Die Obertertia hat Daniela zu ihrem Ehrenhäuptling erwählt." Die jungen Lehrer lachen und winken Daniela beglückwünschend zu. „Die Wahl ist bestätigt." „Hurra!" ruft die Tertia, und Daniela steht wie ein kleines Mädchen, im sauberen Sonntagswaschkleid, vor der ersten Reihe der Bande. Doch sind ihre Augen keineswegs schamhaft gesenkt, sondern sie werfen scharfe, eisengraue Speerbündel in die Runde. Der Ehrenhäuptling erhebt den Arm. „Daniela!" „Die Tertia bittet durch mich Herrn Doktor, den lierroärter Falk im Schulstaat anzustellen!" Reppert erhebt den Arm. Die Tertia bittet, bei den Eltern, die zu uns kommen, eine Kollekte veranstalten zu dürfen, daß der Schulstaat die Tiere vom Botanischen Garten kauft!" , . Der Mann, den sie lieben, wendet sich zu den Lehrern. Er bespricht sich mit ihnen. Dann hebt er das gebietende Kinn. „Bewilligt!" „Hurra!" „Vorbeimarsch der Obertertia!" Der Häuptling schwenkt seinen Stock. Die Tertia marschiert. Voran der Große Kurfürst, schnaufend, zerbeult und geradezu asthmatisch. Einen halben Schritt hinter ihm der Ehrenhäuptling, frisch, rosig und braun, ganz unversehrt, ganz unverwundet und unwandelbar, mit keck gekrümmtem Mund und stolz erhobener Stirn. Im ersten Glied Reppert, Lüders und Borst, — Borst, der aus einem ängstlichen, täppischen Hasenjungen zu einem Helden der Ilias wurde. Im zweiten Glied Otto Kirchholtes, Hornbostel und Bamberger, die beiden letzteren mit Gesichtern, als seien sie in einen Bienenkorb gefallen. Und es folgen die andern alle, zerschunden, zerschäbt, humpelnd und an den denkbar merkwürdigsten Stellen ihrer Körper bandagiert. Aber niemand hat sich krank gemeldet, keiner ist der Parade fern« geblieben. Rechts und links, auf ihren Flanken, marschieren d,e Hunde, deren Köpfe und Pfoten mit Verbandstoff umwickelt sind, wie die Köpfe und Pfoten ihrer Herren. Alle Tertianer geben sich die größte Muhe, anständig Schritt zu halten — nicht etwa Paradeschritt, dergleichen gibt es im Schulstaat nicht — aber sie schreiten tüchtig, schnell und rhythmisch aus, sie heben und senken Im Takt die Arm«, so daß die rechte Hand fast bis zum linken Kinn und die linke Hand zum rechten Kinn fliegt. So marschiert die Bande über den Gutshof hinweg. Wie sie das Scheunentor passiert, erhebt der Doktor die Mütze über seinem Scheitel und über seinem wehenden grauen Haar. Geschwind folgen die jungen Lehrer seinem Beispiel, und zögernd die alten. Aber Mr. Graig ist unter denen, die ganz vergnügt ihre Mütze schwenken. Und alle Schüler auf der Parade, ohne Ausnahme alle, ziehen ihre Mützen und halten sie starr, mit ausgestreckten Armen in der Luft. Nicht mehr mit Lärm und Hurra, sondern schweigend grüßen sie jetzt ihre Kameraden von der Tertia. Am Nachmittag ist die Tertia in Danielas Zelt zu Gast geladen. Sie gehen zuerst einmal, die Tiere im Zwinger zu besuchen. Voran in einer Reihe der Häuptling, Reppert, Meleager, Daniela, Atalante, Königsmarck, Hornbostel, Otto Kirchholtes, Josua und Borst. Alle andern solgen in einem Haufen. Als letzter schleicht verlegen und mißtrauisch Karlemann hinter ihnen her, mit großen Pausen und gelegentlich sinnlosen Abwegen und Baumsprüngen. Die in der vorderen Gruppe unterhalten sich höflich und gemessen. Sie sagen so kleine freundliche Dinge zueinander. „Du hast ganz recht, Kurfürst", sagt Daniela. Oder Königsmarck sagt: „Meinst du nicht auch, liebe Daniela?" Und wer mit Daniela spricht, verlegt das Schwergewicht des Körpers auf den ausschreitenden Fuß, und er streckt den Oberkörper vor. Daniela hat ihr Kriegsgewand angezogen: die Lederhose, das Sporthemd, die Sandalen. Der Köcher mit neugeschnittenen Pfeilen hängt ihr auf der Schulter, und die Sehne des Bogens zerschneidet ihre Brust in zwei Hälften. Meleager und Atalante schmiegen bei jedem zweiten Schritt ihre Köpfe ganz schnell einmal an Danielas verwüstet« Knie. So erreichen sie das Tierasyl im Walde. Stumm setzen sich die Hunde vor die Gitter auf mit leicht wedelnden Schweifen. Ihre Mäuler öffnen sich freundlich lachend, und sie lassen die Zungen seitwärts aus den Lefzen hängen. Karlemann springt auf jenen Ast, auf den er sich damals vor Borsts Beilhieben geflüchtet hat. Mit schiefen schwefelgelben Augen betrachtet er unverwandt, regungslos, ohne Verwunderung noch Spott die gefangenen Kameraden. Die Tertia zieht um die Käfige herum, wie Sonntagsspaziergänger um die Käfige eines Zoologischen Gartens. Leise tauschen sie Bemerkungen über den Gesundheitszustand der Katzen aus. Sie haben vom Gut ganze Kübel voll Milch zugewiesen erhalten. Jetzt gießen sie sorgsam die Milch in die Näpfe. Es sind Untersätze von Blumentöpfen, die ihnen der Gärtner gegeben hat. Die wilden sind von den sanften und in ihr Schicksal ergebenen Katzen geschieden worden. Und die klugen unter ihnen gehen zu den Näpfen hin, fast mit kaninchenhaftem Sanftmut. Sie drängen sich nicht, sie legen die Ohren zurück und nippen ein wenig von der Milch. Dann stutzen sie mißtrauisch, erzittern leicht, wittern und wollen fliehen, und nippen gleich wieder ein wenig für zwei Sekunden. Cs sind geheimnisvolle Wesen. Daniela, die die Katzen nicht leiden mag, geht in die Käfige und nimmt die jungen Tiere auf den Arm. Siehe, das Wunder begibt sichl Es gibt Exemplare, die sogleich mit zärtlichem Schnurren ihr Fell über Danielas Gesicht schleifen lassen. „Du Geschöpf", sagt Daniela, und sie drückt ihr Gesicht in das Fell. Freudig rufen die Tertianer es einander zul Und ihr« Rufe wiederholen sich, sobald sie aufs neue ein zutrauliches Tier gefunden haben, das seinem Retter schnurrend entgegenspringt oder ihn unversehens von hinten anfällt und mit der pelzig- harten Zunge seine Ohrmuschel beleckt. Dann trennen sich die Tertianer von ihrer Kriegsbeute, um auf die Hexenkuppe hinaufzuhumpeln. Wie sie sich noch einmal umwenden, sehen sie hunderte von Augen, die starr und rätselhaft im grünen Licht der Waldeswölbung vor sich Hinblicken. Sie scheinen von den Menschen nichts mehr zu wissen, nicht von jenen, deren Hand sie töten sollte, nicht von jenen, die sie noch eben labten. Behutsam, als fürchteten sie, mit ihren rauhen Schritten etwas zu zerstören, so gingen die Tertianer in Danielas Reich ein. Sie kamen an der Warnungstafel vorbei, auf welche Borst sein ergänzendes r mit dem Füllfederhalter gemalt hatte. Daniela erzählte gerade den aufhorchenden Kameraden von Meleagers Kampf in der Kiesgrube. „Er hat dem Großen, — ich glaube, es war der Sohn von dem Elektromonteur, — den Rock zerrissen", sagt« sie, und sie legte stolz wie eine Mutter Meleager die Hand auf den Kopf. Borst und Hornbostel lachten froh. „Dem Vater haben wir die Straße nach der Stadt versperrt!" Und sie erzählten Daniela übermütig von ihrer Wegelagerei. „Das war großartig!" rief Daniela, und sie sprang hoch. Sie riß chre Tafel vom Stamm, wie man im Gespräch gedankenlos ein Blatt vom Baume reißt. „Da hätte ich dabei sein mögen!" Daniela kaute an ihrer Vogelfeder. Mit ihren Fingern zerriß sie die blutrot beschriebene Tafel .Halt! Wer weiter geht wird erschossen! Ich, Daniela!' Borst aber blieb zurück, als müsse er sich nach Josua umsehen. Wie niemand mehr in seiner Nähe war, sammelte er die Schnitzel von der Pappe und steckte sie hurtig in seine Hosentasche. Oben in Danielas Zelt gingen di« Tertianer ehrfürchtig staunend einher, und flüsternd machten sie sich auf alles aufmerksam. Jeder Gegen- stand in dem bisher unzugänglichen Gebiet erfüllte sie mit Verwunderung, al« ob jedes rostige Messer an der Zeltwand, der Speer aus Eichenholz, der Aluminiumtopf und das Aluminium-Speiscgerät, das aufgestapelte und von den wehenden Winden getrocknete Brennholz, die alten, schon haarlosen Woilachdecken für die Hunde, — als ob dies alles ni« gesehene, staunenswerte und fast heilige Gerät« seien. Aber das Wunder aller Wunder war doch der Radioapparat, den Daniela zum Trost für ihre Einsamkeit während des Klassenzwistes von ihren Eltern zum Geschenk erhalten hatte. „Wir wollen einmal sehen, ob wir Berlin bekommen", sagte Daniela. „Aber wir können auch Lyon oder England haben." Und sie erklärte es Borst, der es noch nicht gelernt hatte, die Wellenlänge zu suchen. Mit pfeifenden und heulenden Tönen kam der Erdkreis, die Kinder im Walde zu begrüßen. Das Leben jenseits der Wälder, dem sie einstmals verfallen sein würden, trat zu ihnen hin. Da sangen die Kontinente ihre wilden Harmonien in Hornbostels Ohr. Glocken läuteten und Tänze erklangen für Königsmarck. Deutsche Worte belehrten und ermahnten Reppert. Ein Dichter las aus seiner Dichtung dem klugen Häuptling vor. Aus den Sport-Arenen des Erdkreises schallten hunderttausende hetzende und jubelnde Stimmen für Lüders. Und in allen Sprachen der Erde flammten hier unter d«m Rotbuchenbaume die Leidenschaften der Menschheit auf. Unbesorgt überlies Daniela das Radiowerk Repperts methodischer Obhut. Sie schritt zum Zell hinaus. Sie ging zu ihrer Buche. Dort lehnte Otto Kirchholtes an dem Stamm und blickte in das weite, sonntägliche, sommerliche Land, während er lächelnd sang. Daniela ging zu ihm hin. Roch niemals hatte Daniela mit Otto Kirchholtes gesprochen, seitdem sie hier auf dem Schulgut war. Das mochte sellsam fein, aber es war nun einmal so. Und dieses Schweigen zwischen ihnen hatte wohl auch seine inneren Gesetze gehabt. Jetzt aber tat Daniela etwas ganz Ungewöhnliches. Sie legte den Arm um Otto Kirchholtes' Schultern. „Spielen wir morgen, wenn die Eltern kommen, unsere Sonate zusammen? Otto hörte nicht auf zu singen, während die Augen über das Land hinsahen. Dann aber verstummte der kleine zarte Gesang. „Und beim Fußball?" „Beim Fußball spielen wir auch zusammen!" Otto Kirchholtes nickte. Und beim Neigen seines Kopfes berührte feine Wange Danielas Hand. „Wir wollen beide stürmen, Daniela! Du rechts außen, ich links! Ich freue mich auf unser Match!" „Ich freue mich", sagte Daniela. Und bann sagte sie noch etwas, stockend und schnell: „Ihr habt doch ein Faltboot, dein Bruder und du, ja?" „Ja." „Wollen wir eine Flottille bilden? Der Doktor borgt mir seinen Zweisitzer. Ich nehme Borst mit, der ist arm." „Und dann über die Flüsse und Ströme nach Haus?" fragte Otto Kirchholtes, errötend vor Glück. „Ja. Ich habe die Karten und Wafferführer da oben auf der Buche ausgearbeitet... Wollt ihr? ... Das heißt natürlich nur, wenn ihr Lust habt!" „Ja! wir haben Lust! ... Alexander hat einen Schlaffack —" „Ich habe in meinem Zelt ebenfalls einen Schlaffackl Und Geschirr haben wir genug! Wir brauchen vier Tage Zeit, — wir brauchen kein Geld, — nur für frisches Brot eine Kleinigkeit! Kakao und Proviant bekommen wir vom Doktor." „Wir übernachten an den Ufern, nah am Röhricht, ja?" „Aber man muß früh aufstehen, Otto, — kurz nach Sonnenaufgang, weißt du das?" „Ich weiß es, und ich freue mich. Mittags aber halten wir Rast und dann schwimmen und schlafen wir." „Oder wir ziehen auf einem Floß weiter dahin. Gern nehmen die Schiffer uns mit! Und gern geben wir ihnen von unferm Proviant!" Sie machten gemeinsam einige Schritte. Da begegnete ihnen Borst, der sich zur Seite schleichen wollte. Daniela flüsterte: „Später sagen wir es ihm, was wir planen." Sie winkten Borst zu sich heran, und Daniela legte den linken Arm auf feine Schultern. Es tarnen noch ander« herzu, auch die Hunde und Karlemann. Und schließlich stand die ganze Bande insgesamt auf der Hexenkuppe, in einer Kette, die Arme wechselseitig über die Schultern. Sie sahen ernst und froh über das weite Land. Teiche und Bäche blitzten. Der Hahn auf der Stang« eines Kirchturms zeigte fein schimmerndes Gefieder. Eisenbahnschienen glitzerten in der früchtereichen Ebene. Aus dem einsamen Haus am Geleis tarn ein fernes, fernes Klopfen, das bald verstummte. Und ferner noch leuchteten die Grabsteine eines Dorffriedhofes, über dem die klar umrandeten Wolken mit überirdischem Genügen schwebten. Da begann Otto Kirchholtes eine kleine Melodie zu summen. „O Täler weit, o Höhen!" Die andern von der Bande hörten es zerstreut und ohne Achtsamkeit. Daniela aber stieß den Kopf gegen die gefieberten Pfeile ihres Köchers zurück und sie fang: „O schöner grüner Wald!" Borst folgte mit feiner kleinen, krächzenden Rabenftimme: „Du meiner Lust und Wehen!" Die Räuber horchten auf. Andere Stimmen setzten ein. Raubvögel kreisten über dem Hochwald. Zu denen sahen sie hin, und freudig folgten die Hunde den Blicken ihrer Herren. Während sich das schöne Licht des Himmels in ihren klaren, auswärts gerichteten Augen spiegelte, fangen die Räuber und die Streiter alle das Lied von ihren Tälern und Höhen, von dem stillen ernsten Wort im Walde und von dem niemals alternden Herzen. Derantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Univerf itätS-Duch. und Steindruckerei. R. Lange, Sieben.