GiehenerKlmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <951 Montag, -en 4. Mai ~ Nummer 35 Gedenkst du noch? Von Theodor Storm. Gedenkst du noch, wenn in der Frühlingsnacht Aus unferm Kammerfenster wir hernieder Zum Garten schauten, wo geheimnisvoll Im Dunkel dufteten Jasmin und Flieder? Der Sternenhimmel über uns so weit. Und du so jung, unmerklich geht die Zeit. Wie still die Luft! Des Regenpfeifers Schrei Scholl klar herüber von dem Meeresstrande; Und über unsrer Bäume Wipfel sahn Wir schweigend in die dämmerigen Lande. Nun wird es wieder Frühling um uns her. Nur eine Heimat haben wir nicht mehr. Nun horch ich oft, schlaflos in tiefer Nacht, Ob nicht der Wind zur Rückfahrt möge wehen. Wer in der Heimat erst sein Haus gebaut. Der sollte nicht mehr in die Fremde gehen! Nach drüben ist sein Auge stets gewandt: Doch eines blieb — wir gehen Hand in Hand. Wiedersehen mit dem Talegallahuhn. Bon H. Wolfgang Seidel. „Ein durchdringendes Klingeln schreckte um Mitternacht den Lesenden auf“ — so heißt es ja wohl in den Romanen. Indessen war es in diesem Fall weder die Türglocke, noch der Fernsprecher, sondern es war jenes geheimnisvolle Läutewerk, mit dem unser Gedächtnis die Wiederkehr verschollener Gespenster ankündigt. Die Nachricht, in heutiges Deutsch übertragen, lautet etwa: „Direktor Heck beehrt sich zu zeigen: Das Tale- gallahuhn!" SRir abef versanken fast fünf Jahrzehnte, und ich rief aus: „Es lebt also noch!" Gespenst meiner Jugend, rätselvollstes aller Geschöpfe, halb Wirklichkeit und halb Traumgestalt — mußte ich dich nicht erwarten? Aus dem Blätterfall und Moder vergessener Zeiten hat es sich ans Licht gekratzt und begehrt Beachtung. Sie werde ihm zuteil! Der Ort, an dem auch damals schon das Talegallahuhn seine Verehrer empfing, war der Zoologische Garten. Ein schwierig auszusprechendes Wort, und doch ließ sich kein Verständiger auf die bequeme Bezeichnung „Zoo" ein: diese überließ man stammelnden Kindern. Wir liebten damals — in den achtziger Jahren — lange und anschauliche Namen; allerdings muß ich zugeben, daß selbst Erwachsene gerne „zologisch" sagten, aber wie hätte man auf das wundervolle Wort „Garten" verzichten können! Mancher hielt den Garten sogar für wichtiger, als die Tiere, und — was ihm einen besonderen Reiz gab, — dieser Garten lag weit vor den Toren der Stadt, hinter ihm war eigentlich gar nicht mehr Berlin — sondern das Land. Auch wir wohnten bereits in der Vorstadt, nämlich m jener Straße, die den Namen „Am Karlsbade" führte, und in deren grünen Wipfeln damals noch die Nachtigall sang. Wer sie nicht gehört hatte, wurde bedauert und galt als politisch rückständig; dagegen gab es immer noch Zweifler, die nicht an die Einwanderung der Amsel in Berlin glauben wollten. Man gab zu, daß im Tiergarten die Holztaube, der Fliegenschnäpper und drei Arten von Spechten vorkamen, man hatte eine ganze Familie von Käuzen auf einer alten Eiche hocken sehen, und selbst der Eisvogel wurde für den Winter nicht bestritten — er fischte sogar, bewundert von Wasserratten — aber Schwarzdrosseln —: nein! ♦ Mein Vater stand in seinem Arbeitszimmer, das von einer Atmosphäre unvergeßlicher Art erfüllt war: es roch nach Schweinslederbänden, Zigarren, Ameifeneiern und vierzehn verschiedenen Vögeln. „Wir gehen heute in den Zoologischen Garten!" sagte er und futterte dabei den Papagei mit einem Stück Rohrzucker. „Sie haben neue Tiere ... Aber wir gingen nicht, sondern wir fuhren mit der Pferdebahn. Ich erinnere mich, daß ich vor dieser Fahrt jedesmal ein ausgesprocheneq Gefühl von Uebelteit empfand, sie erschien mir endlos und ich pflegte daran zu zweifeln, daß wir je unser Ziel erreichen wurden. Ich weiß nicht, wie die Pferdebahn das machte, sie erzeugte Trostlosigkeit und glich alles in allem einem Gefährt, das ein Dämon auf die Spur eines Sonnenumlaufs gelenkt hatte. Die Pferde — wenn biefer Slusbruct anzuwenben war auf jene Tiere, bie bie Pferbebahngesellfchaft so unb nicht anders bezeichnete — also die Pferde trugen kleine Schellen, um ihr Herbelsaufen jedem anzukundigen, und diese eintönige Glöckchenmusik, dieses beharrliche Wimmern in der Sonnenglut tötet» die letzte Lebensfreude. Immerhin müssen wir schließlich angekommen sein. Hier nun, im Garten aller Wunder, lebte die Seele wieder auf, und ich hatte nur eins auszusetzen, daß bie ornithologischen Gelüste meines Daters sofort ben Vogelgehegen zustrebten, unb daß wir, wie mir schien, die Saugetiere vernachlässigten. Ich legte keinen Wert auf Affen unb Baren, aber ich wünschte bem schwarzen Panther, bem rnilben Zebu, dem bakirischen Kamel, bem sinnigen Nilpferd und vor allem der Giraffe naherzutreten, ohne darum den sibirischen Wolf, das Wombat und den Tapir zu verachten. Aber nein, wir mußten uns dauernd um das gesamte Federvieh bemühen, nicht grabe heftig um ben räderschlagenben Pfau, nicht besonbers leibenschaftlich um ben Fasanenherzog, der im heißen Sanbe strahlte, bie goldgelbe Flamme auf dem Haupt, als fei er ein Gestirn unter den Vögeln — mein Vater war ein „Amateur", wie man oamals sagte, ein Liebhaber, dessen Neigung den Insektenfressern gehörte, die er selbst mit unendlicher Kunst daheim durch den Winter zu bringen verstand, und die er am Fluge erkannte und nach zwei Tonen ihres Gesanges; sie waren für ihn das Mittel, selbst in der steinernen Stadt die Landschaft zu erleben, der sie entstammten: Wälder. Kornbreiten Rohrdickicht und weites Heideland. Aber an dem Tage, dessen ich gedenke, hatte er ein anderes Ziel. Er sagte, daß der Garten seit einigen Tagen eine ungeheure Merkwürdigkeit beherberge, nämlich das Talegallahuhn. Er nannte als feine Heimat Australien, und ich war auf das abenteuerlichste aller Geschöpfe gefaßt, denn hieß es nicht in ben „Ansieblem auf Van Siemenslanb", baß in Australien alles umgekehrt sei, als anberswo? Außerbem brauchte er in bezug auf biefes Tier bas Wort „eigentümlich", ein Wort, das ich nur bei ihm bisher gehört hatte unb bem ich bie Bebeutung aller irgenb- mie erdenklichen Vorzüge beilegte. „Eigentümlich": bas hing natürlich mit „(Eigentum zusammen, unb ich konnte es mir nicht anders vorstellen, als daß es in solchen Fällen um eine Art Privatbesitz des lieben Gottes selber handle. Ich war aufs Aeußerfte gespannt. Meine Erwartung indessen, daß dieses so bevorzugte Wesen angemessen untergebracht sei, ward schwer enttäuscht. Zum erstenmal in meinem Leben wurde mir bewußt, daß Verehrnnaswiirbigkeit dem harten Lebenskampf nicht gewachsen ist, denn das eigentümliche Tier hauste kläglich. Kein indischer Tempel mit eingelegtem Mosaik, nicht einmal eine Bam- bushütte, wie sie der ärmste Paria besitzt, war ihm zugeteilt worden; man hatte es in ausgesprochenem Maße hingesetzt, wo eben Platz war, in einen Stall, wenn man so will, ein vergittertes Kabuff über einem Komposthaufen. Ich war plötzlich Überzeugt, daß nur mein Vater überhaupt wußte, wo es feine geheimnisvollen Tage absjpnnte. „Da ist es!" sagte er befriedigt. * Ja, da war es! Schokolabebraun, massig, unb mit bitter Selbstgefälligkeit stand es da, prahlte mit den beiden Fahnen feines Dachschwanzes und wiegte seinen halbnackten Kopf und Hals durch die Dämmerung seiner traurigen Bezirke. Neben ihm erhob sich der schon erwähnte Haufen verwesender Blätter, drei Raummeter im Ausmaße unb offenbar von ihm selbst hergestellt, hinter ihm ragte ein gegabeltes Oebilbe in bie Höhe, von bem es zu behaupten schien, es sei ein Baum. Mein Vater betrachtete es mit Inbrunst unb sagte bann einige Worte, bie feinem liebevollen Herzen entsprachen: „Weißt bu, es ist sehr scheu unb fühlt sich vermutlich ziemlich unglücklich. Aber bas läßt es nicht merken, keineswegs. Siehst bu feine mächtigen Zehen? Damit kann es barbarisch kratzen! Es wohnt im Buschhoh bes Manning unb schläft nachts auf Bäumen. Nein, ein Nest baut es sich nicht, aber ben riesigen Blätterhaufen, ber so schlecht riecht, ben hat es ganz allein zusammengebracht. Bei feuchtem Wetter natürlich, denn bas Ganze ist sein Brutofen, und nasse Blätter entzünden sich schneller. Cs vergräbt seine Eier darin, und wenn die Jungen durch die Wärme glücklich ausgebrütet sind, dann kommt das Männchen angesetzt und begräbt seine eigenen Kinder: drei Tage lang müssen sie warten, bis sie herausdürfen." Ich sagte: „Aber ihre Mutter?" „Die kümmert sich um das Ganze sehr wenig, sie geht spazieren oder frühstückt unterdessen Beeren und fette Insekten. Nein, die Mutter ist da sehr wenig beschäftigt. Aber es ist eben ein sehr sonderbares Tier, anders als bie anbern, eigentümlich..." Meine Gabe, zu verehren, versagte. Ich wollte so gerne begeistert sein, jebes Wort aber, bas ich über bies Geschöpf vernahm, mißfiel mir. Alles wirkte zusammen: bie unförmige Größe, bie unangenehmen Krallen, ber pestilenzialif'che Brutofen, bas Hocken auf Bäumen und die Abwesenheit zärtlicher Gefühle. — Nein, ich konnte bas Talegalla nicht schätzen. Nuova. Von Th. Vogel. 1631 siegte Gustav Adolf bei Breitenfeld über Tilly. Nuova hieß die Stute Muoniavnras. Wit ihr war er von den Weibeln des schwedischen Königs in den Bergen Suomis daheim angeworben und in das finnische Reiterregiment eingereiht worden, mit ihr war er unter den Bannern Gustavs über das Meer nach Deutschland gefahren, ihr Verdienst war cs, daß er bald zum Korporal vorrückte und besseren Sold erhielt. Denn Nuova war klug, und Muoniavara liebte sic. Sie war ihm in den kalten Nächten aus dem Zug durch das sremde Jlanb Lager- und Heimatboden zugleich, in ihr Ohr raunte er von feiner Sehnsucht nach den hellen Nächten, sang von den tausend Inseln. Sie verstand ihn, redete mit ihm in der Sprache der finnischen Landschaft, soweit Mensch und Tier in i!jren Seelen einander nahekommen. Sie gehorchte ihm, sie kannte seine Worte und Zeichen, sie blieb auf der Erde kauernd, bis er sie rief von weitem, sie war das Leitpferd und die klügste Stute im ganzen Regiment, der die' anderen Pferde folgten im vertrauenden Instinkt der Tiere, die auch unter sich die Klugen erkennen und ihnen gehorsam sind. Darum wurde Muoniavara Korporal und Weibel, als es im fremden Lande galt, zu nächtlichen Ritten aufzubrechen, den Feind zu suchen und die Wege zu finden. Und Nuova die Stute mar cs, der Gustav Adolf den Sieg über den Generalissimus'Tilly zu Breitenseld verdankte, wenn man den kleinen und unwesentlichen Dingen im großen Geschehen Gerechtigkeit und Geltung widerfahren läßt. Denn das Schicksal der Völker wird von dem der Menschen und das Geschick der Menschen von dem Spiel des Zufalls Aber ich betrachtete es mit aufgeriffenen Augen und mit jener seltsamen Betörung, die zuweilen das Widerwärtige und Unheimliche auf uns °"^Jch'hätte dies nicht tun sollen, denn nun begann das Geschöpf meine Träume zu erfüllen. Vielleicht ist jedem aus feiner Jugend der Einbruch von Unholden in das nächtliche Reich der Befeligung und der sinnlosen Angst vertraut; ich kann nur sagen, daß das Tategallahuhn in meinem I Falle Triumphe erlebte, die es bei Tag nicht zu erreichen imstande war. Ich sah mich versetzt in verpestete Urwälder, irrte auf mondbeschienencn Pfaden und wusste, dah in allen Wipfeln das Talegalla hockte, bereit, feinen dämonisthen Halbschlaf zu unterbrechen und stuf mich herabzustürzen. Oder es breitete sich vor mir in der Tiefe eine düstre Ebene, von feltsamen Hügeln begrenzt, die, wenn der Wind zu nur herstand, Todesqeruch ausströmten: es waren jene verwesenden Blatterhausen in denen ganze heere von Talegallas begraben waren, wartend arst den Ruf ihres teuflischen Vaters. Ich wanderte mühsam'durch die ^and- steppe und erblickte die Spuren riesiger Krallen. Einmal erwacyte ich, blickte mich um und konnte bereits alle Gegenstände meines von der Morgensonne bestrahlten Schlafzimmers deutlich erkennen, aber auf der weihen Bettdecke faß mit nacktem Hals und gebogenen Schnabel ein ungehures Buschhuhn, das sich langsam in nichts auflöste, wobei es bis I zuletzt fein starres Auge auf mich gerichtet hatte! * „Also es lebt noch!" hatte ich gesagt; ich war zugleich fest entschlossen, I dem Spuk meiner Kindheit entgegenzutreten, koste es was es wolle. Diesmal fuhr ich Untergrund — ja, wir find etwas hastiger geworden feit jenen Tagen. Ich befragte die Angestellten des Gartens: Wo ...? und sie machten kein Geheimnis aus dem Wohnort des illustren Geschöpfes. I Da war es wieder! ~ „ , , , Man muh sagen: die sozialen Verhältnisse des Talegallahuhnes hatten sich gebessert; cs wohnte nicht mehr in der Finsternis, es war liebevoll versorgt. Aber: was war mit ihm selbst geschehen? Warum war es so klein? Sein dämonisches Auge blickte jetzt reichlich blöde, und seine Krallen schienen mir nicht besonders furchtbar. Aber es hatte immer noch feine Neigung für verfaulte Blätter — ich dachte: na, wenn schon; man wird milder im Alter. Es stand da in feiner alten Haltung, gewissermaßen unverfroren, um die Angst feines Inneren zu betäuben. Aber irgendwie war doch ein neuer Geist in diese Hühnerseele eingekehrt, gleich, als habe das Talegalla inzwischen eine geschichtliche Rechtfertigung erfahren. Es blickte auf feine faulen Blätter und auf feinen Schlafbaum und schien anzudeuten, dah hier technische Errungenschaften vorhanden wären, die sich immerhin durchsetzten. Sollte es etwa seine traurige Art, Kinder aufzuziehen, für neue Sachlichkeit halten? Betrachtete es (eine Hockerei auf den Bäumen, seine Unfähigkeit, ein anständiges Nest herzustellen, als einen Fortschritt? Hatte es etwa inzwischen irgendwo einen Staat gegründet, so dah das Talegalla-Gewimmcl meiner frühen Träume eine Prophezeiung gewesen war? Ich sagte: wir wollen doch keine Irrtümer aufkommen lassen —. ich bin enttäuscht. Mag (ein, dah sie „eigentümlich" sind; aber ich habe inzwischen gelernt, dah das nicht immer ausreicht. Von ihrem Wohnungsbau will ich nicht reden! — Ich finde ihn primitiv, vermutlich haben sie nichts Besseres gelernt. Was aber ihre Art von Kindererziehung betrifft, so scheint es ihnen entgangen zu sein, dah sie weiter nichts sind, als ein greulicher Atavismus. Sie glauben modern zu sein — wie? Dabei sind ihre Methoden die eines Krokodils. Jeder Spatz übertrifft sie, von einer Katze ganz zu schweigen. Verzeihen Sie, aber ich habe mehr als ein Menschenalter gewartet, um ihnen das zu sagen. Ich zweifle nicht, dah sie sich entwickeln werden, wenn auch sehr langsam. Leben Sic wohl!" Ich sürchtc, das Talegalla hat mir nicht verziehen. Es wandte mir seinen Dachschwanz zu und schien anzudeuten, ich hätte mich auf das verstimmende Feld der Politik hinausgewagt. Tat ich das? Meines Wissens habe ich weder ein europäisches noch ein asiatisches Reich erwähnt. Aber das Mißtrauen ist so allgemein in diesen Tagen... bestimmt der freilich im letzten Grunde wiederum Gottes Werk und Wille ist So aber geschah es am Tag von Breitenfeld, da die sächsischen Hilfs- trüppen des Königs Gustav aUbcreits auf der Flucht waren, und dies schwedischen Reiterregimenter, die zum Kern der lutherischen Armada die Verbindung herstellen sollten, nicht mehr um Ehre und Sieg, sondern nur um Leben und Freiheit gegen die vielfache Uebermacht kämpften. Hilfe war keine die Sonne stand hoch im Mittag, die Masse der anderen erdrückte die Schweden, umbrandete sie, riß sie von den Gäulen, nahm f'C Nach war es in diesen Jahren des großen Krieges nicht Sitte und Gesetz geworden daß die Gefangenen getötet oder in die eigenen Rechen gestellt wurden noch hielt man sie unter Wache, wenn sie ihrer Waffen und Rüstung beraubt waren, und führte sie zur Seite. Also geschah es auch den hilflosen und überwältigten Finnen. Ihre Gäule freilich dienten also- gleich dem Feind. Denn die kaiserliche Artillerie war schlecht bespannt und konnte sie wohl gebrauchen: Stränge waren rasch geknüpft Zugel geschlungen und mit Heisa-Juchhei trieben die Sieger des Feldes ihre Batterien auf die nahen Hügel, um von dort auf des Schwedenkonigs schwer bedrängte Regimenter Tod und Verderben zu senden. Wenn solches geschah dann waren die jetzt noch tapfer ausharrenden Schweden nn doppelten Feuer dem sie nicht würden standhalten können. Das Schicksal des Tages und damit der ganzen schwedischen Armada hing daran, daß des kaiserlichen Generalissimus Plan gelang. Staub und mittäglich brütende Hitze und Pulverdampf verhüllten die Hügel. Von den Schweden in der weiten Ebene konnte keiner das drohende Unheil erkennen oder ahnen. Sie hatten genug zu tun, sich Ihrer Haut vor den stürmisch drängenden Kroaten und Bayern zu wehren und die sticht mehr von den Sachsen gedeckte Flanke in Eile zu schützen. Das Schicksal des Tages und des Krieges hing an einem Faden. Schon waren die Geschütze der Kaiserlichen auf dem Gipfelrucken angclangt, schon sprangen die Kanoniere mit Schanzkörben und Kugeln, schon riefen Tillys Offiziere Viktoria, da sie den Sieg so greifbar nahe in der Hand zu halten glaubten, schon schickten sich die Fahrer an die Stränge zu lösen und die Zügel zu zerschneiden, da nun die kleinen, zähen Finnengäule ihre Pflicht getan hatten. Nichts schien die Niederlage der Schweden aufhalten zu können. Doch war es dem Korporal Muoniavara gelungen, sich zu befreien: In dumpfem Erstaunen hatte er mit (einen Landsleuten das Geschick der Gefangenen über sich ergehen, sich die Waffen und sein Pferd nehmen lassen war hilslos gestanden und erst nach langer Zeit aus feiner Benommenheit aufgewacht. Das war, als er die Kanonen auf den Gipfeln erkannte erkannte daß die eigenen Gäule sie hatten hinaufziehen und dem Feind zu Dienst fein müffen. Er fah feine Stute sich mühen unter den Peitfchenfchlägen der Feinde, und dumpfer Groll erwachte in ihm i Er rief den neben ihm kauernden Kameraden ein Wort zu, (prang auf und traf mit der Faust den jungen deutschen Soldaten, der ihm zunächst stand Wie er taten die anderen, erwachten aus Traum zur Tapferkeit und Wildheit, bemächtigten sich der Waffen ihrer Wächter, scharten sich um den Korporal. Sie hätten sich verloren geben müssen, inmitten der siegestrunkenen Kaiserlichen, wenn nicht Nuova gewesen wäre, Muom- aoarras Stute: ihr Herr rief sie. Und das Geschrei und der Donner und Sturm und Wirbel des Tages vermochten nicht den Schrei zu ersticken, I mit dem der Herr fein treuestes Tier mahnte. Nuova vernahm den Befehl. Laut wieherte sie auf, stellte die Ohren, gab ihren Gefährten das Zeichen und wandte sich schreiend zurück. Nichts hielt sie und mit ihr die kleinen finnischen Gäule, weder Peitsche noch Drohschrei, noch die Gewalt der Menschen, noch die Last in den Strängen. Mit Ungetüm bahnte sie den Weg, hob die Hufe, schlug die Menschen I nieder die sie hemmen wollten, stürmte die Hügel hinunter, nach dem rufenden Herrn hin. Und die Batterien der Kaiserlichen, die eben im Abprotzen waren, jagten und rollten mit den Gäulen der feindlichen Reiter zurück ohne Aufenthalt, ein entfesselter Sturm, Tücke des Schicksals, Macht und Schrei der vergewaltigten Natur des Tieres, das sich aus I erwachendem Instinkt heraus zuweilen an den Menschen rächt. Der Korporal Muoniavara stand mit blitzenden Augen. Auf ihn zu I ging die wilde Jagd. Jauchzend sah er ihr entgegen, fang bas laute Lied I feiner Berge und Ströme vermeinte in den kreisenden Wassern der I heimischen Landschaft zu stehen, wie er es oft getan in jungen Jahren, I um die Stämme zu flößen. Jauchzend empfing er feine Stute, schwang I sich im Sturm in den Sattel, beugte sich herunter zu ihrem Ohr, liebkoste I sie und raunte ihr zu, daß sie laufen sollte in das weite Feld, hemmungslos und wild, wie die Wogen daheim am Jmatra von den Bergen heruntcr- stürzen und alles zerschmettern. Ein wildes Heer stürmte in die Rotten der Kaiserlichen. Kein Reiterregiment sondern sagende Gäule mit den eigenen Geschützen. Da und dort stürzte ein Pferd stiegen Todesschreie sterbender Tiere zum Himmel, aber | immer mit den' Schreien der sterbenden und von ihnen begrabenen I Menschen Da und dort vermochten Beherzte den Lauf eines sinnlosen Geschehens zu hemmen und der ungeheuren Verwirrung Einhalt zu tun. I Aber erst bann gelang es, den wilden Malstrom der Gäule zu steuern, I erst bann als eine Pistolenkugel den rufenden, jauchzenden Muoniavara und sein Wrb traf, Herr und Tier in ein gemeinsames Schicksal stoßend. Da erst standen die übrigen Tiere mit jagenden Flanken, brachen sie I zusammen, verwirrten im Sturze Stränge, Geschirre und Zügel, noch im I Zusammenbrechen Sieger über den Menschen. Nicht dieser Sturmangriff der Finnengäule wider die Regimenter | Tillys, die von der Seite her den Schwedenkönig angreifen sollten, entschied die Schlacht Die Kraft des schwedischen Königs mußte mit der Kraft des kaiserlichen Generals dennoch sich messen und die schwedische Manneszucht die wilden Scharen Tillys dennoch besiegen. Aber, wenn Gott richten will, dann dienen ihm alle Dinge, das Schicksal zu erfüllen, und viele Helden vollbringen im kleinen ihre Tat, damit ein anderer in die Unsterv- I lichkeit eingeht. ..... „ , I Solch einer war der Korporal Muoniavara, da er über seinem G-nu I sterbend auf dem Schlachtfeld lag. Er wußte nicht, daß er bestimmt war, dem König Gustav Sieg und Heer zu erhalten. Es hätte ihm im Sterben und Tod nichts genutzt. Ihm genügte — und so gering kann eines Menschen Glück und Heldentum sein —, daß er mit seinem treuen Tier zusammen die Nacht auf sich herabsinken sah und den Weg in die Heimat finden durste. Die Wälder Suomis rauschten und raunten. Die hellen Nächte waren da. Nuovas Leib hob und senkte sich, als ob es der Heimatboden sei, der da atmet. Der Schrei des Bergadlers war in der Luft fo laut und gewaltig, daß nichts von dem Stöhnen und Schreien des dunkelnden Schlachtfeldes in die Sterbensträume Muoniavaras drang als der Siegesschrei des gewaltigen Vogels, des Königs aus Mitternacht, wie — Symbol und Spiel zugleich des Schicksals — sein Volk und Völker und Geschlechter nach ihm den Sieger der Schlacht von Breitenfeld nannten. Zum Löwentor von Mykenä. Von Alfons v. Czibulka. Das Felsennest Nauplia am verzauberten argolischen Golf, das schon der Seehafen jener machtvollen homerischen Könige Atreus und Agamemnon war, die im zweiten Jahrtausend vor Christus auf einem erhabenen und erhöhten Winkel der argivischen Ebene in ihrer Goldburg Mykenä thronten, ist, wie die Reisehandbücher versichern, unschwer zu erreichen. Und doch wird die Ruhe dieses weltfernen Hasenstädtchens nur selten von Fremden gestört. Denn die griechischen Postdampfer, die in zwölfstündiger Fahrt über ein berüchtigtes Stück Griechensee vom Piräus über Hydra nach Nauplion schaukeln, find wenig beliebt. Die Bahn über den Jsthmos von Korinth aber ist schmalspurig, ihre winzigen Wagen werden in der südlichen Glut zu Bleikammern. Und die Straße von Athen nach dem Peloponnes würde kein mitteleuropäischer Chauffeur freiwillig befahren. Es sei denn, er wäre des Lebens überdrüssig. Oder doch nur den Teil bis Eleufis und ein Stück darüber hinaus. Soweit ergießt sich auf der einst heiligen Straße ein breiter, nur selten von Schlaglöchern gestörter Asphaltstrom. Doch weiter gegen den Jsthmos zu ist die Straße sicherlich nicht besser als zur Zeit, da die Alten sie zum Schauplatz der Sage vom Prokrustes mit seinem Streckbett wählten und auf ihr den erbarmungslosen Räuber Skiron sein Wesen treiben ließen. Woraus zu schließen ist, daß diese Wegverbindung sich schon im Altertum eines zweifelhaften Rufes erfreute. Was aber einen Athener Chauffeur noch lange nicht stört. Autofahren in der Levante ist überhaupt Magie. Durch ein Gewirr mitfahrender, entgegenflitzender, regellos kreuzender und in rasender Fahrt einbiegender Autos, wild läutender Straßenbahnen, aufgeregter Fuhrwerke, durcheinander laufender Menschen saust ein levantinischer Kraftfahrer, während sein Wagen Haken schlägt wie ein Hase und Bögen schwingt wie ein Eisläufer, mit unverminderter Geschwindigkeit durch. Ms ein flammender Protest gegen jegliche Ordnung. Einem europäischen Verkehrsschutzmann würden Helm oder Mütze auf den vor Entsetzen gesträubten Haarspitzen tanzen. Und die Bitte um langsamere Fahrt beantwortet ein solcher Fahrer, wie uns das in dem steilen Gassengewirr von Stamvul widerfuhr, mit der grinsend erteilten Entgegnung, daß er langsamer nicht zu fahren verstünde. Ein solcher Magier am Steuer war auch der sicherlich noch nicht zwanzigjährige Taxi-Chauffeur, eine sympathische Lausbubengestalt mit einer unternehmend vorspringender Nase in dem schmalen Kindergesicht, den mein Athener Gastfreund für die Fahrt nach Mykenä und Nauplia verpflichtet hatte. Sein Wagen schien übrigens ausgezeichnet gepflegt. Daß dann doch die Scheinwerfer bockten, merkten wir erst in jener Nacht, in der er uns während eines flammenden Tropengewitters mit sintflutartigem Wolkenbruch über die halsbrecherischen Jagdgründe des Prokrustes und Skiron nach Athen zurückführte. Nachdem dieser schwarze Griechenjüngling, spielend durch den erwachenden Athener Verkehr steuernd, in einem Höllentempo über die heilige Straße von Eleufis gefahren war, ließ er den Wagen in die Haarnadelnkurven der von Sand und Schutt vermurten, von keiner Randmauer gesicherten Straße einschwingen, die, aufsteigend an der unwahrscheinlich blauen Bucht von Salamis, über Megara, dessen einstiger Handelsmacht Byzanz seine Gründung verdankte, hinüberführt zu den Farbenwundern des saronischen Golfes. So verzaubernd ist diese nun doch durch den Zwang der wilden Straß« wohltuend verlangsamte Fahrt hoch über dem Licht- und ^arben- rausch des weiten Golfes, daß man erst wieder zum vollen Bewußtsein der Bewegung kommt, wenn der Wagen schon längst viele Hunderte von Meter hoch über dem Meere durch die Skironischen Felsabsturze klettert oder über eine Art von Sandreihen rutscht. Aus einem so schmalen Bande fahrend, daß er mit einer Seite an die Wände streift, inbes die Räder der anderen keine Spanne weit von dem jäh und ohne Mauer in den Abgrund übergehenden, bröckelnden Straßenrande sich im Kiese drehen. In den vielen engen Kurven der labyrinthisch sich windenden, bald steil ansteigenden, bald beängstigend abfallenden Straße sieht man senkrecht unter dem über der Tiefe schwebenden Kotflügel die Klippen und Pinien der Küste als winzige Zwerggebilde. In orientalisch bildhafter Sprache nennen die Griechen dieses «trahen- stück K a k i s k a l a — die schlechte Stiege. Hier ist auch die Stelle, wo der furchtbare Skiron die Wanderer mit einem Fußtritt ins Meer hmab- schleuderte, auf dessen veilchenfarbenem Spiegel goldschimmernde Inseln wie Rücken riesenhafter Urwelttiere schwimmen. Wahrend ferne über dem Jsthmos, hinter dem ragenden Kegel von Akrokormth, schon die Gebirge des Peloponnes lichtblau vor weihen und goldenen Wolkenburgen stehen. An drei Stunden dauert es. bis diese abenteuerliche Strahe durchfahren ist, der Wagen nahe am Meere schon und nut ihm in fnft gleicher Ebene durch Olivenpflanzungen, Maulbeerhaine, rötliche Aecker rollt und ein vom Erdbeben gefälltes Dorf durchquerend >n dem kem Stein auf dem andern blieb, das nur eine halbe Gehstunde entfernte ^fthmia erreicht, in dem nicht ein Ziegel vom Dache fiel. Zwischen den in hellgrünen Buschgärten versteckten Häusern von Isthmia verschwindet eben ein Dampfer der Deutschen Levantelinie in der Einfahrt des jrancns. Nach wenigen Windungen der Straße schwingt sich, achtzig Meter hoch über der Kanalsohle, die Brücke hinüber nach dem Peloponnes. Als ein schnurgerades spiegelndes Band zieht in der liefe das Wasser von der saronischen Bucht zu mGolf von Korinth, der als eine lichtblaue Fläche mit silbernen Rändern unbewegt ruht zu Füßen des weißhäup- tigen, von schwarzen Tannensorsten gegürteten Parnaß. In Neu-Korinth, das immer noch einer vom Trommelfeuer vernichteten Ortschaft gleicht, errichtet man Häuser aus schmalen, schwingungsbereiten Holzlatten. -Das Wahrzeichen der korinthischen Landschaft, der freistehende, massige Bergkegel von Akrokorinth, der seine niedrigen, mittelalterlichen Festungsmauern wie eine Krone trägt, tritt an die Straße heran. Die, nachdem sie eine Weile wieder einer europäischen glich, in breite Sandflächen zwischen Aeckern, Pflanzungen, verstaubten Buschwäldern und geröllbesätem Weideland verläuft. Nur die Wagengeleise weisen den Weg. Hochräderige, schwerbeladene, von Maultieren gezogene Karren fahren zu Markte nach Korinth. Mit den Köpfen nach unten hängen lebend« Truthühner in Bündeln an den Karrenwänden. Unbekümmert um die vermehrte Last, hockt die ganze Familie auf der getürmten Ladung. Esel, die große Tabakballen tragen oder Wein in mächtigen Ziegenschläuchen, biegen von den Feldern ein. Große Raubvögel hocken auf einem toten Hund. Erst dicht vor dem Kühler flattern sie schwerfällig auf. Eine schmale, langgestreckte, von einem oleandergesäumten Bergbache durchrauschte Pahschlucht führt aus der Landschaft Korinth nach Argalis. Eben noch glaubte man mitten in der bedrückenden Gebe biefes nieberen Gebirges zu fein, ba tritt bie Kulisse aus grauen Geröllhängen mit einem Schlage zurück und in gewaltiger Weite liegt vor der sich steil senkenden Straße die argolische Ebene. Non Bergen begleitet im Osten und Westen. Im Süden begrenzt von dem mit dem Horizont verschwimmenden Goldstreif des Golfes zwischen dem hohen Berghügel Larissa über Argos und dem mächtigen Kalkhut des Palamidi über Nauplia, der in dieser lichtgesättigten Atmosphäre wie eine Luftspiegelung über der Ebene schwimmt. Zur Linken vor einem düsteren, in großen Konturen dem Meere zustreichenden Bergzuge auf rötlichgrauen Hügeln, di« den Halden eines Eisenbergwerks gleichen, als schwarze, senkrechte Striche die Schachteingänge der Königsgräber von Mykenä. Auf einen Feldweg einbiegend, rollt das Auto zwischen den Puderquasten der Baumwollfelder, an hellgrünen Tabakstauden vorüber durch ein ärmliches Dorf der Burghöhe von Mykenä zu. Sie, aus einer Felsschlucht sich türmend, nun deutlich aus dem Winkel der gegeneinander streichenden Gipselhäng« des hohen Doppelberges Euboea hervortritt. Geröllserpentinen schrauben sich über Schutt und Trümmer, über Reste der kyklopischen Burgbrücke bis zur obersten Ringmauer. Einige Schritte vor dem Löwentor hält der Wagen. Der Eindruck dieses berühmten Tores der Goldburg mit seinen wie in einem Wappenbilde edel aufgerichteten Steinlöwen ist groß. Aber überwältigender noch ist der Ausblick, der einen geradezu körperlich auf die Stelle bannt, wenn man das Tor durchschreitend nach kurzem Aufstieg die Burghöhe erreicht. Denn nicht wie auf der Akropolis Athens vermag der archäologisch Ungeschulte sich hier aus Verfallenem ein Bild von dem zu gestalten, was vor nun bald vier Jahrtausenden gewesen ist. Erst in dem Blicke von dieser königlichen Fellenhöhe auf Ebene und Golf von Argos entsteht der Phantasie aller Glanz und aller Zauber dieser homerischen Burg. Obgleich es Oktober ist, glüht die Landschaft unter der Sonne, die mit ihrem Leuchten Fern« und Nähe-wie mit Goldstaub überrieselt. Als hätte alles Gold von Mykenä in diesem magischen Lichte gelöst. Dies und die unbeschreibliche Wirkung des unterhalb der Burg in die Erde gebauten Schatzhauses des Atreus, bas man burch ein riesenhaftes, noch im Freien stehenbes Felsentor betritt, läßt ahnen, was hier einmal war. Ohne Mörtel ist aus glattbehauenen Blöcken biefes unter« irdische, bienenkorbartige, einst mit Kupfer- und Goldplatten ausgelegte Gewölbe aufgeführt, 'dessen Scheitelhöhe die Höhe eines dreistöckigen Gebäudes erreichen mag. Vorsichtig rutscht der Wagen am Rande der auslaufenden Schlucht wieder in die Eben« hinunter und erreicht, nun dem Meere zufahrend, nach einer Strecke von zwei Gehstunden die gelben Lehmhütten der Stadt Argos. Auf dem Wege nach Nauplia, der nahe schon der Küste an den lernäischen Sümpfen vorüberführt, wo Herakles die Hydra tötete, mahlt der Wagen, baumhohe, schwefelgelbe Wolken hinter sich aufwerfend durch knietiefe Sandseen. Nur Maulbeerbäume, verstaubte Riesenkakteen, mächtige Eukalyptusbäume deuten den Straßenzug an. Selbst die Schatten sind aufgelöst von der blendenden Helle dieses unbegreiflichen Lichts und des gelbweißen Sands. Nur da und dort erholt sich das Auge an grün durcheinander wuchernden Mastix-, Gummi- und Pfefferbaumen, Orangen, Feigen und Oliven, die, wie zu Oasen vereinigt und noch von Palmen überragt, über rosafarbenen, blauen und grellweißen Häusern stehen. Zwischen mächtigen, bis an die Wipfel verstaubten Silberpappeln, vorbei an den rötlichen Felsabstürzen des Palamidi erreichen wir nach siebenstündiger Fahrt von Athen her unser Tagesziel Nauplia. Unter dem Torbogen der Stadt hindurch, den zur-Erinnerung an den Türkensieger Morosini, unter dem der deutsche Graf Königsmarck einst Nauplia erstürmte, der Markuslöwe schmückt, rollt der Wagen zum Hauptplatz. In der Schenke, in der wir einkehren, steigen in der Küche, die ich zu gastronomischer Erkundung betrete, Wolken von Fliegen auf von den neben Schafgedärm und toten Fischen liegenden Fleischbrocken. Und der nach Landessitte geharzte Wein löscht nicht den Durst. Um so besser ist dann der türkische Kaffee auf der Hafenmauer, von wo man zwischen bunten, hochbordigen Fischerfahrzeugen über die Wasserweite des vom hohen Artemifiongedirge überragten Golfes sieht und auf die abenteuerliche Silhouette der Henkersinfel, eines venezianischen Kastells, in dem vor kurzem noch angekettet die Scharfrichter saßen, die alljährlich einmal auf dem Burgberge Palamidi die Todesstrafen ganz Griechenlands vvllzogemjr t[ejne ^jiand dar Henker betreten, sieht schon der Mond in das düstere Gemäuer der Seeburg, gegen das leise die vor einem warmen Abendwinde laufende Wellen klatschen. Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) „Herrschaften", begann dieser, „in ihren Briefen verspricht die französische Regentschaft, im Einverständnis mit dem zu Madrid gefangen sitzenden Könige ein ansehnliches Heer und entsagt zugleich endgültig, in die Hände des Heiligen Vaters, den Ansprüchen auf Neapel und Mailand." „Optime!“ jubelte der Herzog. „Und Schweizer bekämen wir so viele wir wollen, in lichten Haufen, wenn wir nur Dukaten hätten, ihnen damit zu klingeln. Nicht wahr, Kanzler?" „Da ist Rat zu schaffen", versicherten die zwei andern. „Aber, Herren", drängte Morone, „es eilt! Der Bourbone war hier. Man blickt uns in die Karten. Die drei Feldherren drohen, in Monatsfrist Mailand zu nehmen, wenn wir nicht abrüsten. Wir müssen losschlagen, und um loszuschlagen, müssen wir unfern Capitano wählen, jetzt, sogleich!" „Dazu sind wir gekommen", sprachen die zweie wiederum einstimmig. „Der Liga den Feldherrn geben!" wiederholte der Kanzler. „Das ist nicht weniger als über das Los Italiens entscheiden! Wen stellen wir dem Pescara entgegen, dem größten Feldherrn der Gegenwart? Nennet mir den ebenbürtigen Geist! Unfern großen Kriegsleuten, dem Alviano, dem Trivulzio, ist längst die Grabschrift gemacht, und die übrigen hat Pavia getötet. Nennet mir ihn! Zeiget mir die mächtige Gestalt! Wo ist die gepanzerte rettende Hand, daß ich sie ergreife?" Eine trüb« Stimmung kam über die Gesellschaft, und der Kanzler weidete sich an der Niedergeschlagenheit der Verbündeten. . „Wir haben den Urbinaten oder den Ferraresen", meinte Nasi, doch Guicciardin erklärte bündig, den Herzog von Ferrara schließe die Heiligkeit aus als ihren abtrünnigen Lehensmann. „Wählen wir den Herzog von Urbino. Er ist kleinlich und selbsüchtig, ohne weiten Blick, ein ewiger Verschlepper und Zauderer, aber ein versuchter Kriegsmann, und es bleibt uns kein anderer", sprach der Florentiner mit gerunzelter Stirn. „Da wäre noch Euer Hans Medici, Guicciardin, und Ihr hättet den jungen Waghals, nach dem Euer Herz zu begehren scheint", neckte ihn der Veneziauer. „Höhnt Ihr mich, Nasi?" zürnte Guicciardin. „Daß ein junger Frevler unsere patriotische Sache entweihe und ein tollkühner Bube unfern letzten Krieg mit den Würfeln einer leichtsinnigen Schlacht verspiele? Der Urbinate wird uns wenigstens nicht verderben, wenn er den Krieg verewigt, die Hilfe eines würgenden Fiebers oder eines Aufkaufes der Landsknechte im kaiserlichen Lager abwartend. Wählen wir ihn." Er seufzte, und in demselben Augenblicke fuhr er-wütend gegen den Kanzler los, den er das Ende feiner Reder mit einem verzweifelnden Gebärdenspiele begleiten sah. Laß die Grimassen, Narr!" schrie er ihn an, „... ich bitte um Vergebung, Hoheit, wenn ich ungeduldig werde, und Hoheit ist auf meiner Seite, wie ich glaube ..." Der Herzog blickte auf seinen Kanzler. * „Sei es", sagte Morone, „wir ftimmen bei, aber es ist ein unfreudiges Ja, das die Hoheit zu dem seelenlosen Anfänge unfers Bündnisses gibt." Der Herzog nickte trübselig. „Nein", rief der Kanzler, „sie gibt es nicht, die Hoheit tritt zurück, sie kann es nicht verantworten, die letzten Kräfte dieses Herzogtums zu erschöpfen! Sie zieht nicht zu Felde, im voraus entmutigt und geschlagen! Die Liga ist aufgehoben! Oder wir suchen ihr einen siegenden Feldherrn." Die zwei andern schwiegen mißmutig. „Und ich weiß einen!" sagte Morone. „Du weißt ihn?" schrie Guicciardin. „Bei allen Teufeln, heraus damit! Rede! Wen werfen wir in die Wagschale gegen Pescara?" „Redet, Kanzler!" trieb auch der Venezianer. Morone, der von seinem Schemel aufgesprungen war, trat einen Schritt vorwärts und sprach mit starker Stimme: „Wen wir gegen Pescara in die Wagschale werfen? Welchen (Ebenbürtigen? Pescara, ihn selber!" Ein Schrecken versteinerte die Gesellschaft. Der Herzog starrte seinen außerordentlichen Kanzler mit aufgerissenen Augen an, während Guicciardin und der Venezianer langsam die Hand an die Stirn legten und zu sinnen begannen. Beide errieten sie als kluge Leute ohne Schwierigkeit, wie Morone es meinte. Sie waren die Söhne eines Jahrhunderts, wo jede Art von Verrat und Wortbruch zu den alltäglichen Dingen gehörte. Hätte es sich um einen gewöhnlichen Kondotiiere gehandelt, einen jener fürstlichen oder plebejischen Abenteurer, welche ihre Banden dem Meistbietenden verkauften, sie hätten wohl dem Kanzler fein frevles Wort von den Lippen vorweggenommen. Ader den ersten kaiserlichen Heerführer? Aber Pescara? Unmöglich! Doch warum nicht Pescara? Da Morone leidenschaftlich zu sprechen begann, verschlangen sie seine Worte. „Herschaften", sagte dieser, „Pescara ist unter uns geboren. Er hat Spanien niemals betreten. Die herrlichste Italienerin ist sein Weid. Er muß Italien lieben. Er gehört zu uns, und in dieser Schicksalsstunde, da wir mit dem noch ledigen Arm unfern andern schon gefesselt befreien wollen, nehmen wir den gk'ößten Sohn der Heimat und ihren einzigen Fewherrn in Anspruch. Wir wollen zu ihm gehen, ihn umfingen und ihn anrufen: Rette Italien, Pescara! Ziehe es empor! Oder es reißt dich mit in den Abgrund!" „Genug deklamiert!" rief Guicciardin. „Ein Phantast wie du, Kanzler, mit den unbändigen Sprüngen deiner Einbildungskraft ist dazu da, das Unmögliche zu erdenken und auszusprechen, das vielleicht, näher betrachtet, nicht völlig unmöglich ist. Jetzt aber fei still« und laß die Vernünftigen es beschauen und sich zurechtlegen, was du im Fieber geweisfagt hast. Gebärde dich nicht wie ein Rasender, sondern setze dich und laß mich reden! Herrschaften, oft, und in verzweifelten Lagen immer, ist Kühnheit der beste und einzige Rat. Der Krieg unter dem Urbinaten starrt uns an wie eine Maske mit leeren Augen. Wir alle fühlen, er würde uns langsam lähmen ttnb methodisch zugrunde richten. Lieber ein hals, brechendes Wagnis. Also ja! Wenn es nach mir geht, versuchen wir den Pescara! Verrät er uns an den Kaiser, so kann er uns alle verderben. Aber wer weiß, ob er nicht seinem Dämon unterliegt? Zuerst müssen wir uns fragen: wer ist Pescara? Ich will es euch sagen: ein genialer Rech- ner, der die Möglichkeiten scharfsinnig scheidet und abwägt, der die Dinge unter ihrem trügerischen Antlitz aus ihren wahren Wert und ihre reale Macht zu untersuchen die Gewohnheit hat. Wäre er sonst, der er ist, der Sieger von Bicocca und Pavia? Wenn wir ihn antreten, wird er zuerst eine große Entrüstung heucheln über eine Sache, die er sicherlich selbst schon in gewissen Stunden sich besehen und betrachtet hat, wenn auch vielleicht nur als Hebung seines immerfort arbeitenden Verstandes. Dann wird «r langsam und sorgfältig abwägen: den Stoff, den wir ihm geben, das heißt unser Italien, ob sich daraus ein Heer und später ein Reich bilden ließe, und — seinen Lohn. Und da der Stoff zwar edel, aber spröde ist und einer gewaltig bildenden Hand bedarf, müssen mir ihm die größte Belohnung bieten: eine Krone." „Welche Krone?" stammelle der Herzog angstvoll. „Eine Krone, Hoheit, sagte ich, keinen Herzogshut, und meinte die schöne von Neapel. Sie ist in Feindeshand, also erledigt, und ein Leben der Heiligkeit." „Wenn wir Kronen austeilen", spottete der Venezianer, „warum bieten wir dem Pescara nicht gleich die Fabel- und Traumkrone von Italien?" „Die Traumkrone!" Das Antlitz des Florentiners zuckte schmerzlich. Dann sprach er trotzig, sich und die Urnsitzesden vergessend: „Die Krone von Italien! Wenn Pescara an der Spitze unserer Heere reitet, wird sie ungenannte vor ihm herschweben. Möchte er sie, als der Größte unserer Geschichte, fassen und ergreifen, diese ideale Krone, nach welcher schon so manche Hände und die frevelhaftesten sich gestreckt haben! Möge sie auf seinem Haupte zur Wahrheit werden! Und", sagte er kühn, „weil wir heute jedes gewöhnliche Maß verlassen und unfern Endgedanken und innersten Wünschen Gestalt geben, so wisset, Herrschaften: ist Pescara der Vorausbestimmte, wie es möglich wäre, in der Zeit liegen große Begünstigungen und in den Sternen glückliche Verheißungen. Baut er Italien, so wird er es auch beherrschen. Aber, Kanzler, ich habe dich einen Phantasten genannt und phantasiere größer als du. Kehren wir zurück aus dem Reiche des Ungebornen in die Wirklichkeit und stellen mir die Frage: wer übernimmt die Rolle des Versuchers?" „Ich stürze mich wie Curtius in den Abgrund!" rief der Kanzler aus. „Recht", billigte Guicciardin. „Du bist die Person dazu. Einem andern würde die Stimme versagen, und er würde vor Scham versinken, wenn er vor Pescara träte, um mit ihm von seinem Verrate zu reden. Du Schamloser aber bist zu allem fähig, und deine Schellenkappe bringt dich aus Lagen und Verwicklungen, wo jeder andere hängen bliebe. Will Pescara nicht, so nimmt er dich von deiner närrischen Seite und behandelt dich als Possenreißer; will er, so wird er unter deinen tragischen Gebärden und deinen komischen Runzeln den Ernst und die Größe der Sache schon zu entdecken wissen. Gehe du hin, mein Sohn, und versuche den Pescara!" Der Herzog, der sich grübelnd auf feinem Schemel zufammengekauert hatte, wollte eben nach Licht rufen, denn die Dämmerung wuchs, und er fürchtete das Dunkel. Da sah er die Dinge unvermutet auf ihre Spitze kommen und wurde ängstlich. „Kanzler, du darfft nicht!" verbot er. „Ich will mit diesem großmächtigen Pescara nichts zu schaffen haben. Bekommen wir ihn, so wird er zuerst meine Ebenen nehmen, welche den Krieg aniocken, und meine Festungen, welche sie behaupten. Und hat er sie, so wird er sie behalten. Verspielt er aber, so büße ich zuerst und verfalle ohne Gnade dem Spruche des Kaisers, meines Lehensherrn. Oh, ich durchschaue euch! Ihr alle, selbst dieser da", — er blickte wehmütig nach seinem Kanzler — „habet immer nur euer Italien im Sinne, und ich gelte euch" — er blies über die flache Hand — „soviel! Ich aber bin ein Fürst und will mein Erbe, mein Mailand, und nichts als mein Mailand! Und du, Girolamo, gehst nicht zu Pescara. Die Geschäfte würden darunter leiden. Ich kann dich keine Stunde entbehren!" Jetzt nahm der schöne ßälius das Wort und lispelte: „Wenn Hoheit darauf bestünde, so würde durch Ihren Einspruch unser Plan hinfällig, und ich hätte einen andern. Da wir uns einmal, sonderbarerweise, nach unferm Capitano unter den kaiserlichen Feldherrn umsehen, wäre nicht etwa der Versuch zu machen, ob sich der Bourbone, gegen ein großes Anerbieten, zu einem zweiten Verrat entschlösse?" Der Herzog schrak zusammen. „Wann verreisest du, mein Girolamo?" fragte er. „Zuerst, Kanzler", fiel Guicciardin ein, „habe ich Austrag, dich nach Rom mitzunehmen. Der Heilige Vater wünscht dich näher kennenzulernen. Denn er hat eine große Meinung von dir. Er nennt dich den Kanzler Proteus und behauptet, du seiest, trotz deiner tollen Augen, einer der klügsten Männer Italiens." „Das ist gut", bemerkte der Venezianer, „schon weil es die entscheidende Stunde verschiebt, in welcher Girolamo Morone als Versucher zu Pescara tritt. Ich wünsche dieser Stunde zuvor einen Grund unb ^eine Wurzel in der öffentlichen Meinung zu geben. Darf ich mich darüber verbreiten, Herrschaften?" Das fade Gesicht des Venezianers nahm, soweit sich in der Dämmerung noch unterscheiden ließ, einen energischen Ausdruck an, und er redete mit markiger Stimme: „Der Kanzler, da er sein bedeutendes Wort aussprach, hat uns ohne Zweifel erschreckt, aber nicht eigentlich in Verwunderung gesetzt. Nachdem der vernichtende Schlag von Pavia dem Kaiser unser ganzes Italien wehrlos zu Füßen geworfen hatte, suchte die öffentliche Meinung von selbst eine Schranke gegen die drohende Allmacht und ließ aus der Natur der Dinge unser« Liga emporwachsen. Zugleich beschäftigte sich die öffentliche Meinung mit dem Lohne, der Pescara für feinen vollkommenen Sieg und die Erbeutung eines Königs gebühre. (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und (Verlag: Drühl'sche Univ er sitöts-Duch» und Steindrucker ei. R. Lange, Gießen.