GießenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießeuer Anzeiger Jahrgang UM Samstag, ben 4. April " Nummer 27 1 1 ' — -................- -——— Ostern. Von 9.30. v 0 n (W 0 e t I) e. 3ioin fflfe befreit flnb Strom iinb Bilche Durch bei» Frühlings holden, belebenden 3M Ul', Im Tn le gründ ,f)offiuillfl9ulüif I Der olle Winter in seiner Schwäche 30g sich in raube Berge Aiirürf, Bon dorther sendet er, fliehend, nur Ohmiiächilge Schoner körnigen Eises In Streifen über die grünende Flnr; 'Uber die Sonne dnldei kein Weihes; llcberall regt sich Bildung und Streben, Alles ivill sie mit Farben beleben; Doch au Blumen sehlt's im Vlevlcr, Sie nimmt gepustie 'Menschen dafür. .Mehre dich nm, non diesen Höhen 31 ad) der Stadt zurückzusehen. 3(ua dem hohlen finstern Tor Dringt ein buntes Gewimmel Heroin. Jeder sonnt sieh heute so gern; Sie feiern die Auserslehimg des Herrn. Denn sie sind selber auserstanden 3(ti9 niedriger Häuser bumpfeit Gemächern, 31118 Handwerks« und lstewerbesbonden, 31119 dem Druck von Giebeln und Dächern, Ans der Strasten quetschender Enge, 31 u9 der Kirchen ehrwürdiger 31(1(1)1 lind sie iiii.' an« Licht grecht S ch a e f f c r. Dos hier folgende Gespräch fand nm ersten Ostei log eines vergangenen Jahres slotl; Ich konnte es, da die .Hauptpunkte wenige Stunden später von mir ausgezeichnet mürben, getreu mleberlier,teilen, als Ich in einer unruhigen dunklen Winterstunde das damals Stotterte onffmid. Die Kinder haften in der leichten Morgenfrühe ihre Oflerfeier des Eierfuchenv im Garten vor dem Hause gehabt, — wenn man eine ein gezäunte, ein Tagwerk groste ‘Wie|e mit den Buten halbjähriger Obst bäume, aber notier Schneeglöckchen und 'Primeln, einen Garten nennen darf. Nun sosten mein philosophischer Freund und Ich In der ossenen Bundlaube, zwanzig Schritte entfernt zur Seite des Hauses, deffen meiste Manern und hellbiaue Fensterläden, vorn dunklen Braun der 3lltane unterbrochen, In der Sonne glänzten. Die märzlichen Lüste, ltnde warm, waren noch bewegt von dem weichen zarten Kamps der Befreiung und der (Erneuerung. In den allhin weit offenen liefen lag unter uns die stille Bläue des Sees, lagen im goldenen Dust die Inseln, noch dunkel in kahlen Bäumen , mit denen eben erkennbaren Konturen der alten Gebäude, Dächer, lärme; lag der unendliche Kranz der zackigen Berge im Neuschnee, vollkommen österlich sunkelnd für den, der bett lag In seinem Inneren wußte. Ja unserem Gehör war nicht» als do» ferne Geschmäh einer Wolke von Staren und — dos freilich schon verhallte Lachen und Freudengetön der Kinder, die vor einer Alertelstunde noch Irgendwo In die Weite gestürmt waren. Es war natürlich, dost mein'Freund, nachdem wir eine Weile die goldene Stille milgeschiviegeu hatten, aus sich selber in sich hinein sagte: Die Kinder —- ja, die Kinder... Weiter nichts; aber er sagte es mit solchem Ion glückvoiler Dankbarkeit, das, ich nach einer .{elf verfehle: Das sagst du, als ob deine Kinder die ganze Wirklichkeit in sich und für sich allein hätten, und btt nicht» bedürftest. Wollte Golt, so wär es! erwiderte er friedlich lachend. Vllier, fuhr er besvnneu fori, co ist nicht so weder dos eine noch do» andere. Denn der 'Mensch bedarf Immer, ober die Wirklichkeit, weiche die Kinder für sich Hoden, ist nur die her Kinder; sie Ist wie dir vorn Kasel- >>ttsül ober Brh; Kinde» Wirklichkeit, ober nicht des Menschen, Vlalur- Wirktrchkeit, iibei Nicht >>■'■> Geiste« Denn, sägte er zögernd hinzu, sie missen noch nichi, und sie ahnen kaum. Die Schuld, sagte er. '1)111 ihr beginnt der 'Mensch Im Gleichni» her 'Bibel, also In Wahrheit Nicht« Ist |o wirklich wie Schuld. Wir waren verstummt 'Mir klangen die dunklen Wolle fremd Im Ohr; die Lüste schienen sie nicht vernommen zu hoben. Aber en ist wohl ivolir: alle Natur widerspricht dem 'Menschen. i Allein mein Denken, da» ohne mein Fuliin seine 'Wege ging, stellte mir ießl die Erscheinung eine» 'Mannes, Ijeroorgcirelen au» einem 'Buch, so gewaltsam vor Augen, dost ich von Ihtn sprechen muhte, obwohl diese seine Gefüllt in dlefer Stunde so fremd sieh ousttahm, wie der Kondor gewirkt hätte über dem Spiegel diese» See». 'Weil du, sing Id) im, von Wirklichkeit sprachst, so erlnm'i'fl du mich de« Buche» mit Gesprächen und 3leusterungen von George» Elememenu, dos sein Sekretär hetousgab. Das war ein Hasset und ein Fresser de» britischen 'Wesen». Dennoch er war wlrkllchs Uebrlgen» du magst e« itollnnnle 'Borelngenommenhelt nennen: hoch Hoile er In einem fron« zösisrhen Gehätt» eine 31rl deutscher Seele Ich Jtllbr mir nämlld) eilt, dost nur ein germanischer Mensch eine solche Vielte zu Hellas, wie er sie bezeigt, hoben könne; nicht nur eine so liefe, sondern eine Vielte von solcher Iarthelt, Fülle und Wahrheit de» ttU'r|lel)en». Schade, »et feilte titeln Freund, dost er Im Erkennen des deutschen 'Wesen» eine Wahrheit zwar sah, aber nicht mahl haben wollte. Du erinnersl hldi (einet Ei ktärung he» dettischen Btensiheit du st unter allen Geschöpfen der Erde nur er eine wahrhafte Vielte, ein 'Wissen und ein 'Berlangeu, rund - - eine Liede zum Tobe Hube. Do« ist ein 'Wort, Über da» sich lange nadibrnfen Beste. Ja, man empfindet: ev tst reiht, es Ist deutsrh, e» Ist Im Sinne brr Nation. Er jedoch fährt dann fori, eine Bolle schlagend vom Sterben zu IN löten: Darum so, do rum |ugt er sei der Deutsche von Vlolur ein kriegführendes 'Wesen; er denke allezeit an den Krieg, bereite Ihn vor und kenne keine gröstere Lust al» am Gemestel. 31 int, rief Id), was kümmert da» un«? Mtese Folgerung ist seine Sache; 'Wir können im» mit dem Vorderfost begnügen Seine Sache gewist. Aber da hu von Ihui selbst sprachst und seine 'Wirklichkeit mietkantttesl so will Id; sie dir zwar zugeben, Aber er Ist gerade har, Adgietten Innerhalb jener Orflärung, von her 'Wahrheit iit ben Unsinn, t'oii Geist In den Ungeist, beweist e» er ist geblieben vor seiner Verwirklichung Aber, sagt' Id), die wird nur erteilt von der Gnade. Ja, tinb wo» Ihn ongeht, so ist e» ein Schicksal für Ihn, das er mit allen seinesgleichen gemein hui. den graften Handelnden, den Männern de» Tuns, Id) sand nicht fogleld) eine Erwiderung, und mir schmiegen. Doch nein, begann er jestt wieder, ich must nild) berkl)llgeu. Denn kommt nicht die Seele selber - als eine unter touseud Wlrkllchketfen Immer und mir aus Gnade? Empsängt nicht jede Seele ihr eigene« Wesen in jedem Augenblick an» Gott, so haft alle», was sie tut, stet» und ständig non Gölte» wegen geschieht? Insonderheit da« Helsti in br|niiberer Fülle her göttlichen 'Begnadung ollen, wo« schöpfet isch ist? Und Ist dieses Sthnpsertsthe näht in jeder Kunst dussetbe, gletaigültig weiche e» sei, Dichtkunst, StaatokUNsl. Tontunfi'? Oder hanhetn ble 'Menschen, denen hie Werke her Innerttthkeii aiweriraul sind, nichi? Ohei lebt in und burd; Seelen der Mad)i htndurd) die Wtrkltchkelt Gölte» nicht - Die Wirklichkeit Gotte»? Aber lieber Freund, wohin bist du jestt abgeirrll Denn du selber warst es dod), der da» andere Vllorl nannte, Berwirkttchung, die de» 'Menschen. Die Menschen, denen die Merke her Innerlichkeit anvertraut sind, wie du sagtest, handeln gemtst auch; ober sie handeln aus andere 'Welse. Erkläre mir da». Fwtscheif einem 'Werk und einer 7al sehe Id) den liefen Velten«« unterschied: da st sich das eine sd)Uestl, da« andere (Id) öffnet. Ja, da» Werk —- denke an ha» einfachste Gedicht mit der Vollendung feines 'Werdegange > fehltest! eo säh zu E« iterwirkllcht (Id) ganz Uno der Menfd), Oliv dem es cntfhinb, and) er must (Id) in diesem Geschehen mit- oertvirklld)! hoben. Das scheinen mir hie Verwirklichungen her Dichter, die von Augenblicken zu Augenblicken de» Lettens — ha» ganze umschtlesteu können und zur viermirMIdjuitg bringen. Da» 'Werk riet kennt sich nicht und später erkennen e« die Menschen, ble es emvfongen — ja, vor ihnen öffnet es (ich wieder wenn sie da« Fauverwotk ' ,i |aiu tnilii'it uiin wiriiichung. sie Ingen, sic hätten in ihrem Leben schon 1. Wenn wir dann aus die Treppe hinaus- daoon ist." Aber wir wissen schon, was das heißen soll, und so sturmen mir an der Haushälterin vorbei aus die Haustreppe hinaus, um die Osterhexe zu sehen. Vater pflegt auch mitzukommen, aber Mutter und Tante Lovisa bleiben drinnen, denn sie sagen, sie hätten in ihrem Leben schon so sehr viele Osterhexen gesehen. Wenn wir dann aus die Treppe hinaus- kommen, sehen wir die Osterhexe da aus dem Küchenstuhle sitzen, die uns mit ihren Ruhaugen anglotzt. Dann tun wir, als ob wir uns sürchteten und glaubten, es sei eine richtige Hexe auf dem Wege nach dem Blocksberg,'obgleich sie jetzt da auf einem Küchenstuhl vor dem Hauseingang von Marbacka ausruht. Wir haben indes nicht im geringsten Angst vor ihr, denn wir wissen, dah es nur eine Strohpuppe ist; aber es gehört Oie Osterhexe. Von Selma L a g e r l ö f. Die folgende Erzählung wurde einem Erinnerungsbuch der Dichterin entnommen, das unter dem Titel „Aus meinen Kindertagen" bei Albert Langen in München erschienen ist. Und wir sind vergnügt, weil es Ostersarnstag ist. Mitten am Nachmittag schleichen sich immer zwei van den Mägden mit einem Bündel Kleider unter dem Arm zur Küche hinaus und in den Stall hinunter. Sie tun es so verstohlen wie möglich, damit wir Kinder nichts merken, aber wir wissen es schon, worum es sich handelt. Sie wollen eine Osterhexe Herrichten. . .... , _. . Ja wir wissen so ziemlich alles, weil das Kindermädchen Main uns davon erzählt hat. Im Stall suchen die Mägde einen langen, schmalen Sack, den sie mit Heu und Stroh ausstopfen. Wenn das getan, ziehen s,e ihm einen alten, schmutzigen und zerlumpten Rock über, den schlechtesten, den sie auftreiben können, sowie^eine Jacke, die vorne ganz blankgescheuert ist und Löcher an den Ellbogen hat. Die Aermek stopfen sie mit Heu und Stroh aus, damit sie rund und natürlich aussehen. Dah aber aus den Aermeln anstatt Händen und Fingern Strohhalme hervorgucken, macht ihnen ganz und gar nichts aus. Hierauf verfertigen sie der Osterhexe aus einem groben grauen Küchenhandtuch einen Kopf. Sie knüpfen das Tuch an den vier Ecken zusammen, füllen es mit Heu, zeichnen mit einer Kohle Augen, Nase und Mund sowie ein paar Haarsträhnen daraus und binden diesen Kopf oben auf dem Strohsack fest. Dann setzen sie ihm noch das alte Hutmonstrum auf, das die Haushälterin benutzt, wenn sie einen Bienenschwarm einfangen soll. Wenn die Osterhexe dann soweit fertig ist, wird sie vom Stall nach dem Wohnhaus getragen. In das Wohnhaus selbst wagen die Magde sich nicht mit ihr hinein, sondern sie bleiben vor der Freitreppe stehen und holen einen Küchenstuhl, auf den sie die Hexe setzen. Aus dem Brauhaus holen sie die lange Osengabel und den Kehrbesen und stellen beide schräg hinter den Küchenstuhl; denn wenn die Osterhexe nicht Osengabel und Besen bei sich hätte, würde ja kein Mensch wissen, was sie eigentlich sein soll. Zuletzt binben sie an das Schürzenband auch ein schmutziges Kuhhorn,.das ganz mit der bekannten Hexensalbe gefüllt, die die Hexen gebrauchen, wenn fie auf den Blocksberg fliegen wollen. In das Horn stecken die Mägde eine lange Feder, und ganz zuletzt hängen sie der Hexe noch eine alte Posttasche um den Hals. Darauf gehen die Mägde wieder in die Küche, die Haushälterin aber kommt zu uns ins Kinderzimmer und verkündigt, daß eine von den abscheulichen Hexen, die am Ostersarnstag unterwegs sind, auf den Hofplatz beruntergefaUen fei. „Sie sitzt draußen und ruht sich aus", sagt die Haushälterin, „und sie steht wirklich so abscheulich aus, daß es besser ist, die Kinder gehen nicht eher hinaus, als bis sie wieder auf und sich für uns, ängstlich zu tun, sonst hätten ja die beiden Mägde, die die Osterhexe hergerichtet haben, gar nichts für all ihre Arbeit. Nachdem wir die Osterhexe eine Weile betrachtet haben, schleichen wir ganz langsam die Stufen hinunter und nähern uns ihr höchst vor- sichtig und behutsam. Die Osterhexe verhält sich mäuschenstill, wie nahe wir 'ihr auch kommen, und schließlich saht eines von uns M) em Herz und steckt die Hand in die Postiasche. Die alte abgedankte Posttasche ist immer strotzend voll, sie hat uns schon die ganze Zeit in die Augen gestochen. Und wer von uns seine Hand hineingesteckt hat, zieht sie mit einem lauten Schrei wieder heraus, doch nicht aus Schreck, sondern aus Entzücken, denn die ganze Tasche ist voller Briefe. Ganze Hande voll Briefe ziehen wir heraus, große, versiegelte Briefei Und an allen sitzen Federn, wie wenn sie dahergeflogen gekommen wären, und sie sind alle an Johann oder Anna ober Selma ober Gerda gerichtet. Alle sind an uns Kinder gerichtet, die Großen gehen leer aus. Sobald wir die Briefe eingeheimst haben, lassen wir die Osterhexe allein da draußen. Wir gehen hinein, setzen uns im Eßzimmer um den Tisch und öffnen unsere Oster- briefe. Und das ist ein Fest, denn Dfterbriefe sind nicht wie andere Briefe mit schwarzer Tinte geschrieben, sondern fie sind gemalt. Aus jedem der Briefe schimmert uns ein bunter Hexenmeister oder eine Osterhexe entgegen mit Kehrbesen und Dfengabeln, Hörnern und anderem Osterhexen- zubehör in den Händen... Als es auf vier Uhr geht, kommt die Haushälterin wie gewöhnlich und sagt, draußen vor dem Hauseingang fitze eine alte Hexe, und wir sollten gewiß nicht hinausgehen, solange fie sich draußen aushalte. Aber natürlich laufen wir eiligst aus dem Kinderzimmer hinunter, um uns die Hexe anzusehen. Vater geht wie gewöhnlich mit uns hinaus und ausnahmsweise auch Mutter und Tante Lovisa, ja sogar Onkel Wachen- seldt, der die Dftertnge bei uns zubringt, stapft auf die Hintertreppe hinaus. Es ist ein kalter, windiger Tag, und wir sagen, die Osterhexe habe wahrhaftig kein schönes Wetter auf der Herreise gehabt. Wie gewöhnlich tun wir auch, als hätten wir Angst vor ihr, und so gehen wir nur ganz sachte und vorsichtig die Stufen hinab. Die Osterhexe sieht genau so aus wie früher, deshalb können wir ja auch nicht ernstlich vor ihr erschrecken. Das Stroh guckt wie sonst aus den Jackenärmeln heraus, Augen, Nase und Mund und ein paar Haarsträhnen sind mit Kohle auf ein graues Küchenhandtuch gemalt. Das Urnfchlagetuch der Stallmagd liegt auf ihren Schultern, die Posttasche hängt ihr um den Hals, un das alte schmutzige Kuhhorn ist am Schürzenband festgebunden. Die Tat jedoch - sie bleibt offen. Die Tat - ja, ift sie denn eigentlich in der Realität? Bleibt fie nicht irreal? Denn was du da erblickst: Feldzüge, Gesetze, Gründungen, Entdeckungen, was du dir nur vorstellen mag t: sie sind Folgen der Befehls, der die Tat ist Wirkungen der Tat, nicht sie selber. Dies ift ein Gedanke, em Entschluß, em Wille, ein Wort Das stürzt in das Element der Welt wie em Stein in den See, der sich öffnet und zu kreisen beginnt, unendlich, immerfort größere Kreise — hast du je den letzten gezählt? Freilich, die Tat, die unendlich offen bleibend immer andere Taten aus stch gebiert, ste ist m WirkUch- tein kein Stein wie in meinem Vergleich, sondern ist — Gedanke, Wort — ein Willensgebilde aus Nichts, aufgelöst in dem Nu, mit bem ihre erste Wirkung begann. Unb bestiegen — hast du noch Geduld? Und deswegen, fuhr ich fort, ist es wahrhaftig — nicht nur der Fluch ber bösen, sondern das Schicksal jeder Tat, daß sie sortzeugend Taten gebären, das heißt den Menschen zu immer neuen Taten hinreißen mutz. Sieh den andern Franzosen: Napoleon. Er jagte in das ewige Offene hinaus — einer ewig vergeblichen Verwirklichung nach mit immer neuen, immer riesiger sich spannenden Taten gleich den Kreisen im See, — unb seine Verwirklichung war — Helena, — wenn es eine war Wenn es aber alles so wäre, wie du sagst, mußten bie Manner des Hanbelns ohne Begnadigung zur letzten Verwirklichung leben? Diese Verwirklichung heißt: Stirb unb Werbe. Er bejahte still. Ich sagte: _ . . Das ist es wohl... Die Verwirklichung ist es, die durch den Tod m das Leden führt; durch den Tod der Schuld in das Leben der Gerechtigkeit, oder der Läuterung, oder nur des Mistens. Auch ber Schuldbeladene bleibt, kann in ©naben weiterleben, in ber Hoffnung, bie nicht zu Schauben werben läßt. Und das ist ein Weg, der an keine Große gebunden ist, sondern nur an den Ernst; ein Weg für jeden. Ja für jeden, sagte mein Freund und stand auf. Wir wußten beide, bas Gespräch war zu Ende, obwohl das letzte Wort noch in unseren Innern verblieben war. So sprach er es denn, den Blick gefüllt mit dem unerschöpflichen Leuchten von Himmel, Bergen und Seen; er sagte leise nur: Es ist Ostern. Ich wußte wohl, daß er an den Einen dachte, der jenen Weg m ber Vollkommenheit ging, burch den Todeskampf in bie Auferstehung. Sein • Tag war; es bedurfte weiter keines Wortes. Diesmal bin ich es, bie vor allen andern die Hand in die Postiasche steckt. Aber kaum fühle ich die Briese zwischen den Fingern, als die Osterhexe auch schon ausspringt, die Feder ergreift und mir die Hexensalbe ins Gesicht schmiert. Aber wie kann denn das sein? Wie ift es möglich? Ich schreie laut auf vor Entsetzen und taufe auf und davon, aber das Strohweib kann auch laufen. Mit hoch erhobener Feder ist fie hinter mir her, um mich mit der Hexensalbe noch mehr einzuschmieren. Sie patscht durch die Wasserpfützen, dah das Wasser rings um sie ""^Aber^ich habe nicht allein Angst, sondern bas furchtbar Unbegreifliche ist, daß ein Strohweib sich bewegen kann. In dem Augenblick, wo fie von dem Stuhle aufsprang, war cs mir, als hätten bie Grunbsesten der Erde gebebt. Und während ich davonlaufe, schießen mir angstvolle, verwirrte Gedanken durch den Kops. Wenn ein alter ausgeftopfter Sack Leben bekommen kann, dann können wohl auch bie Toten aus ihren Gräbern aufstehen, bann kann es Trolle im Walbe geben, dann gibt es nichts Unheimliches und Ungeheuerliches, das nicht möglich wäre. Vor Angst kreischend laufe ich die Treppe hinauf; wenn ich nur die Großen erreichen kann, werden sie mich ja beschützen. Anna unb Gerba unb Johann stürzen in derselben Richtung an mir vorbei; sie haben gerade so große Angst wie ich. Doch oben auf der Freitreppe stehen die Großen unb lachen.. „Aber, liebe Kinder, ihr braucht doch keine Angst zu haben", sagen fie. „Es ist ja nur das Kindermädchen Maja." Und da sehe ich ein, wie dumm ich gewesen bin. Unsere Maja hatte sich als Osterhexe verkleidet! Ach, ach, daß wir das nicht gleich gemerkt haben! Es ist doch recht ärgerlich, wenn man sich so ins Bockshorn jagen läßt. Und am ärgerlichsten ist es für den, der sich seit mehreren Jahren darin geübt hat, keine Angst zu haben. Aber ich habe keine Zeit, mich über mich selbst oder über die andern zu grämen, denn jetzt kommt die Osterhexe die Treppe herauf und stürzt geradeswegs auf Onkel Wachen- fclbt der vor allen häßlichen Frauenzimmern fürchterlich Angst hat, um ihn zu küssen; er spuckt und saucht und schlägt mit seinem Stock um sich. Aber, ich bin nicht sicher, ob er mit heiler Haut baoongefommen ist; denn es sitzen wirklich ein paar Rußslecke auf feinem weißen Schnurrbart; das sehen wir Kinder nachher gut. Die Osterhexe begnügt sich jedoch nicht mit so wenig. Sie nimmt die Osengabel zwischen die Beine und reitet auf den Kückjeneingang zu. Unsere zahmen Tauben, die da in aller Ruhe herumspazieren und Erbsen picken, flattern, erregt mit den Flügeln schlagend, auf das Dach. Die Katze läuft die Dachrinne hinauf, und Nero, ber so groß ist wie ein Bär, schleicht sich mit dem Schwanz zwischen den Beinen davon. Aber seht, bie alte Haushälterin kommt nicht aus ber Fassung. In einem Nu ist sie am Herb, reißt einen kochenben Kasseekessel an sich, und mit diesem in der Hand geht sie auf das Ungetüm los, sobald es sich auf der Küchenschwelle zeigt, um es mit kochendheißem Kaffee zu verbrühen. Und vor dem erhobenen Kaffeekessel muh die Hexe Reißaus nehmen; in wildem Galopp reitet sie nun auf den Wirtschaftshof zu. Das erste Wesen, das sie da erblickt, ist unser guter alter Brauner. Der ist eben ausgeschirrt worden und trabt nun in aller Ruhe auf die Stalltür zu, da sieht er das Schreckgespenst eben um bie Ecke biegen. Und ber Braune besinnt sich keinen Augenblick. Er hebt bie Beine hoch unb gibt Fersengeld Die Mähne flattert, ber Schwanz steht steif gerabe hinaus, bie Hufe schlagen auf den Boden, und so weit Weg und Gatter offen stehen, jagt er davon... Aber das beste von allem war doch, wie Per an der Haustreppe vorbei nach der Amtsstube hinunterstürmte. Vater fragt ihn, wohin er so eilig wolle, aber der Alte nimmt sich kaum Zeit, zu antworten. Endlich Suppe, auf h die ganze firaqt dich jemand, was man zu Weihnachten oder zur Passionszeit \ f 'n r_ -EL x:_ moh nfa foifhf* oino tnlf die dampfende Magritza, eine mit Fleisch und Reis gekochte Suppe, auf dem Tische wartet, und noch um Mitternacht versammelt sich die ganze Familie am Tisch, um zu tafeln. , -- . Arn Ostersonntag zieht, wer es nur Halbwegs kann, hinaus Ins tiycic und bratet am Spieß sein Osterlamm. Da.kreistunentwegt der,Rez.nat (Harzwein) da wird gesungen und getanzt bis spat tu die Rächt. Solch ein am Spieß gebratenes Osterlamm ist auch etwas ganz besonders Leckeres, fast alle unsere Landsleute in Griechenland wissen das zu schätzen und [ahen es sich nicht nehmen, Ostern zweimal zu feiern, denn meist fallen die orthodoxen Ostern nicht mit den unseren zusammen In Mesem Jahre feiert die orientalische Kirche Ostern eine Woche spater. Am schönsten aber ind griechische Ostern draußen in der Provinz auf dem Lande. Da findet man noch die alte Gastfreundschaft, und sicherlich wird m-m von den Bauern als Fremder ausgefordert, sich an der Osterfeier m seinem bescheidenen Heim zu beteiligen. ha Bach iin Rahmen seines' musikalischen Kirchendienstes, besonders in Kner Wirkchmkeit als Lhomas-Kantor in Leipzig, die schonen Kantaten komponiert: „Denn du wirst deine Seele nicht in der Holle lassen, „Ich weiß daß mein Erlöser lebt", „Erfreut euch .hr herzen „Ein Herz dos seinen Iesum kennt", die Kantate „Zum Hefte Paschatos und „Der Friede sei mit dir" Alle diese sind herrliche und erhebende Musiken, aber nickt in gleicher Weise bisher in das Herz des Bottes gedrungen, wie noch zwei andere Ostcrkantaten unseres größten Kirchenkomponisten, das ist der unbeschreiblich schöne srühlingsjauchzende Hymnus „Der Hut - ine! lacht die Erde jubilieret", in dem außer der herrlichen g es st l ich en Auferstehungsstimmung eine Frühlingsluft von u n n» i b er f t e bl i ei? c h Schmelze berückender Frische und sonniger Heiterkeit weht. Aber allen voran noch das genialste und tiefste Osterwerk Bachs die Kantate „Bleib bei uns den» es will Abend werden". In dieser herrscht zunächst tue wunderbare Abendstimmung um die nach Emmaus Wander,wen Äunger vor der Einganqschor ist wie ein Gebet, das jeden der irrgrinenyelr ^ähiaen ivunberfam bewegen und erschüttern wird, besonders in den herrlichen Melodiebögen der Schlußworte: „Der.Tag hat sich geneigei . rann beginnen in mehr und mehr aufsteigender Linie die österlichen Lob- und Preisqesänge der Solostimmen, so das wunderoare 2Utfolo „bodp aelobte^Gottesfohn- und die melodieselige Tenorarie: „Jesu, laß mich aut dick sehen" mit dem Höhepunkt bei den Worten „Laß dein Licht uns heller scheinen"! Der einfache vierstimmige Schluhchoral, der typ'lche Ablckluß jeder Bachschen Kantate sührt auch hier zu einem der ernfteren HÄftfiunJangepafcten ernsten Ende Um «ton. SWoment hei unterem herrlichen Bach zu verweilen, noch ein paar Worte für Die Musikliebhaber, die nicht die glückliche Gelegenheit haben, diese Werke in der originalen Besetzung hörend genießen zu können sei-s meiner kirckenmusikalischen Veranstaltung ober im Konzertsaale Es existieren heute für leben erschwingliche Volksausgaben biefer Bachschen Kantaten spielbarem Kacher^au-zuge in den Verlagen Peter- und Breitkopk und Härtel Die Beschäftigung mit die en Ausgaben wird dem Musik- steunbe stets ernste Freude unb Glück bescheren, unb die ewigen Weisen Bachs werden ihm auch gerade in den Ostertagen die rechte musika i| ) otunmung erwecken. Tradition geworden, daß man zu den heften des Jahres auch die entsprechende Musik wählt Dies ist aber Feine Zufälligkeit, geschweige denn eine spießige Gewohnheit. Es liegt vielmehr in der naturgewachsenen Beschassenheit der selber, h der ickasfende wie der nichtschaffende unb noch vielmehr der hörende und genieftenbe Musikant stetig einen echten unb wirklichen Zusammen- rWie er aber doch damit heraus. Er wolle die Gewehre lade» um das Kbeuial das im Wirtschastshof seinen Unfug trieb, zu erschießen. Unb Hermann konnte sehen, bah aus den Augen des Alten echte Jagerluft >iraus?euchtete. Denn seht. Per hat mindestens an fünfzig Ostersamstagen le Osterhexen geschossen, ohne je eine zu treffen. Jetzt endlich war eine bt, die er aufs Korn nehmen konnte. Ostern in Hellas. Von Curt Rösner. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Athen, Ende März 1931. Auch in Griechenland läuten die Osterglocken. Nach dem °rth°d°?en kilender freilich etwas später als bei uns daheim. Sie dröhnen auch nicht ■ () 1lt.s trhmer wie in Deutschland nein, heiter und leicht lassen bie » — — «einen ehernen Glöckchen ihren Hellen Ruf erschallen. Wie wild Sieben I OstekMUslk. )te Knaben mit kindlicher Lust überall an den Glockenstrangen und ohne I Von Ludwig Heß, Unterbrechung schwingt der Klöppel und schlagt an das t^ll, y . Professor an der Staatlichen Akademie zu Berlin, hnadn — ein Läuten^'kann man es kaum nennen — zuni griechischen I Qraqt bid) jemand, was man zu Weihnachten oder zur Passionszeit Ä* mid zur ariechi chem Landschaft. Ich kann mir nicht vorstellen, ,^chen soll, so ist die Antwort mehr als leicht: -m« fast toh der dumpfe Klang unserer schweren Kirchenglocken hier m die überreich- Literatur von Musikstücke», Liedern, Choren, Hausimrsike , r?echische lichtsreudige Umgebung passen möchte und zu den Menschen, I Chorälen und Festmusiken liegt ba vor uns; unb men, roir na^i bem t* Leben viel leichter unb froher nehmen als wir. I Grunde fragen, warum eigentlich eine fo recht dem Fest auf das Osterfest wird der Grieche durd) vierzigtägige Hasten gebührend I acit entsprechende Ostermusik nicht ohne weiteres Gemeingut der zahb , Tin Athen nimmt man es zwar hiermit nicht so genau, auf I £ci(1)cn ckusikkreise ist, so liegt es wohl hauptsacylich daran, daß nach der 01 bereitet, v 9 S1(ei(di Butter, Fische sind während dieser I l)Oranqeqanqenen Passionszeit, spätestens am Griindonnerstage ober S ÄÄ'»«»Äwx L- »>..»u- Ä Schul-» °i-dtu.di.ffX’ÄÄ&KCK .er Provinz yaven a y (q"öf- ,nit farbigen Bänbern ge chmuckt, I £ber qar für Weihnachten mit ben vorangehenben Abventswvchen. "l drnen s'- Kerzen '«^en Großen, nm lai^^g QQrbe, !>mb gan3 ben> Musikliebhaber ein schöner unb lieber Gebanke geworben, eilhalteii. Für bunteiroten Wahrzeichen ber Osterzeit übersät. I jn ^r Ikarwoche bic Johannispassion ober die noch gewaltigere Passion-- W*KÄtSSÄiSS Ä"SSVÄS “RSS"i.i?L «LK" I 1,1)1 M''^i>FpSnntiTe(®rünboiinerstaq) wandert groß und klein zur Beichte I „och länger dauern, wird eine möglichst schnelle Fludst aus öd> hoher steigen als der Lykabettus, so baß, einem, wie hier ^then. ganz glFiK7de^äuch modern ^steren 5"In hTÄS d<-E°.u -pl.u. »ud d-m ichn.-d-d.-Tien. Hude» Er - s »ä? ife s &■'SS»« »J genommen haben, unb alles erwartet nut Spannung den Murmeln und sts äFä I ÄU ** »l.d.r « Griechenland in ein Meer von Licht getaucht. Moment ist da, d--^VSÄLL ^S'LkLdK gespanntes Hören auT d.e Worte ber Wjter erTO< . ) ( i jft die Kanonen, und wahrend noch vor et nuiaefteUte Militär- keten zum Himmel gesdnckt, ein Lärmen, ein R^I Feuerwerkskörper, daß man sein eigenes Wort nicfjt meljr verf h gjjcnqe qcu)orfen, die sogenannte Frösche und ^"^eichen werd gzrmerzeuger^einschlägt. Alles Hang des Blühens und Gedeihens, des Welkens und Sterbens in der Natur mit solchen Naturstimmungen verwandten musikalischen Kompositionen empfindet. Natürlich kann ein solches Naturgesllhl — wir könnten es auch auf die Dichtkunst, besonders die Lyrik, anwenden — dahin übertrieben werden, daß inan für musikalische Veranstaltungen gewissermaßen akademische Rubriken schafft für Jahreszeiten und die mit ihnen gehenden Feste. Ich möchte darum sagen, daß das Osterfest ja nicht nur ein kirchlicher Gedanke ist, vielmehr schon in ältesten Zeiten der erste Festtag des auferstehenden Frühlings, des blumenbekränzten Baldur war. So wird auch sowohl der Naive wie der geschulte Musikfreund vor allein die Musik zur Osterzeit empfinden: es ist das Frühlingslied, das Wanderlied, jede frische und aufbauende Musik, einerlei, ob sie gesungen oder instrumental ausgesührt wird. Denken wir z. B. bei der Hausmusik an die herrlichen heiteren klassischen Werke der Kammermusik, die „Frühlingssonate" für Violine und Klavier von Beethoven, die zarten und anmutigen Jnstrumentalstücke von Mozart, die schier unermeßliche Fülle der herrlichen Frühlingsgesänge von Franz Schubert — wer dächte da nicht an sein herrliches Uhlandlied „Die linden Lüfte sind erwacht" oder die stürmende „Frühlingssehnsucht" („Säuselnde Lüfte wehend so lind") — an die lieblichen Weisen von Robert Franz und Felix Mendelsohn („Leise zieht durch mein Gemüt") oder an die lenzromantischen Lieder Robert Schumanns zu den ewig herrlichen Gedichten von Eichendorfs? Und eine große Anzahl der gut und leicht gesetzten Frühlingschöre sind echte Ostermüsik für die wandernde Jugend, die vielen und ihren Ideen erfreulichen Jugendbünde, die sich nicht zum wenigsten zur Pflege musikalischen Gemcinschaftserlebens zusammenschlossen und fröhlich in die Frühlingswelt hinausziehen. Für diese findet sich reicher Stoff und Literatur in den Jödeschen Musikantenheften, für die Lautespielenden wohl das Schönste und Beste in Scherrers „Zupfgeigenhansl". Ostermüsik für die Kinder, auch für die Kleinsten wird im Kindergarten und Schule mit Spiel, Gesang und Reigen gepflegt, ich brauche die Namen der niedlichen Kindermelodien hier kaum aufzuzählen. Für die reifere Jugend möchte ich noch zwei besonders schone Osterchöre nennen, weil ihr Sinn und Klang so recht den Gedanken von Ostern als dem Feste der Auferstehung im geistigen Sinne wie in dem des Auferstshens der blühenden Natur aus den Banden des Winters trifft; das ist einmal das wunderschöne „Osterhymnus" von G e s i u s und vor allem das unsterbliche Lied „Christ ist erstanden". Diese altehrwürdige Weise, vielleicht der Osterhymnus in der höchsten Vollendung, tritt nun auch aus in vielen Werken, in denen österliche Gedanken anklingen. Ich denke da vor allem an Goethes „F a u ft", wo der sanft anfchwellende und immer gewaltiger dröhnende'Klang der Osterglocken den großen verzweifelten Ringer wieder zur Erde zurückruft („Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder"). Hektor Berlioz hat in seiner Oper „Die Verdammung des Faust" gerade an dieser erschütternden Stelle eine neue Komposition des Auferstehungslisdes geschaffen, die einen Höhepunkt nicht allein in der Oper, sondern in der geistlichen Opernliteratur überhaupt bedeutet. Bei den Faustaufführungen in den Schauspielhäusern hören wir mit dem Klang der Osterglocken wieder die oben erwähnte alte Weise des „Christ ist erstanden" in schönen Sätzen von Lindpaintner, Weingartner und Schillings. In dem Oratorium eines unserer neuesten und hervorragendsten Tondichter, in »Jesus aus Nazareth" von Gerhard von Keußler, bildet unser klassischer Ostergesang mit einer unendlich schwungvollen Schlußsteigerung das Finale des ganzen Werkes nach den mystisch-stillen Klängen der Grablegung. Wir sehen, es ist der Sinn jeder Musik zu Ostern: nach der Leidenszeit, nach der Winterzeit ein Auferstehen, ein Aufblühen, ein neues mutiges Aufbauen des Lebens im Scheine der wärmenden Frühlingssonne. Lappeneier. Von Sofie von Uhde. Ostern ohne Lappeneier — nein, das ist nicht vollkommen! Kein noch ;o lieblicher Frühlingstag, fein noch so schöner Schokoladenhase konnte mich über ihre Abwesenheit bisher Hinwegtrösten. Aber feit ich letzte Ostern auf dem Landhaushalt meiner Freunde Ellinor und Karl-Heinz zu Gaste war und dort erfuhr was man mit Lnppenetern alles erleben kann, bin ich in meiner Begeisterung zurückhaltender geworden. Wir saßen beim Mokka in der Diele, zu dritt in freundlicher Eintracht, und die Rede kam auf die Ostereier. Es war tüchtig gesammelt worden, ein paar hundert Eier lagen bereit, höchste Zeit war es auch, zu beginnen, denn morgen war Ostern und das Haus voller Gäste also — was sollte nun mit den Giern geschehen? Ellinor, welche die Mamsell und alle Hausmädchen In der Backstube wußte und ohne Hilfe war, sprach energisch gegen Lappeneier und war für Zwiebelfärbung, und ich als wohlerzogener Gast stimmte traurig bei. Aber da bekam mit eins Karl-Heinz seinen Koller, er wurde ganz rot vor Merger und schrie: „Diese verdammte, neumodische Welt, wo die Frauen für nichts mehr Zeit haben, was von jeher der Brauch war! Ich darf wohl erwarten, daß diese alte Tradition geachtet wird und in diesem Jahre ebenso wie in jedem anderen die Lappeneier bereite! werden." Und von seiner eigenen Energie erschreckt hüllte er sich in Rauchwolken. Ellinor schnitt ihrem Herrn und Meister eine Grimasse, welche mit .Hochachtung nichts zu tun hatte, aber dann erhoben wir uns doch und begaben uns in die Wirtfchaftsräume. „Also Lappeneier", sagte Ellinor gefaßt, und wir gingen an die Arbeit. Aber wissen Sie denn auch welche Arbeit dies ist? Für jedes Ci muß ein Leinenlappen bereitet werden, der mit bunten Papiersetzen und gemahlenem Kaffee, mit Panamarinde, Reis und Tee, mit den Spitzen von Tannenzweigen, mit Petersilie und eigens hierfür aufbewahrten grünen Walnußschalen in buntem Durcheinander belegt wird; Man kann seiner Einbildungskraft die Zügel schießen lassen, alles ist recht, was färbt und bizarre Formen gibt, 'in die der farblose Reis reizvolle weiße Pünktchen einstreut. In diesen Lappen wird das Ei eng eingerollt, und eine gute Weile tüchtig gekocht und dann abgewaschen. Die Wirkung ist phantastisch, man erzielt Farben und Formen, die fabelhaft find; fo ein Ei gleicht wirklich einem expressionistischen Kunstwerk. Aber man muß sich hüten, der Brühe, in welcher die Eier kochen, zu nahe zu kommen — sie färbt wie Pech und Schwefel. Wir arbeiteten munter darauf los, schon stand die erste Wanne voll fertiger Gier auskühlend auf dem riesigen Anrichtetisch. Wir packten sie aus und begeisterten uns bei jedem einzelnen Gi, entwarfen neue Zusammenstellungen, gerieten darüber in Streit, schleppten Körbe voll Gier herbei, lachten und liefen und arbeiteten schwer. Gesellschaft hatten wir auch. Ein kleines Kücken, schwächlich schon dem Brutofen entschlüpft und von der führenden Truthenne weggebissen, verbrachte die erste Zeit seines Lebens in den warmen Küchenregionen in einem Korb voll Watte, den es aber dauernd verließ, um uns zwischen den Füßen herumzulaufen, so daß wir es, kurz entschlossen, vor uns auf den Anrichtetisch setzten, wo es alles anpickte und der Arbeit keineswegs förderlich war, besonders da wir, in Anbetracht feiner Niedlichkeit, uns genötigt sahen, es alle Augenblicke aufzunehmen und ans Herz zu drücken, was ihm noch dazu höchft- wahrfcheinlich ärgerlich war. Gut, daß Karl-Heinz uns nicht sah. Da öffnete sich mit eins unter einem gewaltsamen Ansprung die Tür, und Treff, der braune Hühnerhund, erschien, mit Begeisterung begrüßt. Noch kein Jahr alt, war er im Vollbesitz seiner unnachahmlich schwerfälligen Gelenkigkeit der jungen Jagdhunde, die, in Verbindung mit der Anständigkeit und Gutmütigkeit seines schönen Gesichtes, ihn unwiderstehlich machte. Er gehorchte auch schon gut, aber er dachte zuweilen dabei, was nicht immer zuträglich ist. Gr dachte leider auch jetzt. Gr hob witternd die Nase und zog das Hühnchen auf dem Anrichtetisch in den Kreis seiner Betrachtungen. Hühner zu jagen, hatte er sich durch den nicht mißzuverstehenden Ernst des Verbots mit Bedauern abgewöhnt. Nichtige, große, vernünftige Hühner, nun gut, dagegen wollte er nichts sagen. Aber was sich da auf dem Tisch herumtrieb — diese mißliche, gelbe Bagatelle —, auf die konnte fein kluger Herr unmöglich viel Wert legen. Also, wollen wir mal? Und schon sprang er mit der ganzen impulsiven Plötzlichkeit seiner Jugend auf die Anrichte. Er landete in der Wanne mit der Farbbrühe. Eine Fontäne dunklen Saftes ergoß sich über unsere Köpfe, lief uns in die Kleider, sprühte an die Küchenwände. Die verfolgte Bagatelle flüchtete kreischend. Treff — ihr nach — sauste unter erneuten Kaskaden aus der Wanne heraus, mitten in die Eier und Schüsseln voll Material, alles in unaufhaltsames Rollen versetzend und der flüchtigen Bagatelle nachjagend, die todesmutig mit lächerlichen kleinen Flügeln vorn Tisch herabflatterte und unterm Küchenkasten verschwand. Danach setzte er mit fernen ausfegenden Hinterbeinen auch noch das letzte in Bewegung, was bisher aus irgendeiner undurchsichtigen Ursache an seinem Platze verblieben war. Und aus dimensionalen Gründen an der weiteren 'Verfolgung seines Wildes jäh gehemmt, pflanzte er sich mit wütendem Aufheulen vor dem Küchenkasten platt auf den Bauch. Dies alles war das Werk von Sekunden. Wir halten uns in wildem Drckng, zu retten, was zu retten war, über den Tisch geworfen, aber unsere blinzelnden Augen, in die aus tropfenden Haaren die Farbenbrühe floß, unterschieden nichts mehr, und der einzige Erfolg war, daß wir mit der ganzen Länge unserer Anne in der gelben Eiersoße lagen, die von buntem Seidenpapier und allerhand Kolonialwaren dekorativ unterbrochen war. Treff, mit aufmunterndem Bellen, forderte uns auf, ihm die Bagatelle herauszugeben; ober irgend etwas in den geblendeten Blicke», die wir ihm zuwarfen, muß furchtbar gewesen sein, denn er entfernte sich sehr plötzlich mit einem wohlgezielten Sprung durchs ebenerdige Küchenfenster, l^eg war er. Solche Katastrophen pflegen nicht lautlos von statten zu gehen, zumal wenn Frauen beteiligt sind. Und so erschien denn, angelockt durch unsere empörten Schreie, Karl-Heinz sehr eilig aus der Bildfläche. Wir standen triefend, mit Eigelb verklebt, vor ihm, über die schönen weißen Wände lief es braun, der Boden schwamm, weiße und gefärbte Eierschalen trieben auf dem gelben Strom — und unter dem Küchenkasten saß die Bagatelle unb piepte. Ich mit meinem unausrottbaren Optimismus, hatte geglaubt, Karl- Heinz würde unsere berangierten Erscheinungen tröstend in die Arme schließen, uns reizenden Ersatz für die vernichteten Kleidchen versprechen, kurz, sich als ein Ehristenmensch erweisen. Aber er dachte gar nicht daran. Er benahm sich auf eine ganz erstaunliche Weise, welche wahrhaftig ein Hohn auf die berühmte Logik der Männer war. Er starrte uns unb das heillose Durcheinanber eine Weile entsetzt unb wortlos an; aber bann begann er, sich rot zu färben — ein untrügliches Zeichen! — Unb ohne auch nur mit einem Wort nach den Gründen dieser Sintflut zu forschen, kollerte er los: „So eine Schweinerei, aber das ist die Hohe! Und wie seht ihr denn aus? Gefärbt von oben bis unten! Ader natürlich bas kommt von biejen verfluchten Kindereien: Lappeneier! — Wozu brauchen mir denn Lappeneier!? Aber die Frauen müssen ja immer irqenbsolche Kinkerlitzchen haben unb" Doch nun hatten wir genug! Sein unangenehm präzises: „Ich darf wohl erwarten usw." von vorhin tonte uns noch klar genug in den Ohren, geladen waren wir auch — und nun legten wir los. Kein Mann der Welt hätte sich in dieser Situation behaupten können, auch der.tapfere Karl-Heinz konnte es nicht. Er zog vor, sich zurückzuziehen, unb wenn er auch nicht, wie Treff, burchs Küchenfenster sprana. so verschwand er doch ebenfalls sehr schnell, unb wir hatten bas letzte Wort. . Aber wir waren unfrohe Sieger und standen leidvoll vor dem Spiegel. Diese Gesichter — diese Haare — diese Hände — die Farbe hielt wir hatten keine Zweifel! Und morgen war Ostern — und Gäste kamen unb — o Gatt! Nein, nie wieber Lappeneier! -Derantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag; Drühl'fche Univerf itäis-Duch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.