SietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang Ml Montag, den 3. August Nummer 60 Schrebergarten. Von Theodor Kramer. Wenn nach langem stauboerbrannten Tag die erste Kühle weht und das Brausen der Hydranten durch die Schrebergärten geht, lenkt die Hand den Schlauch leicht von Strauch zu Strauch, und in tiefen Zügen reinigt sich die Brust von Müh' und Rauch. Mit dem Schwall, der auf den Ranken . sprüht, verblaust ein Tag in Ruh, und es wenden die Gedanken unterm Gießen selbst sich zu. Schön steht der Spinat, Lauch ist und Salat mitzunehmeu und die Rebe hbchzuziehn am Gitterdraht. Und schon hat der Grund der Beete rings ins Schwarze einen Stich. Bald versorgt sind die Geräte, und die Tffche decken sich; Sprecher, Grammophon schnarr'» und spielen schon, und im Zwielicht glühn die schwarzen Stempel durch den blassen Mohn. Die Rennstrecke. Von Axel Rudolph. Endlos dehnt sich das grau« Band der Landstraße. Sturm peitscht die kohlen Aeste der Chausseebäume. Fern trauert gedrückt unter bleigrauem Himmel ein niedriger Kirchturm. Zwei schwarze Punkte kommen näher, in gleichmäßigen, langen Trippelschritien. Abgerissene Anzüge, von Regengüssen faltig geworden, schlottern um eckige Gestalten. Ein Paar klobiger, steinharter Schuhe klopft wie ein Karrengaul die Straße. Daneben schlurfen mühselig zwei lappenumwickelte Füße in schmutzig- grauen ^egeltuchtrittchen, von denen der linke durch einen Parken Bindfaden zusammengehalten wird. Ritter der Landstraße, — das klingt nett und vergnüglich, nach Eichen- dorssschen Taugenichtsen und Wanderburschen-Romantik. Hat sich was damit! Fragt mal die beiden Wanderer da. Sie haben keine Ahnung von Wander-Romantik und kein Fünkchen Vagabundenhumor. Sie singen auch keine Wanderlieder, die beiden. Haben höchstens eine Tonleiter unflätiger Flüche, wenn ein Auto vorbeirast und sie gezwungen sind, dem Herrn der Landstraße auszuweichen. Sie haben keine Verbrecherphysiognomien und stinken nicht nach Fusel. Und doch blicken ihre Augen so unstät, beutegierig, verwildert und verwahrlost, daß einsame Spaziergänger mit leisem Unbehagen die Schritte beschleunigen. Arbeitsscheue Landstreicher und Gelegenheitsdiebe, taxiert der ehrsame Bürger, der vom Fenster des Dorfkruges den beiden nachblickt. Sie irren. Herr Nachbar, keine umherstreifenden Strolche sind das, sondern zwei arbeitswillige deutsche Männer, ein winziges Teilchen des Heeres, das auf der „Rennstrecke" liegt. Ihre Papiere sind in Ordnung: Jnvaliden- tarte, Personalausweis, Abmeldeschein, denn sonst hätten sie gar keinen Rennschein bekommen. Was ein „Rennschein" ist? Nun, der Wandcr- schein, den arbeitsfähige Männer in den deutschen Landen erwerben tonnen, wenn sie ihre behördlich gestempelten Papiere in Ordnung haben und der sie berechtigt, auf der Arbeitssuche durch Deutschlands Gaue zu ziehen. Allerdings hat diese Wanderfreiheit Hecken und Zäune. Die gottgesegneten Schönheitswinkel des deutschen Landes, die gewundenen, stillen Waldwege, die Höhenpfade mit ihren Fernsichten, das existiert nicht für den Besitzer des Wanderscheines. Ihm gehört nur das laufende Wand der geisttötenden Landstraße. Er ist verpflichtet, jeden Tag die Kilometerzahl bis zur nächsten Wanderer-Herberge zurückzulegen. Diele Herbergen sind vorsorglich so angelegt, daß man schon aus der „Rennstrecke", der graden Landstraße bleiben muß, um fein Ziel rechtzeitig Zu erreichen. _ . . , . , Im Zeitalter des Autos gibt er keine Tippelkunden mehr, meinen Sie? Meistens finden die Wanderer unterwegs eine menschenfreundliche Seete, die sie ein Stück mitnimmt. Das Heer der Wanderer ist zu grotz. Der Lastwagenlenker stoppt nicht seinen schweren Wagen ab, um einen ^Kunden" mitzunehmen. Und der Herrensahrer? Bleibt nur das Auf- |pringen und Anhängen hinten am Lastkraftwagen. Aber auch Das hat leine Mucken, wenn man die Fünfzig hinter sich hat oder einen schweren Rucksack auf dem Buckel schleppt... „Die Wanderer-Arbeitsstätten haben den Zweck, mittellosen, arbeite* fähigen deutschen Männern, die außerhalb ihres Wohnsitzes Arbeit suchen, solche zu vermitteln und ihnen vorübergehend gegen Arbeitsleistung Unterkunft und Verpflegung zu gewähren." Also steht es in den Statuten der deutschen Wander-Herbergen. Aber der erste und wichtigste Teil, die Arbeitsbeschaffung, ist illusorisch geworden. Die Zei^ da der Wanderbursch „mit Gunst" bei seinen „Krautern" um Arbeit einsprach, gehört der Sage an. Heute fragt der Wanderer gar nicht mehr den Hausvater der Herberge um Arbeit. Die Wandererarbeitsstätte bedeutet heute praktisch nur noch ein Asyl für di« Nacht, ein warme» Abendessen und am folgenden Tag, nach vierstündiger Arbeitszeit, ein« Mittagskost. Dann heißt es wieder weiter tippeln, die Rennstrecke entlang, bis zur nächsten Herberge, ruhelos, rastlos wie ein geschlagen«» Heer. Das Dorf liegt längst hinter den beiden Tippelbrüdern. Mit den' Sturmwolken kommen jäh«, kurze Regengüsse, fegen schräg herab auf die Landstraße. Der Jüngere wirft einen schwermütigen Blick auf feine armselige Fußbekleidung. „Ob die Wohlfahrt in Hattingen wohl «in Paar Schuhe rausrückt?" „Kannste lange warten", murrte der Alle. „Die werden dir wat anderes! Schuhe jibt's erst, wennste über zwei Monate auf der Rennstrecke liegst." _ Ein Wegweiser an der Gabelung. Schwarze Schrift auf gelbem Ble schimmerten. Sie tat aber vor Borst so, als habe ihr der zunehmende Abendwind die Tränen in die Augen getrieben. Borst schmiegte seine kleine runzlige Stirn diesem geliebten Wind entgegen, der Danielas Augen getroffen zu haben schien. Er hatte dabei wieder seinen kleinen schlauen Gedanken. „Du weißt doch, Daniela, wie die Abstimmung war —' Daniela sah ihn streng an. Wagte er es, sie zu verspotten? „Dreiundzwanzig Stimmen sind für den da unten abgegeben worden!" „Ja", sagte Borst leis«. „Und zwei für dich." „Zwei!" höhnte Daniela. „Ja! Zwei für mich!" Borst hielt den Atem an. Er muckste sich nicht auf seinem Ast, wie ein ängstlicher kleiner Fink, der sich vor dem Geier duckt. Daniela schwieg. Borsts Schweigen machte sie mißtrauisch. Plötzlich sah sie ihn groß an. Aber sie sprach kein Wort mehr. Vorst schluckte aufgeregt. „Ich weiß nicht, wer die andere Stimme abgegeben hat." Er betonte ,die andere'. Daniela drehte stolz den Kopf. „Die Wahl ist geheim. Mir ist das vollkommen gleichgültig, wer für mich gestimmt hat." Sie strich mit der Vogelfeder nactchenklich über ihre Augenbraue. „Hast du für Mich gestimmt?" fragte sie ganz sanft. „Ja", flüsterte Borst beschämt. „Lügst du auch nicht?" Vorst sah Daniela nur an. „Und wer war der andere?" fragte Daniela sachlich. Borst hob die Schultern. „Ich habe keine Ahnung." „Aber du warst auch unter denen, die mich gebunden hgbenl" „Daniela!" sagte Borst, und er war erschrocken über seinen eigenen Mut. „Sie haben dich doch nur gebunden, weil du nach der Wahl so getobt und Reppert gebissen und Königsmark angeschossen hast." „So? Und warum hast du Feigling mich nicht verteidigt, wie sie mich an den Baum gebunden haben?" „Daniela, ich bin doch der Kleinste und Schwächste in der Klasse!" Borst erinnerte sie leise daran. Daniela aber lachte nur rauh. „Du bist eben doch ein Feigling!" „Was sollen sie denn machen, wenn du sie alle verhaust?" rief Borst heftig. „Da blieb doch gar nichts anderes übrig, als dich an den Baum zu binden!" Er fügte zaghaft hinzu: „Gemartert haben sie dich doch nicht. Keiner hat dann auch nur eine Hand gegen dich erhoben." „Wer mich an den Baum bindet, muß sterben!" erklärte Daniela, ohne Borlts Einwand zu beachten. „Reppert, Lüders und Königsmarck und Hornbostel haben mich gebunden, — die müssen alle sterben — und der Große Kurfürst muß auch sterben!" Erschrocken hörte Borst diese Todesurteile an. „Kannst du dich besinnen, ob Otto Kirchholtes auch unter denen war, die mich angerührt haben?" „Das weiß ich wirklich jetzt nicht mehr!" beteuerte Borst mit einem scheuen Halblick nach oben. „So? Gib dir einmal Mühe!" befahl Daniela. „Besinne dich mal!" Borst gab sich große Mühe. „Ich glaube ganz bestimmt nicht, Daniela! — Ich könnte schwören, daß er nicht dabei war!" „Kannst du mir dein Ehrenwort daraufhin geben?“ „Nein!" erwiderte Borst entschlossen. „Mein Ehrenwort kann ich dir daraufhin nicht geben!" Daniela sah zur Seite. . „Dann muß Otto Kirchholtes auch sterben!" Sie rief plötzlich heftig, wie sie Borsts verwunderten und fragenden Blick sah: ' „Jetzt marsch zu deinem Schülergericht! Du bist auch nur ein Verräter!" Sie stieß ihn fast mit dem Fuß die Buche herunter. Ader Borst ließ sich nach dieser seligen Stunde so nicht verabschieden, er klammerte sich an den Zweigen des Baumes fest. Er schwebte über einem höllischen Abgrund. Das sah Daniela, und sie begann zu lachen. „Setz dich da hin", befahl sie, und sie deutete mit dem schlanken langen Zeigefinger aus ihr Brett. Sie hatte dem Gefangenen erlaubt, auf dem Brett neben ihr Platz zu nehmen! Daniela zog ein Notizbuch mit Indianerfransen aus der Hosentasche. „Hast du einen Bleistift?" fragte sie. „Ich habe einen Füllfederhalter", entgegnete Borst strahlend vor Stolz. „Gib her!" befahl Daniela. ' Sie wollte schreiben, aber sie blinzelte zuvor nach der Sonne. „Du kommst schon zu spät. Es ist mindestens Viertel nach sechs. Du bekommst eine gehörige Strafe." Sie schien das mit Befriedigung festzustellen. Jetzt begann Daniela etwas in ihr Notizbuch zu kritzeln. Borst schielte herüber, was es wohl sei, denn er saß ja jetzt ganz dicht neben Daniela. Aber wie Daniela bemerkte, daß er ablesen wollte, drehte sie ihm den Rücken zu. „So!" sagte sie, als sie fertig war. „Ich habe mein Siegel nicht hier oben, und deinetwegen klettere ich nicht noch einmal herunter." Sie riß die beschriebenen Seiten aus dem Notizbuch, und sie faltete sie so schmal zusammen, daß es wie der Kassiber eines Sträflings aussah. „Du gibst mir jetzt dein Ehrenwort, daß du nicht lieft, was hier steht. Du hast den Brief so zusammengeknifft zu lassen, wie er da ist, hörst du? — Also! Dein Ehrenwort!" Borst stand 'auf, er schwankte «In wenig. Mer ein Ehrenwort mar eine große Angelegenheit, und man mußte dazu aufftehen. Er reichte Daniela die Hand hin, er machte dazu ein bitterlich ernstes Gesicht. „Mein Ehrenwort, Daniela." „Gut." Daniela nahm sein Ehrenwort wie einen Tribut hin. „D, gibst diese Urkunde hier dem Großen Kurfürsten, sobald du jetzt vor da» Gericht trittst." „Ja, Daniela", sagte Borst, erbitternd vor Stolz und Freuds daß «* Borst, der Kleinste und der Schwächste, mit einer Botschaft von Danktq vor das Gericht hintreten würde. Daniela streckte den Arm aus, als weife sie Meleager und toalanti in ihre Hütte. „Fori mit dir! Ins Feldlager!" Borst stürzte sich die Buche hinab, wie ein Schwimmer, der de» Kopfsprung macht. Er riß sich die Stirn blutig, denn er kletterte $em Gotterbarmen ungeschickt. „Darf ich wiederkommen?" rief er von unten herauf. Aus dem funkelnden Wipfelgewirr kam eine Antwort, wie das Wort Gottes aus dem brennenden Dornbusch: „Nein!" X. Borst war trotz Danielas ,Nein st, trotz des Schülergerichtes und trotz der wegen seiner Unpünktlichkeit doppelt zu erwartenden Strafe in der übermütigsten Laune. Er machte einen Dauerlauf, zusammen mit Josua, ins Feldlager hinab. Ader wie er an Danielas Schild vorbei kam, blieb er stehen, nahm seinen Füllfederhalter aus der Tasche, reckte sich auf bi« Zehenspitzen und malte ein zärtliches r zu .weit« geh? hinzu. Es war der eine schwarze unter den roten Buchstaben. Im Feldlager unten nahm ihn der Posten im Empfang, Pipps war es, der ihm die Hand auf die Schulter legte mit den Worten: „Na warte!" Borst aber wartete gar nicht, sondern er schritt unbekümmert vor sich hin. Er ging einen schmalen Waldweg geradeaus, und am End« dieses Weges befand sich im Feldlager ein fest in die Erde gerammter Tisch an dem der Häuptling, Reppert, Lüders, Hornbostel, Bamberger, Königsmarck und Otto Kirchholtes saßen. Ihm war es, als durchbohrten ihn von weitem vierzehn Augen, die ihm rund zu fein schienen wie Jnsektenaugen. Tapfer schritt Borst auf die ihm streng zugewandten Augen hin, doch war ihm auch traumhaft, als ob unter ihnen zwei Augen immer freundlich und fast überirdisch schön lächelten, nur wußte er nicht, welche e» waren... Zehnmal im Verlauf des langen schmalen Weges verließ ihn der Mut, zehnmal stolperte er bann. Aber er richtete sich auch zehnmal wieder mutig auf, denn er drückte Danielas Zettel an sein Herz. Und er glaubte ganz bestimmt, daß dieser Zettel, der zusammengerollt den Umfang eines Grashalmes hatte, seinen Leib wie eine Panzerweste umgab und die Geschosse von seinem Herzen ablenkte. Borst pflanzte sich vor den Tisch der Richter auf, während die andren Tertianer auf der Erde im Halbkreis als gemessen«, stumme Zuschauer ihn wie von einer Arena herab umgaben, um dem Kampf des armen, schwachen, kleinen Christenknaben mit den Auerochsen, Tigern und Bären beizuwohnen. Jedermann freute sich auf ein herrliches Schauspiel, dar der göttliche Cäsar der Tertia mit Borst anstellen werde. Nach unten sollte der Daumen deuten, wenn es um Vorsts Leben und Tod ginge! Obgleich der Häuptling doch heute bereits in eigener Person die Sache der Tertia geführt hatte und also sehr müde sein mußte, so ließ er es sich zur allgemeinen Befriedigung nicht nehmen, auch hier die Verhandlung zu leiten. Er hob eine Taschenuhr auf, die auf dem Tisch lag, und fragte mit einem unwilligen Runzeln der Princeps-Stirne: „Du solltest pünktlich um sechs hier erscheinen. Es ist dreiundzwanzig- einhalb Minuten nach sechs. Weißt du das?" Borst seufzte tief. Er fing mit der Zungenspitze einen Schweißtropfen auf, der ihm von der Stirn geriefelt kam. „Ich weiß es leider." „Da du es leider weißt, so wird das Schülergericht dich erst einmal wegen deiner unehrerbietigen Unpünktlichkeit in Strafe nehmen. Die allgemeine Ansicht nämlich ist die, daß wir alle die Sache mit dir ziemlich satt haben. Ich schlage vor" — der Große Kurfürst sah seine beisitzenden Richter an — „Borst vierzehn Tage lang wegen Unpünktlichkeit die süße Speise bei den Mahlzeiten und den Kuchen beim Tee, beziehungsweise in der Woche das Pflaumenmus zu entziehen." Vier Hände erhoben sich zum Zeichen der Zustimmung. Nur Otto Kirchholtes und Reppert hatten ihre Hönde nicht erhoben. Reppert zeigte auf feiner ernsten Stirn das deutliche Bestreben, keine Leidenschastsurteile abzugeben. „Hast du etwas «inzuwenden, Reppert?" „Nach meiner Ansicht kann man das Pflaumenmus nicht der süßen Speise gleichsetzen. Das Pflaumenmus am Nachmittag macht das an sich schwer verdauliche Brot, das wir zu effen haben, bekömmlicher. Ich holte das Pflaumenmus am Nachmittag ebensowenig für einen Luxus, wie Kartoffel ober Gemüse. Man muß in allem unvoreingenommen und ordentlich denken." „Gut", sagte der Große Kurfürst, der Repperts Rede über das Pflaumenmus langweilig fand. „Das Pflaumenmus als wertvolles Chernikal für seine Verdauung kann er meinethalben fressen." Jetzt erhoben sich sechs Hände zustimmend. Dann schrieb es Otto Kirchholtes nieder, mit einem freundlichen Lächeln zu Borst hin: .Borst — Entzug der süßen Speise, und des Samstags- und Sonntags-Kuchens für vierzehn Tage.' So. Das war nur der Anfang. Jetzt sollte die Verhandlung beginnen. (Fortsetzung folgt.) Derantvortlich: Dr. San« Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sch« Llnivers itätS^Buch- und Steindruckeiei. R. Lange, Dieben.