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Ihr bösen Geister, lobet den Herrn! Mit Krankheit bleibt fern. Alle guten Gaben, Besuch will ich haben. Der Frauen Schmunzeln, der Männer Witz Macht die Seele rund und die Zunge spitz. Ihr lieben Leute, worum ich bitt, Bringt eure Kinder mit. Ich kann sie erwarten, Ich hab einen Garten. Ach, heiliger Sebastian im Himmel mein! Könnt ihr denn nicht schrein? Jodidel, jodudel, so laut als es gellt, Solang als es hält. 's gibt wichtige Leute im Lande genug, Sie dünken sich weise und sind noch klug. Bedient denn, o Gott, Mich niemand mit Spott? Nichts tut der Leber so wohl und lieb Wie ein geschliffener Schnabelhieb. .Jndienfahrt" halb Erinne- pakete. Von Waldemar B o n s e I s. Der Dichter der „Biene Maja" und der hat jetzt das Buch seiner Jugend geschrieben, , rungen, halb Roman. Mit Erlaubnis des Verlages Ullstein entnehmen wir den „Tagen der Kindheit" schon heute auszugsweise diesen Abschnitt. Anni sagte: „Paß auf: Wenn wir ein hübsches kleines Paket an einem Zwirnfaden aus Tante Eukarefties Fenster auf die Straße hinunterlassen, so wird es jemand finden und aufheben. Jetzt denk nach." Ich dachte nach und flammte vor Entzücken auf. „Was tun wir hinein?" „Nichts", sagte Anni, „das fehlte noch, höchstens Zeitungspapier, nur eine seidene Schleife muß daran sein, und es soll wertvoll aussehen wie aus einem vornehmen Laden, bunt und großartig. Es darf nicht zu schwer sein, sonst reißt der Faden, denn auch wenn es einer in die Tasche steckt, soll es wieder herausgezogen werden können. Du wirst sehen, was die Leute machen. Aeltere Damen, über zwanzig, schreien bestimmt, das wird himmlisch." . _ . , , Das Leben erschien mir prachtvoll, und mir machten das Paket, als Tante Gutareftie in die Stadt gegangen war. Als der Gehsteig teer und niemand in der Nähe zu sehen war, warfen wir es hinunter. Es lag rosig und lebhaft dicht am Rinnstein und sah so echt aus daß man den Verlierer bedauern mußte. Unmöglich würde jemand diesen Faden erblicken oder beachten, Anni hatte mit Geschicklichkeit einen Zwirn aus Tante Eukarefties Beständen gewählt, dessen Farbe sich am wenigsten vom Pflaster unterschied. _ v ... , . ™ ., Run kam jemand den Weg herauf, unsere Herzen dröhnten wie We,h- nachtsglocken, nur viel rascher. Es war ein älterer Herr mit einem Zylinderartigen Hut und mit einem Spazierstock, den er bei ledern «chrt t hörbar auf den Boden stieß, so daß seine Annäherung an Wichtigkeit gewann. „Was Vornehmes!" sagte Anni. Unten sah man nur noch das Dach und den Rand des Zylinder , Schultern und ein Stiefelpaar, etwas Bauchrand gl-ch das Bild ms Wohlwollende. Der Herr war vor dem Paket stehengeblieben undi Anni und ich hingen aus dem Fenster wie zwei Fahnen und gaben einander mit wildem Flüstern den Rat zurückzutreten. ...... . hn6 Der Herr unten stieß mit der Stockspitze an unser Päckchen, so daß es ein kleines Stück zur Seite rutschte, räusperte sich und sah sichum_ Auf der anderen Seite der Straße näherte sich eine Frau '"der gleichen Richtung rasch, mit großen Schritten. Der Herr trat an den Rand des Bürgersteigs und stellte sich so auf, daß man von drüben das Paket am Boden niJjt sehen konnte, er machte 1°^ keinen Lärm mehr mit (einem Stock, sondern schwenkte ihn im Kreis und betrachtete drüben dw Garten der Brauerei, die sehr schön waren. Er hielt dabet den Kopf etwas scyrag und zurückgebeugt, so daß jedermann erkennen konnte wie «rglos er sich gab, und daß seine Gedanken eher irgendwo >n ferner Hohe weilte , in den Baumwipfeln etwa, keinesfalls aber am Loden. Die Frau drüben war vorüber. Der Herr zog nun fein Taschentuch, schneuzte sich sanft und ließ es fallen. Es sank nicht neben unser Paket, und als er sein Tuch aufhob, war auch das Paket am Boden verschwunden, und beide wanderten nebeneinander in die Seitentasche des lieber- rocks. Wo sonst unsere Herzen schlugen, flackerte ein Stück Fegefeuer. Anni kniff mich schrecklich. Jetzt setzte der Herr sich langsam in Bewegung und schritt weiter, nachdem er zuvor die Fenster des Hauses flüchtig mit einem Blick gestreift hatte, aber nur parterre. Ich zog den Faden kräftig an, man sah, wie der Mantel sich seitlich von der Tasche her hob, und sein Träger blieb stehen, als ob der Boden ihn feftgejaugt hätte. Er krümmte sich langsam seitlich nieder, so daß er wie ein Flitzbogen dastand, den erstarrten Blick auf seine Tasche gerichtet und dabei den Kopf auf langem Hals ab- und emporgereckt. Sehr hoch kam er mit dem Kopf'; man sah, es grauste ihn fürchterlich, und er konnte noch nicht richtig Nachdenken. „Zieh!" flüsterte Anni, „vielleicht springt er. Dann laß locker, damit das Paket auf die Erde fällt." Ich machte im Rausch von Qual und Entzücken einen kurzen Ruck, und unser Päckchen schnellte aus der Rocktasche des Entsetzten und rollte ihm vor die Füße. Er sprang zurück, hob seinen Stock gewaltig und hieb kräftig zu, sichtlich mehr aus Angst und Schreck, als etwa um zu vernichten oder zu töten. Er war deutlich ganz außer sich geraten und konnte nicht so rasch die Aufklärung finden. Sein Stock hatte nicht getroffen, es knallte nur hell auf den Steinen, und ein dumpfer Laut voller Zorn und Widerwillen unterrichtete uns über den Zustand feines Gemüts. Wir hatten uns jetzt doch zurückgezogen und schauten durch den Spalt des Ladens, vorsichtig, zitternd und ganz heiß vor Vergnügen. Unser Opfer nahm Abstand von dem Paket, etwa drei Schritte, starrte es an und wartete, den Stock fest in der Hand und etwa in der Aufstellung, die man vor einer geöffneten Rattenfalle einnimmt, wenn man dem Ausbruch des Tieres entgegensieht. Es lag so still und arglos da, das Päckchen. „Pst ...", machte Anni, das hieß, daß ich nichts tun sollte, und ich tat nichts. Da erschollen Schritte, und aus der anderen Richtung kam eine ältere Dame langsam den Bürgersteig entlang, so daß sie unserem Herrn und dem Paket begegnen mußte. Sie trippelte fürsorglich und lebensvorsichtig und trug am Arm neben ihrer Tasche einen braunen Puff, ein dickes, rundes Kisten, das sie brauchte, um überall weich zu sitzen, wo sie sich niederließ. Mehr konnte ich nicht feststellen, wir fühlten oben beide, daß wir in eine Notlage geraten waren, denn bestimmt würden jetzt gleich zwei Leute vor dem Paket stehen und bald viele, mit besseren Augen, darunter womöglich ein Schutzmann. Trotzdem verharrten wir gebannt an unferm Posten. Unten erklang eine zarte helle Stimme: „JhE Paket, mein Herr. Sie haben ein Päckchen verloren." „Nichts da", stieß ein rauher Baß gegen sie vor, „wieso Päckchen? Ich besitze kein Päckchen und habe (eins besessen, niemals." „Aber da liegt es doch, und Sie stehen davor." „Es wird wohl noch erlaubt sein, vor einem Paketchen zu stehen!" „Gewiß doch ... So hat es wohl ein anderer verloren. Legen Sie Wert darauf?" „Wie käme ich dazu? Ich bitte zu bemerken, daß ich keinerlei Wert auf das Eigentum anderer lege." „Man könnte ja einmal hineinsehen", sagte die Dame zögernd, nach einem etwas erstaunten Blick in das gereizte Gesicht des Herrn, der immer noch feinen Stock fest umklammert hielt und eine Abwehrstellung innehatte. „Ich warne Sie ..." „Aber wieso denn?" meinte die ältere Dame lächelnd. „3ft es ein Gegenstand von Wert, fo kann man ihn ja abliefern." Sie bückte sich ruhig, löste die blaue Seidenfchleise, ohne etwas von dem Faden zu bemerken, und zögerte nur noch einen Augenblick, als der Herr auffällig rasch zurücktrat. „Was ist denn? Sie sehen ja, Papier ... nichts als bas.“ Sie ließ die Fetzen zu Boden flattern und sah ihnen prüfend nach, bann raffte sie sich plötzlich wie nach einem jähen Einfall, ziemlich brüsk auf, musterte ben Herrn einbringlid) unb sagte in einer höheren Stimmlage als bisher: „Sie haben sich einen unpaffenben Scherz mit einer Dame erlaubt, mein Herr." Anni flüsterte: „Laß los! Laß ben gaben los." Sie zog mich zurück unb schloß leise bas Fenster. Von unten herauf hallten noch eine Weile bie erregten Stimmen, bann hörte man hastige unb kurze Schritte, bie nach zwei Seiten hin verklangen, ein berber, mit Stotfbegleitung, unb ein zarterer ohne. „Gott fei Dank!“ stieß ich hervor. Anni meinte: „Schabe um das Paket, wir müssen ein neues machen." Das neue war rasch vollendet; als sich unten die Straße leer zeigte, warfen wir es hinab. Diesmal kam eine jüngere Dame den Weg entlang, hübsch hell gekleidet und von heiterem Aussehen. Sie sah unser Paket, bückte sich un- bcsangen und hob es aus, ziemlich dicht bis vor ihre Augen, wahrscheinlich war sie kurzsichtig. Ich zog, und das Paket sprang ihr aus der Hand. Die Dams stieß einen Schrei aus und lief davon, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen. , , Unten hallten wieder Schritte, ach, das war em Tag nach dem Herzen Gottes! Wir verhielten uns beide, als der Herannahende deutlich in unser Blickfeld geriet, ziemlich ruhig und etwas betroffen, denn diese Erscheinung wirkte ganz anders auf uns als die vorangegangenen, und ich dachte schon daran, das Paket lieber rasch heraufzuziehen. Das konnte uns niemand verbieten, einen Gegenstand an einem Faden zum Fenster heraufzuziehen, nur fo ... einfach, weil wir grade einen Faden hatten — aber ich tot es nicht und ließ dem Schicksal seinen Lauf, obgleich Anm nachdenkliche Beachtung der Lage zeigte und etwas wie heimliche Besorgnis. , , Nur Mut", flüsterte sie, aber sie sagte es deutlich auch sich selbst. Inzwischen hatte sich der Herr unten genähert. Wir sahen einen weichen, eigentlich netten Hut, die Züge darunter zeigten sich heiter und glücklich. Das Alter dieses Mannes ließ sich schwer bestimmen, sein Gesicht, glatt rasiert und fein, gefiel uns wohl. Die Hände ruhten auf dem Rücken, er spazierte ohne Eile und ging ein klein wenig gebeugt. Jetzt sah er unser Paket, und das Schreckliche geschah: Er berührte es weder mit dem Fuß noch hob er es auf, sondern er blieb stehen, wandte sich langsam nach oben, schaute uns an und lachte. Das war furchtbar, und wir hingen beide am Fenster, wie geblendet durch diese klaren, klugen und eindringlichen Augen; keiner von uns brachte die Kraft auf, zurückzuspringen, es kam zu unerwartet und Pt°Unb nun geschah das Wunder, daß unten das Lachen anhielt, so daß ich plötzlich das Gefühl hatte, ein sehr netter Junge zu [ein. Anni funkelte hinab wie ein kleines, helles Tier, sonderbar aufmerksam und wach. Der Herr war etwas vom Haus zurückgetreten, um unbeschwerter zu uns beiden hinaufschauen zu können, und hatte jetzt unser Paket in der Hand. Mit der andern griff er in feine Westentasche, holte etwas hervor, das blinkte, schob es in die Spalte des Päckchens, er faltete es sorgfältig in das Papier ein, dann hob er es uns entgegen und rief: „Jetzt zieht!" Ehe wir es wagten, fetzte er sich wieder in Bewegung, winkte zuvor gütig zu uns empor, wobei er sogar seinen Hut ein wenig lüftete und ihn leicht und fröhlich fchwenkte. Er schritt ungemein freundlich davon. So freundlich habe ich im Leben niemals wieder jemanden davongehen sehen. r ., Wie das Paket wieder zu uns emporgekommen ist, weiß ich nicht mehr, nur, daß es sehr rasch geschah. Wir schonten es oben eigentlich nicht besonders, und aus feiner Hülle sprang ein Markstück hervor, hüpfte klingend über den Boden und legte sich am runden Fuß von Tante Eukaresties Wäscheschrank nieder, blank, still und tatsächlich. Anni holte es, und wir beschlossen, es zu teilen. „Siehst du!" rief Anni. Ich verstand sie sofort, die Welt war herrlich, und in Annis hellbraunen Augen unter dem blonden Haar stand strahlend die Zuversicht, daß nichts im Leben sich besser auszahlte als das Glück. Die Geschichte der Stunde. Ein Stück Kulturgeschichte des Alltags. Von Dr. Paul Landau. Wir betrachten gern das Alltägliche als das Selbstverständliche und sind gewohnt, die überkommenen Formen, in die der regelmäßige Ablauf unseres Daseins gestellt,ist, als etwas Gegebenes hinzunehmen, das uns kein Kopfzerbrechen macht. Daß der Tag 24 gleiche Stunden hat und daß es um 12 Uhr Mittag und um 24 Uhr Mitternacht ist, das gehört zu den gleichen „angeborenen" Vorstellungen unseres Lebens, und die Welt würde für uns beinahe auf den Kopf gestellt werden, wenn uns dies festgefügte Gerüst der lautlos hinfliehenden Zeit verrückt würde, wenn wir bald längere und bald kürzere Stunden hätten und unsere so glücklich geregelte Tageseinteilung ins Schwanken geriete. Und doch hat es Epochen gegeben, die in ganz anderer Weise die einzelnen Abschnitte des Tages und der Nacht kennzeichneten, hat es viele Jahrhunderte gedauert, bis sich allmählich unsere Art der Stundenzählung herausbildete. So unendlich verschieden das Tempo und der Rhythmus der damaligen Kultur von der unjrigen waren, so völlig anders waren die Akzente des Tages verteilt, und nur ganz allmählich ist aus vielgestaltigen Versuchen unsere moderne Stunde geboren worden. Die Völker des Altertums hatten nach dem Vorgänge der großen Slftronomen der Antike, der Babylonier und Aegypter, den Tag in zwei Perioden eingeteilt, den Lichttag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und die Nacht von Untergang bis Aufgang; jede dieser Perioden hatte 12 Stunden, die natürlich ungleich [ein mußten, da ja Tag und Nacht nur zweimal im Jahre gleich sind. Daneben gab es im römischen Reich eine Vierteilung von Tag und Nacht, die Horen, von denen die wichtigsten durch schallende Trompetensignale verkündigt wurden und dem gemeinen Mann als Zeitangaben dienten. Das Christentum übernahm diese heidnisch-weltliche Einteilung, die Tag und Nacht durch den den Morgen verkündeten Hahnenschrei, durch Morgen und Abend, durch die dritte, sechste, neunte Stunde (Terz, Sext, None) in ungleich große Abschnitte zerlegte, und wandelte sie dadurch in kirchlich-religiöse um, daß auf diese Zeitpunkte regelmäßig wiederkehrende Gebete gelegt wurden. Die Kirche, von der alle Bildung, alles Sein und alle Regel im Mittelalter ausging, bestimmte die Zeit durch den ehernen Klang ihrer Glocken, die nicht nur zum Gottesdienst riefen, sondern zugleich Ordnung in das bürgerliche Leben brachten. Wie die im Altertum bekannten Uhren bald für die Allgemeinheit ins Dunkel der Vergessenheit tauchten und nur in Kirchen, Klöstern von hohen Geistlichen benutzt wurden, so wurde auch die vollständige Reihe der 12 Tag- und 12 Nachtstunden mit dem Verschwinden antiker Bildung völlig in den Hintergrund gedrängt. Durch sieben Glockensignale machte die Kirche die sieben Horen bekannt: die Matutin im brittenn Viertel der Nacht, die Prima mit Sonnenausgang, die Tertia in der Mitte des Vormittags, die Sexta zu Mittag, die Nona in der Mitte des Nachmittags, die Vesper eine Stunde vor Sonnenuntergang und das Completorium am Tages« [chluß. Damit waren dem Menschen des Mittelalters die Einschnitte seines täglichen Lebens gegeben, aus denen er zugleich mit einem frommen Aufblick zum Himmel im Gebet die Ordnung feines Tages erkennen konnte. Als aber dann in den aufblühenden Städten ein tätiges Bürgertum weltlichen Handel und Wandel mehr und mehr förderte, als man den Wert einer genaueren Zeitangabe, einer größeren Pünktlichkeit zu schätzen anfing und ein geordnetes regelmäßiges 3neinanöergreifen aller Faktoren zur Grundbedingung der städtischen Organisation und ihres Gedeihens wurde, da genügten die Horen nicht mehr. Man griff auf die antike Stundeneinteilung; doch Sonnenuhr und Schattenweifer waren nur unvollkommene Zeitmesser. Noch weniger war es ausreichend, wie man dies wohl bisher getan, die Tageszeit nach der Länge des menschlichen Schattens zu bestimmen. Die wirtschaftliche Lage des Bürgertums im 15. Jahrhundert forderte eine neue Zeiteinteilung, und so entstand die moderne Stunde, deren Einführung durch den Gebrauch von Schlaguhren bedingt wurde. Waren die Klosteruhren des Mittelalters ganz nach antikem Muster gefertigt, so treten feit dem 14. Jahrhundert moderne Rader- und Ge- wichtsuhren auf; aber sie waren noch stumm, während die Glockenfignale die Bevölkerung der mittelalterlichen Städte daran gewöhnt hatten, sich durch solche Zeichen zur Arbeit und zum Abendschoppen, zur Ratsversammlung und zur Feuersbrunst, ja selbst zum Steuerzahlen rufen zu lassen. Die neuen Uhren konnten also erst Bedeutung gewinnen, wenn sie sprachen, und so ward denn die Schlaguhr geschaffen, zuerst noch als eine Glocke neben der Uhr, die von Menschenhand zum Tönen gebracht wurde, bald als Schlagwerk in der Uhr, ein echtes Erzeugnis eines mächtig erstarkten Bürgertums. Die ersten Schlaguhren wurden um die Mitte des 14. Jahrhunderts in Italien eingerichtet, die frühste in Mailand 1336, und dieser Neuerung folgte die Einführung der modernen, stets gleichen, unveränderlichen Stunde auf dem Fuße, denn wir finden die erste derartige Angabe aus dem Jahre 1339. Dem ewigen Schwanken in der Dauer der Stunde war ein Ende gemacht. Dann beginnt der Siegeszug der neuen Uhren und der neuen Tageseinteilung; einige Jahrzehnte später treten sie in den Hauptkulturländern diesseits der Alpen, in Deutschland, Frankreich den Niederlanden, England vereinzelt auf und werden im 15. Jahrhundert immer allgemeiner, jedoch noch in keiner einheitlichen Form, sondern in mannigfachen Besonderheiten. Goethe hat sich in seiner „Italienischen Reise" ausführlich mit der „italienischen Uhr" beschäftigt, er gibt einen „Vergleichungskreis" zwischen deutschen und italienischen Zeiten und widmet dem „Stundenmaß der Italiener" in seinem Tagebuch eine besondere Betrachtung. Die Grfifiber der Schlaguhren haben eine eigene Stundenzählung ausgebildet, die bis in die neueste Zeit bei ihnen in Geltung war und großen Einfluß ausgeübt hat. Man begann die Berechnung mit dem Dunkelwerden und zählte von 1 bis 24 die Stunden durch. Als Beginn dieses neuen Stundentages wurhe eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang festgesetzt. Den Grund dafür hat uns Goethe in feiner wundervoll anschaulichen Weise geschildert. „In einem Lande, wo man des Tages genießt, besonders aber bes Abends sich erfreut, ist es höchst bedeutend, wenn die Nacht einbricht. Dann hört die Arbeit auf, bann kehrt der Spaziergänger zurück, der Vater will feine Tochter wieder zu Hause sehen, der Tag hat ein Ende; doch was Tag sei, wissen wir Cimmerier kaum. In ewigem Nebel und Trübe ist es uns einerlei, ob es Tag oder Nacht ist; denn wie viel Zeit können wir uns unter freiem Himmel wahrhaft ergehen und ergötzen? Wie hier die Nacht eintritt, ist der Tag entschieden vorbei, der aus Abend und Morgen bestand; vierundzwanzig Stunden find verlebt, eine neue Rechnung geht an, die Glocken läuten, der Rosenkranz wird gebetet, mit brennender Lampe tritt die Magd in das Zimmer und spricht: „Felicissima notte*!" Die italienische Uhr war auch in Deutschland weit verbreitet; sie wirkte als „böhmische" und „türkische" Uhr fort, nur daß die Türken die ersten 12 Stunden als Nacht-, und die zweiten 12 als Tagstunden bezeichneten. In Deutschland trat ihr als eine in weitem Umkreis verbreitete Eigentümlichkeit die „Nürnberger Uhr" zur Seite, die genau zwischen Tag- und Nachtstunden unterschied und auch an den natürlichen beweglichen Anfängen des Sonnenauf- und Unterganges festhielt, also ganz dem antiken Muster folgte, mit Ausnahme der „ungleichen Stunden", die sie natürlich nicht annehmen. Die Dauer der einzelnen Tagelängen war im voraus durch Ratsverordnungen fürs ganze Jahr festgesetzt, doch dursten die Tagesstunden bis Sonnenuntergang höchstens 16, die Nachtstunden bis Sonnenaufgang höchstens 12 betragen. Eine andere Merkwürdigkeit wies die Basler Uhr auf, die allen andern Städten um eine Stunde voraus war, ein eifersüchtig gehegtes, viel verspottetes Charakteristikum Bafels, dessen Entstehung die einen aus einem Wunder erklärten, durch das Gott die Stadt vor Verrat gerettet, andere darauf zurückführten, daß die geistlichen Herren während des Basier Konzils möglichst bald aus der Sitzung zum Effen kommen wollten. In Wahrheit ist diese Basler Eigenart daraus zu erklären, daß man mit „Ein Uhr" Mittag und Mitternacht bezeichnete und damit zu zählen begann. „ . . Während die italienische Uhr, die als „ganze Uhr" bis 24 zählte, vielfach Anklang sand, erlitt sie bei ihrer Verpflanzung über dktz Alpen ttn Westen und Norden Deutschland, in Frankreich, England und Hollano früh eine wichtige Veränderung. Man gab den natürlichen, stets veränderlichen Anfangspunkt der antiken Stunden auf und behielt nur Die eigentlich unnötige Teilung in zwei Reihen von 12 Stunden bei, von De man erst in jüngster Zeit, besonders im Eisenbahnverkehr, sich frei 8“ machen beginnt. Zu zählen begann man mit Mitternacht. Das war Die „halbe Uhr", die den ganzen Zeiger von 1 bis 24 Stunden m 3t»ei Hälften teilte. Auch sie ist fchon mit der Einführung der Schlaguhren * Gute Nacht! < Durch °ren bt. 1‘ Prm« N, bi, ’te Sefper ® Tages- "wfeints imen 2lu(; en tonnte. Sürgertum man ben schätzen aller gab ihres itf auf bi, !er waten chend, mit es men|fy iürgertumi o entstand an Cchleg- em Muster < unb @e> eckensignale hatten, sich r Ratsven i rufen jn i, wenn sie ii> als eine acht würbe, mächtig en Mitte des land 1336, ts gleichen, > erste bei= fen in der Eiegesz«! >hnte späte, DeutjdM werden im einheitlicher Ich mit de, .s" zwische« ienma6 de, ite ErsOe- bet, die die iinfluß aus- oetben uw euen 6f® qeseht. ichen SW anders ad« ht einbriG zurück, d« t ein W; Mel u" ne viel Z' ib ergebet der oerlebt* oirb geb» und (P* »LS Atz 'nW«1 äi* durst-" ßfJ 'M >"de Lk Ä SÄ" lener holen!" IV. aufgefommen und ist um 1400 in Frankreich bereits gang und gäbe, wie die Chronik Froissards beweist, der zunächst noch ganz mittelalterliche Zeitangabe macht, aber seit 1389 zur neuen Stundenbezeichnung übergeht. Diese Rechnung der Stunden von Mitternacht und Mittag ist dann langsam in der ganzen zivilisierten Welt alleinherrschend geworden. Eine Jahrtausende umfassende Entwicklung war damit zum Abschluß gebracht. Der Volltag mit 12 Doppelstunden, von den Babyloniern geschaffen, von den Chinesen bis heute gepflegt, hatte gesiegt; die veränderliche antike Stunde, heute noch bei Persern und Arabern in Brauch, war unterlegen, und die stets gleiche moderne Stunde, ein Symbol der neuen exakten Zeit, hatte triumphiert. Oer verhexte Bart. Die Geschichte einer Wanderanekdote. Bon Carl Graf Klinckowstroem. I. Im ersten Bändchen eines alten Anekdotenbuches mit dem umständlichen Titel „Historisch-literarisches Anekdoten- und Exempelbuch. Karikaturistische Züge von Witz und Aberwitz, Klugheit und Torheit, Tugend und Laster; aus dem Leben gelehrter und ungelehrter, berühmter und berüchtigter Menschen ...", Ulm 1824, findet sich eine Anekdote „Die Zwillinge", in welcher kurz die folgende Geschichte erzählt wird. Da lebten einst in Frankreich als Rittmeister bei einem Chevauxlegers- Regiment zwei Zwillingsbrüder, der Graf L. und der Graf A., die sich zum Verwechseln ähnlich sahen. Sie hatten auch die gleiche Stimme, den gleichen Gang und die gleiche Haltung. Diese vollkommene Aehnlichkeit soll sogar die zugehörigen Ehegattinnen zuweilen in die größte Verlegenheit gebracht haben. Der Graf L. lieh nun einmal einen Bardier rufen, um sich rasieren zu lassen. Nachdem dieser den Bart auf der einen Seite des Gesichtes abgenommen hatte, verließ der Graf unter einem Vorwande das Zimmer. Im Nebenraume wartete schon der Bruder. Schnell schlüpfte dieser in des Hausherrn Schlafrock, band sich die Serviette um den Hals und fetzte sich dann in den Stuhl, den fein Bruder verlaßen hatte. Der Barbier schickte sich an, den Bart nun auch auf der anderen Seite abzunehmen; wie erschrak er aber, als er die Stoppeln unversehrt wieder stehen sah, die er doch vor einer Minute erst sorgfältig entfernt hatte! Er zweifelte keinen Augenblick, daß er einen böfen Dämon vor sich habe und fiel mit einem Schreckensschrei ohnmächtig zu Boden. Während man damit beschäftigt war, den schwachnervigen Barbier wieder zu sich zu bringen, nahm L., halb rasiert, wieder seinen alten Platz ein. Ein neues Wunder für den verdatterten Bader! Er wußte nicht, ob er träumte ober wachte und konnte den Sachverhalt erst begreifen, als er die beiden Brüder nebeneinander sah. Run beruhigte sich der gute Mann und vermochte sein Geschäft glücklich zu Ende zu führen. II. Als der Professor Piccard seinen waghalsigen Stratospharenflug glücklich ausgeführt hatte, da waren Anfang Juni 1931 die Zeitungen voll von allerhand Anekdoten über ihn. Auch von seinem Zwillingsbruder Jean, der ihm gleicht wie ein Ei dem anderen, war dabei die Rede. Jn jüngeren Jahren trugen die beiden Brüder lange Locken und waren, als sie in München studierten, mit ihren in lange Radmäntel gehüllten hageren Riesengestalten sogar in Schwabing auffallende Figuren. Unser Professor ließ sich einmal rasieren und schärfte dabei dem Friseur ein, den Bart ja recht sorgfältig abzunehmen, da er sonst in einer halben Stunde wieder nachwachsen würde. Der Friseur lachte und tat seine Pflicht Wie erstaunte er aber, als nach Verlauf einer halben Stunde derselbe Kunde wiedererschien und mit Vorwürfen auf die wieder nachge- wachsenen Stoppeln wies. Diesmal war es der Bruder Jean. III. Im Juni 1931 erschien ein heiterer Geschichtenband v°n Georg v. d. G a b e l e n tz , „Das Teufelsei und andere drollige Geschichten . Darin findet sich eine kurze Erzählung „Der Teufel im Bart'', die als „luftige Anekdote" bezeichnet ist. Die höchst verwunderliche Geschichte wird so heißt es, noch heute von den Alten in dem Städtchen, in dem fie pafften ist, mit Heiterkeit erzählt. Da trat also einst ein ansehnlich gekleideter Reisender in den Barbierladen, dem Gasthof „Zum Schwan gegenüber, und verlangte gründlichst rasiert zu werden. Besonders gründlich, denn er habe den Teufel im Bart. Es komme vor, daß er bereits nach einer halben Stunde wieder aussehe wie ein Stachelschwein, wenn er nicht sehr sorgfältig rasiert werde. Der Barbier war ungläubig. Kurz und gut e wurde eine Wette von einem Taler abgeschlossen, den der Friseur opfern wollte, wenn dem Herrn am Nachmittag die kleinste Stoppel nach- gewachsen fei. Als es zum Zahlen kam, behauptete der Kund-er habe seine Börse vergessen, er wolle sie gleich im Gasthof gegenuber hölen Sehen. Das dauerte eine Weile, aber schließlich kam der Herr suruck And in der Tat, schon war sein Gesicht wieder mit abscheulichen Stoppeln bedeckt. Aergerlich läßt er sich noch einmal rasieren von dem verdutzten Friseur, beweinen Augen nicht traut und wohl °d-r ubel den verwetteten Taler herausrücken muß. Am Nachmittag beobachtet der Barb er d,e Abreise des merkwürdigen Kunden, der den T°ufel im Bart hatte und dieser winkt ihm freundlich durch das Fenster des Reisewagens zu und deutet dabei auf feine wohlrasierten Wangen. Den barbier wurmt die verlorene Wette — aber da schaut ja noch ein Herr mit ebenso wohl- rufierten Backen aus dem anderen Wagensenster heraus, der genau o vussieht! Das geht dem Barbier doch zu weit. Sieht -r doppelt Wie der Wagen abfährt, stürzt er sogleich fjinuber und fragt benJffiirt,_ roer der Herr fei ber soeben abgereift ist. Das waren zwei $ei;ren, ert. der Wirt. Zwillingsbrüder. „Zwei? Da soll sie boch alle betbe ber unb Ä Den Literarhistoriker, ber den Motiven 'M literarischen Schaffen der Dichter nachspürt interessiert auch die Anekdote. Er sP'-ß- auf wie -'nen Schmetterling unb untersucht ihre Herkunft ihre Wanderungen und Abwandlungen. Die Anekdote beansprucht ja nicht als geschicht.iche IM heit genommen zu werben, aber sie ist oft für die Persönlichkeit, von ber fie erzählt wirb, kennzeichnenber in ihrer treffenben Kürze als eine lange charakterologische Schilderung bes Betreffenden. Die Anekbote ist sozusagen literarisches Gemeingut. Ungerechtfertigt ist es aber, eine persönliche Anekbote von ber einen Person, für bie sie charakteristisch ist, auf eine anbere Person zu übertragen, wie bas z. B. mit einer solchen, die von dem bekannten Bankier Fürstenberg erzählt wirb, geschehen ist, bie auf einen ebenso bekannten Münchener Schauspieler umgemünzt worben ist. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Einmal atmete Isa tief ein. Peter! Der sah wohl noch im „Union". Ober mit seinen Freunben in irgenbeinem Weinrestaurant unb ließ sich eintaben. Der arme Peter! Seine Speisefolge sah heute sicher anbers aus als hier. Es war ja eigentlich so gleichgültig. Nur immer roieber berfelbe Tisch: Die Butterbose, bie Brotscheiben, bie Wurstzipfel. Immer roieber. Abenb für Abenb. Hart war bas boch. Sie saßen. Großmutter legte sich vor. Unb nun war bas Wunbern, wie schon so oft, bei Isa: Großmutters Hände teilten Brot unb Wurst, als ob es Delikatessen wären, fie hielten Messer unb Gabel wie bei einem Diner. Streng ausgerichtet saß sie auf ber vorbersten Kante ihres Stuhls; ben Kopf stolz auf steifem Genick. Isa bachte an ihre Worte: „Man muß in jeher Lage die Form wahren, Kind. Berlierst du die gute Form, verlierst du dich selbst." Auch Isa aß. Schnell, unlustig. Sie sah zur Großmutter. In deren Gesicht lagen fremde Falten. War etwas geschehen? Sie versuchte ein Gespräch in Gang zu bringen. Großmutter antwortete kaum. So fragte sie: „Was ist, Großi? Du bist so stumm?" Die alte Dame blickte zu ihr hinüber. „Nachher, Kind. Du weißt, unangenehme Dinge bespricht man nicht bei Tisch, wo jeden Augenblick die Domestiken eintreten könnten." Fast mußte Isa lächeln: Die Domestiken — bas war Minna, Minna Petkus, mit fünfunddreißig Mark Lohn im Monat, siebzehn Jahre, unb eigentlich nur für die Vorderzimmer zur Verfügung. Isa hätte fast gelächelt, wenn es nicht so ernst gewesen wäre, so bitter. Unb wenn ihr Großmutter nicht so leib getan hätte mit ihren Sorgenfalten in ber Stirn. Schweigsam ging bas Essen zu Enbe. „Willst bu noch Obst, Kind?" „Nein, danke." Isa wußte ja: eine Apfelsine tag in ber Schale. „Dann kommst bu wohl einen Augenblick mit in mein Zimmer? Nein, nicht nach vorn. Ins Schlafzimmer. Ich möchte bort mit dir etwas besprechen." Wieder ging es ben Flur hinab. Eine Tür weiter biesmal. In einem gleich schmalen Raum mit einer ebenso verschossenen Tapete und ebenso abgebrauchten Möbeln. „Was gibt’s denn, Großi?" Ganz weich fragte es Isa. Die Gräfin setzte sich auf ben Rohrstuhl an ihrem Bett. Sie nestelte aus ihrem Kleid einen Brief hervor. „Da, lies." Sofort erkannte Jfa die Handschrift: Büchner. Sie überflog die Zeilen: er kündigte bie Vorderzimmer. Ein Schreck burchfuhr Isa. Sie wußte, bas war eine Katastrophe. Büchner zahlte einen guten Preis. Unb Zimmer waren jetzt überall jn Berlin zu haben, bessere als bie ba vorn: brei Treppen ohne Fahrstuhl, ohne Zentralheizung, im alten Westen. Wer mietet noch so? „Was soll nun werben, Isa?" „Ich weiß nicht." Ihr Kops sank nach vorn. „Du mußt mit ihm sprechen; er muß bei uns wohnen bleiben." Isa schloß bie Augen. Sie mit ihm sprechen! Sie ihn bitten! Ihn — Büchner. Nein, nur bas nicht. „Ich kann nicht, Großi." Unb bann noch einmal: „Ich kann nicht." „Warum nicht ...?" Isa suchte nach Worten. Sie konnte boch nicht sagen, daß sie sich vor ihm fürchtete. Vor einer Zwiesprache mit ihm. Daß sie sich scheute. Großmutter hätte nur wieder gefragt: „Warum? Und sie hätte keine Antwort gewußt. Endlich kam ihr ein Gedanke. „Er ist doch mein Lehrer." „Gerade deshalb sollst du ja mit ihm sprechen." „Aber, Großi, mein Lehrer. Heute hat er mir bie Schlußaufgabe gestellt. Wenn ich nun zu ihm betteln gehen muß. Von ihm hängt jetzt alles ab. Er barf mich nicht weich, nicht gebrückt sehen. Dann erhält er einen ganz falschen Einbruck von mir. Das prägt sich ein. Ich kann bann nicht mehr frei vor ihm sprechen. Es geht nicht. Es geht nicht." StA war es im Zimmer. Nur ber Atem ber beiden Frauen ging. Dann sagte die Weißhaarige: „Willst du nicht all die Schwierigkeiten endlich lösen, Isa?" „Ich versteh' dich nicht, Großi!" Wieder war eine Pause. Dann fiel schwer ein Wort aus dem Munde ber Großmutter, schwer unb hallenb: „Leo!" Da stürzte Isa auf bie Knie, barg ihren Kopf in ber Alten Schoß. „Nein — nein — nein! Nur bas nicht. Ich kann nicht. Ich kann nicht." lieber bas blonde Haar glitt streichelnd eine alte Hand. „O, ihr Jungen. Immer nur: ich kann nicht. Werbet erst einmal alt, bann werdet ihr begreifen, daß man alles kann. Gewiß, es ist oft nicht leicht. Aber wenn man will, geht alles. Auch das Schwerste." Wieder streichelte sie die Hand. „Steh auf, Kind. Geh schlafen. Ich werde mit Doktor Büchner sprechen. Geh, geh." Isa stand auf. „Sei nicht böse, Großi!" „Nein — nein. Es ist schon gut. Geh schlafen. Gute Nacht." Ganz still stand die Gräfin Treutsch, als sie allein war. Ganz still. Ganz aufgerichtet. „So werde ich bitten gehen. Betteln." Sie sagte es laut vor sich hin. * Am nächsten Mittag wartete Großmutter auf Doktor Büchner; sie wußte, gegen ein Uhr kam er von der Probe. Sie wartete mit klopfendem Herzen. So klein kam sie sich vor. Aber es mußte ja sein, dies Betteln. Der Enkelkinder wegen. Nur ihretwegen. Sie allein hätte mit ihrer Pension gut in einer Kleinstadt leben können, ohne das Hemmnis der großen Wohnung, ohne all die Berliner Nebenkosten, in einem Zimmer- chen. Oder bei einer Freundin auf dem Lande unterkriechen. Und Ruhe haben. Aber sie mußte doch an Isa und Peter denken. Ihnen das Heim erhalten. Ihnen Stütze sein und Halt. Sie mußte es. Und tat es im Grunde ihres Herzens gern, denn was wäre sie ohne die Kinder gewesen? Es war auch hier Geben und Nehmen — Nehmen und Geben; wie alles im Leben. Vorn klapperten die Schlüssel an der Eingangstür. Büchner kam. Großmutter ging zu ihm heraus. Der Etntretende verbeugte sich höflich, formvollendet. Einen Augenblick irritierte das Großmutter. Sie wünschte fast: wenn er doch ein ungebildeter Klotz wäre, dann wäre dieser Bittgang leichter gewesen, dann hätte sie gerade sprechen, hätte sie handeln können. Aber so: diesem feinnervigen, durch und durch gebildeten Manne gegenüber war sie befangen. „Dürfte ich Sie bitten, für ein paar Worte bei mir einzutreten, Herr Doktor Büchner?" „Ich stehe ganz zur Verfügung, Frau Gräfin." Dann saßen sie sich gegenüber im kleinen Salon neben dem Eßzimmer. Auf den schweren Renaissance-Sesseln, die einst im Treutschen Schloß auf dem oberschlesischen Gut gestanden. Großmutter wieder steif auf der vordersten Kante; Büchner auch ausgerichtet, höflich, aber doch leichter, zeitgemäßer, die Knie übereinander, seitlich angelehnt. Sein Gesicht war ein wenig überwölkt; er wußte ja: jetzt gab es eine Auseinandersetzung wegen der Kündigung. — „Festbleiben , hatte er sich vorgenommen, „festbleiben unter allen Umständen". Er wollte hier heraus, er mußte. Seinetwegen. Und auch dieses klugen, schönen Mädels wegen, in dem wirklich ein Talent steckte. Ein Talent, das nicht in die Brüche gehen durfte, das er fördern wollte, aber nicht fördern konnte, wenn die Menschen um ihn und sie ein Gewäsch machten. Und dies Gewäsch war schon im Gange. Man pfiff heute auf Talente, die im Geruch einer Protektionswirtschaft standen, man suchte nach bodenständig Gewachsenem. „Festbleiben also! Die Gräfin wog ein paarmal den Kopf hin und her, ehe sie den Ansatz zu den ersten Worten fand: „Sie wollen uns verlassen, Doktor Büchner, darf ich fragen: warum?" Büchner hatte sich seine Antwort vorbereitet: „Ich bin zu meinem Bedauern dazu gezwungen, -Frau Gräfin. Sie wissen, ich habe mich in Ihren Räumen sehr wohl gefühlt. Aber leider muß ich meine räumlichen Ansprüche erweitern. Mein« Stellung hat sich in letzter Zeit sehr ausgewachsen und damit auch meine Verpflichtungen. Die dienstlichen und die gesellschaftlichen. Ich komme mit einem Wohnzimmer nicht mehr aus. 1 Ich brauche mehr Räume: für Bühnenzeichner, für Sekretärinnen, die ich stundenweise dicht bei mir haben muß, aber doch nicht im gleichen Arbeitsraum haben kann; ich muß auch Gäste bei mir sehen. Alles das verlangt eine andere Einteilung — vier Zimmer zum mindesten." Er sprach schnell, aber er hatte genug Bühnenroutine, daß er dabei nicht eingelernt sprach, sondern überzeugend. Er hatte auch sein Gesicht im Zuge. So glaubte ihm Großmutter Wort für Wort. Und so hatte sie auch schnell ihre Antwort zur Hand, aufatmend, befreit. Ein Hoffnungsschimmer ging dabei über ihr Antlitz. „Aber lieber Herr Büchner, wenn es das ist. Das können wir doch leicht lösen. Sie sind uns so ein lieber Gast, und wir haben doch Raum g«nug. Ich bitte Sie: Wann brauche , ich diesen Salon? Wann brauche ich das Eßzimmer? Einmal am Tag hier; zweimal dort. Und doch nur, weil die Räume da sind. Also wenn es Ihnen recht ist, stelle ich Ihnen die beiden Räume noch voll zur Verfügung." Mit diesem Entgegenkommen hatte Büchner nicht gerechnet. Daß die alte Gräfin ihren Salon aufgeben würde, hatte er für möglich, ja für ' gewiß gehalten, aber auch das Eßzimmer? Er fühlte: jetzt war er in eine Sackgasse geraten. „FestbleibenI" sagte er sich noch einmal. Und dann laut: „Ich danke Ihnen sehr für Ihr Entgegenkommen, Frau Gräfin. Aber es geht so doch nicht. Einen Raum möchte ich mir büromäßig Herrichten. Und Ihre alten, schönen Möbel..." „Aber ich bitte Sie, das ist doch keine Schwierigkeit. Die Möbel können wir ja doch anderswo unterbringen." Er sah sie an. Sah in das liebe, alte Gesicht, das ihm vertraut war und auf dem er nun die Zeichen der Angst las. Der Angst vor feiner Kündigung. Er kannte ja die Verhältnisse. Der Ausfall seiner Miete war hier ein Verhängnis, bis ein neuer Mieter gefunden. Es fiel ihm schwer, dies Festbleiben. Noch einen Ansatz machte er, laut und energisch. „Auf keinen Fall, Frau Gräfin. Das kann ich nicht verlangen. Ich soll Sie aus Ihrer gewohnten Umgebung verdrängen. Ihnen Ihre Bequemlichkeiten rauben. Auf keinen Fall; unter keinen Umständen!" Die alte Dame ließ sich nicht so schnell besiegen. „Aber Sie verdrängen mich doch nicht. Und meine Bequemlichkeiten! Ich bitte Sie: Ich habe doch noch mein Boudoir. Und die Kinder haben ihre Zimmer. Sagen Sie mir nur Ihre Wünsche, ich richte alles ein." Hastig sprach sie, und Ulrich Büchner hörte es, fühlte den Unterton und deutete ihn richtig: Sorge — Furcht — Angst. Warm wurde ihm; wie peinlich war dies alles. Sollte er ehrlich sprechen, sagen: Es ist notwendig, Isas Weg erfordert «s! Würde dann die Lage aber nicht schief? Würde die Großmutter es begreifen? Und wenn sie mit der Enkeltochter sprach: würde die Ausbildung dann nicht völlig gehemmt sein? Isa war feinfühlig, sie würde sich falsche Gedanken machen. Nein, das ging nicht. Er war in einer Sackgasse. Rettungslos verfangen. Er stand auf. „Ich werde mir Ihren Vorschlag durch den Kopf gehen lassen; muh ihn durchdenken; mir kommt diese Lösung ganz unerwartet. Es eilt ja auch alles nicht." Er verbeugte sich. Die Gräfin Treut,ch streckte ihm die Hand hin. Er küßte sie, neigte sich noch tiefer. Nur jetzt nicht ihr Gesicht sehen, nicht diese Sorgen ablesen müssen. Schnell wandte er sich und ging zur Tür. Als er in den Vorderflur trat, stieß er auf Isa, die gerade aus der Stadt kam. Einen Augenblick standen sie sich stumm gegenüber. Jeder hatte an den anderen gedacht, ohne zu ahnen, wie nahe er war. Und nun war er da. Das verschlug die Worte. Zuerst faßte sich Isa. „Sie waren bei Großmutter, Doktor Büchner? Sie sprachen mit ihr? Sie bleiben bei uns?" Er zögerte mit der Antwort. „Ich weiß noch nicht, gnädiges Fräulein, wirklich, ich kann es noch nicht beurteilen." Und dann nach einer Pause, nach einem Blick in ihr Gesicht, das auch so voller Fragen, ängstlicher Fragen war: „Aber es wird sich vielleicht machen lassen — ja, es wird sich wohl machen lassen." Dann war er fort, schnell. In sein Zimmer geflüchtet. Und Isa stand da und sah auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen hatte. Ein kleines Lächeln ging über ihr Gesicht. Sie eilte zur Großmutter. „Ich glaube, er bleibt, Großi; ja, ich glaube, er bleibt." * Mit dem Abendbrot wartete man immer bei Roses auf den Vater. Wartete von sieben Uhr ab. Und oft bis neun. Die Köchin hielt in der Küche die Pfannen heiß, um in dem Augenblick, wo sie die bekannte Hupe hörte, das Fleisch in die eine, die Bratkartoffeln in die andere zu werfen. Das Hausmädchen wartete, um dem Herrn aus dem Pelz zu helfen Und auch Mutter Rose wartete. Sie saß mit der illustrierten Zeitschrift, die sie sich jeden Tag kaufte, in ihrem Salon unter der lila- beschirmten Stehlampe und sah sich geduldig die Bilder an, wenn es sein mußte, zehnmal. Bilder interessierten sie. Für Lesen war sie weniger zu haben. Und neue Bilder gab es jeden Tag: es war ja so gut in Berlin eingerichtet, daß jeden Wochentag mindestens eine frische Zeitschrift herauskam. Auch Gerlie wartete. Oben in ihrem Jungmädelzimmer, das ganz hell und licht war. Tapeten in Pastelltönen und englischer Kreton. Sie wartete über Büchern, die ihr Studium waren. Und wartete gern. Sie wußte ja: der Vater war kein Tyrann. Nein, wirklich nicht. Er hatte nur den einen Wunsch: das gemeinsame Abendbrot. „Einmal am Tag will ich doch wissen, daß ich Frau und Kind habe", sagte er. War's ihm zu verdenken bei der ewigen Arbeitshetze? Gestern Sitzung in Sachen der Schokoladenfabrik, heute ein Krach in der Großfleischerei, morgen eine Erweiterung des Weinlagers und übermorgen gab es irgend etwas mit den Stadtfilialen oder mit dem Auslandvertreter oder mit der Steuer oder mit einer Kommission. Immer war etwas los. Und dauerte statt bis sechs, bis acht ober neun. Vater deutete es ja nur an, wenn er wie immer sagte: „Verzeiht, daß ich mich verspätete, aber ..." Er sprach nicht gern vorn Geschäft, wenn er endlich zu Hause war. Und Mutter hatte das Fragen aufgegeben, denn die Zeit, wo sie noch helfen konnte, war längst vorüber. Damals, als Gertie geboren und als Grete getauft worden war, damals im Delikatessenladen in der Alten Jakobstraße, als Mutter noch hinterm Ladentisch stand und Vater die Engroseinkäufe noch selbst besorgt«. Damals, vor dem Kriege. Vorn der Laden und hinten drei Stuben und Küche. Und von sechs Uhr an fünfzig, sechzig Käufer im Geschäft, die alle von Mutter möglichst selbst bedient werden wollten. Das ging: „Frau Rose, ist der Schinken auch nicht salzig?" — Sind die Bücklinge auch frisch, Frau Rose?" — „Was raten Sie mir denn heute, Frau Rose? Rügenwalder meinen Sie, na, gut, dann geben Sie mir mal ein Viertel." Eine Goldgrube hatten die Leute das Geschäft genannt. Und doch wären Roses beinahe umgekippt. Vater hatte feinem Konservenlieferanten Geld geborgt, als der ihm von vorübergehenden Zahlungsschwierigkeiten erzählte. Viel Geld. Mehr als er eigentlich hatte. Und dann meldete der plötzlich Konkurs an und zog Rose saft mit in den Abgrund. Da hatte Mutter den erlösenden Gedanken gehabt: „Kannst du die Sache nicht Übernehmen, Fritze?" Vater hatte zuerst nicht gewollt, aber es hatte leinen anderen Weg gegeben. Und dann war das Geschält größer und größer geworden: im" Krieg Heereskonserven, Heereslieferun- gen, die immer mehr anwuchsen, da Rose gut, pünktlich und billig war. Vater sah ein, daß Selbstproduzieren das Richtige war. So kaufte er Fabriken an. Auch die Schokoladenfabrik, die Spirituosenfabrik. Schneller ging das, als er selbst wollte. Aus dem einen Laden in der Alten Jakobstraße wurden zehn in allen Stadtteilen und aus den drei Zimmern mit Küche die Villa in Dahlem. Gertie kannte Vaters Geschichte. Mutter hatte sie ihr ost genug erzählt. Er selbst nicht — nein, er nicht; das lag ihm nicht, trotzdem er stolz auf seinen Aufstieg war. Und sein konnte, denn er hatte alles aus Eigenem geschaffen. Ohne Hinterwege. Oft gingen (Berties Gedanken zurück in dies unbekannte Kindheit^ land. Dann blickte sie von ihren Büchern auf. „Komisch, da stamme ich nun aus einem Wurschtladen", sie dachte richtig: „Wurscht — mit sch" — und sitze hier über Lessing, Strinbberg und Wedekind. Die Hupe ertönte. Gertie schlug die Minna von Barnhelm zu und lief die Treppe hinunter. Vater stand schon in der Halle, klein, rundlich- Der Cut, den er jetzt fast immer trug, klaffte ein wenig. Vater aß gern gut, trotzdem es der Arzt verbot. Wenn der mahnte, sagte er: „Ach, Herr Sanitätsrat, bei meinem Beruf ..." Sie gaben sich nicht nur die Hand, sie umarmten sich. „Guten Abend, Batt', endlich frei? (Bab’s wieder soviel zu tun?' „Guten Abend, mein Mädelchen. Hast du einen schönen Tag gehabt? Dann kam auch Mutter hinzu, trat durch die dicken Portieren, die ihren Salon von der Halle trennten. „Guten Abend, Fritz. Nun wollen wir aber eflen.“ (Fortsetzung folgt.) __ Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: VrÜhl'fche UniversitätS-Duch- und Steindruckerei. JL Lange, Gieb-n.