SiehenerZainilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <931 Montag, öen 2. Februar Nummer 10 Stilleben. Von Gottfried Keller. Durch Bäume dringt ein leiser Ton, Die Fluten hört man rauschen schon, Da zieht er her die breite Bahn, Ein altes Städtlein hängt daran. Mit Tünnen, Linden, Burg und Tor, Mit Rathaus, Markt und Kirchenchor: So schwimmt denn aus dem grünen Rhein Der goldne Nachmittag herein. Im Erkerhäuschen den Dechant Sieht man, den Römer in der Hand, Und über ihm sehr stille steht Das Fähnlein, da kein Lüstchen geht. Wie still! nur auf der Klosterau Keift fernhin eine alte Frau; Im kühlen Schatten nebendran Dumpf bornierte auf der Kegelbahn. Das Haus ohne Nach. Von Albert D a u d i st e l. Nachdem ich während meiner Wanderschaft, so in meinem 18. Jahre, von See her in Spanien angekommen war, muhte ich mir gar bald — wegen trostloser Strecken — einen Kochtopf, einen Sack für Lebensrnittel, eine Schlafdecke und zwei Schweineblasen, die eine für den roten, die andere für den weißen Wein, besorgen. Und dennoch vermochte mich der Kram aus die Dauer nicht in freudiger Stimmung zu halten. Mittags und abends kochte ich zwar herrlich ab; aber was übrig blieb, mußte ich ausfchiitten. Und noch nicht mal ein kleines Tafelgefpräch war mir möglich. An Gelächter durfte ich überhaupt nicht denken. Und wenn mein sich die Wünsche selbst erfüllen muß, und man niemand an dem, was man so erlebt und genießt, teilnehmen lassen kann, besteht die Gefahr, daß auch die Lust zur Unternehmung leidet. Ich war jedoch, da ich keinen Kameraden hatte, zu der Angewohnheit gekommen, an Wegweisern stehen zu bleiben und die Inschriften der längst vorbeigewanderten zu betrachten. Die amtlichen Kilameterzahlen und die starren Hinweise nach der Richtung, in der zu gehen ich mir eigentlich vornahm, wurden mir immer mehr und mehr zur Nebensache. So wanderte ich den Gefühlen nach, die mich beseelten. Ich geriet kn Städte und in entlegene Nester. Aber einen Kameraden sand ich nicht. Gerne hatte ich den Menschen im Hinterland des Abends, wenn ich mit ihnen durch das Nachtquartier, das sie mir im Stall gewährten, in bessere Berührung kam als bei Tag, all das, was mich so bewegte, erzählt. Aber diese Einheimischen konnten mir nicht nachsühlen; denn nie waren sie — so wie ich — allein gewesen. In den Pyrenäen schrie ich oftmals aus meiner Sehnsucht von irgendeiner hohen Kante den Namen eines Kameraden über die Wälder. Aber mir antwortete nur das Gestotter der aufgescheuchten Vögel. Ob ich dort sechs Wochen ober bloß brei derart herumwanderte, weih ich nicht, da die Sonne ausblieb. Und nach den Feiertagen konnte ich mich nicht richten; denn sie fielen mir nicht auf. Und fragte ich die Holzfäller, weil ich keinen anderen Ausweg wußte, einfach nach dem Weg nach VJiabrib, so schauten sie wie vor einem Rätsel und empfahlen aus dem Drange- mir immerhin gefällig zu fein, Maladetta ober Murillo unb schickten mich also noch weiter von ben kultivierten Ströhen weg. Unb ich lief mir schließlich durch die zerfchunbenen Schuhe die Füße wund, bah ich Angst bekam, sie könnten wegen des Straßenschmutzes zu eitern anfangen unb abfaulen. Za, so vereinsamt fühlte ich mich schon, daß ich glaubte, es gäbe da auch teilten Arzt für mich. Ich riß breite Streifen von ber Decke ab und wickelte damit meine Füße ein. Die Schuhe lieh ich liegen und roanberte unb wanderte unb verbrauchte bie Decke zu Bandagen. Unb so kam ich end- lich in ein Tal, bas Schienen hatte. Ich humpelte an bie Strecke heran, setzte mich unb wartete. Unb als mir auf einmal ber „Expreß Paris- Bordeaux—Mabrid" den Ausweg bahnte, erhob ich mich sogleich und tappte dahin. Unb ich beeilte mich sogar, trotzdem mir dabei bie Tränen tarnen. Nachdem ich noch etwa 10 Kilometer in süblichem Kurs zurückgelegt hatte, erschien bie Sonne. Unb, obzwar ich vor Schmerz auf ben Zehenspitzen gehen mußte, erfreute sie mich hoch, zumal bie naßkalten Blätter ber Wilbnis, bie ich nun hinter mir hatte, nicht mehr mein Gesicht unb meine Hänbe streifen konnten, so daß es sich anfühlte, als schleckten eklige, kaltschnäuzige Tiere baran. Den Wegweisern sagte ich laut: , Guten Tag Ja, bie Sonne wirkte schließlich berart auf mein Gemüt, baß >ch mich zu der geradezu närrischen Vertröstung verstieg, in dieser Rich- tung — ich nannte sie vor lauter Hoffen „Generalrichtung" — mög- licherweife doch mal einen Kameraden zu treffen. Aber als ich, so nach weiteren zwei oder drei Tagen, in einem Dorf ankam, hätte ich am liebsten auf ben Hiinben laufen mögen, so schmerzten die Wunben. Und id> würbe auf einmal bermaßen von Trostlosigkeit befallen, baß ich den Burgermeiftster aufsuchte, ihm meine Füße zeigte unb erklärte, so könne ich nicht weitergehen. Unb ich legte mich, ba er mir nicht helfen wollte, einfach nieber, inbem ich sagte, ich verließe nicht eher bas Dorf, bis ich heil sei. Da ließ er mich von seinem Knecht auf ben Marktplatz tragen. Unb ich schrie, als solle ich umgebracht werben. Aus allen Türen unb Gassen liefen bie Leute herbei, zuvorberst die Frauen, von denen manche — unb bas gefiel mir, während ich fo schrie — sofort für mich Partei ergriffen. Sie geiferten ben Bürgermeister mit harten und scharfen Worten an. Eine kniete neben mir, streichelte mich; und ich begeisterte sie, indem ich sagte, Gott solle es ihr lohnen. Da küßte sie mich, erhob sich und ging von neuem gegen den Bürgermeister vor unb hetzte bie Manner gegen ihn. Unb mit einem Male knieten, währenb ich so dalag, viele Frauen bei mir. Unb ich berounberte ihre offenherzigen Augen, bie mir viel mehr sagten, als bie schönen Worte: „Armer Teufel ..." * ■Olein Kamerad, ein zwanzigjähriger Lothringer, war erst aus der gemeinsamen Freude über uns zu sich gekommen, als ich plötzlich dem bereite weiter galoppierenden Maultiergespann aus Leibeskräften nach- rief: „Mein Esel! Mein Efell" Den hatten wir vergessen abzuknoten. Mein Kamerad, der Martin hieß, warf seinen Hausstand, den Lebens- mittelsack, bie Schlafdecke unb ben Kochtopf ab unb reichte mir seine beiden noch ziemlich vollen Schwei,leblosen unb flitzte bem Gespann nach. Als er enblich mit bem Esel bei mir ankam, half er mir auf« sitzen unb nahm seinen Kram an sich. Dann zogen wir, währenb wir uns so aussprachen, in bas Dunkel ein. Links unb rechts ber Chaussee geisterte über den Wiesen ber Nebel. Der Monb schien blank. Aber die Schatten ber Nacht fürchteten wir nicht. Ja, von bem Schmerz an meinen Faßen fühlte ich nichts mehr. Unb wenn unser Esel vor Mübigkeü mal stolperte, gab ihm Martin Zucker. So tarnen wir auf eine Brücke unb lauschten bem Geräusche bes Stromes. Unb ba erfüllten auf einmal zwölf tönende Schläge die weite Stille. Wir bogen links ab und zogen am Ufer entlang, dem Flecken, der sich gemeldet hatte, entgegen. Unb nicht weit von einem Sieg, ber bie Mündung eines Baches überbrückte, staub ein Haus. Wir gingen hin. Kein Hunb kläffte. Die Tür stand offen. Unb durch die zersplitterten Fensterscheiben sahen wir, es hatte, statt eines Daches, ben Himmel über sich. Unb wir zogen ein. Am folgenben Morgen erkannten wir, baß es ein ausgebranntes Haus war. Bon seinem Dach sah man nur noch schwarze Balkenstützen. Martin begann bie Mauersteine, bie ba herumlagen, in eine Ecke zu werfen. Ich trug unsere Bagage in bie Abteilung Küche. Unb so war, ohne baß es ausgesprochen wurde, unser Wunsch, hier wohnen zu bleiben, zur Geltung gekommen. Martin ritt alsdann aus, kam aber bald wieder mit einer Ladung Heu, unter der unser Esel kaum zu sehen war. Nachdem aus dem größten Teil des Heues Lagerstätten für uns gemacht worben waren, burfte der Esel das übrige fressen. Und Martin sagte, ich müsse liegen bleiben, bis meine Füße kuriert seien. Er kochte ab unb besorgte alles, was wir so zur Haushaltung benötigten; unb zwar ging cs auf Konto meiner kranken Füße. Wir bekamen Besuch unb erhielten auch Salben. Unb als wir uns schon nahezu zwei Wochen an ber Zivilisation erfreuten unb meine Füße geheilt waren, unb mich Martin einmal, da nun ich für bie Herbeischaffung ber notroenbigen Sachen zu sorgen hatte, fragte, wohin ich benn heute gehen wolle, ba" antwortete ich, ich ginge zur Polizei, um uns als ordentliche Staatsbürger anzu- melben. Ja, es ging uns so gut, daß wir all das Mißliche, das hinter uns lag, verhöhnten. Unb abenbs faßen wir auf einer Bank vorm Haus, wie Einheimische. Wir würben sogar gegrüßt. Ja, einer sorgte für ben anberen. Unb es schien alles vortrefflich. Aber wenn es dunkel geworden war, unb wir fo nebeneinanber auf ber Lagerstätte tagen und irgendwo bie Mäbchen fangen, ba merkte ich burch unser Schweigen, in bem wir ba verharrten, daß auch Martin dorthin sann ... Unb bennoch — wir sagten es uns nicht, was wir so fühlten ... Aber bann, an einem Abend, brauste es mit einem Male auf. Unb wir erschraken Es bonnerte. Die ersten Tropfen fielen. Der Sturm nahm zu. Es funkte dazwischen. Unb es begann in Strömen zu gießen. Wir erhoben uns unb nahmen unsere Sachen über bie Schultern, und während der Regen auf uns niederprasselte, unb das Gewitter tobte, gingen wir, fo stumm wie ganz Enttäuschte, auf unserer Straße weiter. Unb bas Tier tappte uns frei willig nach. feiner li uni) mehr/' Ein gutes Geschäft. Erzählung von Anton Tschechow. verfchnsfen können." „Das schon ..." „Trinken Sie doch, bitte!" . , Die Heiratsvermittlerin führte das Glas mit einer gewohnheitsmäßigen Bewegung an den Mund und leerte es, ohne eine Diiene Zu Beim Zugführer Nikolai Nikolajewitfch Stütfchkin saß an emem dienstft7ien Tage Frau Ljubow Grigorjewna Kirjakow eine korpulente Dame unbestimmten Alters, die sich mit che,ra s°erm, ung be aht^ Stütfchkin, etwas verlegen, aber ernst, fest und streng wie in,, aina im wimmer auf und ab, rauchte eine Zigarre und sagte. 9 9Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Semion Iwanowitsch hat' Sie mir empfohlen. Ich wünfche Ihre Hilfe >n einer delikaten, sehr wicktiaen Angelegenheit, bei der es sich um das ©tuet meines Lebens hudelt. Ich bin schon zweiundsünfzig Jahre alt, Ljubow Grigorjewna, I alio in einem Alter in dem viele Leute bereits erwachsene Binder haben. Ich habe eine schöne Stellung als Staatsbeamter. Mein Gehalt ist nicht übermäßig groß, aber es genügt doch, um ein geliebtes Wesen und einige Kinderchen anständig zu ernähren. Unter dem Siegel der Berschwiegen- fieit- abgesehen von meinem Gehalt besitze ich noch Gelder aus der Bank, die ich durch meine foiide Lebensweise erspart habe. Ja) bin ein gesetzter, nüchterner Mann und führe einen ordentlichen, geregelten Lebenswandel rn xnc, niete an mir ein Beifpiel nehmen könnten. Nur eins fehlt nir ein eigener häusllcher HeVd und eine Lebensgefährtin. Ich komme mir' vor mie ein unstet umherziehender Zigeuner, bald hier, bald dort, Sme innere Zufriedenheit. Ich habe niemand, nut dem ich mich aus- fprcchen kann, und wenn ich krank bin, >st keiner da, der mir muck) einen Schluck Wasser reicht. Außerdem, Ljubow Grigoriewna genießt e,n Ehe- mann in der Gesellschaft immer ein ganz anderes Ansehen «ls ein Junggeselle. Und daher ist es mein sehnlichster Wunsch, mich durch Hymens Bande fesseln zu lassen, das heißt, mit einer anständigen, ehrbaren Person in den heiligen Stand der Ehe zu treten." Sehr richtig!" bemerkte die Heiratsvermittlerin mit einem oenfjer. "Aber wohin", fuhr der Zugführer fort, „foll ich gehen, an wen soll ich mich weichen, wenn ich doch so zurückgezogen lebe unb niemand hier in der Stadt kenne? Aus diesem Grunde also riet mir Semion Iwanowitsch, mich an eine Frau zu wenden, deren Beruf.es ist, das Gluck ihrer Mitmenschen zu begründen. Und darum bitte ich Sie, Ljubow Grigorjewna, bitte ich Sie inständigst, mir mit Ihrem bewahrten Ra z helfen. Sie kennen alle weiblichen Personen im heiratsfähigen Alter hier in der Stadt und Sie werden auch mir mit Leichtigkeit etwas Pustendes Ick hätte me geglaubt, daß mit solchen Geschäften so viel zu verdienen 'ist. Fünfzig Rubel! Mancher Mann hat nicht so viel. Trinken 6ieDk^eir‘at5nermiüterin leerte wieder das Glas. Stütfchkin betrachtete fie machtlechÄndert Rubel im Jahr , . Drin- w g ..... Willen Sie Ljubow Grigorjewna, bet solchen &ÄÄÄ Ä.» "ch< Ser1!.««.,!°- kW M°.» 3U ^Jär"mich?" lachte die Heiratsvermittlerin, ^ich bin ja schon etnc aüC Durchaus nicht ...Wit Ihrer stattlichen. Figur ... und Ihrem vollen. . "efc Stütfchkin war ebenfalls ver. Ie9enSien6tönneVe1,nenmeSlann noch sehr gut gefallen", sagte er. „Wenn S-e"einen gefetzten, ehrbaren, fparfamen Mann bekommen, können 6t., ihm bei seinem Gehalt und Ihrem Verdtenst wgar sehr gut gefallen — „Sott, was Sie nicht alles reden, Nikolai Nikolajewitfch ... E?fckg?eine^urze Pause. Stütfchkin schneuzte sich geräuschvoll. Die Heiratsvermittlerin errötete, sah ihn verschamt an und sragte. | Wieviel Gehalt haben Sie denn, Nikolai Rikolajewitsck) "d Fünsundfiebzig Rubel, abgesehen von den Gratifikationen. Außerdem haben wir noch Einnahmen von den Stearinkerzen u Hasen." „ . Q„ I Gehen Sie denn auf Die Jagd? I "Nein Halen heißen bei uns die blinden Passagiere. , , Abermals' Schweigen. Stütfchkin stand auf und ging r .. w».,. t,tite@tie Heiratsvermittlerin und verbarg ihr blutrotes Gesicht im ^"^Waslst da noch lange zu überlegen? Sie entsprechen völlig meinem »*• ftatteu Sie mir, I!,||,N ausrinanderzuschen, was i>ir ein , ... c;:r ,:ne Lebensweise ich von Ihnen erwarte ... Ich bin ein einfter, ’SSÄsBS.eSSSÄ E? rieb sich verV die Hände und murmelte halblaut vor sich hin:. And die Provstion habe ich auf diese Weise auch gespart. verziehen.schon", tDieberl)oIte jie. „Aber was für eine Braut möchten Sie I denn Haden, Nikolai Nikolajewitsch?" .Wie das Schicksal will." , . 'Natürlich, wie das Schicksal will, aber jeder hat doch seinen eigenen I Geschmack. Der eine mag mehr die Blondinen, der andere die Bru- I netten I „Sehen Sie, Ljubow Grigorjewna", entgegnete'Stütschkin mit einem I schweren Seufzer, „ich bin ein solider Mann mit gefestigtem Charakter. | Schönheit, überhaupt das Aeußere kommt für mich erst in zweiter Lime: I denn sagen Sie selbst, was hat man von so einem Lärvchen? Jrn Gegen- I teil mit einer schönen Frau kann es allerlei Aergerlichkeiken geben oui mich ist bei einer Frau nicht das, was draußen ,st die Haupljache sondern was drinnen ist, das heißt, sie muh eine schone Seele und onstitze gute Eigenschaften haben. Trinken Sie doch, bitte . ■. Natürlich ist es ja I sehr angenehm, wenn die Frau so ein bißchen voll und runN«^ i^t,.aber I für ein harmonisches Zusammenleben ist das kein wesentliches Ersorder- I nis; die Hauptsache ist doch immer der Verstand. Uebrigens — ossen ge- I standen, braucht die Frau auch keinen Verstand. Eine Frau mit Verstand I bildet sich leicht einen zu hohen Begriff"voni ihrereigenen.Person und hängt allerlei phantastifchen Idealen nach. Ohne Bildung geht s ]n heut- I zutage nicht, das ist sicher, aber es gibt doch verschiedene Arten von Bildung Es ist schön, wenn die Frau französisch und deutsch sprechen kann, Sprachkenntnisse sind ja immer sehr angenehm, aber was nutzt nur das^ wenn sie mir, sagen wir mal, nicht einen Knopf annahen kann. Ich gehöre zur Klaffe der Gebildeten, aber ich besitze trotzdem einen durchaus schlichten Charakter. Ich möchte ein ganz einfaches Mädchen haben Dw Hauptfache ist, daß sie mich hochachtet und sich stets bewußt ist, daß ich I sie glücklich mache." „Selbstverständlich." , .... ., ... Nun, also jetzt das Materielle . . Eine Reiche mochte ich nicht. Ich bin "kein Lump, daß ich auf eine Geldheirat ausgehe. Ich wünsche nicht, das Brot meiner Frau zu essen, sondern umgekehrt sie soll das meinige essen und es keinen Augenblick vergessen. Aber andererseits, eine Arme möchte ich auch nicht. Ich bin zwar, wie ich bereits erwähnte, nicht mittel- | los und heirate nicht des Geldes wegen, sondern aus Liebe, aber eine Arme kann ich trotzdem nicht nehmen. Sie wissen >a selbst, wie teuer heutzutage alles ist, und wenn noch Kinderchen kommen Mau kann auch eine mit Geld haben", sagte die Heiratsvermittlerin. "Trinken Sie doch, bitte! Und erlauben Sie mir jetzt die Frage: wieviel" nehmen Sie für Ihre Bemühungen um Beschaffung einer Braut? Nicht viel. Fünfundzwanzig Rubel und Stoss zum Kleid. Das i|t so die Tare .. Für die Mitgift natürlich extra." Stütfchkin kreuzte die Arme über der Brust und dachte angestrengt nach, dann seufzte er und sagte: * Das ist ober doch sehr teuer ..." , Ganz und gar nicht teuer. Nikolai Nikolajewitschi Früher, als es noch mehr Hochzeiten gab, machten wir's bisweilen billiger. Aber heutzutage — was ist da viel zu verdienen? Wenn man in einem Monat sünfzig Rudel einnimmt, kann man froh sein. „Hm ... Fünfzig Rubel nennen Sie wemg? ,/5cht wenig! früheren kamen n)$t aus fyunoert JtubGl Mie tt>irb man Erft«der? BZuch bei Mihaly, dem Erfinder des Fernsehens nnd Fernkinos. Von A.K. von Hübbenet. mJnn fnnn Verschiedenes erfinden: technische Neuerungen und medizinische Präparate, Reklameartikel und modische Belanglosigkeiten, wisten- schö ttiche Theorien und Methoden, die Menschheit zu foppen Im Archiv des Reichspatentamtes kann man die «^fallensten Sachen nben auf die Patente ausgegeben wurden. Manches davon ist genial und ha her Entwicklung der Zivilisation neue Wege gewiesen; vieles, vielleicht sn.- wellte ist so unwesentlich, so belanglos, daß man es gar Nicht al Ersindung", sondern mehr als Witz ansprechen mochte; manches wieder 'ist so merkwürdig und phantastisch, daß es wie Spuk Eutet. ’ Dementivrechend gibt es auch verschiedene Erfinder-Typen. C- iß fdion vorgekommen, daß irgendeinem harmlosen Erdenbürger Öan3 bu ch Siifall ein erleuchtender Gedanke kam, eine „Erfindung , die 'hm unver- h°s t Tausende tinbrachte. Ich erinnere mich, in meiner Schulbubenzeit wurde gerade der Bleistift mit dem Radiergummi hintendran große Mode Auf unerklärliche Weise verstand es dieses unbegueme Ding, sich allenthalben unentbehrlich zu machen. Die Nachricht, daß der Erfinder mit diesem lächerlichen Patent ungeheure SiMiinen verdient haben sollte ließ uns Jungens nicht schlafen. Wir zerbrachen uns die Kopfe, wie wir auch io eine Erfindung" machen könnten, um auf diese Weise rasch Mi Geld und zu einem Auto zu kommen. Neben solchen Zusalls-Crfin- dern gibt es Leute, die sich das Erfinden zum Beruf auserkoren Haden die sich die verschiedensten und merkwürdigsten Dinge patentieren lassen unb in der steten Hoffnung leben, spätestens übermorgen »ft, Geld und Rvhm zu gelangen. Arme Teufel, die sich von der Welt mißverstanden i "^Schließlich bebrüte Art der Erfinder: das find Wissenschaftler Forscher Techniker mit eminentem Wissen unb Können und t»oM non Natur zum Erfinden prädestiniert. Das sind die Genies, die nut hellseherischem Scharfblick und in zielbewußter, konstruktiver Forschungsarbeit neue Wege erfinden unb entdecken. Einer von den Glücklichen, die sich verhältnismäßig rafch durchfetzen, ist Denes von Mihaly. ^an glaubt es I kaum, wenn man diesem jungen, eleganten Menschen gegenubersteht, daß er einer der produktivsten unb erfolgreichsten modernen Erfinder ist. Seine letzte Erfindung, der Fernsehapparat, hak seinen Namen tn der ganzen Welt berühmt gemacht. • ' Das erste, was Mihaly tut, nachdem wir uns begrüßt haben, ist, mir eine Zigarette anzubieten. Er ist ein starker Raucher, ich habe in fernem Arbeitszimmer allein achtzehn Aschenbecher gezahlt und das will schon etwas heißen. Das .Heim des Erfinders, der mit feiner jungen Gattin feit sechs Jahren in glücklichster Ehe lebt, »facht einen vornehm anhermeln- den Eindruck; inan kann sich denken, dah in dieser Atmosphäre gut zu arbeiten ist. „Meine Frau ist mein treuester Mitarbeiter", lächelte Mihaly. Zwei von den fünf Büchern, die ich schrieb, habe ich ihr diktiert. Mein eioentiicher Arbeitsraum aber ist natürlich die Werkstatt, die ich mir unten in einer Garage eingerichtet habe, Hier in der Wohnung habe ich nur eine kleine Bastelstube, damit ich, wenn mir plötzlich eine Idee kommt, gleich die ersten Experimente anstellen kann. Aber fast alle Instrumente befinben sich in der großen Werkstatt, wo ich Ihnen nachher meinen neuen Tonfilm-Apparat vorführen will." „Könnten Sie mir vielleicht theoretisch erklären, roie Ihr Fernsehapparat arbeitet? Und wie kamen Sie überhaupt auf den Gedanken, einen Fernseher zu konstruieren?" „ f „Nachdem das Telephon erfunden war, lag eigentlich die Annahme nahe daß das, was mit der menschlichen Stimme gelungen mar, auf ähnliche Weise auch mit dem Blick möglich sein müsse: seine Erweiterung auf eine beliebige Ferne, trotz aller Hindernisse, die sich zwischen das Auge und den zu betrachtenden Gegenstand oder Vorgang stellen. Außerdem hatten ja die Professoren Glatzel und Korn bereits recht günstige Resultate mit der Bildtelegraphie erzielt. Der Bildtelegraph und der Fernseher arbeiten schließlich nach dem gleichen Prinzip: das Bild wird durch eine besondere Vorrichtung gewissermaßen in eine große Anzahl winziger Einzelteile zerlegt, und diese Punkte werden nacheinander von einem lichtempfindlichen Organismus abgetastet, der die Eigenschaft hat, Lichteindrücke in elektrische Stromstöße umzuwandeln. Bei jedem Pünktchen schickt er also einen Stromstoß in die Leitung, dessen Stärke der Helligkeit des betreffenden Bildteilchens entspricht. 2hif der Empfangsstation werden dann diese Stromimpulse wieder zurück in Lichtpunkte umgewandelt, die ein besonderer Mechanismus, der sogenannte „Bildzusammensetzer", auf einem lichtempfindlichen Film in genau der gleichen Reihenfolge nebeneinander ordnet. Nach Entwickeln und Kopieren des Films erhält man natürlich das Bild, das auf der Sendeftation aufgegeben wurde. Der Prozeß der telegraphischen Bildübertragung dauert etwa acht bis sechzig Minuten. Damit ist ein sofortiges Sehen des übertragenen Objektes natürlich unmöglich. Sie wissen, daß das menschliche Auge Lichteindrücke, die um weniger als eine Achtelsekunde auseinanderliege», als gleichzeitig oder ununterbrochen empfindet. Hieraus ergab sich für den Fernseher die Forderung, daß der ganze Prozeß der Uebertragung eines einzelnen Bildes innerhalb etwa einer Zehntelsekund» vor sich geht. Wie groß die Schwierigkeiten waren, die sich einer solchen Beschleunigung des Bildübertragungsprozesses entgegenstellten, werden wie verstehen, wenn Sie sich folgendes vergegenwärtigen: nehmen wir nur ein Bild von der Größe 8 X'ö cm, und begnügen wir uns mit der großen Bildunterteilung von 1 qmm je Bildelement, so bedeutet schon dies 2500 zu übertragende Bildelemente pro Zehntelsekunde, d. h. 25000 Bildelemente pro Sekunde, um den Bewegungsvorgang auf der Empfangsstation als ununterbrochen zu empfinden. . Zum Fernsehen war natürlich nicht eine Erfindung notwendig, sondern die Erfindung einer ganzen Reihe von Vorrichtungen, die zusammen den Fernseher ergeben würden unb alle imstande wären, den Uebertragungsprozeß innerhalb eines Zeitraumes von einer Zehntelsekunde zu bewerkstelligen. Folgendes möchte ich noch erwähnen: beim Fernseher ist es nicht notwendig, den zu übertragenden Vorgang vorher zu photographieren. Man überträgt ihn einfach von der Mattscheibe des Senders, auf die man ihn wie beim gewöhnlichen Photoapparat projiziert. Auch beim Empfang ist kein Entwickeln und Kopieren wie bei der Bild- telegraphie nötig, der übertragene Vorgang erscheint vielmehr sogleich aut der Mattscheibe des Empfängers oder er wird auf eine Leinwand projiziert. Handelt es sich im letzteren Fall nicht um die Uebertragung eines tatsächlichen Vorganges, sondern eines kinematographischen Filmstreifens, — was im Prinzip das gleiche ist — so dient der Fernseher als Fernkino-Apparat." . , , ,, „Was war die erste Erfindung, die Sie gemacht haben? „Unb rote wird man überhaupt Erfinder? Muß man dazu geboren fein? Mihaly lacht: „Ja, wissen Sie, so ein allgemeingültiges Rezept, wie man Erfinder wird, werde ich Ihnen wohl kaum geben können. Aber ich kann Ihnen erzählen, wie ich es geworben bin. In der Schule war ich keine sonderliche Leuchte, mein ganzes Interesse konzentrierte sich auf Technik und Physik, was darin zum Ausdruck kam, daß ich mich ständig in Autogaragen Herumtrieb und immer mit öltriefenden Kleidern nach Hause kam. Das trug mir manche Tracht Prügel ein. Immerhin hatte ich den Erfolg, daß 'ich schon mit vierzehn Jahren ein technisches Buch über Automobile schrieb, das auch tatsächlich gedruckt wurde und mir 4000 Kronen einbrachte. Das war damals viel Geld, besonders für einen vierzehnjährigen Bengel. Uebrigens hat mein Autobuch nachher noch viele Auflagen erlebt. Meine erste Erfindung machte ich mit fünfzehn Jahren. Es war ein sehr eigenartiger Geldschrank aus Blech. Dieses Patent wurde mir von einer großen Tresorfabrik abgetauft, aber nie ausgeführt. < Im Laufe der Jahre folgte eine Reihe verschiedener Erfindungen, größtenteils zur Verbesserung der Automoblltechnik. Auch meine elften Enttäuschungen habe ich damals erlebt. Man muß es nämlich verstchen, eine Erfindung nicht nur zu machen, sondern sie auch patentlich zu sichern unh auszuwerten. Kurz vor meiner Uebersiedlung von Budapest nach Berlin erfand ich übrigens auch den erste» photographischen Tonfilm, der sich damals allerdings noch nicht durchsetzen konnte/ „Was für eine Empfindung haben Sie, wen» Ihnen eine Erfindung glückt?" „Neben der felbstverftändlichen Freilde ist es. psychologisch betrachtet, ein gewisses Unbehagen. Sie müssen sich das Erfinden nicht so vorftellen, daß man eine Idee hat und sie dann gleich für schweres Geld verkauft. Neunzig Prozent vom Erfinden ist Arbeit. Experimentieren, Probieren. Mit bem Problem des Fernsehers Hobe ich mich siebzehn lange Jahre herumgefchleppt, bis mir endlich die Lösung glückte. Wenn man sich so lange intensiv mit einer Frage beschäftigt, empfindet man ihre Lösung bald wie eine moralische Schuld, und wenn es dann endlich so roeif ist/ fehlt einem etwas, als ob in das Dasein ein Loch gerissen wäre. — Do Erfindungsgabe angeboren sein muß? — In gewissem Sinne wahrscheinlich ja. Aber jedenfalls gehört zum Erfinden eine intensive Beobachtungsfähigkeit, ferner Zähigkeit, um sich mit einem Thema jahrelang zu beschäftigen. Auch eine gewisse Skepsis gehört dazu, die Gabe, nichts von vornherein zu glauben, nichts scheinbar Gegebenes als gegeben hinzunehmen, ohne es vorher selbst ausprobiert zu haben. Doch kommen Sie jetzt" — unterbricht sich Mihaly. „Ich möcGe Ihnen noch einiges in der Werkstatt zeigen." Der Erfinder beschäftigt sich jetzt besonders mit dem Tonfilm, da er die Tonwiedergabe noch für wesentlich verbesferungssähig hält. Er hak neue Apparate für die Ausnahme wie für die Wiedergabe konstruiert, und veranstaltet jetzt für mich mit seinem neuen Wiedergabegerät eine ganze Kinovorführung. bin Überrascht, wie voll und naturgetreu der Ton kommt. Bei der Konstruktion seines Tonapparates hat Mihaly ein ganz neuartiges Prinzip angewendet. Die größte Schwierigkeit für die unverzerrte Wiedergabe des Tones besteht darin, daß die Instrumente, die die photographische Tonaufzeichnung wieder zurück in Laute umwandeln, außerordentlich empfindlich gegen mechanifchs Erschütterungen und gegen elektrische Leitungen sind. Da sie aber bei den bisherigen Apparaturen direkt am Bildprojektor, d. h. in nächster Nähe von Starkstromleitungen und Motoren angebracht werden, muffen sehr umfangreiche und komplizierte Sicherungsmaßnahmen getroffen werden, um eine nute Tonwiedergabe zu 'erzielen. Mihaly hat nun das Problem auf eine sehr originelle Weise gelöst: er projiziert die Abbildung der Tonaufzeichnung, genau wie das Bild selbst, in Form eines Lichtstrahles auf die gegenüberliegende Wand, wo ja auch die Lautsprecher aufgestellt sind, und -baut dort, fern von allen schädlichen Einflüssen, die empfindlichen Instrumente auf, die die Umwandlung der Lichtimpulse in Töne vornehmen. Diese Idee ist so verblüffend einfach und einleuchtend wie Mihalys neuer Apparat, der übrigens außerordentlich.billig ist. 8(6er das ist ja gerade die Eigenschaft aller genialer Erfindungen: ihre „unwahrscheinliche Selbstverständlichkeit". Pole Poppenspäler. Erzählung von Theodor Storm. (Fortsetzung.> Drüben war indes die Tür des Gefangenen Hauses zugefchlagen, und das junge Weib, nur mit einem kurzen, wehenden Mäntelchen um die Schultern und einem schwarzen Tüchelchen um den Kops geknotet, ging langsam die übereifte Straße hinab. — Die Meisterin und ich waren schweigend auf unserem Platze geblieben; ich glaube — denn auch meine Teilnahme war jetzt erweckt es war uns beiden, als ob wir helfe« müßten und nur nicht wüßten, wie. Als ich eben vom Fenster zurücktreken wollte, kam das Weib wieder die Straße herauf. Vor der Tür des Gefangenhauses blieb sie stehen und fetzte zögernd einen Fuß auf den zur Schwelle führenden Treppen- ftein; dann aber wandte sie den Kopf zurück, und ich sah ein junges Antlitz, dessen dunkle Augen mit dem Ausdruck ratlosester Verlassenheit über 'bie leere Gasse streiften; sie schien doch nicht den Mut zu haben, noch einmal der drohenden Beamtenfaust entgegenzutreten, ßangfam unb immer wieder nach der geschlossenen Tür zurückblickend, -setzte sie ihren Weg fort; man sah es deutlich, sie wußte selbst nicht, wohin. Als sie jetzt aber an der Ecke der Gefangenanstalt in bas nach der Kirche hinaufsührenbe Gäßchen einbog, riß ich unwillkürlich meine Mütze von, Türhaken, um ihr nachzugehen. ,Ja, ja, Paulsen, das ist das Recht!' sagte die gute Meistert»; .geht nur, ich werde derweil den Kaffee wieder heiß setzen!' Es mar grimm-g kalt, als ich aus dem Haufe trat; alles schien wie ausgestorben; von dem Berge, der am Ende der Straße die Stadt überragt, sah fast drohend der schwarze Tannenwald herab; vor den Fensier- fcheiden der meisten Häuser saßen die weißen Eisgardinen; denn nicht jeder hatte, wie meine Meisterin, die Gerechtigkeit (Gerechtigkeit ist das jemandem von Rechts wegen Zukommende) von fünf Klaftern Holz auf feinem Haufe. — Ich ging durch das Gäßchen nach dem Kirchenplatz; unb dort vor bem großen hölzernen Kruzifixe auf der gefrorenen Erde lag das junge Weid, den Kopf gesenkt, bie Hände in den Schoß gefaltet Ich trat schweigend näher; als sie aber jetzt zu bem blutige» Antlitz des Gekreuzigten aufblickte, sagte ich: .Verzeiht mir, wen» ich Eure Andacht unterbreche; aber Ihr seid wohl fremd in dieser Stadt?' Sie nickte nur, ohne ihre Stellung zu verändern. .Ich möchte Euch helfen', begann ich wieder; .sagt mir nur, wohin Ihr wollt!' ,I weih nit mehr, wohin', sagte sie tonlos und ließ das Haupt wieder auf ihre Brust sinken. , .Aber in einer Stunde ist es Nacht; in diesem Totenwetter formt Ihr nicht länger auf der offenen Straße bleiben!' .Der liebi Gott wird helfen', hörte ich sie leise sagen. ,Ja, ja', rief ich, .und ich glaube fast, er hat mich selbst zu Euch geschickt!' Es war, als habe der stärkere Klang meiner Stimme sie erweckt; beim sie erhob sich und trat zögernd auf mich zu; mit vorgestrecktem Halse näherte sie ihr Gesicht mehr und mehr dem meinen, und ihre Blicke drangen auf mich ein, als ob sie mich damit erfassen wollte. .Paul!' rief sie plötzlich, unb rote ein Jubelruf flog das Wort aus ihrer Brust — .Paul! ja di schickt mir der liebi Gott!' Wo hatte ich meine Augen gehabt! Da hatte ich es ja wieder, mein Kindsgefpiel, das kleine Puppenspieler-Lisei! Freilich, eine schöne, schlanke Jungfrau war es geworden, und auf dem sonst so lachenden Kindergesicyt lag jetzt, nachdem der erste Freudenstrahl darüberhin geflogen, der Ausdruck eines tiefen Kummers. .Wie kommst du so allein hierher, Lisei?" fragte ich. ,Was ist geschehen? wo ist denn dein Vater?" ,Jm Gefängnis, Paul.' dem Dorf geholt; aus aus doch mir den Augen. alles wieder gut!' nit; er ist so still; ,Was fehlt dir, Liset?' fragte ich, ,es ist nun Sie schüttelte den Kopf. Mein Vaterl gefallt die Schänd', er verwind't es nit.' (Fortsetzung folgt.) V^^twortUch' Dr. Hans Thhriot. - Druck und Derlag: Brühl'fche UniversitStS-Duch. und Steindruckerei. L. Lan««, Sieben. .Ja, Paul, ich hör' es wohl. Und bald standen wir beide draußen vor der Haustur. Siehe, da kam es die Straße herab, das Wägelchen mit den beiden hohen Kisten, wie ich daheim es mir so oft gewünscht hatte. Ein Bauernbursche ging nebenher mit Zügel und Peitsche in der Hand; aber das Glöckchen bimmelte jetzt am Halse eines kleinen Schimmels. n.r . Mo ist das Braunchen geblieben? fragte ich Lisei. .Das Braunchen', erwiderte sie, .das ist uns eines Tages vorm Wagen hingefallen; der Vater hat sogleich den Tierarzt aber es hat nimmer leben können.' Bei diesen Worten stürzten ihr die Tränen Dein Vater der gute Mcmn! — Aber komm mit mir; ich stehe hier l bei'einer braven Frau in Arbeit; sie kennt dich, ich habe ihr oft von dir Und Hand in Hand, wie einst als Kinder, gingen wir nach dem Hause meiner guten Meisteriii, die uns schon v o mF e n st e ra u s en gegen- - sah. .Das Lisei ist's!' rief ich, als wir in die Stube traten, .denkt Euch, Frau Meisterin, das Lisei!' Die gute Frau schlug die Hände über ihre Brust zusammen. .Heilige Muttergottes, bitt für uns! das Lisei! — also so hat^ ^geschaut! __ 9[ber‘ fuhr sie fort, .wie kommst denn du mit dem alten Sünder I da zusammen?' — und sie wies mit dem ausgestreckten Finger nach I dem Gefangenhause drüben — .der Paulsen hat mir doch gesagt, daß du ehrlicher Leute Kind bist!' . . I Gleich darauf aber zog sie das Mädchen weiter in die Stube hinein und drückte sie in ihren Lehnstuhl nieder, und als jetzt Lisei ihre Fratze I zu beantworten anfing, hielt sie ihr schon eine dampfende Tasse Kaffee I an die Lippen. I .Run trink einmal', sagte sie, .und komm erst wieder zu dir; die Händchen sind dir ja ganz verklommen.' I Und das Lisei mußte trinken, wobei ihr zwei helle Tranen m die Tasse rollten, und dann erst durfte sie erzählen. I Sie sprach jetzt nicht, wie einst und wie vorhin in der Em am ett ihres Kummers, in dem Dialekt ihrer Heimat, nur em leichter Anflug war ihr davon geblieben; denn waren ihre Eltern auch nicht mehr bis an unsere Küste hier hinabgekommen, so hatten sie sich doch meistens in dem mittleren Deutschland ausgehalten. Schon vor einigen Jahren war die Mutter gestorben. .Verlaß den Vater nicht! das hatte sie der Tochter im letzten Augenblicke noch ins Ohr geflüstert, .fein Kindesherz ist zu gut für diese Welt! I Lisei brach bei dieser Erinnerung in heftiges Weinen aus; f>e wollte Nicht einmal von der aufs'neue vollgeschenkten Tasse trinken, mit der die Meisterin ihre Tränen zu stillen gedachte, und erst nach einer ziemlichen I Weile konnte sie weiter berichten. I Gleich nach dem Tode der Mutter war es ihre erste Arbeit gewesen, an deren Stelle sich die Frauenrollen in den Puppenspielen von ihrem Vater einlernen zu lassen. Dazwischen waren die Bcstattungsfeierllchkelten I besorgt; dann, das frische Grab hinter sich lassend waren Vater und Tochter wiederum ins Land hineingefahren und hatten, rote vorhin, I ihre Stücke abgespielt, den verlorenen Sohn, die heilige Genoveva und I wie sie sonst noch heißen mochten. So waren sie gestern auf der Reise in ein großes Kirchdorf ge- I kommen, wo sie ihre Mittagsrast gehalten hatten. Äuf der harten Lank I vor dem Tische, an welchem sie ihr bescheidenes Mahl verzehrten, war I Vater Tendier ein halbes Stündchen in einen festen Schlaf gesunken, während Lisei draußen die Fütterung ihres Pferdes besorgt hatte. Kurz darauf, in wollene Decken wohlverpackt, waren sie aufs neue m die grimmige Winterkälte hinausgefahren. .Aber wir kamen nit weit', erzählte Life!; .gleich hinterm Dorf ist ein Landreiter auf uns zugeritten und hat gezetert und gemordiot. Aus dem Tischkasten sollt' dem Wirt ein Beutel mit Geld gestohlen sein, und mein unschuldig? Vaterl war doch allein in der Stube dort gewesen! Ach, wir haben fei Heimat, tei Freund, fei Ehr; es kennt uns me- rnon^ nit!* I .Mod, Kind', sagte die Meisterin, indem sie zu mir hinüberwinkte, »versündige dich auch nicht!' Ich aber schwieg, denn Lisei hatte ja nicht unrecht mit ihrer Klage. — Sie batten in das Dorf zurückgemuht; das Fuhrwerk mit allem, was darauf geladen, war vom Schulzen dort zurückgehalten worden; der alte Tendier aber hatte die Weisung erhalten, den Weg zur Stadt neben dem Pferde des Landreiters herzutraben. Lisei, von dem letzteren mehrfach zurückgewiesen, war in einiger Entfernung hinterher gegangen, in der Zuversicht, daß sie wenigstens, bis der liebe Gott die Sache aufklare, das Gefängnis ihres Vaters werde teilen können. Aber — auf ihr ruhte kein Verdacht; mit Recht hatte der Inspektor sie als eine Zudringliche von der Tür gejagt, die auf ein Unterkommen in seinem Hause nicht den geringsten Anspruch habe. Lisei wollte das zwar noch immer nicht begreifen; sie meinte, das Jet io härter als alle Strafe, die später doch gewiß den wirklichen Spitzbuben noch ereilen würde; aber, fügte sie gleich hinzu, sie wolle ihm auch so harte Straf' nit wünschen, wenn nur die Unschuld von ihrem guten Vaterl an den Tag komme; ach, der werd's gewiß nit überleben! Ich besann mich plötzlich, daß ich sowohl dem alten Korporal da drüben als auch dem Herrn Kriminalkommissarius eigentlich ein unentbehrlicher Mann sei; denn dem einen hielt ich seine Spinnmaschinen in Ordnung, dem anderen schärfte ich seine kostbaren Federmesser; durch den einen konnte ich wenigstens Zutritt zu dem Gefangenen erhalten, bei dem anderen konnte ich ein' Leumundszeugnis für Herrn Tendier ablegen und ihn vielleicht zur Beschleunigung der Sache veranlassen. Ich bat Liset, sich zu gedulden, und ging sofort in das Gefangenhaus hinüber. Der schwindsüchtige Inspektor schalt auf die unverschämten Weiber, die immer zu ihren spitzbübischen Mannern oder Vätern in die Zellen wollten. Ich aber verbat mir in betreff meines alten Freundes solche Titel, so lange sie ihm nicht durch das Gericht „von Rechts wegen" beigelegt seien, was wie ich sicher wisse, nie geschehen werde; und endlich, nach einigem Hin- und Widerreden, fliegen mir zusammen die breite Treppe nach dem Oberbau hinauf. bund, um den rechten herauszufinden; dann knarrte die Tür und mir traten em. Zelle, mit dem Rücken gegen uns, stand die Gestalt eines kleinen mageren Mannes, der nach dem Stückchen Himmel hinaufzublicken schien, das grau und trübselig durch ein oben in der Mauer angebrachtes Fenster auf ihn herabdämmerte. An feinem Haupte bemerkte ich sogleich die kleinen, abstehenden Haarspieße; nur hatten sie, wie jetzt draußen die Statur, sich in die Farbe des Winters gekleidet. Bei unserem Eintritt wandte der kleine Mann sich um. .Sie kennen mich wohl nicht mehr, Herr Tendier?' fragte ich. Er sah flüchtig nach mir hin. .Nein, lieber Herr', erwiderte er, .hab' "'^Jch^nannte ihm den Namen meiner Vaterstadt und sagte: .Ich bin der unnütze Junge, der Ihnen damals Ihren kunstreichen Kasperl oer- br%-' schad't nichts, gar nichts!' erwiderte er verlegen und machte mir einen'Siener; .ist lange schon vergessen.' Er hatte offenbar nur halb auf mich gehört; denn seine Lippen bewegten sich, als spräche er zu sich selber von ganz anderen Dingen. Da erzählte ich ihm, wie ich vorhin sein Lisei aufgefunden habe, und fegt erst sah er mich mit offenen Augen an. .Gott Dank! Gott Dank! sagte er und faltete die Hände, ,3a, ja, das kleine Lisei und der kleine vaut, die spielten derzeit miteinander! — Der kleine Paul! Seid Ihr der kleine Paul! O, i glaub's Euch schon; das herzige G'sichtl von dem frischen Bub'n, das schaut da no heraus!' Er nickte mir so innig zu, daß die weißen Haarspiehchen auf seinem Kopfe bebten, ,3a, ja, da drunten an der See bei euch; wir sind nit wieder hinkommen; das war no gute Zeit dermal; da war aa noch mein Weib, die Tochter vom großen Geißel, brecht, dabei! „Joseph!" pflegte sie zu sagen, „wenn nur die Menschen aa so Drähf an ihre Köpf' hätten, da tönnt’ft du aa mit ihne firtt werd n! — Hält' sie nur heute noch gelebt, sie hätten mich nicht eingesperrt. Du lieber Gott; ich bin kein Dieb, Herr Paulsen.' Der Inspektor, der draußen vor der angelehnten Tür im Gange auf und ab ging, hatte schon ein paarmal mit seinem Schlüsselbund geraffelt. Ich suchte den alten Mann zu beruhigen und bat ihn, sich bei feinem ersten Verhör auf mich zu berufen, der ich hier bekannt und wohl- qeachtet sei. Als ich wieder zu meiner Meisterin in die Stube trat, rief diese mtr entgegen: ,Das ist ein trotzig's Mädel, Paulsen; da helft mir nur gleich ein wenig; ich hab" ihr die Kammer zum Nachtquartier geboten; aber sie I will fort in die Bettelherberg' ober Gott weiß wohin!' I Ich fragte Lisei, ob sie ihre Pässe bei sich habe. .Mein Gott, die hat der Schulz' im Dorf uns abgenommen. ,So wird kein Wirt dir seine Tür aufmachen', sagte ich, .das weißt I du selber wohl.' .. Sie wußte es freilich, und die Meisterin schüttelte ihrjjergnugt. Dif I Hände. .Ich denk' wohl', sagte sie, .daß du dein eignes Köpfchen gaftp der da'hat mir’s haarklein erzählt, wie ihr zusammen in der Kiste habt gesessen; aber fo leicht wärst du doch nicht von mir fortgetommen! Das Lisei sah etwas verlegen vor sich nieder; bann aber fragte sie mich hastig aus nach ihrem Vater. Nachdem ich ihr Bescheid gegeben hatte, | erbat ich mir ein paar Bettstücke von der Meisterin, nahm von den meinigen noch etwas hinzu und trug es selbst hinüber in die Zelle des Gefanaenen, wozu ich vorhin von dem Inspektor die Erlaubnis erhalten | hatte — So konnten wir, als nun die Nacht herankam, hoffen, daß im warmen Bette und auf dem besten Ruhekissen, bas es in ber Welt gibt auch unseren alten Freund in seiner oben Kammer ein sanfter Schlaf I erquicken werbe. I Am anberen Vormittage, als ich eben, um zum Herrn Kriminalkom- I missarius, zu gehen, auf die Straße trat, kam von drüben der 3n» pettor in seinen Morgenpantoffeln auf mich zugeschritten. .Ihr habt recht gehabt, Paulsen', sagte er mit seiner gläsernen Stimme, ,fur diesmal ist s I kein Spitzbube gewesen; den Richtigen haben sie soeben eingebracht; Euer I Alter wirb noch heute entlassen werben.' Und richtig, nach einigen Stunden öffnete sich die Tür bes Gefangen- I Hauses, unb der alte Tendier wurde von der kommandierenden Stimme I des Inspektors zu uns hinübergewiesen. Da das Mittagessen eben auf» I getragen war, fo ruhte die Meisterin nicht, bis auch er seinen Platz am Tische eingenommen hatte; aber er berührte die Speisen kaum, unb wie sie sich auch um ihn bemühen mochte, er blieb wortkarg unb in sich ge= I kehrt neben seiner Tochter sitzen; nur mitunter bemerkte ich, wie er deren Hand nahm unb sie zärtlich streichelte. Da hörte ich braußen vom Tore her ein Glöckchen bimmeln; ich kannte es ganz genau, aber es lautete I mir weit her aus meiner Kinderzeit. I .Lisei!' sagte ich leise. In dem alten Gefangenenhause war auch die Lust gefangen, unb ein widerwärtiger Dunst schlug uns entgegen, als wir oben burch ben langen Sorribor schritten, von welchem aus zu belben Seiten Tür an Tür in die einzelnen Gefangenzellen führte. An einer derselben, fast zu Ende bes Ganges, blieben wir stehen; der Inspektor schüttelte sein großes Schlüssel-