GiehenerKmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang |95l Freitag, den 2. Januar Nummer \ in Am Fenster len. Sie war stolz, daß die auch lange gedauert hatte. z^viers/^ _3j . '< Da stand diese auf, setzte die Schüssel beiseite und ließ die Schalen, die ihr auf der Schürze gelegen, zu Boden fallen. Sie war stolz, datz die Neujahr. Von Conrad Ferdinand Meyer. In den Lüfen schwellendes Gedröhne Leicht wie Halme beugt der Wind die Töne: Leis' verhallen, die zum ersten riefen, Neu Geläute hebt sich aus den Tiefen. Große Heere, nicht ein einzler Ruferi Wohllaut flutet ohne Strand und Ufer. Lucia. Erzählung von Ernst Zahn. 1. des Dritteklassewagens saß ein kleines Mädchen und f der Schürze gelegen, zu Boden sal.. Padrona der Lucia zu Besuch kam, wenn es <.~.v bis sie sich zu einer Begrüßung bequemte. Sie sagte auch zu Giorgina, was für eine Ehre es für Lucia sei und fragte, ob die Eltern gesund seien. Es sei gewiß immer viel zu tun in der Wirtschaft, fuhr sie fort. Sie wisse es von Lucia, welch eine Goldgrube der Vater habe. Durch ihr von Natur aus mürrisches und wortkarges Wesen brach angesichts des ihrer Armut bedeutungsvollen Besuchs eine eifrige Liebenswürdigkeit. Lucia gegenüber aber blieb sie kurz angebunden und verdrossen, so daß Giorgina fast er schrak und mehrmals verstohlen nach der häßlichen Alten blickte. Diese hieß die Enkelin den Kaffee vom Herde nehmen und Tassen aufsetzen. „Spute dich", fuhr sie sie an. Bald saßen die zwei Mädchen am Tisch. schaute in die Landschaft hinaus, durch die der Zug fuhr. Zwar sah die kleine Lucia nicht, wie schön dieses Land war, nach dem die Fremden aller Länder pilgerten. Aber ihr Herz freute sich doch, und ihre Augen staunten, ohne es zu wissen, über das Leuchten, das vom Grün der Berg- Hänge und Talwiesen und dem brennenden Blau des Himmels ausging, über die Macht dieser zwei Farben, gegen die weder das Staubgrau der Straßen noch das Silberweiß der Wasserfälle aufkam, und die an den Kämmen der Berge in einer dustigseinen Grenzlinie geschieden waren. Lucia freute sich mit einer so großen Freude, daß sie äufhörte, mit der blonden Giorgina zu päppeln, die ihr gegenüber sah. Es war aber auch viel der Lust auf einmal. Wenn man bedachte, daß es jetzt in die Ferien heim ging nach Marogno di Sopra zur 'Jionci, daß man ein paar Wochen lang nicht in der Trattoria des Giorgio Bianchi zu Bellenz Böden zu kehren, Gläser zu waschen und Fenster zu putzen brauchte, daß die Giorgina mitkam, des Bianchi Tochter, mit der die Lucia sich so wohl vertrug, und daß — Santa Marin — jetzt konnte man schon bald die karge Alpe sehen, wo über dem Dorse Marco die Schafe und Ziegen weidete. Marco! Marco! Die kleine Lucia jubelte nicht, ober es schwindelte ihr. Ob es vom ungewohnten Eisenbahnfähren kam oder vom langen in die Luft staunen? Sicher aber hatte Marco daran teil; denn es durchfuhr das Mädchen heiß und kalt, wenn sie an ihn dachte. An ihn nicht zu denken war jedoch hier, wo er zu Hause war, schwer. Lucia war übrigens kein Kind mehr, obschon ihre kurzen Beine nicht von der Sitzbank auf den Boden reichten. Sie zählte achtzehn Jahre, genau wie die Giorgina, die Wirtstochter. Im Rahmen des Fensters war ihr Gesicht mit seiner braunen Farbe, seinen pflaumenblauen Augen und seinem in natürlichen Ringeln den Kopf umstehenden blonden Haar ein Bild für einen Maler. Nur durfte er die Lucia nicht aufstehen heißen, denn der Körper stand unterm Kopf wie etwas, das nicht dazu gehörte. Er war klein und gedrungen, hatte kurze, etwas krumme Beine und ebenso kurze Arme. Lucia wußte, daß sie nicht gewachsen war wie andere Leute; aber es hatte ihr bisher nicht viel Eindruck gemacht. Sie war von Bianchi und feinen Gästen dann und wann bewitzelt worden. Auch auf der Straße hatte sie jüngst einmal hinter sich zwei junge Burschen kichern gehört, sie sei wie eine wandernde Zwiebel; aber es hatte sie nicht weiter bemüht. Im Grunde waren auch alle Leute freundlich mit Ihr und besonders die Giorgina eine rechte Freundin. Und die Giorgina war doch ein Prachtsmädchen, obwohl sie so gern nach den Männern sah. Sie trug sich sehr ausgeputzt, weiße Strümpfe, weiße Schuhe, ein weißes Kleid, auf dem das röte Korallenkettlein am Halse wie Blutstropfen schimmerte. Sie rutschte immer auf ihrem Sitz; denn es lebte alles an ihr, aber jede Bewegung war voll angeborener Anmut. Sie hatte aschblondes Haar und weiche, etwas verschwommene Züge, deren Haut so glatt war, daß mein versucht wurde, mit dem Finger daran zu tupfen. Vor allem aber hatte fic die merkwürdigen Augen. Sie waren blaßblau, aber sie schienen fast blond wie das Haar und so merkwürdig samthast; man fühlte sich wie gestreichelt, wenn sie einen anschauten. „Jetzt sind wir bann da", jagte Giorgina ausseufzend. Die Zeit war ihr lang geworden, und sie war es müde, dem jungen Signore, der auf der Lank schräg gegenüber saß und sie seit einer Stunde angaffte, Augen zu machen. , „ Das Wort weckte Lucia. „Ja", gab sie zurück. Ihr Herz klopfte. Und plötzlich entfesselte sich die Flut ihrer Rede wieder. Ja, ja doch, dort sehe man ja schon Marogno. Die Kirche! Ob das nicht eine wundervolle Kirche sei für ein so kleines Dorf? Und die Brücke über die Moscia. Ob Giorgina sehe, wie sich das in hohem Bogen schwinge. Und dort, dort liege auch Marogno di Sopra zwischen den Kastanien. Giorgina lächelte. Sie wußte eigentlich nicht so recht, warum sie sich entschlossen, mit der kleinen Magd hierher zu kommen, und erroartete Nicht viel von ihrem Aufenthalt. Ein wenig reute sie die Fahri schon; denn es schien ihr gar zu still in der Gegend. Aber sie liebte Lucia, well sie anhänglich und dienstfertig und drollig war, weil man über sie lachen und sie verspotten konnte, ohne daß sie böse wurde, und dann hakte der Doktor Tognola, der mit ihrem Vater befreundet war, diesem geraten, sie in die Berge zu schicken, weil sie bleichsüchtig sei. „Die Nona ist etwas sonderbar, du mußt nicht erschrecken", sagte jetzt Lucia nach einem Augenblick plötzlichen und ängstlichen Ueberlcgens. Es schien ihr wichtig, Giorgina noch vorzubereiten, da die Lokomotive jetzt der Station Marogno entgegenpfiff. Gleich darauf hielt der Zug. Die beiden Mädchen fliegen aus. Sie schritten, die Giorgina im weißen Schlemmerfchuhwerk, die Lucia auf ihren klappernden Holzpan töffelchen die Straße entlang und über die schlanke, hohe Brücke. Die Lucia grüßte und erwiderte Grüße, die Ihr von ihnen begegnenden ober unter Haustüren stehenben Frauen geboten würben. Giorgina schaute etwas sremd umher. Männer waren nur ganz wenige sichtbar; benn aus Marogno zog über Sommer bie ganze männliche Bevölkerung als Maurer, Kastanienverkäufer ober Früchtehänbler in bie Stäbte bes Narbens hinaus. Bald lag bas Dorf hinter ihnen. Auf einem schmalen, ber Moscia zu Seiten durch Wiesen und Weinreben hinsührenden Sträßlein stiegen sie ÜDlarogno bi Sopra entgegen. Giorgina hob bie feine Nase; bie Ortschaft leuchtete ihr nicht recht ein. Sie lag wie ausgeftorben ba unb war mehr ein Steinhaufen benn ein Dorf. Alle Häuser waren klein, aus rohem, unverputztem Mauerwerk aufgerichtet, auch bie Dächer mit einer Art von bünnen Steinplatten be- beckt. Man sah kein Holzwerk, bas Wärme unb Wohnlichkeit gegeben hätte. Nur ein grüner Baum ba unb bort, ein Holunberftraiich brachten Abwechslung in bas nackte Grau ber Mauerhaufen. Beim Näherkommen bemerkte bann allerbings Giorgina, baß es hier ebenso wie in Bellenz kleine Höfe, versteckte Loggien unb winzige verwilberte Gärten gab, um beren Steinbaiustraben unb rohe Süulenpsosten sich Rosen schlangen, Rosen, bie üppig blühten, obgleich feine Hand sich um sie mühte. Die zwei Mädchen waren schweigend unb febes mit seinen Gebanken beschäftigt dahingegangen. Die Lucia trug nicht nur ihr Bünbel, fonbern auch noch ben schweren Handkoffer ber Giorgina. Niemanb regte sich im Orte. Kein Hund bellte. Nur ein weißes Huhn schlüpfte irgenbroo burch ein Gesträuch. Lucia stapste voraus in bie Dorfgasse, ihre Holzschuhe trommelten hell auf ben runben Steinen. Es war eng unb heiß in ber Straße und dunkel. Giorgina dachte, sie würde bald wieder Heimreisen. Aber bann tat ihr bie kleine Lucia leib, bie sichtlich stolz war, Heimzukommen. „Ecco", sagte Lucia jetzt und blieb, wo die Gasse am engsten war, vor einer Hausöffnung stehen, in der keine Tür hing unb die infolgedessen etwas Gähnendes und Kellerhaftes bekam. Giorgina unterschied aber, als sie in ben bunkien Gang traten, im Hiniergrunb eine versallenbe, ausgetretene Steintreppe. „Nona, guten Tag!" fang Lucia bie Treppe hinauf. Sie fang wirklich; benn sie war jetzt so glücklich, baß ihr ein bloßer Ruf nicht genügte. Nichts antwortete. Aber Lucia kannte bie Großmutter unb steuerte auf bie Küche zu. Auch hier nur ein Loch, keine Tür, und Rauchluft und schwarze Wände, so daß man zuerst nichts unterschied. „Buon giorno", wiederholte Lucia. Ein unverständliches Murmeln kam als Antwort zurück. Auf einem Tabourett in der Nähe des verfallenen Herdes faß eine mittelgroße, hagere Frau mit kohlschwarzem Haar, ebensolchen Augen unb einem runzlichcn Gesicht mit verbrossenem Ausbruck. Sie hatte ein schwarzes Kleid an, dessen Farbe ins Altersgrüne stach, unb schälte Kartoffeln. Lucia legte ihr Bünbel auf einen nahen Tisch, stellte ben Hanbkosfer zu Boden und sagte zu Giorgina: „Ecco la nona". Giorgina war freundlichen Wesens. Sie lachte also die Alte an und wünschte ihr guten Tag. Die Nona machte sich wieder hinter ihre Kartoffeln, schien sich mit Höflichkeit genug getan zu haben und füminerte sich nun weiter nicht um den Gast Sie sank in eine gewisse Dämmerigfeit des Geistes zurück, wie sie einen einsamen Menschen befallen mußte, der gleich ihr wochenlang nur mit ihren Hühnern zusammenlebte und kaum aus dem Hause kam. Um so mehr erwachte Lucia. Sie kannte die Großmutter und wußte, daß sie im Grunde gutmütig war. So gab sie sich restlos der Freude hin, die Giorgina da zu haben. Sie vergaß, daß sie sich gesorgt, es möchte der Gästin zu armselig im Hause jein und fing an zu plaudern und zu scherzen. Der Kaffee fei gerade so kalt, wie er beim Bianchi damals gewesen, als er nachher die dicke Giuseppina, die Köchin, beim Kragen genommen. Wenn den her Dotiere trinken müßte, der Advokat Peretiil Hier kam auch Giorgina ins Lachen; denn der junge Mann, den Lucia nannte, war ein Stammgast ihres Vaters und kam, wie es hieß, nicht nur seiner Getränke, sondern auch seiner Tochter wegen so oft. „Selbst Marco würde die Nase rümpfen", kicherte Lucia. MarcoI Giorgina fpißte die Ohren. Lucia hatte soviel von diesem wunderhaften Marco erzählt, und er war eigentlich ein wenig Mitursache gewesen, daß sie sich entschlossen hatte, jene zu begleiten. Männer interessierten sie nun einmal. „Wo ist Marco?" fragte jetzt Lucia die Nona. „Was weih ich?" gab diese zurück. Aber gleich darauf lachte sie lautlos und breit, so daß zwei große Zähne, die letzten ihres Mundes, sichtbar wurden. Dabei wunderte sie sich, was die Fremde sagen werde. Giorgina sah sich unwillkürlich nach der Ursache ihres Lachens um. Aber nun kicherte auch Lucia, schlenkerte ihre kurzen Beine und rieb ihre Händchen im Schoß; es war ihr unendlich fröhlich zumut. An der rußigen Türöffnung lehnte Marco, der Hirt, wie aus einer Versenkung aufgetaucht. Cr trug die Füße mit Fellen umwunden. Darum hatte er geräuschlos von der Gasse herausglc-iten können. Und er war von feiner Alpe herabgekommen, sobald cr den Zug nach Marogno hatte ein- sahren sehen; denn er wußte, daß Lucia heute eintraf und die Tochter ihres Padrone mitbrachte. Er war ein guter Freund der Lucia und als sie noch bei der Nona gewohnt, ihr steter Begleiter gewesen, hatte jeden Abend bei den Frauen gesessen und am Sonntag erst recht; denn sein Hund, der auch Marco hieß, war so klug und weidegewohnt, daß er ihm stundenlang die Hut der Schafe und Ziegen allein überlassen konnte. Sehr oft freilich hatte auch Lucia bei ihm auf der Alpe gesteckt. Jetzt freilich war er, ohne daß er das sich gerade gestand, nicht der Lucia wegen gekommen. Irgendwie war seine Neugier auf die Bianchi, die er nicht kannte, gerichtet. Es gab wenig Frauen dazuland, und fo war es ein Ereignis, wenn eine von auswärts kam. Er lehnte am Türpfosten, ein großer, schlanker Mensch mit dunklem, leicht gewelltem Haar, einem vollen, hübschen, etwas sinnlichen Mund und einem Paar scharfer blauer Augen, die mit einem fast stechenden Glanze aus feinem braunen Gesicht hervorleuchteten. Als Lucia, ihn bemerkend, ihr Kichern aufschlug, verzog er den Mund zu einem faulen Lächeln. „Come stai" (wie geht es dir?) fragte er die kleine Kameradin. Es fiel ihm auf, daß die Lucia eigentlich ein Gesicht wie eine schöne Heilige habe. Er blinkte ihr mit den Augen zu und freute sich, daß sie wieder da war. Ader dann ließ er seinen Blick über die Giorgina hinspazieren, vom blonden Kopf an, von dem sie den Hut genommen, über die losen, weichen Glieder hinunter bis an das schlanke Bein. „Per Dio", sagte er. Wieder lachte Lucia und lebte den Triumph der Giorgina mit, die dem Marco so sichtlich gefiel. Sie hatte es übrigens nicht anders erwartet, ebenso wie sie gewiß war, daß auch die Giorgina den Marco als die Wichtigkeit von Marogno werten werde. „Guten Tag", sagte sie jetzt zu dem Hirten und hüpfte von ihrem Stuhl. Mit zwei Schritten war sie bei ihm, umklammerte seinen Arm mit ihren kleinen Händen und schmiegte sich ohne Umstände an ihn. Sie hatte nie über ihr Verhältnis zu Marco nachgedacht. Er hatte sie gelehrt Karten zu spielen und Mora und aus Kastanien allerlei Gegenstände zu schneiden. Und er hatte sie geküßt und — er war eben Marco; er gehörte ihr wie die Nona ober Marogno bi Sopra ober ihr eigenes Leben. „Da ist Giorgina Bianchi", sagte sie nicht ohne Stolz. Die Giorgina stand mit Lässigkeit einer Königin auf. Ihre Augen waren sanft über Marco hingeglitten, wie ein Samtbürstchen über einen seinen Hut, und sie streckte ihm mit einer langsamen und zögernden Gebärde die Hand hin. Halb faul, halb zurückhaltend kam die braune Pratze Marcos ihr entgegen. Die Hände legten sich ineinander und verlängerten gleichsam spielend den Druck. Dabei lachten sie einander an. Ein jedes fühlte, daß das andere es erwartet hatte. Lucia bemerkte, wie sie voneinander benommen waren. Sie wollte noch stolz fein, aber ihr Herz krampfte sich leise zusammen; sie kam sich ein wenig vergessen vor. „Willst du Kaffee?" fragte sie Marco. Er kam heran, setzte sich mit breit aufgestemmten Ellbogen an den Tisch und sing an, aus der Tasse zu schlürfen, die Lucia ihm gefüllt hatte. Giorgina fragte ihn, wo er seine Herde habe. Da begann er von Hund und Herdvieh zu erzählen und bald war eine Unterhaltung im Gang. Die Nona sah von ihrer Arbeit weg auf die Gruppe. Dabei kam ihr die Freude über den Besuch der Bianchi abhanden. Sie dachte, ohne sich Rechenschaft zu geben weshalb, jene wäre bester daheim geblieben. Und weil Lucia sie mitgebracht hatte, fuhr sie diese unwirsch an, ob sie den Koffer der Padrona nie ins Zimmer hinauftragen wolle. Aber im Grunde entsprang ihr Aerger der Liebe zur Enkelin. (Fortsetzung folgt.) Orient und Okzident. Bon D. Hans Schmidt, o. Professor der Theologie an der Universität Halle. In dem Buche „Lieu-tn-tsi-king", in dem der im Jahre 280 n. Ehr. Geburt verstorbene Seng-Huei eine Sammlung indischer Märchen in eine chinesische Muttersprache übertragen hat, findet sich folgende Erzählung: „Einem König, der einen bösen Lebenswandel führte, siel eines -vages ein, daß er bei seinem Tode in das Große Gebirge eingehen werde, und er überlegte bei sich selbst: .Warum soll ich nicht Gold sammeln, um es dem König des Großen Gebirges zu verehren?' Darum nahm er seinem Volke alles Gold weg und ließ bekanntmachen, wer auch nur ein Körnlein Gold zurückbehalte, werde mit dem Tode bestraft werden. Nach drei Jahren ließ er ausrufen, er werde seine Tochter und eine hohe Würde dem geben, der ihm ein ganz wenig Gold bringe. Da sagte der junge Bodhisattwa, ein Anhänger der Lehre des Buddha, zu seiner Mutter: .Vor Jahr und Tag hast du meinem Vater, als er gestorben war, ein Goldstück in den Mund gelegt, damit er sich durch dieses Geschenk die Huld des Königs des Großen Gebirges gewinne. Dieses Goldstück muß noch da [ein; man muß es holen und es dem König anbieten.' Die Mutter willigte ein, und der Jüngling tat, wie er gesagt hatte. Der König fragte ihn nach der Herkunft des Goldstückes, und er erzählte ihm alles. Da fragte ihn der König: .Seit wann ist dein Vater tot?' .Seit elf Jahren!'" Der Jüngling benutzt dieses Gespräch, dem König die Lehre der heiligen Bücher des Buddhismus einzuschärfen: „Wer das Gute tut, den geleitet das Glück! Wer das Böse tut, dem folgt das Unglück! Glück und Unglück sind wie der Schatten und der Widerhall: Wollte man feinen Leib laufen lasten, um dem Schatten zu entrinnen — wollte man feine Hand" an den Berg legen, um den Widerhall zu stillen — würde das je gelingen?" Der Jtönig sieht ein, wie böse fein Lebenswandel gewesen ist, „er begnadigt alle Gefangenen und gibt das gesamte Gold, das er geraubt hat, zurück". Neben diese'Erzählung stellt der Märchensorscher Albert W e s s e l s ft in einer Studie, die er in der tschechischen Zeitschrift „Archiv orientälni" im März 1929 veröffentlicht hat, eine mittelalterliche Erzählung aus Sizilien: m . „König Wilhelm der Böse (1154—1166) hatte alles gemünzte Gold und Silber eingezogen und dafür Geld aus Leder ausgegeben. Um sich nun desten zu vergewissern, daß tatsächlich alles abgeführt worden fei, lieh er in den Straßen der Stadt Palermo einen Zelter umherführen und dazu ausrufen, daß das Pferd für ein Goldstück feil fei. Ein junger Prinz verlangte von seiner Mutter ein Goldstück, und sie schickte ihn, da sie kein Goldstück mehr besaß, zu den Kapuzinern: dort sei sein Vater begraben. Er sollte ihm das Goldstück aus dem Munde nehmen, das man ihm seinerzeit — einem damals noch geltenden Brauche folgend — in den Mund gelegt habe. Verhaftet und um die Herkunft des Goldstücks befragt, erzählte der Jüngling die Wahrheit. Nun lieh der König allen bei den Kapuzinern Begrabenen das Gold nehmen." Welch eine seltsame Aehnlichkeit ist doch zwischen diesen beiden Märchen von zwei entgegengefetzten Enden der Erde, aus der Ueberliefe- rung von Völkern, die in ihrer Kultur von Grund aus verschieden, ohne alle nachweisbare nähere Berührung untereinander nicht einmal ihre Sprache gegenseitig verstanden haben würden, wenn sie zu der Zeit der NiederschriO der- einen dieser Erzählungen (der indisch-chinesischen im dritten Jahrhundert) ober der andern (der sizilianischen im Mittelalter) in Austausch hätten treten wollen. Wo ist die Brücke zwischen beiden? Wer ist der Vermittler, der das Geistesgut dieser Geschichte vom äußersten Orient an die Gestade der italienischen Insel gebracht hat? Eine Antwort auf diese Frage, die Wesselski stellt und die sich jedem, der die Erzählungen hört, aufdrängen wird, vermag eine Erzählung zu geben, die ich vor zwanzig Jahren in einem Bauerndorfe in Palästina von einem arabischen Bauern gehört habe. Ich hatte mich mit einem im Syrischen Waisenhaufe, dem berühmten deutschen Wohlfahrtswerk in Jerufalem, erzogenen Araber in sein Heimatdorf begeben. Wir saßen Abend für Abend auf dem Fußboden arabischer Bauernhütten und lauschten den Märchen, Sagen und Erzählungen unserer Gastfreunde*. Dabei erzählte einer das Folgende: wie der Sultan die Wahrheit erfuhr. „Ein Sultan befahl, es sollte bei keinem seiner Untertanen auch nur ein einziger Pfennig übrigbleiben. Er schickte die Pferde aus und die Reiter und begann zu famemln drei Jahre nacheinander, big er das Land ausgefogen hatte. Dann rief er noch einen Ausrufer herbei, gab ihm eine [einer Nebenfrauen und sagte zu ihm: .Biete diese Nebenfrau aus um eine Lira: Wenn sie einer kaust, fo gibt es noch Gold in der Welt!' Der fing an, das Mädchen auszubieten, aber niemand war imstande, sie zu kaufen. Da war ein junger Mann; als der sie sah, wäre er beinahe um sie gestorben. Er sprach zu seiner Mutter: .Ich will sie haben, kaufe fiel' Sie sprach: .Mein Sohn, woher soll ich das Geld nehmen?' Er fprach: ,Du muht sie mir kaufen!' Sie dachte nach und sagte: .Als dein Vater starb, war in seinem Munde ein Goldstück. Grabe ihn aus und hole es heraus.' Er ging hin, grub das Grab feines Vaters auf, fand das Goldstück, nahm es für den Ausrufer heraus und kaufte damit die Nebenfrau. Der Ausrufer kehrte zu dem Sultan zurück ohne sie. Der jagte: ,Da wird noch mehr Gold fein!' Er sandte Reiter aus, sie zogen in den Ortschaften umher, konnten aber auch nicht einen Pfennig auftreiben. Der Wesir sagte zu dem Sultan: .Wir wollen frische Lust schöpfen!' Sie gingen auf die Spitze eines Hügels, da raunten zwei Eulen mit» * Die Erzählungen find (arabisch und deutsch) in zwei Bänden bei Ruprecht in Göttingen erschienen unter dem Titel: „Volkserzählungen aus Palästina, gesammelt bei den Bauern von Bir-Zet." Herausgegeben von Hans Schmidt und Paul Kahle. einander. Der Sultan sprach: ,Was sagen |ie?‘ Der Wesir erwiderte: ,Die eine sagt zu der andern: Gib mir deine Tochter für meinen Sohnl Die andre antwortete ihr: Ich gebe if)n_ dir nur um die dreihundert Ruinen von den Ländereien, die der Sultan zerstört hat/ Da gingen die beiden (der Sultan und sein Wesir) heim, und er sandte den Ausrufer aus: ,Der Sultan ist bereit, die Ländereien zu bebauen: wer imstande ist, zu schirren und zu zäumen, der komme urn- [onftl* Die Leute kamen herbei, erhielten Geld, schirrten an und bebauten die Ländereien." Ist diese arabische Bauernerzählung nicht wirklich ein Bruder der in chinesischer Uebersetzung erhaltenen indischen wie der sizilianischen? Alles stimmt in ihr, besonders mit der indischen Erzählung überein: Der tyrannische Fürst, der „seinem Volke das Gold wegnimmt" und, um das Letzte auszufinden, ein schönes Weib (in Indien ist es seine Tochter, in Arabien eine Nebensrau) sür Gold durch einen Ausrufer feilbietet. Der verliebte Jüngling, die Mutter, die zu raten weiß, das Gold im Munde des längst begrabenen Vaters, — ja schließlich sogar dies, daß die Erzählung in eine Lehre ausmündet, die dem König gegeben wird, und daß er sich anschickt, den Schaden, den er früher angerichtet hat, wieder gutzumachen. In der Tat, deutlicher kann eigentlich Abhängigkeit einer Erzählung von der andern nicht zutage treten 1 Die westliche Form der Erzählung, die sizilianische ist schon in einem Zuge verändert: Statt des Mädchens wird „ein Zelter" ausgeboten. Zweifellos ist das keine Verbesserung: der Jüngling, der „fast vor Liebe stirbt", ist wahrscheinlicher als der sizilianische Prinz, der ein Pferd besitzen will. Man sieht aus solchem Beispiel, wie eng und wie geheimnisvoll die Völker über Länder und Meere hinweg und auch über alle Grenzen der Rassen und Kulturen miteinander verbunden sind. Und nichts ist dabei so aus einer Hand in die andre gegangen, wie gerade die Erzählungen. Cs ist ja auch heute noch so. Was wissen wir denn etwa von Rußland? Erzählungen von Tolstoi, von Gorki, von Dostojewski — die sind es, die uns mit Rußland verbinden. uns mit dem Volk des fremden Landes verbinden. Dabei zeigt unser Beispiel, wie wenig in solcher Frage der Ueber- lieferung die Zeit bedeutet: die indische Erzählung aus der alten, die sizilianische aus der mittelalterlichen und die arabische aus der gegen« bärtigen Zeit gehören zusammen. Es ist eine poesievolle Vorstellung von Austausch und Einheit und Verbundenheit die damit vor uns aufsteht. Rudolf G. Binding. Von Dr. Carl Walbrach, Gießen. „Du weißt, mein Freund, daß ich meine Zeit, trotz aller ihrer Scheußlichkeiten, allen anderen Zeiten vorziehe ... Vielleicht ist es nicht gerade beneidenswert in ihr zu leben. Aber es liegt auch ein besonderer Reiz darin, den Kampf zu bestehen. „Den Kamps?" fragst du. Ja. Denn ich halte davon, daß einer der gigantischsten Kämpfe zweier Mächte — vielleicht auch anderswo — sicher zumal in unserem Volk sich abspiele und von jedem einzelnen zu bestehen ist ... Denn nicht um Macht, Erfolg, politische oder wirtschaftliche Größe geht der Kampf, sondern darum, ob unser Volk, ja die Welt, genug ethische Kräfte aufzubringen vermag, um sich dem Sturz in eine Lebensauffassung entgegenzustemmen, die keine Seren Werte kennt als die Wirtschaftlichkeit der Dinge: vor welcher ctschaftlichkeit selbst die (ehemalige) „verdammte Pflicht und Schuldigkeit" der Menschen die Segel zu streichen hätte ... Wenn ich sage, ich erwarte jenes Hinaustragen des Sieges vom deutschen Volk, so ist es nicht deshalb, weil ich dieses Volk für besonders bevorzugt Halte, sondern weil ich irgendwo, wankenden ethischen Grundlagen zum Trotz, in diesem Volk im Vergleich zu anderen die größere Jugendlichkeit verspüre. Unser aller Sehnsucht bürgt mir dafür. Ich mag mich täuschen. Wie dem auch sei All Geschick ist heilig, fromm betrachtet. Dunkel von Geburt gehn große Nächte. Hauptgebeugt, verendet fast, geächtet. Sind wir schon zu neuem Tag umnachiet." ♦ Das Beste, was Binding zu geben habe — hat ein Kritiker von ihm gesagt — das Beste auch i n seinen Büchern und besser als seine Weltanschauung, fei feine aufrichtige männliche, fchicksalgefaßte Persönlichkeit. Ein Ausspruch, der an ein Wort Schillers erinnert: „Den Schriftsteller überhüpft die Nachwelt, der nicht mehr war als sein Werk." Das heißt: es gibt fein echtes Kunstwerk in und hinter dem man nicht den Menschen fühlt, der es schuf. Wenn dieses Wort wahr ist — und niemand wird daran zweifeln beim Blick auf die Dichter unserer Vergangenheit einerseits und die Bücherflut der heutigen Tagesschriftsteller anderseits — dann wird Binding zu denen gehören, die nicht „überhüpft" werden. Zwar — er selber rechnet sich nur zu den Mittelmäßigen. Und als einmal ein in der Literatur bekannter Mann allzu lebhaft dafür eintrat, es muffe eine „Notgemeinschaft der deutschen Literatur" geben, da die Schriftsteller weder von den zuständigen Behörden noch vom Publikum die nötige Unterstützung fänden, erklärte Binding, ein künstliches Am- Leben-erhalten minderer Kräfte billige er nicht: was nicht so gut sei, sich irgendwann durchzusetzen, sei bloß wert unterzugehen, obwohl er selber dann zu diesen Untergehenden gehören werde. So ist es aber doch wohl nicht. Und zwar weil Binding Schillers Forderung entspricht, als Mensch und Persönlichkeit mehr zu sein denn als Dichter. Das erhellt am deutlichsten und unmittelbarsten aus seinen Büchern „Erlebtes Leben" und „Aus dem Kriege". Beide sind, wie überhaupt alles, was er geschrieben, unsensationelle, man möchte sagen: männliche Schriften, die ein Stück der deutschen Geschichte und Kultur widerspiegeln. „Erlebtes Leben" ist ein echt deutsches Buch, das fast unpersönlich ist, weil Bindings Schicksal sich mit dem deutschen Schicksal deckt, weshalb er sagen darf, fein Leben stehe für viele. Er erkannte früher als mancher andere, daß die Deutschen jener Vorkriegszeit mit ihrem „tun, als — ob" auf einem falschen Weg waren. Er vermachte das vielleicht eher, weil er nicht durch seinen Beruf in einen engen Kreis gebunden war, weil er Ne Heimat oft aus der Fremde sah und nicht nur in unserer Kultur bewandert ist. Daher auch wohl seine Neigung zu den Engländern, die schon einen Carl Hillebrand durch ihr Gleichmaß zwischen geistiger und körperlicher Ausbildung an die griechischen Vorbilder erinnerten. Binding hat die recht seltene Gabe, Dinge und Ereignisse, von denen er nicht berührt fein will, fern zu halten und an sich vorübergleiten zu lassen. Das tat er mit dem deutschen öffentlichen Leden bis zum Sommer 1914. Da meldete er sich, 47jährig, als Freiwilliger und gab sich dem Krieg hin wie nur wenige, als einer, der — fest und sicher im wirklichen Leben stehend — ihn innerlich erlebte. Deshalb hat er ein Recht, über den Krieg etwas auszusagen. Binding hak sein Schicksal als Reiteroffizier hingenommen als etwas Selbstverständliches. Er reitet „auf dem Rücken der Zeit" — läßt sich nicht im Gewühl mittreiben, weil er immer Abstand von den Dingen bewahrt. So kann er auch von dem Kriegsbuch sagen: „Nicht ich habe es geschrieben — es hat sich selber geschrieben." Eindrücke, wie sie der Tag und die Stunde gaben, sind hier aus Briefen und Tagebuchblättern zusammengestellt. Es ist bis heute eigentlich das einzige Buch, das unmittelbar aus dem Unterstand, vom Pferd herab, zu uns spricht, und kann im Bücherschrank nur etwa mit Otto Brauns „Nachgelassenen Schriften eines Frühvollendeten" zusammenftehen, nie aber mit dichterischen Bearbeitungen wie Unruhs „Opfergang" oder Carossas „Rumänischem Tagebuch" verglichen oder der erzählenden Kriegsliteratur von Renn, Remarque oder anderen zugerechnet werden. Denn gerade darauf beruht fein vielleicht erst von einer späteren Zeit richtig gewürdigter Hauptwert, daß es keine nachträglich bearbeitete, dichterische Darstellung ist wie Bindings Novellen „Unsterblichkeit" und „Wingult" ober auch seine Gedichte aus dem Feld. Es enthält vielmehr Ouellenmaterial zum Erleben des Krieges. Weil Binding — nicht um die Leser zu unterhalten — einfach sagt, was er erlebt hat, fühlt man seine Persönlichkeit hinter allen seinen Werken, die dadurch eine Zusammengehörigkeit, eine innere Einheit erweisen. Das gilt naturgemäß von den beiden erwähnten Büchern, aber auch, um nur dies eine noch zu nennen, von der Legende von „Sankt Georgs Stellvertreter". Dieser Rittmeister, der, als der Tod ihm sein Ende ankündigt, alle Kraft aufbietet, ohne Beichte und also nicht als „armer Sünder" vor seinen Gott zu treten — von dem der Tod bei seiner Unterhaltung mit St. Georg an der Himmelspforte gesagt hatte: „Glaube nicht, daß ihn jemand je klein kriegen würde, ober daß er feinen Nacken beugen würde, es fei denn, er stände vor Gottes Thron und sähe ihn von Angesicht zu Angesicht" — dieser ritterlichen Gestalt scheint nur Binding selber wesentliche Züge geliehen zu haben, wie sie auch sonst z. B. in dem Fliegeroffizier in „Unsterblichkeit" zu finden sind. So darf man sagen: Binding ist mehr als sein Werk, das bald in dieser, bald in jener Gestalt ein Stück seines Wesens spiegelt. Es ist nicht einfach, Bindings Wesen zu fassen, man kann wohl nur — wenigstens in diesem engen Rahmen — den einen großen Zug festlegen, der durch fein Leben zieht und von den gefährlichen Hammer- kämpfen seiner Knabentage bis zum Erleben des Krieges und bis heute reicht. Es ist das Gentleman-Ideal, „das wunderbare geheime Rittertum unserer Zeit, dem die Besten Gefolgschaft leisten", für das aber unsere Zeit, die so allmählich alle Formen glaubt abtun zu können, wenig Verständnis hat — als ob es Kultur ohne Form geben könne! Der Gentleman Bindings — er erinnert mich an den Prinzen Louis Ferdinand, den der General von Clausewitz in feiner Charakteristik der Heerführer des Jahres 1806 „den preußischen Alkibiades" nennt — wird in „Erlebtes Leben" von Eduard VII. während der Unterhaltung mit Alkibiades folgendermaßen gekennzeichnet: „Er ist sachlich, unsentimental, unverdrossen, immer bereit, wie eine geschliffene Klinge. Er tut nicht, als ob und nennt die Dinge beim richtigen Namen. Er ist ehrlich und wahrt seinen Vorteil. Er ist nie laut und ist in allen Lebenslagen frisch rasiert und richtig angezogen. Er macht kein Aufhebens von sich, aber er wirft sich nicht weg und gibt sich nie auf. Er genügt sich ... Vielleicht ist er die höchste Form des Daseins." Im ersten Augenblick mag es scheinen, als seien bas boch im wesentlichen bloß äußere Dinge. Daß. dem nicht so ist, wird man bald erkennen. Der von Binding aus dem Englischen ins Allgemeine ober besser Deutsche herüber — und hinaufgetragene Gentleman ist „Der Kavalier" schlechthin, der nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich echt ritterlich gesinnte Mensch. Freilich, Dinge wie Patriotismus oder Christentum wird man vergeblich in der Definition suchen. Ein Patriot wie sie heute nicht feiten sind: die von Vaterlandsliebe reden und habet an ihre kleinen Geschäfte denken, ist Binding nicht, auch zählt er nicht zu den Kirchen-Christen. Wenn ich aber hier aus seiner Sammlung „Rufe und Reden" noch ein Wort anführe, so dürfte das genügen, um zu zeigen, daß Binding nicht a 11 es gesagt hat in der Gentleman-Charakteristik, was einzubegreifen ist. „Es ist fast, als ob wir von ethischen Kräften, von Recht und Sitte, Ehre und Wehrhaftigkeit, Stolz, Freiheit und Größe, Inbrunst und Frömmigkeit im Menschen nichts mehr müßten; so sehr spielen des Leibes Notdurft, Ne seltsam ängstlichen Wünsche nach Zusammenschluß und Zusammenlegung äußerer Kräfte, Gefühle sozialer und politischer Nützlichkeit ihre tägliche, aufdringliche Rolle." Wie Dürers Ritter scheut Binding weder Tod noch Teufel,'er bietet, in welcher Lebenslage es auch sei, dem Schicksal die Stirn und stellt sich ihm zum Kampfe. Er will stets auf sich selber stehen und bedarf keiner Gnade, keiner Erlösung. Es gebe eine Höhere Religion als den Glauben an Gott: „Das ist der Glaube an den Menschen." Er lehnt die christliche Religion der Liebe ab, weil er der Ueberjeugung ist, man dürfe wohl an sich selber, aber nicht an andere Menschen Forderungen stellen, die das Innenleben betreffen. Das fei das höchstpersönliche Gebiet jedes einzelnen, auf dem er mit sich allein die Kämpfe auszusechten habe. Die christliche Forderung: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, kann Binding demnach nicht anerkennen, denn: „Siebe den Menschen gepredigt, Liebe geboren aus Willen ist tot ... Wo Liebe sein wird, bedarf es des Wortes nicht: wo keine sein wird —: aller Wille der Welt wird keine gebären" Mit dem Christentum irgend einer Kirche hat er nichts zu tun; [ein Gott tarn nicht der des Kirchen-Christentums [ein. Und doch: „(iinfam lagen wir da In der Not der Schlacht; wir wußten, daß jeder einsam war. Aber wir wußten auch dies: Einmal vor Unerbittlichem stehn, wo Gebete entrechtet Gewinsel zu Gott lächerlich ist, wo keines Mutter sich nach uns umsieht, kein Weib unfern Weg kreuzt, wo alles ohne Liebe ist, wo nur die Wirklichkeit herrscht grausig und groß, olches macht sicher und stolz. Unvergeßlich und tiefer rührt es ans Herz des Menschen als alle Liebe der Welt. Und wir fühlten: dies war das Maß." Wer kann sagen, daß ein Mann, der das niederschreiben konnte, ohne Religion sei? Es ist nur eben nicht die Religion im Sinne der christlichen Lehre. „Ich wollte nicht glauben", schrieb er über die Wirren der Revolutionstage, „daß ein Gott aus der Welt weiche, wenn er sich nicht mehr zu der Gestalt bekennt, die ihm Menschen frommen Wahnes in anderen Jahrtausenden gaben. Er war von neuem verhüllt: ins Größere, Un-menschliche gesetzt, wie Göttern ziemt. Ich betete nicht zu ihm, denn ich wollte ihn nicht so klein, daß ihm menschliches Work etwas gelte, und ward doch seiner froh und will es mit ihm halten, um feiner Unerforfch- lichkeit willen. Er hat es nicht nötig, sich nur zu manifestieren." — Ob übrigens Binding nicht auch einmal das „Stirb und Werde" Goethes, der ja auch kein Kirchenchrist gewesen ist, erlebt hat — diese Frage müssen wir heute noch offen lassen. Jahrzehntelang stand er im Schatten seines großen Vaters. Ms Knabe richtete er einen „Ehrenkoder" auf, „der schon damals und In höherem, wahrhaft verhängnisvollem Grade bis in meine Mannesjahre etwa verlangte, niemals eine Frage an ihn zu richten, die ich mir am Ende selber beantworten konnte ... ferner aber als Selbstverständlichkeit und Ehrenpflicht — Gefühle zu verschweigen." So wurde sein Vater der eine seiner großen Lehrmeister; der andere war das Pserd. Deshalb konnte er ein Büchlein vom Pferd schreiben, das er „Reitvorschrist für eine Geliebte" nennt. „Dem Geist der Schwere" sollst du feind fein. Das macht dich dem Pferde leicht. Wenn dein Herz leicht ist, ist es auch deine Hand. Wenn dein Herz leicht ist, treibt es dich vorwärts. Die Schwermütigen, Schwerbeherzten treibt nichts vorwärts. Vorwärts aber ist alles!" Der Sechzigjährige, der fein Leben lang in das Pferd hineingehorcht und feine Seele herausgefühlt hat, gehört zw denen, die nicht alt werden, die immer jung bleiben. Erst vor wenig mehr als 20 Jahren ist er nach schwerer Krankheit als Dichter, als Künstler erwacht. Und was man an Hans Carosta rühmt, mit dem er überhaupt eine gewisse Aehnlichkeit zu haben scheint, daß er „sich abzuwarten weiß und den stillen Prozeß der Reife nicht durch über- eilige Ernten je gekürzt oder gestört hat", das gilt auch für Binding, der dieselbe innere Gehaltenheit beweist. Seine „Lebensdiagonale", in der er — kein Freund des „ich" ■— in der unpersönlichen dritten Person den Gang seines Lebens kurz schildert, schließt er mit den Worten: „Er bekennt sich dazu, daß er seine Zeit und sein Land allen anderen Zeiten und Ländern vorzieht, in die er hätte hineingeboren werden können. Nicht weil er seine Zeit und fein Land für besonders bevorzugt hält, sondern weil sie ihn mehr angehen als andere Zeiten und Länder, weil er sie besser kennt, weil er sie tiefer und inniger liebt." Oie Llhr im Kopf. Experimente übet das Zeitbewußtsein. Von Dr. Th. 21. Maaß. Erwacht ein Mensch aus unbekannt langer tiefer Bewußtlosigkeit, so erkennt er, sobald er wieder Herr seiner „Sinne" geworden, ob es um ihn herum hell ober dunkel, warm oder kalt ist. Unterscheidet Art und Stärke von Geräuschen, Form und Farbe von Gegenständen. Er empfindet, lokalisiert und bewertet Berührung und Schmerz, ist aber vollkommen im unklaren darüber, wie lange sein Wachbewußtsein ausgeschaltet war, welcher Tag, welche Stunde im Augenblick fein mag. Danach scheint für den wichtigsten Regler alles Geschehens, die Zeit, die in modernster physikalischer Austastung die vierte Dimension des Raumes bildet, die direkte sinnliche Wahrnehmung zu fehlen. Der künstliche Zeitmesser, die Uhr, wäre also auch für diejenigen, die noch nicht dem durch Sportbetrieb und Rationalisierung geheiligten Kult des Sekundenbruchteils verfallen find, der einzige rettende Wegweiser im Labyrinth der Zeit. Sie dient nicht dazu, eine vorhandene Sinneswahrnehmung zu verstärken, sondern eine mangelnde zu ersetzen. Das Fehlen eines eigenen Zeitfinns wird auch dadurch nicht widerlegt, daß wir innerhalb eines normalen Tageslaufs eine ungefähre Orientierung über den Zeitpunkt haben. Diese kann durch andersgeartete körperliche Empsindungen und durch gedankliche Kombinationen vermittelt sein. Jeder weiß, wie intensive Arbeit aber amüsante Unterhaltung die Schätzung des Zeitablaufs verkürzt, wie Langeweile, ober besonders Wartenmüssen, dem Gefühl Minuten zu Stunden dehnt. Neben seelischen Momenten find es auch rein körperliche, die die Zeitschätzung aufs ärgste fälschen. Der Rhythmus einer in bestimmten Abständen auszusiihrenden Bewegung wird z. B. sofort befchleunigt, wenn die Körpertemperatur der Versuchsperson durch elektrische Durchwärmung (Diathermie) gesteigert wird. Neben diesen fehler- reichen übertragenden und kombinierenden Zeitschätmngen liehen aber die Angaben vieler, von innen heraus stets aufs genaueste die Zeit empfinben, jede Uhr nach dem Gefühl richtig stellen, zu jeder gewünschten Minute aus dem Schlaf erwachen zu können. Ist diesen Angaben zu trauen, ober sind sie nur ein Produkt aus Selbsttäuschung, Zufall und Renommage? Diese bedeutsame Frage, deren Lösung über Sein oder Nichtsein eines besonderen Zeitsinns entscheidet, konnte nicht durch Einzelbeobachtungen, sondern nur durch systematische 'Versuchsreihen, wie sie von W. Winslow Hall, Edinburgh, und Frobenius, Heidelberg, angestellt wurden, entschieden werden. Durch diese ist das Bestehen einer selbständigen sinnlichen Zeitpunktwahrnehmung — wenigstens bet einzelnen Personen — vollkommen sichergestellt. So wurden Versuchsperso- ncn im Wachzustand vor die Ausgabe gestellt, zu irgendeinem beliebigen Zeitpunkt auf Befragen anzugeben, wie spät es genau wäre? Die Antwort mußte das eine Mal ohne Ueberlegung, wie aus der Pistole geschossen, gegeben werden. Das andere Mal wurde eine abwechselnd lange Zeit des Nachdenkens gestattet, im dritten sollte die Zeitschätzung auf Grund von Kombination erfolgen und schließlich noch dadurch, daß der Befragte versuchen mußte, sich bildlich das Zifferblatt und den Zeigerstand auf der (unsichtbaren) Uhr des Fragestellers, deren Gang von dem sichtbarer Standuhren abwich, vorzustellen. Bei diesem Zeitraten waren die Resultate erstaunlich genau: Von den vier Versuchspersonen wurde, unter günstigen Bedingungen, die Zeit bis zu 45 von 100 mal auf die Minute exakt, bis zu 94 von 100 mit einem Fehler von höchstens drei Minuten angegeben. Wobei sich zeigte, daß die besten Antworten bei prompter Angabe nach recht kurzer Bedenkzeit unter intensiver Vorstellung des Zifferblattes zustande kamen, die schlechtesten bann, wenn Kombination und Schlußfolgerung herangezogen wurden. Diese Resultate sprechen ohne weiteres für das Bestehen einer echten Zeitpunkt-Empfindung. Die Aehnlichkeit mit anderen differenzierenden sinnlichen Wahrnehmungen wird noch dadurch verstärkt, daß sich die Schärfe der Zeitwahrnehmung, ebenso wie diese, durch Uebung, durch Training, erhöhen, durch Ermüdung abschwächen läßt. Tiefer in den Mechanismus und an den Ort des Zeitempfindens bringen Versuche, bei benen sich bie Beobachter bie Aufgabe stellten, plötzlich zu einem bestimmten Zeitpunkt, mitten währenb anbersartiger Beschäftigung, von innen heraus zu einer Wahrnehmung und Feststellung ber genauen Zeit aufgerufen zu werben. Das Gelingen dieser Versuche beweist, daß bei ber Zeitwahrnehmung bas Unterbewuhtsein eine bedeutsame Rolle spielt. Während nämlich das Oberbewußtjein anbersartig beschäftigt war, mußte biefcs, besten herrschenbe Rolle in allem seelischen Geschehen Freuds geniales Lebenswerk bargetan hat, unabhängig ben Zeitverlauf registrieren und seinen Stand im genau richtigen Augenblick und mit genügender Eindringlichkeit dem Oberbewußtsein zurufen. Auch hier wurden die besten Resultate bann erzielt, wenn ber Versuchsperson im gegebenen Moment eine Vision bes Zifferblattes vorschwebte. Noch beutlicher wirb bas Bestehen eines jelbftänbigen, im Unter« bewußtsein verankerten Zeitsinns durch gewisse, während ber Periode des Schlafs vorgenommene Untersuchungen gezeigt. Hier ruht die bewußte Gebankentätigkeit, bas Unterbewußtsein aber, der ständigen Kontrolle durch diese entzogen, entfaltet eine besonders ungehemmte Tätigkeit (Träume). Die allgemeine Sinneswahrnehmung erleidet eine Herabsetzung, jedoch keine Ausschaltung: Geräusche, schwächste Gefühlseindrücke, Licht ober Temperaturreiz, seltsamerweise nicht Geruchsempfindungen, werden unbewußt, sinnlich wahrgenommen und genügen, ben Schlaf zu unterbrechen. Danach müßte auch eine Reizung bes Zeitsinns, sofern ein solcher besteht, genügen, als Weckruf zu wirken. Eine solche Reizung läßt sich hur burch Willen ober Einbildungskraft herbeiführen: Die Ver- suchspersonen mußten sich wach auf die Aufgabe stellen, zu einer bestimmten Uhrzeit ober in einer bestimmten Zeitspanne nach bem Einschlafen sich von ihrer „inneren Uhr" wecken zu lassen. Vielen, wie schon gesagt, wirb es überflüssig erscheinen, biese Möglichkeit erst durch Versuchsergebnisse zu beweisen. Ihnen erscheint es selbst- verstänblich unb feststehenb, nicht nur für alle Tage zum üblichen, richtigen Moment, fonbern auch in besonderen Fällen zum verlangten, ganz ungewöhnlichen Zeitpunkt aufwachen zu können. Solchen Selbstbeobachtungen fehlt aber viel von der Sicherheit, die eine bedeutungsvolle, psychologische Feststellung verlangt. So ist z. B. bei dem Aufwachenkönnen zum bestimmten, ungewohnten Zeitpunkt nie gesagt, ob dieses wirklich erstmalig unb ausschließlich auf ein vom Unterbewußtsein gegebenes Wecksignal erfolgte, ober ob es nur eine von vielen Schlafunterbrechungen war, beren Ursache in Nervosität und Angst begründet ist, ben richtigen Moment bes Aufwachenmüssens zu verschlafen. Solche Momente fallen in ben Heidelberger Versuchen vollkommen weg, bie an fünf guten, normalen Schläfern burch 250 Nächte vorgenom- men würben. Diesen war bie Aufgabe gestellt, zu einer ganz bestimmten Uhrzeit aufzuwachen, sie zu notieren, unb bann ruhig weiter zu schlafen. Der Ausfall bes Experiments war ebenso cinbeutig wie uerblüffenb: Das Erwachen fiel in einem so außerorbentlich hohen Prozentsatz aller Versuche, bas ben Einwand der Zufälligkeit vollkommen ausschaltei, in die kurze Zeitspanne von fünf Minuten vor bem bestimmten Zeitpunkt bis zu biesem selbst. Sogar bie beabsichtigte Irreführung burch eine ohne Wissen der Versuchsperson auf falsches Schlagen eingestellte Uhr konnte den vom Zeitsinn ausgeübten Weckreiz in seiner Genauigkeit nicht fälschen. Auch bie' Jntervallschätzung, bas Aufwachen nach einer genau bemessenen Spanne Schlaf, gelang in ben meisten Fällen. Bewußtsein ber Absichtlichkeit bes Erwachens ober ein Zusammenhang mit Träumen war nicht vorhanben. Die Versuchspersonen erwachten eben von einem unbekannten, unbewußten Etwas geweckt zum richtigen Zeitpunkt, notierten biesen und schliefen wieder ein. Nach alledem kann kein Zweifel bestehen, baß viele Menschen nut einem unterbewußten, sicher funktionierenden befonberen Sinn für die Zeitwahrnehmung ausgerüstet finb. Offen bleibt nur noch bie Frage, ob es sich hierbei um eine so allgemeine, normale Fähigkeit wie z. B. ine Farbenwahrnehmung handelt, ober um eine, nur Einzelpersonen inne« wohnenbe, wie bas absolute Tongehör. -Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck unb Derlag: Brühl'f che Universitäts-Buch-unbSteindrucker ei. R. Lange,Gießen.