SietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Montag, den Juni Nummer §2 Oie Blutbuche. Von Werner Bock. Wenn die Geschwisterbäume grün sich färben. Schießt schon in meine Krone dunkles Blut. So droht in meine erste Frühlingsglut, Kaum daß sie aufquillt, leiser Hauch vom Sterben. Und während rings der Sommer sich entfaltet. Steh ich, ein ernster Fremdling, unbewegt. Erst wenn ein Herbsttag überm Garten kältet Und sanftes Rot in alle Wipfel legt. Dann schwell ich plötzlich an in goldnem Brande Als stolzer Künder dessen, der nun kam. Die Brüder neigen sich in tiefer Scham Und grüßen mich erschauernd als Verwandte. Petersburg — die schön gebaute Stadt. Von Josef Ponten. (Nachdruck verboten.) Sie kann mit Rom in Vergleich gebracht werden. Sie ist ohne allen Zweifel eine der schönsten Städte. In ihr hat sich eine Geschichtsperiode so großartig, so eindeutig, wie selten einmal bis zum sinnlichen Ausdruck ihrer selbst durchgefunden. Man kennt sie wenig, denn sie liegt „aus der Welt". Sie heißt Petersburg. Wenn ich sagte: Vergleich mit Rom, so ist das ein überlegtes Wort. Ja, durch die Lage übertrifft Petersburg Rom. Es liegt im innersten Zipfel jenes sackgleichen Meeres, das der Finnische Busen heißt. Es ist eine Seestadt. Es wurde mit dieser ausdrücklichen Bestimmung von Peter gegründet. Es sollte das gastliche Tor Rußlands zur westlichen Welt sein und selbst eine westliche Stadt. Dieses Tor ward aber auch ein fester Bau, Abschreckung der Zudringlichen. Die Zudringlichen waren in damaliger Politik und nach russischer Ausfassung die Schweden. Eine Insel im Meer liegt der Stadt in einiger Seemeilen Entfernung vor, die unheimliche Festung Kronstadt darauf, und Petersburg ist eine von der See her uneinnehmbare Stadt. Heute noch mehr denn früher. Denn die modernen, tiefgehenden Schiffe können sich nur durch einen stundenlangen, durch Molen gebildeten Kanal nähern, und auch draußen vor dem Kanal im flachen Meer ist das Fahrwasser durch Seebesen weit hinaus abgesteckt, und jedes einfahrende Schiff braucht einen Lotsen. Petersburg ist aber auch eine Flußstadt. Fluhstadt in ganz anderer Weise als Rom, das keine Seestadt ist und nur barmherzigerweise eine Flußstadt genannt werden kann: denn der wenig schiffbare Tiber erscheint kümmerlich neben dem breiten gewaltigen Wasserweg der Newa. Demgegenüber muß eine technische Ungunst der Lage leicht wiegen: da das Land meernah und eben ist, Anschüttungsgebiet des Flußes, und der Grundwasserspiegel demgemäß hochsteht, so bedarf es zu jeder bau- licken Gründung kunstvoller Rammungen und Pfahlbauten wie in Amsterdam und Venedig. Man sagt, die Mittelpfeiler der riesigen schweren Jsaak- kathedrale, der Haupt- und Prunkkirche der Stadt, beginnen sich zu senken, wahrscbeinlich weil die Psahlroste verfault sind. Peter hat unfestes Sumpfland als Standort für feine Hauptstadt wählen müssen. An Venedig und Amsterdam erinnert Petersburg auch durch Inseln und Kanäle. Die Newamündung ist ein Delta, die Stadt liegt eben dort auf fünf Inseln und zwei Halbinseln. Die Hauptmasse der Stadt liegt auf den beiden durch Flußschleifen gebildeten Halbinseln, die Industriestadt auf der kleineren nördlichen mit dem Finnländischen, die Amts- und Wohnstadt auf der weit größeren südlichen mit dem Baltischen, Warschauer und Moskauer Bahnhof. Diese südliche Halbinsel ist in der Quere durch zwei große Kanäle durchschnitten. Nun hat der Leser auch ohne Karte ein genügend klares Bild der Lage. Es tauchten schon die Erinnerungsbilder an Venedig und Amsterdam auf. Es gibt in der Tat Architekturbilder, die sehr an Venedig denken machen. An die Amsterdamer Grachten erinnern die Kanäle auf Schritt und Tritt. Der Kopf einer Insel (Wassilewskaja) gegen den c-trom- zuq, eben dort, wo die Newa sich in große und kleine gabelt, erinnert mit dem bedeutenden, aus Börse und monumentalen Uferbauten entstandenen Architekturbilde an den Jnselkopf in Venedig, auf den man von der Piazzetta aus blickt. Auch an London muß man in :ßeter5burg denken wegen der Breite des Stromes, wegen des Hofens in der ^tug- mündung und des Schiffverkehrs und wegen der berüchtigten steter- Pauls-Feftung (auf einer von der Insel Petersburgskaja anscheinend künstlich abgegliederten Insel), die das finstere Bild des Towers heraufruft. An Paris mag man denken, wenn man von den Brücken oder Inseln auf das Ufer der südlichen Halbinsel zurückblickt und dort das gewaltige Winterpalais liegen sieht wie in Paris den Louvre, und an Florenz angesichts der vielen, vielen Paläste und ösfentlichen Bauten hier längs der Newa wie dort längs dem Arno. An Rom denkt der in Rom wirklich Heimische noch insbesondere, wenn er in den Außenvierteln mit riesigen Mietkasernen (in denen Romane Dostojewskis spielen) das Unharmonische, Unbefriedigende, Abstoßende an Schmutz, schlechtem Pflaster, ungenügender Kanalisation und barbarischer moderner Stadtbauerei mit in Bild und Erlebnis aufnehmen muß: draußen in Alexandrowskaja mit den Bahnhöfen, Kasernen, Krankenhäusern, Kirchhöfen, und in Roshdestwenskaja, wo in Schutt und Verkommenheit das ehrwürdige Alexander-Newski-Klofter und das fabelhafte Smolnykloster liegen, mußte ich oft an das römische Marsfeld uni) die Stadtviertel vor Porta Popolo oder die Gegend um den Scherbenhügel denken. Nun glaube man aber nicht, daß diese Erinnerungen an Amsterdam, Venedig u. a. geweckt werden, um von ihnen für das Bild Petersburgs zu leihen, wie es in den albernen Benennungen Jsarathen, Elbflorenz, sächsische, märkische, buxtehudische Schweiz geschieht. Nicht Wertbilder, nur Stoffbilder sollen daher geliehen werden, weil europäische Leser diese Städte kennen und fast jeder mindestens eine von ihnen gesehen hat. Petersburg bedarf der Stützung seines Ansehens nicht, es ist durchaus trotz gewissen Anklängen etwas Eigenes und, was Einheitlichkeit des Architekturbildes angeht, ohne Vergleich. Hier bauten mächtige Kaiser eines großen und reichen Landes, bauten aufwändig und rücksichtslos, wurden nicht beschränkt durch geschichtliche stadtgeographische Begebenheiten, bauten, wo ein Nichts gewesen war, ein Vielfältiges und Großes, bauten über eine kurze Zeitspanne hin. 100 bis 150 Jahre, vom Anfang des 18. bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, so daß es kein Altertum gibt wie in Rom, keine Gotik wie in Paris, kein« Renaissance wie in Florenz, sondern nur Barock und Klassizismus, namentlich Klassizismus. Es bauten die Kaiser Schlösser für sich und Schlösser für ihre Günstlinge und Mätressen, die Kaiserinnen Schlösser für sich und für ihre Liebhaber, und beide Kirchen für das Volk, es baute der Hofadel, gern oder gezwungen, es baute der Staat, kurz Petersburg muß von Hammer und Kelle 150 Jahre lang geklungen haben nicht weniger als das Rom der Päpste und ihrer Nepoten. Architekturräume von solcher geschlossener Einheitlichkeit und maßstäblichen Weitgriffigkeit wie der gewaltige Platz zwischen dem Winterpalais und der riesigen Fassadenapsis der Ministerien, dazu alle Gebäude am Platze einfarbig dunkelrot gestrichen, dürfte es in der Welt selten geben. Üeberhaupt die Farbe! Im Süden, in den Mittelmeerländern, malt man die Bauten farbig an — müßte man es nicht viel mehr in den nebelgrauen Nordländern tun? Erzwingen, was die Natur vorenthält? Gottseidank, heute beginnt man es in unseren graulangweiligen Städten zu tun. Petersburg ist fertig. Und wie diskret find doch die Farben! Die Erdgefchoßfockel der meist in palladianischem Stile zweigeschossigen Monumentalbauten — auf das Erdgeschoß als Sockel ist die zwei oder drei Geschosse übergreifende vollrunde, halbrunde oder auch blinde Säulenarchitektur gestellt — ockergelb oder weiß, die Säulen und alles architektonische Werk der Obergeschosse weiß und die Hintergründe der Säulenarchitektur und die Langmauern der neutralen Fassadenteile gelb oder lichtblau: nichts Vornehmeres und zugleich Freudigeres zu denken. Wie die russischen Kaiser ihre Paläste und Staatsbauten, so baute der Adel seine Stadthäuser, übrigens nicht nur in Petersburg, auch in den Landstädten des russischen Reiches, z. B. in der ärchitekturschönen Kleinstadt Mitau in Kurland. Ich habe viel Architektur in Europa und Umgegend gesehen und weiß sie zu schätzen — ich glaube, ich habe nie so in Architektur geschwelgt wie in Petersburg, trotz den rheinisch- romanischen, trotz den französisch-gotischen, trotz den römisch-barocken, trotz den byzantinischen Kirchen und arabischen Moscheen. Aber auch Begeisterung soll mich nicht ungerecht machen, und ich muß zugeben, daß diese Architektur vielleicht ein wenig simpel ist, ein bißchen schnell zusammengefügt und derb und gar ein wenig handwerklich roh in den Einzelheiten, in Profilen und Konsolen, im Ornamentalen und Figürlichen. Aber hier ist Architektur wirklich einmal Stadt und — man möchte wegen des Zusammenspieles von Flüssen und Plätzen, von Straßen und Kanälen fast sogen — Landschaft geworden. Nicht die individuelle architektonische Schönheit zeichnet Petersburg aus, sondern der große Wurf in Stadt wie in Bau, der Reichtum an Individuen innerhalb dieser einen Welt architektonischer Vorstellungen, russische Fülle und Großartigkeit auch hier. Man gehe nach Petersburg! (Wenn die Räteregierung einen hereinläßt!) Bärentatzen. Geschichte eines sibirischen Hengstes. Von Edwin Erich D w i n g e r. So bekam ich ihn: „Benjamin", sagte Vereniki, mein wilder Kommandant, im alten Omsk, der Hauptstadt des weihen Sibiriens, „wir gehen bald an die Front, müssen dir jetzt ein Pserd kaufen!" Wir gingen also zu den Händlern, ließen uns eine ganze Reihe vorführen. Meine Augen hingen sehnsüchtig an einer edlen Stute aus dem Krongestüt. Pjotr, der Malodietz, den unser Kapitän mitgenommen hatte, schüttelte mißmutig den Kartoffelkopf. „Nichts Pjotr?" fragte Vereniki lachend. Pjotr machte ein Gesicht, als ob das fehlerlose Tier dreitausend Mängel habe. „Nichts, Euer Gnaden!" sagte er dann. „Ein Pferdchen für Friedenszeiten, für das schöne Petrograd, für den Korso — nichts für den Krieg!" Das Wort entschied. „Was Pferde betrifft, hat Pjotr immer recht — merk dir das, Benjamin, es kann dir nützen!" sagte Vereniki. „Das Tier ist wirklich viel zu sein und schön — wir haben aber ja nichts Schönes vor uns, meine ich, nicht wahr?" Was wollte ich sagen? Wir kauften eben den Hengst, den Pjotr schon im ersten Anblick mit einem Kosakenschrei begrüßt hatte. Es war ein kleiner, starkknochiger Grauschimmel, kurzbeinig, ausfällig behost, mit guter Sattellage, überstarkem Rücken, Hufen, die wie Glocken aussahen. Leider waren seine Fesseln etwas bärentatzig, was mir scheußlich erschien. „Das ist gut. Euer Wohlgeboren — für unsere Zwecke!" rief Pjotr eifrig. „Sie werden sehen ..." Nun, wenigstens hatte der Schimmel einen edlen Kopf, außerdem gute Augen, ohne jedes Weiß. „Ja, das ist gut bei einem Hengst!" bestätigte Kostja kennerisch. „Nur diese Ohren, diese häßlichen Ohren ..." Pjotr überhörte das, begann ihn sofort zu taufen. „Man muß ihn Bärentatzer nennen!" sagte er entschieden. „Nichts anderes gibt es ..." Vereniki lachte. „Man muß dem Pjotr folgen, wenn es sich um Pferde handelt!" sagte er zum zweitenmal. „Gut, Pjotr — Bärentatzer also! Dabei bleibt es ..." * Von jenem Tage an trug er mich beinahe ein Jahr. Trug er mich auf dem siegreichen Vormarsch gegen das bolschewistische Moskau, trug er mich auf dem unglückseligen Rückzug durch die Schneewüsten Sibiriens. Ein Pferd nach dem andern fiel, alle edlen Vollblüter waren längst verendet — er hielt aus. Als es keinen Hafer mehr gab, nährte er sich von Stroh, als es kein Stroh mehr gab, nagte er die Schalen von den Liesten und Zweigen, die ich ihm abbrach und brachte. Und als es keinen Wald mehr gab, die grenzenlose Steppe uns ausgenommen hatte, riß er sich das verfaulte Schilf von den Dächern der Hütten, scharrte er sich die elende Grasnarbe unter dem Schnee hervor. Wenn andere Pferde an Kolik sich wanden und vor Schmerzen stöhnten, stand er geruhig neben ihnen, sah sie mit seinen großen Kugelaugen nur verwundert an. Und wenn andere Pferde auf kurzen Rasten, am ganzen Knochenleibe naß, und dampfend vor Schwäche und Schweiß, nach dem hastigen Schlürfen eisigen Wassers zusammenbrachen, sog er mit aufgeschürzten Lipven das Eiswasser in seinen heißen Leib, nachdem er var^r mit den Glockenhufen die starre Eisschicht des Baches klüglich zerklopft. Nach zwei Monaten hatten beinahe schon alle Pferde gewechselt, waren die ersten, fast alle verendet, längst neue mit Revolvern und Säbeln aus den Bauernhöfen requiriert, an denen wir vorbeizogen. Nur er lief noch wie immer in unferm Trupp, allmählich allen bekannt und geliebt als Erinnerung an bessere Zeiten, an die Zeiten des Sieges und der großen Hoffnungen. Und gute Worte trafen ihn von allen Seiten, wenn er dcihin- lies wie ein Esel mit gesenktem Kopf und hängenden Ohren, das graue Fell dick und wollig wie das Vlies eines Schafes. Und als längst alle Pferde lahmten, weil ihre steilen, feinen Köten von dem Eis und der Glätte ruiniert waren, lief er noch immer wie zu Anfang durch die weiße Wüste, nicht gerade schön als Bild und Anblick, aber mit seinen langen, bären- tatzigen Fesseln wie eine Wiege federnd und durch sie vor aller Struppie- rung und Lahmheit bewahrt. Ach, ich muhte damals oft an Piotr denken, unfern kecken Malodjeß. Zu allem aber wärmte er mich noch des Tags mit seinem dicken Fell, in das ich meine Beine saft vergraben konnte, wie mit einer Pelzdecke, des nachts aber, indem ich mich ruhig neben ihn legen konnte, den ganzen Körper gerollt an seinen Bauch geschmiegt, den Kops zwischen seine warmen Schenkel gepreßt, den langen, buschigen Schweif wie eine Federboa zwischen seinen Beinen hindurch über das Gesicht gezogen. Ja. er lag wie ein braves Kind da, wenn er wußte daß ich schlief, und weckte mich mit einem Zucken seines Schweifes, wenn Gefahren nahten. ■— wenn es aber galt, mich durch ein Wettrennen zu erretten, so packte ihn der Ehrgeiz derart, daß er nicht eher ruhte, bis er von uns Flüchtenden die Spitze erreicht hatte. Oh, er blieb mir treu bis zuletzt. Sein Meisterstück aber legte er in Altschinsk ab, an jenem Morgen, als nach einer Biwaknacht auf freiem Felde bei 40 Grad Kälte und östlichem Wind von unferm Riefentroß an 40 000 Pferde sich nicht mehr erhoben, die ganze weite Steppe im Morgengrauen aussah wie eine Wiese, auf der die Maulwürfe Haufen neben Haufen ausgeworfen. An diesem Morgen stand im Kreise zahlloser Kadaver nur noch er da, mit einer dicken Decke Schnee behangen, mit langen Eiszapfen am ganzen Leib bedeckt — schüttelte heftig feine überlangen Ohren und wieherte mit seinem metallischen hengstelaut hell und tromvetend in das grenzenlose Leichenfeld ... Ein Bild war das, dazu ein Klang ... Als ob er die gesamte Menschheit vor Gott anklage, war es uns ... * So verlor ich ihn: Mitten auf dem Baikalsee, in der letzten Phase der ungeheuerlichsten Tragödie, die jemals über die Erde ging, und die in der Weltgeschichte nicht ihresgleichen hat, die über eine Million Offiziere und Soldaten und Frauen und Kinder, ja, das gesamte noch übrig- gebliebene russische Bürgertum verschlang, und gegen die Napoleons berühmter Rückzug von Moskau ein Spaziergang war. überfiel uns ein Buran, ein sibirischer Schncesturm. In wenigen Minuten waren wir verschüttet, verloren durch diese ungewollte Rost so viel kostbare Zeit, daß wir den Roten, die uns verfolgten, nicht mehr entkommen konnten. Da trat Recke, der baltische Offizier, an mich heran. „Wir kommen doch nicht mehr alle fort!" sagte er in seiner knappen Art. „Ihnen geschieht auch nichts, wenn Sie hierbleiben — ziehen Sie eine deutsche Uniform an, dann sind Sie wieder Kriegsgefangener wie vorher, ahnt niemand, daß Sie mit uns gegen die Roten gekämpft haben, werden höchstens in ein Gefangenenlager gebracht, dürfen bald heimfahren! Uns russische Offiziere aber dürfen sie nicht erwischen ... Darum: Geben Sie mir Ihren Bärentatzer — er ist der einzige, der noch vorwärts kann." Ich schluckte etwas. „3a", sagte ich endlich, denn er hatte recht. Wir gingen hinter die große Schneewehe. Dort stand der Bärentatzer, mit einem zweiten Pferde die einzigen Ueberlebenden. Als Recke in den Sattel stieg, sah er verwundert hoch. „Nein, Bärentatzer, diesmal bin’s nicht ich ...", sagte ich heiser, drückte mich hilflos an ihn, riß ihm unbemerkt ein Flöcklein Wolle aus dem dicken Pelz, der mich so oft gewärmt, so oft gerettet ... „Leben Sie wohl!" sagte Recke knapp. „Ich werde versuchen, mit ihm durchzukommen — vielleicht sehen wir uns in Deutschland wieder." Er nimmt die Hand an die Mütze, reitet mühsam an. Der graue Hengst sieht sich noch einmal um — lange, fragend, verwundert. Dann geht er endlich, in seiner Weise jede Menschenart beschämend. Die Bärentatzen federn weich und wiegend, die langen Eselsohren hängen tief herab. Aber er geht nicht mehr so gleichmäßig, so selbstzufrieden eifrig wie bisher. Er geht, als ob er es nicht fassen könne, und als ob jeder Schritt der letzte sei. Ich aber sehe ihm nach, bis er hinter einer neuen Schneewelle verschwindet. Und seine zottige Gestalt in meinen Tränen verschwimmt ... Verebbende russische Wette. Von Annie Francs-Harra r. Von den französischen Emigranten, die sich einst über das ihnen bis dahin zumeist recht unbekannte Europa zerstreuten, jo etwa wie ein Riese eine gewaltige Handvoll Menschenkonfetti über die Länder hinwirft, — heißt es, daß sie die sonderbarsten Berufe ergriffen. Oder (wahrscheinlich viel richtiger) von ihnen ergriffen wurden, als die Schmuckstücke, die goldgestickten Galaröcke, die kostbarsten Spitzentücher, als Pferde, Kutschen, lebenbeinerne Gebetbücher und das letzte Luxushündchen verkauft waren. Die meisten dieser Herren und Damen der vorigen Jahrhundertwende trachteten, wieder einen Fürsten zu finden, der durch verwandtschaftliche Beziehungen sich allenfalls verpflichtet fühlen konnte, sie zu ernähren. Die anderen stiegen — sehr zögernd — langsam zur „roture“ herab, wurden Tanzmeister, Köche Kaufmannsangestellte, trieben Handel mit Salben und duftenden Wüsserlein und wurden zuletzt sogar ehrsame Handwerker, die ein Gewerbe lernten und endlich fanden, daß in der bürgerlichen Welt um 1800 herum gar nicht so schlecht zu leben sei. Weltgeschichte ist ein Thema mit sonderbaren Variationen, das aber zuletzt doch immer wieder auf dieselbe Wiederholung hinausläuft. Was damals anno Reifrock und Puderfrifur geschah, ereignet sich heute im Zeichen des Autos und Radiosenders genau so. Die Grundeinstellung ist geblieben, die Ausgestaltung hat gewechselt. Damals kam der Strom der ganzen flüchtenden Oberschicht eines Volkes von Westen, wir haben ihn von Osten erlebt. Der eine gab dem andern an Vehemenz wohl nichts nach. Also ähneln sich beide auch in der Art ihrer Auswirkung. Nicht' einmal Berlin ist so voll von russischen Emigranten wie Paris. Es heißt zwar, es seien inzwischen viele abgewandert, dorthin, wo man sich nicht mehr mit der Hoffnung beschäftigt, die Heimat wiederzusehen und in andere Länder, von wo aus es allenfalls nicht ganz so möglich wäre. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß das Paris von 1929 den moskowitischen Einschlag ebensowenig verlieren wird, wie es den angloamerikanischen seit dem Krieg verloren hat. Berlin ist eine Arbeitsstadt voll Betriebsamkeit und Eifer, Geld zu verdienen. Es ist ein Ort, dessen Leitstern nicht weniger „Business“ heißt als in Neuyork. In solchen Städten bedeutet feinen Traditionen leben zu wollen, eine sehr große Reibung für den einzelnen. Und fo wie die Kiesel in einer starken Strömung zuletzt rund gefchlissen werden, so kann in einer solchen Anhäufung von fünf Millionen Menschen einer allein sich nicht gegen das Tempo des allgemeinen Arbeits- und Vergnügungsmarktes stemmen. Mit Paris dagegen ist es anders. Paris läßt feine Fremden durchaus machen, was sie Luft haben. Es redet ihnen nichts ein. Bombenwerfen und unpassende Reoolverschüsse sind natürlich verboten, aber sonst können die Gäste so viel oder so wenig Geld verzehren, wie ihnen gerade zur Verfügung steht. Und wenn sie für den Rest ihres Lebens die Tradition der alten guten Zeit zu pflegen gedenken — gut, so sollen sie sie eben pflegen. Also ist das Rufsentum in Paris — so will es mir scheinen — eigentlich viel russischer als das von Berlin und dem übrigen Emigrantenglobus. Eben weil niemand sie darin stört, und zu einer zwangsläufigen Angleichung an andere Volkssitten zwingt. Freilich, „la vie dure“ (wie der Pariser das „harte" Leben zu bezeichnen liebt), gilt auch für sie. Sogar doppelt und dreifach. Denn nicht nur werden die, die einst selber flüchteten, von Jahr zu Jahr älter und befinden sich längst nicht mehr in den mutigen, hoffnungsvollen zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren, sondern auch die Kinder sind heran- gewachfeu und fordern ihr Lebensrecht. Die man aus den Wiegen und Bettchen riß, die man in Wickelkiffen davonfchleppte, stehen jetzt an der Grenze des Erwachsenfeins. Sie kennen zumeist wenig anderes als die fiebernde Erwartung tausendmal enttäuschter Hoffnungen, eine Existenz, wurzellos, zumeist ohne die nötigen Mittel, erdrückt von den Nachwehen eines ungeheuren Schocks in allen Gliedern. Schon besitzen sie eine andere Muttersprache und andere Kindheitserinnerungen als die Eltern. Aber das sarmatische Blut gärt dumpf dazwischen. Bedauernswerte Jugend, die nicht nur zwischen den Rassen, sondern auch zwischen den Ländern und die Staatsepochen steht Aber da sind auch die der vorigen Generation. Man möchte denken, sie hätten den Bruch ihres Ledens noch weit stärker empfunden. Man braucht politisch nicht für und nicht gegen sie Partei zu nehmen, aber vom rein menschlichen Standpunkte aus (den es ja gottlob auch noch geben soll), sind sie doch ein erstaunliches Beispiel von Anpassung, von Leben nur um des Lebens willen. Da sind Frauen, die sich die Augen an Brokatstickereien wund und halb blind genäht haben. Wirklich, sie konnten nichts anderes, denn in ihrem Erziehungskloster hatten sie nichts gelernt, was sie sonst zum Erwerb hätten gebrauchen können. Jetzt tragen l|ie blaue Eulenbrillen und halten einen kleinen Kramladen, dessen Bedarf an Zuckerwerk sie selber Herstellen. Sie sind gleichgültig gegen sich und die Welt geworden, gehen jahraus, jahrein in demselben dicken Schal durch dieselben engen, finsteren Gassen des Mareeviertels, und die Welt ist ihnen von kleinsten Sorgen um den Alltag verstellt, — wie der Himmel mit Häuserfronten. Biele sind im Laufe dieser mehr als zehn Jahr« jetzt endlich auf Montmartre gelandet. Sie begannen nicht dort! Gott bewahre! Aber die rue des trois freres oder des Martyrs ist ein immer noch reckst guter und billiger Zufluchtsort. Und in der rue Pigalle befindet sich das große und elegante „Chateau Caucasien“, von farbigen Lämpchen umstrahlt, in meterhohen Reklamebuchstaben die Straße entlang schreiend. Es ist so teuer dort, daß man anehmen kann, auch die Angestellten werden menschenwürdig bezahlt. Die Angestellten: das sind nichk nur Kellner und Küchenmädchen, sondern die Tänzer und Sänger beiderlei Geschlechts. Sie gehen in russischer Tracht oder Strahenkleidern, und sie singen eigentlich nicht schlechter als die Donkosaken. In dieses Luxushotel führt man zuweilen reiche, junge Amerikanerinnen, die deshalb noch nicht Millionärinnen zu fein brauchen, wenn man ss auch von ihnen allen behauptet. So wie vermutlich nicht alles russischer oder ukrainischer Prinz ist, was dort mit diesem Titel beehrt wird. Immerhin bildet sich zwischen den amerikanischen Millionärinnen, di« es vielleicht noch nicht sind, und den moskowitischen Prnzen, die es vielleicht nie waren, etwas wie eine neue Romantik heraus. Die Dinge sind Hier oft ein bißchen auf den Kopf gestellt. Ein Teil der östlichen Einwanderung hat sich immerhin auf und bei den Boulevards halten können. Da gibt es nahe bei der Madeleine eine ...eremitage russe“ und eine „eremifage moscovite“. Die letztere ist sehr teuer. Man nimmt dort für ein Abendessen bis zu 250 Francs und das ! ist, an den sonstigen Pariser Preisen gemessen, etwa so viel wie in Berlin 150 Mk. Aber es ist beliebt. „Man" (das bedeutet jenes unbestimmbare Sammelsurium von Geldmenschen aus aller Herren Länder) muß Dort gewesen sein. In der engen rue Caumartin drängen sich also die klutos, und das nächtliche Hupen nimmt keip End«, zur Freude der Anwohner. Was geboten wird? Tänze, Gesänge, Balaleikaorchester, was alles auf die Dauer natürlich den Stempel der Eintönigkeit trägt. Die kaukasischen Tänzer und Sänger wandern in einer längst bekannten Gruppe von der eremitage russe jede di acht zur eremitage moscovite und zurück. Auch hier werden die hohen chwarzen Schaffellmützen und weißen Kosakenröcke von „Prinzen" »«tragen. Unter denen es, wie es scheint, wirklich erotische Naturen gibt, denn von einem wird berichtet, daß der jähe Tod des Gatten seiner ! beliebten ihn in Weiterungen mit der sonst eigentlich überaus duldsamen Pariser Polizei verwickelt habe. Die wunderschöne Madame Nastja singt 1 nur in der eremitage russe. Sie war achtzehn Jahre, sie tanzte auf den ! lästerlichen Hofbällen, als die Revolution ausbrach. Ein russischer Zigeuner, sehr braun geschminkt in einem gestickten xelbseidenen Leibrock zeigt sich mit spähenden Blicken den Piroski essenden Nteren Damen, die. vor Torschluß noch gern ein Abenteuer erleben II möchten. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, daß dieses auf dämonisch her- I gerichtete Aussehen die wirkungsvollste Visitenkarte für ihn ist. Ja, es ist recht schwer für sie alle. Nicht minder schwer als für die , Besitzerinnen von Putzwarenläden und Modesalons, für die russischen 11 Paxichauffeure, die natürlich nicht nur dem Hängen entronnene Groß- I liirften sind und mit längst erlernter Pariser Höflichkeit gern ein Trink- !;eld annehmen. Es ist schwer, und vor allem es ist hoffnungslos. Denn rgrauenbe Haare machen weder zum Wirbelwindtänzer noch zu anderen I II Berufen der Jugend geeignet. Und was dann? Langsam wird die russische Welle in das sremde Volk hineinfließen ' und sich mit ihm vermischen. Frankreich, das Land mit dem enormen 1 Menschenhunger, wird dem keinen Widerstand entgegensetzen. Man weiß "| is ja, von der dritten Generation ab beginnt jene unlösliche Verschmel- I M,ng, di« auf der anderen Halbkugel den hundertprozentigen Amerikaner I i ervorgebracht hat. Aber heute kämpft noch die erste und zweite Gene- I tmtion, jene, die (nach dem bösen Wort .über die Bourbonen) nichts gelernt und nichts vergessen hat. Emigrantenschicksal, zu allen Zeiten dasselbe. Und immer „la vie dure“. Der springende Ounkt. Neues vom menschlichen herzen. Von Dr. Popofsky. „Springender Punkt", fo nannte schon Aristoteles das nimmermüde ij’ Renschenherz. Noch heute gebrauchen wir in übertragenem Sinne dieses II sprichwörtlich gewordene, im wahrsten Sinne klassische Wortbild, um Is r was zu beschreiben, was von äußerster Wichtigkeit ist, den Kern einer l Sache darstellt. Da das Herz auf jede feinste seelisch« Regung anspricht, ■; Und in den Wellenzügen des Menschenlebens mitschwingt, auf Freude i und Schmerz, Lust und Trauer feine Schlagfolge und die in Umlauf iS«ssetzte Blutmenge ändert, so galt es bis in die Neuzeit hinein als das i dentralorgan, in dem sogar zu Unrecht der Sitz der Geistigkeit und der .^eete vermutet wurde. Diese Empfindsamkeit des Herzens, fein Antworten auf Seeleninhalte i ird; Aenderung des Pulses und des Schlagvolumens haben Sauber Md Panchurst kürzlich genauer untersucht, indem sie den betreffenden Menschen in der Hypnose in luftige und traurige Stimmungen versetzten tnb die Reaktion des Herzens messend verfolgten. Sie fanden dabei, daß d e vom Herzen in Umlauf gesetzte Blutmenge bis fast auf das Doppelte [leigen konnte, wenn es sich um fröhliche, erregende, ermutigende Seelen- vorgäng« handelte. Sie zeigten damit ein verheißungsvolles nein» Mittel, Herzfehler, nicht nur nervöser, sondern auch organischer Art, auf dem Wege seelischer Beeinflussung auszuglejchen und zur Heilung zu bringen. Geeignet« Musik, Theaterbesuch, angeregte Unterhaltung, frohe Geselligkeit und schöne Landschaften, vermögen besonders in dem seelisch leicht mitgehenden Herzkranken, die nicht zureichende Herztätigkeit wohltuend zu beeinflussen. Das alte Sprichwort „Lachen ist gesund" beweist gerade im Hinblick auf diese Zusammenhänge zwischen Herz- und Seelentätigkeit seinen tiefen Sinn. Ein weiteres Zeichen dafür, daß das Herz ein Ausdrucks- oder besser ein Eindrucksorgan von größter Empfindlichkeit ist, läßt sich aus den Feststellungen des amerikanischen Arztes Foster Kennedy entnehmen. In allen Großstädten hat der Lärm einen derartigen Umfang angenommen, daß sich besonders in England und Amerika große Vereinigungen mit wissenschaftlichem Einschlag gebildet haben, die sich die Bekämpfung des gesundheitsschädlichen Lärms zur Aufgabe machen. Foster Kennedy fand, in diesem Sinne arbeitend, daß das Allgemeinbefinden des Menschen durch den Lärm erheblich in Mitleidenschaft gezogen wird und besonders die Herztätigkeit darunter leidet, so daß eine langsame Entartung der Biutkreislauforgane und damit eine Verringerung der Leistungsfähigkeit eintreten kann. Staunenswert ist die Leistung des faustgroßen unermüdlichen Motors, den wir in der Brust tragen. Beim Erwachsenen beträgt die Zahl der Herzschläge in Ruhe etwa 70 in der Minute. Man kann leicht ausrechnen, daß das Herz eines 60jährigen im Laufe feines Lebens nicht weniger als 21 Milliarden Schläge ausführt. Jeder Schlag preßt aus der Herzkammer ' durchschnittlich 200 Gramm Blut in die Schlagadern, nicht weniger als 444 Milliomrn Lttkr Blut würden also im Laufe von 60 Jahren das Menschenherz durchflossen haben. Welch ungeheure Arbeit der nur 3Ö0 Gramm wiegende Hohlmuskel dabei zu leisten , hat, um dem Blutstrom eine Anfangsgeschwindigkeit von 4 Meter in der Sekunde zu geben, wie sie in den Schlagadern herrscht, läßt sich leicht bestimmen. Da die bei einem Herzschlag geleistete Arbeit 0,234 Meterkilogramm beträgt, und in der Minute 70 Herzschläge erfolgen, so errechnet sich für 24 Stunden eine Herzarbeit von rund 23 600 Meterkilogramm,' ober anders ausgedrückt, die in 24 Stunden geleistete Herzarbeit wäre imstande, ein Gewicht von 234 Tonnen einen Meter hoch zu heben. Keine von Menschen erdachte Maschine vermag bet einem fo geringen Eigengewicht, Umfang und Brennstoffverbrauch mit einem fo unvergleichlich großen Nutzeffekt zu arbeiten. Solchen Dauerbeanspruchungen bei solchen Stiftungen kann nur ein sehr widerstandsfähiges Organ gerecht werden. Ganz im Gegensatz zu der landläufigen Meinung von der Empfindlichkeit des Herzens mehren sich die Anzeichen dafür, daß die Herzmuskelfasern und das Organ selbst tiefgreifenden Beeinflussungen gegenüber relativ unempfindlich ist. Seit langem wissen wir, daß ein ausgeschnittenes Froschherz in bestimmten Flüssigkeiten noch tagelang pulsieren kann. Mit Säugetieren gelingt etwas Aehnliches, wenn man für ■ künstliche Blutzusuhr sorgt. Kleine herausgeschnittene Stückchen vom Hühnerherzen sind schon über 20 Jahre unter den bei der Gewebszüchtung üblichen Vorsichtsmaßregeln und Ernährungsbedingungen im Reagenzglas lebend und in dauernder Zellvermehrung erhalten worden. Kürzlich hat der Nuss« Morosow abgeschnittene winzige Teilchen des Herzens vom mexikanischen Molch eintrocknen lassen und nach über 3 Tagen Aufbewahrung im luftdicht verschlossenen Reagenzglase wieder durch Einweichen in bestimmten Salzlösungen erneut zu längerem Leben erwecken können. Dabei konnte der Gewichtsverlust bei dem vorausgegangenen Eintrocknen bis auf Zweidrittel des Anfangsgewichts getrieben werden. Die Gewebsteilchen stellten also gewissermaßen völlig geschrumpfte Mumien dar. Im Volksmunde gilt jede Herzwunde als unbedingt tätlich. Cs ist das außerordentliche Verdienst von L. Rehn, diesen noch vor 40 Jahren allgemein — auch von Chirurgen — geglaubten Satz umgestürzt zu haben. Er führte 1896 die erste glückliche Herzoperation aus. Seitdem sind Herzoperationen, vor allem im Kriege, öfter ausgeführt und Menschen mit Stichen und Schüssen im Herzen durch ärztliche Kunst gerettet worden, wenn der Eingriff mit Messer und Nadel nur rechtzeitig geschehen konnte. So ging vor kurzem die Nachricht durch die medizinische Literatur, daß in Wien ein Mann, der eine Kugel im Herzen hatte, nach Bemühung des Schuhkanals und Inbetriebsetzung des bei der Operation stehengebliebenen Herzens durch Herzmassage, ohne besondere Beschwerden weiterlebte, obwohl die Kugel aus dem Herzen nicht entfernt werden konnte. Gewiß ein Zeichen für die Zähigkeit unseres Zentralorgans des Blutkreislaufs. Wie wird nun die für das Leben fo notwendige Herzbewegung in Gang gefetzt und in Gang gehalten? Angesichts der.oben erwähnten Tatsache, daß ausgeschnittene Herzen noch längere Zeit ihre Tätigkeit fort* setzen, versagen die alten Erklärungsweisen, daß ein Nervenimpuls den lebendigen Motor in Gang setzt. Nur im Herzen selbst konnte daher das Erregungszentrum zu suchen sein. Dem belgischen Forscher D e m o o r gelang es vor wenigen Jahren, aus dem Herzen des Hundes einen mit Wasser aus dem Muskel herauszulaugenden Stoff festzustellen, der imstande ist, schlagenbe Herzen im Puls zu beschleunigen und zum Stillstand gekommene wieder in Betrieb zu fetzen. Der Deutsche Haberland t fand ähnliche Stoffe in Schnecken- und Froschherzen. Dieser Herz- erregungsftoff organischer Art, den die Muskelfudstanz des Herzens selbst erzeugt, ist nur in allerwinzigsten Mengen in den Auszügen enthalten. Soweit sein physikalisches und chemisches Verhalten bisher ermittelt werden konnte, handelt es sich auch bei ihm um einen jener Wunderstoffe, die als Reizstoffe ober Hormone in fein aufeinander abgestimmter Stiftung für den Ablauf vieler physiologischer Vorgänge im menschlichen, tierischen und pflanzlichen Leid zu sorgen haben. Das Herzhormon ist noch in einer Verdünnung wirksam, bei der nur ein Gramm Hormon in einer Milliarde Gramm Flüssigkeit gelöst ist. Nach Fahrenkamp, H a b e r I a n b t, u. a. ist bas Herzformon erfolgreich oerwenbbar bei einer Reihe von Herzkrankheiten, so z. B. bei der gefährlichen, ost zum .Herzschlag führenben Berkalkung der Herzkranzgefähe. Angeregt durch das Herzhormon zieht sich das Herz zusammen und pumpt das Blut von der linken Herzkammer durch die Schlagadern in den Körper. In allen Organen, Muskeln, Drüsen, Knochen ufm. verzweigen sich die Adern zu den mikroskopisch dünnen Haargefäßen, hier gibt das Blut den Sauerstoff und die Nährstoffe ab und belädt sich mit den flüssigen und gasförmigen Abfallstofsen (Kohlensäure, Harnstoff usw.) des durchjpülten Gewebes. Es sammelt sich sodann in den Venen, die also „verbrauchtes" Blut der rechten BorkamMer zuführen. An der rechten Herzkammer gelangt das Blut zur Sauerstoffaufnahme in die Lunge und von dort zur linken Vorkammer und Herzkammer, womit der Kreislauf des Blutes geschloffen ist. Nach allgemeiner Ansicht wurde die Belebung des Blutes allein vom Herzen besorgt. Die Franzosen Laubry und T z a n ck wollen nun eine Entdeckung gemacht haben, die das Herz als Alleinherrscher des Blutumlaufes entthront und im Grunde darauf hinausläuft, daß der Mensch und mit ihm die Säugetiere noch ein zweites Herz haben, und zwar in den Venen. Nicht nur der Herzschlag und allenfalls der Wandungsdruck der elastischen Schlagadern soll das Blut weiterbefördern, sondern auch in ausgiebigem Maße die Venen, die durch die in ihren Wandungen verlaufenden Nerven zu pulsierender Pumptätigkeit, d. h. zur abwechselnden Zusammenziehung und Dehnung angeregt werden. Diese Venenpulsationen sollen sogar den Hauptteil unseres Kreislaufgleichgewichts ausmachen. Wir besähen demnach zwei Herzen, ein zentrales und ein peripheres. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese umstürzlerischen Ansichten bewahrheiten, sie könnten dann für die Physiologie und Medizin von außerordentlicher Bedeutung werden. Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) Viertes Kapitel. Durch seine lange Zimmerreihe schritt der Kanzler von Mailand ruhelos auf und nieder. Die Fensterläden waren gegen die brennende Nachmittagssonne geschlossen, und nur durch eine Spalte schoß hin und wieder ein neckischer Strahl in die Dämmerung, einen grellen Streifen über die Fliesen ziehend, während die Tiefe der Gemächer im Geheimnis blieb. Doch nicht der schmälste Lichtblitz erhellte dem Kanzler die Seele Pescaras. Er hatte seinen ganzen Menschen preisgegeben, Pescara auch nicht ein Teilchen seiner selbst, und nicht nur ein Schuldiger und Geständiger war jetzt der Kanzler, sondern auch ein Gefangener oder nicht viel anders. Doch weit entfernt, daß seine Bloßstellung ihn gereut oder sein Halbgefängnis ihn geängstigt hätte: im Gegenteil, er schwklgte in der Großmut seiner völligen Hingabe. Nicht einmal sein schmählich verratener Herzog beunruhigte jetzt sein Gewissen, so gänzlich ersüllte ihn die Leidenschaft, sich Pescaras zu bemächtigen, und der Reiz seines Anschlages auf diesen einzigen Menschen, dessen große Haltung und ernstes Spiel in der eben beendeten Szene er aufrichtig bewunderte. Er setzte diese Szene fort: jedes Wort des Zwiegespräches wiederholte sich in seinem Ohr, und selbst jede Miene und Gebärde desselben bildete sich ab in seinen Zügen und schwang in seinen Muskeln fort —- doch über Sinn und Tragweite des Gesprochenen verstrickte er sich in unlösbare, in tödliche Zweifel. Eine Auslegung nach der andern verwarf er, um zuletzt zu dem wahrscheinlichen Schlüsse zu kommen, noch sei Pescara ungewiß, noch liege er im Kampfe mit sich selber. Da gedachte er sehnsüchtig der Bundesgenossin, die jede Stunde, jede Minute ihm bringen konnte, und der Wert Viktoria Colonnas deuchte ihm unermeßlich. Nur eine solche konnte einen solchen besiegen. Nicht ein ausstachelndes, herrschsüchtiges Weib, wie damals deren manches in Italien sein Wesen trieb, sondern die edelste Frau der Zeit führte seine Sache, und in dieser jede Schönheit und Tugend Italiens verkörpernden und von seinen Freveln und Sünden freien Gestalt erschien ihm sein Vaterland so unvergleichlich und der Ruhm, es sich selbst wiederzugeben, so einzig, daß hier sogar ein Pescara, und gerade ein Pescara unmöglich widerstehen konnte. Ein mit unsittlichen Mitteln wirkendes Bündnis verklärte sich in diesen himmlischen Augen zu einer Reinheit, die den Namen einer „heiligen Liga" in einem freien und weltlichen Sinne rechtfertigte. Die Bewunderung des göttlichen Weibes, welches, wie er glaubte, Italien zu retten berufen sei, wurde dem Kanzler zur Anbetung und seligen Inbrunst, denn er war der erhabensten und der gemeinsten Gefühle in gleicher Weise und Stärke fähig. Jetzt, da die gewonnene Zuversicht sein Inneres erhellte, verlangte es ihn nach dem Tageslichte, er stieß einen Laden auf und stand, sich umblickend, in dem sogenannten Schlangensaale, von welchem sein Herzog ihm oft erzählt, den er selbst aber noch nie gesehen hatte, lieber dem Getäfel lief die vier Wände entlang ein gemaltes Geflechte von Schlangen, je zweie sich umwindend, die eine der feuerspeiende Drache der Sforza, die andere das entsetzliche Wappenschild der Visconti, die Schlange mit dem Kind im Rachen. Legende oder Wahrheit, der süße Lionardo da Vinci galt als der Schöpfer des scheufäligen Kranzes: während feines langen Dienstes bei dem Mohren habe er einmal im herzoglichen Haufe zu Novara sich ausgehalten, und in wenigen Stunden dieses Spiel einer grausamen Laune begonnen und beendigt unter dem Vorwande einer Verherrlichung seines Fürstenhauses. Keine Unmöglichkeit, denn der Bildner des zärtlichsten Lächelns liebte zugleich die Fratze und das Grauen. Zuerst mit ergötzten, bald mit beängstigten Augen betrachtete der Kanzler den wilden Ring, das Werk einer unerschrockenen Einbildungskraft, die sich daran geübt hatte, den Ungetümen und dem nackten Kinde in dem verschlingenden Rachen eine Folge von natürlichen Bewegungen zu geben. Dann plötzlich erschien es ihm, als lebe und drehe sich das Gewinde. Der Kanzler wendete sich schaudernd und trat wieder an das Fenster. Er erblickte den einsamen Schloßgarten, der sich unter einem wecken Gewölbe von Bäumen in tiesdunlle Schatten verlor. Darüber das blendende Lichtmeer, und hin und wieder ein Bruchstück der gezackten Stadtmauer. Nur in einiger Entfernung stieg aus bem üppigsten Grün Verantwortlich: Or. Hans Thhriot. auf drei Terrassen eine kleine Villa, im Winkel und von zwei Seiten sichtbar, deren jede ein Bild bot, jene mit einem Turmbau endigend, diese in einen weinumwundenen Säulengang verlaufend. Es wollte Morone scheinen, das anmutige Landhaus, dessen Teile leicht auseinander herauswuchsen, müsse für Viktoria bestimmt und der Gedanke Pescaras fein, der ihr nicht in einem schweren und von dem Schritte der Wachen dröhnenden Schlosse, sondern an einer gefälligen und friedlichen Stätte liebenden Empfang bereite. Auch deutete mancherlei drüben hin und her eilende Dienerschaft auf das Kommen eines Gastes, und jetzt glaubte er aus der entgegengesetzten Richtung den Lärm einer Ankunft zu vernehmen. Da litt es ihn nicht länger in den unbehaglichen Räumen, er suchte Treppe und Pforte und wandelte bald in einem grünen Schattenreiche. Seine Schritte führten ihn in ein weites Rondell, wo das lieblichste Halbdunkel herrschte, und in dessen Mitte ein Brunnen seine schimmernde Schale mit einer langsam strömenden Flut durchsichtig und einschläfernd verschleierte. Vier breite Marmorsitze standen im Umkreise. Auf einem derselben, dessen Lehnen zwei Sphinxe bildeten, schlummerte der Feldherr, das Haupt über die Brust gesenkt. Nach einem leichten Erstaunen näherte sich Morone auf vorsichtigen Füßen, um das schlafende Antlitz zu belauschen, ob nicht die jetzt willenlose Miene den verschwiegenen Gedanken abbilde und ausdrücke. Lange stand er davor. Nein, es träumte nicht ehrgeizig, dieses Haupt, noch sann es Verrat, sondern seine unbeherrschten Züge trugen, ohne die Spur von Triumph und List, einen Ausdruck, der kein anderer sein konnte als der des Leidens und der Entsagung. Wie Morone es betrachtete, erstarrte seine eigene aufgeregte Miene, denn die des stillen Hauptes war so überredend, daß auch ihn eine fatalistische Stimmung unwiderstehlich erfaßte, eine Gewißheit von dem Nichts der menschlichen Pläne und der Allgewalt des Schicksals. Nichts anderes sagte das mächtige Antlitz als Frömmigkeit und Gehorsam. Da legte sich unversehens eine Hand auf die Schulter des Kanzlers. Nach einem kleinen gespenstischen Schrecken, als ob ihn der Geist des vor ihm Schlummernden von hinten berühre, wandte er sich und erblickte einen gelben Schädel und eine von Alter gebrochene Gestalt. Zwei braune kluge, aber unendlich wehmütige Augen waren ihr einziges Leden. „Numa! Wahrhaftig, du hast mich erschreckt." „Ich glaube es. Aber komm, Kanzler. Lassen wir ihn schlummern und setzen uns dort gegenüber, daß ich ihn von ferne beobachte." Sie taten es, und der Arzt, der wohl achtzig zählen mochte, doch sein feines Gehör bewahrt hatte, ließ sich mit dem Kanzler in ein lispelndes Gespräch ein. „Du glaubst gewonnen zu haben?" fragte er. „Ich weiß nicht", sagte der Kanzler. „Enttäusche dich, Girolamo! Ich sage dir, auch wenn er wollte, so kann er nicht." „Er könnte nicht? Warum? Das tönt geheimnisvoll. Welcher Gott oder welche Göttin verbietet es ihm? Kreuzige mich nicht! Rede!" „Dürfte ich reden, ich hätte dir von der Schwelle meines Hauses und aus Novara weggewinkt, aber meine Lippen sind gebannt. Doch ich darf dich, du Aermster, auch nicht in dein Verderben stürzen lassen. Du verlierst hier deine Worte und vielleicht dein Leben. Er kann nicht, beteure ich dir! Es ist ihm versagt. Es ist ihm deschieden. Fliehe! Es ist alles umsonst." „Fliehen? Vor Pescara? Ich denke nicht daran und halte ihn fest umschlungen! Bei allen Dämonen, warum ist es ihm nicht deschieden?" Da hauchte der Arzt, daß ihn Morone kaum verstehen konnte: „Ist nicht aller sterbliche Wandel in Zeit und Raum? Beide aber versagen diesem." Er legte den Finger auf die Lippen, ihnen Schweigen gebietend, und dann gleich zum andern Male, um den Kanzler auf nahende Schritte aufmerksam zu machen. „Still! Siehe!" flüsterte er. Auf leisen Sohlen kam Viktoria Colonna in den weiten grünen Saal, den Gatten an seinem Lieblingsplatze suchend. Noch trug ihr Kleid den Staub der Straße; sie mochte kaum vom Pferde geglitten sein. Da sie ihn schlummern sah, blieb sie stehen und verlor sich in seinem Anblick. Dann zerfloß sie plötzlich in Tränen, aus einem Uebermaß der Freude, ober es erschreckte sie der heilige Ernst der geliebten, nun von Mühen und Wunden tiefer gegrabenen Züge. Wenige Augenblicke aber, und sie trat zu ihm. Mit unendlicher Liebe legte sie die Hand unter das strenge Haupt, und es sachte hebend, weckte sie es mit inbrünstigen Küssen. Pescara öffnete die Augen. Sanft drückte er [ein Weib an die rechte Brust und gab ihr einen Kuß auf die Stirne. Da sich der Feldherr erhob, hatte sich Morone in einer seltenen Regung von Keuschheit weggeschlichen, und Pescara sah nur den Arzt vor sich. Die Linke um Viktoria schlingend, ergriff er mit der Rechten die Hand Numas und sprach zu seinem Weibe: „Das ist mein Arzt", und diese, in ihrer feurigen Art, bog das Knie und bedeckte die schlaffe Hand mit Küssen. „Sie hat die Wunde meines Helden geschlossen!" jubelte sie voller Dankbarkeit. Dann aber richtete sie sich auf und fragte in tiefer Erregung: „Messer Numa Dati?" Der Alte verneigte sich. Und Viktoria, von ihrem warmen Herzen hingerissen, wendete sich «n den Gemahl, Mund gegen Mund, und klagte: „Ehe wir uns freuen, mußt du mir und diesem Recht schaffen! Unser Nesse hat ihm die Enkelin verleitet und weigert sich, der Frevler, seine Schuld durch die Ehe zu sühnen!" , . „Ist es so, Numa?" sagte der Feldherr, und da der Greis traurig bejahte: „Warum hast du mir das verheimlicht?" , Ansangs, Herrlichkeit, war es eine bloße Vermutung, da sie mein Haus und Novora heimlich verließ. Und wie durfte ich Euch, her Jem eigenes großes Schicksal trägt, mit dem kleinen eines Mädchens bejcyaj tiqen? Erft heute erhielt ich Gewißheit, durch ein Schreiben aus Rom, von der Aebtiffin, In deren Kloster das arme Kind sich gefluchtet haue. (Fortsetzung folgt.) — Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerf itäts-Duch. und Steindruckerei. N. Lange, Gießen.