GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zrhrgang Ml Freitag, den l-Mai Nummer 34 Frühlingsnacht. Von Josef Freiherrn von E chendorfs. Uebern Garten durch die Lüfte Hört' ich Wandervogel ziehn. Das bedeutet Frühlingsdüfte, Unten fängt's schon an zu blühn. Jauchzen macht" ich, möchte weinen, Ist mir's doch, als könnt's nicht sein! Alte Wunder wieder scheinen Mit dem Mondesglanz herein. Und der Mond, die Sterne sagen's. Und in Träumen rauscht's der Hain, Und die Nachtigallen schlagen's: Sie ist deine, sie ist dein! ».Zum grünen Anker". Eine schreckliche Kriminalgeschichte. Von I. W. Bart. Mr. Frank aus Boston war zum erstenmal nach San Franzisko gekommen, um sür seine Etui-Erzeugung neues Absatzgebiet zu erobern. Auf der Hotelsuche kam er zum „Grünen Anker", der zwischen Hafen und Chinesenviertel gelegen war. Da er als Fremder nicht wissen konnte, daß sich dem Bürger bei Erwähnung dieses Hotels alle Haare sträubten, trat er ein und verlangte ein Zimmer. Der Portier gab ihm Nr. 77 und einen Schlüssel dazu, der die Verwunderung des Gastes erregte. Wie es in vielen Hotels üblich ist, die Zimmerschlüssel an Stäben zu befestigen, um das Einstecken und Bergessen zu verhindern, so war es auch hier: nur befand sich an Stelle des Stabes ein Gummiknüttel von anständigem Ausmaß. Auf die Frage des Mr. Frank antwortete der Portier, daß diese Vorrichtung für Gäste mit Minderwertigkeitsgefühl gedacht sei, denn im „Grünen Anker" tjabe man psychoanalytisches Verständnis. Gleichzeitig wies er auf eine Tafel, die folgende Inschrift trug: „Die p. t. Gäste werden ersucht, Schußwaffen größeren Kalibers und Messer von über zehn Zoll Länge im Hotelbureau zu deponieren." Mr. Frank, ein Mann von heiterer Lebensauffassung, freute sich über diese Fürsorge und schritt mit dem Selbstgefühl des Bürgers im Ordnungsstaat zum Fahrstuhl. Die Tür öffnend, sah er in der Ecke einen Mann sitzen der nach Babyart vor sich hinlallte. „Was hatterle denn?" fragte der Fabrikant teilnehmend, bekam aber keine Antwort. Offenbar litt der Fremdling seelisch, wofür bläulich unterlaufene Schwellungen im Gesicht sprachen, wie sie nach einem Boxkampf aufzutrcten pflegen. Mr. Frank schüttelte ihn so lange, bis der Mann mit einem Auge erst schätzend, dann vertrauend blinzelte. Hierauf griff er nach seinem Genick, zog aus dem Kragen ein schwarzes Etui, drückte es Mr. Frank in die Hand und sprach: „Bringen Sie Diamanten nach Polizeizentrale, Stop. Habe sie Billi Billi abgenommen. Stop. Ganze Juwelenräuberbande im „Grünen Anker". „Er verwechselt mich mit einem Telegraphenamt", sagte Mr. Frank und steckte das Etui in die Tasche, während der andere in den ursprünglichen Dämmerzustand zurückkehrte. Gleich darauf gesellte sich ein Mann mit Bulldoggesicht zu dem Paar im Lift, schloß die Tür und drückte auf den Knopf, worauf sich der Aufzug in Bewegung setzte. Während er dem interesselosen Detektiv die Kleider durchsuchte, fragte er Mr. Frank, ob er nicht ein Etui gesehen habe. „Natürlich", sagte der tüchtige Kaufmann, „ich bin doch vom Fach " „Was?" rief der andere, „Sie sind auch vom Fach? Bei mir sind Sie Zweiter. Geben Sie das Etui her, oder ich radier« Sie aus. „Was für eins denn?" begütigte Frank, „Sie können eins in Rot haben, eins mit Saffianleder gefüttert oder dasselbe in Grün." — „Wat sagt er?" sprach das Bulldoggesicht und knirschte schrecklich mit den Zähnen, denn es glaubte, der andere erlaube sich zu scherzen. Straffte die Muskeln des Oberarmes daß die Aermelnähte krachten, nahm mit der Faust an der Kinnlade des Mr. Frank Maß und holte soweit aus, als der beschränkte Raum im Lift zuließ. Der Bedrohte erinnerte sich rechtzeitig des psychoanalytischen Zimmerschlüssels und klopfte mit dessen Ende seinem Partner auf den Kopf. Das Bulldoggesicht seufzte, verdrehte die Augen und sank auf die Plüschbank neben den dösenden Inspektor. In der vierten Etaae aussteigend sah sich Mr. Frank einem ernsten Herrn gegenüber, der so lang war daß er sich tief bücken mußte, um in den Lift hineinsehen zu können. Als' er die Bescherung wahrnahm, fragte er bei Mr. Frank an, ob er nicht ein Etui gesehen habe. Durch die Erfahrung klug geworden, die gebeugte Stellung des neugierigen Hotelgalles geschickt ausnutzend, beantwortete er die Frage, indem er das bewährte Instrument betätigte, worauf der Herr mit einem Hechtsprung in das Fahrftuhliunere verschwand. Als der Portier die traurige Ladung unten ankommen sah, kratzte er sich Hinterm Ohr. Dann befestigte er eine Tafel mit der Aufschrift: „3n Reparatur!" an der Lifttür. Im Zimmer suchte Mr. Frank nach dem Etui. Bei dem tüchtigen Kaufmann machten Etuis den Lebenszweck aus. Es war daher nicht zu verwundern, wenn er drei Musterstücke von früher in den Taschen trug ohne sich ihrer zu erinnern, so daß anstatt der Etuis, für das sich die Hotelgäste interessierten, eines aus der Werlstätte des Mr. Frank zum Vorschein kam. Er öffnete es und fand es natürlich leer. Fachkundig kritisierte er die schlechte Arbeit des angeblichen Konkurrenzfabrikats, dann steckte er es wieder ein und begab sich zum Abendessen nach dem Speisesaal. An kleinen Tischen saßen Herren im Smoking von denen jeder seinen Patentzimmerschlüssel neben sich liegen hatte. Einer kratzte sich gerade mit der Gäbel den Kopf, denn seine Gedanken beschäftigten sich mit dem Diamantdiadem, das ihm 8er Detektivinspektor Anderson entrissen hatte. Es war Billi-Billi, das Haupt der großen Bande. Ihm gegenüber, in der anderen Ecke des Saales, saß der berühmte Privatdetektiv Craggs aus Chikago. Er war gekommen, weil er vernommen hatte, daß für die Wieder, beschaffung eines Diadems von der beraubten Juwelenfirma Gebrüder Smith eine Prämie von 10 000 Dollars zu verdienen [ei. Der dritte anwesende Interessent war der Universalgauner Fox, ebenfalls aus Chikago: ein alter Dorn im Auge des Privatdetektivs. Auch Fox träumte in stillen Stunden von dem Diadem und wollte es feinen Kollegen abknöpfen. Mr. Frank fühlte messerscharfe Blicke auf sich gerichtet, und richtig vermutend, daß alles Unheil von dem Etui ausgehe, entledigte er sich seiner, indem er es auf dem Wege zu seinem Tisch fallen ließ. Natürlich erwischte er bas falsche. Billi-Billi, der Privatdetektiv und Fox bekamen lange Hälse und Stielaugen. „Wie komme ich zum Etui?" dachte jeder. Herr Fox erfreute sich des Vorteils, den Lichtschalter hinter sich zu haben, und alsbald brach tiefe Finsternis herein. Gleich darauf konnte man aus der Saalmitte ein dumpfes Krachen hören, wie es sonst nur beim Kegelschieben zu vernehmen ist: die drei Herren waren mit den Köpfen zusammegerannt. al» sie nach der Stelle sprangen, wo sich das Etui befinden mußte. Da es wieder Licht wurde, waren die übrigen Gäste erstaunt, auf dem Teppich drei elegante Männer fitzen zu sehen, die mit den Köpfen nickten wie Pagoden. „Haben Sie vielleicht ein schwarzes Etui gesehen?" fragte der große Detektiv und sah die beiden anderen scharf an, denn wie sollte er wissen, daß er selbst darauf saß. Billi-Billi, bekannt als starker Mann, griff in seiner Wut in die Westentasche, holte einen Silberdollar heraus und biß davon kleine Stücke ab, die er dem berühmten Detektiv ins Antlitz spie. Dieser hatte vorsichtshalber den Zimmerschlüssel mitgenommen, weshalb er in der Lage war, den überraschten Billi-Billi überzeugend aufs Haupt zu schlagen, daß er sich wie ein Igel einringelte und zu träumen anfing. Bei dieser Amtshandlung war der Detektiv aufgeftanben, woburch bas Etui sichtbar wurde. „Ha", lachte kurz und militärisch Detektiv Craggs und bückte sich nach dem Etui. Leider kam er nicht dazu, denn eben trat der Inspektor Anderson ein, der inzwischen im Lift aufgetaut war. Er fah das Etui und den Mann, der es aufheben wollte: da er feinen Kollegen nicht kannte, hielt er ihn für schädlich und schlug ihn leicht mit dem Gummi- knüttel. Detektiv Craggs fiel der Länge nach auf den Teppich, wo er sich mit den Bewegungen eines geübten Schwimmers fortzubewegen suchte. Die allgemeine Verwirrung benützte Fox, um mit dem Etui zu verschwinden; der tüchtige Inspektor aber eilte ihm nach und kam gerade dazu, wie der Gauner mit dem Lift, der indessen vom Hauschinesen geräumt worben war, auswärts fuhr. Anberson heftete sich an bie Spur bes Unholds und eilte treppauf dem Lift nach. Als guter Läufer stand er schon vor der Fahrstuhltür. als Fox in der sechsten Etage anlangte. Der Gauner war aber so gerissen, nicht auszusteigen, und fuhr nach der neuten Etage. Der Beamte gab sich nicht geschlagen, und wieder kam er früher an als Fox, der, da es nicht mehr hoher ging, den Aufzug abwärts dirigierte, gehetzt von dem Kriminalisten. Nach einer halben Stunde hing dem Inspektor die Zunge so weit heraus, daß sie seine Krawatte verdeckte. Später schlich das gleichfalls erholte Bulldoggesicht in das Zimmer des Mr. Frank, um sich in einem Schrank zu verstecken. Als der Ruchlose die Schranktür offnen wollte, klang „Besetzt" heraus, denn drinnen saß ein Hauschinese mit älteren Rechten. Bulldoggesicht sagte „Pardon!" und stieg in den nächsten Schrank. Mr. Frank suchte erst spät fein Zimmer auf. Beim Ausziehen des Rockes entdeckte er in feiner Tasche ein Etui und legte es auf den Nachttisch: bann setzte er sich unb schrieb einen Brief. Unter bem Bett kroch geräuschlos ber Detektiv aus Chikago hervor, nahm das Etui und verschwand unbemerkt. Nach einer Weile sah sich Frank um und vermißte es. Irre geworden, griff er in die Tasche und brachte neuerdings eins hervor, von dem er dachte, er habe es in Gedanken wieder eingesteckt. Der Vorgang wiederholte sich, denn die Etuis gingen weg wie frllche Brezeln. Einmal drehte sich Mr. Frank rasch um und gewahrte den Chinesen, der mit einem Etui zur Tür schlich Der tüchtige Kaufmann fd'kuberte dem Elenden feine Füllfeder nach, daß sie in dessen Profil stecken blieb und dort wedelte. Hierauf schoß der Chinese aus dem Zimmer, Urban.) können, ins man unver- Fragen und Modell bei Menzel. Von Frida Erdmute Vogel. Die Sonne zieht alle, die es nur irgendwie einrichten Freie; man weiß heutzutage das Licht zu schätzen. So läuft mutet alten Jugendbekannten in die Arme. Wenn die ersten „ „ Auskünste über die jetzigen näheren Lebensumstände beantwortet und erledigt sind, kommt die Umwelt und das Gespräch des Tages an die Reihe, und dabei fällt dann auch, fehr naheliegend für uns frühere Malkollegmnen warf aber dabei so rasch die Tür hinter sich zu, daß sein Zopf eingeklemmt wurde Da Mr. Frank gerade die Tür verriegelte, konnte sich der Chinese von seiner Umgebung nicht mehr trennen. Aus einiger Entfernung beobachtete Fox die Vorgänge und schüttelte das Haupt. Zwei Personen hatte er in das Zimmer Nr. 77 eintreten sehen und ihrer drei waren wieder herausgekommen. Nach seinem mathematischen Empfinden mußte jetzt noch einer hineingehen, damit keiner drinnen wäre. Das Problem war ihm zu hoch, daher kehrte er zum Alltag zurück und nahm dem Chinesen das Etui weg. Ms er sah, daß es leer sei, gab er es dem Unglücklichen zurück und versprach ihm einen Regenwurm. Von den übrigen Gentlemen hatte jeher sein leeres Etui; daher saßen sie in ihren Zimmern und schimpften. Detektiv Craggs rauchte aus ferner Shagpfeife und zog scharfe Schlußfolgerungen. Er war ein hervorragender It)Mmtnäd)ften Vormittag ging Mr. Frank mit seinen Mustern Geschäfte machen und kam auch zur Juwelenfirma der Gebrüder Smith. „Mein lieber Mr. Frank", sagte der alte Smith, „Ihr Antrag ehrt mich. Leider bin ich aber versorgt, dann ist meine Frau nicht da, ich mußte auch vorher noch mit meinem verstorbenen Bruder sprechen, und außerdem habe ich setzt keine Zeit. Lassen Sie mir Ihre Adresse da, und kommen Sie m zehn Jahren wieder." Wehmütig lächelnd packte Mr. Frank seine Muster ein als Detektiv Craggs das Geschäft betrat. Er sah die Etuis auf dem Pult, er sah Mr. Frank und zog Schlußfolgerungen. Ein großes Licht leuchtete. Er ließ sich von Mr. Frank die Muster zeigen und verlangte immer noch mehr zu sehen. Endlich entdeckte der tüchtige Kaufmann das Etui in seiner Rocktasche und darin das Diadem. Die Begeisterung war groß. Der alte Smith grunzte Craggs bekam 10 000 Dollars, Frank einen riesigen Die^eitungen waren voll von der großen Tat des DetektiSs Craggs. Billi-Billi bekam von dieser Lektüre Darmverschlingung und beging Han- kiri. Fox trug sich mit dem Gedanken, ein ehrsamer Bürger zu werden und Alkohol zu schmuggeln; er überlegte sich's aber, folgte dem abreifenden Detektiv Craggs nach dem Bahnhof, und im Gedränge, das dort herrschte, stahl er ihm die Brieftasche. — ' (Deutsch von Ralph JXcthc, Wie ist Ihr Haar?" brummt er plötzlich. — „Soll ich es auflösen, Exzellenz?" Ich habe natürlich gewelltes, ziemlich langes Blondhaar kann es also ruhig riskieren. Er holt eine altmodische lila Seibenmantiüe und hilft mir sogar, sie überziehen. Dann legt er das Reißbrett auf den Boden, und ich muh darauf niederknien. Es ist schrecklich hart, und ich habe alle Angst, vielleicht auch ohnmächtig zu werden und dann noch in dieser Pose auf die Nachwelt zu kommen. Aber Menzel, wieder auf feiner Fußbank, einen grotesk gebogenen Hut als Lichtfchutz aufgefetzt, zeichnet unverdrossen. Plötzlich erhebt er sich, tritt an eine Kostümtruhe und holt em Paar recht kurze, knappe Sammethöschen heraus. Mein Herzschlag stockt: wenn er mir nun zumutet, sie anzuziehen?! Ich war meiner Beine nicht ganz so sicher wie meiner Haare; wer wußte zu jener Zeit als junges Bcabchen Diel von seinen Seinen: aber was tun? Sich weigern — unmrgbch!. Stehen Sie auf!" Jetzt komrnt's, jetzt werde ich sie anziehen muffen, bebt' es in mir. Ich war wohl vor Aufregung erblaßt, ba ertönt Menzels Stimme wieder: „Strengt es Sie auch nicht zu sehr an? Ach, ich hatte lieber noch stundenlang auf dem harten Reißbrett gekniet, ehe ich mich In die knappen Höschen zwängen ließ! Und ich verneine energisch. Da nimmt er die Hosen und legt sie mir auf das Reißbrett, um mir das Knien zu erleichtern, und befreit und gerührt atme ich auf. Nachher hat er mich dann sehr anständig bezahlt, indem er die Wartezeit während er die beiden Männer zeichnete, mit einrechnete. Ich habe das'Geld eingewickelt und aufbewahrt und „von Menzel" auf das Paketchen geschrieben. Aber wieder bingegangen bin ich nicht mehr; ich hatte ja vollauf erreicht, was ich wollte. . Zu Haufe erwartete mich meine Familie tn großer Spannung und Aufregung, und ich mußte alles genau berichten. „Aber Lucy, was hattftt du bloß angefanaen, wenn er dich aufgeforbert hätte, Akt zu stehen? K meine alte Tante. „Ach", erwiderte ich gefaßt, „bann hätte ich gesagt, ehe ich nicht, Exzellenz, ich stehe bloß Kopf!" Die russische Landschaft. Von Josef Ponten. Wie groß ist Rußlanb? Alexander vonHumboldt antwortete: Wie die Scheibe des Mondes. Und Rußland ist größer als das übrige Europa zusammen genommen. Man fährt von Petersburg bis Moskau eine Nacht, aber von Moskau bis Saratow an der Wolga schon zwanzig Stunden. Und wenn man m Tiflis eine Fahrkarte löst nach Moskau, und fragt nach der Zeit der An- kunft so erhält man zur Antwort: Am Morgen des fünften Tages. Man hat darauf aufmerksam gemacht, daß die Westeuropäer bas Innere Rußlanbs später tennengelernt, „entbeckt" haben als Amerika. Man braucht in Rußlanb sehr viel Zeit, unb also hat man sie. Seitschah (sogleich) bebeutet: in absetzbarer Zeit, unb in Finnlanb gibt es den Spruchs Nichts ist auf ber Erbe fo billig wie Zeit. Das klingt fremb ben Ohren von uns Menschen, für bie gerabe bie Zeit teuer zu werben beginnt. Unb anbersartig ist auch, was bas Auge in Rußland zu sehen bekommt. Ist bei uns in Europa die reine Ebene selten und bewegtes Gelände die Regel so ist in Rußland bewegtes Gelände selten und die Ebene die Regel. Wenn man in Rußland eine Nacht durch mit ber Eisenbahn gefahren ist unb morgens zum Wagenfenster herausfchaut (es ist boppelscheibig und im Winter sind die Fensterränder vergipst), so sieht man fast dieselbe Landschaft wie am Abend vorher, ob dem Kenner auch leichte und feine I Veränderungen auffallen mögen, und ein Landschaftsgieriger wird es feinem Gewissen abgewinnen können, auch am Tage ein Stündchen zu I ^Obgleich mit ber Scheibe des Mondes messen mit nicht sehr großem Maße messen heißt, so heißt es doch mit einem kornischen Maße matzen, vor dem jede Blasiertheit blaß und kleinlaut wird. Und etwas Kosmisches, I unmittelbare Auswirkung ber Drehung ber Erbe empfindet man aus einem der einseitig hohen Ufer der großen russischen Strome stehend im Wissen um das Baersche Gesetz, dessen Richtigkeit noch nicht bewiesen das aber äußerst bestechend ist: wonach nämlich wegen der Rechtsablenkung aller gradlinigen Bewegungen auf dem von Westen nach Osten drehenven Erdkörper die bewegte Masse der Flüsse sich an das rechte Ufer dränge, der Name Menzel. , . , Du hast ihm doch einmal inkognito Modell gestanden? sage ich, und I ßuc'i'e R Tochter eines verstorbenen bekannten Komponisten, eine Blondine mit zierlichen Zügen, erzählt mir auf meine Frage: „Er war ja schon immer als Künstler mein großer „Schwarm". Bei jedem neuen Charakter- I köpf ben wir in ber Malschule zu zeichnen hatten, gebuchte ich ber I fabelhaft sicheren genialen Mache bes Meisters; aber trotz ben schönsten I Menzelbleiftisten", jenen breiten Zimmermannsbleien, bie seinen Namen trugen war bas Vorbilb nicht zu erreichen. Wie spitzte ich ba bie Ohren, als eins unserer Ateliermobelle, bie alte Frau Hosmann, beiläufig erwähnte, sie ftänbe öfters Mobell bei Menzel. Er zahle gut, überanstrenge einen jeboch leicht, ba er, wenn er in Arbeitseifer geriete, Zeit unb Menschlichkeit seiner Mobelle vergäße. So sei einmal ein junges Mäbchen währenb einer Sitzung ohnmächtig umgefallen; ba hätte Menzel gerufen: „Lassen Sie sie liegen!" unb rasch bie Ohnmächtige skizziert. — „Man muß aber immer selber fragen kommen, ob er einen brauchen kann, nie schreibt er sich Namen unb Abresse auf", fetzte Frau Hoffmann hinzu. Bei biefen letzten Worten beschloß ich plötzlich: Du gehst hin unb melbeft bich bei ihm als Mobell! Es ist kein Risiko babei, bu bleibst ungenannt unb unbekannt unb bekommst doch vielleicht Gelegenheit, ihn und, noch interessanter, sein | Atelier, seine Schaffensart, zu sehen. Schon am nächsten Tage, es war der 26 November 1899, dies Datum merkte ich mir genau, machte ich mich nach der Sigismundstraße 3 auf den Weg. Mit nicht allzu großer Hoffnung auf Erfolg, wie ich gestehen muß, dachte ich doch an den Menzelschen Ausspruch, daß er nichts so langweilig fände, wie die glatte Wangenpartie eines jungen Mädchens. Auf mein Klingeln öffnete eine alte Dame. ,Jch wollte fragen, ob mich Exzellenz vielleicht als Modell gebrauchen könnte?" brachte ich den vorher einftubierten Satz geläufig hervor. „Hat Ihnen ber Portier nicht gesagt, daß Modelle die Hintertreppe heraufzugehen haben?", wurde mir ziemlich schroff bedeutet, und bann etwas sanfter: „Gehen Sie dort über ben Hof unb bann vier Treppen hoch. Ich folgte ber Weisung, erklomm bie Höhe unb klingelte roieber. Weil ich von ber ungewöhnlich kleinen Gestalt bes Meisters wußte, hatte ich. als sich bie Tür öffnete, unwillkürlich ben Kopf gesenkt unb nach unten geblickt, mußte ihn aber gleich aufrichten, da mir ein ziemlich normal gewachsener Diener mit einem Mülleimer entgegentrat und mir auf meine Frage erklärte: „Exzellenz wären vor elf Uhr nicht zu sprechen." In mein Schicksal ergeben, aber hartnäckig blieb ich auf der eiskalten Treppe stehen unb wartete. Nach einer halben Stunde kam ein junger Mann heraufgegangen und stellte sich, gleichfalls wartend, neben mich. „Er wäre nicht Berufsmodell, müßte jetzt aber oor allen Dingen versuchen, etwas zu verdienen; ob ich schon gestanden hätte." — „Ja, aber nicht bei Menzel", log ich. . . .. ... Jetzt endlich wird eine Treppe tiefer eine Tur geöffnet, ein mächtiger, kahler Schädel taucht auf, kommt zu uns nach oben — Menzel! — Der junge Mensch tritt an ihn heran, beruft sich auf einen Brief, den er vorher geschrieben und worin er um Beschäftigung gebeten. „Stellen Sie sich mal hin", brummt Menzel. Er stellt sich ungeschickt, ben Kopf im Schatten auf. „Kann ich nicht gebrauchen." Unb ber Jüngling zieht ab. Nun komme ich. Ich brauche nicht erst mein Sprüchlein' aufzusagen. er hält mich felbstverstänblich auch für ein Mobell. Als Malschülerin mache ich es natürlich richtiger als mein „Kollege", drehe unb wende den Kopf zur Zufriedenheit und werde angenommen. Den dunklen Korridor geht's entlang zum Atelier. Ich bekomme einen Stuhl zugeschoben: „Setzen Sie sich hin, nehmen Sie den Hut ab. Dabei wandert der Künstler suchend herum, kramt unter den Papieren auf dem überladenen Schreibtisch und zieht schließlich em Skizzenbuch hervor. Kommt bann mit einem großen Reißbrett, bas er als prinutmen Hinter- arunb für mich hinter meinen Stuhl an bie Wanb lehnt Nun hebt er feinen Zeigefinger nach ben verschiedensten Richtungen, und ich muß stets ben Bewegungen mit Kopf und Augen folgen, bis ihn die Stellung befriedigt. Dann verschwindet er im Nebenzimmer, dreht sich jedoch auf der Schwelle noch einmal um und sagt drohend: „Daß Sie nur aber so sitzen bleiben'" Er kommt mit einer Fußbank zurück, auf der er sich zum Zeichnen niederläßt. Er will also, eine echt Menzelsche Aufgabe, diese schwierige, verkürzte Unteransicht von mir machen. Ich kann leider kaum etwas von seiner Arbeit sehen; er scheint mich mehr „malerisch zu behandeln, die Lichter aus dem getönten Untergrund mit einem Gummi herauszuholen. Eine Stunde mag so vergangen sein, da klingelt es. Er öffnet felbft. Un neues anscheinend bestelltes Modell kommt herein. „Können Sie Dienstag wieder kommen?" fragt er mich. „Jawohl, Exzellenz", sage ich freudig. Ich werde „abgelohnt" und entlassen. An dem bewußten Dienstag nehme ich direkt den Atelieraufgang Die Treppe ist diesmal schon ziemlich besetzt, anscheinend alles Berufsmobelle. Nach einer Weile geht bie Tür auf, unb Menzel erscheint. Er mustert kurz die Versammlung unb winkt bann zwei Männern, bie, wie sie sagten, schon öfters bei ihm geftanben hatten, unb mich herein. Ich kann mich zunächst setzen unb zusehen. Die Männer müssen sich als Schachspieler an einem Tisch nieberlaffen, unb Menzel macht eine Anzahl Bewegungsskizzen von ihnen. Dann werben sie verabschiebet, unb ich komme roieber an ,üge der Dichterin und Dcrftctft^ Beide, Herzog und Kanzler, erkannten ihn sogleich. Es war Pescara. Die Frau errieten sie mit Leichtigkeit. Wer war es, wenn nicht Viktoria Colonna das Weib des Pescara und die Perle Italiens? Sie konnten sich nicht von dem Bilde trennen. Sie fühlten, baß sein größter Reiz die hohe und zärtliche Liebe sei, welche die weichen Züge der Dichterin und die harten des Feldherrn in ein warmes Leben verschmolz, und nicht minder die Jugend der beiden, denn auch der benarbte und gebräunte Pescara erschien als ein heldenhaster Jüngling. In der Tat, achtzehnjährig beide, waren sie miteinander an ben Altar aetreten, und sie hatten sich mit Leib und Seele Treue gehalten, ost und lang getrennt, sie bei der keuschen Ampel in Italiens große Dichter vertieft, er vor einem glimmenden Lagerfeuer über der Karte brütend, dann endlich wieder auf Ischia, dem Besitztum des Marchese, wie auf einer seligen Insel sich vereinigend. Solches wußte das sittenlose Italien und zweifelte nicht, sondern bewunderte mit einem Lächeln. Auch die zwei vor dem Bilde Stehenden empfanden die Schönheit dieses Bundes der weiblichen Begeisterung mit der männlichen Selbstbeherrschung. Sie empfanden sie nicht mit der Seele, aber mit den seinen Fingerspitzen des Kunstgesühls. So wären sie noch lange gestanden, wenn nicht der Kammerherr untertänig gemahnt hätte, daß zwei Geladene im Vorzimmer des Eßsaales warteten. Durch ein paar ~uren wurde jenes erreicht und, nach einer kurzen Vorstellung der Gaste, dieser betreten. schäft Kolchis — man kan nur ihren antiken Namen nennen, welk wir mit ihm soviel an landschaftlichen Klang und Vorstellungsinhalt ver- binden — wo die Argonauten das Vlies holten und die düstere Medea großen Sinnes lebte und liebte. Man kann sich freuen, wenn einem, wie uns, das Glück es fügt, daß man die Landschaft in dem ihr historisch eigenen Gewände vorsindet: in Wolken und Düsternis. Und man kann sich freuen, wenn man jene andere, völlig exotische, zur eigentlichen russischen Landschast ganz und gar nicht gehörende, aber ihr der Vollständigkeit halber beizuzählende Landschast im äußersten Ostwinkel des Schwarzen Meeres, die von Batum, in der Erscheinung antrisst, die ursächlich zu ihr gehört: in strömendem Regen, den der Laie „tropisch" nennt. Aber eine ein wenig tropische Landschast ist sie, die politische, die unter den seuchten, vom Meere kommenden, vor dem Gebirge aufsteigenden und sich nah entladenden Westwinden liegt, immer grün und ewig lau, mit Lorbeer, Palmen, Eukalyptus, Rhododendron (einheimischem, eigen- örmigen „politischen" Rhododendron), Reis und Tee und vielen anderen uneckropäischeu, dort einheimischen oder zwanglos angesiedelten Pflanzen, genau das Klima und daher in etwa die Landschaft von Japan in einen Winkel Europas verschlagen. Das ist in flüchtiger Skizze, roh und allgemein, das Ergebnis, wenn man dgs Unverhältnismäßige unternimmt, ein so ungeheures Land in dem Spiegel einiger weißer Blätter zu sammeln. Rur in großen Zügen richtig kann natürlich das Gesagte sein, und viele Abänderungen, Abwandlungen, Verwischungen oder Bereicherungen des Bildes der russischen Landschaft werden zugelassen. Der Mensch aber, der die weiten Räume dieses Landes in der Kopfzahl von 131 Millionen (doppelt soviel als im kleinen Deutschland) und auf die Fläche umgerechnet von 27 auf den Geviertkilometer (fünfmal weniger als in Deutschland) bewohnt und unter der unwillkürlichen Einwirkung dieser Landschaft auf seine Seele in Jndividuumsleben und Geschlechtsvererbung steht, er hat, seine unbekannte Urveranlagung einmal unberücksichtigt gelassen, ohne Zweifel etwas von der Seele dieser Landschast angenommen: melancholisch und geduldig ist er (und in jähem Wechsel dazu und wie in Reaktion daraus auch plötzlich ausgelassen und heftig), gutmütig und hilfsbereit (und auch wieder brutal und grausam), nicht kleinlich gastfrei und große Art liebend, im ganzen einer der sympathischsten und liebenswertesten Menschen. Und auf nichts in seinem Wesen und in seiner Seele ist der Russe so stolz wie auf seine „breite Natur". Oie Versuchung des Pescara. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) Da ihm Marone das Geleite geben wollte, verfiel Bourbon in eine feiner tollen Launen und wies den Kanzler mit einer possenhaften Gebärde ab. „Adieu, Pantalon mon ami!“ rief er über die Schulter ^Marone geriet in Wut über diese Benennung, welche seiner Person allen Ernst und Wert abzusprechen schien, und entrüstet auf und nieder schreitend, verwickelte er sich mit den Füßen in den liegengebliebenen Mantel des Konnetabel; der junge Herzog aber hielt den Kanzler fest, hing sich ihm an den Arm und weinte: „Girolamo, ich habe ihn beobachte Er glaubt sich hier schon in dem ©einigen. Schließe ab! Heute noch! Sonst entthront mich dieser Teufel!" Noch lag der hilflose Knabe in den Armen seines Kanzlers, als ein qreifer Kämmerer den Rücken vor ihm bog und feierlich das Wort sprach: Die Tafel der Hoheit ist gedeckt." Die beiden folgten ihm, der mit wichtiger Miene durch eine Reihe von Zimmern voranschritt. Eines derselben, ein Kabinett, das keinen eigenen Ausgang hatte, schien mit seiner Tapete von moosgrünem Samt und seinen vier gleichfarbigen Schemeln ein für trauliche Ätitteilungen bestimmter Schlupfwinkel zu sein. In (einer Mitte blieb der Herzog verwundert stehen, denn die Hinterwand des sonst leeren Raumes füllte jetzt ein Bild, das er nicht als sein Eigentum kannte. Es war heimlich in den Palast gekommen, eine ihm bereitete Ueberraschung, das Geschenk des Markgrafen von Mantua, wie auf dem Rahmen zu lesen stand. Der Herzog ergriff seinen Kanzler an der Hand, und beide Italiener näherten sich mit leisen Tritten und einer stillen, andächtigen Freude dem machtvollen Gemälde: aus einem weißen Marmortischchen (pielten Schach ein Mann und ein Weib in Lebensgroße. Dieses, ein helles und warmes Geschöpf in fürstlichen Gewändern, berührte mit zögerndem Finger die Königin und forschte zugleich verstohlenen Blickes in der Miene des Mitspielers, der, ein Krieger von ernsten und durchgearbeiteten Zügen, in dem streng gesenkten Mundwinkel em Lächeln dieses bespüle und unterwasche und so !m Lause langer Zetten ein steiles unb hohes rechtes, ein flaches niedriges linkes Ufer erzeuge. Was nun auch der Grund [ein mag, die Erscheinung ist meistens oder sehr oft fest- zustcllen. Wenn man auf dem hohen Dnjeprufer bei Kijew steht und über den breiten Strom in die weite Ebene der kleinrussischen Wälder hinblickt, wenn man vom hohen Bergufer der Wolga, das bis zur Höhe der höchsten Erhebung der russischen Tafel in Waldai ansteigt, den Blick über das majestätische Wasser aus die Steppe des Wiesenusers gerichtet, über echte Steppe von wilden und künstlichen Fruchtgräsern, so dienen diese Höhen dem Erlebnis von Weite; denn von ihnen aus kann man ein großes Stück der Ebene überschauen und kann sogar — in der reinen Lust — um ein Beträchtliches über den normalen Horizontkreis und die gewöhnliche Kimmlinie hinausschauen. Das Erlebnis der Ebene selbst aber hat man am reinsten und stärksten In der rechten echten Steppe, nördlich vom Kaukasus, zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer, in der Kubansteppe, wo die Kalmücken wohnen. Das Land ist ganz flach gebuckelt, nur ein geübtes Auge erkennt die Bewegung. Es erscheint ein Wasserlauf mit dem, im Spätsommer, der Zeit der größten Hitze und Dürre, trägen Bäche und niedrigen Ufern, wo der gelbe Löß, der als Windfracht die Landschaft aufbaute, sichtbar wird — da liegt in einer Mulde ein Dorf! Es ist nicht zu leugnen: ein Dorf aus grauen Lehmhäusern, wie alle Dörfer in Rußland sich ankündigend durch ein ringsum aufgebautes Vordorf von bohen Heumieten, einige hellgrüne Pappeln stehen in der Nähe. Dann wieder Telegraphenstangen und Telegraphenstangen, von einem Uebergangspuntte des Bahngleises aus strahlen natürliche, ungepflegte, unter dem Schritt von Reitern und Trampeltieren rauchende Wege nach drei Seiten aus; wieder ein Dorf nach einer halben Stunde noch ein Dorf: Die Häuser sind grau, stehen in viereckigen Inseln, haben reichen Hosraum und schmiegen sich ziemlich stach an die Erde, die Straßen sind breit und rauchen vom Staub. Und so geht es fort, tagelang, und höchstens einmal erregt und narrt einen eine Lufspiegelung, die eine Wasserfläche des Dons mit Schiffen darauf über den tiefen Horizont heraufbringt. Nach Norden in einem breiteren Gürtel, der auf die mittlere Wolga stößt und sie überguert, ein ungeheures Ackerland, auch (leicht gewellte) unabsehbare Ebene, das Gebiet der vorn natürlichen Humus der Kräuter zahlloser vormenschlicher Steppenjahre auf den Lößebenen „schwarzen" Erde. Die Dörfer werden stattlicher, bas Vordorf der Strohmieten höher und tiefer, das Land volkreicher, ab und zu überragt die grüne Kuppel einer weihen russischen Kirche das graue Einerlei der Behausungen, und das ist dann ein „Sselo" ein Kirchdorf. Aber Eintönigkeit und Einsamkeit überlagern majestätisch bas Lanb unter einem blauen, weit gespannten, von Falken burchschrienen, von Ablern still befahrenen Himmel. Unb in Inseln unb wie ausschwärmenben Vorposten eines grünen geschlossenen Heeres im Narben, bes Walbes, erscheinen auch schon Gebüsche. Der Walb rückt in größeren Abteilungen vor, wir finb in ber Geaenb von Moskau. Die Dörfer werben stattlich, bie Verbrauchskraft einer Weitstabt brückt sich lanbschaftlich als gewisser bäuerlicher Wohlstanb aus, bas gediegene Holzhaus beherrscht das Aussehen des Dorfes. Indem der Wald stärker vorrückt, bekommt die bäuerliche Landschaft etwas von dem, was wir koloniale Landschaft nennen würden: die Ackerflächen sind oft genutzt, wie sie oorgefunben würben, in bie örtlichen Gelänbegegebenheiten gefügt, mit krummen ober oft unfesten unbestimmten Rainen. Zungeartig leckt in bas Kulturgelänbe ein ungepflegter Nabel- unb ßaubroalb hinein, meist aus Birken gebilbei (es fehlt in ganz Ruß- lanb bie Buche), aber man möchte saft lieber reben von Busch als von Walb. Als halbwilbe Lanbschast erscheint bann bie Natur. Je weiter nach Narben, befto räumiger wird dieser Wald, ber in ben leeren, norbrussischen Provinzen, wo auch bie Seen, biefe Zeichen vereist gewesener Lanbschasten unb bie Sümpfe nicht fehlen Urwalbwesen an= nimmt. In ber Nähe ber großen Flüsse klingt bie Axt unb knirscht bie Säge Flöße werben nach ben baumlosen Lanbschasten bes Sübens slott- gemacht unb bie an sich schon selten ftvubige russische Lanbschast wirb in Nebel unb Regen vollenbs melancholisch. Im Innern biefer Wälber unb Sümpfe, bie hier unb ba von Menschen noch nicht betreten sein bürsten, tappt ber Bär unb schnürt ber Fuchs. Ganz im Narben erniebrigen sich bie Wälber unb bunnen sich aus, eine neue Steppe schiebt sich hinaus gegen bas Eismeer, Steppe mebnger Kräuter über nie auftauenbem Boden, wo in einigen Fuß Tiefe immer Eis steht (wie Salz in ben süblichen Steppen um bie Kaspis), unb über dieser Tundra" wandern halbwilde Polarvölker im mückenreichen Sommer mit ihren Renntierherden und sausen im Winter über endlose Schneeflächen mit ihren renntierbespannten Schlitten. So ist die russische Landschaft im großen ganzen eme Landschaft der Ebene. Seelandschasten finden sich gegen das Baltische Meer hm, aber von Gebirgslandschaften ist in Rußland wenig die Rede. Der Ural erhebt sich im Osten, schmal, waldig und ziemlich flach> mit runden Hohen, mit Landschaftsbildern nicht unähnlich denen unserer Mittelgebirge, des Riesengebirges oder Bayrischen Waldes, düster und melancholisch Im äußersten Süden aber damit auch das nicht fehle, ist, zum eigentlichen Rußland nicht mehr, 'nur politisch zu ihm gehörend, das baumarme, schuttreiche kahle, braune, weiß überfirnte Hochgebirge des Kaukasus an die russische Landmasse und -täfel gerückt, das höher als die Alpen, aber mch.mehr als diese vergletschert (und viel weniger vergletschert gewesen) und nament- lich weniger verbaumt, ohne Seen und das viele sprühendeAlp nwasier den melancholischen landschaftlichen Ernst Rußlands ins landschaftlich Cr_ habene hinübergewandelt zeigt. Der Kaukasus ist f plm mut Gebirge das der Wohlhabende, der ewigen Ebene und ihrer Schwermut '"^ha® if“ Steine große, völlig ebene Halbinsel mit Viehweiden und Salzsteppen, aber im ©üben ist "emes Gebirge^er Ebene angebogen von ber farbigen Nacktheit unb ben H f „ - der Gebirge bes Mittelmeeres, unb Mittelmeerlandschaft nut Lorbeer un- allem immergrünen Zubehör stellt sich unter hm an ber Subsette e n. Etwas weiter gegen ben Kaukasus hm aber,..unter nnwn ben Schneehäuptern unb ben hier bunfelgrunen Hangen liegt bte lanD Jetzt saßen die viere an der nicht überladenen, aber ausgesuchten Tafel. Während des ersten leichten Gespräches besah sich der Herzog insgeheim seine Gäste. Keine Gesichter konnten unähnlicher sein als diese dreie. Den häßlichen Kops und die grotesken Züge seines Kanzlers freilich wußte er auswendig, aber es fiel ihm auf, wie ruhelos dieser heute die feurigen Augen rollte und wie über der dreisten Stirn das pechschwarze Kraushaar sich zu sträuben schien. Daneben hob sich das Haupt Guicciardins durch männlichen Bau und einen republikanisch stolzen Ausdruck sehr edel ab. Der Venezianer endlich war eines schönen Mannes Bild mit einem vollen weichen Haar, leise spottenden Augen und einem liebenswürdigen, verräterischen Lächeln. Auch in der Farbe unterschieden sich die drei Angesichter. Die des Kanzlers war olivenbraun, der Venezianer besaß die durchsichtige Blässe der Lagunenbewohner, und Guicciardin sah so gelb und gallig aus, daß der Herzog sich bewogen fühlte, .ihn nach seiner Gesundheit zu fragen. „Hoheit, ich litt an der Gelbsucht", versetzte der Florentiner kurz. „Die Galle ist mir ausgetreten, und das ist nicht zum Verwundern, wenn man weiß, daß mich die Heiligkeit in ihre Legationen versendet hat, um dieselben zu einem ordentlichen Staate einzurichten. Nichts mehr davon, sonst packt mich das Fieber, trotz der gesunden Luft von Mailand und den guten deutschen Nachrichten." Er wies eine süße Schüssel zurück und bereitete sich mit mehr Essig als Del einen Gurkensalat. „Nachrichten aus Deutschland?" fragte der Kanzler. „Nun ja, Morone. Ich habe Briefe von kundiger Hand. Die Mordbauern sind zu Paaren getrieben und — das Schönste — Fra Martino selbst ist mit Schrift und Wort gewaltig gegen sie ausgetreten. Das freut mich und läßt mich an seine Sendung glauben. Senn, Herrschaften, ein weltbewegender Mensch hat zwei Aernter: er vollzieht, was die Zeit fordert, dann aber — und das ist fein schwereres Amt — steht er wie ein Gigant gegen den aufipritzenden Gischt des Jahrhunderts und schleudert hinter sich die aufgeregten Narren und bösen Buben, die mittun wollen, das gerechte Werk übertreibend und schändend." । Der Herzog war ein wenig enttäuscht, denn er liebte Krieg und Aufruhr, wenn sie jenseits der Berge wüteten und seine Einbildungskraft beschäftigten, während er selbst außer Gefahr stand. Der Kanzler aber . tat einen Seufzer und sagte mit einem wahren menschlichen Gefühle: ! ,Ln Germanien mag nun viel Grausames geschehen." „Tut mir Leid", versetzte der Florentiner, „doch ich behalte das Ganze im Auge. Jetzt, nach Bändigung der trotzigen Ritter und der rebellischen j Bauern, führen die Fürsten. Die Reformation, oder wie ihr es nennen wollet, ist gerettet." „Und Ihr seid ein Republikaner?" stichelte der Kanzler. „Nicht in Deutschland." Auch der schöne Lälius gönnte sich einen Scherz. „Und Ihr dienet dem ' Heiligen Vater, Guicciardin?" lispelte er. Dieser, dem das süßliche Lächeln widerstand und den seine Gelbsucht reizbar machte, antwortete freimütig: „Jawohl, Herrlichkeit, zur Strafe meiner Sünden! Der Papst ist ein Medici, und diesem Hause ist Florenz verfallen. Ich aber will nicht aus meiner Vaterstadt vertrieben werden, denn flüchtig sein ist das schlimmst« Los und gegen feine Heimat zu Felde liegen das größte Verbrechen. Der Heilige Vater weiß, wer ich bin, und nimmt mich nicht anders, als ich bin. Ich diene ihm, und er hat nicht über mich zu klagen. Aber ich laste mir nicht das Maul verbinden, und so sei es mit Wonne ausgesprochen unter uns Wissenden: Fra Martino hat eine gerecht« Sache, und sie wird sich behaupten." s Dem Herzog machte es Spaß, und er empfand eine Schadenfreude, es zu erleben, wie der große germanische Ketzer von einem Sachwalter des Heiligen Vaters verherrlicht wurde. Freilich überlief ihn eine Gänsehaut, daß solches in feiner Gegenwart und in feinem Paläste geschehe. Er winkle die Diener weg, welche eben die Früchte aufgesetzt hatten und der spannenden Unterhaltung ihre stille Aufmerksamkeit widmeten. Jetzt forderte Morone, der sich auf seinem Stuhle hin und her geworfen, mit flammenden Augen den Florentiner auf: „Ihr seid ein Staatsmann, Guicciardin, und auch ich piusche ins Handwerk. Wohlan, begrün- ; bet Eure merkwürdigen Sätze: Bruder Martinus tut ein gerechtes Werk, I und dieses Werk wird gelingen und dauern." Guicciardin leerte ruhig feinen Becher, während der schöne Lälius ein Zuckerbrot zerbröckelte, der Herzog nach feiner Art sich im Sessel gleiten ließ und Morone begeistert von dem feinigen aufsprang. „Nicht wahr, Herrschaften", begann der Florentiner, „kein Kind, kein Tor würde es ertragen, wenn ein Ding vorgeben wollte, dasselbe Ding geblieben zu fein, nachdem es sich in fein Gegenteil verwandelt hätte, zum Beispiel das Lamm in den Wolf, oder ein Engel in einen Teufel. Wie ' wir nun in unferm gebildeten Italien von der heiligen Gestalt denken mögen, die sich in den Päpsten fortsetzt, eines ist nicht zu leugnen: daß sie nur Gutes und Schönes gewollt hat. Und ihre Nachfolger, die das Werk und Amt des Nazareners übernommen haben — sehet nur die viere der Wende des Jahrhunderts! Da ist der Verschwörer, der unfern gütigen Julian gemeuchelt hat! Dann kommt der schamlose Verkäufer der göttlichen Vergebung! Nach ihm der Mörder, jener unheimliche zärtliche Familienvater! Keine Fabelgestalten, sondern Ungeheuer von Fleisch und Blut, in kolossalen Verhältnissen vor dem Auge der Gegenwart stehend! Und der vierte, den ich von jenen trenne: unser großer Julius, ein Heros, der Gott Mars, aber ein Gegensatz noch schreiender als jene dreie zu dem fanftmütigen Friedestister! Viermal nacheinander dieser Widerspruch, bas ist ein Hohn gegen die menschliche Vernunft. Es nimmt ein Ende: entweder verschwindet jene erste himmlische Gestalt in dieser dampsenden Hölle und flammenden Waffenschmiede, ober Bruder Martinus lost sie mit einem scharfen Schnitt von solchen Nachfolgern und Amtsbrüdern." „Das ist lustig", meinte der Herzog, während der Kanzler wie besesten In die Hände klatschte. „Eine Predigt Savonarolas", ließ sich der schone Lelio oemehmen, ein Gähnen verwindend. „Wenn wir Fra Martino in Venedig hätten, so konnten wir ihn zügeln und sachdienlich verwenden. Aber seinem germanischen Trotzkopf überlasten, wird er, fürcht' ich, über kurz oder lang dem andern auf den Scheiterhaufen folgen." „Nein", versetzte Guicciardin heiter, „seine braven deutschen Fürsten werden ihr Schwert vor ihn halten und ihn schützen." „Doch oer schützt feine Fürsten?" spottete der Venezianer. Guicciardin schlug eine fröhliche Lache auf. „Der Heilige Vater", sagte er. „Sehet, Herrschaften, bas ist eine jener verdammt seinen Zwickmühlen, wie sie der Zufall oder ein Besserer in der Weltgeschichte anlegt. Seit unsere Päpste sich verweltlicht haben und einen Staat in Italien besitzen, ist ihnen das kleine Zepter teurer als der lange Hirtenstab. Ist nicht, diesem Zepter zuliebe, unser Clemens im Begriff, dem frommgläubigen Kaiser förmlich den Krieg zu erklären? Einem Heiligen Vater aber, der mit Kanonen auf ihn schießt, wird Karl kaum den Gefallen tun, feine töpfern germanischen Landsknechte in die Kirche zurückzuzwingen. Und umgekehrt: wenn die ketzerischen deutschen Fürsten gegen die Kaiserliche Majestät sich empören und Panier aufwerfen, wird der Heilige Vater nicht ihre Seele vorläufig in Ruhe lassen und sich heimlich ihrer Waffen bedienen? Unterdessen aber wächst der Baum und streckt seine Wurzeln." Jetzt wurde der Herzog unruhig. Es kam die angenehme Stunde seines Tagewerkes, in welcher er seine Hunde und Falken mit eigenen Händen fütterte. „Herrschaften", sagt« er, „mich würde dieser germanische Mönch nicht verführen. Man hat mir sein Bildnis gezeigt: ein plumper Bauernkopf, ohne Hals, tief in den Schultern. Und feine Gönner, die faxonifchen Fürsten — Bierfäßer!" Guicciardin zerdrückte den feinen Kelch in der Hand und einen Fluch zwischen den Zähnen. „Es ist schwül hier im Saale", entschuldigte er sich, und gleich hob der Herzog die Tafel auf. „Wir wollen frische Luft schöpfen", meinter er. „Auf Wiedersehen, Herrschaften, nach Sonnenuntergang, im grünen Kabinette." Er verließ das Zimmer, um dem Venezianer, an welchem er ein Wohlgefallen sand, feine Gebäude, Terrassen und Gärten zu zeigen. Cs waren noch jene unvergleichlichen Anlagen, welche der letzte Visconte gebaut und mit feinem gespenstischen Treiben erfüllt hatte, die Heber* bleibsel jener „Burg des Glücks", wo er, wie ein scheuer Dämon in feinem Zaud erschlösse, Italien mit vollendeter Kunst regierte, und aus welcher er seine Günstlinge, sobald sie erkrankten, wegtragen ließ, damit niemals der Tod an diese Marmorpforten klopfe. Ein guter Teil der alten Pracht war verfallen, oder zertreten und verschüttet durch den Krieg und die neu aufgeworfenen Bollwerke. Immerhin blieb noch genug übrig für die si^neichelnde Bewunderung des schönen Lälius, und Franz Sforza verlebte ein paar hübsch« Stunden. Nur ba sie eine Reitbahn betraten, welche ber Bourbone während seiner mailändischen Statthalterschaft errichtet, verschatteten sich die fürstlichen Züge, um sich dann aber gleich wieder zu erheitern. Er hatte das schallende Gelächter Guicciardins vernommen und darauf diesen selbst erblickt, der sich in eine ländliche Veranda hemdärmelig mitten unter lombardische Stallknechte gesetzt hatte, mit ihren Karten spielte und einem herben Landweine zusprach. „Die Vergnügungen eines Republikaners", spottet« Franz Sforza. „Er erholt sich von seinem fürstlichen Umgänge." Der schöne Lelio lächelte zweideutig, und sie setzten ihren Lustwandel fort. Der erste, welcher sich in dem moosgrünen Kabinett« einfand, wenn er es nicht etwa gleich nach aufgehobener Tafel betreten und nicht wieder verlassen hatte, war Girolamo Morone. Er stand vertieft in das Bild. Eine Weile mochte er bfe entzückten Augen an dem holdseligen Weibe geweidet haben, jetzt aber durchforschte er mit angestrengtem Blicke das Antlitz des Pescara, und was er aus den starken Zügen heraus ober in biefelben hinein las, gestaltet« sich in bem erregten Manne zu heftigen Gebärden und abgebrochenen Lauten. „Wie wirft du spielen, Pescara?" stammelte er, die schalkhafte Frage, die in Viktorias unschuldigem Auge lag, ingrimmig wiederholend und die pechschwarze Braue zusammenziehend. Da erhielt er einen kräftigen Schlag auf die Schulter. „Verliebst bu bich in bie göttliche Viktoria, bu toumpf?" fragte ihn Guicciardin mit einem derben Gelächter. „Spaß beiseite, Guicciardin, was denkst du von dem hier mit dem roten Wamse?" und der Kanzler wies aus den Feldherrn. „Er sieht wie ein Henker." „Nicht, Guicciardin. Ich meine: was sagst du zu diesen Zügen? Sind es die eines Italieners ober bie eines Spaniers?" „(Eine schöne Mischung, Morone. Die Laster von beiden: falsch, grausam und geizig! So habe ich ihn erfahren, und du selbst, Kanzler, hast mir ihn so gezeichnet. Erinnere dich! in Rom, vor zwei Jahren, da der witzige Jakob uns zusammen über den Tiber setzte." „Hab' ich? Dann war es der Irrtum eines momentanen Eindrucks. Menschen und Dinge wechseln." „Die Dingk, ja; die Menschen, nein: sie verkleiden und spreizen sich> doch sie bleiben, wer sie sind. Nicht wahr, Hoheit?" Guicciardin wendete sich gegen den Herzog, welcher eben eintrat, und dem der Venezianer auf bem Fuße folgte. Die vier grünen Schemel besetzten sich, unb bie Türen würben verboten. Das offene Fenster füllt« ein glühenber Abendhimmel. „Herrschaften", begann der Herzog mit würdiger Mienex> „wie weit die Vollmachten?" „Meine Bescheibenhett". sagte ber schön« Lälius, „ist beauftragt, abzuschließen." „Die Weisheit des Heiligen Vaters", folgte Guicciarbin, „wünscht ebenfalls ein Ende. Die Liga war längerer der Liebling ihrer Gedanken: sie stellt sich, wie ihr gebührt, an die Spitze, mit Vorbehalt der schonenden Formen des höchsten Hirienamtes." „Die Liga ist geschlossen!" rief der Herzog mutig. „Kanzler, statt« Bericht ab!" (Fortsetzung folgt.) QJeranttoortlicb: vr. HanSThyr io t. — Druck und DerlagiDrühlFch« Univ er sitätS^Duch» und St«indrucker«i.R. Lang«, Giehen.