Geheim Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1930 Freitag, den 31- Oktober Nummer 8$ Lleberschnst: Hessen. Von Albert S). Raus ch*. Land meiner Liebe, Ruhstatt meiner Träume, Ich mußte deinen Wonnen lang entsagen, Eh mich das Duften deiner Apfelbäume Ganz in den mütterlichen Schoß getragen. Ich mußte viele fremde Zungen lernen, Eh deines Stammes Laute mich bewogen, Und bin, geführt von unbekannten Sternen, Zu mancher dunklen Reife ausgezogen: Ich gab mich hin den Lüftöll, die all? granten Noch heute schmeichelnd meine Stirn umfptoren. Wenn auch schon lang dem lichtenden Gedanken Die welschen Hoffnungen zum Opfer sielen. Ich gab mich preis dem dunkelblauen Süden Und schied als einer, der sich halb verloren — So nahm am Ende seiner Fahrt den Müden Die Erde wieder auf, die ihn geboren. Der Schlund. Roman von Alfred Bock. „Der Schlund" nimmt unter den Erzählungen Alfred Bocks eine Sonderstellung ein; er gehört zu den wenigen Werken in der deutschen Literatur, welche die Kriegszeit auf den hessischen Dorfe schildern: ein Volks- und Heimatroman, der gerade in unseren Leserkreisen eine günstige Aufnahme finden füllte. Es war im Erntemonat. 35eh ganzen Taä über hatte es gewittert. Erft gegen Abend verzogen sich die dunkelgebollE Wolken. Die Sonne, eh" daß sie zur Rüste ging, überstrahlte noch einmal das Dorf, die dampfenden Wiesen und den rauschenden Bach, der sich mit Ungestüm aus das mächtige Schaufelrad d?t Neumllhle stürzte. Die Höhen, die das Tal umsäumten, schienen von roter Glut entzündet. Die Luft war feucht und schwül. Vor der Mühle, einem stattlichen Fachwerkbau, der seinen Giebel der Straße zukehrte, standen kleine und mittelschlägige Bauern in eifrigem Gespräch. „Wie ift’s dann mit deinem Franzos'?" „Ich muß mir die Lung' aus dem Hals kreischen, ehnder der Kerl mich versteht." „Etz meiner, der hat eine Schnut' wie ein Schermesser und kann auch deutsch schwätzen." „Ich hab ein’, der ist Metzger daheim. Und spricht, er wär in feinem Fach so groß wie der Napoleon.” „Daß heiß ich den breiten Schuh anziehen." „Was batt’ das Gewerks mit den Rothosen! Geht in die Kirch und bet’, daß wir ander Wetter kriegen." „Das Beten hilft nix, das wird man in dem Krieg gewahr." „Gest’ ist der Schreiner Pflichter aus der Stadt bei mir gewesen." „Ach, der Dolpch!" „He ist matfelig worden wie ein Sack voll Geißenhörner und hat sich bei mir emal richtig satt gessen." „Die Stadtleut sind sehr zu bedauern." „Wer sagt das? Früher hatten sie volle Bäuch’, wußten vor Stolz Wt, wie sie sich aufsprauzen sollten. Alleweil sollen sie emal spüren, wie der Hunger tut." „Ich hab selbst net viel zu knappem. Aber wann so einer ausgehungert bei mich kommt, ich bring’s net fertig, daß ich ihn fortschick." „Wer keine Frucht zieht, braucht auch keine zu futtern." „Wir müssen uns schinden bis aufs Blut. Aus der Stadt kommt «Mer, der uns hilft." «Und die Stadtkinder?" „Die (ungern den ganzen Tag hier herum." „Und find schnäubig bis dort hinaus. Nix ist ihnen gut genug." * Wir entnehmen diese Strophen dem von den Verkehrsvereinen ütiebberg und Bad-Nauheim sowie der Kurverwaltung Bad-Nauheim Wausgegebenen schönen Bändchen „D a s Land um Friedberg und Bad-Nauheim" von Albert H. Rausch; wir behalten uns I u°r, demnächst ein wenig ausführlicher darauf zurückzukommen. „Wie man da seine Erfahrung macht. Ich hab ein' Jung' aus Schwelm. Der ist sehr ordentlich und tut, was er einem an den Augen absehen kann. „Sie Neumüllern ist auf ihr Stadtmädchen ganz narrig." „Wo ist dann das her?" „Aus Bochum." „’s ist ein keck Tier!" „Die Neumüllern hat keine Kinder. Da kann man's verstehn. Ich hakt ein' Jung aus Barmen. Der stahl wie ein Ratz. Ich war froh, wie sie ihn heimschicken taten." „Vor’m Krieg waren wir die dummen Bauern. Alleweil sind wir den Stadtleut’ gut genug, daß wir die Katz durch den Bach schleifen müssen." „Und als das Getäts mit den Lebensrnittel." „Das Hemd ist mir näher wie der Rock. Ich sorg vor. Wer weiß, wie lang der Krieg noch dauert." „Wann sie draüß' nix mehr zu acheln haben, hört der Krieg auf." „^d nu die Verordnungen! ’s wird einem ganz fchwimmelig." , Die VerorvT"-müssen fein, sonst sind wir all’ verloren." .Mann der Handel fkK hä» die Welt ein ander Gesicht." „Die uns mit den Verordnungen ^‘ferfyauen, tun s in den eignen Sack." «Nach dem Krieg gibt’s nur noch Settelleut und paßt der Regierung in ihren Kram." „Sie Oberen haben den Krieg gemacht." „Besser ein offener Krieg als ein schlechter Friede." »Du Klotzkopp, frag emal die im Feld stehn, ob die den Krieg wollen!" 3 »Und’s geht herüber und hinüber. Von Aufhören ist keine Red'." werben'"005 !Diori)0e^ä^ ohne Not angefangen haben, sollten gevierteilt „Kann dann unser Herrgott wollen, daß die Menschen so hingeschlacht' werden?" „Unser Herrgott weiß, was er tut." „Sas spricht man so." „Sos Feuer muß die Kerl' verzehren!" „Früher war man Herr über seine Sach. Alleweil steckt der Kom- munalverband seine Nas' in alles." „Sie sind beim Deubel in die Schul gangen." „Ich kann das Geplatz gar net hören. Deutschland muß etz einig sein, sonst kommt der Franzos an den Rhein." „Wann ich mein Werk beisammen hab, dernachert ist's mir einerlei, zu was für einem Land ich gehör." „Seit siebzig sind wir sowieso preußisch worden." „Wir sollen gehorchen und haben kein Vertrauen." „Wann ich kein Recht hab, wodefür bezahl ich meine Steuern?" „Man meint, der jüngst Tag wär net mehr weit." „Die Postbotenmarie verzählt, die Engländer haben Kläpp gekriegt." „Wer kann sich dann babrüber freuen, wo's immer soviel Opfer kost'!" „Die Engländer kriegen wir net klein. Die sind zäh!" „Du mußt's ja wissen, du sürcht’st dich, wann dir eine Mück an der Nas' vorbeifliegt." „Halt doch dein schlecht Maul! Ich hab zwei Buben im Feld. Deine gehn noch in die Schul.” „Habt Ruh! Der Neumüller hat sich die Tag erst über den Spektakel beschwert." „He trippelt vor Schmerz." „Der Steckschuß macht ihm viel zu schaffen." „Wann sich der Granatsplitter bei's Herz drückt, legt er den Löffel hin." „He hat Fieber und reb’t auch als irr." „Ich schätz, he bringt kein Schiff mehr aufs Wasser." „Borgest' war der alt Boller bei ihm. Der tat ihn erst mit Rinds- fett einreiben, bann tat er Räucherwerk anstecken und schrakelt' um ihn herum. Dabrauf fühlt' he sich leichter.” „So lang's dauert.” „Wohin man guckt, schlägt einem das Elend unter die Augen." „Heut morgen verzählt mir der Schollehupper: 's war ein Mann in Queckborn, der hott feine achtundsiebzig auf dem Buckel. Und tat sich bei der Arbeit noch martern. Da fiel fein Sohn. Vierzehn Tag drauf sein Enkel. Und da saß er bei seiner halbblinden Schwiegertochter. Und ging auf den Boden und hing sich auf." „Die Menschen sind im Unglück verschieden. Drüben in Beuern ist ein Mann. Der schreibt sich Stammler und ist bei den Frommen. Er lag krank. Und da kam die Nachricht, daß sie fein’ Sohn in Rußland hinterrücks erschossen hatten. Und da ließ er sich das Bild von dem Jung' ans Bett bringen, guckt's an und spricht: ,Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!’ Und stand auf und ging auf fein' Acker." Lachte wurde von G^echt zu Geschlecht bewahrt. In den fünfer ~ ' ______ iL. hör 'Tftühto her auf ashiiinTltSÜo5e anders, als die Künstler ihn sahen. Sein ft* wäqelchen kamen und die Uniform sahen, dachten sie s war der Gendarm und machten risch kehrt. Die Bäckerslore fuhr behaglich den Weg erabber und trag in der Mühl de erst ihr Mehl! "(Ein Gewitter muß den Hund verschmeißen!" schimpste der Sand- ^an$er‘ Speckmichel bollerte: „Dem Neunoos sollt man Butter auf den Rücken schmieren mit einem Eichenknüppel und recht dick! Selbdritt schafften sie die Säcke in die Mühle. Die Neumullern, eine große, kräftig gebaute Frau, stand an der Waage. Das Gewicht der Frucht wurde festgestellt, worauf der Sandhannes und der Speckmichel ihr Mehl erhielten. Von Mahlscheinen, wie das Gesetz sie verlangte, war keine Rede. .. „Hast du dann schon ein' Gaul?" richtete der Sandhannes an die Neümüllerin das Wort. „Ree", entgegnete sie. „Ich weiß dir ein'!" Ein' jungen Wallach und gut gehafert. "Was soll er dann kosten?" „Achttausig Mark!" ''Wann^du^kein'^ alten Kloben willst, mußt du soviel herausrücken. Du 'hast's doch wahrhaftig net nötig, daß du die Bohnen aufpetzst. In Geschüftssachen nehm ich's genau!' sprach die Reumullerin spitz" und schritt an den Männern vorbei ihrer Stube zu. 2. Mehr denn hundert Jahre war die Neumühle Eigentum der Familie Schüttler. 1813 hatte der Neumüller Konrad Sdjüttler mit seinen beiden Füchsen den Feldmarschall Blücher, der von Fulda kam, in die Kreisstadt gefahren Das Wirtschaftsbuch, worin er darüber Aufzeichnungen liaui geiuyien. u» i homahrt 5tn den funfmaer ^"uebri?ens' war es damals für einen von der jungen Generation nicht mehr leicht, den schon etwas resignierten Kämpen für sich zu wter essstren- zumal er der modernen Kunst wenig Sugetan war, und Worte des Spottes und der Ironie hatte, wie er selbst sie emst gegen seine Vorgänger verspritzte. Arno Holz sah sich anders, ais uie nu;>|u« u/ll |UV.... . querster naturalistischer Sinn wußte sich mit der mehr auf .. auf Nachahmung eingestellten Kunst nicht anzufreunden. ch den Dichter durch einige graphische Vorstudien, 'N denen er s ch sich erfreut, wiederzuerkennen vermemte zutraulicher Sest'mmt hast, -3 ich mit meiner Büste. Später schlossen sich noch 12 radierte Matter, T die Monumental-Ausgabe seiner gesammelten Werke an, die dan Jahren war ein Schüttler Besitzer der Mühle, der auf ochöcknlUSVMe Weise allerlei Krankheiten heilte. Rings ®6 dell Dörfern, ja weither strömten die Bauern herb^ß Ds» Gehandelte er ohne Entgelt. Dem Heilkundigen waren Mes Nachts in seinem Garten sechs ,unge Dvst- bäuiH» ^-‘famltten worden. Da hob er die Erde heraus, 'N der sich die »ußspuren des Bösewichts abgedrückt hatten und schob die Schollen mit den Fluchworten in seinen Backofen: »Wie ihr hier verborg: so soll d Wul verdorren, der me ne Baum verfinzelt hat! -dur selven eu r ue braA der Kühbauer Schmelzer in der Wassergasse, der Mit dem Muller Erst Daniel Schüttler, der Vater des jetzigen Besitzers, ein kluger, reg- r ' , «J-nn frfiaffte Wandel. Er sorgte für einen gut geschotterten zu versehen. _____________ „Wann man's recht betracht', ist's doch so: die Guten müssen dran i dau'ben, die Nixnutzer kommen devon." „Und bei all dem Ungerück fischen die Reichen vorn. 'Und ihre Buben haben sie bei den Munitionskolonnen. Die vorige Woch haben die Soldaten beim Speckmichel visitiert. Liner ging in den Hühnerstall und sippst' Eier. Das wurd dem Speckmichel gemeld't. He lacht und spricht: ,Der Lands mag die Eier behalten!' Auf dem Hof stand ein Wagen Mist. Dadrunter war die Frucht 9crft(?(f elf/' u Der Speckmichel ist mit allen Hund' gehetzt." „He ist mit der Neumüllern versippt." „Die is net besser." „ Die braucht net zu grapschen, der wird s gebracht. Gut dast die Säck net schwätzen können. m t "Sie'hat sich in allerlei Schleifen gehängt, verlehnt Geld und macht Geschäfte wie der Isaak." . „ Daß ihr der Gaul gefallen ist, war ein harter Schlag. ".Die zipfelt's dreidoppelt wieder heraus." Am Fordern, denkt sie, ist noch keins zugrund gangen. . „Der Ohrlitz, der alt Schilcher, spricht: ,Wer alleweil net em wink Epitzbub ist, der kann net als ehrlicher Mann bestehn! Die ernsten Mienen der Männer hellten sich auf, und sie konnten ^Das Dorf mg in. schwarze Schatten gehüllt. Hinter der Wolfshöhe stieg der Mond empor und schickte sein blasses Licht herab. Der Speckmichel und der Sandhannes hatten sich vor ihre Spitz- bubenwäqelchen gespannt, die mit Säcken von Weizen beladen waren. Sie fuhren den Mönchwieserweg entlang. Die Spitzbubenwagelchen spielten eßt eine große Rolle. Was den Bauern an Getreide von Amts wegen zugemejsen war, reichte für ihren Bedarf nicht aus. Darum griffen sie zu unerlaubten Mitteln. Frucht wurde heimlich auf der Tenne geklöppelt oder, wenn der Wiegemeister einmal den Blick verwandte, von der Dreschmaschine weg beiseitegeschafst. Das !o öusammengebrachte Getreide wurde nächtlicherweise auf Handwagen tn die Muhle gefahren. Die Neumüllerin, die Gefahr lief, bestraft zu werden, glaubte sic^schad- lo« halten zu müssen. Sie gab an Gemahlenem nur das halb» Zwickst des zugeführten Getreides heraus. Das Mehl^ das ,0 gewann, verkaufte sie zu wucherhaft hohen Preisen Bauern, die keine Frucht zogen, oder an Städter. _ „Wie geht's Lipps?" fragte der Sandhannes, ein Fünfziger mit fcto'^ooqener Nase und lang herabwallendem grauen Bart Der Speckmichel, ein kleiner Mann, fett une eine Otter, "ersetz e. Er ist von der Batterie fortkommen. Sie haben ihn bei ine Feld- tiirh' kommandiert. Da hat er nix auszustehn. s „So, so", machte der Sandhannes und fugte hinzu: „Wann werden wir"dann Frieden kriegen?" Der Speckmichel zog die Brauen hoch. Das ttebt im Strandel. Hält ich mein’ Jung net daruh, meinet« wegen könnt der Krieg noch ein paar Jahr dauern. Wir Bauern können alleweil gut Häuseln. Im Frieden, schätz ich, wird s uns kratzig gehn. 2Das6mag^‘e?n.e21ber dernachert hört die Dienstleutnot auf. Du hältst wieder emal Glück, daß du den Knecht in Albach austripfchen tatst. „He mäht leicht und seine Eens glimmert. . , Das hörte man gern. Da fällt mir em, Donnerstag war ich n Oppenrod. Und da begegnet mir die Schusterklar. Sie spricht, du sollst auf ihr Kcsthrinche obacht geben." Der Speckmichel zuckte die Achseln. ... „So ein jung Ding ist bös hüten. Ich hab ausspekustert, daß sie sich mit dem Knecht eingelassen hat. Und bin murremausstill. Mach ich Spektakel, kündigt he mir, und ich sitz im Sc.>amassel! „Dadrauf darfst du's^nef ankommen lassen." ^Meiner1 BAeibtheit fiel dem Speckmichel das Ziehen des Wägel- ^^^,Tu^sacht", sprach er zum Sandhannes, „ich will ein wink schnaufen!" gerade in Vorbereitung war. .. »nrita 9 Es war nicht leicht, für diesen merkwürdigen, mit einem SncK behafteten Dichterkopf die künstlerischen Ausdrucksrnsttel zu faft war ein unermüdliches Modell; em halbes Jahr lang war , nunen, täglich beisammen, um unsere Blatter für die Ausgabe S ! zubringen. Mit der ihm eigenen fuggeftioen Ueberzeugungsgabe^ mochte er mich immer wieder an die höchst undankbare ptot|C fesseln, zwölf charakteristische Darstellungen von ihm m die Kupfe v 3U BabeTlernte ich den Herrn der Stübbenburg buchstäblich von alle» Seiten kennen. Ich traf ihn schlafend, schreibend, sich rasierend oder^ & Mittagessen, und in fast allen Situationen entstanden Zeichnunge war nicht leicht, ihn, der sich gern etwas idealer sah als er Er hielt an. Der Sandhannes tat ein Gleiches und fragte: „Wie ist's mit deiner Scheck?" , .. „Der Viehdoktor war da", antwortete der Speckmichel. „Der hat ihr was eingeschütt', aber sie würgt noch." . , ,,. ©ein Wunder, daß das Vieh bei dem miserablen Futter teufelhaftig wird. Letzt hat der Ortsdiener ausgeschellt, der Kommunalverband gab ein neues Futtermittel ab. Milchfutter heißen sie s. Diesen ^Nachmittag bin ich deswegen beim Burgemeister gewesen. He trag em Kopf rote ein Kapaun und sagt: .Kauf dir ein’ Sack, häng ihn m der Kuch auf und melk ihn. Dernachert hast du Milch!' Betrug, nix als Betrug! Der Speckmichel spuckte aus. „Man muh die Betrüger wieder betrügen! Sie drosterten weiter und näherten sich der Muhle, deren Klippern und Stampfen vernehmbar war. An der Einfahrt empfing sie der alte Ohrlitz. Der hatte früher selbst eine Mühle besessen, die er verkaufte, nachdem er mit seinen Kindern in Streit geraten war. Jahrlang lebte er als Rentner. Bei Ausbruch des Krieges stellte er sich dem Neu- müller zur Verfügung, dessen Knecht einberufen worden war. Er war mit allen Salben geschmiert. „ r, Gu'n Abend beisammen", rief er. s ist schwäch. Gelle? Gest Nacht hält' ihr was erleben können. Wir saßen und aßen, aus Dem Ort ließ sich keins blicken. Auf einmal rückt die Bäckerslohre an. Ein Wink später ihr Mann. Der haft' ein' Militärmantel um und em Helm auf dem Kopf. ,Wo hast du die Uniform her?' fragte ich ihn. ,Von einem Landstürmer', sagt er und lacht dreckig. ,Was sollen dann die Fastnachtspossen?' pfiff ich ihn an. .Das kannst du dir an den fünf Fingern abrechnen', fragt er. ,Wer zuerst kommt, mahlt 3uerft! He haft seine Frau in die Mühl geschickt und haft sich qpf den Mönch« roieferroeg gestellt. Wie die Leut aus dem Dorf mit ihrem Spitzbuben- Oie (Stübbenburg. (Erinnerungen an Arno Holz. Von K. Harald I! «nsta;^ In feinem vexstMbten, "sagenhaften Dachatelier in der Stübbenstraße zu Schöneberg lernte ich Arno Holz kennen. Ein lunger Anhänger d Dichters hatte ihn zu gewinnen vermocht, sich von mir mobellteren z lassen. Auf einen Sonderling corbereit^, erstieg ich etwas schuchtern dic zahllosen Stiegen zur „Ritterburg", wi? Holz seine abgelegene 2(rbeit ftätte bezeichnete. Eine mächtige Stimme veranlaßt mich, emzutreten. Ich sah mich in einem eigenartigen Kaum, halb Atelier, Wohnung. Wenia vaßte das laute Organ zu dem ziemlich kleinen Mann, dem ich gegenuberstanb. In einer abgetragenen Hausjacke, m' ' e|“ ®(1’ mcifter als einem Dichter gleichend, saß er m dieser absurden Bude, Du ihn bereits ein halbes Menschenalter beherbergte. Dicker Agarrenrauch stand im Raum Der Ausblick durch die Fenster war ziemlich durstig • entimXSr ©taub lagerte über allen Dingen feit amen 8* Hausung. An den Wänden zerfetzte Tapeten. Mit Stolz w es mich Der Dichter später auf die schöne goldgelbe Patina em?- unbedeutenden G ps- reliefs hin, das durch den Qualm seiner ungezahlten starken Änporten im Lauf der Jahrzehnte einen, wie er sagte, unbezahlbaren Ueverz g Tat wa er sich s 1 Leben i einmal, ostpreuß In j und sein licher S noch eir Tag uni ziemlich schnell c Zeit die An s Daseins, zu beschi tasus", i meinfam verschied hat, vol Zahl als schen Lr gemeinst Diese mmgen Wenn S Werkstatt ein Dich sxitzmasä Stift sch Schönhei mit diesi einem so sich das Die in di Teile bei Den Bog Einrn war, ent völlig ir brachte. Im ü nung. S gestapelt! leeren u Berbrau! Mcken, waren. 9latw auf Fra, aufgelegt Deutsche ter ober Heine m während formuliei besten je einer Ze »Ein gro Zeit war Mit mancher Dem es i Dabei h< gläubiges seherin u merkwür! Sein geschehen weitaus erklärt fi Mitarbeii Herr zu In ai Behausm ten roibn Barren । ihm in jt Wir s nung, sie stand Ho Geschick s Sum ©(ü, Nachd immer st Wohnunc Gefährtin krank gei unheilbar dem Dich bei Holz, gewiß nil . Erst d Mir die e lag der Tat war, gerade sür die gelungensten Blätter zu gewinnen. Labei war er sich seiner äußeren Wirkung ziemlich bewußt. „Mein größtes Pech im Leben ist es, daß ich um einen Kopf zu klein bin", versicherte er mir einmal. Um so mehr reckte sich der kämpferische Geist hinter der starken ostpreußischen Stirn. In jene Zeit fiel seine Ernennung zum Mitglied der Dichtcrakademie und seine erregte Attacke gegen ihre veralteten Satzungen. Mit unbeschreiblicher Stärke und Siegesgewißheit zog er von seiner staubigen Burg noch einmal zu Felde, im Glauben, für eine große Sache zu kämpfen. Tag und Nacht feilte er an seiner Polemik, von der er dann bekanntlich ziemlich unverrichteter Sache lassen mußte. Seine Art war es überhaupt, schnell aufzubrausen, zäh auf seinem Standpunkt zu verharren, bis die Zeit die Waffen etwas anrosten ließ. An seine dichterische Sendung glaubte er bis zur letzten Minute seines Daseins. Neue entscheidende Werke schienen ihn zu jener Zeit nicht mehr zu beschäftigen. Er arbeitete nur noch an der letzten Fassung des „Phan- tasus", die zwar vollendet, aber noch nicht im Druck erschienen ist. Gemeinsam mit seinem Freund und Anhänger Robert Reß, der sich durch rcrschiedene Schriften über das Werk Arno Holzens bekannt gemacht hat, vollzog sich diese Arbeit. Reß schrieb damals an dem Buch „Die Zahl als formendes Weltprinzip", in dem es sich um das in der Holz- jchen Lyrik angewandte Zahlengesetz handelt, anhand dessen sie damals gemeinsam dem „Phantasus" die letztgültige Fassung gaben. Dieses Gesetz übertrug Robert Reß in seiner Schrift auf alle Erscheinungen des Kosmos. Es ging schon seltsam zu auf der Stübbenburg. Wenn Holz schrieb, kam einem unwillkürlich der Begriff der Dichter- werkstatt. Denn seine Arbeitsweise war wohl die eigenartigste, die bisher ein Dichter anwandte. Zu Holz gehörten zwei Dinge: seine Bleistiftspitzmaschine und seine große Schere. Mit stets aufs feinste gespitztem Stift schrieb er seine kunstvollen Zeilen in wahrhaft kalligraphischer Schönheit. Dann schnitt er sie zeilenweise vom Bogen ab und hantierte mit diesen zahllosen Versstreifen wie ein Baumeister, indem er sie auf einem sauberen Bogen hin und her, unter- und übereinander schob, bis sich das Ganze seinem strengen Formengesetz fügte. Auf großen Pappen, die in der Stübbenburg heilig behütet wurden, lagen so manchmal große Teile des Werkes zerschnitten da, um dann mit Klebstoff endgültig auf den Bogen fixiert zu werden. Einmal, als alles bereits auf einem langen Tisch zum Kleben fertig war, entstand plötzlich ein heftiger Windstoß, der die Arbeit vieler Tga- oöllig durcheinanderwirbelte und den Dichter fast um {ein» «nfftino brachte. " u 11 a Im übrigen herrschte auf der Stübbenhur» tQft pedantische Ordnung- So hatte Arno Holz feine Ko^ponde^ in zahllos gestapelten Zigarrenkisten ^verliehst registriert. An Zigarrenkisten, leeren und Rollen, roar überhaupt kein Mangel dort oben. Der große - «rtT vielen Jahre hatte bereits einen regelrechten Zigarren- zusammengebracht, der nur unterbrochen wurde von enormen Säcken, die mit dem Abfall seiner zerschnittenen Manuskripte angefüllt waren. Natürlich kamen wir während der zahllosen Sitzungen immer wieder aus Fragen der Kunst; dann wurde Holz, der meist zu lauten Scherzen ausgelegt war, unerbittlich. Er hatte die feste Ueberzeugung, daß die deutsche Dichtung erst durch sein Werk die ureigene Form erhalte. Klassiker ober lebende Dichter ließ er nur selten gelten. Ich glaube, daß ihm Heine nach der liebste war. Am meisten belustigte es ihn, wenn ich während meiner Arbeit Bemerkungen in einer Art van Knittelreimen formulierte; vielleicht dokumentierte ich ihm als Unzünftiger damit am besten seine alte Fehde gegen den Reim. Einmal empfing er mich mit einer Zeile aus dem II. Teil des „Faust", die es ihm angetan hatte. „Ein großer Kahn ist im Begriffe, auf dem Kanäle hier zu fein." Lange Zeit war es das geflügelte Wort auf der Stübbenburg. Mit Seele, Metaphysik ober sonstigen Argumenten, die vielleicht mancher Verrichtung ihren künstlerischen Wert geben, durfte man ihm, dem es eigentlich ausschließlich um die reine Form ging, nicht kommen. Dabei hatte er im Leben für Uebersinnliches ein seltsames, fast naiv- gläubiges Interesse. Wir besuchten sogar einmal gemeinsam eine Hellseherin und ich hatte den Eindruck, als ob Arno Holz ihre Aeußerungen merkwürdig ernst nähme. Sein so ausgesprochen aufs Formale gerichteter Sinn konnte es geschehen lassen, daß ihn in seinen Werken der Gang der Handlung weitaus weniger interessierte als die Gestaltung des Wortes. Vielleicht erklärt sich dadurch die Tatsache, daß Holz fast zu allen Zeiten eines Mitarbeiters bedurfte, um des gewaltigen Stoffes fast in jeder Hinsicht Herr zu werden. In ausfälligem Gegensatz zu dem dicken Staub und Schmutz feiner Behausung stand die ungewöhnlich sorgsame Pflege, die er seinem Aeuße- ten widmete. Einmal besuchte er mich. Als er in meinem Garten einen Barren entdeckte, machte er uns daran turnerische Hebungen vor, die ihm in jedem Turnverein höchste Ehren eingetragen hätten. Wir sprachen oft über seine wirtschaftliche Not, und seine ganze Hoffnung, sie zu beheben, galt dem Nobelpreis. (Ganz kurz vor seinem Tode stand Holz in engster Wahl für die Verleihung des Preises.) Aber das Geschick seines Lebens war es, daß ihm seine Unternehmungen niemals zum Glück ausschlugen. . Nachdem unsere gemeinsame Arbeit beendet war, sah ich Arno Holz nnmer seltener. Er heiratete noch einmal und zog in die bürgerliche -Wohnung seiner jungen Gattin, die ihm bis zum Tode eine getreue Gefährtin gewesen ist. Er, der stolz darauf war, in seinem Leben niemals krank gewesen zu sein, begann jetzt zu kränkeln. Der Arzt, der bald die Unheilbarkeit des Leidens erkannt hatte, konnte nichts anderes tun, als °em Dichter die letzten Lebensjahre möglichst zu erleichtern und das war Cci flolz, der durch die Untätigkeit immer schwerer zu behandeln wurde, 8emiß nicht einfach. Erst die Todesnachricht rief mich wieder ins Holzfche Haus. Man hatte »n die ehrenvolle Aufgabe zugedacht, die Totenmaske abzunehmen. Da ug der Dichter der Stübbenburg nach kampfreichem Leben auf dem letzten Lager. Der strenge Mund leicht zufammengepreßt, In den Winkeln, noch im Tode, jener leise ironische Zug, der mir bei meiner Arbeit soviel Freude gemacht hatte. Seine Hautfarbe hatte nun jenes Tabakgelb, das seine geliebten Importen, die er schon lange nicht mehr hatte rauchen dürfen, dem kleinen GipsreUef auf der Stübbenburg gegeben hatten. Um das Totenzimmer war eine merkwürdige Unruhe. Jetzt, da er dahingegangen war, tarnen sie zu Arno Holz. Oer letzte Oodo. Die Schicksale eines seltsamen Tieres. Von Fedor o. Z 0 b e 11 i tz. Was ist ein Dodo? — Die Gelehrsamkeit des geschätzten Leserkreises in Ehren, immerhin glaube ich, daß nur die wenigsten es wissen werden. Dann greift man natürlich zum Konversationslexikon und findet auch „Dodo" mit dem Hinweis „siehe Bronte". Unter „Dronte" wird das Lexikon gesprächiger, bringt sogar im Text die Abbildung eines unglaublich häßlichen Vogels und erzählt einiges aus dem märchenhaften Dasein dieses völlig ausgestorbenen Viehs, aber doch nicht so eingehend und unterhaltsam, wie das in einem von mir zufällig entdeckten Artikel des „Bulletin de la classe physio-mathematique" der Kaiserlichen Akademie zu St. Petersburg vom Jahre 1849 geschah. Cs ist eine kuriose Geschichte. In den trägen Fluten des Vijvers im Haag spiegeln sich ebenso träge dickgefütterte Schwäne und ahnen nicht, daß ganz in ihrer Nähe das Porträt eines interessanten Artgenossen hängt, der geraume Zeit hindurch die Ornithologen der ganzen Welt in Atem gehalten hat. Besagtes Gemälde stammt von Roelant Savery, dem holländischen Maler, 1576 in Courtai geboren, 1639 in Utrecht gestorben, bekannt auch als Reisebegleiter Kaiser Rudolphs II., was in bezug auf den Dodo von einiger Wichtigkeit ist. Das Bild stellt Orpheus dar, wie er mit seiner Leier alles brzau- bert, was da kreucht und fleucht. Nun kann man Bilder ngtüxs-L Con fehr- verschiedenen Standpunkten aus betrachten: um der Auffassung, der Technik, auch des Gegenstandes willen, in welch festerem Fall der schlichte Sterbliche wahrscheinlich dem musi.ri^stven Orpheus die meiste Sympathie entgegenbringen würde. Anders der t>er Wissenschaft. Um die Mitte des vorigen Jahr- hundyrch „it^pielsroeife stand der hochgelahrte Professor Hamel, Lehrer Ornithologie an der Petersburger Akademie, vor diesem Gemälde, hatte indes kein Auge für den Orpheus und unter der entzückten Tierwelt nur Interesse für ein feistes, federarmes, mordsgarstiges Vogelgeschöpf im Vordergrund, in dem er ohne weiteres einen Dodo erkannte. Diese Stunde wurde nun entscheidend für die Geschichte des Tieres. Professor Hamel folgte von da ab mit ungeheurem Eifer den Spuren des Dodo und brachte auch allerhand Wissenswertes heraus. Thomas Herbert, der 1629 noch einige Dodos auf Mauritius entdeckte, beschreibt das Tier kurz folgendermaßen: „Das Gesicht drückt Melancholie aus, als ob der Dodo fühle, daß die Natur ihn beleidigt habe, indem sie ihm für sein Gewicht (bis zu 50 Pfund) viel zu kleine Flügel gab. Sein Magen ist so hitzig, daß er selbst Steine und Eisen vertragen kann." Und Cauche, ein junger französischer Reisender, erzählt etwas später, der Dodo sei „größer als ein Schwan, der Körper mit schwarzem Flaum bedeckt, bas Hinterteil mit ebenso viel krausen Federchen, als der Vogel Jahre zählt". Er will auch wissen, daß der Dodo eigentlich „Nazaire" heiße, nach einer Insel gleichen Namens, die es aber nie gegeben hat. Was ist authentisch? Es scheint, daß die alten Reiseschriftsteller sich gewöhnlich gegenseitig beschrieben haben, und zwar mit allen Ueber- setzungsfehlern. So hat vermutlich auch Herr Cauche aus dem Oiseau de nausee, dem „Ekelvogel", wie die Matrosen das Biest nannten, durch unrichtige Schreibart den „nazaire" gemacht, den Didus Nazarenus, der nur in der Phantasie existierte. Professor Hamel ist in dem obenerwähnten Bulletin seinem ungeschlachten Liebling jedenfalls durch alle Zeugnisse hindurch bis zu den letzten Resten im Ashmole-Museum zu Oxford nachgegangen, wo sich ebenfalls das Porträt eines Dodo befindet, von Johannes Savery gemalt, einem Sohn des Roelant. Ein drittes Bild eruierte Hamel in der Sloane-Sammlung des British-Museum, auch fand er ziemlich zahlreiche Illustrationen in Kupfer und Holzschnitt, die Dodos dar- stellen sollten, aber nur Kasuare, Pinguine und derlei mehr waren. Es erging den großen dummen Gesellen ähnlich wie anderen hilflosen Wilden beim Einbruch der Zivilisation: sie wurden überrannt. Da die Vögel mit ihren verkümmerten Flügelstumpen nicht fliegen konnten, so schlugen die Schiffsmannschaften sie mit Knütteln tot, wobei sie noch klagend erwähnten, die Dodos hätten geschrien „wie die Esel". So wurden 1589 auf Mauritius, der einzig nachweisbaren Heimat des echten Dodo, die Vögel in Massen getötet und eingesalzen. Die holländischen Mörder nannten sie ihres Aussehens und schlechten Geschmacks halber „Walg- vögel", und daraus mag der „Oiseau de nausee", der „Ekelvogel", entstanden fein, der später zum „nazaire" wurde. Das war, wie gesagt. Anno 1589, am 18. September, und dieser Tag bezeichnet den Eintritt des Dodo in die Naturgeschichte. Schon hundert Jahre später war seine irdische Laufbahn beendet. Seguat, der von 1693 bis 1696 auf Mauritius hauste, erwähnt die Vögel in feinem Werke überhaupt nicht mehr. Der holländische Gelehrte Cornelius Bentekoe (den auch der Große Kurfürst hochschätzte, und dem man die Einführung des Teegetränks in Berlin nad)fagtj will sie auf der Insel Bourbon entdeckt haben, bringt in seiner 1646 gedruckten „Abenteuerlichen Reise" aber keine Abbildung des Tieres. Die drollige Darstellung eines Dodo, die Thevenot seiner französischen Übersetzung des Buches einfügte, stammt aus einer Reisebeschreibung des Pieter van den Brocke, der 1617 auf Mauritius war, im Text aber gar nicht von den Dodos spricht. Vermutlich handelt es sich in dem Bilde auch nicht um einen Dodo, sondern um einen Solitär, einen „Einsiedlervogel", und es ist anzunehmen, daß die angeblichen Dodos Bontekoes gleichfalls Einsiedler waren, zumal darre schon vorher zwei dieser Vögel mit nach Frankreich gebracht hatte, die aber bald darauf eingingen. Auch die Einsiedlervögel sind total ausgeftorben, und ihre Familiengeschichte ist gleichfalls reich an Geheimnissen. Sie sollen nach einer Schil- — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. 5U Lange, ®tcbclU Verantwortlich: vr. Hans Thyrivt. daß die Unterhaltung niemals langweilig wurde und immer durch eine gewisse frische Schärfe gewürzt war. Seit einigen Tagen nun wurde Dr. Prenzel nicht mehr zur Wagen, wasche hinzugezogen: der Wagen wurde überhaupt nicht mehr gewaschen; Marlice war immer unterwegs, man bekam sie kaum mehr zu Gesicht, und wenn man sie doch einmal sah, so zeigte sie einen verschlossenen, sehr nachdenklichen und zugleich etwas verträumten Ausdruck. Das war so auffallend, daß sowohl der Landgerichtsrat als auch Dr. Prenzel sich zu sorgen begannen. Sie sprachen zwar nicht darüber, aber man merkte es ihnen an, wenn sie abends allein beim Schach saßen; — Marlice kam jetzt immer erst spät nach Hause — daß sich ihre Gedanken um denselben Punkt bewegten, und das war Marlice. Die Tage vergingen, die Situation änderte sich nicht. Der Landge- richtsrat stellte eines Tages, als er zufällig die Küche betrat, mit Per- ■ wunderung fest, daß Marlice irgend etwas sehr sorgsam in einen kleinen Koffer packte, und daß sie einen merkwürdig roten Kopf bekam; es war ihr offensichtlich nicht recht, überrascht worden zu sein. Er machte sich aber keine Gedanken darüber, denn das hatte er sich bei Marlice allmählich abgewöhnt. — Immerhin hatte ihn diese Beobachtung etwas be- unruhigt. Denn nur so ist es zu erklären, daß er am nächsten Morgen ein an die Adresse seiner Tochter gerichtetes amtliches Schreiben, ohne es recht zu wollen, öffnete. Es enthielt ein polizeiliches Strafmandat, aus dem zu ersehen war, daß Marlice am Soundsovielten, abends 10 Uhr, auf der Rasenfläche an der Kreuzstraße verbotenerweise geparkt hatte. Der Landgerichtsrat schmunzelte. Das war wieder echt Marlice. Er wollte sich einen Spaß daraus machen, das Strafmandat heimlich zu bezahlen und Marlice das amtliche Schreiben nebst Quittung auf den Geburtstagstisch zu legen. Dieser Gedanke erheiterte ihn und er ging vergnügt zum Gericht, wo heute ein ziemlich wüster Kriminalfall zur Verhandlung kam. Die Verhandlung begann mit der Aufnahme der Personalien der Täter. Uebereinstimmend gaben sie die Kreuzstraße als ihren Wohnort an. Der Landgerichtsrat stutzte. Wo hatte er heute schon etwas von der Kreuzstraße gehört? Es fiel ihm wieder ein: Marlice hatte dort geparkt! „Was ist das eigentlich für eine Gegend?" wandte er sich halblaut an den Gerichtssekretär, und erfuhr, daß das eine der übelsten Straßen, ganz an der Peripherie der Stadt, sei. Er runzelte die Stirn. Wie kam Marlice nur in diese Gegend? Sollte er sie nicht doch aus Anlaß des Straf- - --..^^ats danach fragen? Aber er verwarf den Gedanken wieder. Er hatte in nrnfcp« -"-trauen jn bie Gesinnung feiner Tochter, daß ihm eine solche Icraae unrnöalick eS^S"- “ jedoch betrachtete er Marlice am Abend, al- si- zusällch zum Mönr?^. «"wesend war, mit besorgten Seitenblicken und wurde keineswegs heUr?-7 2 S er eme gewisse Nervosität an ihr beobachtete. . . Tl, Er war nicht der einzige, der an diesem Abend litt. war nervös und warf schnelle Seitenblicke nach Marlice. Er out°' Zufall — es waren von Gerichts wegen Erhebungen anzustellen heute in der Kreuzstraße zu tun gehabt, und war peinlich Überrascht gewesen, Marlices roten Sportwagen auf der Rasenfläche dieser nur aus der einen Seite bebauten Straße stehen zu sehen. Er hatte es nicht unterlassen können, unter der Deckung eines Haustores eine Weile zu warten, und sah dann, wie Marlice scheu aus einem der Häuser schlüpfte, schnell ihren Wagen bestieg und davonfuhr. Am nächsten Tage fragte er Marlice, ob sie nicht zusammen eine kleine Fahrt machen wollten. Marlice sah ihn abwesend an und sagte dann, daß das leider nicht ginge, weil sie eine Besorgung machen müsse. Das ließ Dr. Prenzel keine Ruhe. Er schämte sich zwar vor sich über sein Mißtrauen, aber er konnte es nicht ändern, er nahm ein Taxi und lieh sich in einiger Entfernung hinter Marlices Wagen herfahren. Wieder fuhr der kleine Wagen nach der Kreuzstraße, wieder verschwand Marlice in einem der Häuser und kam erst nach recht langer Zeit wieder zurück. Dr. Prenzel war nun eigentlich ein bißchen dem Weinen nahe. Was tat denn nur Marlice in diesem gräßlichen Viertel? Warum setzte sie sich hier allen möglichen Gefahren und Verdächtigungen aus? Dr. Prenzel wußte sich nicht zu helfen — er fuhr zum Landgerichtsrat nach Hause, um dort im Schachspiel Ablenkung für seine Grübeleien zu suchen. Aber der Landgerichtsrat war in schlechtester Laune. Heute war wieder ein Strafbefehl für Marlice wegen verbotenen Parkens an der Kreuzstraße gekommen. „ „ „Kennen Sie die Kreuzstraße?" fuhr er den überraschten Referendar an. Der stotterte. „Ich weiß, ich weiß, das ist eine ganz üble Gegend, fagte der Landgerichtsrat. „Was hat denn bloß meine Tochter dort zu fachen, wissen Sie es vielleicht?" — In diesem Augenblick öffnete sich du Tür und Marlice trat ein. Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann sagte der Landgerichtsrat sanft und beherrscht: „Marlice, heute kam schon der zweite Strafbefehl wegen verbotenen Parkens in der Kreuzstraße - Marlice wurde rot und blaß. Noch einen Augenblick, und sie heulte fassungslos. Es war ein Weinen zwischen Trotz und Scham Und nun kam das Geständnis heraus, und zwar so rührend und komilch, daß ou Zuhörer nicht wußten, ob sie lachen oder meinen sollten. Denn nun stelli es sich heraus, daß sich Marlice in ein kleines Baby, das sie in der Universitätsklinik in der Behandlung kennenlernte, verliebt hatte und W täglich um das kleine Wesen kümmerte, ja sogar extra schone Saq" kochte, um sie der kleinen Freundin zu bringen. Das war der Inhalt Beichte, nach deren Beendigung alle Beteiligten erleichtert ausatmelew Und so war denn die richtige Stimmung da, einen Kompromiß zu l-W ßen: Marlice verpflichtete sich, nicht nur ihre Besuche in der KreuMra» aufzugeben, sondern auch Dr. Prenzel zur Vermeidung weiterer e»ui mandate als juristischen Beirat und Autosozius zu akzeptieren, woyu gegen Dr. Prenzel seine Bereitwilligkeit zur Erwerbung eines Fuym scheins kundgab. nnr, Trotzdem kam noch einmal ein Strafbefehl, und zwar wegen schriftswidrigen Rechtsfahrens. Aber das war in Oesterreich auf der s) , zeitsreife. Da muß man schon ein Auge zudrücken. ■..■jJI berung „blond ober braun" gewesen fein, mit einer weißen Wiiwen- schnebbe über dem lachsfarbenen Schnabel, nach einer anderen mit einem weißen Mal auf der Brust, nach einer dritten mit einem geteilten Kropf, „das Hinterteil pferdeartig, fast ohne Schweif", mit kleinen Füßen, die den schweren Leib kaum tragen konnten. Le Monnier hat sie 1776 sogar in die Sternbilder versetzt, doch auch diese posthume Ehrung des Pechvogels mißlang: aus dem Solitär wurde eine schäbige kleine Drossel, die auf der astrologischen Karte den Kops in der südlichen Waagschale des Zodiakus verbirgt. „ £ , Unter den „luftig und zierlich in Kupfer gestochenen Konterfeyungen in de Brys „Orientalischem Indien" figuriert ein fetter Kasuar als Dodo wie in ähnlichen Illustrationswerken des 16. und 17. Jahrhundert. 3nter= effant ist, was Hamel von einem dodoartigcn Vogel berichtet, den nach holländischen Quellen Kapitän Schellinger 1596 am Tage vor seiner Ermordung vom König Sella auf Java als Geschenk erhielt. Er kam auf irgendeine Weise in den Besitz des Grasen Solms in Amsterdam, der ihn wieder an den Erzbischof von Köln weiterverschenkte. Der geistliche Herr behielt ihn indes auch nicht lange, sondern dedizierte ihn dem Kaiser Rudolph II. Run könnte man mutmaßen, dies dodoartige Geschöpf hatte Roelant Savery bei feinem kaiserlichen Protektor gesehen und auf feinem Orpheus-Bild kopiert. Aber ich gerate da wieder mit den Jahreszahlen in Konflikt. Jener Graf Solms kann nur ber Graf Johann Albrecht I. zu Solms-Braunfels gewesen sein, dessen Tochter Amalie sich mit dem Prinzen Friedrich Heinrich von Dranien vermählte, und der seit 1621 ständig üj Lolland lebte. Er kann das Dodotier, wenn man nicht annehmen will, oaß es damals bereits 25 Jahre alt war, also nur aus- qeftopft erhalten haben, doch selbst in diesem Falle müßte es bereits bedeutend früher den Besitz gewechfelt haben, denn Rudolph II. starb schon 1612. Auf die Reifeschriftsteller von damals war nie em rechter ^^Aiwa^LRie Exemplare des Dodo (ein lebendiger soll 1638 in London aeaen Entree gezeigt worden fein) fanden sich zuletzt in den umfang« rfiAen0Sammiuna^n berühmten Altertumsforschers Elias Ashmole, Hftmolön.muleum n«ch üta, S“ letzter Rhapsode des Dodo noch em freilich 4«“. « Exemplar sehen und beschreiben konnte. Doch nun gesaslk? *4 licke: die Motten bemächtigten sich der schlecht präparierten SamTt-— so daß die Verwaltung 1755 kurzerhand befahl, den ganzen Krempel fortzuwerfen. Einem Gehilfen muß es aber der „melancholische Kopf" des Dodo angetan haben: er hieb ihn ab, und dieser Kopf des allerletzten Dodo mit nur noch wenigen daran haftengebliebenen Feder- chen ist auch der allerletzte auf der Welt vorhandene Rest des Vogels. Die Literatur neuerer Zeit über den Dodo ist nicht umfangreich. Aber ich bin kein Naturforscher, und es mag schon (ein, daß die zünftige Wis- fenfchaft seitdem noch allerhand Dodologisches festgestellt hat, was den Vogel des ihn umwitternden Geheimnisses entkleidet. Das weiß ich nicht und will es nicht wissen. Denn gerade dies Geheimnisvolle übte einen Reiz auf mich aus, wie auch die tiefe Tragik, die über dem vermotteten Vogelkopf im Afhmolean-Mufeum zu Oxford liegt. Ein Typus ging mit dem letzten Dodo zugrunde. Marlice parkt verboten. Von Alfred M. Balte. Landgerichtsrat Heinicke war bekannt dafür, daß er mit hartgesottenen Raubmördern fertig wurde. Ein Blick, ein Dröhnen feiner Stimme, und die Burschen antworteten zahm auf alle Fragen. Bei Maria Mice Heinicke, genannt Marlice, feiner Tochter, gelang ihm das nie. Marlice, ober, wie sie von dosen Mäulern genannt wurde: die „Malice" des Landgerichtsrats, war Studentin der Medizin, sehr selbständig, sehr kühl und sachlich — wenigstens legte sie Wert darauf, das hervorzuheben —, sehr kurz geschnitten, links gescheitelt, und hatte zarte totantfingrige Hände, die ausgezeichnet Geige spielten, allerdings nur heimlich und nicht vor Zuhörern, denn Geigenspiel erschien Marlice als ein Rückfall in sentimentale Zeiten. Merkwürdigerweise vermochte sie nicht, es sich abzugewöhnen ... Sie versuchte jedoch, die betrübliche Tat- ache des Geigenspiels durch sehr mannhafte Redensarten zu verschleiern, die dem Kenner junger Mädchenpsyche das Verhandensein eines gesunden und zarten Gemütslebens ohne weiteres verbürgten. Marlice hatte ihr Physikum feit kurzem hinter sich und aus diesem Anlaß von ihrem Vater einen hübschen kleinen roten Sportwagen erpreßt. Sie fuhr damit in die Universität und in die Klinik und war sehr glücklich, was ohne weiteres daraus zu erkennen war, daß sie ständig nur von ihrer „blödsinnigen Kaffeemühle" oder der „idiotischen Zentrifuge" sprach. Sie war in ihren Wagen regelrecht verliebt. Niemand durfte sich ihm nahen. Nur wenn Marlice befonbers guter Laune war, befahl sie den Referendar Dr. Prenzel zum Wagenwäschen; das heißt, den Wagen durfte er beileibe nicht anrühren, es war ihm nur gestattet, den Wafferfchlauch an den Hydranten zu schrauben, den Eimer zu füllen, den Schwamm zu reinigen, — Handlangerdienste, die er mit vergnügter Bereitwilligkeit versah. Dr. Prenzel, Sohn eines verstorbenen Studienfreundes ihres Vaters und ständiger Gast im Hause, war nämlich ein lächerlich unmoderner Mensch; von technischen Dingen hatte er nicht die geringste Ahnung, und auch nicht den Wunsch, sich Kenntnisse auf diesem Gebiet zu erwerben. Autotouren machte er sehr gerne, besonders wenn Marlice am Steuer sah; aber der Ehrgeiz, selbst zu fahren, fehlte ihm ganz. Sich von neuem auf die Schulbank zu klemmen, nur, um den Führerschein zu erwerben, erschien ihm ganz indiskutabel. „Mein Vater hielt sich jahrzehntelang Pferd und Wagen, ohne daß es ihm eingefallen wäre, deshalb Tierheilkunde zu studieren", pflegte er zu erklären. Das war natürlich blöde, aber gerade das gefiel Marlice. Zwischen diesen beiden war eine gewisse Polarität vorhanden, die dafür sorgte, Zahrg Das der feine noch eine Whitecha innerte fi Am ! Wohnunj die Leita Und da schlug: G wert, gcg Herr »ehrliche inner Gc äußern, i Abend je Annonce, heftig zu Tnbaksdo Friedrich. 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