licht, hast allein hört, Ja, lenkt Und hltest ), an Ben- SiehenerZammenvMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1930 ~ Montag, den 3 März Nummer 26 einen weil er zu Gut, ns ist Ben- Greisentied. Von Josef Freiherrn von Ekchendorsf. Komm, Trost der Welt, du stille Nacht! Wie steigst du von den Bergen sacht, Die Lüfte alle schlafen, Ein Schiffer nur noch, wandermüd, Singt übers Meer sein Abendlied Zu Gottes Lob im Hafen. Steht n und würde chwang »schliche eid ihr, chmp?" jemand iison ist Packeis enn du ist!" tzte ihn ter über lainard- oährend rmachen nus der am aus £5 stand William srainard meinen wurde, ich dir Baby!' illf mich, sorizonb Hut und Siehe"- Die Jahre wie die Wolken gehn Und lassen mich hier einsam stehn, Die Welt hat mich vergessen, Da tratst- du wunderbar zu mir. Wenn ich beim Waldesrauschen hier Gedankenvoll gesessen. O Trost der Welt, du stille Nacht! Der Tag hat mich so müd gemacht. Das weite Meer schon dunkelt, Laß ausruhn mich von Lust und Not, Bis daß das ewige Morgenrot Den stillen Wald durchfunkelt. Mutters Bild. Novelle von Selma L a g e r l ö f. Copyright 1930 by I. L. 2L, Wien. In einem der hundert Häuschen des Fischerdorfes, die einander alle in Größe und Form gleichen, die alle gleich viele Fenster und gleich hohe Schornsteine haben, wohnte der alte Mattßon, der Lots«. In allen Stuben des Fischerdorfes sindet man denselben Hausrat, auf allen Fensterbrettern stehen dieselben Blumen, in allen Eckschränken prangen dieselben Arten Muscheln und Korallen,- an allen Händen hängen die gleichen Bilder. Und so wie die alte Sitte es festgestellt hat, leben alle Menschen des Fischerdorses dasselbe Leben. Seit Mattßon, der Lotse, alt geworden war, richtet« er sich ganz genau an Brauch und Sitte: sein haus, seine Stuben und sein Wandel glichen den aller andern. An der Wand über seinem Bette hatte der alte Mattßon ein Bild seiner Mutter. Eines Nachts träumt« er, daß dieses Bild aus seinem Rahmen herabstieg, sich vor ihn hinstellt« und ihm mit lauter Stimme sagte: „Du mußt heiraten, Mattßor." Ser alte Mattßon begann sogleich Mutters Bild auseinanderzusetzen, daß dies unmöglich sei. Er war ja siebzig Jahre. — 'Aber Mutters Bild wiederholte nur mit noch größerem Nachdruck: „Du mußt heiraten, Mattßon". Ser alte Mattßon hatte großen Respekt vor Mutt«rs Bild. Es war in so manchen strittigen Fällen jein Ratgeber gewesen, und es hatte ihm immer Glück gebracht, wenn er ihm gefolgt war. Aber dieses Mal oer- ßand er sein Borgehen nicht recht. Es schien ihm, als befinde sich das eiid ganz im Widerspruch mit früher geäußerten Ansichten. Obgleich er dalag und träumte, erinnerte er sich klar und deutlich, wie es das erstemal gewesen war, als «r heiraten wollte. Gerade als er sich zur Hochzeit ankleidete, lockerte sich der Nagel, an dem das Bild hing und fiel zu Boden. Da sah er, daß das Bild ihn vor der Heirat warnen wollt«, doch er gehorchte nicht. Es zeigte sich aber später, daß das Bild recht gehabt hatte, «ein« kurze Ehe war sehr unglücklich geworden. Als er sich das zweitemal zur Hochzeit ankleidete, ging es ebenso zu. aas Bild stürzte wieder zu Boden, und diesmal wagte er nicht, ihm ungehorsam zu fein. Er ließ Braut und Hochzeit im Stiche, verdingt« sich As Matrose und fuhr mehrmals um die Erde, ehe er sich wieder nach -lause wagt«. — Und jetzt stieg das Bild von der Wand herab und befahl ym zu heiraten. Wie gut und gehorsam er auch war, konnte er doch nicht 11 Tertien, daß es nur seinen Scherz mit ihm treibe. l^,-Er Mutters Bild, das das barscheste Gesicht wiedergab, wie es nur inij C "lid salziger Meerschaum ausmeißeln konnten, blieb ernst ,äUvor. Und mit einer Stimme, die das langjährige Ausbieten der fL. ^em Markte der Stadt geübt und gestärkt hatte, wiederholte !'«-..Du mußt heiraten". 11 der alte Mattßon Mutters Bild, doch ein Einsehen zu haben Bedenken, in welcher Gemeinde sie lebten. Jz hundert Häuser des Fischerdorfes hatten spitzige Dächer und weiß- ,Wnnde, alle Boote des Fischerdorfes hatten denselben Bau und gleiche Takelwerk. Niemand pflegte hier etwas Ungewöhnliches zu tun. Mutter selbst wäre die erste gewesen, die sich einer solchen Heirat widersetzt hätte, wenn sie noch am Leben gewesen wäre. Mutter hatte streng auf Ordnung und Sitte gehalten. Und es war doch nicht in Ordnung und Sitte in dem Fischerdorf, daß siebzigjährige Greise Hochzeit hielten. Da streckte Mutters Bild die ringgeschmückte Hand aus und befahl ihm geradezu zu gehorchen. Mutter hatte immer etwas unbegreiflich Ehrfurchtgebietendes an sich gehabt, wenn sie so im schwarzen Taffetkleide mit den vielen Volants gekommen war. Die große glänzende Goldbrosche, die schwer rasselnde Goldkette, hatte ihn immer eingeschüchtert. Wäre sie in ihren Marktkleidern gekommen, mit dem buntkarierten Kopftuch und mit der Wachstuchschürze voll Fischschuppen und Fischaugen, dann hätte er nicht ganz so großen Respekt vor ihr gehabt. Aber jetzt war das Ende vom Liede, daß er versprach, zu heiraten. Und dann schlüpfte Mutters Bild wieder in seinen Rahmen. Am nächsten Morgen erwachte der alte Mattßon in großer Angst. Cs fiel ihm gar nicht ein, gegen Mutters Bild ungehorsam zu sein, es wußte natürlich, was für ihn am besten war. Aber es graute ihm doch vor der Zeit, die jetzt kommen mußte. An demselben Tage hielt er um die häßlichste Tochter des ärmsten Fischers an, ein kleines Ding mit dem Kopf zwischen den Schultern und mit vorstehendem Unterkiefer. Die Eltern sagten ja, und der Tag, an dem man zur Stadt fahren wollte, um sich ausbieten zu lassen, wurde festgesetzt. lieber windig« Strandwiesen und morastige Gemetndeweiden führt der Weg vom Fischerdorf in die Stadt. Ein« Diertelmeile lang ist er, und man behauptet, daß die Einwohner des Fischerdorfes so reich sind, daß sie ihn mit blankem Silbergelde pflastern könnten. Das würde dem Weg einen eigentümlichen Reiz verleihen. Glitzernd wie ein Fischbauch würde er sich mit feinen weißen Schuppen zwischen Riedgrashügeln und Strandpfützen dahinschlängeln. Tausendschönchen und Mandelblumen, die diesen von den Menschen verlassenen Boden schmücken, würden sich in den blanken Silbermünzen spiegeln, die Disteln würden schützend ihre Stacheln darüber ausstrecken, und der Wind würde einen klingenden Resonanzboden finden, wenn" er durch das Schilf der Strandweiden spielte und in den Telephondrähten sang. Dem alten Mattßon wäre es vielleicht ein gewisser Trost gewesen, wenn er seine schweren Seestiefel auf klingendes Silber hätte setzen können, denn eines ist gewiß, jetzt kam eine Zeit, in der er diesen Weg öfter machen mußte, als er wünschte. Seine Papiere waren nicht in Ordnung gewesen. Aus dem Aufgebot hatte nichts werden können. Dies kam daher, daß er das vorige Mal seiner Braut durchgegangen war. Es dauerte lange, bis der Pfarrer an das Konsistorium über feine Sache schrieb und ihm die Erlaubnis erwirken konnte, eine neue Ehe zu schließen. Solange die Wartezeit dauerte, kam der alte Mattßon an jedem Expeditionstage in die Stadt. Im Pfarrhaus« setzte er sich unten zur Tür hin und wartete dort stumm, bis alle ausgesprochen hatten. Dann stand er auf und fragte, ob der Pfarrer etwas für ihn habe. Nein, er hatte nichts. Der Pfarrer wundert« sich, welche Macht die alles bezwingende Lieb« über diesen alten Mann erlangt hatte. Da saß er in feiner dicken gestrickten Wolljacke, den hohen Seestieseln und dem windverwehten Südwester, mit einem scharfen, klugen Gesicht und langen grauen Haaren, und wartete auf die Erlaubnis, zu heiraten. Dem Pfarrer schien es eigentümlich, daß dieser alte Fischer von einer so heißen Sehnsucht erfüllt war. „Sie haben cs recht eilig mit dieser Heirat, Mattßon," sagte der Pfarrer. „Ach ja, es ist am besten, wenn es bald geschieht." „Könnten Sie nicht eigentlich ebensogut von der ganzen Sache abstehen, Mattßon? Sie gehören ja nicht mehr zu den Jüngsten. Der Pfarrer sollt« sich nicht allzusehr wundern. Er wußte ja selbst, daß er zu alt war, aber er war gezwungen, zu heiraten. Da gab es keine Hilfe. Und so kam er ein halbes Jahr lang Woche für Woche wieder, bis endlich die Erlaubnis eintraf. Während dieser ganzen Zeit war der alte Mattßon ein gehetzter Mann. Ringsum den grünen Trockenplatz, wo die braunen Fischnetze hingen, längs der zementierten Mauer um den Hafen, an den Fischer- buden auf dem Markte, wo Dorsche und Krabben verkauft wurden, und weit draußen aus dem Sunde, wo man den Herlngszug verfolgte, brauste ein Sturm des Staunens und Spottes. Wie, er wollte heiraten, Mattßon, der vor seiner eignen Hochzeit davongelaufen war! Und man verschonte weder Bräutigam noch Braut. Doch am schlimmsten für ihn war, daß niemand mehr über die ganze Sache lachen konnte als er selbst. Niemand konnte sie lächerlicher finden. Mutters Bild war draus und dran, ihn zur Verzweiflung zu bringen. * dieselbe unbefangene Naturbeobachtung, aber freilich in einer ganz anderen zarten und zierlichen Tonart... Neben die stets bewunderten Radierungen, mit denen er seine Dichtungen schmückte, traten nun die köstlichen Aquarelle, Gouachen und Tuschblätter, in denen seine Phantasie, sein« glückliche Klarheit und Heiterkeit sich so reich auslebten, als seine Dichterslöte bereits längst verstummt war. Deshalb wäre es aber doch falsch, wie bereits geschehen, seine Poesien für ungenießbar zu halten und die lebendige Wirkung, die noch immer und heute wieder von seinem Schaffen ausgeht, nur aus seinen Bildern zu erklären. Wort und Bild gehören bei ihm so innig zusammen, daß nur der Berehrer des Dichters den bildenden Künstler oanz genießen kann, und wenn auch seine Idyllen zeitgebundener und bla jer erscheinen, so beruht doch ganz allein auf ihnen seine Bedeutung für die Geistesgeschichte, die besondere Note, die er in der Kultursinfonie des 18. Jahrhunderts angeschlagen und die aus ihr nicht wegzudenken ist. r- Es war am Nachmittag des ersten Aufgebotes. Der alte Matttzon, der noch immer ein von Gerede und Spott verfolgter Mann war, ging die Mole entlang, bis zu dem weißgetünchten Leuchtturm, um dort allem zu sein. Dort draußen traf er seine Braut. Sie sah da und weinte. Da fragte er sie, ob sie lieber einen andern hätte haben wollen. Sie saß da und lockerte kleine Kalkstückchen von der Mauer des Leuchtturmes und warf sie in das Wasser. Zuerst gab sie gar keine Antwort. Gab es vielleicht jemanden, dem sie gut war? s Aber nein, gewiß nicht. Draußen am Leuchtturm ist es sehr schön. Das klare Wasser des Sunds umrauscht ihn. Der flache Strand, die kleinen regelrechten Häuschen des Fischerdorfes, die ferne Stadt, alles ist von der ewigen «chonhett des Meeres beglänzt. Aus den lveichen Nebeln, die zumeist den Westlichen Horizont verhüllen, taucht hier und da ein Fischerboot auf. Mit kühnen Kreuzen steuert es dem Hafen zu. Es rauscht srohlich nm den Kiel, wenn es in den engen Hafen gleitet. In demselben Augenblick werden ganz still di- S^gel eingezogen. Die Fischer schwenken den Hut zum fröhlichen Gruße, und unten im Boot liegt glitzernd die gefangene Beute. Es kam gerade ein Boot in den Hafen während der alte Matttzon draußen am Leuchtturm stand. Ein junger Bursche, der am Steuer saß. lüstete den Hut und nickte dem Mädchen zu. Da sah der Alte, wie es in ihren Augen aufleuchtete. Ach so," dachte er, „hast du dich in den schönsten Burschen im ganzen Dorfe verliebt? Ja, den kriegst du nie. Ebensogut kannst du da mich heiraten, wie auf den warten." Er merkte, daß er Mutters Bild nicht entkommen konnte Wenn das Mädchen jemanden lieb gehabt hätte, den fie die geringste Aussicht hatte zu bekommen, dann wäre dies eine schöne Ausrede gewesen, um die ganze Sache loszuwerden. Aber jetzt nützte es nichts, sie freizugeben. * Vierzehn Tage später wurde die Hochzeit gefeiert, und ein paar Tage drauf kam der große Novembersturm. Da wurde eines der Boote des Fischerdorfes den Sund hinabgetrie- ben. Steuer und Mast waren fort, so daß es unmöglich zu lenken war. Der alte Matttzon und fünf andre waren an Bord. Und sie trieben zwei Tage lang ohne Nahrung herum. Als sie geborgen wurden, waren sie vor Mattigkeit und Kälte ganz erschöpft. Alles im Boote war mit einer Eiskruste überzogen, und ihre feuchten Kleider waren rn der Kalte ganz steif geworden. Der alte Matttzon erkältete sich dabei so schwer, dah er me mehr seine Gesundheit wiedererlangte. Er lag zwei Jahre lang krank, dann kam der Tod. Manchen schien es eigentümlich, dah er unmittelbar vor dem Unglucksfalle den Einfall gehabt hatte, zu heiraten, denn die kleine Frau war ihm eine gute Pflegerin geworden. Wie wäre es ihm wohl ergangen, wenn er einsam und hilflos dagelegen wäre? Das ganze Fischerdorf erkannte schließlich, daß er nie etwas Klügeres getan hätte, als daß er sich verheiratete, und die kleine Frau stand in großem Ansehen wegen der Zärtlichkeit, mit der sie den Mann pflegte. „ „Der wird es nicht schwer fallen, sich wieder zu verheiraten, § Der alte Matthon erzählte jeden Tag, solange er krank lag, feiner Frau die Geschichte von dem Bilde. , .... „Du sollst es haben, wenn ich tot bin, so wie du alles haben sollst, was mein ist," sagte er. „Sprich doch nicht von so etwas. Und du sollst auf Mutters Porträt acht geben, wenn die jungen Burschen um dich werben. Wahrlich, ich glaube, es gibt niemanden ,m ganzen Fischerdorf, der sich besser auf Heiratsgeschichten versteht, als dieses Bild. Oer Zdyllendichter des Rokoko. Zu Salomon Gehners 200. Geburtstag. Bon Dr. Paul Landau. (Nachdruck verboten.) „Wer weih heute noch von dem Poeten, der zum erstenmal das Wort .Deutsche Dichtung' in die Weltliteratur brachte? Mit lächelndem Achselzucken sehen sie heute, wenn sie Hinsehen, aus den Mann, der mit deutschem Wort rund um die Erde die Völker in seinen Bann zwang, aus den armen Salomon Geßner aus Zürich." So Wilhelm Raabe in seiner Erzählung „Hastenbeck", in der Zitate aus den Idyllen des Schweizers wie eine Blumenguirlande stimmungsvoll die Handlung durchwinden. Auch Gottfried Keller hat in der entzückenden Literatur-Miniatur, mit der er den „Landvogt von Greifensee" geschmückt hat, dem liebenswürdigen Maler-Dichter einen Denkstein errichtet. „Gehners idyllische Dichtungen, schreibt er, „sind durchaus keine schwächlichen und nichtssagenden Gebilde, sondern innerhalb ihrer Zeit über die keiner hinaus kann, der nicht em Heros ist, fertige und stilvolle kleine Kunstwerke. Wir sehen sie letzt kaum mehr an und bedenken nicht, was man in fünfzig Jahren vor alledem sagen wird, was jetzt täglich entsteht... Sowohl seine eigene Radierungen als die nach seinen Gemälden gestochene Blätter werden in hundert Jahren erst recht eine gesuchte Ware in den Kupferstichkabinetten sein, wahrend wir sie jetzt für wenige Batzen einander zuschleudern." Kellers Prophezeiung ist schon jetzt eingetroffen. Seitdem man kurz vor dem Krieg« den Maler Gehner auf der D a r m st ä d t e r Ausstellung deutscher Kunst 1650 bis 1800 erst eigentlich entdeckt, hat der bildende Künstler den früher fo berühmten Dichter mehr und mehr in den Schatten gedrängt, und obwohl schon Heinrich W 8 l s f l i n ihm eine klug abwä- gende Schrist gewidmet, wird doch feine Stellung in der deutschen Kunstgeschichte noch zu bestimmen fein. Jedenfalls waren die beiden Gemälde damals in Darmstadt eine Offenbarung, die vielen den Namen B ö ck l i n auf die Lippen brachte, sie zeigten dieselbe Einheit von Natur und Mensch, Was war es, das den kleinen Prosadichtungen des jungen Schweizers eine fo weit und tief reichende Wirkung verschaffte, dah sie in etwa zwanzig Kultursprachen übersetzt wurden, dah er in Frankreich so beliebt wurde wie kein anderer deutscher Dichter außer E.T.A. Hoffmann, daß die Besten seiner Zeitgenossen ihm zujubelten, Wieland und Rousseau, die Kaiserin Katharina und Diderot? Selbst der strenge Lessing rühmte, wie „ungemein schön und richtig" er schreibe, und Goethe meint in „Dichtung und Wahrheit", datz feine „höchst lieblichen Idyllen eine unendliche Bahn eröffneten". Der arkadische Traum des Rokoko, die Schäfer-Jdyllik, die in Frankreich von Watteau und seinem Kreise so zärtlich verklärt wurde, fand in Gehners „Bildchen" einen ähnlich feinen poetischen Ausdruck. Freilich treten zu einem eigentlichen Rokoko-Element noch gewisse anakreontische, empfindsame, natur- beschreibende und antikisierende Züge, die diesen Gebilden ihren eigenen Klang verleihen. Es ist der letzte reife Ausklang des Rokoko-Stils in einer sehr deutschen, ja sogar schweizerischen Form; aber es ist doch Rokoko mit all seiner gekünstelten und stilisierten Grazie. Der jovial« Familienvater, der am liebsten mit seinen Kindern über Stiegen und Boden tollte, oder bei Honig und Butterbrot im Försterhaus des von ihm betreuten Sihl- Waldes um den runden Tisch saß, schloß, wenn er dichtete, am Hellen Tage d«n Fensterladen, zog die Vorhänge zu und arbeitete beim sanften Schimmer der Lampe. Künstliches Licht hüllt denn auch in einen blassen Duft ein ganzes Arkadien mit strohbedeckten Hütten, mit den Reblauben und Büschen, mit schnäbelnden Tauben und weidenden Lämmern, mit zärtlichen Hirten und schwärmenden Mädchen. Nicht umsonst-hat der Zeichner die Porzellanmalerei mit so viel Glück gepflegt. Etwas durchscheinend Zartes, Glattes haftet feiner Dichtung an, belebt durch schalkhafte und keck Lichter Wie feine Vignetten tragen diese Bildchen aus dem Hirtenleben einen niedlichen Gemmen-Charakter, mit klassizistisch-spielerischen Ornamenten geschmückt. „Verzuckert" nannte Herder, von einem neuen Begriff der Natur aus urteilend, feine Landschaft, feine Menschen Larven. Und dieser Nachahmer Theokrits ist wirklich ein unnaiver, klar berechen- der Meister, dessen Form in ihrer feinen Verschmelzung einer stilisierten Natur mit posierenden Figuren, in ihrer melodisch dünnen, zart abgewa- genen Prosa ganz den Stil der Rokoko-Schäferei festhalt. Wie zahm ist di- Natürlichkeit, die fein Silberstift andeutet I Er kann, wie er selbst gesteht, „den Käse und die Nüsse im Gedicht nicht zu oft ausstehen . Sein Antikisieren hat einen zierlichen Menuett-Charakter, und seine Naturverehrung ä la Rousseau ist von dem Schnörkelwesen noch so dicht umrankt, dah man sie kaum gewahr wird. Wie eine Helle ferne Hirtensclfalmei aus stiller Höhenluft, zart, rein und süß, klingt seine schwebende Prosa zuuns, mag er in seinem Epos „Der Tod Abels" die Hirtenwelt der Bibel m ein Sck)äferftück [einer Zeit verwandeln und das alltestamentarische Orgel- thema zu einem Flötensolo voll lyrischer Stellen bearbeiten oder in seiner schönsten Dichtung, dem „Ersten Schiffer", galante Rokoko-Mytho M treiben und in die er puppenhaften Robmsonade den fehnsuchtigen Jüngling schildern, der aus Siebe das Boot erfindet und die erste Fahrt mach nach der Insel der Siebe. Wenn Geßner den bunten Staffagen ferner Mt verklärten Landschaft einen Schimmer der Natur wie einen gelingen Glanz überhauchte, fo verdankte er das feinem Schweizertum, das ihm den Hirten in einem edlem und freieren Geist zeigt«. „In einem San«, wo ein hochgräflicher Herr oder ein gnädiger Baron den Sandmann M armen Sklaven machte," schreibt er einmal an Gleim, „da mag letzterer kleiner und verächtlicher sein als ,bei uns, wo die Freiheit ihn zum befter- denkenden braven Mann macht." Dieser frische Suftzug, diese reichere Tönung rief das allgemeine Entzücken hervor, lieh seine Poesie als die Höhe eines S ils, eben bes W- schm Rokoko-Stils, erscheinen, die wir noch heut« empfinden. Freilich «- Evangelium der Natur, das er predigte, säuselte nur leise neben der bra , senden Gewalt, di« bald danach der „Sturm und Drang entfesselte. M hebt ihn sein scharfes Künstlerauge über die anderen „naturmaknöe« Poeten. Er betrieb ja die Dichtung nur nebenbei, verstummte nach leine Heirat allmählich und wandt« sich mehr und mehr der bildenden KM > zu. Der leichtherzig« Dillettant, der alles im Seben etwas spielerisch M faßte, bewies als Zeichner und Maler einen ungewohnten i^ip u« beschäftigt« sich auch eifrig mit theoretischen Fragen, die er in Kin« feinen „Brief über die Landfchaftsmalerei" behandelt hat. Von den Rad rungen, die zunächst die kleinen Formen des Rokoko in der BuäM stration glücklich anwendeten, ging er zu größeren Sandschaftskomposmone über, die den Charakter der gemalten Idylle verlassen und die reizen Umwelt des Züricher Sees unbefangener festhalten. So gelangte er feiner letzten Zeit zu einer Sandschaftskunst, die vom Rokoko zum mus hinübertastet und schon einiges von der späteren Romantik vom ahnt. Aus einem verwandten Gefühl heraus hat ihn Ludwig Nim geliebt. Diese Verbindung einer überfeinerten Kultur mit einfacher, beobachiung, von Anmut und Einfalt, von gemütvoller SchucyMU künstlerischer Eleganz macht die Eigenart Geßners aus, die in Jemend Dichtungen ebenso lebt wie in seinen reifen Bildern. Deshalb wira i im kleinen große, im engsten Kreis« rein entfaltete Schöpfung cus liebliche Insel im Reich deutscher Kunst stets ihre Verehrer finden. Rangordnung auf dem Hühnerhof. Von Dr. Walter Lipps. (Nachdruck verboten.) Bei den Tieren, die in größerer Gesellschaft Zusammenleben, finden sich fast immer Einrichtungen oder Erscheinungen, die in merkwürdiger Weise an solche der menschlichen Gesellschaft erinnern. Nicht nur die Staatsform der Bienen, Ameisen usw. zeigt solche Parallelen, sondern auch die kleineren Gruppen der in Herden zusammenlebenden Tiere treffen strenge gesellschaftliche Abmachungen unter sich. Diese dienen dann nicht einer verschiedenen Verteilung der Arbeitsleistung, ordnen aber nichtsdestoweniger das Einzeltier einem ganz bestimmten Platz ein, der meistens ein für allemal festlegt, welches Ansehen das Tier bei seinen Herdengenossen zu erwarten hat, welche Freiheit es sich also nehmen darf und welche Vorrechte es respektieren muß. Diese gesellschaftlichen Gesetze sind am leichtesten zu beobachten bei einem Tier, das sich so vollkommen an die Anwesenheit des Menschen gewöhnt hat wie zum Beispiel das Haushuhn. Es ist bekannt, daß in jedem Hühnerhof der Hahn als Oberhaupt eine Sonderstellung einnimmt. Aber auch die Hennen haben unter sich eine feststehende Rangordnung, in die jedes Tier eingereiht ist und der es sich fügen muß, wenn es nicht sehr schnell durch empfindliche Maßregelungen dazu gezwungen werden will. Mit der Aufstellung dieser Rangordnung wird gleich in den ersten Tagen begonnen, nachdem ein Hühnerhof neu besetzt worden ist und sie ist spätestens nach Ablauf eines Monats endgültig festgelegt. Die einzelnen Entscheidungen werden getroffen in den Momenten, in denen zwei Tiere bei der Fütterung oder beim Auffuchen eines bevorzugten Platzes zusammenstoßen. Hierbei ist nicht nur von Bedeutung, welches von beiden Tieren das kräftigere ist, sondern Mut, Schreckhaftigkeit und auch der Zufall spielen eine ausschlaggebende Rolle. Bei den Hennen kommt es in einer großen Zahl der Falle gar nicht zu einem Kampf. Es genügt, daß das eine Tier in einer zornigen Aufwallung eine drohende Stellung einnimmt, vor der die Gegnerin im Augenblick erschrickt und zurückweicht, um ein für allemal die Vorherrschaft entschieden zu haben. Es ist ganz merkwürdig, und das zeigen die langjährigen Untersuchungen von Schjelderup-Ebbe, wie intensiv sich so ein Vorgang dem Gedächtnis des Huhnes eingräbt. Wird der Kampf aber von den beiden Gegnern aufgenommen, dann entscheidet die momentane körperliche Uederlegenheit. Meistens sind diese Kämpfe bei den Hennen im Gegensatz zu dem der Hähne nicht sehr heftig und dauern nur kurze Zeit. Sie bestehen in einem Auseinander- losftiegen, wobei jede der beiden versucht, ihrer Gegnerin möglichst viele Hiebe mit dem Schnabel beizubringen. Selten wird bis zur Erschöpfung eines Tieres gekämpft. Viel häufiger sind die Fälle, in denen das eine Tier aus Mutlosigkeit: manchmal auch durch irgendwelche äußeren Umstände erschreckt, plötzlich zurückweicht. Und damit ist seine Stellung der Gegnerin gegenüber endgültig festgelegt. Weitere Kämpfe werden nicht mehr ausgefochten. Wie wenig dieser Platz der eigentlichen „Tüchtigkeit" zu entsprechen braucht, zeigt die Leichtigkeit, mit der man die Rangordnung zugunsten des schwächeren Tieres beeinflussen kann. Wenn man nämlich im Augenblick des Kampfes, in dem die Tiere für die Vorgänge um sie keinerlei Aufmerksamkeit haben, also auch ein direktes Eingreifen des Menschen nicht empfinden, das stärkere Tier zum Beispiel durch zeitweises Herunterdrücken des Kopfes in feiner Angriffsmöglichkeit hemmt, so wird dieses bald den Kampf aufgeben. Der Erfolg ist, daß es von dem schwächeren zeit seines Aufenthaltes im Hühnerhof gejagt und gehackt wird, ohne es zu wagen, sich zur Wehr zu setzen. Auch direkte Irrtümer können bei der Entscheidung eine Rolle spielen. So wurde die Beobachtung gemacht, daß eine sonst sehr kamp- fesmutige Henne, die einer weißen gegenüber zuerst unterlegen war, bann ruhig noch mit einer Reihe von schwarzen Hennen kämpfte und diese auch besiegte, in dem Moment aber den Kampf ablehnte und sich jagen ließ, als sie anderen ebenfalls weihen Hennen gegenübergestellt wurde. Die Erinnerung an ihre erste Niederlage wurde durch den Anblick der weihen Tiere wieder wach — vielleicht hielt sie sie auch für die gleichen — und das nahm ihr den Mut. Wie sieht nun die Rangordnung in einem Hühnerhof aus, nachdem alle Entscheidungen gefallen sind? Der einfachste Fall ist, daß eine Henne Despot über alle änderen ist, die im Rang nächstfolgende nur von dieser gehackt wird, über alle anderen aber herrscht und so die Rangleiter herunter bis zur letzten, die von allen gejagt wird, ihrerseits aber keine Herrschaft mehr ausübt. Doch meistens ist die Situation eine wesentlich kompliziertere. Aus der Verschiedenheit der Gründe, die für die Stellung eines Huhnes in seiner Gesellschaft maßgebend sind, ergibt sich als notwendige Folge, dah vielfach Hennen sich einem Tier unter« ordnen, über ein anderes aber Herrschaft ausüben, das auch jenem Übergeordnet ist. Es wird zum Beispiel eine Henne in einem für sie ungünstigen Augenblick durch die Herausforderung einer anderen erschreckt und gibt auf, während sie später mit einer, dieser an Kraft überlegenen ben Kampf aufnimmt und gewinnt. Schjelderup-Ebbe bezeichnet das als Hacken im Dreieck, Viereck usw. und meint damit, dah also zum Beispiel eine Henne a die Henne b hackt, diese die Henne c, während letztere aber wieder die Henne a hackt. Solche Fälle sind außerordentlich häufig und verwischen für den flüchtigen Beobachter die in Wirklichkeit strenge Gesetzmäßigkeit. Diese Hackordnung ist, wie schon gesagt, nach einem Monat festgelegt und erfährt in der Regel keine Verschiebungen mehr. Auch wenn ?’n -per krank wird und ganz augenscheinlich nicht mehr in der Lage m, einer Empörung der von ihr Unterdrückten zu begegnen, bleibt ihre Stellung von diesen respektiert. Anders ist es aber, wenn sich die Henne ouech ihre Krankheit in Haltung des Kopfes, der Flügel und der ganzen Bewegung des Körpers so verändert, daß sie von ihren Genossen nicht 'mehr erkannt wird. Dann hat sie die ganzen Kämpfe um ihre soziale Stellung nochmals durchzusechten und da sie dieser Aufgabe in ihrem augenblicklichen Zustand nicht gewachsen ist, wird sie bald an allerletzter Stelle gelandet sein, llpb diese Stellung behält sie bann auch nach ihrer Gesundung, weil ffe nicht mehr den Mut findet, gegen die aufzutreten, die ihr in einer Zeit der Schwäche überlegen wären. Daß tatsächlich das veränderte Aussehen diese Erschütterung der Rangordnung mit sich bringt, zeigt ein Experiment, welches an einem Hühnervolk ausgeführt wurde, das schon lange Zeit zusammenlebte und bei dem sich die einzelnen Individuen über ihre Stellung schon längst geeinigt hatten. Man band einer Henne, die einen besonders starken, nach der einen Seite geneigten Kamm aufwies, diesen nach der anderen Seite herüber, wodurch das Gesicht ein vollständig verändertes Aussehen erhielt. Dieses Tier, das einerseits seine Unterdrücker nach wie vor anerkannte, andererseits aber seine Rechte ben Unterdrückten gegenüber geltend machte, wurde von diesen als Neuling betrachtet und nicht mehr als Despot anerkannt. Die Folge war also eine Empörung, und das Tier mußte neuerdings den Kampf um feine Stellung ausfechten. Auch der Hahn erkannte feine Henne nicht mehr und begann ihr gegenüber, wie sonst nur bei neuen Tieren, eine besonders stürmische Werbung. Das Gedächtnis der Hennen ist im allgemeinen nicht so schlecht, wie man anzunehmen geneigt ist. Die Despotie eines Tieres wird oft nach einer monatelangen Trennung aus der Erinnerung heraus ohne weiteres anerkannt. Dauert aber das Fernfein noch länger, dann erkennen sich die Tiere nicht mehr, und die Rangordnung wird von neuem festgelegt. Dabei kann sich natürlich ein ganz anderer Stand ergeben. Einen besonders schwierigen Standpunkt hat die Henne, die neu in einen schon längere Zeit bestehenden Hühnerhof eingesetzt wird. Sie ist müde und vielleicht geschwächt durch die Reise, hungrig und verängstigt durch die Überstandenen -Erlebnisse und durch all das Neue, das sich plötzlich vor ihr auftut. In diesem Zustand steht sie als Fremdling einer „geschlossenen Gesellschaft" gegenüber, die sich alle untereinander "kennen und von denen nun eine nach der anderen gegen sie Front macht. Die Folge ist, daß sie auch der größten Anzahl derjenigen unterliegt bzw. sich sofort ergibt, die sie an Kräften eigentlich übertrifft. Sehr interessant sind die Charakterunterschiede, die sich zwischen einem „gesellschaftlich" hoch- und einem „gesellschaftlich" niederstehenden Tiere zeigen. Ersteres ist im allgemeinen ruhig, mißbraucht seine Stellung in keiner Weise und zeigt manchmal sogar eine fast an bas Wesen bes Hahnes erinnernde Ritterlichkeit. Ganz anders ist die tief in der Hackliste stehende Henne, lieber die wenigen ihr unterstellten Individuen führt sie ein scharfes und grausames Regiment, begnügt sich nicht mit Drohstellungen, sondern jagt sie von einer Seite des Hofes in die andere und sucht ihnen, wo nur irgend möglich, einen Hack zu versetzen. Wie sehr dieser häßliche Charakter von den ungünstigen sozialen Verhältnissen bestimmt ist, unter denen sie lebt, zeigt der Umstand, daß sie sofort friedfertiger wird und eine „vornehmere" Gesinnung zeigt, wenn sie durch irgendwelche der beschriebenen Vorgänge sich einen höheren Platz gesichert hat. Eine solche Zeit des Aufsteigens ist für manche Henne auch die, die ihrer Brutzeit folgt. Gluckhennen zeigen wie die meisten Muttertiere ein viel höheres Maß von Mut und Kampfeslust, und so kann es leicht fein, daß sie sich bei einem Zusammenstoß ihrem Despoten nicht fügen, sondern es auf einen Kampf ankommen lassen. Eine solche Revolte hat vor allem bann Aussicht auf Erfolg, wenn vorher noch keine Entscheidung durch Kampf ftattgefunben hat, sondern die Rangordnung infolge Feigheit des Tieres friedlich feftgelegt worden war. Im anderen Falle kommt aber leicht der Moment, wo die Erinnerung an die einstige Niederlage lebendig wird und das seinerseits besiegte Tier neuerdings, ohne unterlegen zu sein, aufgibt. lieber die Küken ist natürlich jede erwachsene Henne unbedingter Despot, und diese Vorherrschaft bleibt bei den weiblichen Tieren meist bestehen, solange sie mit dem Muttertier zusammen sind, auch wenn die Küken schon längst erwachsen und körperlich gleichwertig sind. Sie machen bann wohl unter sich bie Rangordnung aus, erkennen aber die alten Tiere zeitlebens als Despoten an. Anders ist es bei den männlichen Tieren: Mit dem Heranwachsen versuchen diese immer und immer wieder die Herrschaft über die alten weiblichen Tiere zu gewinnen. Sie gehen gegen diese vor, lassen sich aber die erste Zeit durch Drohlaute und schließlich Drohstellungen der Hennen zurückschrecken. Schließlich nehmen sie bann auch einmal ben Kampf auf, werden aber meistens von ben kräftigeren, alten Tieren besiegt und müssen bie Vorherrschaft doch anerkennen. Erst allmählich gelingt ihnen dann nacheinander der Sieg über die einzelnen Hennen. Charakteristisch ist, daß sie bann bie erste Zeit diesen gegenüber den typischen, kleinen, grausamen Despoten spielen und sie bei jeder Gelegenheit hacken und ärgern. Später werden sie ritterlicher, geben ihren feindlichen Standpunkt auf, suchen die Hennen zu locken und teilen auch das Futter mit ihnen. Sie machen nun von ihrer Ueberlegenheit nur noch selten Gebrauch. Allerdings findet man manchmal, daß der Hahn gewisse Hennen ablehnt. Auch die Entscheidung der Despotie bei jungen Hähnen unter sich weicht von der bei den Hennen ab. Hier kommt es kaum vor, daß die Vorherrschaft rein auf Drohungen feftgelegt wird. Es finden im Gegenteil fast immer Kämpfe statt und diese haben einen außerordentlich heftigen Charakter. Außer dem Schnabel ist hier auch der Sporn eine viel gebrauchte Waffe. Die Auseinandersetzung dauert meist bis zur völligen Erschöpfung, manchmal bis zum Tod des einen Gegners, und es sind Kämpfe bis zu 40 Minuten ununterbrochener Dauer beobachtet worden. Bei den Hühnern ist durchweg der Hahn oberster Machthaber, und es kommt nicht vor, daß eine Henne ihm gegenüber Ihre Vorherrschaft erhalten kann. „Du hast Sergeant die Lust. Das war Rice und Drunten im das verabredete Zeichen. ,, der Eskimo konnten den Knall der Schüße noch nicht Horen. Camp aber wurde es lebendig. Die Leute kugelten saft aus „Sie bringen Rettung. , -Das optische Instrument verkürzte die Entfernung. Kem Zweifel, die längst erwarteten Kameraden kamen vom Cap zurück. „Sagte ich dir nicht, William, daß heute Sonntag ist?" ~ " recht, Benjamin. Wir wollen das Lager alarmieren! Croß schoß in regelmäßigen Zwischenräumen dreimal in Cisland. Roman einer Expedition. Von Hellmuth Unger. Copyright by Carl Schünemann, Bremen. (Sortierung.; Ein Polarschlitten mit zwei Männern bespannt ist in der großen Einsamkeit Eislands ein so winziges Etwas, das es kaum Beachtung findet, wenn man es nicht mit aller Schürfe der Aufmerksamkeit sucht. Israel hatte sich eine niedere Kanzel aus Schnee gebaut, vor der er bequem kauern konnte, um durch das aufliegende Rohr nach Cap Sabine hinüberzulpähn. „Du, William?" Croß lag am Boden, wieder im Pelz verhüllt, und rauchte. „Was?" „Da drüben bewegt sich was." „Eh' sie nicht schieben, brauchen wir« nicht zuruck. ' „Nein. Es könnte Rice sein." „Wo?" * „Oder ein Tier." t Fern, fern stampften zwei Männer von Süden nach Cap Clay zurück und nur die Hoffnung, noch vor Abend das Lager zu erreichen, trieb sie zu immer neuer Anstrengung. „Mein Gott!" „Rice und Edvard? Glaubst du?" dem gehöhlten Eingang heraus. Drei Schüsse vom Lager als Antwort. „Verstanden!" , Einer zog die Flagge an einem in den Schnee gesteckten Ruder auf. Das war Vrainard. Er hatte das Fahnentuch in Verwahrung. Das geliebte Sternenbanner mit seinen roten und weißen Streifen und seinen achtundvierzig Sternen im blauen Viereck. ©rech) machte sich mit einigen Leuten sofort auf den Weg, den {Erwarteten entgegen. Sie mochten schwer genug an den Lebensmittellasten geschleppt haben, die sie aus dem Depot vom Cap mitbrachten. Der andere Teil der Mannschaft wartete vor den Baracken. Ungeduldig. . t m Rur Korporal Elison lag allein im Halbdunkel des niederen Raumes. Bleich und mit gehöhlten Backen ruhte er auf seiner Pritsche und konnte sich nicht bewegen. Frostbrand wütete in den leblosen Füßen und peinigte den Hilflosen bei der kleinsten Bewegung. Elison lauschte und rief. Niemand beachtete ihn jetzt. Er hielt die frostwunden Hände um sein Evangelienbuch gefaltet und betete. „Laß sie gute Nachrichten bringen, Gott, für uns alle!" Er wartete. Wartete auf den Jubel der Kameraden draußen. Dies war vielleicht der letzte, der allerletzte Tag im Camp Clay. Und morgen würde man aufbrechen zum Cap, wo der „Proteus" schon wartete. Die Stille wurde erschreckend. „Hallo, Vektor!?" Dr. Pavn kam als erster wieder. Warf sich auf sein Lager in der Ecke und lachte grimmig. „Ist Rice zurück?" „5a." „Nichts Gutes, Doktor?" „Scheint nicht so." „Haben Sie ihn gesprochen?" „Er gibt eben dem Alten Rapport." „Die Wahrheit, Doktor! Die Wahrheit!" stöhnte der Gequälte. „Hast du Gutes erwartet? Ich nicht." „Oh!" sagte Elison leise und schloß die Lider. „Sie werden uns doch nicht im Stich gelassen haben! Mit den Vorräten von Cap Sabine werden wir ausreichen bis. zu den Littleton- Inseln. Und von dort ist es nicht mehr weit bis nach Etah, wo uns die Eskimos Helsen können. Sagen Sie doch, was geschehen ist, Doktor!" „Littleton-Inseln!" grunzte Dr. Pavy und sah den Korporal lauernd an. „Glaubst du denn, daß du mitmarschieren kannst, Elison?" „Wenn Sie mir helfen!" „Ich müßte dir die Knochen absägen unterm Knie. Dann vielleicht." Elison wurde bleich vor Entsetzen. „Sf)r wollt mich doch nicht zurücklassen." „Nein. Aber vorher krepieren wir alle." Jetzt kam Sergeant Rice und hinter ihm Jens Edvard in die Hütts. Beide waren so erschöpft, daß sie nicht mehr reden konnten. Greely gab jedem einen Becher voll Rum, den sie gierig tranken. „Hallo, George!" Rice starrte den rufenden Kameraden an. Sein Blick war gebrochen. Er erkannte ihn nicht. Dann stürzte er nieder. « Es waren Unglllcksnachrichten, die sie vom Cap mitgebracht hatten. Statt eines wohlgefüllten Proviantdepots fanden sie dort nur eine kärgliche Menge, die kaum einen Monat ausreichte. Der Dampfer „Proteus" war beim Versuch nach der Lady Franklin Bay vorzustoßen in Packeis ccraten und gesunken. Dies war am 24. Juli geschehen. Die Ersatzmann- schast wurde zwar von einem anderen Dampfer gerettet, aber dessen Kapitän machte nicht elmnal den Versuch, auch die Expedition vom Fort Conger zu retten. Um nicht selber zu sterben, ließ er die anderen im Stich und steuerte eilig nach Süden. lieber Kanada kehrte die zur Ablösung der Truppe vom Fort Conger bestimmte und beim Schiffbruch gerettete Ersatzmannschast des „Proteus" nach den Vereinigten Staaten zurück. Ihre Heimkehr wurde zum Triumphzuge, als wäre sie es gewesen, die zwei Winter in Grinnelland aushielt. Aber längst ehe sie Neuyork und Washington erreichte, hatte der Telegraph die Einzelheiten ihrer Rettung überallhin verbreitet und die Zeitungen brachten unter großen Titeln Berichte der abenteuerlichen Fahrt. Jetzt erst erfuhr die ganze Welt Genaues über die ttnglückliche Expedition und der Name des untergegangenen Eisdampfers war in aller Munde. Da waren also wieder einmal kühne Männer unterwegs, den Nordpol zu bezwingen! Nein, sie waren keine Eroberer oder Entdecker unerforschten Gebietes, nur Wegbereiter sollten sie sein. Sie hatten nur eine Hilfsstation einzurichten, für andere, die nach ihnen zum Pol vordringen wollten. In Vergessenheit versunkene Namen ruhmreicher Helden und Forscher bekamen durch die Sensation des Tages neuen Glanz, gleich, welcher Nation sie angehört hatten. Es las sich vortrefflich, was Reporterfedern In den schmalen Zeitungsspalten geschrieben hatten. Admiral Cornelius Nay. Habt ihr von dem Holländer schon mal gehört? Und von seinem Steuermann Barents? Ja, wenn es keine Geschichte gäbe, in der alle Menschentaten verzeichnet werden! Den Histo- rilern geht nichts verloren. Unsere Bewunderung für solche Helden! Dreihundert Jahre ist der Erdball seitdem älter geworden. Bedenkt das! Dreihundert Jahre. Und ihr Name lebt noch immer. Lebt er wirklich? Ihr hattet ihn doch alle vergessen oder nie gekannt. Damals erfuhren wir zum ersten Male etwas von dem seltsamen Lande hoch im Norden, das Nowaja Semlja heißt. Die Oranieninseln und Cap Nassau erinnern heute noch an die mutige Fahrt. Ein tüchtiges Volk, diese Niederländer! Ueberall haben sie mächtige Kolonien, aber ihr Ehrgeiz will auch den Nordpol gewinnen. Elling Carlsen, der Norweger, hat später die Spuren des Steuermanns Barents in Nowaja Semlja wiedergefunden und seine Hinterlassenschaft nach Amsterdam gebracht. Kostbarer Nationalbesitz ist sie geworden. Da strahlt auch der Name des englischen Hauptmanns Frobisher wieder, der als erster Europäer den Eskimos im Süden Grönlands begegnete und der Henry Hudsons, der von London aus über den Pol Japan und Indien erreichen wollte. Da sind William Baffin und John Davis und das tragikomische Abenteuer des Kommandeurs Phipps, der den Nordpol mit einem Handstreich für Großbritannien erobern wollte. Wort für Wort könnt ihr all ihre Taten in den Zeitungen nachlesen, um so ausführlicher, je spärlicher die Berichte über die Geretteten vom „Proteus" werden. Da bleibt bald nicht viel zu erzählen. Allen Ruhm auch für Kapitän Roß und für Parry, für Franklin und Mac Clure. Ihr habt gar nicht geahnt, wieviel Männer schon ihr Leben wagten, das Eisland und den Nordpol zu bezwingen? Nicht wahr? Die Liste ist endlos. Wenn einer entmutigt heimkehrt, wagt es ein anderer mit noch ungebrochener Hoffnung. _ „ . Da sind die deutschen Schisse „Germania" und „Hansa , dte bis zum 77, Grade vordringen, und ihr Kapitän ist Karl Koldewey aus Bücken an der Weser. Von de Long und Nordenskiöld habt ihr bestimmt schon gehört! Heute tragt ihr sie leicht auf der Zunge und morgen habt ihr sie leicht vergessen, wenn anderes euren Sinn beschäftigt. Denn, ach, ihr seid unruhvoll und wollt immer Neues nacherleben. Es wird nicht einmal em Erlebnis. So tief berührt es euch nicht, weil ihr nicht die Liebe habt zum Wesentlichen der Dinge und Geschehnisse. Ihr hastet am Leben und an euch selbst vorbei. Neue Namen werden später auftauchen nach unserer Zett und nach eurer, die für uns schon Vergangenheit ist. Nansen, Peary, Cook. Ihr werdet jubeln und stolz sein, als hättet ihr mit Anteil an ihren Taten. Hundert Jahre. Zweihundert. Die Sülle in Eisland bleibt und das Atmen der Ewigkeit am Pol. So ist es und so wird es fein. Ungerecht und undankbar sind die Menschen! Sie sehen nicht das Große und sie feiern nur den Erfolg. Wer Unglück hat, dem gehört der Jubel nicht. Nur vor Siegern treiben sie Dienst wie vor Götzen. Wer ist das, die Mannschaft im Fort Conger? Und wer ist Greely, ihr Kommandeur? Haben sie den Nordpol erreicht? Als erste? Nein. Davon hört man nichts. Dreiundzwanzig amerikanische Soldaten und zwei Eskimos im Polardienst. Sie werden ihre Pflicht getan haben, bis sie starben oder sie tun sie noch, wenn sie noch leben. Das weiß niemand. , Man erfährt jetzt, wie sie heißen und woher sie stammen. Ihre Eltern leben irgenowo, Geschwister, ihre Frauen und Kinder. Menschen in Leid, die um ihre Rettung bangen und die Hoffnung nicht verlieren. Man erfährt dies und so vieles. Man bespricht es mit Bekannten. Weshalb wählte die Regierung kein größeres Schiff? Wurde alles getan, die Männer in Eisland zu retten? Das Gouvernement soll sich gegen Angriffe verantworten. Nein, man schickt jetzt keinen zweiten Dampfer auf die Suche. Es wäre zwecklos und ein Berbrechcn an andern. Eine Mauer von pon- eis hält das Elsland umschloffen. Winter und Dunkel herrschen längst, ehe man Hilfe zu bringen vermag. Gebe Gott, daß die Männer in Eislano auf verlorenem Posten noch leben, daß sie auch den dritten Winter überstehen. Und versprecht jedem fremden Kapitän, jedem Walfischfängerboot im Norden eine Belohnung, wenn es die Mannschaft sucht und rettet. Mehr kann man nicht tun. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts-Duch» und Steindruckeret. R. Lange, Gießen.