SietzenerZaimIienbliitter Nummer y ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1950 Freitag, den 3l. Januar Rebel. Von Peter Bauer. Nebel raucht alles ein. Nebel macht blind. Kein Gesicht lächelt Schein, Du tappst wie ein ängstliches Kind. Baumskelette gespenstern im Grau, Laternen blinzeln nach dir. Rauscht wo ein Blatt oder Tier? Schreitet vermummt eine Frau? Riß doch der Himmel sich auf, Eh alles Licht erstickt. Flockte Schnee zuhauf — Wie wär die Erde beglückt. Oie Maschine. Von Kurt H e y n i ck e. ronr 'm letzten Jahr des Weltkrieges. Ich war wegen einer Verwundung aus der Front in die Etappe geschickt worden und sollte in SmSÄ' 015 Maschinenbauingenieur entsprechenden Stel- xama[S D.°tn °U?n Seiten eingekreist und blockiert, be- ch agnahmte in dem von ihm besetzten Gebiet Maschinen und Maschinen- Cl Sn in ^aUe zwei und als mein Blick auf die Antriebsmaschine een ninbr x r-mx nier nebcn mir herplaudernde Alte. Seine Augen hin- gen plötzlich wie die meinen an der Maschine ..Marcel". mitten e K jr).anb "n sie legte, die einzelnen Teile prüfte und betrachtete, 6?ut°uner Er fuhr mit der Hand wie abwehrend durch die Luft: nicht?"' 0te €r' 3d) llioubte ihn zu verstehen und fragte: „Warum sacket '"eines Sohnes!" Ich meinte, daß diese Tat- ben wÄ k Mlagnahme leider n-cht ausschlösse. Ich würde aber Dem 9m«» ra^me^emo-ß-rn ouf den Namen seines Sohnes ausstellen, nicht bitte"" tr° en blc ^r6nen in die Augen, er wehrte ab: „Nein, so 2)lntoin?^k.,e?k^te c\bafi fein Sohn Marcel, der im Felde sei, diese noch viel nn^’r'o-n066ba^ bcsbllb fein Herz daran hänge Er sprach ) von seinem Sohn, von seinen Hoffnungen, seinem Glauben an lebte Sein Ma» und Jerome Coutourier stand hoch aufgerichtet. Keine Träne kam Körper wankte, aber er beherrschte sich. „Kreide," sagte er heiser. Emile gab sie ihm. . nickte Coutourier und zeichnete das Kreidekreuz auf die chme Marcel. „Mögen fte die Deutschen holen," sagte er verbissen zerbrochen. Dann ging er beherrscht und gerade. Ich traf ihn einige Tage später, um ihm zu bedeuten, daß meine Formation abberufen wurde, ich vermöchte ihm nicht zu sagen, was aus der Maschine wurde. Coutouner ahnte: Endlich! Von Marcel! Zitternd griff er nach dem Papier. Aber es war nicht die Handschrift seines Sohnes. Er sah auf den Absender. Oberst Petoir, 186. Infanterie-Regiment. Marcels Regiment! Daneben der deutsche Zensurstempel. Er riß den Umschlag auf Seine Augen schwammen: in dem Brief ein paar armselige Worte: die unheilvolle Wahrheit: Gefallen, aefallen, gefallen. Die Maschine Marcel sah Coutourier an mit ihrem Leib aus Stahl und Metall. Sie hatte gelogen. Hier stand sie — «in Hebeldruck und sie lebte wieder auf, wenn sie gespeist wurde mit Kraft, aber Marcel ' nicht mehr, Marcel war tot. 'bn- und '4 hatte Mitleid und beschloß: „Vorläufig lasse ich Ihnen die Maschine. Ich verstoße dabei gegen meine Vorschrift. Aber ich will es trotzdem tun. Ich verstehe Ihre Gefühle." Er hankte mir. Aber von dieser Stunde an lebte er wegen der Ma» sch,ne m Aengsten, die auftauchende trübe Ahnung wuchs zur festen, unverrückbaren Vorstellung: wenn die Maschine weggeholt würde, müsse'auch Marcel * 3uft°6en' Marcel war die Maschine, die Maschine war Wochen vergingen als die Arbeitskolonnen kamen und die übrigen Maschinen aus der Halle holten, sah Coutourier zerfallen aus, seine Augen waren trüb, sein Gang schleppte. "Schmerzt es Sie?" fragte ich und zeigte auf die stückweis verladenen Maschinen. „Dieses nicht", sagte er. „Sondern?" „Mein Sohn schreibt nicht." Ich versuchte ihn zu trösten, alle Nach- richten gingen ]a durch Vermittlung des Roten Kreuzes durch die Schweiz da fei eme Verzögerung wohl möglich. Er aber sah nur mit einem Blick auf die Maschine seines Sohnes, strich" etnfamen ®Ian3 bie Trostlosigkeit des leeren Raumes unterstrich. Ich mckte seiner stummen Bitte Gewährung. Die Maschine Marcel blieb auch diesmal bei ihm. 3eit’ An b°r sich Coutourier lange in die Nähe bet Maschine stellte und sie wohl auch anredete: „Marcel, wirst du mir erhalten bleiben? — Marcel, das war diesmal nicht die Ma chine er meinte den Sohn —. ' Eines Tages entdeckte ein Jnspektionstrupp die einsame Maschine und machte meinem Vorgesetzten Meldung. Ich erhielt eine Rüge und den Auftrag, die Maschine abzutransportieren. Darauf ging ich zu Coutourier: „Ich kann nicht anders, — in ein paar -tagen muß die Maschine fort." . . Cr schwieg. Ich sah, daß er noch keine Nachricht von Marcel hatte Ich wußte auch, daß hier eine begreifliche Liebe einen toten Gegenstand mit dem Sohn in Beziehung brachte. Wer mag das in so absonderlichen Zeiten dumm und wirr nennen? Es war verständlich? Die Deutschen wallen die Maschine holen, wenn aber der Maschine etwas geschieht so wird auch Marcel etwas geschehen — das war der Kehrreim der Gedanken des alten Coutourier. Coutourier erhob sich mitten in der Nacht, machte Licht und ging in die Halle zwei. Da stand die Maschine „Marcel". Durch die zerschlagenen und erblindeten Fenster der Halle schickte der Mond sein Licht. Jemand hatte eine Spitzhacke stehen lassen, Coutouriers Bl'ck ftel darauf Da kam ihm der Gedanke: „Eingraben! Ja, ich werde die Maschine Marcel eingraben! An die Folgen dachte er nicht, mochten die Deutschen ihn rnrhaften. Wenn nur die Maschine erhalten blieb, was gleichbedeutend war, daß Marcel das Leben erhielt. Cs war ein trüber, regnerischer Morgen, als er sich mit Hacke und Spaten in die Halle begab. Er wollte den Bodenbelag fortnehmen, ein« Grube graben die Maschine hineinsenken und hernach eine Bretterschicht die zur -tauichung mit dem alten Bodenbelag bedeckt wurde über di« Grube legen niir die ersten Arbeiten hatte er nur Emile, einen alten Arbeiter, bestellt, daß er ihm helfe. mo^bers G,*VIe, kam später, als verabredet war, und entschuldigte sich wegen der Verspätung: man habe ihm einen Brief mitgegeben von der Mairie, für Herrn Coutourier. MH einer ar. Buenos Aires verlängerte sich um voue ,un, - SÄ » 'S BSÄ LL SLZLML °LL,.°.«— Wi&Kssw n*>*sä: Fahrt probiert werden- Sp roßen auf jedes^ änderen großen Meisten von uns kommen von Benmer } ßbnt Da heißt es UN- Theatern und sind an wochenlange Probe» gew y Qrt unb erhört konzentriert °rbeiten Zwar w,rd nattirlch P sorgfältig “ÄÄJfÜS 3ä«-' -- * die Bühnenproben bleiben auch nur ein paar^T^g spa;;Q5 Ein Zwischenfall ereignete sich 1L.?h( bNachmittagskaffee und 1 giere faßen behaglich tn ihren Lieg s ) Masse ein markerschüt- I i herauf- ^weiterAtv vorm^erchtt^keme^lnstreng Müller gewaltiges Organ hatte fünften^ Tage^de^Fahrt" taucht ^e^s^misthe^M^te arst - wfolge des Nebels haben Verspätung ^^^b in’ble Bucht von 's: ÄÄSXSsa-J Md-- .mpfon,.,, m« | mchrcnb die See bereits glatt gewesen, wird sie immer unruhiger, W , nnc hrr ^nsel nähern. Bor der Abreise hatte mir ,eder gesagt: Ehr r Nordsee und Biskaya ist es recht unangenehm aber dann, von L ’SaKÄSÄffÄ £bL['n «uf Vom Bordleben sehen wir wenig. Für uns gibt es nur !§!°!hlk?«n °« Suntftotion 6«®r* in R>- !•« 8«»« »«-*" Vfs''Ss’'Ä?sal: rs,Ä^r:.:'»Ä,,&ĻĔS ::s Ifjcotw. . . i-ivnhtorf hnnn acht es in die Oorberobcn AUln steUung: Ibsens ,Me inst Bi- « > ' ^^?wie festlich ge- Ä WÄ ®”e.» M” °» "nb vollzählig v/rstimmelt z^nds ist enorm. Die argentinische Presse MMWWZMZ loteinisthc Abstammungloungeh^uerftolz^ist.^ ba6 tn die „,s„ s? äÄ,ssnÄÄ SÄÄ» Sn$ S« * d« „$) a m l e t" dann der größte Triuinph. Neuyork zu- jsww aas ssr -L *• '“Sä LL-SZL jftfes'ät sratAsruSj, n .sswrw' SM# faÄwAÄ-' v" ®",e” ““6,u- I dentenliedern ein gut Stück ^>mat lebendi^wur $3 e g e n e r s. 2)cm^0?ÄVn ®“tr Nnderer^Aannung^erwa'r^ beim" MoisiigastsPiel d«"„Hmnlet^ d°- Sröß^Jnt-r-ss- b^m mter^allo- At h eben KXjSÄtarÄ* Nach faenmöWt Bauer enbejbSZrSmerten Zähigkeit hat Sieg auf der ganzen Linie- M't emer vew bem deutschen Schau- Georg Urban seit sieben fahren dar gear geheure Schwierigkeiten spiel in Buenos Aires den Boden zu bereite 9^ Avisen der beut« galt es zu überwinden, begegnete °^boch^ uch ' y(o( minbcrten sich bischen Kolonie größtem Mißtrauen Bon Vorstellungen bekamen ein I Widerstände, man begann auszuhorchen, d e^Bo \ ^^nnte dankbar an, künstlerisches Niveau, und das b fd) * bcr finanzielle Erfolg, was ihm geboten würbe. Was aber ausm v Theater nun nicht Seit der d,es,ahrigen Spielzeit umr oas M ^^men Moisfi und mehr eine Angelegenheit.der s bab b;c (temporada alleman" ein Wegener hatten eine falchs Zmik f , ast b Mit einem Sch age ÄÄÄ» W'äTÄXrff**’ a'6Bkn Ic" die französische Sprache beherrscht.________ Naturwissenschast und Technik. «.... Bestehen feierte, konnte er und» 9 zurückblicken, die die auf eine außerordentlich ^kurmlfch oenouimeu hat. Eie ist einem Technik seit der Mitte d-- ^Jahrhu^e t^g Technik gleichmäßig einzigen Umstande zu danken der ^nschoft. Um lene Zell befruchtet hat, der engen Verbindung 1 m?er^ dnc nrimMidc standen in den verschiedensten ^agen ' Technik verbannaturwissenschaftlich« Vorbltbung m t s Dje anschaulichste Dm- dcn und für alle F?chsten°fscn stchl Max von E Y th stellung jener Entwicklung hat der —-hrniibftod" aegeben, wenn es in seinem Buche „Hinter W ?Äd) Gnqtnnb tmmn, erfüllt schildert, wie er und sein Freund 0 06 n-fäh ate Aufgaben von von der wissenschaftlichen Vorbildung, die sie besang e™Iünb nOd) vornherein wissenschaftlich °W^e" <. 3 Daß eine Brücke, die sorg- immer rein empirisch bearbeitet wurden- -On« « ausfoinmcn fältiq berechnet war, mit einem ®rud)Me ber jii„g-r- konnte, die die Kästen brauchten, die damals tn - .ß b^ zunächst Stephenson baute, wollte den k°n!eri»ttvenEnglaEri z.^ gar nicht einleuchten, aber der Erfolg ^bde'^It d>en « ) | tich ist diese Entwicklung fast ganz von Deutschland au g m- . «* « ^Me Deutschen ließen die Maschine Marcel stehen, denn zwe, Wochen später war Waffenstillstand Maschinen wieder. । Coutourier bekam nach Friedensschlutz schon« j .ft b Seine Fabrik arbeitete alles gmg seinen ^l, kam nicht Schauspielerfahrt nach Südamerika. Von Dr. Gerd Briese. Muß i denn, muh i denn ..." iPle^ bahltrosse wird wsgeworfen, Häufiei? wmkender,Mechchen. dw ^-r,' gleitet den Fluh, dessen Namen' sie trägt, strnw'ablvärts der Nordsee zm kennt sich gewohnte Umgebung Jur b Neihe von Monaten eine enge Gemein- in-»',ch°. un,.„ paar Teppiche gelegt. Em paar « 'h^ ' / $)ier müssen wir nun elektrische Birnen ' TbutJ. Die ersten Tage täglich unsere 7 bis 9 toninbe i t immcr mebr zunimmt, wird es | ÄfÄ der Ladung abgenemmen ta^ oben auf Deck platt auf dem Dann liegen die Zwiichenoe-rsp p g Risten unserer Probe- Bauche und sehen verwunbert burch d ) Pijamabekleibete Ophelia arbeit zu. Es muh komisch aussehen wenn bcn anbei 32 Grab Warme >^e ®.a^nQ3b^ £„ etwas von der Arbeit deren Passagieren versuchen vi d? jd Ach, wie anders haben sie eine so intensiv« r b eit vorausgeh, ba3 viele Auswendig- Jmmer wieder staunen sie vor aucm Komödianten" aus dem lernen. Wenn da nach der Probeeiner öer f)nnb; in ba5 cr Promenadendeck auf und »b 'vande , m ) hinzumurmeln, folgen immer wieder hmemblickt, um dann s J. heionber5 von Damen — BBää» „er der tut grö bur der für schc nik der er bez opt fan der den die her Bei so des ver opt ten ver Mc Vo Bo S«f F° En )ez lvr 9t sol str wi AI Ar Ko du da- Bc wi köi mc sik. mi ur di di bc jä in de zu flt ni iffe; aber sie fand kein Orakel darin, wie die alten Ihr kleiner Reichtum drückte sie wieder einmal; Es folgte eine Stille nach diesen Worten. Anna schaut« aus das Tee . , , , <-r- rr 1 r* r < fr _ *__ Tu« nitov kraut in ihrer leeren Ter Carsten Curator. Novelle von Theodor Stör m. ; Ihr solltet nicht so viele Sorten haben!" von sich. „Kind, Kind, du willst mich in Verdienst der Gesellschaft für Technische Physik, in der sich Techniker und Physiker zu gemeinsamer Arbeit vereinigen. Andeierseits können es die Ingen.eure auch nicht vermeiden, sich mit den scheinbar sernliegenden Fragen der Physik zu beschäftigen, denn es dauert gewöhnlich nicht lange, so wird das, was eben noch physikalische Theorie oder höchstens Experiment war, technisch verwirilicht. Das beste Beispiel ist die Atomphysik, die mit technischen Fragen kaum etwas zu tun zu haben schien. Ihre Ergebnisse" in der Untersuchung chemischer Elemente durch Röntgenstrahlen werden aber heute schon in großem Maße z. B. im Flugzeugbau ange- wendet und werden sich wahrscheinlich in künftiger Zeit in der ganzen Technik durchsetzen. Die Zahl der bekannten physikalischen Erscheinungen, die heute noch nicht technisch angewendct werden, schrumpft von Jahr zu Jahr mehr zusamen und ebenso auch die Zeit, die von der Entdeckung neuer Naturerscheinungen bis zu ihrer Nutzbarmachung in der Technik vergeht. Weiber das verstehen. Ihr kleiner Reichtum drückte sie wieder einmal; endlich faßte sie sich Mut, und die Augen zu ihrem Pflegevater aushebend, sagte sie leise: „Ohm!" „Was meinst du, Kind?" „ — „Zürnt mir nicht, OhmI Aber Ihr habt nicht gut gerechnett «Nicht gut gerechnet! Anna, willst du es etwa besser machen? „Ja, Ohm!" sagte sie fest, und ein paar Helle Tränen sprangen aus ihren blauen Augen; „sind meine dummen Taler denn auch dieses Mal nicht zu gebrauchen?" Carsten blickte eine Weile schweigend zu ihr hinüber. „Ich hätte es mir von dir wohl denken sollen", sagte er dann; „aber, nein, Anna, auch ^^Annn"blickte ihm nach; bald aber sprang sie aus und warf sich Tante Brigitte in die Arme. _ Wir wollen es dem lieben Gott anheimstellen , sagte die alte Frau; „ich'habe dieses Mal meinen Bruder wohl verstanden." Dann hielt sie das große Mädchen noch lange in ihren Armen. • --Carsten war in den Hof gegangen. In der schon eingetretenen Dunkelheit saß er unter dem alten Familienbaum, der längst von Früchten leer war und aus dessen Krone er jetzt Blatt um Blatt neben sich zu Boden fallen hörte. Er dachte rückwärts in die Vergangenheit; und bald waren es Bilder, die von selber kamen und vergingen. Die Gestalt seines schönen Weibes zog an ihm vorüber, und er streckte die Arme in die leere Lust; er wußte selbst nicht, ob nach ihr oder nach dem fernen Sohn, der ihn noch unauflöslick-er an ihren Schatten band Dann wieder sah er sich selber auf der Bank sitzen, wo er gegenwärtig faß; aber als einen Knaben, mit einem Buche in der Hand; aus dem pause hörte er Ne Stimme seines Vaters, und der kleine Peter kam auf seinem Steckenpferde in den Hof aeritten. Bald aber muhte er sich fragen, weshalb dieses frie- densvolle Bild ihn jetzt mit solchem Weh erfüllte. Da überkam's jhn plötzlich: „Damals — — ja, damals hatte er sein Leben selbst gelebt; jetzt tat ein anderer das; er hatte nichts mehr, das ihm selbst gehörte — — keine Gedanken — — keinen Schlaf —" Er ließ seinen müden Körper gegen den Stamm des Baumes sinken; fast beruhiaend klang der leise Fall der Blätter ihm ins Ohr --Aber es sollte noch ein anderes geschehen, «he dieser Tag zu Ende ging. — Drinnen halte Brigitte sich endlich in gewohnter Weise an ihr Spinrad gesetzt, und Anna begann den Tisch abzuräumen. Als sie mit dem Geschirr auf den Flur hinaustrat, ging eben der Voltbote vorüber Für d'e Mamsell", sagte er und reichte ihr einen Brief durch die halb offene Haustür. "Bei dem Lichte, das auf dem Ladentisch brannte, erkannte Anna mit Verwunderung in der Adresse Heinrichs Handschrift; er hatte niemals so an sie geschrieben. Nachdenklich nahm sie das Licht und zog. als sie hineingetretn war, die Tür der Sürfie hinter sich ins Schloß. Es dauerte lange, bevor sie wieder in die Stube kam; aber Brigitte hatte es nicht gemerkt: ihr Spinnrad schnurrte gleichmäßig weiter, während Anna w'e alle Tage jetzt den Tisch zusammenklappte und wieder an die Wand letzte. Nur etwas unsicherer und lauter geschah das heute; von dem Briese sagte sie weder der alten Frau noch ihrem Vslegevater, als dieser nach einiger Zeit ins Zimmer kam und sich an seine Bücher setzte. diesmal nicht. — „Weshalb nicht? Saget nur, weshalb nicht? „ Weil eine solche Vermögensanlage keine Sicherheit gewahrt. „Sicherheit?"--Sie war ausgesprungen, und seine beiden Hande ergreifend, war sie vor ihm hingekniet; ihr junges Antlitz, Nis sie jetzt zu ihm erhob, war ganz von Tränen überströmt. „Ach, Ohm, Ihr seid schon alt; Ihr haltet das nicht aus; Ihr solltet nicht so viele Sorgen haben! Aber Carsten drängte sie von sich. „Kind, Kind, du willst mich in Versuchung führen; weder ich noch Heinrich dürfen solches annehmen. Hilfe suchend wandte Anna den Kopf nach Tante Brigitte; die aber saß wie ein Bild, die Hände vor sich aus den Tisch gefaltet. „Nun, Ohm , sagte sie, „roenn Ihr mich zurückstoßet, so werde ich an Heinrich selber schreiben." „ , Carsten legte sanft die Hand auf ihren Kopf. „Gegen meinen Willen, Anna? Das wirst du nimmer tun." Das Mädchen schwieg einen Augenblick; dann schüttelte sie leise den Kopf unter seiner Hand. „Nein, Ohm, das ist wohl wahr, nicht gegen Euren Willen. Aber seid nicht so hart: es gilt ja doch sein Glück!" Carsten hob Ihr Antlitz von seinen Knien zu sich auf und sagte: „Ja, Anna, das denk' ich auch; aber den Einsatz darf nur einer geben; der eine, der ihm auch das Leben gab. Und nun, mein liebes Kind, nichts mehr von dieser Sache!" , _ ,, Er drückte sie sonst von sich ab; dann schob er feinen Stuhl zuruck und bildlich für diese Männer ist einer der größten Techniker aller Zeiten, Werner Siemens, der in seinen Lebenserinnerungen von sich sagt, er sei durch seine Tätigkeit zu der Ueberzengung gekommen, daß naturwissenschaftliche Kenntnisse und wissenschaftliche Forschungsmethoden berufen wären, die Technik zu einer noch gar nicht zu übersehenden Leistungsfähigkeit zu entwickeln". Diese Gesinnung hat er durch die Stiftung der Physikalisch-Technischen Reichsanftalt bewährt, die als erstes Institut ihrer Art in der ganzen Welt deutscher technischer Wissenschaft zu größtem Ansehen verhalf. Er hat die Gesinnung bewährt in der Grun- duna des Elektrotechnischen Vereins in Berlin vor nunmehr 50 Jahren, Nr gleichfalls zur Förderung technischer Wissenschaft außerordentlich viel getan hat, und sein Sohn, Wilhelm von ©lernens, half aus der weichen Gesinnung vor nunniehr 10 Jahren mit, die Deutsche Gesellschaft für Technische Physik zu gründen, die in ihrer kurzen Lebenszeit auch schon außerordentlich viel dazu beigetragen hat, die Verbindung von Technik und Naturwissenschaft immer enger zu gestalten. Auch auf anderem Gebiete hat Deutschland einen der größten technischen Wissenschaftler aller Zeiten aufzuweifen, das ist Ernst Abbe, der Begründer des Zeiß-Werkes in Jena, dem er nur aus Bescheidenheit nicht feinen Namen, sondern den seines Mitarbeiters, Karl Z e i ß, verlieh. Ursprünglich Professor der Physik an der Universität Jena, wandte er sein Interesse bald der Verbesserung des Mikroskops zu, und zwar bezeichnenderweise zunächst auf rein theoretischem Wege. Er stellte die optischen Bedingungen für die Höchstleistung der Mikrostop-Optik auf und sand in dem damaligen Universitäts-Mechaniker Karl Zeiß einen Helfer, der seine Ideen in die Tat umsetzte. Später wandte sich Ernst Abbe noch den anderen Gebieten der optischen Technik zu und hat insbesondere durch die Gründung des Glaswerkes Schott und Genossen In Jena zusammen mit Dr. Otto Schott eine vollkommen neue Epoche der Optik eingeleitet. Hatte sie bis dahin sich mühsam mit den In der Glashüttentechnik hergestellten Glassorten behelfen müssen und unter diesen gegebenen Bedingungen ihre Instrumente möglichst zu vervollkommnen gesucht, so veranlaßte Abb« erst einmal eine systematische Durchforschung des ganzen Gebietes der Glashüttenchemie, die Einwirkung verkchiedener Zusätze und verschiedener Zusammensetzungen auf die optischen Eigenschaften, die Herstellung möglichst fpannungsfreier Glaser usw. Es gelang ihm damals, eine Fülle neuer Glassorten zu finden, die von den bisherigen vollkommen abweichende optifchen Eigenschaften hatten Man lernte das Farbenzerstreuungs- und Berechnungsvermögen ganz nach Willkür einzustellen und konnte den schwierigsten optischen Bedm- gunaen genügen. Es war ein Schüler Abbes, Paul Rudolph, der auf dieser Grundlage das erste anastigmatische Objektiv konstruierte und damit den heutigen hohen Stand der photographischen Technik ermöglichte. Nicht vergessen darf man in diesem Zusammenhänge den Namen des größten Mathematikers aller Zeiten, E. F. Gauß, der durch mathemat.sche Borarbeiten schon fast ein halbes Jahrhundert früher die Erkenntnis der Vorgänge in photographischen und anderen übsektiven außerordentlich gefördert hatte. Noch eine dritte Persönlichkeit hat Deutfchland zu diesem Kreise der Förderer emer wilsenschasilichen Technik gestellt, Heinrich Hertz, den Entdecker der elektrischen Wellen. Der Engländer Maxwell hatte die Versuche seines großen Landsmannes Faraday in mathematische Form gekleidet und aus feinen Gleichungen in genialer Voraussicht den Schluß gezogen, daß die Elektrizität sich genau wie das Licht in Wellenform sortpflanzen müsse. Die experimentelle Bestätigung dieser Voraussicht lieferte Heinrich Hertz, und nicht nur, daß er diese Wellen entdeckte, er stellte auch alle ihre Eigenschaften, die sie in irgendwelcher Beziehung zum Licht« hatten, fest, Brechungs- und Zerstreuungsvermögen, Spiegelung an Metallgitiern usw. Auf seinen Entdeckungen konnte M a r c o n i aufbauen und die drahtlose Telegraphie schaffen, die Im Grunde genommen weiter nichts war als die praktische Anwendung dessen, was Heinrich Hertz in seinem Laboratorium bereits fertiggebracht hatte; Mareonis Verdienst wird dadurch nicht verkleinert. Was Heinrich Hertz noch alles hätte leisten können wenn er nicht so außerordentlich frühzeitig gestorben wäre, kann man sich kaum denken. Außer Helmholtz hat es keinen zweiten Physiker in Deutschland gegeben, der theoretisches Durchdringungsvermögen mit experimenteller Genialität in gleicher Weise verbunden hätte In den deutschen Hochschulen ist die stärkste Pflege der Wissenschaft eine Selbstverständlichkeit. Die Erfolge sprechen zu deutlich dafür, daß die Ausgaben, die hierauf verwendet werden, das am fruchtbarsten angelegte Kapital sind. Es gibt nichts Unrationelleres, als eine technische Aufgabe durch Probieren zu lösen. Selbst da, wo ein genialer Kopf dah'nlerl'eckt, dauert es oft lange, bis die richtige Lösung gefunden wird. Ein gutes Beispiel hierfür Ist die Geschichte des ersten transatlantischen Telegraphenkabels. Nachdem Werner Siemens gelehrt hatte, die Guttapercha als Isoliermittel für unterseeische Telegraphenkabel zu verwenden, waren solche Kabel durch den Englischen Kanal und auf anderen kurzen Meeresstrecken erfolgreich verlegt worden. Nun glaubte man, ohne weitere wftsensckzaftliche Vorbereitung auch das Wagnis des Ueberbrückens des Ailantifchen Ozeans unternehmen zu können. Der erste Versuch schlug fehl; auch einem zweiten war kein besseres Schicksal beschieden. Große Summen waren verloren. Dann erst geschah das, womit man hätte beginnen sollen: es wurde eine Komission aus hervorragenden Technikern und Gelehrten eingesetzt mit dem Auftrage, Ne Möglichkeiten und Bedingungen der telegraphischen Verbindung von England mit Amerika durch ein Unterseekabel eingehend zu studieren. Die Kommission, der auch der berühmte Physiker William Thomson angehörte, hat in mehrjähriger Arbeit ihre Aufgabe vorbildlich gelöst. Ähr Bericht behandelt in erschöpfender Weise die mit der Kabellegung, mit der Ausbreitung * der elektrisck;en Ströme in langen Kabeln, mit dem Betriebe solcher Kabel zusammenhängenden Fragen. Der auf dieser Grundlage unternommene Versuch der Kabellegung von England nach Amerika hatte vollen Erfolg. Es ist heute gar nicht denkbar, daß eine technische Aufgabe anders an« gefaßt würde. Wenn heute auch die reinen Physiker ihr Interesse technischen Aufgaben zuwenden, oder sich mindestens nicht mehr wie früher hochmütig abweisend verhalten, so ist das nicht zum mindesten ein Ver Endlich gingen die Frauen in das Oberhaus nach ihrer gemeinschaftlichen Schlafkammer, welche gegen den Hof hinaus lag Die Fenster hatten offengestanden und die Abendfrische eingelassen; aber Anna konnte den Schlaf nicht finden; in das Rauschen des Birnbaums trug der Wind in langen, gemessenen Pausen den Schall der Kirchenuhr herüber, und sie zählte eine Stund« nach der anderen. Auch Brigitte schien heute nicht zu ihrem Recht zu kommen; denn sie setzte sich auf und sah nach dem Bette des Mädchens, das dem ihrigen ?gegenüber an der Wand stand. „Kind, hast du noch immer nicht geschla- en?" fragte sie. — „Nein, Tante Brigitte." „Nicht wahr, du grämst dich um meinen alten Bruder? Aber ich kenne ihn, bitte ihn nicht mehr darum; es wär« ganz um seine Ruh' geschehen, wenn du ihn bereden könntest." Anna antwortete nicht. „Schläfst du, Kind?" fragte Brigitte wieder. — „Ich will es versuchen, Tante. Brigitte fragte nicht mehr; Anna hörte sie bald im ruhigen Schlummer atmen. * Es war fast Vormittag, als das junge Mädchen aus einem tiefen Schlaf erwachte, den sie endlich doch gefunden und aus dem die gute Tante sie nicht hatte wecken wollen. Rasch war sie in den Kleidern und ging ins Unterhaus hinab, wo sie durch die offene Tür des Pesels Brigitte an einem der dort befindlichen großen Schränke besckMtigt sah; aber sie ging nicht zu ihr, sondern in die Küche und ließ sich auf dem hölzernen Stuhl am Herde nieder. Nachdem sie von dem Kaffee, der für sie warm gestellt war, in eine Tasse geschenkt, eine Weile müßig davor gesessen und dann dieselbe zur Hälfte ausgetrunken hatte, stand sie mit einer entschlossenen Bewegung auf und trat gleich darauf ins Wohnzimmer. Carsten stand am Fenster und schaute müßig auf den Hasenplatz hinaus. Jetzt wandte er sich langsam zu der Eintretenden: „Du hast nicht schlafen können", sagte er, ihr die Hand reichend. — „O doch, Ohm; ich hab' ja nachgeschlafen." „Aber du bist blaß, Anna. Du bist zu jung, um für anderer Leute Sorgen deinen Schlaf zu geben." „Anderer Leute, Ohm?" Sie sah ihm eine Weile ruhig in die Augen. Dann sagt« sie: „Ich habe auch für mich selber viel zu denken gehabt." — „So sprich es aus, wenn du meinst, daß ich dir raten kann!" „Sagt mir nur", erwiderte sie hastig, „ist das Gewese in der Süder- straße noch zu kaufen? Ich hab's doch nicht verschlafen? Herr Jaspers ist doch nicht schon wieder hier gewesen?" Carsten sagt« fast hart: „Was soll das, Anna? Du weißt, daß ich es nicht kaufen werde." — „Das weiß ich, Ohm, aber--" „Nun, Anna, was denn: aber?" Sie war dicht vor ihn hingetreten. „Ihr sagtet gestern, ich dürfe nicht zu Heinrichs Glück den Einsatz geben; aöer — wenn Ihr gestern recht hattet, es ist nun anders geworden über Nacht." ,^Laß das, Kind!" sagt« Carsten; „du wirst mich nicht bereden." „Ohm, Ohm!" rief Anna, und eine freudige Zärtlichkeit klang aus ihrer Stimm«; „es hilft Euch nun nichts mehr; denn Euer Heinrich hat mich zur Frau verlangt, und ich werde ihm mein Jawort geben." Carsten starrte fi« an, als fei der Blitz durch ihn hindurchgeschlagen. Er sank auf den neben ihm stehenden Ledersessel, mit den Armen um sich fahrend, als müsse er unsichtbare Feinde von sich abwehren, rief er heftig: „Du willst dich uns zum Opfer bringen! Weil ich dein Geld allein nicht wollte, so gibst du dich nun selber in den Kauf!" Aber Anna schüttelte den Kopf: „Ihr irrt Euch, Ohm! So lieb ihr mir auch all« seid, das könnt' ich nimmer; danach bin ich nicht geschaffen." Zaghaft als könne sein Wort das nahende Glück zerstören, entgegnete Carsten: „Wie ist denn das? Ihr wäret doch allezeit nur wie Geschwister!" „Ja, Ohm!" und ein fa stschelmisches Lächeln flog über ihr hübsches Angesicht; „ich habe das auch gemeint; aber auf einmal war's doch nicht mehr so." Dann plötzlich ernst werdend, zog sie einen Brief aus ihrer Tasche. „Da, leset selbst", sagte sie, „ich erhielt ihn gestern vor dem Schlafengehen." Seine Hände griffen danach; aber sie bebten, daß feine Augen kaum die Zeilen fassen konnten. Was sie ihm gegeben hatte, war der Brief eines Heimwehkranken. „Ich tauge nicht hier!" schrieb Heinrich: „ich muß nach Haus«; und wenn du bei mir bleiben willst, du, Anna, mein ganzes Leben lang, dann werde ich gut fein, dann wird alles gut werden." Der Brief war auf den Tisch gefallen; Carsten hatte mit beiden Armen das Mädchen zu sich Ijerabgejogen. „Mein Kind, mein liebes Kind", flüsterte er ihr zu, während unaufhörlich Tränen aus feinen Augen quollen, „ja, bleibe bei ihm, verlaß ihn nicht; er war ja doch ein so guter kleiner Junge!" Aber plötzlich, wie von einem inneren Schrecken getrieben, drückte er sie wieder von sich. „Hast du es bedacht, Anna? sagte er; — „ich könnt« dir mcht roten, meines Sohnes Frau zu werden." Ein leichtes Zucken flog über das Gesicht des Mädchens, während der alt« Mann mit geschlossenen Lippen vor ihr saß. Ein paarmal nickte sie ihm zu: „Ja, Ohm", sagte sie bann, „ich weiß wohl, er ist nicht der Bedachteste, sonst hättet Ihr ja kein« Sorgen; aber was damals, vor Jahren hier geschah, Ihr sagtet selbst einmal, Ohm, es war ein halber Bubenstreich; und wenn er auch den Ersatz noch nicht geleistet hat, so etwas ist doch nicht mehr vorgekommen." Carsten erwiderte nichts. Unwillkürlich gingen seine Blicke nach dem Ofen, worin die Fetzen jener Briefe lagen. — Wenn er sie jetzt hervorholte! Wenn er vor ihren Augen sie jetzt wieder Stück für Stück zusammenfügte l — Weder Anna noch Brigitta wußten von diesen Dingen. Seine Tränen waren versiegt; aber er nahm sein Schnupftuch, um sich die hervorbrechenden Schweißperlen von der Stirn zu trocknen Er versucht« zu sprechen; aber die Wort« wollten nicht über seine Lippen Das schöne, blonde Mädchen stand wieder aufgerichtet vor ihm; mit steigender Angst suchte sie die Gedanken von seinem stummen Antlil; abzulesen. „Ohm. Ohm!" rief sie. „Was ist geschehen? Ihr wäret so still und sorgenvoll die letzte Zeit!" — Aber als er wie flehend zu ihr aufblickte, da strich sie mit der Hand ihm di« gefurchte Wange. „Nein, sorget Euch nur nicht so sehr; nehmt mich getrost zur Tochter an; Ihr sollet sehen, was eine gute Frau vermay!" Und als er jetzt in ihre jungen, mutigen Augen blickte, da vermochte er das Wort nicht mehr hervorzubringen, vor dem mit einem Schlag seines Kindes Glück verschwinden konnte. Plötzlich ergriff Anna, di« einen Blick durchs Fenster getan hatte, seine Hände. „Da kommt Herr Jaspers!" sagte sie. „Nicht so? Ihr macht nun alles richtig?" Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie rasch zur Tür hinaus. Da wurde ihm die Zunge frei. „Anna, Anna!" rief er; wie ein Hilferuf brach es aus feinem Munde. Aöer sie hörte es nicht mehr; statt ihrer schob sich Herrn Jaspers' Fuchsperücke durch die Stubentür, und mit ihm hinein drängten sich wieder die schmeichelnden Zukunftsbilder und halfen, unbekümmert um das Dunkel hinter ihnen, den Handel abzuschließen. ♦ Mit dem Eckhause nn der anderen Seite der Twiete beginnt vom Hafenplatz nach Osten zu die Krämerstraße, deren gegenüberliegend« Häuserreihe, am Markt vorüber, sich in der langen Süderstraße fort« setzt. Dort, in einem geräumigen Hause, wohnten Heinrich und Anna. Bor dem Laden auf dem geräumigen Hausflur wimmelte es an den Markttagen jetzt wieder von eintaufenben Bauern, und Anna hatte dann vollauf zu tun, die Gewichtigeren von ihnen in die Stube zu nötigen, zu bewirten und zu unterhalten; denn das gewandte und umgängliche Wesen ihres Mannes hatte die Kundschaft nicht nur zurückgebracht, sondern auch vermehrt. Carsten konnte es sich, nicht versagen, täglich einmal bei seinen Kindern vorzugucken. Von dem Hafenplatze, dort, wo die Schleuse nach Osten zu die Häusereihe unterbricht, führte ein anmutiger Fußweg hinter den (Bärten jener Straßen, auf welchem man derzeit zu einer bestimmten Vormittagsstunde ihn unfehlbar wandern sehen konnte. Aber er gönnte sich Weile; gestützt auf seinen treuen Bambus, stand er oftmals im Schatten der Hohen Gartenhecken und schaute nach der anderen Seite auf die Wiesen, durch welche der Meerstrom sich ins crüne Land hinaus» drängt; jetzt zwar gebändigt durch die Schleuse, im Herbst oder Winter aber auch wohl darüber hinstürzend, die Wiesen überschwemmend und die (Bärten arg verwüstend. — Bei solchen Gedanken kamen Stock und Bein« des Alten wieder in Bewegung; er mußte sogleich doch Anna warnen, daß sie zum Oktober ihre schonen Sellerie zeitig aus der Erd« nehme. Hatte er dann das Lattenpförtchen zu Anas Garten erreicht, fs kam die hohe Frauengestalt ihm meistens auf dem langen Steige schon entgegen; ja, als es zum zweiten Male Sommer wurde, kam sie nicht allein; sie trug einen Knaben auf ihrem Arm, der ihr eigen und der auf den Namen feines Vaters getauft war. Und wie gut ihr das mütterliche Wesen ließ, wenn sie, die frische Wange an die ihres Kindes lehnend, leise singend den Garten hinabschritt! Selbst Carsten hatte auf diesen Gängen jetzt Gesellschaft; denn durch das Kind war, trotz ihrer vorgeschrittenen Altersschwäche, auch Brigitte in Bewegung gebracht. Unten am Pförtchen schon, wenn droben kaum die junge Frau mit dem Kinde aus den Bäumen trat, riefen die alten Geschwister den beiden zärtliche Worte zu. Brigitte nickte, und Carsten winkte grüßend mit seinem Bambusrohr, und wenn si« endlich nahe gekommen waren, fo könnt-' Brigitte an dem Anblick des Kindes, Carsten noch mehr an dem der Mutter sich kaum «rfättigen. --Das Glück ging vorüber, ja, es war schon fort, als Carsten und Brigitte noch in seinem Schein zu wandeln glaubten; ihre Augen waren nicht mehr scharf genug, um di« seinen Linien zu gewahren, die sich zwischen Mund und Wangen allmählich auf Annas klarem Antlitz einzu- graben begannen. Heinrich, der anfänglich mit seinem rasch verfliegenden Feuereifer das Geschäft angefaßt hatte, wurde bald des Kleinhandels und des dabei vermachten persönlichen Verkehrs mit dem Landvolke überdrüssig. Zu mehrerem Unheil war um jene Zeit wieder einmal ein großsprechender Spekulant in die Stadt gekommen, nur wenig älter als Heinrich und dessen Verwandter von mütterlicher Seite; er war zuletzt in England gewesen und hatte von dort zwar wenig Mittel, aber einen Kops voll halbreifer Pläne mit herübergebracht, für die er bald Heinrichs lebhafte Teilnahme zu entzünden wußte. Zunächst versuchte man es mit einem Viehexport auf England, der bisher in den Händen einer günstig belegenen Nachbarstadt gewesen war. Nachdem dies mißlungen war, wurde draußen vor der Stadt unter dem Seedeich ein Austerbehälter angelegt, um mit den englischen Natives (eine bestimmte Sorte englischer Austern) den hiesigen Pächtern Konkurrenz zu machen; aber dem an sich aussichtslosen Unternehmen fehlte überb’es die sachkundige Hand, und Carsten, dessen Warnung man vorher verachtet hatte, mußte einen Posten nach dem anderen decken und «ine Schuld über di« andere auf seine Grundstücke einschreiben lassen. Anna sah jetzt ihren Mann nur selten einen Abend noch im Hanse; denn der unverheiratete Vetter nahm ihn mit in eine SßirHtube in der er den Beschluß seines Tageswerkes zu machen pflegte. Hier beim heißen Glase wurden di« Unternehmungen beraten, womit man dem- - nächst die kleine Stadt in Staunen setzen wollt«; nachher, wenn da.m der Kops nicht mehr taugte, kamen die Karten auf den Tisch, wo Einsah und Erfolg sich rascher zeigt«. (Fortsetzung folgt.) DerantwortUch: Dr. Hans Thyrtot. - Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, ©ie6«it