SieheimZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang M« §reitag, den 39. Mai Nummer^ Kern von der Stadt.. $ Von Polly Ti eck. Fern von der Stadt, Madame, gibt es jetzt Schlüsselblumen, In einem Gelb von unerhörtem Schick, Fern von der Stadt erwachen Ackerkrumen Und atmen Glück. Fern von der Stadt sind Wolken dick am Himmel, Wie Ballen von Georgette auf Crepe de Chine, Fern von der Stadt versuchen gute Schimmel Die Furchen tapfer nachzuziehn. Fern von der Stadt entflammen Sternenbilder, — Erinnern Sie sich noch? — Der große Bär? Fern von der Stadt, am Kreuzweg, stehen Schilder. Wohin, — woher. Fern von der Stadt verlernen Sie die Nöte, Die Schminke unter erstem Sonnenbrand, Hingegen wachsen dicke Butterbröte In brauner Hand. Fern von der Stadt, nach erster Rast auf Rasen, Vergessen Sie den Dreh und den Jargon, Fern von der Stadt entfesseln Sie Ekstasen, In Kleidern längst verwundener Saison. Fern von der Stadt — o ja, es gibt Premieren, Und jours und routs, und alles, was man hat. — Ihr Sommerabendkleid in allen Ehren, Jedoch wie wär's, Madame, — fern von der Stadt? ... Kriminalnovrlle. Von Francois Bonget. (Copyright 1930 by I. L. A., Wien.) Gladys Venquett, blondes Sportgirl, etwa fünfundzwanzig, saß dem Privatdetektiv Jacques Breton in dem mit einfacher Eleganz möblierten Empfangszimmer seiner unweit des Luxembourg am Boulevard Saint Michel gelegenen Wohnung erwartungsvoll gegenüber. Es war der dritte Besuch, den sie ihm in einer äußerst komplizierten Angelegenheit abstattete. Ihr Vater, der Oelkönig Roger Venquett, durfte memals erfahren, daß sie in Paris war, in der Bel-Etage des Hotels ^astiguoni ein fürstliches Appartement bewohnte. Ihm gegenüber hatte Madys, so sagte sie, den Vorwand gebraucht, daß sie zu einer biederen -wnte am Michigansee fahre. In Wirklichkeit war sie mit einem Boxer Mrcygebrannt. Einem jungen, blonden Kerl, der sie nach einer Woche Ichmahlich itn Stiche ließ. Das wäre zu verschmerzen gewesen. Er nahm aber ein Perlenkollier m von tausend Dollar mit, ein Geschenk ihres Vaters. Fn, q« c5 Beriyuett war verzweifelt. „Haben Sie noch immer keine W Pe mit emem Seufzer den Detektiv. « .^Qn >nh ihr an, sie hatte Mitleid mit sich. Es war ja auch schrecklich: dem Sünde n b? b? l^P t,eraubt' bestohlen, ohne männlichen Schutz in !?in^er«r^ac(,ues Breton war gerührt. Er streichelte tröstend die Hand scho^finden" ^*entin nnd sagte: „Nur Mut, wir werden den Kerl hnSeJ“n®re !?ame konnte wohl Vertrauen zu Herrn Jacques Breton ueri^L ■ Le.r*°fer Herr von mittlerem Alter, gar nicht so affig her- 3W roJ.e ?'e bekannten Kinodetektivs. Vielmehr trug er einen dunklen Und ■ r . s'ch ein paar graue Fäden zogen, eine Gelehrtenbrille, lki^ fejner Kleidung von englisch schlichter Solidität. ibtern )t6ar peinliche Situation!" klagte Gladys Venquett in Kriniinn/J c ei?' a.tlcr amerikanisch gefärbten Französisch. „Man kann die mach?» nicht von der Affäre verständigen! Das würde Lärm 'M zu den Ohren meines Vaters kommen!" ^r junge"Dame^f n-“ti9besänftigte Herr Breton und gab die Hand Und bliebt a-uf' 9*n9 mit eiligem Trippelschritt im Zimmer herum ^tetarunh VtntU.at vor dem mächtigen schwarzen Tresor stehen, der im 0 prunkte. „Hier wäre mein Perlenkollier besser aufgehoben gewesen als in der Lade des Hotelschreibtisches", tippte sie mit dem Finger daran. „Sicherlich", bestätigte Herr Breton, „vielleicht sogar besser als an Ihrem Hals, — mein Tresor steht Ihnen jederzeit zur Verfügung." „Ja?" horchte Gladys Venquett auf, — und nach einer Pause: „Ich bin schon so von Verfolgungswahnsinn geplagt, daß ich nicht einmal mehr dem Safe des Hotels Caftiglioni vertraue." Der Privatdetektiv war nicht wenig geschmeichelt. Das hieß ja wohl, daß sie ihm selbst mehr vertraute als aller Welt. Und bewirkte, nebst dem Vorschuß von zweihundert Dollar, daß seine Gefühle über das rein Geschäftliche hinaus zum Herzen der kleinen Gladys strebten. Die exzentrische Tochter eines Dollaronkels, — warum sollte sie an einem welterfahrenen Kerl wie ihm nicht Gefallen finden? Und er sagte in tiefem Baßton: „Sie können vollständig über mich verfügen. Haben Sie vielleicht den heutigen Abend frei?" „Ich habe alle meine Abende frei, weil ich seit Johnnys Flucht und der Entdeckung des Diebstahls nicht mehr ausgehen konnte. Meine Nerven sind derart zerrüttet —" Und auf einmal begann die kleine Gladys zu schluchzen. Unter dem sanften Streicheln ihres neuen Freundes beruhigte sie sich wieder. „Wissen Sie was? — Treffen wir uns heute abend in der Proszeniumsloge der Folies Bergere." „Gern, aber wird sie noch frei sein?" „Für mich ist jede Loge frei", lächelte die Tochter des Oelkönigs. „Sollte ich mich verspäten, beheben Sie, bitte, das Billett an der Kalle." „Gut also", stimmte Herr Breton zu. „Um wieviel Uhr?" „Um neun! Aber pünktlich, bitte!" „Selbstverständlich", sagte Herr Breton und beugte sich tief über die schmale kleine Sporthand. Als ihn Gladys Benquett verlassen, stellte sich Jacques Breton in seiner ganzen männlichen Größe breit vor den Spiegel und schnipste freundschaftlich mit zwei Fingern seinem Ebenbild zu, als wollte er sagen: Du bist doch ein Glückspilz, alter Kerl! * Um elf kam Herr Breton verdrossen nach Hause. Gladys Benquett hatte ihn sitzenlassen. Ob es klug wäre, ihr morgen einen Bormittagsbesuch im Hotel ab- zustatten? — Sicherlich trug sie an dem Versäumnis keine Schuld. Was hätte es denn sonst für Sinn gehabt, daß sie ihm so große Avancen gemacht? — Den Sinn dieser Avancen erfuhr Herr Breton, als er in sein Empfangszimmer trat. Dort stand int Mondschein, der auf den mächtigen schwarzen Tresor fiel, ein Bursche in einem verschmierten Monteur-Overall, zu dem er sonderbarerweise einen eleganten Modehut trug. Als Herr Breton das Licht andrehte, bemerkte er zu Füßen des Eindringlings einen Badekoffer, aus dem sich, gerippt und dick wie eine Urwaldschlange, ein Metallschlauch nach oben bäumte. Den Kopf dieser dem Detektiv so wohlbekannten Schlange hielt der junge Kassenknacker in der Hand. Der blendende Giftstrahl war schon erloschen, die Stahltür geschlitzt, der Tresor geöffnet. Glatte Arbeit. Der Detektiv pfiff leise durch die Zähne. „Eine kleine Enttäuschung, wie?" lachte er hart. „Der Tresor ist leer. Er hat lediglich dekorative Bedeutung." Der junge Schränker, der beim Eintritt Herrn Bretons zur Salzsäule erstarrt war, gab keine Antwort. Mechanisch steckte er nun den metallenen Kopf seiner Urwaldschlange in den Badekoffer, schlug den Deckel zu, zog gelassen den Ulster über die Monteurskluft, nahm ein kleines Suit-case vom Tischchen neben dem Tresor und wollte an dem Detektiv vorbei mit den zwei Köfferchen die Stätte seiner erfolglosen Arbeit verlassen. Aber es war kindisch, zu hoffen, daß Herr Breton durch diese Frechheit zu bluffen sein würde. Er faßte den Burschen derb am Kragen und riß ihn herum. „Sind Sie verrückt?" schrie er ihn an, — kam aber vor Staunen nicht weiter. Der kleine braune Schnurrbart des Burschen war angeklebt. Seine Vartkoteletts wuchsen nicht aus den Wangen, sondern waren vom Haupthaar herab vor die Ohren gekämmt. Ueberhaupt war der ganze Bursche kein Vursche, sondern ein Mädchen. Ein Herrn Breton ziemlich bekanntes Mädchen. Gladys Benquett. Mit einer verlorenen Handbewegung zupfte sie sich das Bärtchen von der Oberlippe und ließ es zu Boden fallen, in allem Schrecken unbewußt froh, wieder Frau sein zu dürfen. Der Detektiv lachte höhnisch: „Es überrascht Sie wohl, mich schon so früh zurückzusehen? Dachten wohl, ich würde mir die Revue zu Ende ansehen? — Aber ein ernster Mann wie ich macht sich nichts aus solchem Firlefanz. Schade um das teure Geld für das Billett. Wir haben beide nichts davon gehabt. — Nun jetzt, wo ich Sie hier vor meinem auf- Sie ging. * Guy See wartete regungslos zwei Minuten. Fünf Minuten. Er wartete eine Stunde. Der Sergeant kam nicht. Da ging ihm das Ltd)t auf, daß er dieser Teufelin zum dritten Male aufgesefsen war. Im Morgengraue». gelang «s chm endlich, sich zu befreien. ^^Meine'Investitionen in dieser Sache haben sich gelohnt. Der Inhalt Ihres Tresors befand sich nämlich schon bei Ihrem Eintritt m meinem Suit-case ' Und sie öffnete das Köfferchen und zeigte Guy Sec den Inhalt: Brillanten, Rauten, Edelsteine und Perlen unermeßlich kostbare Pretiosen, in Banknoten und Wertpapiere gebettet. „Die Hauptsache war mir, den Geschädigten möglichst bald diese Sachen zukommen ru lassen. Einer Ihrer ehemaligen Freunde, der einzige der darum wußte hat uns nämlich auch das Geheimnis Ihres Tresors verraten, das Geheimfach, das mit der verborgenen Feder zu offnen ist. Sie waren Ihrer Sache zu sicher, Guy Sec, das rächt sich — Leben Sie wohl. In zwei Minuten holt Sie der Sergeant. Diese Details kümmern mich weiter nichts." ——-______ _____ , Segner aus. " Die^Felsenfeste von Peniscola liegt ganz abseits von den ausg Touristenpfaden. Die nächste Stadt ist BenicarloDiewenigenK- von dort nach Peniscola können eigentlich nur zu Fuß zurE ^ 0 den, denn Sümpfe und zum Verhau zusammengewachsen-.fetter Orangenbäumen machen den Weg für Autos und auch s r Kastenschrank treffe, Sie feine Nummer, kann ich es Ihnen I mich düpiert. Aber die Verbrecherin, die Sie find, ist mir IN Die traue i gegangen'unge Mädchen trat von einem Fuß auf den andern- „Es ist I Mir wirklich peinlich", flüsterte sie, wie eine Dame der Gesellschaft, die I Man bei einem faux pas überrascht hat. I fierr Jacques Breton wieherte fast: „Peinlich! Das glaub ich. " I sind zum Küssen, meine Kleine! „Peinlich!" nennen Sie E Sache, die Sie auf ein paar Honigmonde ins graue Haus bringen kann. 'Der weiche Mädchenmund verzog sich zum Weinen. I er haben Sie keine Angst", fuhr Herr Breton fort, „ich liefere I ein "kleines Mädchen wegen solch einer Dummheit nicht aus. Berlange j blofi daß Sie mir den Schaden an meinem Tresor erjefsen. tn I bar mein Kind —." Er wies mit der Hand auf einen Klubfauteuil beim I hilsim Ergreifen Sie diese Gelegenheit, vielleicht die letzte, em nützliches I Mitglied der Gesellschaft zu werden." I Sie junge Dame sah nachdenklich auf ihre Fußspitze. „Ihr Antrag I „TnhHA fierr Breton", sagte sie mit einem eelenvollen Blick I von unten ^S'nnten Sie m?r nicht ein paar Tage Bedenkzeit lassen?" Bedenkzeit?" — Herr Breton sprang auf und ging erregt auf und I ab Wissen Sie denn nicht, daß ich den nächsten Sergeanten Hera f- I pfeifen kann und daß dann Ihre Bedenkzeit -in wenig langer tau«t als ein paar Tage?" — Er blieb vor ihr stehen, strich sich den Bart und I wurde wieder väterlich. „Nein, mein Kind es bleibt Ihnen keine Wahl. I ghrer Stelle hätte ja freilich nicht so nahe am Schloß zu bohlen begonnen I — Sehen Sie doch einmal her: das hat Sie natürlich ausgehalten, hier I ist ja die Stahlwand viel dicker." «n- Das junge Mädchen trippelte zu Am hin und ließ sich belehren. Wie rufällia artff sie wieder in den zerstörten Ire or. „Ah, was ist Da». Srie fie mit einem Male leise auf. „Eine Feder, wie? - In der rechten ^De7Äewv riß ihre Hand weg schleuderte sie in dw Mitte des Zimmers und griff an die von ihr bezeichnete Stelle un Schrank. (^“pradfni^“meikr. Plötzlich waren ihm beide Arme an den Körper gefesselt. Jäh wandte er sich um. Das Mädchen hatte die paar unbeobachteten Sekunden dazu benutzt, aus der Außenseite ihres Ulsters ein Lasso zu ziehen und hochzuschwrngen. Blitzschnell hatte sie es Herrn Breton über Kopf und Scfjultern geworfen. Und diese kunstvoll geknüpfte Lederschlinge hat die Eigenschaft, sichJo feit zusammenzuziehen, daß ein Kind sich ihrer gegenüber einem Mustang bedienen kann? Bevor sich der Mann noch zur Wehr setzen Konnte, schlang sie ihm eine zweite Schlinge um die Beine, und nun umwickelte das Gir den Gefesselten wie eine Wurst, einen Sack, und so Hel er auch hm. Im Namen des Gesetzes erkläre ich Sie für verhaftet, Guy Sec , jagte würdevoll die junge Dame, „Sie find mir zum zweiten Male m di $0Kanaü77zifcf)te der Gefesselte. . . , "Mein Name ist Yvonne Printemps", fuhr die junge Dame unbeirrt fort" Kommissärin der Pariser Kriminalpolizei. Die erste weibliche Vertreterin dieses Fachs. Mein Gewerbe bringt es mit sich, daß meine Be- rühmtheit wenig bekannt ist. Ich bin stolz daß es mir gelungen ift, des berüchtigten Einbrecherkönigs Guy Sec habhaft zu werden, der seit Jahren ^von fast sämtlichen europäischen Polizcibchorden gesucht wird. „Man hat mich verraten!" keuchte der Gefesselte m blinder Wut und ^^Gewch^Guy Sec, das hat man", lächelte die kleine Yvonne, „die Freunde Ihrer Anfängerjahre, die Sie als Arrivierter um ihren Anteil betrogen, haben sich gerächt. Gerächt hat sich aber auch Ihre Unverfrorenheit, den ehrbaren Detektiv zu spielen. Ausgerechnet. Guy Sec biß keuchend in den Teppich. An mir ist es jetzt, den Sergeanten heraufzuschicken , lächelte Yvonne Printemps, nahm wieder ihre beiden Köfferchen auf und empfahl sich- An der Türe wandte fie sich nochmals um, als ob ihr plötzlich noch Seine Glieder waren aber noch zerschunden, als er zwei Tage darauf in Marseille saß und ein Glas Absinth um das andere trank; auf den Tod dieser Gladys Benguett oder Yvonne Printemps, die em noch ge- riebenerer Gauner war als er selbst. . (Autorisierte Uebersetzung von Fritz K o s e l k a.) Abseits in Spanien. Bon E. v. Ungern = Sternberg. Berge und Wolken sind grau wie Asche. In dem blassen Himmel brennen hohe, warme Sterne, Sterne, die an etwas wahnen, was man nicht mit Worten auszudrücken vermag. Schon bei Fontalda, nur eine Eisenbahnstunde von Madrid entfernt, scheint es, als ob Zyklopen sich mit gigantischen Sternen beworfen hätten, finster und schroff türmen sich die Felsen des Guadarrama auf, auf denen weder Gras noch Straucher wachsen. Versteckt hinter steiler Kuppe, die nur auf Maultierpfaden erreicht werden kann, blinken die Lichter eines Dorfes, das nur selten von einem Fremden betreten wird. Es fehlt auch das Verständnis dafür, was der Europäer anderer Länder an Bequemlichkeiten zu forbern gerooljnt ist In den grauen Steinhütten leben harte und abergläubische Leute die sich wenig um bas Weltgeschehen ba braußen kümmern. Verrußte Kohler, benen alle Wünsche fremb sind, umstehen in der kalten Nacht den Meiler und seltsame Sagen von Hexen und Heiligen, von Wundern und Sput werden geglaubt. Die Frauen drehen zu Hause beim Schein einer Kien- fackel die Spindel, stehen am frühen Morgen um den Brunnen und bestellen dann das Stück Garten, das mühsam dem undankbaren Boden abgerungen worden ist oder kümmern sich um die Ziegen, Die ihren ^^Der^Restende, der im hellerleuchteten Schlafwagen das Guadarrama- qebirge durchkreuzt, um dann bei Avila nach Zweistündiger Fahrt aus die kastilische Hochebene hinauszurollen, sieht nichts von der abseits liegenden spanischen Welt. Sie bleibt ihm fremd und unverständlich. Cr weiß auch nicht, daß noch weiter ab, südöstlich von Salamanca in Der wilden Gebirgswelt an der portugiesischen Grenze, em Gebiet liegt, in ! dem die Zeitenuhr durch sieben Jahrhunder e stehen geblieben war und das erst vor kurzer Zeit vom König Don Alsonso XIII. entdeckt und dem Verkehr erschlossen worden ist. Dort lag das Land der „Hurdanos, zu dem keine Wege führten. Dort in einsamen Tälern auf eine Flache von etwa 500 Quadratkilometer lebten 5000 Menschen unter Bedingungen, wie fie vielleicht unter Isabella der Katholischen üblich waren, die aber sicher nicht ins zwanzigste Jahrhundert paßten. Das Gebiet wäre nod länger unentdeckt geblieben, wenn nicht Don Alsonso zufällig 1922 auf I einer Jagdpartie, teils auf einem Maultier, teils zu Fuß, m jene ver- I borgene Welt eingedrungen und mit den Hurdanos in Berührung ge- I kommen wäre. Auf seinen Befehl hin wurde eine Gebirgsstraße angelegt, I wurden Schulen und Hospitäler gegründet, und nun begab sich der König, I begleitet vom Kardinalprimas von Spanien und von einem großen I Gefolge zu seinen Untertanen, um fie aus ihrem Dornröschenschlaf zu I wecken und der Kultur der Gegenwart anzuschliehen. I Kalte Stürme fegen noch im Mai über die einsamen Berge von I Leon und Kastilien, "aber am Bachrande blühen schon wilde Narzissen, I nnd in den Gärten knospen Rosen. Neben der Eisenbahnlinie und den I schönen Autostraßen, die als Fremdkörper durch jene Gebiete fuhren, I liegen Landstrecken, die niemals von Fremden besucht werden, und de I deshalb für jeden Nichtspanier Neuland sind. Die ausgetretene Reist I route führt über die Pyrenäen nach San Sebastian, weiter >m Schnell- I 3uge nach Madrid und Barcelona, nach Cordova, Granada, Algecno ff sie bietet dem Besucher des Herrlichen so viel, daß nur wemgt es für notwendig erachten, von der vorgezeichneten Straße abzuweichen und sich ins abseitige Spanien zu verirren. Man kann auch ke. n Touristen anraten, sich in jene Einsamkeiten zu begeben, es fei denn, | daß er die Landessprache und Sitten kennt, und dem Bannen der - I schichte nachhorchen will. Es gibt dort keine Hotels, und das Leben in dei7primitiven Posadas, in denen sich die Esel- und Maultiertreiber M I t-n den Zeiten Don Quichotes versammeln, ist nicht nach jedermanns G- I schmack Im großen Ofen unter dem Rauchfang schmoren stark mit K I jauch und Safran gewürzte Gerichte. Der rote Landwern wird aus lang 1 hpffiaen Flaschen nicht getrunken, sondern in kunstvollem Bogen IN d Hak gegossen und dazu Schnitten von schneeweißem Weizenbrot verzehrt I Die meisten Menschen sind schweigsam und müde vom Marsch steinige Landstraße/ erst wenn der Aguardinte ausgetischt wird, losen J die Zungen der Besucher mehr, aber der Spanier ist auch dann en ha» « und betrinkt sich nicht. Er rückt an das Herdfeuer und spricht über M, was ihn bewegt, Kirchturminteressen und Alltagsleidenschaften Die M - I chen sitzen am Boden und lauschen und warten auf das Gluck, das M I zu ihnen kommt, denn die Gäste in der Posada sind Zugvogel, d I arid wieder gehen Auf der kastili chen Hochebene vergeht ein Tag wie 1 andere ohne^Ueberraschungen und Aufregungen, und wenn irge«« den größeren Dörfern beim Alkalden oder beim Doktor die Radwwm zu tönen beginnen, so glauben die alten Frauen noch immer den Ufern des Minho, in den Pyrenäen und fogar ant Öen Ufe Mittelmeeres gibt es so abseits gelegene Strecken m Spanien basj * der Mitwelt vergessen zu sein schemem Wer erinnert. sich Peniscola, in dem der spanische Papst BendlktXIIsiahrelangge von dort dem Konzil von Konstanz, Kaiser Sigismund und Dem von Aragon und Kastilien Trotz bot? Umgeben von mW" »1' (#s und Prälaten und von einer kleinen Kriegsschar unter dem «efty 1 Ressen Don Rodrigo von Luna, ließ er Krieg und Sturm u gehen und sprach das Anathema über seine G' Wloinktd xassierl noch S> Notabl bei, ur Aw Papstb Geschid darum, und b' sandige schwem unzugä kaum alles 6 Per alles i jonderr türme derdinc Ctaunc Iahrta einigt ist das großen kaum e bleibt i wenn i wirb n Die wissens- lehrten schiehei wagen und bii Blldun waren. Ein Wliot. die e ift zu ' genann erraten gerne." Zeichen tastische oberen seinen Nichtsd Schrift „unvor In Gönne, (Sirius viel tai säet" u bieten, tfeuer" die Ho! kann si derer ( Mit deren j sündige licher s aus ihr |d)ön, , nach de von @c Mehr 9 kräftige Kin nariten die uns Augen Ackerda Monde mittelst den sol France Wir Mars 9m ®e du fpre die mc Frage, wird u Finster dem p Meint ober et Acht e nur he : darauf auf den roch gell a.) Himmel las man nur eine i sich mit i sich die Sträucher iaden er« eiten von ifür, was gewohnt ieute, die :e Köhler, m Meiler md Spuk ner Kien- t und be- m Boden die ihren idarrama- Fahrt aus er abseits ndlich. Er ca in der t liegt, in war, und t und dem >anos", zu Fläche von dingungen, i, die aber wäre noch i 1922 aus i jene ver- ihrung gc- ;e angelegt, der König, m großen enschlaf zu Berge von Narzissen, te und den ete führen, n, und die tene Reife- im Schnell- , Algeciras mr wenig! ibzuweichen uch feinem s sei denn, en der 0t‘ s Leben in rtreiber wil Manns @c t mit Snob' d aus lang' >gen in Öen rot verzehrt sch über du •h lösen M i enthaltsam ;t über das, t. Die Mäd- ck, das nch die komme« Tag wie d-« irgendwo' Radiowclü« an Teufels’ Galizien, ° n Ufern » , das sie «« B. noch «” q gelebt u«" > dem K°m , Kardinal- Beseh![je"1« über ßch " msgetreie* enW ckgelegt^ Wurzeln» r Reiter»’ rejfierbar. Der größte Teil der Bevölkerung dort versteht weder zu lesen noch zu schreiben, Bücher und Zeitungen findet man nur bei den wenigen Notablen, aber im übrigen braust das Weltgeschehen dort unbeachtet vorbei und die Fragen der großen Politik berühren niemand. Äus den sich eng in die Höhe türmenden weihen Häusern ragt die alte Napstburg hoch in den blauen Himmel. Jeder Stein erzählt dort seine Geschichte von Blut und Pracht, aber die Bewohner kümmern sich nicht darum. Sie schauen alle auf das Mittelmeer hinaus, von dem sie leben und dessen Odem sie umweht, und auf ihre Fischerboote, die auf die sandige Landzunge aufgereiht worden sind. Bei starkem Ostwinde über« chwcmmt das Meer den Landweg, und Peuiseola ist bann in eine ganz unzugängliche Insel verwandelt. Embleme und alte Inschriften, die heute kaum mehr entziffert werden können, mahnen an die Vergänglichkeit alles Geschehens und daran, daß alles vergessen wird. Pcniscola ist zu einem Traumland der Geschichte geworden, wie denn alles in Spanien eine Vergangenheit hat, die nicht nur Jahrhunderte, Ioniern Jahrtausende zählt. An den Küsten Galiziens stehen die Wachttürme der Phönizier. Die Ruinen von Emerita Augusta erzählen Wunderdinge aus der Römerzeit. Der Aquädukt in Segovia erregt das Staunen der modernen Architekten. Die Ouaderseiten, so wie sie vor zwei Jahrtausenden ohne Mörtel ineinander gefügt und zu kühnen Bogen vereinigt wurden, haben Zeit und Wetterstürmen Trotz geboten. Spanien Ut das Land der Gegensätze. Neben dem Luxus und Fortschritt der großen Städte, neben den prächtigen Autostraßen, gibt es Gegenden, die kaum entdeckt sind, und die in einem Traumdasein dahinleben. Die Frage blcibt offen, ob die Bewohner jener Landstrecken glücklicher sein werden, Mim man sie zum modernen Kulturdasein erweckt haben wird? Spanien wird noch lange eine Welt für sich bleiben. Phantasien eines alten Astronomen. Von Graf Carl von K l i n ck o w st r o e in. Die alten populären Skribenten, die für die weitere Verbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse der lateinisch schreibenden Herren Gelehrten sorgten, haben ihrer eigenen Phantasie ost viel mehr die Zügel schießen lassen, als es heute ein populärwissenschaftlicher Schriftsteller wagen dürfte. Derartige Schriften sind daher ost recht lustig zu lesen, und die Argumente, die da ernsthast erörtert werden, lassen kein hohes Bildungsniveau bei dem Lesepublikum voraussetzen, für das sie bestimmt waren. Ein solches merkwürdiges Büchlein, das zu den Curwsis meiner Bibliothek zählt, hat den schönen Titel „Reise in Gedancken durch die eröffneten allgemeinen Himmelskugeln ..." und ist ju Rudolstadt im Jahre 1739 erschienen. Der Verfasser hat sich nicht genannt, läßt seinen Namen aber aus einem dem Titel beigefügten Spruch erraten: „KinderI man nennet sich zur Vermeidung eitler Ehre nicht gerne." Er heißt nämlich Eberhard Ehr. Kindermann, war seines Zeichens sächsischer Hosastronom und schrieb fünf Jahre später eine phantastische Schrift „Die geschwinde Reise auf dem Lufft-Schiff nach der oberen Welt". Zu den Leuchten der Wissenschaft kann Kindermann, nach [einen hinterlassenen Veröffentlichungen zu schließen, nicht gehört haben. Nichtsdestoweniger tut er in seiner erwähnten populär-astronomischen Schrift sehr gelehrt und bittet im Vorwort den geneigten Leser, seine „unvorgreislichen Gedanken" ohne Aergernis zu lesen. In seinem Buch behandelt Kindermann in einzelnen Kapiteln die Gönne, den Mond, die Planeten, zu denen er auch den Hundsstern (Sirius) rechnet, die Kometen usw. Die Sonne erscheint ihm als „mit viel iausendmahl tausend seuerspeyenden Gedürgen über und über besäet" und daher unbewohnbar. Auch für Geister kann sie keine Stätte bieten, denn reine Geister halten sich nicht in einem „materialistischen Feuer" auf; und „sollten sich die Unreinen da aufhalten, so müßte es ja die Hölle feyn, die Sonn aber ist vergänglich und die Hölle nicht, ergo kann sie die Hölle nicht seyn, und noch viel weniger eine Wohnung derer Geister". Mit gleichartiger Logik erklärt Kindermann die Geheimnisse der anderen Himmelskörper. Der Mond erscheint ihm weit schöner als unsere sündige Erde. „So ist auch wahrscheinlich, daß die Kreaturen (dort) herrlicher seyn können. Je schöner der Körper, je schöner müssen auch die auf ihm lebenden Wesen seyn." Aber weiter: sind die Mondbewohner schön, „so haben sie auch mehr Erkenntniß von ihrem Schöpfer, als wir nach dem Fall (Sündenfall) haben, haben sie nun eine höhere Erkenntniß von Gott, so haben sie auch mehr Weisheit als wir haben; haben sie denn mehr Weisheit als wir, so loden sie auch Gott den Allmächtigen weit kräftiger als wir". Kindermann weiß dann noch allerhand Merkwürdiges von den „Lu- nariten" zu erzählen, so daß z. B. ihre Pupillen viel enger sein müssen als die unsrigen, wegen der größeren Helle, hingegen müsse die Retina ihrer Augen erheblich größer sein. Er weiß von ihren prächtigen Städten, ihrem Ackerbau usw. und beschreibt dann kurz ein Luftschiff, mit dem man zum ™enbc gelangen könne: eine Barke aus Holz mit Segel und Rudern, die mittelst luftleer gemachter Kupserhohlkugeln in die Höhe gehoben werden soll. Diesen Gedanken hat unser gelehrter Astronom dem Jesuiten Francesco de Lana (1670) entlehnt, ohne ihn zu nennen. Wir wollen die nächsten Stationen überspringen und uns gleich dem ®61 s zuwenden, dem Kindermann die doppelte Erdgröhe Auschreibt. am Gegensatz zum lieblichen Mond ist Kindermann auf den Mars schlecht 3u sprechen, wahrscheinlich wegen der „recht merklichen dunklen Flecken , me man auf ihm beobachten könne. Er stellt dann die überraschende Frage, ob gute Astronomen auf dem Mars anzunehmen feien. Die Frage verneint: „daran ist zu zweifeln, wegen ihrer Nächte grausamen Finsternissen, wie künstlich mühten ihre Ferngläser beschossen seyn, an «m pechschwarzen Himmel etwas zu bemerken". An anderer Stelle rA.» er' m.an könne vom Mars aus nur ganz wenige Sterne sehen, niIr.er, vergißt zu begründen, warum die Marsbewohner die Sternenwelt »,!? °benfo gut sollen sehen können wie wir. Die Sonne scheint ihnen r halb so hell und nur halb so warm, als bei uns. „Dennoch kann dieser Unterschied ihnen nicht beschwerlich fallen; warum? Sie wissen es nicht besser." Dann beruft sich Herr Kindermann auf einen nicht genannten englischen Autor von offenbar gleicher Qualität, dem er beizupflichten geneigt ist. Nach diesem gelehrten Forscher ist der Mars eine noch schlimmere Sündenkugel als die Erde. Er hat nämlich herausgefunden, daß auch die Bewohner des Mars den Ackerpflug im Schweiße ihres Angesichts treiben, in Sorge und Kummer pflügen und säen müssen, daß sie unter furchtbarer Wetterunbill und riesigen Ueberschwemmungen zu leiden haben und daher auch sicherlich viele Grenzstreitigkeiten usw. haben müssen. Sie müssen noch gröber gesündigt haben als wir Irdischen, denn Gott hat sie des Nachts keines milden Mondscheins für wert befunden (die Marsmonde waren damals noch nicht entdeckt) ... Ihre Tage sind Dämmerung, und von der furchtbaren Finsternis ihrer langen Nächte könne man sich keinen Begriff machen. Und da sie fo große Sünder find, „fo werden sie sich beneiden, schlagen, verraten, wie wir hier. Fluchen und Lästern wird gewiß alsdann nicht entfernt feyn. Also ist es mehr als zu wahrscheinlich, daß sie eine große Menge Rechtsgelehrten unumgänglich haben müssen, die ihnen aus ihrer Verwirrung helfen sollen. Von Methe- maticis, und sonderlich Astronomis wird nichts zu finden feyn, weil ihnen der Himmel nicht den geringsten Anlaß dazu geben kann". Kindermann weih dann noch allerhand von den Kriegen der unglücklichen Marsiten zu berichten, von den reißenden Tieren, die in den finsteren Wäldern und Gebirgen den Menschen auflauern usw. Obwohl er kein Wort von der Astrologie sagt, so ist er doch augenscheinlich von den gleichen Vorstellungen beherrscht, die den Mars für den Astrologen zu einem unheilvollen Gestirn haben werden lassen. Hingegen ist der Saturn für Kindermann der „allerhöchste und allerschönste Planet". „Weiter können wir nun nicht, denn die Kugeln über dem Saturn sehen auch die Saturniten selbsten nur als ein Pünktgen ..Er vermutet also offenbar außerhalb der Saturnbahn noch Wandelsterne. Dach müsse hier alle astronomische Mehkunst schweigen und verstummen. Den Saturn schätzt unser gelehrter Astronom tausendmal größer als die Erdkugel. Er hat fünf Monde, der Ring besteht aus einer kreisenden Perlenschnur von Mondkugeln, die sich nur optisch als ununterbrochener Ring darstellt. Wie mag der Herr Hofastronom auf diese ausgefallene Idee geraten fein? Der Saturnring wurde als solcher zuerst 1655 von Ehr. Huygens erkannt, nachdem man die „henkelfärmigey Ansätze" bis dahin nicht hatte deuten können. 1675 entdeckte Cassini, daß es sich um zwei konzentrische Ringe handelt. Davon spricht Kindermann aber nicht. Die Folge des von ihm supponierten Ueberslusses an Satelliten ist, daß auf dem Saturn niemals und nirgends Nacht herrscht, wobei aber wiederum der Verfasser zu erläutern vergißt, woher die Monde ihr so starkes Licht beziehen. Dementsprechend wird der Saturn als ein Paradies geschildert. Ja, Kindermann wird hier geradezu schwärmerisch und ahmt Athanasius Kirchers ekstatische Weltraumreise (1656) nach: er schildert begeistert ein mit den herrlichsten Blumen bewachsenes Tal, in welchem tausend Saturniten betend auf den Knien liegen und in hebräischer Sprache Gott den Schöpfer loben. Die Saturnbewohner erscheinen ihm als Engel, denn sie kennen die Sünde nicht. Von den Kometen weih der phantasievolle Kindermann endlich etwas Vernünftiges zu sagen: daß sie nämlich nichts Böses bedeuten. Da man ihre Bahnen und damit ihre periodische Wiederkehr berechnen könne, so könne man sie nicht als Zeichen von Gottes Zorn ausfassen. Freilich ist das, was er über die Natur der Kometen und ihrer Schweife sagt, wieder Heller Unsinn: der Schweif besteht aus Luft und Staub und entzündet sich in Sonnennähe. Dieser Moment bedeutet bann für den Kometen und seine Bewohner den „jüngsten Tag". Im Schlußkapitel interpretiert Kindermann — mehr Exeget als Astronom — das „Ende der Welt", den jüngsten Tag, das Weltgericht Gottes. Wann dieser Zeitpunkt eintreten wird, ist dem Menschen zu wissen nicht gegeben. Auch Kindermann weiß es nicht. Er meint nur, daß die Erde dann ein Komet mit einem großen brennenden Schweif sein werde. Oie schwarze Spinne. Erzählung von Jeremias Gotthelf. (Fortsetzung.) Diese Gedanken wurden allmählich laut und begannen sich zu mischen cis verständliche Worte in das Schmerzensgestöhn der Leidenden. Man fragte näher nach dem Grünen, grollte, daß man ihm nicht besser Rede gestanden; genommen hätte er niemand, und je weniger man ihn fürchte, um so weniger tue er den Menschen. Dem ganzen Tale hätten sie vielleicht helfen können, wenn sie das Herz am rechten Orte gehabt hätten. Da begannen die Männer sich zu entschuldigen. Sie sagten nicht, daß es sich mit dem Teufel nicht fpaßen lasse, daß, wer ihm ein Ohr leihe, bald den ganzen Kopf ihm geben müsse, sondern sie redeten von des Grünen schrecklicher Gestalt, seinem Flammenbarte, der feurigen Feder auf feinem Hute einem Schloßturme gleich, und dem schrecklichen Schwefelgeruch, den sie nicht hätten ertragen mögen. Christines Mann aber, der gewöhnt worden war, daß sein Wort erst durch die Zustimmung feiner Frau Kraft erhielt, sagte, sie sollten nur seine Frau fragen, die könne ihnen sagen, ob es jemand hätte aushalten mögen, und daß die ein kuraschiertes Weib fei wüßten alle. Da sahen alle nach Christine sich um, aber keiner sah sie. Es hatte jeder nur an seine Rettung gedacht und an andere nicht, und wie jetzt jeder am Trockenen saß, so meinte er, die anderen säßen ebenso. Jetzt erst fiel allen bei, daß sie Christine feit jenem schrecklichen Augenblick nicht mehr gesehen, und ins Haus war nicht gekommen. Da begann der Mann zu jammern und alle anderen mit ihm, denn es ward ihnen allen, als ob Christine allein zu Helsen wüßte. Plötzlich ging die Tür auf und Christine stand mitten unter ihnen, ihre Haare trieften, rot waren ihre Wangen, und ihre Augen brannten noch dunkler als sonst in unheimlichem Feuer. Eine Teilnahme, deren Christine sonst nicht gewohnt mar, empfing sie, und jeder wollte ihr erzählen, was man gedacht und gesagt. und Nie man Summer um sie gehabt. Christine sah bald, was alles zu bedeuten hatte, und verbarg ihre innere Glut hinter spöttische Worte, warf den Männern ihre übereilte Flucht vor, und wie keiner um em arm Weib sich bekümmert, und keiner sich umgesehen, was der Grüne mit ihr beginne. 2a brach der Sturm der Neugierde aus, und jeder wollte zuerst 'wissen, was nun der Grüne mit ihr angefangen, und die Hintersten hoben sich hoch auf, um besser zu hören und die Frau näher zu sehen, die dem Grünen so nahe gestanden. Sie sollte nichts sagen, meinte Christine zuerst, man hätte es nicht um sie verdient, als Fremde sie übel geplaget im Tale, die Werber ihr einen üblen Namen angehängt, die Männer sie allenthalben im Stiche gelassen, und wenn sie nicht besser gesinnet wäre als alle, und wenn fie nicht mehr Mut als alle hätte, so wäre noch jetzt weder ~roft noch Ausweg da. So redete Christine noch lange, warf harte Worte gegen die Weiber, die ihr nie hätten glauben wollen, daß der Bodensee großer ei als d,r Schloßteich, und je mehr man ihr anhielt, um jo harter schien ie zu werden und stützte sich besonders darauf, daß, was sie zu sagen jätte, man ihr übel auslegen und, wenn die Sache gut käme, ihr keinen Dank haben werde; käme sie aber übel, so lüde man ihr alle Schuld auf und die ganze Verantwortung. Als endlich die ganze Versammlung vor Christine wie auf den Knien lag mit Bitten und Flehen, und die Verwundeten laut aufschrien und anhielten, da schien Christine zu erweichen und begann zu erzählen, wie sie i'tandgehalten und mit dem Grünen Abrede getroffen; aber von dem Kusse jagte sie nichts, nichts davon, wie er sie auf der Wange gebrannt, und wie es ihr getoset im Gemüte. Aber sie erzählte, was sie seither gesinnet im verschlagenen Gemüte. Das Wichtigste sei, daß die Buchen nach Varhegen geschafft würden; seien die einmal oben, so könne man immer noch sehen, was man machen wolle, die Hauptsache sei, daß bis dahin, soviel ihr bekannt, unter ihnen kein Kind werde geboren werden. Vielen lies es kalt den Rücken auf bei der Erzählung, aber daß man dann noch immer sehen könne, was man machen wolle, das gefiel allen wohl. Nur ein junges Weibchen weinte gar bitterlich, daß man unter seinen Augen die Hände hätte waschen können, aber sagen tat es nichts. Ein alt ehrwürdig Weib dagegen, hochgestaltet und mit einem Gesichte, vor dem man sonst sich beugen oder vor ihm fliehen mutzte, trat in die Mitte und sprach: Gottvergessen wäre es gehandelt, auf das Ungewisse das Gewisse stellen und spielen mit dem ewigen Leben. Wer mit dem Bösen sich einlasse, komme vom Bösen nimmer los, und wer ihm den Finger gebe, den behalte er mit Leib und Seele. Ans diesem Elend könne niemand helfen als Gott, wer ihn aber verlasse in der Not, der versinke in der Not. Aber diesmal verachtete man der Alten Rede, und schweigen hieß man das junge Weibchen, mit Weinen und Heulen sei einem diesmal nicht geholfen, da bedürfe man Hilfe anderer Art, hieß es. Nötig wurde man bald, die Sache zu versuchen. Bös könne das kaum gehen im bösesten Fall; aber nicht das erstemal sei es, daß Menschen die schlimmsten Geister betrogen, und wenn sie selbst nichts wüßten, so fände wohl ein Priester Rat und Ausweg. Aber in finsterem Gemüte soll mancher gedacht haben, wie er später bekannte: gar viel Geld und Umtriebe wage er nicht eines ungetansten Kindes wegen. Als der Rat nach Christines Sinn gefaßt wurde, da war es, als ob alle Wirbelwinde über dem Haufe zusammenftietzen, die Heere der wilden Jäger vorübersausten; die Posten des Hanfes wankten, die Balken bogen sich, Bäume splitterten am Hause wie Speere auf einer Ritterbrust. Blaß wurden drinnen die Menschen, Grauen überfiel sie, aber den Rat lösten sie nicht; bet grauendem Morgen begannen sie seine Ausführung. Schön und hell war der Morgen, Gewitter und Hexenwerke verschwunden, die Aexte hieben noch einmal so scharf als sonst, der Boden war locker, und jede Buche fiel gerade, wie man sie haben wollte, kein Wagen brach mehr, das Vieh war willig und stark und die Menschen geschützt vor jedem Unfall, wie durch unsichtbare Hand. Nur eines war sonderbar. Unterhalb Sumiswald führte damals noch kein Weg ins hintere Tal; dort mar noch Sumpf, den die zügellose Grüne bewässerte, man mußte den Stalden auf durchs Dorf fahren, an der Kirche vorbei. Sie fuhren wie an den früheren Tagen immer drei Züge auf einmal, um einander helfen zu können mit Rat, Kraft und Vieh, und hatten nun nur durch Sumiswald zu fahren, außerhalb des Dorfes den Kirchstalden ab, an dem eine kleine Kapelle stand; unterhalb desselben auf ebenem Wege hatten sie die Buchen abzulegen. Sobald sie den Stalden auf waren und auf ebenem Wege gegen die Kirche tarnen, so ward das Gewicht der Wagen nicht leichter, sondern schwerer und schwerer, sie mußten Tiere vorspannen, so viele sie deren hatten, mutzten unmenschlich auf sie schlagen, mutzten selbst Hand an die Speichen legen, dazu scheuten die sanftesten Rosse, als ob etwas Unsichtbares vom Kirchhofe her ihnen im Wege stehe, und ein dumpfer Glockenton, fast rote der verirrte Schall einer fernen Totenglocke, kam von der Kirche her, daß ein eigentümlich Grauen die stärksten Männer ergriff, und jedesmal Menschen und Tiere bebten, roenn man gegen die Kirche kam. War man einmal vorbei, fo konnte man ruhig fahren, ruhig abladen, ruhig zu frischer Ladung nieder gehen. Sechs Buchen lud man selbigen Tages nebeneinander ab an die ab- gerebete Stelle, sechs Buchen waren am folgenden Morgen zu Bärhegen oben gepflanzet, und durch ganze Tal hin hatte niemand eine Achse gehört, die sich umgedreht um ihre Spule, niemand der Fuhrleute üblich Geschrei, der Pferde Wiehern, der Ochsen einförmig Gebrüll. Aber sechs Buchen standen oben, die konnte sehen, wer wollte, und es waren die sechs Buchen^ die man unten an den Stalden hingelegt hatte, und nicht andere. Da war das Staunen groß im ganzen Tale, und die Neugierde regte sich bei männiglid). Absonderlich die Ritter nahm es wunder, welche Pacht die Bauern geschlossen, und auf welche Weise die Buchen zur Stelle geschafft würden. Sie hätten gern auf heidnische Weise den Bauern das Geheimnis ausgepreßt. Allein sie sahen bald, daß die Bauern auch nicht alles wüßten, da sie selbst halb erschrocken waren. Zudem wehrte der von Stoffeln. Dem war es nicht nur gleichgültig, wie die Buchen nach Bär- hegen kamen, im Gegenteil, roenn nur die Buchen heraufkamen, so sah er gern, daß die Bauern dabei geschont rourden. Er hatte wohl gesehen, daß der Spott der Ritter ihn zu einer Unbesonnenheit verleitet hatte, denn wenn die Dauern zugrunde gingen, die Felder unbestellt blieben, so hatte die Herrschaft den größten Schaden dabei; allein was der von Stoffeln einmal gesagt hatte, dabei blieb es. Die Erleichterung, welche die Bauern sich verschafft, war ihm daher ganz recht, und ganz gleichgültig, ob sie dafür ihre Seelen verschrieben; denn was gingen ihn der Bauern Seelen an, roenn einmal der Tod ihre Leiber genommen. Er lachte jetzt über seine Ritter und schützte die Bauern vor ihrem Mutwillen. Diese wollten den Handel doch ergründen und sandten Knappen zur Wache; die fand man des Morgens halb tot in Gräben, wohin eine unsichtbare Hand sie geschleudert. Da zogen zwei Ritter hin auf Bärhegen: es waren kühne Degen, und wo ein Wagnis zu bestehen gewesen im Heidenland, da hatten sie es bestanden. Am Morgen fand man sie erstarrt am Boden, und als sie der Rede wieder mächtig waren, sagten sie, ein roter Ritter mit feuriger Lanze hätte sie niedergerannt. Hie und da konnte eine neugierige Weibs- feele sich nicht enthalten, wenn es Mitternacht war, durch eine Spalte oder Lucke nach dem Wege im Tale zu sehen. Alsbald wehrte ein giftiger Wind sie an; das Gesicht schwoll auf, wochenlang konnte man weder Nase noch Augen sehen, den Mund mit Mühe finden. Da verging den Leuten das Spähen, und kein Auge sah mehr zu Tale, roenn Mitternacht über demselben lag. Einmal aber kam plötzlich einen Mann das Sterben an; er bedurfte des letzten Trostes, aber niemand durfte den Priester holen, denn Mitternacht war nahe, und der Weg führte am Kirchstalden vorbei. Da lief ein unschuldig Bübchen, Gott und Menschen lieb, aus Angst um den Vater ungeheißen Sumiswald zu. Als er gegen den Kirchstalden kam, sah er von dort die Buchen auffahren vom Boden, jede von zwei feurigen Eichhörnchen gezogen, und nebenbei sah er reiten auf schwarzem Bocke einen grünen Mann, eine feurige Geißel hatte er in der Hand, einen feurigen Bart im Gesichte, und auf dem Hute schwankte glutrot eine Feder. So sei der Zug gefahren hoch durch die Lüste über alle Egg weg und schnell wie ein Augenblick. Solches sah der Knabe, und niemand tat ihm was. Noch waren nicht drei Wochen vergangen, so stunden neunzig Buchen auf Bärhegen, machten einen schönen Schattengang, den alle schlugen üppig aus, feine einzige verdorrte. Aber die Ritter und auch der von Stoffeln ergingen sich nicht oft darin, es wehte sie allemal ein heimlich Grauen an; sie hätten von der Sache lieber nichts mehr gewußt, aber keiner machte ihr ein Ende, es tröstete ein jeder sich: fehle es, so trage der andere die Schuld. Den Bauern aber roohlete es mit jeder Buche, welche oben war, denn mit jeder Buche wuchs die Hofnung, dem Herrn zu genügen, den Grünen zu betrügen; er hatte ja kein Unterpfand, und war die hundertste einmal oben, was frugen sie bann dem Grünen nach? Indessen waren sie der Sache noch nicht sicher; alle Tage fürchteten sie, er spiele ihnen einen Schabernack und lasse sie im Stiche. Am Urbanustage brachten sie ihm die letzten Buchen an den Kirchstalden, und alt und jung schlief wenig in selber Nacht; man konnte fast nicht glauben, daß er ohne Umstände und ohne Kind oder Pfand die Arbeit vollende. Am folgenden Morgen, lange vor der Sonne, waren alt und jung auf den Seinen, in allen regte sich die gleiche neugierige Angst; aber lange wagte sich keiner auf den Platz, wo die Buchen lagen; man wußte nicht, lag dort eine Beize siir die, welche den Grünen betrügen wollten. Ein wilder Küherbub, der Zieger von der Alp gebracht, wagte es endlich, sprang voran und sand keine Buchen mehr, und feine Hinterlist tat auf dem Platze sich kund. Noch trauten sie dem Spiel nicht; ihnen voraus mußte der Küherbub nach Bärhegen. Dort war alles in Ordnung, hundert Buchen standen in Reih und Glied, keine war verdorret, keinem aus ihnen lief das Gesicht auf, keinem tat ein Glied weh. Da stieg der Jubel hoch in ihren Herzen, und viel Spott gegen den Grünen und gegen die Ritter floß. Zum drittenmal sandten sie aus den wilden Küherbub und ließen dem von Stoffeln sagen, es sei auf Bärhegen nun alles in dec Ordnung, er möchte komneen und die Buchen zählen. Dem aber ward es graulicht, und er ließ ihnen sagen, sie sollten machen, daß sie heimkünmi. Gern hätte er ihnen sagen lassen, sie sollten den ganzen Schattengang wieder wegschaffen, aber er tat es nicht, seiner Ritter wegen, es sollte nicht heißen, er fürchte sich; aber er wußte nicht um der Bauern Pacht, und wer sich in den Handel mischen könnte. Als der Küherbub den Bescheid brachte, da schwollen die Herzen noch trotziger auf; die wilde Jugend tanzte im Schattengange, wildes Jodeln hallte von Kluft zu Kluft, von Berg zu Berg, hallte an den Mauern des Schlosses Sumiswald wider. Bedächtige Alte warnten und baten, aber trotzige Herzen achten bedächtiger Alten Warnung nicht; wenn bas Unglück ba ist, fo sollen es die Alten mit ihrem Zagen und Warnen herbei- trotzige Herzen achten bedächtiger Alten Warnung nicht; roenn dann M* Unglück da ist, so sollen es die Alten mit ihrem Zagen und Warnen herbei- und Tal in alle Häuser, und wo noch eines Fingers lang Fleisch "" Rauche hing, da ward es gekocht, und wo noch eine Hand groß Buller im Hafen war, ba würbe geküchelt. Das Fleisch warb gegessen, bie Kiichli schwanden, der Tag war verronnen, und ein anderer Tag stieg am Himmel auf. Immer näher tarn der Tag, an welchem ein Weib ein Kind gebären sollte; und je näher oer Tag kam, um so dringlicher tarn die Angst wieder: der Grüne werde R wieder künden, fordern, was ihm gehöre, oder ihnen eine Beize legen. (Fortsetzung folgt.) . tBeranteoetltik Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Giebel