GiehenerZamilienbMer ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1950________________ Montag, den 2y.Dezember Kummer M Was ist ein Lahr? Von Hans Gäfgen. Was ist ein Jahr? Ein kleiner Tropfen, Aus ew'ger Quelle niederfließend, Sich spiegelnd in dem gold'nen Lichte, Hell perlend durch der Nebel Dichte lind sich ins Zeitenmeer ergießend. Was ist ein Jahr? Ein bunter Falter, Aus ew'gen Gärten niederwehend. Leicht schwebend durch die wirren Tage lind bald wie eine ferne Sage Im kaum geahnten All vergehend. Was ist ein Jahr? Ein Nichts dem Hasten, Durch leere Stunden rastlos eilend. Ein Brunnquell ewig neuer Freude, Ein wundersames Glücksgeläute Dem Weisen, still im Tag verweilend. Jahreswende. Von Georg v. d. G a b e l e n tz. Nachdruck verboten. Grauer Tag. Tief liegen die Wolken über dem Lande. Schnee treibt gegen die kleinen Scheiben. Gelangweilt rückt eine mit grellen Blumen bemalte Wanduhr di« Minutenzeiger. General von Yorck geht im niederen Zimmer auf und ab. Seine Sporen klirren auf dein Estrich. Karten find über einen bäuerischen Tisch geworfen. Yorck blickt auf die Uhr. Dann öffnet er die Tür, tritt durch den Flur ins Freie. Windgewehter Schnee wirft ihm Silbersterne ins ergrauende Haar. Das Gewehr im Arm stampft ein Posten frierend mit ben Füßen. Er hat den Kragen hochgeschlagen, zuckt zusammen, als er den gestrengen General in der Tür erscheinen sieht, und präsentiert. Der schmelzende Schnee rinnt ihm übers Gesicht in den struppigen Schnurrbart. Yorck atmet tief die kalte, erfrischende Luft ein und späht ungeduldig die Straße hinab. Müde blinken jenseits des Flusses einzelne Lichter des Städtchens Tauroggen. Vom Föhrenwald herüber lärmen Krähen. Hundegekläff irrt aus der Ferne über gefrorenes Land. Eben will der General ins Haus zurück, da taucht aus dem Nebel gespenstisch ein Reiter hervor. Yorck erwartet ihn. Der Husar springt, am Häuschen angelangt, vom dampfenden Pferde, salutiert, zerrt mit klammen Fingern aus einer Ledertasche einen gesiegelten Brief und übergibt ihn. Des Generals Augen leuchten auf. Er nimmt hastig das Schreiben an sich, kehrt ins Zimmer zurück, wo zwei Lichter zwischen den Karten brennen, sieht die Anschrift, sieht das königliche Siegel, reißt den Umschlag auf und liest. Jäh meißelt sich Grimm in seine Züge. Die Faust knüllt das Papier zusammen, will es zu Boden schleudern, läßt es aber dann fast mit einer Bewegung des Ekels auf den Tisch fallen. „Also doch", stöhnt er. „Der König kann sich nicht frei machen!" Er klingelt heftig. Eine Ordonnanz klopft an. Yorck befiehlt, seinen Stabschef zu holen. Der Oberst tritt bald darauf ein, in manchen Kämpfen ergraut, frühzeitig, wie sein General. „Lesen Sie!" Yorck weist auf den königlichen Brief. Der Oberst blickt erschrocken in das eiserne' Antlitz des anderen, nimmt das Papier, glättet es rasch auf dem Tische, hebt es ans Licht und studiert es. Es scheint, er braucht lange, es sich klar zu machen. „Ihre Ansicht?" fragt Yorck. Mit einem Seufzer legt der Oberst den Bogen auf eine der Karten. „Unsere Situation ist klar. Seine Majestät", fährt er fort, „geruhen beim ersten Befehl zu bleiben. Wir sollen mit dem gesamten Korps abmarschieren und es weiterhin zur Verfügung des Kaisers halten, an den Preußen durch Vertrag gebunden sei." Der Oberst macht eine kurze Pause und zuckt mit den Achseln. „Majestät erinnert an die Gebote der Disziplin, warnt, das Vaterland in Gefahr zu bringen. Es hat genug gelitten. Wir haben nicht das Recht der Kritik an den Meinungen und Befehlen des Kriegsherrn. So bitter es ist, daß wir heute zu Dienern der Franzosen wurden, wir müssen gehorchen, weiter den allgemeinen Ruckzug der großen Armee decken. Seine Majestät befiehlt es zum zweiten • Unjer Abfall von Frankreich wäre eine Art Rebellion, und das Schicksal, scheint s, will die Rebellion nicht. Es ist stärker als der Mensch. „Oberst! Der Mensch soll stärker als das Schicksal sein!" „Kann er es?" zweifelt der Stabschef. „Mag fein, daß Sie recht haben, Herr General, und daß wir eine Gelegenheit versäumen. Aber Berlin will es. Gut! Denen dort die Verantwortung." Und da Yorck schweigt, nimmt er eine der Karten auf und fragt nach einer Weile: „Soll 'ch unseren Regimentern den Abmarschbefehl ausfertigen?" „Nein!" Stählern schneidet Yorcks Stimme durch die dumpfe Luft Zimmers. Stllle. Jm großen Ziegelofen knacken die Holzkloben. Ein Windstoß wirft grobkörnigen Schnee gegen die Fenster. Der General steht breit hinter dem Tische. Langsam greift seine Hand nach dem Briese des Königs und hält das Papier in die Glut eines der Lichter, daß es aufflammt und seine Reste verkohlend zu Boden taumeln. Mit gerunzelter Stirn beobachtet der Oberst das Tun seines Chefs. ' "Herr General", sagt er dumpf, „das ist wohl das erstemal, daß ein preußischer Offizier dem Befehl seines Königs ein Nein entgegensetzt." Yorck antwortet nicht. Er ist ans Fenster getreten und hat die Hände auf dem Rucken verschränkt. Er schweigt lange. Der Oberst kennt den harten, überlegenen Willen des anderen und stützt in schweren Gedanken die Hand gegen den Ofen. Aorck, was sind das für Zeiten? Seit Bonaparte in die •Kober der Weltgeschichte griff, zermalmen sie Reiche und Fürsten und ' äerpslugen alle Grenzen, werfen die Völker gegeneinander wie Dreck ; Rollen schon die Könige beschworene Verträge zerreißen? Fordern Sie heute von Ihrem Könige nichts Unmögliches, nichts — darf ich agen: Unehrenhaft? Wir find unseres Königs und des Staates Diener Erzellenz, und haben den Gesetzen zu gehorchen. Es war Preußens Größe, daß es gehorchen lernte der Obrigkeit. Möchte man auch; man darf solche Ordnung, von Gott gesetzte Ordnung, nicht mißachten." Yorck dreht sich um, trift dicht vor den Obersten und betont scharf jeöes Wort: „Woher wissen Sie fo genau, welche Ordnung Gott einsetzte? Gott ist nicht immer in dem, was Menschen auf Papier schreiben." Er Ichlagt mit der geballten Rechten auf seine Brust. „Auch hier drin kann er sein! fragte Casar, als er den Rubikon überschritt, nach Gesetzen? Fragte das Rostoptschm, als er Moskau anzündete?" Der Oberst sieht in das herrische Gesicht feines Generals. Dann blickt er zur Seite. „Es ist zuweilen schwer. Recht und Unrecht zu unterscheiden. Was soll ,ch nach Berlin schreiben?" ich hier stehenbleibe, und daß ich nunmehr meinen Kopf brauchen werd« nach meinem Willen. Später erst stelle ich ihn Seiner Majestät zur Verfügung," Katastrophenpolitik! Der Oberst verbeugt sich und will gehen. Da weist Yorck auf Papier und -Linte, welch beides sich am Rande des großen, ungestrichenen Holztisches vorfindet, und winkt seinem Stabschef, Platz zu nehmen. Kaum aber macht der Miene, sich zu fetzen, schiebt ihn Yorck beiseite. „Halt! Nichts schreiben! Der König soll aus dem Spiel« bleiben. Und fetzt lassen Sie einen Parlamentär aufsitzen und sofort zu den Russen hmuberreiten." „Zu — den — Russen?" „So! Ich erwarte General von Diebitsch morgen früh hier in der Muhle von Poscherun." Der Oberst fährt entsetzt zurück, und schwer fallen seine Worte ins Zimmer: „Das ist Hochverrat, Exzellenz." Yorck wendet mit scharfem Ruck den Kopf und faßt den Untergebenen cme Weile in den Zwang seiner Augen. Nichts verrät, was hinter feiner Stirn vorgeht. Endlich bemerkt er: „Sie haben recht. Ich nehme Ihnen darum die Verantwortung für olles ab und werde den Mann selbst abfertigen." Yorck macht «ine Bewegung gegen die Tür. „Schicken Sie mir den Parlamentär!" „Nicht so! Ich weiß um Ihre Tat und bitte, sie mit Ihnen tragen zu dürfen, Herr von Yorck!" Die Männer reichen sich die Hand. Entschlossenen Schrittes geht dann der Oberst hinaus. Yorck bleibt allein. Eine Viertelstunde später traben ein Parlamentär und ein Trompeter ostwärts, wo General von Diebitsch mit dem russischen Korps steht. Yorck tritt ans Fenster, öffnet es und schaut den Nebelgestalten nach, die sich rasch entfernen. Noch könnte man sie zurückrufen; noch! Yorck preßt die Lippen zufammen. — Nun sind die Reiter verschwunden. — Es hat aufgehört zu schneien. Einige Sterne blitzen kalt und klar. Ein Tag nur, und das neue Jahr bricht an. Ein neues Jahr. Eine neue Zeit? Und des eisernen Yorck Hände falten sich. „Gott, du weißt, das Vaterland darf alles von uns fordern." Neujahrsdichtung — Neujahrsbrauch. Von Dr. Johannes Günther. Das ist ein Lärm auf der Straße: Schießen, Rufen, Johlen, Lachen, Kreischen, Prosit Neujahrl Prosit Neujahr! Raketen steigen, bengalische Flammen leuchten, Papierschlangen fliegen durch die Lust, verfangen sich in Balkons, in Drähten, in Baumen! Glocken läuten, Mitternacht ist ba — aber nicht einmal jetzt schweigt Lärm und Gewimmel. — Zarte Menschen nehmen daran Anstoß. Sie suhlen sich in ihrer stillen Sammlung verletzt. Sie verurteilen die Lärmenden. Aber auch die Lärmenden haben ein Recht, ein dumpfes Recht. Sie fühlen Jahreswende als Symbol, als beängstigendes Symbol überwältigender Ewigkeit. Da möchten sie wachsen über ihre Kleinheit hinaus, da möchten sie sich nicht unterkriegen lassen, da möchten sie die Kraftleute, die Fürchtenichtse spielen. Da möchten sie sich betäuben. Im Rausch möchten sie „drüber weg". Da toben sie, da lärmen sie. Aber noch ein anderer, ein dumpfer Glaube aus Urvätertagen mag in ihnen nachwirken: ein Gespenster- und Dämonenglaube. Man glaubte einst — und dieses „einst" hat nie ganz aufgehört —, am Schluß des Jahres sammelten sich die Dämonen, die Unholden, um den Menschen das neue Jahr zu verderben, ihre Kraft zu lähmen, ihr Gut zu stören und zu zerstören, die Keime ihrer Ernte zu töten. Und diese bösen Mächte galt es zu vertreiben, galt es abzuschrecken mit furchtbarem Lärmen. So zogen — und ziehen noch heute — in manchen Gegenden die Burschen und wohl auch die Mädchen mit Trommeln, Glocken, Psannendeckeln, Blechtöpfen, Pfeifen, Pauken und rasselnden Ketten durch die Ortschaften und Felder, um die Geister zu verscheuchen. Sie knallen mit Peitschen, sie schießen und werfen Scherben, Schmiede schlagen mit ihrem Hammer auf den Amboß, man johlt, man heult. Man will damit die Geister auch überschreien, überlärmen. Denn die Geister selbst toben und tosen bei ihren unheilbringenden Zügen. Es ist eine gefährliche Zeit von Weihnacht bis Dreikönig. Wodan — seit der Christanisierung in die Sphäre der Gespenster hinab gedrückt — saust als Führer des wilden Heers durch die Luft. Aber nicht der Lärm allein machts. Soll den Gespenstern wirklich der Garaus gemacht werden, dann muß man auch die äußere Erscheinung so Herrichten, daß die Gespenster meinen, ihresgleichen rücke gegen sie vor, und die Flucht ergreifen. Man steckt sich in Tierhäute, man verkleidet sich als Neujahrsbock, als Bär, als Schimmel, als Aschenmutter, als Aschenmöhme. In westfälischen Dörfern wird — schon um Weihnachten — ein „Wüder" gewählt: der schwärzt sich sein Gesicht, setzt sich eine Pelzmütze mit Hahnenfeder auf den Kopf und sammelt seine Kumpane um sich. Kurz vor Silvester-Mitternacht hängen sie ein weißes Laken über ein Pferdegestell. Der „Schimmelreiter" — wir denken an Storms Schicksalsnovslle, die aus bizarrem Aberglauben erschütternd Ernst macht — schwingt sich hinauf, die Horde hinterher und nun geht's — Spatz? Schrecken? — durchs Dorf, durch die Felder! Hier denken wir auch an die maskierten Schreckensgestalten beim „Perchten"laufen in bayrisch-österreichischen Alpengebieten. Vielfach hat sich die Augst, in der man solche Vermummungen vornahm, längst verloren, und nur die Vermummung ist geblieben, und man hat Freude daran. Wie wären sonst die an Fastnacht, an Karneval erinnernden Harlekinaden zu erklären, die man hier und da zu Neujahr betreibt, die sogar Gott Amor geschickt als Werkzeug benutzt, wie Zschokke bas sehr vergnüolich in seiner Novelle „Das Abenteuer der Neujahrsnacht" darstellt? Wie käme es sonst zu solchen Narrenspossen — sogar unter sonst ehrbaren Männern, wie Paul Heyse seinem Freunde Geibel von der Neujahrsnacht 1868 auf 69 erzählt? Da sträubt sich sogar meine Feder etwas bedenklich und lätzt mich auf den Briefwechsel der beiden Männer, den Petzet herausgab, verweisen. Aus Lärmen und Rufen, aus Vermummungen und Umzügen bildet sich — „naturgemäß", könnte man sagen, — eine Art von dramatischer Darstellung. Man spielt „Das alte Jahr austreiben". Man verkleidet sich in „altes Jahr" und „neues Jahr". Nach Art der mittelalterlichen Streitgespräche zanken Altjahr und Neujahr miteinander. Oder: „Altjahr" — ein altes häßliches Weib — wird in den Dorfteich getunkt, wird „ersoffen', „Neujahr", eine junge schöne Dirn, wird gekrönt. Die heiligen drei Könige sind Bringer des Guten zum neuen Jahr. Ihre Wünsche ordneten sich im Laufe der Zeit auch zu Gesprächen, die man von Haus zu Haus ziehend, gerne aufsührte. Der eine, als Mohr, schwärzte sich das Gesicht, der andere setzte sich eine Papierkrone auf, der dritte trug auf hohem Stabe einen Stern/ So zogen die „Sternfinger' umher. „Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern — sie essen, sie trinken, sie zahlen nicht gern." So beginnt ein Gedicht Goethes, in dem die Reste alter Volkskunst fest- gehalten sind. Schon Goethe sah belustigt und kopfschüttelnd zugleich die große Kiepe auf dem Rücken des Königs. Aus Weifen, aus kindlichen Künstlern waren Bettler und Lungerer geworden. Heute find sie so gut wie ganz ausgeftorben. Der Schornsteinfeger, der Briefbote, die Zeitungsfrau gehen wohl zu Neujahr noch umher, geben gedruckte Neu- jahrsreime ab und taffieren Geldgeschenke. So geht alles in mechanisches Geschäft aus Diejenigen, die sich nicht an Umzügen und Spielen beteiligen, beobachten daheim genaue Vorsichtsmaßregeln, um die Neujahrsgeister nicht zu verstimmen, oder um sie gar umzustimmen, zu gewinnen, aus „Unholden" „Holde" zu machen. Vor bestimmten Arbeiten muh man sich hüten, andere wiederum gerade in diesen Zeiten besorgen: Lichte, in den „Zwölften" gegossen, brennen sonderlich hell, Garne, in den Zwölften gesponnen, halten sonderlich fest. Nichts darf halb, unvollendet im Hause ober außer dem Hause herumliegen, Geräte müssen unter Dach und Fach gebracht werden, Wäsche darf nicht auf der Leine hängen bleiben. Türen müssen geschloffen fein. Man setzt Speisen für die Geister hin, damit sie sich laben. Gewisse Tiere, wie Wölfe und Ratten, darf man in dieser Zeit nicht nennen — sonst kommen sie, wie der Teufel, wenn man ihn „an die Wand malt". Zu den Haustieren aber ist man gut. Dem Pflugochsen steckt man sogar Kuchen auf die Hörner. Das Gesinde hat etzt auch einmal Freizeit, darf seine Gevattern besuchen. Uebcrhaupt ,esucht man sich hin und her zur Neujahrszeit, bringt sich Geschenke, agt sich Glückwünsche. Kinder werden dazu angehalten, ihren „Eltern und Herren" schöne „Aufschriften" zu liefern. Ob das in heutigen Schulen ein Klassenrat, den die Herren Kinder wählen, noch genehmigt, weiß ich nicht. Hier möcht ich nur zwei gereimte Neujahrswünsche erwähnen, mit denen ein gewisser Wolfgang von Goethe, damals acht Jahre alt, sich in das poetische Schrifttum einführte, einer an den „erhabenen Großpapa" und einer an die „erhabene Großmama", erstaunlich brav gelungen und mit verblüffender neckischer Prophetie uorausbeutenb auf eine „Fertigkeit", die sich noch weiter ausbilden werde. — Zu wie drolligen Neujahrswünschen es übrigens bei großen Kindern kommen kann, zeigt uns Heinrich von Kleist mit dem Neujahrsbrief (aus dem Siebenjährigen Kriege), den er einen Feuerwerker an feinen Hauptmann schreiben läßt: alle Wortbilder, die der gute Mann wählt, sind dem Kriegshandwerk entnommen — ergötzliche Beispiele für den „miles gloriosus", den ruhmredigen Soldaten, der die Literatur aller Zeiten und Völker durchstampft. Was man am Neujahrstage tut, tut man im ganzen Jahr. Da heißt es auf der Hut fein! Die Schuppen vom Silvesterfifch tut man in den Geldfack, damit ebenso viel Gold darin klimpere das ganze Jahr hindurch. Sie wohl zu, wem du am Neujahrstage begegnest, ob es ein Glücksbringer sein mag ober ein Leidbringer! — Aus allerhand Orakeln sucht man in der Neujahrsnacht die Zukunft zu ergründen. Jean Paul, in schicksalsschweren Jahren, die dennoch, ein seltsamer Widerspruch, von den sorglos genialen Romantikern durchgaukelt werden, brauchte kein Orakel zur Jahreswende. Den Gespenstern selber stellte er sich. Was er von ihnen erfuhr — wie sich ihm die ewigen Zusammenhänge auftun von der Vorwelt bis hin zu den letzten Dingen, angesichts deren die Gegenwart zu lächerlichem Tand wird, wie er der Sternensprache kund roirt) — das lesen mir in seinen „Traumdichtungen", „Neujahrsbetrachtungen" und in der Geschichte „Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht" nach. Das Gruseln werden wir verlernen und zum geklarten Scherz, zur Weisheit werden wir den Ansatz machen. Und am Schluß meiner Skizze möchte ich den Leser noch zu einsamen Dichtern führen. Was denken und schreiben sie zur Jahreswende? Die einen stehen markig da und wehren aller Unsicherheit. Ernst Moritz Arndt empfindet den mannhaften Menschen als ruhenden starken Pol in der Flut und Flucht der Ereignisse: „Nur eines steht, ein Felsenberg, der nie von feiner Stätte rücket: das Herz, das nimmer überzwerch vom graben Pfad der Ehre blicket." Matthias Claudius scheint ihm mit seinem Liede „Mein Neujahrslied" dis Hand zu reichen: in dem, was er vom deutschen Mann, vom deutschen Weibe, vom deutschen Fürsten und vom deutschen Dichter erhofft, erinnert er an Walther von der Vogelweide. — Hoffmann von Fallersleben macht alles Siegen oder Verlieren von der Persönlichkeit ab« h $ $ „Hinweg mit allem Weh und Ach! Hinweg mit allem Leid! Wir selbst sind Glück und Ungemach Wir selber sind die Zeit." Und Mörike erhebt sich fest, fromm und feierlich zu dem allumfassenden Gebet: „In ihm fei 5 begonnen, Der Monde und Sonnen An blauen Gezeiten Des Himmels bewegt. • Du, Vater, du rate! Lenke du und wende! Herr, dir in die Hände Sei Anfang und Ende, Sei alles gelegt." Und andere Dickster gibt es: die suchen in den Stunden, wo Alijahr scheidet und Neujahr anhebt, nach Reinigung und Festigung. Der verspätete Romantiker Emil Goett möchte — so schreibt er Ende Dezember 1891 „an einen Freund" (Gustav Manz ist es) —, er komme „zu ferner Sammlung", komme nicht „zur leichten Ueberroinbung der Schwierigkeiten", könne nicht entrinnen aus dem „alten furchtbaren Circulus periculosus des Uebels", er könne nicht Herr seiner Stimmung, feiner Fehler, feiner Schwäche werden. — Hebbel, der sich in so ergreifender Weife zur Weisheit hinarbeitet und sich im wahrsten Sinne des Wortes wandeln, entwickeln will, schreibt am 31. Dezember 1856 in fein Tagebuch: „Meinen Epigrammen ,An die @ötter‘ und ,Conditio sine qua non‘ die einen unbefriedigenden Zustand scharf und spitz aussprachen, fügte ich im neuen Manuskript Nachstehendes hinzu: ,Götter, öffnet die Hände nickst mehr, ich würde erschrecken, denn ihr gabt mir genug: hebt sie nur schirmend empor! „Ich wiederhol", fügt er hinzu, „dies Gebet hier aus innerster Seele." Und hundert Jahre nach Arndt schreibt unser Hermann Stehr „am Jahresanfang": „Wie kann ich wisfen, daß ich leb' und sterb', wodurch weiß ich von Blühen und Verderb? Nur, weil ich wandellos im Tiefsten bin und in mir trage alles Lebens Sinn. Frühling und Sonne, tausend Jahr und nichts, die Königreiche und der Traum des Lichts vor meinem Fenster, alles ist gleichviel in meiner Seele, alles ist ein-Spiel--- Nun haben sie draußen sich müde getobt, die lärmenden, dumpfen, prahlenden, johlenden „Fürchtenichtse"! Wir sind allein mit den Starken und Weisen. Zum neuen Lahr. Von I. W. von Goethe. Zwischen dem Alten, Zwischen dem Neuen Hier uns zu freuen. Schenkt uns das Glück, Und das Vergang'ne Heißt mit Vertrauen Vorwärts zu schauen, Schauen zurück. Stunden der Plage, Leider, sie scheiden Treue von Leiden, Liebe von Lust; Bessere Tage Sammeln uns wieder, Heitere Lieder Stärken die Brust. Leiden und Freuden, Jener verschmundnen. Sind die Verbundnen Fröhlich gedenk, O des Geschickes Seltsamer Windung! Alte Verbindung, Neues Geschenk! So wie im Tanze Bald sich verschwindet, Wieder sich findet Liebendes Paar; So durch des Lebens Wirrende Beugung Führe die Neigung Uns in das Jahr. Oer Kalender. Von Max Karsten. Je mehr das Jahr sich seinem Ende nähert, um so schmächtiger wird der Kalender. Es ist doch gar nicht so lange her, daß wir ihn, gleich einem Bündel Hoffnungen an die Wand hängten. Nun werden bald die Werktage, die Sonntage, die Festtage, die zusammen 1930 ausmachten, dahingeschwunden sein wie Blättchen Papier, die man vom Block des Jahres reißt und, nach einem Augenblick nachdenklicher Betrachtung, in den großen Papierkorb der Ewigkeit sinken läßt. Wenn das letzte Blatt des Jahres gefallen ist, werden wir ein neues Bündel Hoffnungen aufhängen und werden davon die Tage abpflücken, einen um den andern ... Der Kalender ist ein sorgfältig zu wühlendes Geschenk. Nicht allein, weil uns sein Anblick ein Jahr lang begleiten wird, sondern weil er einen gewissen Einfluß auf die Gestaltung des täglichen Lebens auszuüben vermag. Noch heute, ganz wie ehemals, soll vom rechten Kalender eine ordnende Kraft ausgehcn, die uns mit vernünftiger Einteilung der Zeit durch die zahllosen und verwirrenden Ansprüche des Tages leitet, die rechtzeitig an einmalige und stündig wicderkehrende Pflichten erinnert, welche an bestimmte Termine gebunden sind oder zu bestimniten Jahreszeiten erfüllt werden müssen. Der Kalender also soll uns die ohne Hast und Aufregung abgewickelte Tagesaufgabe bedeuten, mit anderen Worten, Hilfsmittel zu einer harmonischen Lebensführung fein. Um diese Aufgabe bei der wachsenden Spezialisierung der Tätigkeiten erfüllen zu können, hat er sich in viele, verschiedene Kalendersarten für die einzelnen Berufs- und Interessengruppen spalten inüssen: Kalender für alle Arten Handwerker, Arbeiter, Kaufleute, Wissenschaftlicher, Künstler, Ingenieure, Architekten, Landwirte, Beamte, für Hausfrauen, Kinder usw. Aber so verschieden diese Kalender sind, ihre Form und Anordnung wurzelt zumeist im Kalender der alten Zeit, den man als Anhalt für Fest- und Gedenktage brauchte und durch den man das Datum für alle urkundlichen und sonstigen wichtigen Verrichtungen des Lebens bereithielt. Immerhin überrascht es, schon bei den Goten einen Schreibkalsnder zu finden, der neben seiner ursprünglichen Aufgabe auch Platz zum Einträgen wichtiger Begebenheiten läßt. Dieses interessante Dokument, weit über 1000 Jahre alt, ordnet die Daten der Tage untereinander, setzt neben einzelne historisch wichtige Ereignisse, neben andere Heiligennamen und läßt die meisten Zeilen für Eintragungen offen. Noch ältere Formen aus vorchristlich-germanischer Zeit sind nur in dunklen Andeutungen auf uns gekommen. Damals, als das Jahr mit dem Winter begann, schnitzte man dis Tage als Runen auf Stäbchen. Viele werden, sich aus Jmmermanns Erzählung „Der Oberhof" an das „Schwert Karls des Großen" erinnern, das dort eine geheimnisvolle Rolle spielt. Aber in Wirklichkeit ist das nichts anderes als Ueberlieserung eines alten Brauches, Runenkalender auf Schwertern und Sensen anzubringen. Vor hundert Jahren wurden solche Gegenstände in ländlichen Bezirken noch als wertvolles Erbgut ausbewahrt. Diese primitiven Formen haben eines vor den unseren voraus: durch Teilung in Winter und Sommer, die der Vorder- und Rückseite des Schwertes entsprechen, ist der Unterschied der Jahreszeiten und ihr wesentlicher Einfluß aufs tägliche Leben schärfer angedeutet. Dieser Sinn des Kalenders geht heute langsam verloren. Wer betrachtet denn noch die Stellung der Sonne zu den Sternbildern des Tierkreises? Den Menschen früherer Zeiten war es eben gegenwärtiger, daß damit die Aende- rung des Wetters zufammenhängt, von dem wiederum fo viele Verrichtungen des Tages abhängig find. Daher gab man dem Kalender auch eine Einrichtung, die, später in die Bauernkalender übernommen, bis heute bekannt geblieben ist; man stattete ihn mit Regeln und Sprüchen aus, die eine poetische, daher leicht zu merkende Anleitung für Aussaat und Ernte gaben. Die Erfahrung vieler Generationen fand in diesen Sprüchen ihren Niederschlag. Aber wie das so geht, die Weisheiten sind durch findige Geschäftsleute verfälscht worden, die damit größere Käuferschichten an sich locken wollten. Mit Recht spottete man über diese Art, und der berühmte Vers: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist — ändert sichs Wetter, oder bleibt wie es ist", geht auf solche leichtsinnige Kalendermacherei. „ t ..... Hierher gehören auch die „gastronomischen Kalender, die für leben Monat die beste Speise empfehlen, z.B.: „Mit Austern und mit Kaviar Befasse dich im Januar. Im kühlen Februario Mach dir mit Lachs das Leben froh. Und drücke sanft im Monat März Gefüllte Kalbsbrust an dein Herz ..." Bevor die Buchdruckerkunst erfunden war, hatten nur wenige die Möglichkeit, sich teure, auf Pergament geschriebene Kalender zu kaufen. So 'lieh man denn schon in der Schule die Kinder Verse aus jeden Monat auswendig lernen, die alle merkenswerten Heiligennamen enthielten. Dabei spielte der Sinn der Verse überhaupt keine Rolle, die Hauptsache war, daß die Namen an der richtigen Stelle standen. Das heißt: wenn man die Worte einer Strophe abzählte, so mußte die Zahl, die auf den Namen fiel, feinem Monatsdatum entsprechen. Für den Monat Oktober gab es z.B. folgenden Vers: „Remigius, der hieß Franzen Mit Gertruden fröhlich tanzen. Dionysius sprach: 1 ,Was bedeutet bas?' Es wäre Gallen mit Lucae gestanden baß. Ursula sprach: ,Wer tanzen welle, Der sei Simonis und mein Geselle'." Der erste Tag des Oktober ist also der des heiligen Remigius, der vierte der des heiligen Franz, der sechste der der Gertrud usw. Wollte man die dazwischen liegenden bezeichnen, so sagte man: ein Tag nach Remigius, der Tag nach Lucae, zwei Tage vor Simonis usw. Auf solche Weise hatte jedermann seinen Kalender im Kopfe; er war kein unbeachteter Besitz an der Wand oder im Winkel. Der älteste vervielfältigte Kalender, den wir in Deutschland besitzen, liegt vor Erfindung der Buchdruckerkunst. Dieser, von Johann von Gmunden verfaßt, wurde von Holzstöcken gedruckt, aber seine Form erinnert schon lebhaft an neuere Werke. Jedem Monat ist eine künstlerische Darstellung beigefügt, die eine Personifizierung der Haupttätigkeit in diesem Zeitabschnitt darstellt. Als die wissenschaftliche Astronomie von der Astrologie verdrängt wurde, die Entscheidendes für Leben und Sterben der Menschen aus den Sternen sehen wollte, drangen solche Prophezeiungen sehr bald in die Kalender. Die wildesten Angaben über persönliche und allgemein interessierende Ereignisse wurden vorgebracht: bald überwucherten sie jeden anderen Inhalt. Solche Beispiele zeigen, wie der Kalender immer ein lebhafter Ausdruck seiner Zeit und ihres geistigen Inhalts gewesen ist. So ist es auch erklärlich, daß mit dem aufblühenden Bürgertum die Ratschläge für das Haus einen größeren Raum eroberten, daß er der Verbreiter von Geschichten wurde, daß endlich der Humor und bann auch selbst politische Tagesereignisse ihren Nieberschlag darin fanden. Erfrischend wirkt die Lektüre der Kalender, die der Berliner Adolf Glasbrenner in den Revolutionsjahren des vorigen Jahrhunderts herausgab. Die politischen Fragen, um die damals lebhaft gestritten wurde, werden meist in satirischer Form behandelt. Besonders die Einengung der persönlichen und der Versammlungsfreiheit will ihm gar nicht gefallen. So weissagt er für einen bestimmten Tag des Jahres 1848: „In Galizien kommt eine Frau mit Drillingen nieder und wird sogleich mit ihren Kindern arretiert, weil Volksversammlungen verboten sind." Daneben finben wir auch den alten Berliner Humor, unbelastet von drückenden Tagesfragen. In jüngerer Zeit war einer der beliebtesten Kalender der „Lahrsr hinkende Bote". Dieser Invalide, der in die Häuser geht, Mann, Frau, Kindern Ratschläge aus dem Schatz seines Wissens spendet, Sorgen und frohe Stunden mit ihnen teilt, ist lange ein Sinnbild eines wahren Hausfreundes gewesen, wie der Kalender es für jede Familie fein follte. Auch heute noch gibt es zahlreiche Kalender von ähnlicher Bedeutung. Wenn man aufmerksam sucht, wird man gewiß viele finden, die außer trockenen Angaben der Daten, Post- und anderer Tarife, Maße, Gewichte und sonstiger praktischer Hilfsmittel des täglichen Lebens auch manches Hübsche und Besinnliche zu sagen wissen. Oie wundersame Nachi eines Dorfes. Legende aus dem Dreißigjährigen Kriege. Von Herbert Lestidoudois. Es war am letzten Tage des sechzehnten Jahres aus dem große« Kriege, der dreißig endlose Sommer hindurch Schrecken, Not und Erbarmungslosigkeit über die Heide trug. Kein Mensch im Lande wußte mehr, wer Freund, wer Feind war. Hatten heute die Tillyschen Söldner gemordet und gebrandschatzt, so kamen morgen die schwedischen, brannten ab, was noch über den Erdboden ragte und mordeten bedenkenlos. Uni) wem es von den Männern, Frauen und Kindern der Dörfer nicht gelang, in die undurchdringlichen Heidewälder und unwegsamen, nur ihnen selbst vertrauten Moore zu slüchten, war ein Spielball des Todes zwischen protestantischen und katholischen Soldaten. Kein Tag verging, daß nicht blutrote Flammenbündel zum Himmel aufschossen. Unersättlich raste bie Kriegsfurie über das Niedersachsenland. Nun geschah es, daß am letzten Tage dieses sechzehnten Kricgsiahres die Tillyschen Soldaten ihr Lager westlich der kleinen Stadt Celle auf- gaben, um weiter nördlich zu ziehen, wo sie in wenigen Stunden Weges ein Dorf vermuteten, das bisher unberührt von jeder Plünderung, Brand- Neujahrsdichiung - Neujahrsbrauch. Von Dr. Johannes Günther. Das ist ein Lärm auf der Straße: Schießen, Rufen, Johlen, Lachen, Kreischen, Prosit Neujahrl Prosit Neujahr! Raketen steigen, bengalische Flammen leuchten, Papierschlangen fliegen durch die Lust, verfangen sich in Balkons, in Drähten, in Bäumen! Glocken läuten, Mitternacht ist da — aber nicht einmal jetzt schweigt Lärm und Gewimmel. — Zarte Menschen nehmen daran Anstoß. Sie fühlen sich in ihrer stillen Sammlung verletzt. Sie verurteilen die Lärmenden. Aber auch die Lärmenden haben ein Recht, ein dumpfes Recht. Sie fühlen Jahreswende als Symbol, als beängstigendes Symbol überwältigender Ewigkeit. Da möchten sie wachsen über ihre Kleinheit hinaus, da möchten sie sich nicht unterkriegen lassen, da möchten sie die Kraftleute, die Fürchtenichtse spielen. Da möchten sie sich betäuben. Im Rausch möchten sie „drüber weg". Da toben sie, da lärmen sie. Aber noch ein anderer, ein dumpfer Glaube aus Urvätertagen mag in ihnen nachwirken: ein Gespenster- und Dämonenglaube. Man glaubte einst — und dieses „einst" hat nie ganz aufgehört —, am Schluß des Jahres sammelten sich die Dämonen, die Unholden, um den Menschen das neue Jahr zu verderben, ihre Kraft zu lähmen, ihr Gut zu stören und zu zerstören, die Keime ihrer Ernte zu töten. Und diese bösen Mächte galt es zu vertreiben, galt es abzuschrecken mit furchtbarem Lärmen. So zogen — und ziehen noch heute — in manchen Gegenden die Burschen und wohl auch die Mädchen mit Trommeln, Glocken, Pfannendeckeln, Blechtöpfen, Pfeifen, Pauken und rasselnden Ketten durch die Ortschaften und Felder, um die Geister zu verscheuchen. Sie knallen mit Peitschen, sie schießen und werfen Scherben, Schmiede schlagen mit ihrem Hammer auf den Amboß, man johlt, man heult. Man will damit die Geister auch überschreien, überlärmen. Denn die Geister selbst toben und tosen bei ihren unheilbringenden Zügen. Es ist eine gefährliche Zeit von Weihnacht bis Dreikönig. Wodan — seit der Christanisierung in die Sphäre der Gespenster hinnbgedrückt — saust als Führer des wilden Heers durch die Luft. Aber nicht der Lärm allein machts. Soll den Gespenstern wirklich der Garaus gemacht werden, dann muß man auch die äußere Erscheinung so Herrichten, daß die Gespenster meinen, ihresgleichen rücke gegen sie vor, und die Flucht ergreifen. Man steckt sich in Tierhäute, man verkleidet sich als Neujahrsbock, als Bär, als Schimmel, als Aschenmutter, als Aschenmöhme. In westfälischen Dörfern wird — schon um Weihnachten — ein „Wüder" gewählt: der schwärzt sich sein Gesicht, setzt sich eine Pelzmütze mit Hahnenfeder auf den Kopf und sammelt seine Kumpane um sich. Kurz vor Silvester-Mitternacht hängen sie ein weißes Laken über ein Pferdegestell. Der „Schimmelreiter" — wir denken an Storms Schicksalsnovelle, die aus bizarrem Aberglauben erschütternd Ernst macht — schwingt sich hinauf, die Horde hinterher und nun geht's — Spaß? Schrecken? — durchs Dorf, durch die Felder! Hier denken wir auch an die maskierten Schreckensgestalten beim „Perchten"laufen in bayrisch-österreichischen Alpengebieten. Vielfach hat sich die Angst, in der man solche Vermummungen vornahm, längst verloren, und nur die Vermummung ist geblieben, und man hat Freude daran. Wie wären sonst die an Fastnacht, an Karneval erinnernden Harlekinaden zu erklären, die man hier und da zu Neujahr betreibt, die sogar Gott Amor geschickt als Werkzeug benutzt, wie Zschokke das sehr vergnüglich in seiner Novelle „Das Abenteuer der Neujahrsnacht" darstellt? Wie käme es sonst zu solchen Narrenspossen — sogar unter sonst ehrbaren Männern, wie Paul Heyse seinem Freunde Geibel von der Neujahrsnacht 1868 auf 69 erzählt? Da sträubt sich sogar meine Feder etwas bedenklich und läßt mich auf den Briefwechsel der beiden Männer, den Petzet herausgab, verweisen. Aus Lärmen und Rufen, aus Vermummungen und Umzügen bildet sich — „naturgemäß", könnte man sagen, — eine Art von dramatischer Darstellung. Man spielt „Das alte Jahr austreiben". Man verkleidet sich in „altes Jahr" und „neues Jahr". Nach Art der mittelalterlichen Streitgespräche zanken Altjahr und Neujahr miteinander. Oder: „Altjahr" — ein altes häßliches Weib — wird in den Dorsteich getunkt, wird „ersoffen", „Neujahr", eine junge schöne Dirn, wird gekrönt. Die heiligen drei Könige sind Bringer des Guten zum neuen Jahr. Ihre Wünsche ordneten sich im Laufe der Zeit auch zu Gesprächen, die man von Haus zu Haus ziehend, gerne aufführte. Der eine, als Mohr, schwärzte sich das Gesicht, der andere setzte sich eine Papierkrone auf, der dritte trug auf hohem Stabe einen Stern.' So zogen die „Sternsinger" umher. „Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern — sie essen, sie trinken, sie zahlen nicht gern." So beginnt ein Gedicht Goethes, in dem die Reste alter Volkskunst fest- gehalten sind. Schon Goethe sah belustigt und kopfschüttelnd zugleich die große Kiepe auf dem Rücken des Königs. Aus Weifen, aus kindlichen Künstlern waren Bettler und Lungerer geworden. Heute find sie so gut wie ganz ausgeftorben. Der Schornsteinfeger, der Briefbote, die Zeitungsfrau gehen wohl zu Neujahr noch umher, geben gedruckte Neujahrsreime ab und kassieren Geldgeschenke. So geht alles in mechanisches Geschäft aus... Diejenigen, die sich nicht an Umzügen und Spielen beteiligen, beobachten daheim genaue Vorsichtsmaßregeln, um die Neujahrsgeister nicht zu verstimmen, oder um sie gar umzustimmen, zu gewinnen, aus „Unholden" „Holde" zu machen. Vor bestimmten Arbeiten muß man sich hüten, andere wiederum gerade in diesen Zeiten besorgen: Lichte, in den „Zwölften" gegossen, brennen sonderlich hell, Garne, in den Zwölften gesponnen, halten sonderlich fest. Nichts darf halb, unvollendet im Hause oder außer dem Hause herumliegen, Geräte müssen unter Dach und Fach gebracht werden, Wäsche darf nicht auf der Leine hängen bleiben. Türen müssen geschloffen sein. Man setzt Speisen für die Geister hin, damit sie sich laben. Gewisse Tiere, wie Wölfe und Ratten, darf man in dieser Zeit nicht nennen — sonst kommen sie, wie der Teufel, wenn man ihn „an die Wand malt". Zu den Haustieren aber ist man gut. Dem Pflugochsen steckt man sogar Kuchen auf die Hörner. Das Gesinde hat jetzt auch einmal Freizeit, darf seine Gevattern besuchen. Uederhaupt besucht man sich hin und her zur Neujahrszeit, bringt sich Geschenke, sagt sich Glückwünsche. Kinder werden dazu angehalten, ihren „Eltern und Herren" schöne „Aufschriften" zu liefern. Ob das in heutigen Schulen ein Klassenrat, den die Herren Kinder wählen, noch genehmigt, weiß ich nicht. Hier möcht ich nur zwei gereimte Neujahrswünsche erwähnen, mit denen ein gewisser Wolfgang von Goethe, damals acht Jahre alt, sich in das poetische Schrifttum einführte, einer an den „erhabenen Großpapa" und einer an die „erhabene Großmama", erstaunlich brav gelungen und mit verblüffender neckischer Prophetie vorausdeutend auf eine „Fertigkeit", die sich noch weiter ausbilden werde. — Zu wie drolligen Neujahrswünfchen es übrigens bei großen Kindern kommen kann, zeigt uns Heinrich von Kleist mit dem Neujahrsbrief (aus dem Siebenjährigen Kriege), den er einen Feuerwerker an feinen Hauptmann schreiben läßt: alle Wortbilder, die der gute Mann wählt, sind dem Kriegshandwerk entnommen — ergötzliche Beispiele für den „miles gloriosus", den ruhmredigen Soldaten, der die Literatur aller Zeiten und Völker durchstampft. Was man am Neujahrstage tut, tut man im ganzen Jahr. Da heißt es auf der Hut fein! Die Schuppen vom Silvefterfifch tut man in den Geldsack, damit ebenso viel Gold darin klimpere das ganze Jahr hindurch. Sie wohl zu, wem du am Neujahrstage begegnest, ob es ein Glücksbringer fein mag oder ein Leidbringer! — Aus allerhand Orakeln sucht man in der Neujahrsnacht die Zukunft zu ergründen. Jean Paul,. in schicksalsschweren Jahren, die dennoch, ein seltsamer Widerspruch, von den sorglos genialen Romantikern durchgaukelt werden, brauchte kein Orakel zur Jahreswende. Den Gespenstern selber stellte er sich. Was er von ihnen erfuhr — wie sich ihm die ewigen Zusammenhänge auftun von der Vorwelt bis hin zu den letzten Dingen, angesichts deren die Gegenwart zu lächerlichem Tand wird, wie er der Sternensprache kund wird — das lesen wir in seinen „Traumdichtungen", „Neujahrsbetrachtungen" und in der Geschichte „Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht" nach. Das Gruseln werden wir verlernen und zum geklärten Scherz, zur Weisheit werden wir den Ansatz machen. Und am Schluß meiner Skizze möchte ich den Leser noch zu einsamen Dichtern führen. Was denken und schreiben sie zur Jahreswende? Die einen stehen markig da und wehren aller Unsicherheit. Ernst Moritz Arndt empfindet den mannhaften Menschen als ruhenden starken Pol in der Flut und Flucht der Ereignisse: „Nur eines steht, ein Felsenberg, der nie von seiner Stätte rücket: das Herz, das nimmer überzwerch vorn graben Pfad der Ehre blicket." Matthias Claudius scheint ihm mit feinem Lieds „Mein Neujahrslied" die Hand zu reichen: in dem, was er vom deutschen Mann, vom deutschen Weibe, vom deutschen Fürsten und vom deutschen Dichter erhofft, erinnert er an Walther von der Vogelweide. — Hoffmann von Fallersleben macht alles Siegen ober Verlieren von der Persönlichkeit abhängig: „Hinweg mit allem Weh und Ach! Hinweg mit allem Leid! Wir selbst sind Glück und Ungemach Wir selber sind die Zeit." Und Mörike erhebt sich fest, fromm und feierlich zu dem allumfassenden Gebet: „In ihm sei's begonnen. Der Monde und Sonnen An blauen Gezeiten Des Himmels bewegt. » Du, Vater, du rate! Lenke du und wende! Herr, dir in die Hände Sei Anfang und Ende, Sei alles gelegt." Und andere Dichter gibt es: die suchen in den Stunden, wo Altjahr scheidet und Neujahr anhebt, nach Reinigung und Festigung. Der verspätete Romantiker Emil Goett möchte — so schreibt er Ende Dezember 1891 „an einen Freund" (Gustav Manz ist es) —, er komme „zu keiner Sammlung", komme nicht „zur leichten Ueberwindung der Schwierigkeiten", könne nicht entrinnen aus dem „alten furchtbaren circulus periculosus des Uebels", er könne nicht Herr seiner Stimmung, seiner Fehler, seiner Schwäche werden. — Hebbel, der sich in so ergreifender Weise zur Weisheit hinarbeitet und sich im wahrsten Sinne des Wortes wandeln, entwickeln will, schreibt am 31. Dezember 1856 in sein Tagebuch: „Meinen Epigrammen ,An die Götter' und ,Conditio sine qua non* die einen unbefriedigenden Zustand scharf und spitz aussprachen, fügte ich im neuen Manuskript Nachstehendes hinzu: ,Götter, öffnet dis Hände nicht mehr, ich würde erschrecken, denn ihr gabt mir genug: hebt sie nur schirmend empor!1" „Ich wiederhol", fügt er hinzu, „dies Gebet hier aus innerster Seele." Und hundert Jahre nach Arndt schreibt unser Hermann Stehr „am Jahresanfang": „Wie kann ich wissen, daß ich leb' und sterb', wodurch weiß ich von Blühen und Verderb? Nur, weil ich wandellos im Tiefsten bin und in mir trage alles Lebens Sinn. Frühling und Sonne, tausend Jahr und nichts, die Königreiche und der Traum des Lichts vor meinem Fenster, alles ist gleichviel in meiner Seele, alles ist ein-Spiel--- Nun haben sie draußen sich müde getobt, die lärmenden, dumpfen, prahlenden, johlenden „Fürchtenichtse"! Wir sind allein mit den Starken und Weisen.