GiehmerZainilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang M« Freitag, den 29. August Nummer 66 Gommertag. Von Anton Schnack. Der weiße Vorhang weht. Ich sitze da Vor einem Buch, das alt ist und zerschunden. Stund' ich vom Stuhle auf, sah' ich das Meer ganz nah. Der weiße Vorhang weht seit vielen, vielen Stunden. Der weiße Vorhang weht. Ein Rauchgeschmack dringt ein Mit einem Schwaden süßen Obstgeruches. Bald wird im Fenster grauer Schatten sein Und unlesbar der Druck des alten Buches. Der weihe Vorhang weht, als höbe eine Hand Den leichten Stoff mit fahlen Blumenlinien, Zu zeigen mir noch einmal Meer und Felsenwand Und die Erstarrung höllenschwarzer Pinien. Der weiße Vorhang weht: im Traumzug streift ein Wind Herein. Die Segel zieh'n zu Bucht und Hafen, Weil schwarze Wetter überm Meere sind. Ich werde diese Nacht nicht schlafen ... Die schönste Stelle. Don Albrecht Schaeffer. Zwei Männer, in den Fünfzigern beide, lagen, hinter sich den Bergwald, auf dem obersten Rand einer gemähten Wiese, die sich fast steil unter ihnen senkte, tiefer unten stürzte der Hang, mit gelben Kornfeldern, mit Wiesen, mit kleinen Hainen von Obst, die Gehöfte verhüllten, bis zur tiefen Sohle des Tales, wo die weiße Straße sich hinwand. Die beiden hoch oben hatten unermeßliche Schau nach allen Seiten über das weitgebogene Tal hinweg zu Bergen und Bergen, die sich ruhrvoll überstiegen, waldige riesige Rücken und schöne Kuppen und zuoberst die felsigen Gipfel; unten aber waren die Hänge bebaut und besiedelt, und es schwelgte alles unter der großen Sonne in seiner Stille und Trächtigkeit und göttlichen Ordnung, wo alles so sein mußte, wie es war. Roch rief aus dem Unsichtbaren zuweilen der Kuckuck, und die hohe reine Stimme der Grillen strahlte wie ein tönendes Licht unendlich. Die Männer, die — jeder auf einen Ellbogen gestüht — dalagen und sich nur sättigten mit langsam umherwandernder Ausschau, schwiegen. Der eine war Maler, der andere Chemiker durch Begabung und Studium, aber Kaufmann geworden durch die Fügung der zeitlichen Umstände. Der sagte nun, als es Zeit geworden war, ein Wort zu sagen: Dies also hier wäre meine schönste Stelle, die ich dir versprach. Andere loben andere mehr; aber sie ist jedenfalls die reifste. Der Freund erwiderte nichts, und lange Zeit waren sie wieder still. Run sprach der Maler, der sich rücklings ausgestreckt hatte und, einen Halm zwischen den Zähnen, die Hände unter dem Kopf verschränkt, in die leere Bläue über sich blickte. Er sagte: Die schönste Stelle... Das erinnert mich nun an Bücher, in denen man Stellen weiß, die Einem mitunter das ganze Buch allein teuer machen, oder die man allein im Herzen behält. Obwohl der andere nur nickte, was der liegende Maler nicht sehen konnte, fuhr er, die Zustimmung wahrnehmend, fort: Für mich ist der Schüdderump von Raabe das äußerste Beispiel. — Ich mag das ganze Buch mit seinem unermeßlichen Raabe-Geschwätz nicht sonderlich gern. Aber da ist die eine Stelle: wie der alte Chevalier, der nach Wien gereift ist, im Salon vor seinem kranken und unglücklichen Mündel erscheint, wenn du dich erinnerst. Man kann die Erschütterung dieser Stelle nur erfahren, wenn man das Buch bis dahin lieft; und deshalb lese ich es in jahrelangen Abständen immer wieder. Rach einem Schweigen erwiderte der Kaufmann: Da ist mir, während du sprachst, eine Stelle in einem Buch von Dauthendeh erinnerlich geworden. Gieb acht, die ist herrlich. Das Buch Heißt .Raubmenschen", spielt in Südamerika, und es sind sehr schöne Schilderungen das Beste darin. Ja, wie war das nun? Sagen wir in Kürze so: der Held des Romans liebt ein köstliches Mädchen, und gleichviel nun, welche Hinderniffe sie einander sernhalten, es ist ein Stierkampf gewesen, und bei der Rückfahrt gerät der junge Mensch auf der breiten Avenue in ein solches Gedränge von Wagen, daß der seine mit den übrigen Wagenreihen minutenlang halten muß. Sich vorbeugend erkennt ee auf einmal durch das offene Fenster in dem neben ihm haltenden Wagen seine Geliebte, die — ohne ihn zu sehn — angespannt vor sich hm- blickt. Jetzt zieht sie einen kleinen Schreibblock hervor, kritzelt eilig ein paar Zeilen, blickt auf, sieht ihn, lächelt auf und wirft rasch das gefaltete Blatt zu ihm hinüber. Gleich darauf setzen alle Wagen sich in Bewegung, und er rollt davon, im glückseligsten Zustand ganz brennend. Denn sie hatte das Blatt für ihn geschrieben, und er hatte feine Geliebte in dem Augenblick gesehen, wo sie allein war und seiner gedachte. Ach! — Der Liegende richtete sich auf und starrte glücklich überrascht in die goldene Weite. Ja, bas ist kostbar, sagte er. Eine kostbare Eingebung, das einmal zu gestalten. Wer hätte nicht gewünscht,...? Rein, herrlich — es ist ja, als ob man einen Engel zu sehn bekäme. Man sieht das Unsehbare. Mancher Dichter hat seinen Liebenden die Geliebte finden lassen im Schlaf. Aber so im offensten Wachen, eingeschloffen in ihre Liebe, ins Deingedenken... die Stelle hat etwas Berauschendes. Oder vielmehr Blendendes, meinte der andere, so daß man nicht grade hinsehn kann und wegblicken muh, um das, was nicht gesehn werden darf, aus sich selbst wieder zu bilden. Run will ich aber sehn, begann der Maler nach einem geraumen Schweigen des Lächelns und Sinnens, ob ich dich überbieten kann. Wenn du nämlich den Roman von Meredith. Harry Richmonds Abenteuer"nicht kennst ... da gibt es diese Stelle. Der junge Engländer, der die liebliche und überzarte deutsche Prinzessin liebt und nur hofft, aber nicht weiß, daß er wieder geliebt wird, wandert im Walde mit ihr und ihrer Hofdame. Da sagt sie nun im Gespräch, daß ihre englische Gouvernante sie verlaffen hat. Und sie sagt diese Worte: „Sie heiratet einen hannoverschen Offizier. Wir tauschen die Länder — " Sie will sich verbeffern, sie verstrickt sich, sie spricht noch ein paar sinnlose Sätze und verliert — sie ist eben erst von schwerer Krankheit genesen — die Besinnung. Ja, das ist rührend zart. Ja, solch ein Versprechen, — ich glaube ich erinnere mich selbst... Er verstummte, und beide sahen wieder verschwiegen über das Tal, in den großen Mittag der Berge. Wenn ich nur wüßte, begann der Kaufmann, in welchem Buch ich das las ... ich glaube, in einer Erzählung von Stifter, aber ich erinnere mich so schlecht, daß ich das meiste selber erfinden muß. Da kommt der junge Verliebte von einem Gang zurück in die Rähe des Badeorts, wo sein Mädchen mit ihren Eltern und Geschwistern wohnt, und gerät, an einer hohen Hecke entlang gehend, an eine Stelle, wo dahinter eine Dank steht. Stimmen hörend, erkennt er die des Mädchens und seiner Angehörigen, und da ist auch ein Rivale, glaube ich, der eben zu ihnen tritt. Run will er gerade durch ein Loch in der Hecke kriechen, liegt schon auf den Knien und steckt den Kopf hindurch, da hört er, daß von ihm die Rede ist, und jener Rivale spricht schlecht und schlechter von ihm,-nun glaubt er, sich doch nicht zeigen zu dürfen, und möchte es umsomehr... da legt sich auf einmal eine Hand auf seinen Kopf,— die Hand des Mädchens, das am Ende der Bank sitzt. Sie hat ihn wahrgenommen, und während der andere ihn verunglimpft und sie ihn nicht verteidigen kann, macht sie ihm still das Geständnis ihrer Liebe, indem sie ihre Hand in seinem Haar läßt, solange der andere redet. Das ist schön. Ja, das ist einzig —diese Kühnheit des Mädchens — und diese Zartheit int Kühnen. Oh und diese reife Fülle des Augenblicks, da sie gesteht und zugleich beruhigt, gleich in so tiefes Berstehen Einverstehn bringt und ihn mitnimmt. Und dies: daß sie ihn so berührt, nachdem noch nichts zwischen ihnen gesagt war. Sie küßt ihn ja... Rachdem nun alles gesagt zu sein schien, verhielten die Freunde sich wiederum still. Endlich bemerkte kurz auflachend der Kaufmann: Sonderbare Buchstellen scheinen mir aber das, an die wir uns gegenseitig erinnert haben. Du meinst unzeitgemäße? Ja, das sind sie wohl. Körperliche Berührungen sind heute unter der Jugend nichts, was Bedeutung haben könnte, und wenn man diese amerikanischen Bücher über das Liebes-Leben der Jugend liest, so scheint alles da gerade und kurz und handlich, ohne Zartheit und ohne Geheimnis. Zwei junge Leute begegnen sich im Schnellzug. sprechen sich an und gehen in den Schlafwagen. Ich dachte, versetzte der Kaufmann, an etwas anderes, aber du magst Recht haben, wenn du einem Derluft nachtrauerst. Der Weg, den die Menschheit geht, ist auch eine Bewegung von Geheimnis zu Geheimnis; immer neue werden gelöst, und jeder Gewinn, den sich die Menschheit erkauft, geschieht auf Kosten eines Verlustes. Wer nur diesen steht, der wird traurig, aber — er lächelte — es sehn ihn ja immer nur die, die den Gewinn nicht erlangten. Wir Alten, stimmte mitlachend der Maler ein; übrigens, setzte et hinzu, was ist hier der Gewinn? In der Willkür und Schrankenlosigkeit, sagte der Freund, die wir zuviel sehn müssen, freilich nicht. Aber — wenn der verhungerte Sklave seine Ketten zerbricht, ist er zunächst nicht frei, sondern ein reißendes Vieh. So sind unsre Zwanzigjährigen zunächst auch nicht frei, aber sie haben doch die Befreiung für alle Zeit, denk ich, gebracht — von jahrhundertelan- fenen wundervollen Schmerz fühlt, mit dem die Seele sich in Erinnerung weitet. Ich tonn sogar das genaue Rezept dafür geben: 90 Prozent Holzteer 8 Prozent Birkenknospen und 2 Prozent Punsch, Marke Cederlund. Denn in Schweden riecht alles — der Bahnwaggon wie der Lynkband, das Fichtendickicht wie die Lilla Vattugatan — ein klein wenig nach Teer. Und falls der geneigte Leser sich ein wenig tiefer neigen sollte — sagen wir auf einen goldenen Mädchenkopf — so wird er auch dort einen unleugbaren Teerduft feststellen und sehr im Unrecht fein, wenn er das auf banale Tserseife zurückführt. Warum, frage ich, gibt es immer noch kein Parfüm „Schweden"? Man halte das nicht für stoffliche Schnüffelfucht. Jeder, dem es um das Wesentliche geht, wird Düste lieben, denn Parfums heißen ia nicht ohne Grund „Essenz". Auch die Erinnerung — geistigster Vorgang — gibt die E senz eines Erlebnisses. Und was schenkt uns denn die Riech- Efsenz anderes, als jene Essenz der Erinnerung? So rührt der Geruch, dieser animalische Sinn, ganz unmittelbar an das Geistigste im Menschen. Aber auch von der anderen, der objektiven Seite her. Denn wie der Herbstduft des Sterbens mehr als gekreuzte Knochen bedeutet, so ist der Frühlingsduft des Liebens mehr als Gestalt: er ist der Drang nach Gestaltung er ist die Ueberfülle! Wenn alles Lebendige in der Zeit von Blüte und Brunft zu duften anhebt, so wird nur ein zweckbefangener Rationalismus dozieren, daß eben das Männchen sich dem Weibchen bemerkbar machen will. Als ob die Nachtigall mit ihrem Gesang bloß Rendezvous verabredet! Nein, der Duft ist zwar das, aber noch viel mehr: er ist die Urfreude alles Lebendigen, jenes „Gott den Herrn toben ber Kreatur, von dem die alten Theologen fo viel zu berichten wußten. Wuchs doch in verwandter Geifteszone das Wort „Er stand bei dem Herrn tn gutem Geruch". Was gäbe ich darum, wenn ich z. B. jetzt, gleich, den Geruch „Zentralasien" spüren könnte! Denn man lasse sich durch Filme Bilder und Bucher nichts vormachen — die Hauptsache, das realste Erlebnis Zentralasien" ist eben jener Duft, in dem die Menschen dort ahnungslos atmen, und wonach alles riecht: die Moscheen, die Papierlaternen, die Kamele und auch die Heuschreckenschwärme, die einem in die Suppe fallen. Dieses Rätsels Lösung heißt „Löh". Löß ist der Erdboden, Loß die Stadt, Löß der Strafsenftaub wie die Sandhose der Wüste, das Tongefäß wie das Zahnpulver; und kommt eine Zeitung aus Moskau an, und übergibt sie dir der Hoteldiener, fo wird auch sie nicht anders duften, wie er und alles — nämlich nach Löh. Genau fo wie in Baku alles nach Petroleum. Ja, ich habe mir sogar sagen lassen, daß auch die ganze Wüste Gobi tarnt angrenzenden Bezirken vorzugsweise aus diesem merkwürdigen Löß besteht. Das ist doch wichtig. Das ist doch der Geruch des riesigsten Teiles der Erde — und wir haben kein Parfüm davon! Ein Jammer, was uns da alles verloren geht. „Die Wüste-Gobi in der Westentasche — sei fortan Devise aller fortschrittlichen Parfümindustrien! Doch es gibt ein Parfüm, das jeder kennt, das erregendste, phantastischste, welches sämtliche Länder, Menschen und Vegetationen m sich begreift, und dazu noch alle Erotik des Zufalls, allen Reiz amerikanischer Geschwindigkeit. Sie haben es erraten: es ist das bekannte Parfum Internationaler Schlafwagen". Kaum hat man den teppichbelegten Wag- gonkorridor (mit feiner endlosen Perspektive von poliertem Mahagoni und Trinkgeldern) betreten, wo immer das eine Bild der drei schmauchenden Holländer hängt, wie sie dem Dampfer nachgucken, — so spurt man auch schon mit bebenden Nasenflügeln die gewisse Mischung aus Lederduft frischer Wäsche, Plüsch und Lokomotive, welche sich seelisch sofort in Komfort und Abenteuer umsetzt. Mit einem Atemzuge sind mir heraus aus Stubenwärme, Büroluft und Alltag; wir sind nicht mehr Muller, fondern Mensch, und auch die Dame aus dem Nebenabteil ist nicht mehr Frau Schulze, sondern eine Dämonin I. Klasse. ..... Am abenteuerlichsten aber sind jene Duft-Zufälle, die uns von Nirgendher anwehen und das graue Außen in ein Innen überblenden. Denn unser Inneres ist ja ein Keller von gut abgelagerten Erinnerungs-Jahrgängen. Man geht auf der Augsburger Straße und weih von nichts, aber schon lauert hinter der nächsten Ecke so ein Dust, fo ein Ijaariger tfaun mit Engelsflügeln, und weiß genau, daß er dich im nächsten Moment die Kellertreppe deines Innern hinunterwerfen und wehmutsvoll berauschen wird. Bei diesen Duft-Wegelagerern ist die Mischung alles: Kerzen- asschwele plus Kuchen macht Geburtstag und Auerbachs Kinderkalender, aber dieselben Wachstränen plus verbrannte Tannennadeln sind bereits Weihnachten, so daß man wieder schon den Schnee riecht; Rosen plus Terpentin sind ein Saal im Schloß, man hört den Gartner Harken, aber Rosen plus Seetang sind ein Wind, ein himmlisches Kind, das über Gras und Wellen läuft. Und dabei halten sie uns oft großartig zum Narren, denn es gibt nachfpottende Düfte, Duft-Mimikrien, denen keine Assoziation toll genug ist: ein alter Bierrest haucht plötzlich Gartendüfte aus, Fichten im Schnee riechen unversehens nach vermoderten BibUo- theken, und ein städtisches Gaswerk machte mir gestern so listig den Duft „Rigascher Hafen" vor, daß ich den großen roten Schornstein eines „O"-Dampfers langsam durch die Häuserlücke gleiten sah. Oh, wenn w das Vergangene ansehen, wird es lebendig, und wir schauen ihm als Längstverstorbene nach. Zweifellos ein komisches Sing, diese Nase. Eine Träne >m Auge wie ernst; dieselbe an der Nasenspitze — wie lächerlich. (Vom Erhabenen zum Lächerlichen sind's drei Zentimeter.) Ein komisches Ding^ oft bewcheu, immer beleidigt in unseren rauchigen, benzinstotternden Stadien. Do^ es gibt ein Mittel, um sie wieder gut zu machen, und ich !kann es jeocm empfehlen. Man gebe für drei Tage das Rauchen auf und verschaffe >-y zugleich einen Schnupfen. Möglichst mit leichtem Fieber. Bestürzt uno dankbar wird man auf jedem Spaziergang taufend Arome atmen. wird man sehen, daß man sich an Düften wirklich betrinken kann. I schwanken wir von einem Birken-Flip zum nächsten Ahorn-Cocktall, un können nicht genug die Weisheit der Schöpfung Prosen! Wirklich, kostet Sie nur einen lumpigen Schnupfen, und schon schlagt warn Leben durch Ihre Adern. Erkälten Sie sich. «er Unterdrückung, Verlogenheit und Unnatur. Mer der Mensch will keine Dauer als in der Ordnung, darum wird auch dies sich zurechtziehn. Der Maler seufzte. Möge es, sagte er; du hast ja die Steigung, die ^Sabe^?1 fragte der Freund leicht erschreckt. Ja, ich bin auch Kauf- wiQnn getDötben, toGd idj ald ^hgüc nicf)t träumte. ~ Es wäre schlimm, wenn wir dns würden, wGs wir öG träumten. Der Maler lachte lautlos nach seiner Gewohnheit. Dann hinge ich langst am Galgen. Was war aber das andere, woran du vorhin dachtest? Ja — ein Knabentraum, nehme ich an. Ich wunderte mich, warum wir alte und gut verehelichte Manner uns an so jugendferne, unwieder. bolbare Dinge erinnern. Erster Kuh, erster Blick, erste Ahnung und erste $So viel ich von uns beiden weih, sagte der Maler ernst, hatten wir doch das Glück, diese Erstlinge mehr als einmal opfern »» können Und was mich betrifft, fo gäbe ich viel für noch einmal, für noch em einziges Mal. Denn wahrhaftig sind dies keine Knabentraume, fondern sie sind wahr wie die ganze Kindheit, und ebensowenig war Don Juan mehr als ein ober Falter oder ein roher Schuft wie un Stuck; sondern er ist ein Symbol oder eine Inkarnation für die tragische Liebe des Menschen zum Anfang, zum März, zum Dust und zur Ahnung. Wenn alles neu wird — das ists! Oder gar —damals: wenn alles zum erstenmal wird. Zartheit des innersten Lebens, die in unsre Geschichten hauchte, gegen . die alle Zartheit von Wolke oder Primel, von Apfelduft ober Meer. Ferne nichts ist. Wenn im ersten atembeklemmenben Erkennen Auge sich in Auge verfängt, unb bann gehn die beiden hinweg, bhnb für Da« blendendste Licht, tief in ihrem Geheimnis, das sie an die atemlose Brust brücken, — wenn sie noch fern vor dem ersten Wort sind, fern vor der ersten Berührung, stumm — selig, aber über alle Ferne und Fremde hm- weg miteinander verbunden durch nichts, nur durch die Magie ber Be. ziehung, -unb wenn sie doch ahnen, bah ihnen die innigste Gemeinschaft von Körper unb Seele bevorsteht, — wenn die Welt still halt tn dieser Erwartung. D^nn,?uhr"er ruhig fort, ift da auch mehr als die Physiologen sagen, mehr als Mannheit, die zum Erguh unb mehr als Schoß, der zur Em. pfängnis drängt; sondern dann ist es, als ob dieser Derg, der uns tragt, unb ber ba drüben zusammenstürzen sollte, und alle Gotter, bie mit. einander in Zwietracht liegen, lasten die Waffen sinken, und träumen Versöhnung. Keine magnetische Kraft bindet so unauflöslich tote dieser — Hauch, zarter als Spinnweb, zwischen Mädchen unb Mann. Macht es barunt fo glücklich? Glücklich macht es wohl, weil es gewichtlos ist. Denn womit Ware es beschwert? Keine Mücke beschwert bie Lüste so wenig w,e dies. Schwere, los ist es, leiblos ist es, es ist zwischen, zwischen mir unb zwischen ihr unfaßbar, unsagbar — körperlos tote das Morgenrot, und boch ist es in dir, ber ganze Welt-Anfang, ein Alles int Mchts, das nennen totr G^Was danach kommt, sagte ber Kaufmann, ist Leben. Es muh getoagt und getragen werben, unb es gewinnt daraus seine Zauber und Herr. lichkeiten.uhf entschuldigen, meinte der Maler gelassen. Wenn man ein Ding in seiner höchsten Reine sieht, muh das nächste daneben alle- mal trüb erscheinen. Darauf schwiegen sie unb versanken wieder in den Anblick der glan» zenden Gestalten der Berg-Welt oder ber aus tieferer Ferne schimmern- den in ihnen selbst. Atem der Länder. Von Sigismund von Radecki. Wenn alle Beschreibungen von Paris zu Rate gezogen, alle Photo- graphieolben durchoeblättert sind, dann bleibt immer noch ein Etwas, ein Wichtigstes, das nur jener erfährt, der seinen Fuß auf die Plattform b«s Gare du Nord fetzt: der besondere Geruch von Paris. Genau so wie die Wohnung meiner Tante Jettchen ein höchst eigenes Parfüm von Lakritze und Nähkörbchen besah, hat auch jede alte Stadt, wo die Menschen jahrhundertelang dasselbe gegessen, gelebt und gedacht, ihren jpejp fischen Duft und Dunstkreis. Der Duft von Paris! — er ist schwer zu beschreiben; die Nase wittert ihn am reinsten an einem nebligen Vormittag, wenn das bekannte Minimum d’Irlande der Wetterberichte fein zerstäubt aufs Quartier heruntertröpfelt, die diversen „Herboriste" und „Epicier" zeitungslesend in der Tür stehen, die Glutbecken vor den (Safes nachgeschüttet werden, und dieses ganze Bukett dank ein paar Rauchkringeln von Marylan-Zigaretten nun zu Fülle und Vollendung erwächst. Er ist muffig wie Plüsch und wurmstichiges Holz, dieser Dust, er schwebt durch die Lokale und Treppenhäuser, er niftelt in Kramläden und Alkovenbetten, kein Neubau, keine Benzin-Pumpstation ist vor ihm sicher, — mutig und muffig bringt er Über die Fortifications hinaus, klettert tollkühn per Lift auf bie höchste Eiffelturmspitze und kennt nur einen Feind: den schweren, beizenden Katakombengeruch ber Metro, der Untergrundbahn, welcher ihn aus den Tunnels schmählich in die Flucht schlägt. Er ist die animalische Witterung von Lutetia Parisiorum. Mit jedem Atemzug eingeatmet, ist er das größte, das immerwährende Erlebnis von Paris. Unb bas nicht nur für meinen Foxterrier, sondern für jede empfindende Nase — diesen Rauchfang der Erinnerung! Dieses fleischerne Teleskop in die Vergangenheit! Warum beschränkt sich die Parfümindustrie ausschließlich auf bie Erotik? Warum wirft Herr Coty nicht zum Beispiel ein Parfüm „Schweben" auf den Markt? Denn kein Sachverständiger wird doch bestreiten, daß ganz Schweden wie es da steht, inklusive Lackmöbeln, Kapitänsmützen und Flaggenstangen, einen speziellen Duft besitzt, ohne dessen Witterung keiner je erfahren kann, was es mit diesem Lande eigentlich auf sich hat. Ein Parfüm, das man geschloffenen Auges in sich saugt, unb bereits Von klugen und gelehrten Tleren. Alle Anekdoten. Von Graf Carl von Klinckowstroem. te Mensch ist leicht geneigt, den Haustieren, die an menschlichen "nq gewohnt sind, menschliche Eigenschaften, ja Verstand zuzuschrei- werden oft erstaunliche Jntelligenzhandlungen erzählt, und das früher genau so. Die alte Unterhaltungsliteratur birgt eine Fülle Mtiqer Erzählungen, und mit Hundeanekdoten zum Beispiel könnte ! ein dickes Buch füllen. Entweder handelt es sich hier um spontane Idlungen kluger Tiere, oder Um die Ergebnisse einer sorgfältigen Dres- Tiere zu allerhand Verrichtungen abzurichten, verstand man ja schon ;er Mtike. Von dressierten Hunden, Affen, Pferden, Kamelen, Ele- M Hirschen usw., mit denen Schausteller auf den Jahrmärkten her- Men, sind uns die merkwürdigsten Geschichten überliefert. Einige Hjele'wollen wir hier aus der Fülle herausgreifen. M Eigenschaften, die heute den Hund zu einem wertvollen Gehilfen »Polizei bei Ermittlung von Verbrechen gemacht haben, der Spürsinn jeit der Jäger schon seit alters für seine Zwecke ausnutzte, haben auch iriiheren Zeiten schon gelegentlich zur Aufhellung von Kriminalfällen M Einer der ältesten Fälle dieser Art führt in die Zeit Karls V. Lf Unweit Paris wurde damals Aubry Mondidier in einsamer «od erschlagen und von seinem Mörder unter einem Baume begraben. Wdiers Hund, der zu Hause geblieben war, entlief in der folgenden 4t um seinen Herrn zu suchen. Bald entdeckte er im Walde die Stelle, ,d!r Leichnam eingegraben war, und hielt dort mehrere Tage Wache. Mich trieb ihn der Hunger zur Stadt zurück. Er eilte zu einem Mde des Erschlagenen, dem Ritter Ardilliers, und gab ihm durch ulen zu erkennen, daß mit seinem Herrn etwas passiert sei. Ardilliers j dem Hunde zu fressen und schmeichelte ihm, aber das treue Tier ite nicht auf zu heulen und zog ihn am Rocks nach der Straße. Mrs entschloß sich, dem Hunde zu folgen, und dieser führte ihn Msiracks aus der Stadt zu einer hohen Eiche, wo er stark heulte und Wb den Boden aufzukratzen begann. Ardilliers grub weiter nach und •i den Leichnam feines Freundes. Richt lange darauf begegnet der «Hund dem Mörder feines Herrn, stürzte sogleich auf ihn los, beißt ninb kann nur mit Mühe von ihm losgerissen werden. Dieses wieder- Ite sich mehrmals, und das sonst sanfte Tier glich einem wütenden jtr, wenn es den Ritter Maquer erblickte. Man erstaunte darüber, es Aden Vermutungen, und man erinnerte sich, daß Maquer sich bei hiedenen Gelegenheiten als Feind Aubrys gezeigt hatte, bis endlich i ganze Anzahl von Indizien den Mordverdacht auf Maquer lenkten, iKönig wollte sich mit eigenen Augen von dem Verhalten des Hundes zeugen und fand es vollauf bestätigt. Der damaligen Sitte gemäß Gi nun ein Zweikampf das Schicksal eines Angeschuldigten entscheiden, ui keine entscheidenden Schuldbeweise beizubringen waren. Der König [tarnte Ort und Zeit eines solchen Kampfes zwischen Maquer und dem ide. Der Ritter erschien mit eingelegter Lanze, und der Hund ward s ihn losgelassen. Dieser wußte geschickt der Waffe auszuweichen, faßte itn Gegner bei der Kehle und riß ihn zu Boden. Maquer bekannte traf seine Schandtat. Sen ersten Kriegshund finden wir im 18. Jahrhundert bei einer Gre- tabrigabe der hessischen Truppen in Amerika. Es war ein englischer Imbeißer, der sich den Grenadieren angeschlossen hatte, von diesen ge- tirt und freundlich behandelt wurde und ständig bei ihnen blieb. Wurde läommanbo auf Vorposten geschickt, so ging der Hund stets mit, beob- |fde genau, wie die Posten aufgestellt wurden und lief dann 60 bis Edjritte vor, und legte sich daselbst als Horchposten nieder. Sobald er irorbädjtiges Geräusch beim Feinde hörte, lief er zurück und benach- M davon die Wachen durch Bellen und Zupfen, so daß die Ausmerk- iliit des Hundes mehrfach geheime Uebersälle des Feindes rechtzeitig niet. Die Amerikaner kamen bald dahinter, welche nützlichen Dienste tbraoe Hund den hessischen Grenadieren leistete, und schossen auf ihn. l hund wurde mehrfach verwundet und ging schließlich an einer Deren Verwundung zugrunde. 8er Pariser Chirurg Morand hatte einen Freund, dessen Hund '»l das Bein brach. Er nahm das Tier in Behandlung, und bald t bas Bein wieder geheilt. Einige Zeit später, als der Arzt bei der t«i war, hört er an der Tür kratzen. Er öffnet sie und erblickt mit Nnen den Hund, den er geheilt hatte, und in dessen Begleitung einen «n Hund, dem das gleiche Unglück begegnet war und der sich nun 'ifflb seinem Führer nachschleppte. „Diesmal mag es noch hingehen", ‘ lachend Morand zu den Hunden, „aber komm mir nicht wieder "«m solchen Geschäft!" W minder intelligent war der Hund eines Gelehrten, der die Ge- Reit hatte, des Nachts im Bette zu lesen. Bisweilen schlief er ein, *• das Licht auszulöschen, das auf einem Tischchen neben dem Bette 3u seiner Verwunderung fand er es aber jedesmal gelöscht, wenn Mwachte, obschon er wußte, daß er es nicht selbst getan hatte und > ie’nem Hunde niemand im Zimmer befand. Nur dieser konnte Ados Kunststück fertiggebracht haben. Nun beschloß er, den Hund beobachten: am nächsten Abend las er wieder kurze Zeit und bch dann schlafend. Es dauerte nicht lange, so tarn der Hund zum .eunb untersuchte genau, ob sein Herr schlafe. Da er keine Bewegung »hi Iprcrng er auf den Stuhl und von da auf den Tisch, itaunb löschte das Licht aus. Dann ging er wieder an . Mtz. Das Lichtlöschen muß er seinem Herrn abgesehen haben. Hunde" kann man noch heute gelegentlich auf Iahr- L'j?en: sie reagieren auf unmerkliche Zeichen ihres Führers, lwehen gab es schon 1732 auf dem Markt zu Saint-Germain, und noch Erstaunlicheres leistete 1754 ein anderer auf der Danziger Messe. Von einem sprechenden Hunde berichtet Leibniz, den er in Sachsen, nah« bei Zeitz, bei einem Bauern sah. Ein Knabe hatte von diesem Hunde Töne gehört, die seiner Einbildung nach deutschen Worten ähnlich waren, und er setzte sich deshalb in den Kopf, das Tier reden zu lehren. Nach einiger Zeit war der Hund so weit gebracht, daß er einige dreißig Worte in deutlicher Artikulation aussprechen konnte, darunter die Worte Tee, Kaffee, Schokolade usw. Er schien sich aber nur ungern dazu herbeizulassen. Von einem anderen derartigen Sprachkünstler spricht Liselotte von der Pfalz in einem Briefe vom 26.Mai 1720 an ihre Stiefschwester: „Ich habe vor zwei Jahren einen Hund gesehen, so man reden machte, und wenn man ihn fragte, was er gegessen, sagte er deutlich: ein Brötchen und ein Salatchen". * Daß ein Kolkrabe ähnlich wie ein Papagei oder eine Dohle einige Worte sprechen lernt, ist nicht Neues. Nur einem Hunde kam das einmal höchst merkwürdig vor. Auf einem Gute in der Grafschaft Mansfeld hielt man einst einen zahmen Kolkraben, der tagsüber im Hofe und Garten herumspazierte und sich des Abends in seinen Käfig begab. Er konnte allerlei sprechen, unter anberm auch die Worte „Sag, wer bist du?" Er sprach sehr deutlich und pathetisch. Als er einmal im Garten im hohen Grase spazieren ging, begegnete ihm der Hühnerhund. Sobald dieser die Bewegung im Grase bemerkte, schlich er heran unb stand vor dem Raben, wie er es vor einem Volk Hühner zu tun gewohnt war. Der Rabe kümmerte sich anfänglich nicht darum und ging ruhig weiter. Als ihm jedoch der Hund weiter nachschlich, mochte es ihm unbehaglich zu Mute werden. Er drehte sich kurz um und redete den Hund an: „Sage, wer bist du?" Dieser geriet dadurch in einen solchen Schrecken, daß er sofort die Flucht ergriff. Die menschliche Sprache bei einem Vogel mochte seine ganze Weltanschauung erschüttert haben. * „Der Affe gar possierlich ist" — gewiß, aber er weiß auch mit Würde ernsten Berufspflichten nachzugehen. Buffon berichtet von einem gebildeten Orang-Utan, der von sanfter Gemütsart war und aufs Wort gehorchte. Den Personen, die ihn besuchten, reichte er artig die Hand unb ging mit ernster Miene mit ihnen spazieren. Er setzte sich wohlerzogen zu Tisch, nahm die Serviette um, bediente sich des Löffels und der Gabel unb goß fein Getränk in ein Glas ober feinen Tee in bie Taffe. Er war also in allem ein Vorläufer bes berühmten Affen Konsul. Auch der Geograph A. F. B ü s ch i n g (geft. 1793) besaß einen Orang-Utan, den er geradezu als Bedienten abgerichtet hatte, so daß er bei Tisch servierte, Speisen auftrug, Schriften unb Bücher an Büschings Freunbe überbrachte usw. Aus biefer Zeit stammt auch die Anekbote von einer spontanen Jn- telligenzhanblung eines Affen in Kairo, bie von logischer Ueberlegung zeugt. In Afrika finb zuweilen bie Geier so unverschämt, baß sie sich nicht scheuen, burch offene Fenster aus ben Zimmern eßbare Dinge als Beute zu stehlen. So hatte einst in Kairo ein Geier ein Stück rohes Fleisch aus einem Zimmer geraubt, in welchem sich gerabe ein zahmer Affe befanb. Dieser hatte ben Diebstahl bemerkt und mußte befürchten, selbst in ben Verbucht ber Gefräßigkeit zu geraten. Er wanbte nun ein merkwürbiges Mittel an, um sich vor biesem Verbachte zu schützen. Da er annahm, baß ber Geier wohl wiederkommen werde, so kroch er in das Gefäß, aus dem der Geier das Fleisch gestohlen hatte, und zwar so, daß sein nacktes fleischfarbenes Hinterteil oben herausschaute. Tatsächlich ließ sich der Raubvogel von der schönen roten Farbe täuschen und kam ein zweitesmal in das Zimmer. Der Affe, der auf der Sauer gelegen chatte, drehte sich geschwind unb biß dem Geier den Kopf ab. Als ber Herr bes Hauses bas Zimmer betrat, rounberte er sich sehr, anstatt bes Fleisches einen toten Geier im Topf zu finben. Er brohte dem Affen, aber dieser zog mit sprechender Gebärde den Geier aus dem Topf, kroch selbst hinein und zeigte seinem Herrn, wie er alles gemacht hatte. Ohne Schwierigkeit konnte sich dieser nunmehr zusammenreimen, wie sich der Vorgang abgespielt hatte. * Von der verstandesmäßigen Handlung eines Pferdes berichtet der Helmstedter Physiker I. G. Krüger im Jahre 1756. Ein Freund von ihm ritt zur Nachtzeit durch einen Wald nach Hause. Unversehens stieß er beim schnellen Reiten an einen starken Ast und wurde vom Pferde geschleudert. Er blieb bewußtlos liegen. Das Pferd kehrte sogleich zu dem Hause zurück, wo sein Herr bis spät Abends als Gast geweilt hatte, und klopfte mit dem Hufe so lange an die verschlossene Haustür, bis die Bewohner erwachten und das Tor öffneten. Sie erstaunten, als sie das ledige Pferd erblickten, konnten aber sogleich mutmaßen, daß seinem Herrn ein Unglück zugestoßen sein müsse, und ließen sich von dem Pferde an den Ort des Unfalles führen. Dort fand man den Verunglückten noch liegen unb nahm sich sogleich feiner an. * Man wirb sich noch ber redjnenben Pferbe von Elberfelb erinnern, bie vor bem Kriege großes Aufsehen erregten und auch zu wissenschaftlichen Kontroversen Anlaß gaben. Ein solches gelehrtes Pferd wurde auch schon anno 1732 auf dem Jahrmarkts zu Saint-Germain gezeigt. Wenn man ihm eine Karte, die jemand aus dem Zuschauerkreise aus einem Spiel Karten gezogen hatte, vorhielt, so schlug es mit dem Huf so viel mal auf die Erde, als die Karte Augen hatte. Zeigte man ihm eine Uhr, so 'stampfte es zunächst bie Zahl ber Stunben. Die Viertelstunden drückte es, wie eine Repetieruhr, durch kleine Doppelschläge aus. Das Tier löste Rechenaufgaben richtig und gab das Ergebnis auf die gleiche Weise tunt). Zum Schluß sammelte der Vorführende verschiedene Geld-, stücke ein, mischte sie durcheinander und warf sie dem Pferde in einem Schnupftuch vor. Dieses nahm die Münzen einzeln ins Maul und brachte jedem das Geldstück, das er hergegeben hatte. .... Zahr< was. hatte gleich verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl' Niemi obschon । dort alle dieser ar Unb wei «einen S um ihn i « sich bi jenen Fa meister, i in Romsc Sonst ich - bis Tochter C gierig, w kleinen S Sürgermi >st unb si die reiche Touben- unb bei t geben, un Aber unterirbib gejehen h Altung; besuchte, < die beide« ^summen er als B Kanariern _ Warm ®'>t ni eini9e gut ihm ^,s°ll au toll|en. M Mathilde MZHrmg. Roman von Theodor Fontane. (Fortsetzung.» Frau Schmäbicke kriegte wirklich die Anzeige, denn alles kam genau jo wie Thilde vorausgesagt hatte, und am Johannistag konnte die Hochzeit in einem ganz kleinen Saal des Englischen Hauses gefeiert werden. Pastor hartleben, der getraut hatte, ließ sich bewegen, auch dem kleinen Festmahl beizuwohnen, und hielt eine gefühlvolle humoristische Rede die besser war als die Trauredr in der Kirche. Er saß der Braut gegenüber zwischen Hugos Mutter und Schwester, die von Owinsk herübergekommen waren mit noch zwei Kusinen, von denen »ede mal aus Hugo gerechnet hatte. Da sie beide aber halb polnisch^und sehr hübsch waren, so verschlug es ihnen nicht viel, und als die Feierlichkeit überwunden war, tranken sie Hugo zu, gaben ihm einen Muhmenkuß, der so laut klang, wie wenn man ein Baumblatt auf der hohlen Hand zerklappt, unb sagten unter liebenswürdiger Drohung gegen die Braut, alte Liebe roste nicht, was alles von Thilde mit großer Seelenruhe hingenommen wurde. Hugos Bergangenl)eit beunruhigte sie wenig. Viel konnte es nicht gewesen sein, unb noch weniger beunruhigte sie die Zukunft. Außerdem waren es fünfzehn Meilen von Owinsk bis Waldenstein! Beim Kaffee setzten sich die beiden Polinnen neben Pastor hartleben, der sich von dem katholischen Leben in Owinsk erzählen ließ und schmunzelnd zuhörte, als die katholische Geistlichkeit und zum Schluß auch der evangelische Geistliche durch die hechel beider hübscher Mädchen durch- mußte. Rybinski war auch dagewesen mit einer neuen Braut, von der er behauptete, diesmal sei es ernsthaft. . „Wirklich?" hatte Hugo zweifelnd gefragt. „Ja! Sie ist nämlich Tragödin." Die Schmädicke saß neben der alten Möhring und sprach viel von dem Hochzeitsgeschenk, das sie zum Polterabend (der aber ausfiel) geschenkt hatte. Es war eine rosafarbene Ampel an drei Ketten. Die Schmädicke war sehr geizig. „Ich habe es mir lange überlegt, was wohl das Beste wäre, da mutzte ich dran denken, wie duster es war, als Schmädicke kam. Ich kann wohl sagen, es war ein furchtbarer. Augenblick und hatte so was, wie wenn ein Verbrecher schleicht. Und Schmädicke war doch so unbescholten, wie nur einer fein kann. Und seitdem, wenn ne Hochzeit ist, schenk^ ich so " Zu viel Licht ist auch nicht gut, aber so gedämpft, da geht es." Die alte Möhring nickte mit dem Kopf, schwieg aber, denn sie Noch am selben Abend reiste das junge Paar ab, und zwar „ , nach Waldenstein. Weil sie aber vorhatten, die erste Nacht in KUstrin unb die zweite Nacht in Bromberg zuzubringen, so nannten sie diese Fahrt doch ihre Hochzeitsreise, ja, Hugo tat sich etwas darauf zugute. „Ich finde es nicht in der Ordnung, daß es immer Dresden und die Brühlfche Terrasse sein muß oder gar der Zwinger. In Küstrin wollen wir uns am andern Morgen das Gefängnis des Kronprinzen Friedrich ansehen und die Stelle, wo Katie hingerichtet wurde. Das scheint mir passender als der Zwinger." Thilde war mit allem einverstanden gewesen. Kllstrin war Etappe nach Waldenstein, und daß Waldenstein baldmöglichst erreicht wurde, nur darauf kam es ihr an. Am 26. mittags waren sie da. Sie bezogen die Wohnung, die schon der frühere Bürgermeister innegehabt und die Hugos Mutter und Schwester von Owinsk aus eingerichtet hatten, teils mit einigen alten Sachen aus dem Owinsker Elternhaus, teils mit neu angeschafften Möbeln und Stoffen, die sämtlich in Waldenstein gekauft waren. „Es wird wohl teurer sein unb nicht viel taugen", hatte Thilde gesagt, „aber es bringt sich wieder ein. Wir müssen uns beliebt machen. Waldenstein ist jetzt die Karte, darauf wir setzen müssen." Am 1. Juli wurde Hugo eingeführt und eroberte sich gleich die Herzen durch eine Ansprache, die er hielt. Er sei ein halber Landsmann und habe von Jugend auf an der Ueberzeugung festgehalten, daß die wahre Kraft des Landes in den östlichen Provinzen liege. Von daher habe die Monarchie ihren Namen, aus Königsberg stamme das preußische Königtum, und wenn Waldenstein auch nicht bestimmt fei, derart in die Geschichte des Landes einzugreifen, so sei auch das Kleinste groß genug, durch Pflichterfüllung und durch Festhalten an den alten preußischen Tugenden vorbildlich zu wirken und dem Land eine Ehre und Sr. Majestät dem König eine Freude zu sein. An dieser Stelle wurde Beifall laut, denn Woldenstein wählte konservativ. Aber Hugo, der gut sah, hatte doch das spöttische Lächeln bemerkt, mit dem eine kleine Gruppe seiner Zuhörer diese patriotische Wendung begleitete, weshalb er hinzufllgte: „Sr. Majestät dem König, der ein hort der Verfassung ist, zu der wir alle stehen mit Leib und Leben." Der Schluß dieser Rede hatte so gut gewirkt, daß die Firma Schulze ein Ständchen für den neuen Bürgermeister veranlaßte, das ihm auch am selben Abend noch gebracht wurde. Die Konservativen schlossen sich aus, aber nicht aus Demonstration gegen Hugo, sondern aus Demonstration gegen die fortschrittliche Firma. Die nächsten Tage waren etwas unruhig. Hugo hatte Besuche in der Stadt unb auch in der Umgegend zu machen, namentlich beim Landrat, der in Berlin persona gratissima war, unb mit dem er gleich entschlossen war, sich gut zu stellen. Dies war nicht ganz leicht, da das Ständchen höheren Orts doch Anstoß erregt hatte. Thilde aber .meinte: „Das tut nichts, Rom ist auch nicht an einem Tage erbaut worden. Gut Ding will Weile." Sie richtete zunächst ihr Augenmerk auf die Einrichtung des Hauses unb vervollständigte sie durch allerhand kleine Einkäufe. Am dritten Tage nach ihrer Ankunft trafen auch noch verschiedene Sachen aus Berlin ein, darunter die Ampel. Hugo war nicht abgeneigt, ihr den Ehrenplatz zu geben, der der Schmädicke vorgeschwebt hatte, Thilde aber erklärte > sieht sie keiner", unb hängte sie in den Hausflur, wo sie freilich Hellen Sommertagen zunächst noch zu keiner Wirkung kommen tonnte*1 Das Beste der Wohnung war der hübsche, ziemlich große ©arten h, nach Passierung eines schmalen Hofes mit einem Truthahn unb t Hühnern — alles vom vorigen Bürgermeister übernommen — un£ bar hinter dem Haus lag. Durch die Mitte zogen sich Buchsbaumrab«^ halbwegs war eine Sonnenuhr, unb in den Beeten, die rechts unb fri angelegt waren, blühten Balsaminen und Rittersporn, überragt von gen Sonnenblumen, für die der Vorbesitzer eine Vorliebe gehabt M mußte, hier war Thilde besonders tätig. Sie trug dann einen gJ» weißen Gartenhut eigener Erfindung und legte, wenn Hugo vom £ Haus kam, ihren Arm in den feinen, um sich, während sie mit ihn,, und ab schritt, von den Sitzungen erzählen zu lassen. sich über die Ampel geärgert. „Ich bin mitunter in Verlegenheit", sagte er. „Sie haben ein trauen zu meiner Rechtskunde, und ich soll immer gleich auswendig am Schnürchen wissen, was in jedem Fall zu tun und was rechtens Natürlich jage ich immer, es läge sehr schwer, es sei ein kompliz» Fall, der je nachdem höchst wahrscheinlich so.ober so entschieden w-,>, müsse. Dabei schlägt mir aber doch das Herz, denn alles, was ich bn i» kann auch Unsinn sein." „Du fängst es nicht richtig an, Hugo. Was heißt Rechtsfragen! M fragen, das ist für Winkelkonsulenten. Unb wenn es was ordentlich^ dann mußt du sagen, da wollen wir Justizrat Noack fragen: ich HM, für einen scharfen Kopf..." „Ja, Thilde." „... für einen scharfen Kopf. Und wenn du das sagst, so M das keiner zum Schlimmen aus, und den Justizrak hast du schon sich«, i deiner Seite. Der sagt bann: ,Jhr Herren, da habt ihr endlich malch! richtigen Bürgermeister, einen klugen, verständigen Mann. In der $6 wollen sie alles selber wissen. Das ist Pfuscherei, das ist, wie wem) j Apotheker die Kranken kurieren wollten. Dazu gehört noch mehr. 6 Bürgermeister ist ein Verwaltungsbeamter, ein kleiner Regent, kein M' sprecher, und bas kann ich euch sagen, ber versteht zu regieren, ftj. ein Abministrationstalent, er hält auf Ordnung, und er hat Ideen/' „Ja, Thilde." „Und er hat Ideen, sage ich." „Ja, das sagst du, oder läßt es deinen Justizrat sagen. Aber wer j Ideen? Ideen, das ist nicht so leicht." „Ganz leicht" „Ach, Thilde, das ist ja Torheit. Ideen..." E „Ideen hat jeder, der sie haben will. Du bist bloß zu ängstlich,), hast kein Vertrauen zu dir, du denkst immer, die andern sind rounbetnii klug und verstehen alles besser. Wenn man Bürgermeister ist, bann rajs man so was aufgeben." „Ja, das sagst du wohl, aber ich muß doch mit etwas kommen...' „Natürlich." „Ich muß doch mit was kommen unb Vorschläge machen. Und» soll ich vorschlagen?" „Alles." „Ach, Thilbe, das ist doch Torheit. Du sagst .alles', unb ich u gar nichts." „Weil du die Augen nicht aufmachst und die Ohren erst rech! iti | Du bist immer wie halb im Traum, Hugo." Er lächelte duldsam. I „Sieh, das ist hier ber Weg zwischen der Stadt und dem zchi Torfmoor. Allkitten hat mir gesagt, im Herbst, wenn es regnet, [eij | nicht durchzukommen. Und wer seinen Torf bis dahin nicht eingesch' hxat, der mag sehen, wo er bleibt." „habe ich auch gehört." | „Ja, aber du denkst dir eben nichts dabei. Du mußt morgen den» verordneten Vorschlägen, daß ein Steindamm angelegt wird — es ijl) I nur eine halbe Meile — ober eine Klinkerchaussee ober doch ein Knüppeldamm, daß die Wagen im Modder nicht ftetfenbleibeit.il dann laß ein Chausseehaus bauen, es ist ja alles noch auf stödiißj Grund und Boden, unb der Landrat hat nichts mit dreinzureden. IW den einen Groschen Chausfeegeld haben die Leute dann einen ÄO unb können noch stolz fein, daß sie so was aus eigenen Kräfte« i« i eigenen Mitteln gebaut haben." „Seh ich ein. Ist ein guter Vorschlag." -i u L „Und dann mußt du wegen ber Garnison anbohren. Allkiile» W, mir, daß schon lange davon die Rede war, daß aber dein VokgängerH wollte, vielleicht weil er sich wegen seiner Frau fürchtete. Sie soll MR etwas reichlich forsch gewesen sein." „Ja, das ist richtig." „Nun, da siehst du's. Und die Knauserei mit dem StallgebaiM^ ist ja der reine Unsinn. Allkitten hat mir erzählt, die StabtocwW hätten nicht gewollt. Ja, warum nicht? Weil der Anstoß fehlte. Ä. j mir liegt es nicht, und wenn der schönste Rittmeister kommt, du doch deine Thilde." Hugo versicherte, daß er sich ganz überzeugt halte. J j, „Von einem ganzen Regiment kann natürlich nicht die Red« , Dazu ist Woldenstein zu sehr Nest. Für einen adligen Obersten ! eigentlich gar keine Wohnung hier, höchstens in unserer ersten Ltog „Thilbe..." . .r -- „Aber zwei Eskadronen, das geht. Und nun berechne dir m das wirkt. Von Brot will ich nicht reden, das barten sie felbcr.A hundert Pferde und dreihundert Menschen, und ein Kasino mum« ! . auch haben. Unb bann die jungen Frauen unb Ball und ~L . ganze Bäckerei unb Schlächterei kommt auf einen an^rn Woldenstein hört auf, ein Nest zu fein, unb wird eine Stadt, un ^ ziehen sie hier mal eine Division zusammen unb Echen Manöver, unb wenn ber General bei uns wohnt, so hast du o q erben weg, bu weißt nicht wie."________________ (Fortsetzung^ sche Äniversitäts-DuL- und Steindruckerei. R.Lange^^ I