SietzenerZaimIienblätter Unlerhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang <950 ~ Freitag, den 28. März Nummer 25 Erster Frühling. Von Johann Georg Fischer. Springt der Bube das Dorf hinaus: „Vater, es ist schon Frühling drauß, Zum Schmetterlingsfang die beste Zeit." Ist zwar kein Frühling noch weit und breit. Fing kaum der Staub des Märzen an; Doch die Jugend will ihren Willen Han. — Wie, wenn ich nach dem Jungen ging, Zu schauen, was er im Garne fing? Freute mich ja so ein Falter selber, So ein roter oder zitronengelber! Richtig! da flattert's schon; — doch wie! — Sah ich doch all mein Leben nie Einen so artlichen Schmetterling: Ein milchjung, gefchlacht und huschig Ding, So scheu halb und so flüchtig noch. So dreist halb und fürwitzig doch, Minder im Fluge, mehr im Lauf, Ein herziger Kindskopf obenauf, Schwarzaugen, so funkelnd und feuernd schon, Zöpfe, so lang als die ganze Person, Eine rote Masche als Halsgeschmeid, Statt der Flügel ein fliegend Kleid, Und ein lustiges Kreuzband zum Beschluß Kurzweilig zeichnet den muntern Fuß. Ein Extra-Märzenvogel der! Mein luftiger Aergster hinterher. Das Schmetterlingsgarn verächtlich weggeschmissen. Ja nun, nun freilich muß Frühling sein, Er blüht mir ja selber zum Haus herein; — Was doch die Jungen alles besser wissen! Wilhelm Holzamer. Zu seinem 60. Geburtstage. Von Karl Hetterich. Der Dichter Wilhelm H o l z a m e r entstammt hessischem Land. Seine Geburtsstätte liegt in Rheinhessen nicht weit von Mainz: in Rieder-Olm. Dort erblickte er 'am 28. März 1870 das Licht der Welt und dort verlebte er seine Kindheit. Dann besuchte er in Mainz die Realschule und bezog das Lehrerseminar in Bensheim. Die Realschule in Heppenheim a. d. B. wurde sein erstes Wirkungsseld. Er unterrichtete an ihr, bis der Großherzog von Hessen aus den jungen Dichter aufmerksam wurde. Im Jahre 1902 wurde Holzamer durch seinen treubesorgten Landesfürsten der Last des verhaßten Berufs enthoben und als Verwalter der Großherzoglichen Kabinettsbibliothek nach Darmstadt berufen. Dabei war der Dichter noch kaum mit größeren Werken hervorgetreten. Zwei kleine Gedichtsammlungen nur und zwei Bändchen Erzählungen, dazu noch die Festspiele für die Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie (1901) waren die ersten dichterischen Erzeugnisse Holzamers gewesen. Jetzt aber beginnt seine Hauptjchaffensperiode. Sein eigentliches Ge- diet ist die Erzählung. Die beiden ersten Sammlungen „Auf staubig e n S t r a ß e n" und „Im Dorf und Draußen" hatten schon die Hauptmerkmale von Holzamers Art gezeigt. Diese ist bestimmt auch durch den Zug der Zeit. Die geruhsame Kunst der Jahrhundertwende tritt auch bei Holzamer hervor. Er liebt noch nicht die starke Bewegung und auch nicht die Tendenz. Gewiß zeigt ihn die Gedichtsammlung „Z u m ^'cht (1897) unter dem Einsluß Nietzsches. Hier blickt in manchen Ge- wchten eine stolze und selbstbewußte Haltung durch, ein Prophetentum öe» Dichters. Aber das verliert sich bald, denn es war nicht ganz holzamers ureigenstem Wesen entwachsen. Und auch eine Vorliebe für die jNUne, in sich ruhende Form hatte stch teilweise in den Gedichten ausgesprochen, eine Neigung zur Verklärung und Erhöhung der Dinge. Die (nr ma?e ^er herrschenden Kunstrichtung gehen auch späterhin nicht ver- ren bei Holzamer. Daneben aber kommt ein neuer Zug bereits in den „Staubigen Straßen" zum Durchbruch: die Rückkehr zum Primitiven. Fortan gilt, wenn auch mit Unterbrechungen, die Liebe des Dichters dem einfachen Menschen aus dem ländlichen Volk. Seiner Heimat wendet er sich zu und entnimmt ihr die Stoffe für seine Dichtung. Er gibt nicht komplizierte Gestalten der Großstadt, sondern versenkt sich in die Seelen ganz abseitiger, stiller Menschenj deren Leben äußerlich wie innerlich in einfachen Bahnen verläuft. Für das Kleine und Unscheinbare schärft sich sein Blick. Er beobachtet fein und genau. Die erhabene Gesinnung und der Groll über eine nichtswürdige Welt sind gebrochen. Resignierend wendet sich der Dichter jetzt an die, die auch von der Welt der Falschheit, und Verstellung sich abkehren. Im „Peter N o ck l e r", dem ersten und'' zu Lebzeiten des Dichters bedeutendsten Roman, wird das Schicksal eines einfachen Schneiders geschildert. Er steht abseits vom Leben und geht seinen Weg ohne Rücksicht aus die andern. Er ist einer von den Stillen, Entsagenden, aber keiner, der sich ganz unterkriegen läßt von den Mäch- . ten, die sich ihm entgegensetzen. In seinem rheinhessischen Heimatdorf hat er seine Lehrzeit abgedient und geht jetzt in die Stadt, um Neues zu lernen. Hier findet er ein Mädel, das ihm, dem etwas einfältigen und in der Liebe noch unerfahrenen Gesellen, überlegen ist. Sie hat ihn sofort in ihrer Gewalt, treu und bieder folgt er ihr. Aber da die Elise mit ihrem Peter auf die Dauer doch nicht zufrieden sein kann, läßt sie sich beim Tanz von einem mannhafteren Mann fortreißen und gibt sich ihm hin. Der Peter zieht betrübt nach Hause und findet sich in sein Schicksal. Er will jetzt nichts mehr wissen von der Welt, bekommt wieder Sehnsucht nach seiner Heimat. Die Elise aber, das Kind unterm Herzen, wird von ihrem neuen Geliebten verstoßen und wendet sich in ihrer Verzweiflung reuevoll und demütig an den Peter. Der Hämmert sich jedoch nicht an Sitte und Brauch, er läßt nicht seine Vernunft entscheiden, sondern sein Gefühl. Für ihn heißt es nicht mehr: „Darüber kann kein Mann hinweg", wie bei Hebbel noch, sondern hier sind alle starren Gesetze gefasten, nur das Herz entscheidet, der natürliche Trieb. Liebe und Mitleid werden im Peter wach. Er heiratet die Clise und zieht mit ihr nach seinem Heimatdorf, um sich im Stillen eine Existenz zu gründen. Aber für beide bleibt doch ein Rest, an dem sie ihr Leben lang zu tragen haben. Der Schmerz um ihr Schicksal wird nie ausgetilgt. Der Peter ist stets gütig und nachsichtig gegen die Elise. Es kommt nie zu Vorwürfen. Aber die Elise verzehrt sich mehr und mehr in ihrem Leid. Denn sie ist jetzt ganz anders als in ihrer Jugend, demütig und still. Die beiden führen ein/bescheidenes Leben, ungetrübt von Widerwärtigkeiten. Aber die Elise kann nicht mehr froh werden. Und so stirbt sie in Kummer und Sorge um den Peter und ihre Schuld an ihm. Der Peter aber läßt den Mut nicht sinken. Er hat auch gelitten, aber er versteht es, sich nicht erdrücken zu lassen. Die Gestalten Holzamers bekommen fast alle die Allgewalt des Schicksals zu spüren. Dieses steht deutlich spürbar hinter allem Geschehen. Und durch alle Werke des Dichters geht ftärtgr oder schwächer ein Zug von Schwermut hindurch. Auch „Der arme Lukas" bringt solch eine Gestalt, die im Leben nicht durchkommt und sich dann bescheiden in die Einsamkeit zurückzieht. Der Lukas ist auch ein „besiegter Sieger" wie der Peter Nockler. Diese Menschen haben nicht die Kraft, sich gegen feind-, liche Gewalten aufzubäumen. In Entsagung enden meist Holzamers Erzählungen. Erst allmählich weilet sich des Dichters Blick, und nach und nach hellt sich auch der dustere Himmel etwas auf. Eine neue Welt erschließt sich ihm. In Darmstadt hielt «s ihn nicht lange: Er sucht Freiheit von allen Fesseln und geht nach Paris. Aber in seiner Dichtung vollzieht sich der Wandel nicht so rasch. Die nun folgenden Frauenromane „Sie 6 t u r m f r a u", „I n g e" und „Elli da Solstratten" sind nicht ausgereift. Er hatte die neuen Stosse noch nicht genug in sich verarbeitet, um ihnen volle dichterische Gestalt verleihen zu können. Aber für feine heimatlichen Geschichten hat er manches gelernt. Er ist dem Leben jetzt näher getreten. Und so kann er auch in „V o r Jahr und Tag" noch andere Gestalten lebenswahr schildern als nur jene still-entsagenden, schmerzdurchpulsten Einsamkeitsmenschen. Dieser Roman, heute vielleicht das beste Werk des Dichters, gibt uns klargeschaute Bilder aus dem ländlichen Leben. Nicht der alltägliche Mensch wird geschildert, Holzamer hat eine Vorliebe für die Absonderlichen. Ihr Seelenleben zieht ihn an. Nicht äußeres Geschehen schildert er uns in seinen Werken. Feinfühlig spürt er den inneren Regungen feiner Gestalten nach. Hier in der psychologischen Ausdeutung liegt die Stärke des Dichters. Aber wesentlich ist, daß er sich nicht besondere seelische Verwicklungen als Stoff wählt, sondern die einfachsten Seelenvorgänge. Ganz besonders liebt er es, Schmerz und Sehnsucht auszumalen. So auch in „Vor Jahr und Tag". Daneben aber sind in diesem Roman aud) Vorgänge anderer Art, wie etwa Streit und Krieg geschildert. Und selbstbewußte, ja trotzige Menschen kommen vor. Die Zeit der tiefsten Depression des Dichters ist jetzt vorbei. Einen Schritt weiter geht er noch mit (einem letzten Roman, dem „Entgleisten". In „Vor Jahr und Tag" waren nur Stimmungsbilder gege- Schnöck nie vergessen. mittag. ... . , . Die Sonne steht bereits schräg über den Weiden, als «Knock in einem Leibe ein leeres Ziehen verspürt, das ihn daran erinnert, sich sein Abendessen zu erjagen. Einstweilen ist dieses Gesühl noch gut erträglich, aber man hat ja Erfahrung in solchen Dingen, es fann aud) verflucht unangenehm werden. Im Winter zum Beispiel, wenn sich die besten M che verschlammt und verlandet haben. Heut aber ist keine Gefahr. Schnock braucht nur nach oben zu stützen, um einen gut dreipfündigen Aitel zu fassen Er braucht bloh zu schöpsen. Wolken von Fischen spielen um ihn, Aitel. Plötze, Büschlinge und Rotsedern; am sacht verrinnenden Gumpen- ouslauf blitzen äsende Nasen, die den Algenbezug des Bodens und die darauf lebende Kleintierwelt abschaben. Aber es sind auch Barben da, Brachsen und sogar ein paar fette Karpfen. Schnöck imponiert das alles nicht. Mag er nimmer. Hat er schon gehabt. Im Frühiahr wenn der erste gewaltige Hunger gestillt ist, wenn er etwas Fett angesetzt hat und das alte Gewicht wieder da ist, bekommt er oft so sonderbare Gelüste. Er möchte dann immer etwas Gutes haben. Etwas Feines, Weiches, das wie Sonne im Leib tut. Er möchte etwas Warmes haben. Er weih schon was. Langsam läht er sich emportreiben; schräge mit halb geöffnetem zah- nlqem Rachen, der wie ein flacher, bis unter die Augen gespaltener, riesiger Entenschnabel ist. So — als ein Bild des leibhastigen, reißenden Schnöck durchschwimmt sein Reich. Lauert, stoßbereit wie eini Torpedo -- und schwimmt wieder weiter. Das, was er inochie, findet er hier nicht Es gibt gerade nichts Warmes am Rande der Gumpe. Nichts, was Haare ober Federn hat. Selten nur verlätzt Schnock fein Reich. Heute, weil er so besondere Gelüste hat, tut er es. Stundenlang, Angst und Schrecken verbreitend, schwimmt er slußauf- wärts. Eine unvorsichtige Wasserralle bildet die Grundlage für das Kommende Unterhalb Asbach biegt er in den Mühlkanal ein, zieht ruhig, Lstätifch in das Mche Ufer, durch dessen dichte Verkrautung zu schwimmen ihm im Sommer unmöglich ist. Erinerung zieht ihn vorwärts. Frehlust, gepaart mit List. Ja — da ist der Mühlschuh wieder, woes die guten Ratten gibt. Die zarten, warmen, welchen. Hier wird er lauern. Neben dem Mühlschutz befindet sich ein kleines, sandiges DeUa- Allerlei Abfälle stranden dort, und deshalb stellt es einen behebt en ^lsstulwort der Wasserratten dar. So eine Art Tischlein-deck-blch. Schnock wartet dai- auf, daß es sich für ihn decken fall. Besser. Denn eine sitzt schon da und schmaust, während die zweite vorsichtig aus einem Ablaufrol)r heraiw- windet. Endlich steht sie frei. Und nun erst, wo alles sicher scheint, beeilt sie sich neben die Kollegin zu kommen, um ihr zu helfen. Da geschieht es plötzlich, daß ein dunkles Etwas, wie ein Baumstamm, gifcktend über das Delta fegt. Eine breite Schwanzflosse ragt fekunden- tong noch aus dem Wasser, und jetzt ist alles wieder spurlos ni dcr Michlgumpe versunken. Die beiden Ratten aber sind weg. Mit Schnoc.. Zwei Ratten, was sind zwei Ratten? Man hat jetzt zwar eine angenehm? Wärme im Bauch. Dazu ein äußerst gemütliches Gekraddel. Es ist sehr nett, aber es sollte halt mehr sein. Schnöck wartet wieder. Perlend rinnt die Strömung um seine flanken Gelassen, kaum die Flossen regend hält er gegen das treibende Wasser an. Aber es rührt sich nichts. Auf dem Delta bleibt es ruhig. Keine Ratte will sich mehr zeigen. Fad. Aber was ist denn das? Hinter seinem Rücken, wo die Kumpe flach in eine Pferdeschwemme mündet, hört er aus einmal lautes Platschen, Schnattern und Kreischen. Er sährt herum. Da stehen viele Helle Flecken über dem Wasstr, Böge!, die laut mit den Flügeln schlagen, fd)one, weiße, herrlich anzuschauende Gänse. Und am Ufer steht auch em Men,chen- iunges^ ein Heines Zweibein, nur mit einer Weidengerte in den Händen, aber ünmerhin doch - ein Mensch. Er sieht sehr harmlos aus. Ist s nicht freundlich von ihm, daß er die großen Vogel ins,Wasser treibt Dock ia. Schnöck nimmt es dankend an. Hahrt naher. Und der angst, gelähmte Bube muh zusehen, wie jählings ein entsetzlich langes Ungc- beuer pfeilschnell durch das Wasser schießt: er sieht einen gewaltigen Rachen ausklappen, sieht ihn eine gellend krelschende Gans erschsen und dann das Ganze, dunkel und lautlos, wie «s kam, wieder in der Ke,e ! verschwinden. Die Gänse schreiend an Land geflattert. Der kleine Muller- I iackl steht noch eine ganze Weile wie von Gott und allen guten ®eiitern I verlassen da ehe er einigermaßen begreift. Endlich aber dämmeris boj I in dem kleinen Hirn, die Füße zucken, fangen an zu laufen, 3U rennen er itiint heult rafft sich wieder auf, plärrt ganz entsetzlich und schreist jetztendl'ichÄnn?rs in Worte fassen: „Onkel! Onkels A Krokadil!!" Wie sie dann kommen, nachdem sie vom Buben alles erfragt haben, mit Sensen und Schausein, der Müller mit feinem alten Schießgewehr I ist der Hecht natürlich nimmer da. „In d Gumpen >s er neu sthreit I Bub Und der Müller, der das Kommando übernommen hat brüllt zur Mühle hinauf daß sie doch endlich in Dreiteufelsnamen das Wasser SWB MS MS ä«-“ Ufer. Und no amal, haut's zu, wenn der Kerl kommt! Allez — marsch. Schnöck ist mit seinem Raub in die Tiefe gefahren. Leichter risse man ein junges Schwein. Die blöde Gans will ewig leben, mckdw Flügel rutschen ihm immer wieder zum Maul heraus. Hat er glücklich «'N drinnen, so flutscht der andere wieder davon. Es ist ein bissel unbequem Aber gar nicht langweilig. Plötzlich spürt der alte Wasserwolf, wie sich die Wirbel. immeiHeg um ibn drehen. Oh, man hat so seine Ersahrungen! Man istI« nicht ca erstemal hier gewesenI — Vorsichtig, mit den verebbenden Wassern A ich am Rabber Gurnpe hinausschleichen Aber da fteh en. MeA Und mitten im Wasser noch einer. Und drüben wieder einer! Rur lange überlegt, Schnöck! Mitte gefaßt, ein Hieb mit dem gewaltigen Rudc und — durch! , I Herrgottsakra!" brüllt der Schorsch und haut zu. „Da ktmmt -n fthreit das Büberl viel zu spät. Und die Kanone donnert, und auch d- J laoerl haut hinterher noch brav ins Wasser f)lineini. aber fo war und so wohlgemeint — es hat alles nichts genutzt Grimnug m t sich der Schorsch, die verbogene Schilssense aus dem, Grund zu Z h . Der Müller slucht, daß es eine Art hat und beteuert immer wnd , » er aenau gesehen hätte, daß dem Schnöck die Gans noch aus dem herausgeschaut habe. „Sakrawolltnoamal! Vorhalten hätt '-ch ba . ^ bei der Geschwindigkeit, net mitten drauf, dann halt ich ihn ger^ ein Ein Fisch! Herrschaft, so ein Fisch! Und et: l« • ist geflohen. Hat sich ins Kraut gedruckt, Ins Schilf, unter die Weiden- I > Q[au&en j)ic Nase laust ihm vor Erregung, und die ögnös lülg wurzeln, irgendwohin, wo nur ein halbwegs brauchbares Versteck zuflfm- ^Qcj>( e , den war. Ja, selbst so große Fische, wie der trage^ vollgeschlagene Hecht, Krokodil ist, das ihn gerne fressen möchte. Er wird das Erlebn, der Achtpfünder, der vorhin noch unter der uberhangenden Wecke stand, I M ' haben sich gedrückt. Schnöck könnte ihn am Ende für einen Jungfisch Oer heroische Strom. Von Josef Friedrich P e r do n i g. Irgendwo in einem der Orte den Rhein hinunter, mit Wein erkauft, wie ja hier fast aller Wohlstand von der Traube kam, hängt wahrscheinlich jenes Bild von Böttcher, auf dem eine sommerliche Mondnacht am Rhein, wie sie vielleicht ab und zu durchschwärmt wird, selige Urständ feiert. Ein fahles Licht glänzt über dem Strom- es hat Firste und Giebel der Stadt Bacharach deutlicher werden lassen, als wären sie mit einer Schere aus einem dunkleren Hintergrund geschnitten worden; es wetteifert mit den Kerzen und Windlichtern, von denen die Gesichter einer zu Lust und Melancholie aufgelösten Gesellschaft milde angeglüht sind. Es ist einer jenen warmen Abende am Flusse, über dem ein wetter- leuchtender Himmel steht, den ein Gemenge von hundert Düften und Tönen erfüllt, keiner einzeln bestimmbar, und alle zusammen doch der Nacht ureigen, Rauschen der Rebenhügel, zarter Laut des Windes über dem dunstenden Gewässer, gespenstischer Widerhall des Lachens, das je gegen Ufer und Gemäuer scholl. Es ist eine der Nächte, um derentwillen die Sehnsüchtigen aus dunklen Forsten, von nebligen Seenplatten und armseligen Sandkästen wenigstens einmal an diesen Strom kommen, um die Trauer über die Oed« ihrer Landschaft und ihres Daseins im Wein zu ersäufen, um die Spuren der holden Lügen zu juchen, von denen sie an den deutschesten aller deutschen Ströme gelockt wurden. Wie könnten sie da, weil sie doch kamen, um betört zu sein, sich gegen einen Brauch auflehnen, den die Gewohnheit eines langen Jahrhunderts erstarren ließ. Den Brauch: diesen Strom, sein Leben, seinen Sinn durch das gedämpfte Licht einer Sominernacht voll entwirklichtem Zauber, Wein und Gesang zu sehen. Cs wäre schön, ungefährlich und auch wahr, wenn diese Pilger, nachdem sie den Rausch des Kopfes und des Herzens ausgeschlafen hätten, auch nüchtern die Stätte betrachten wollten, auf der sie ein« Nacht lang von seliger Blindheit geschlagen waren. Aber nein, sie durchbrechen den Silberkolon, mit dem sie das Mondlicht umspann, nicht mehr, es ist ihnen unsäglich wohl in dem Gehäuse eines geheiligten Truges. Sie haben es zu ost gehört: das Märchen vom romantischen Rhein. Sie wollen ihn nicht anders haben. Gehen da nicht unzählig« Ansichtskarten von Hand zu Hand? Stehen nicht dicke Bücher darüber in den Bibliotheken, und die fröhlichen Lieder, zersprengen sie nicht beinahe noch dickere? Schnarrte nicht schon in jedem Weinberg der Filmapparat vor einer heiteren, einer wehmütigen Szene? Ach, rheinische Liebe, rheinischer Wein! Und so kam «s, daß in dieser sonst so veränderlichen Welt, deren Bestand eben der Wandel sein muß, auch kleine Dichter unsterblich wurden, wenn ihnen ein« gnädige Stunde das eingab, was, durch die goldene Farbe des Weines, durch den silbernen Dunst über dem Rheine betrachtet, immer gleich gegenwärtig bleibt. Und sie alle, die ihren verblassenden Fährten folgen, sehen noch immer mit den nun längst gebrochenen Augen einst Trunkener, sie reden mit den Wendungen aus Liedern, die jo glücklich erfunden waren, daß sie völlig vergessen werden mußten, um unerkannt in dem Wortschatz der Wanderer und Pokulierer am Rhein wieder auszuerstehen. Das Geheimnis der Wiedergeburt belehnt immer neuerlich das jeweils lebende Geschhecht mit uralten Lobpreisungen; es ist nur ein neuer Text zu einer unvergänglichen Melodie, den die Wandervögel fingen, wenn sie die Städte an den Ufern durchqueren, den die Gäste in den Schenken zitieren, den die Liebespaare stammeln. Der Irrtum, der sich vom Wein beträufeln läßt, ist ewig, eine hartnäckige . Treue nahm von ihm Besitz, und vielleicht ist er ja in dem Augenblick, da er in das mündet, was wir oberflächlich Stimmung nennen, kein Irrtum mehr. Für den- romantischen Menschen, die betäubte Stunde mag der Rhein wirklich romantisch sein, ein Gegenstand der himmelblauen, vielleicht gar nicht entbeßrlidjen Lüge. Aber einmal muß man aus dem Gewässer dock) auch die Wahrheit rausd)en hören. Es gibt Stunden, die nicht mit Wein getauft fein wollen, etwa jene, in der aus irgendeinem gewaltigen Anlässe die Glocken hin und hin am Strome zu läuten beginnen und von Kirchturm zu Kirchturm immer ein Glied der Kette des dröhnenden Lautes reicht. Wenn ein großes Gewitter über der Gegend steht oder die violetten Herbstwolken tagelang in einer bodenlos düsteren Schwemmt über die Berge niederhängen, was sind da nach die eilenden Dampfer, die fröstelnde, am Wein sich Wärme borgende Menschen tragen, die berühmten Wirtsstuben, die begnadeten Weinberge? Nur der Strom ist dann noä) da, ein Unleugbares, und fein Sinn wächst mit der Gewalt. Pfalzen und Burgen, Städte und Rebenhügel ragen ernst aus den fröhlichen, feuchten, rührseligen Liedern und trauern über den landläufigen Mißbrauch. Dann riecht man an dem Flusse nicht den jungen Wein und die Mandelblüte, sondern Schisss- teer und Schweiß, bann wird es auf einmal offenbar, daß droben auf den Burgen nicht nur Borbilder der hohen Minne gelebt wurden. Man muß aber nicht erst in die dicke Lust der Jahrhunderte hinein horchen und sich erinnern, daß jede Haupt- und Staatsaktion des römischen Reiches deutscher Nation am Rhein zumindest ihren Nebenschauplatz hatte, daß hier bas lebendigste Historienbuch von ganz Europa aufgeblättert ist, in dem unvergeßbare Daten dicht beieinanberjteßen. Unter dem Felsen der Lorelei sind Melae und Blücher plötzlich nur Schatten. Aus diesem Steinblock kämmt keine Jungfrau ihr goldenes Haar, Heine muß an einem Frühlingstage, an dem der Pollen feine Augen blind stäubte, ober im Herbste, da bie Luft übervoll war von den glücklichen Schreien der Winzer, hier vorübergefahren fein. Denn sonst müßte er die wilde Felsstirn gesehen Haden, bie ber Berg in ben Strom schiebt, unb etwas von den mrtjaUten Gebeten ber ängstlichen Schisser hätte ihn umschweben müssen. Hier würden sie auch heute noch nicht auf den betörendsten Gesang hören, hier ist ihnen am allernächsten bie gurgelnde Melodie des Wassers. Die Itllle, sanft gleitende Fahrt der Schlepper und Boote stromaufwärts ist nicht so sorglos, wie es bie Schiffe unter ben verschiedensten Flaggen dem Zuschauer am User vortäuschen möchten. Man muß nur bie Rheinlotfen ®o.n den Tücken des Strombettes erzählen hören, man muß einmal die «amt« der Schiffsleute betrachten, bie sie hier auf dem Rhein bekommen laben wollen. Sie singen währenb der Reise auf dem Strom ntemals fo "e,ter und unbefangen, als in ihren heimatlichen Häfen, sie sind nad) Ihrem eigenen Geständnis von einer furchtsamen Achtung gebannt. Wäh« renb die Schlepper, gewöhnlich mit Kohlen bis obenhin beladen, daß Boohsrand und Wasserspiegel beinahe in derselben Ebene liegen, unter riesigen Brücken durchgleiten, einmal eine Schiffsbrücke sprengen, einmal die Bahn eines Trajektes kreuzen, und immer wieder den flinken, elegant hinfegenden Dampfern begegnen, die flußabwärts fahren, trinken die Schiffer den Wein, wenn sie überhaupt einen Haben, um die Erkenntnis, wie sehr die Fahrt ihres Lebens jener zähen, eintönigen der schwarzen Kohlenschlepper gleicht, zu dämpsen. Und auch unter der Mandelblüte dampft unsichtbar der Sck)weiß. Hiev kam eine gnädige Erde an eine unsägliche fleißige Hand; hier verläßt sich ein rührendes Mühen nicht allein auf den freundlich gestimmten Himmel. Könnte jemals», wenn er je unter sengender Sonne bie gekrümmten Rücken der Weinbauern sah, auf denen bie abgeschwemmte Erde wieder in bie Höhe getragen wird, ohne Andacht eine Traube in Händen halten? Das Fruchtkriftall, das sich nicht nur zum Lobe des Schöpfers, sondern auch zu jenem des Menschen rundete? Es ist ein heroischer Kult, der sich mit raffinierten Methoden um jedes Bröfelchen Grbe bemüht. Sie dankt ihm aber auch mit paradiesischem Reichtum. Doch es ist nun schon einmal so, daß jene, bie vorübergehend dem Zwang eines Joches entrannen, nicht daran erinnert fein wollen, die Arbeit auch nicht sehen, wenn sie dasür eben ein Vergnügen eintauschen. Für sie benutzt der Wind bie vielen Telegraphendrähte als Harfe, während hier jede Eile aus sehr irdischen Gründen immer noch mehr beschleunigt wird. Wer, den Ursachen mit wacher Sorge nahe, bie Züge an beiden Usern rheinaufwärts unb abwärts poltern hört, wer nur eine Stunde lang die Kohlenschlepper zählt unb daneben auch ein Auge hat für die Masten, die ben Kraftstrom über ßanb führen, wer bas Wasser bes Stromes schon mübe weiß von vieler Fron, wenn es unter ber ersten Burg vorüberrollt, wo man ihn zum Strom der Liebesleute und Weintrinker umbeuten möchte, dem kann es nicht verborgen bleiben, wie atemlos Deutschlanb geworben ist. Für ihn ist es bann auch überflüssig, baß am Ausgang ber sogenannten romantischen Strecke, knapp vor Koblenz, über Rebenhängen, brei riesige Schornsteine in ben Himmel ragen, drei Schwurfinger, die nach so vieler toter Vergangenheit die lebendige Gegenwart bezeugen. Welchem technischen Zweck immer sie dienen mögen, sie stehen sinnbildlid) als drei senkrechte Gedankenstriche am Ende eines sentimentalen Siebes. Dem Glücke unb der Verschwendung sind bie Dichter stets wohlgesinnt gewesen; ihr Jubel aber ist durchsichtig. Ja: „Am Rhein, da wachsen unsere Reben". Doch keinem fiel es ein, zu ergänzen: „Am Rhein, ba wachsen auch unsere Erbäpfel". Nur wenige Stunden über dem Flusse, auf den kargen Feldern des Hunsrück und der Eifel, um bie stillen Dörfer des Taunus und bes Westerwaldes, von wo man aus Ruinen uralter Wachtürme in bie glückliche rheinische Tiefe fchauen kann, wo sich das Bauernjahr noch gegen finstere Mächte der Natur ausbäumt. Hier geht in dörflichen Häusern die Sage von einem Wein, den sie unten in ben Rheinstädten Liebfrauenmilch, Rüdesheimer, Daubenberger, Nutzbrunnen und weiß Gott noch wie heißen, von Mandelblüte, Honig und Milch. Ohne die ernsten, braunen Berge, ohne die stumm«, tapfere Armut auf ihren Höhen wäre der Strom feines tieferen Sinnes beraubt. Es ist feine Bestimmung: er mutz deutschen Schweiß zum Meere hinab führen, seit jenen Zeiten, da bie Anrainer noch schwer mit ihm kämpsten, weil es geschehe» konnte, daß sie linksrlieinisch schlafen gingen unb rechtsrheinisch aufwachten. Er macht es ber Wahrheit nicht leicht, der dunkel raufdjenbe Strom, beim nicht immer ist hellichter Tag, ber feine Erscheinungen zu zählen unb zu wägen zwingt, nicht immer bröht ber Eisstoß, donnert die Flut der Schneeschmelze, bes Herbstregens. Das unbelehrbare, törichte Herz, verdorben nun einmal ein Jahrhundert hindurch unb länger, lauert nur auf ben ersten unbewachten Augenblick. Wenn es keinen Widerspruck) mehr zu fürchten braucht, erlöst cs sogleich seine eingebilbete ober wahre Sehnsucht: Ach ja, Wein unb Liebe am RheinI Eisland. Roman einer Expedition. Von Hellmuth Unger. Copyright by Carl Schünemann, Bremen. tFortiepung.; . Heulend, winselnd, bellend, als ob sie genau begriffen, was ihnen ohne ben Schutz ber Menschen bevorstand, drängten sie ber Ketten lebig an den Ranb der Eisküste, als bie Mannschaft aufbrach. Einer erreichte schwimmend bie Barkasse, würbe aber zurückgestoßen. Zwei, drei stürzten ihm nad) in die eiskalte Flut und versanken. Lange noch gellte bas Geheul ber Hunde herüber, bis die Küste im Nebel verschwand. So günstig und ausfidjtsreid) die Fahrt durch den eisfreien Kennedy Kanal begonnen hatte, [o rasch unb unerwartet grausam war das Booi- abenteuer am selben Tage zu Enbe. Treibende, übermächtige Eisschollen bedrängten die Barkasse, zwengten sie wie mit Zangen ein und zerbrachen ihre Rippen. In jäher Fluckst mußte sie preisgegeben werden. Die Mannschaft vom Fort Eonger schleppte sich zu Fuß über bas Packeis weiter unb erreichte völlig erschöpft unb nicbergebrodjen nach einem Monat Eskimo Point, wo Greely ein neues Lager errichtete: Camp Clay. Weit von der Küste verschlagen befanb sich bi« Erpebiton setzt sogar außer Sicht des erwarteten Dampfers und als letzte Hoffnung blieb nur noch der Marsch nach Cap Sabine, wo man Nachrichten und Lebensrnittel vorzusinden hoffte. Sergeant Rice und der Eskimo Edvard als die Kräftigsten ber Mannschaft brachen mit Schlitten dorthin auf. Dies ist bie Geschichte der Mannschaft Greelys, ehe sie auf ber Flucht vor bei» Tobe Camp Clay erreichte. * Etwa eine Meile vom Lager entfernt türmt fid) ein mächtiger Hügel über der weißen Ebene. Durch 3u